Es war der Tag, an dem ich ein Versprechen einlösen wollte. Ich war zum ersten Mal auf dem Hauptfriedhof in Kassel, obwohl ich hier nun schon 13 Monate wohne.
Ich saß in der Linie Fünf Richtung 'Holländische Straße'. Kurz vorher hatte ich ein anstrengendes Gespräch beendet, während welchem ich einige Tränen vergossen hatte. Eigentlich wollte die Straßenbahn schon losfahren, aber ich lief einen Schritt schneller und der Fahrer war so freundlich mir die Tür noch einmal zu öffnen.
Ich renne nicht zum Bus oder zur Bahn, wenn ich sie schon stehen sehe. Ich finde es albern, dann doch vor verschlossener Tür oder der abfahrenden Bahn abgehetzt anzukommen...
Ich warf dem Fahrer ein 'Dankeschön' zu und setzte mich auf den nächsten Platz, der frei war. Ich sitze sonst nie, wenn ich allein unterwegs bin, weil ich mir denke, daß ich zwei gesunde Beine habe und daß es andere Leute gibt, die sich dringender setzen müssen.
Aber heute setzte ich mich, weil ich Angst hatte, einfach umzufallen.
Der Mann mir gegenüber war sehr ungepflegt. Er hatte ein schmutziges kariertes Hemd an und einen zerzausten Vollbart. "Warum sieht er wohl so aus? Was steckt hinter dem Aussehen? Es geht ihm bestimmt nicht gut... er hat ganz traurige Augen..." Das dachte ich mir, als ich ihn für zwei Sekunden anschaute. Friedrichsplatz.... Königsplatz..... Am Stern...... Holländischer Platz/Universität
Bei der letzte Haltestelle hatte ich als Schülerin immer voller Ehrfurcht auf die Studenten geschaut, die hier ein- und ausstiegen, heute hatte ich nur ein müdes Lächeln für sie übrig. Ein Jahr an der Uni... es kommt mir vor, als sei es ewig her..... Mombachstraße..... Hauptfriedhof
Hier musste ich aussteigen.
Der ungepflegte Mann mir gegenüber auch.
Der Stadtteil hier ist nicht gerade der vornehmste und ich hatte das Gefühl, als hätte ich für einen winzigen Moment einen kleinen Einblick in sein Leben gehabt, als er mich noch einmal kurz anblickte und dann über die Straße huschte.
Ich blickte mich um und wunderte mich, daß der Friedhof doch näher an der Haltestelle 'Mombachstraße' als an der Haltestelle 'Hauptfriedhof' zu sein schien.
Ich überquerte die Straße, wurde auf dem Bürgersteig fast von einem Fahrradfahrer überfahren und ging in Richtung der hohen, vom Straßendreck grauen Mauern.
Der Friedhof ist durch eine Straße in zwei Teile getrennt und ich dachte, daß ich von dort einen Eingang erreichen kann. Ich sah ein kleines Eisentor und wollte es öffnen. Aber es war abgeschlossen und ich konnte nur einen Blick ins Innere dieses stillen Ortes erhaschen.
Ich ging viele viele Meter an der Mauer entlang, bis ich auf einmal in einem Wohngebiet stand. Ich wechselte die Straßenseite und ein tiefergelegter Golf schoss um die Ecke. Ich sprang zur Seite und wurde daraufhin von ein paar Halbstarken angemacht, die an einer Telefonzelle standen und mich schon von Weitem beobachtet hatten.
Endlich sah ich den Eingang. Ich zog meinen Schal ins Gesicht und lief schneller.
Ich passierte das Eingangstor und stand im Innenhof der Friedhofsverwaltung. Mir kroch die Traurigkeit in meine Knochen und hatte schon bald meinen Brustkorb erreicht. Sie legte sich fest auf mein Gemüt und ließ mich aufseufzen.
Da lag dieser Ort vor mir... dieser Ort mit seinen akkuraten Wegen, den Bäumen, die wie Soldaten in einer Reihe stehen und schräg links der Übersichtstafel.
"Wie im Zoo." dachte ich mir und studierte sie.
Ich hatte zwei Semester lang Kartographie, aber heute war es mir nicht möglich, den Strichen und Flächen eine Bedeutung zuzumessen.
Was solls... Ich folgte einer Amsel, die zuerst geradeaus und dann nach links in einen kleineren Weg hüpfte.
Ich fühlte in meine Tasche, ob sie noch da war... Ja, da war sie und ich erinnerte mich noch einmal an mein Versprechen.
Ich wollte den besten Platz finden, den es auf diesem Friedhof gibt und ich lief über eine Stunde lang über die unzähligen Wege.
'Soldatenfriedhof' stand auf dem Schild und ein Pfeil. Ich entschloss mich, einfach mal in jene Richtung zu gehen, die mir der Pfeil wies.
Ich lief ein wenig im Zickzack und versuchte, die Wege möglichst zu meiden. Der Kies knirschte so laut unter meinen Stiefeln und ich wollte mich mal wieder möglichst ungesehen und ungehört bewegen. Ich überlegte, ob ich mir meinen Schal als Kopftuch umbinden sollte, damit meine Haare zwischen den dunkelgrünen Tannen nicht so leuchteten. Ich hielt an und wollte ihn abwickeln, aber plötzlich flatterte ein Vogel direkt neben mir aus dem Gebüsch und schimpfte lauthals, so daß ich mich dermaßen erschrak, daß ich mein Vorhaben mit dem Schal wieder vergaß.
Der Vogel war silbergrau und sah einer Taube ein wenig ähnlich, aber er war schlanker und der Laut, den er ausgestoßen hatte, war von dem einer Taube sehr weit entfernt.
Ich ging weiter und sah durch die Tannen viele kleine bunte Dinge schimmern und wollte sie mir anschauen. Ich hatte den Teil des Friedhofes mit den Kindergräbern erreicht und ein Schauer durchfuhr mich, wie auch jetzt wieder beim Schreiben dieser Zeilen.
Voller Ehrfurcht und nahezu lautlos schritt ich vorsichtig näher heran. Lisa hatte einen Teddybären als Grabstein, Dominik einen Hund und Marie ein kleines Herz. Auf sehr vielen Gräbern in diesem Bereich lagen Rasseln, Stoffbären und -hunde, Spieluhren und anderes Spielzeug. Ich berührte einen der kleinen Grabsteine und hatte in diesem Moment eine Ahnung, wieviel Schmerz an diesem Ort liegen muß. Es war furchtbar und ich konnte die Tränen nicht unterdrücken. Ich pflückte ein Schneeglöckchen, legte es auf dieses Grab und ging mit schnellen Schritten weg von den Kindergräbern.
Auf einmal hörte ich ein Gröhlen, lautes Reden, Lachen und ich drehte mich um. Dort kamen drei oder vier Jugendliche den Weg entlang und störten so heftig die Ruhe dieses Ortes, daß ich schnell weiterging. Sie kamen hinter mir her und ich bog ein paar Paar Mal ab, bis ich sie nicht mehr sah.
Plötzlich hörte ich wieder den Laut dieses Vogels, der mich schon einmal so erschrocken hatte. Ich schaute mich um und er saß auf einer Statue und blickte mich an. Ein Lächeln huschte über meine Lippen und ich setzte meinen Weg fort.
Der passende Ort für die Einlösung meines Versprechens war immer noch nicht gefunden und es wurde langsam dunkel.
Da erblickte ich einen Friedhof auf einem Friedhof. Es sah aus wie Bauschutt, was dort hinter einem alten Zaun vor sich hin verrottete, aber es waren unzählige alter Grabsteine, lieblos auf mehreren Haufen zusammengewürfelt. Ein paar waren zerbrochen und es tat mir im Herzen weh, das sehen zu müssen, erst recht, wo ich gerade erst vom Kinderfriedhof kam.
Ich machte auf dem Absatz kehrt und lief zügig in die entgegengesetzte Richtung, wobei ich mehr in die kahlen Bäume schaute, als auf den Weg. Und da war er wieder.... der silbergraue Vogel. Er war gerade in einem der großen Bäume der Allee gelandet und hüpfte auf seinem Ast hin und her. Unbewusst musste ich lachen und ich sagte zu ihm: "Zeig Du mir den schönsten Platz auf diesem Friedhof, Vogel. Ich habe hier noch etwas zu erledigen!"
Er krächzte ein paar Mal, ich bog in einen Weg ein und dieser verrückte Vogel flog tatsächlich in meine Richtung.
Dann entdeckte ich den perfekten Ort: Er war ein sehr großes, recht verwildertes altes Grab mit einem bestimmt drei Meter hohen Stein, der aussah wie ein Tor oder ein Eingang. Davor stand ein menschengroßer Engel, der seine Hände auf ein Schwert legte, das vor ihm, mit der Spitze im Boden, stand.
Ja, hier ist es richtig.
Ich holte sie raus, nahm mir viel Zeit und legte meine ganzen Gedanken und Wünsche in mein Tun.
Danach packte ich sie wieder ein, ließ etwas dort und ging zum Ausgang, in der Hoffnung, etwas Gutes getan zu haben.
Ich kenne die Person nicht einmal, für die ich das getan habe, aber ich hoffe sehr, daß es ihn denoch erreicht hat.
Vielleicht liest Du dies und ich möchte Dir sagen, daß die Kerze um 1:48 Uhr ausgegangen ist. Ein Stückchen ist noch übrig und das werden wir irgendwann einmal zusammen zu dem Engel bringen, der für Dich vielleicht ein Stück Erlösung bedeutet.....
Ich bitte selten um etwas.... aber ich bitte auch um Erlösung... wer auch immer mir diese geben kann....
~Julya~
geschrieben von: Haevion
Ein wunderschöner Text... Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen.
geschrieben von: TosendeSchmerze
Wow ... der Bilderreigen brennt sich in meinen Kopf ....
das ist wunderschön und die Gedanken die ich dazu fasse sind mir wirklich mehr wert ala tausend scherben ...
das ist wirr .. ich weiß ...
Danke dir !
geschrieben von: Clytie
Und wieder diese erstaunlichen Parallelen... Der Weg zum Friedhof (auch wenn ich ihn aus anderen Stäften kenne) und die Gedanken, die du dir machst... der Bauschutt, die Sache mit den Kindergräbern... und zutrauliche Wegweisertiere, die genau wissen, was sie tun...
Du kannst richtig gut schreiben, und es ist so schön zu lesen, dass auch andere Leute sich so verhalten... Dank dir - ich ruf dich die nächsten Tage an (will dir ja noch Bilder schicken ;))
Liebe Grüße
Clytie.
geschrieben von: Dunkelbunte
Sehr schöne und traurige Zeilen,...
Danke dafür, dass ich/wir es lesen lesen durften.
Liebe Grüße,
Dunkelbunte
geschrieben von: no_deliverance
Vielen Dank, liebe Julya, ein sehr schöner Text :)
geschrieben von: Julya
Ach Ihr Lieben, ich danke Euch!
Clytie, es ist schön, daß Du das geschrieben hast. Manchmal denke ich, daß ich mir über alles zuviele Gedanken mache, aber ich bin froh, daß ich nicht alleine damit bin.
Liebe Ilona, das Versprechen an Dich habe ich eingelöst, kurz bevor meine Erzählung begann. Es war das tränenvolle Gespräch, welches ich am Anfang kurz anschnitt.
Erst hatten wir ein anderes Thema, aber ich hatte die ganze Zeit Deine Stimme im Kopf, die mir sagte "Du musst das jetzt sagen! Jetzt!"
Und dann habe ich es getan...
Er hat nicht soviel dazu gesagt, aber ich kann ihn jederzeit anrufen, was ich aber natürlich nicht tun werde...
Ich bin müde, ich bin ängstlich und ich bin überfordert. Ich bin nicht die starke Person, die ich zu sein scheine.
Der Tag gestern auf dem Friedhof war sehr schön, aber auch anstrengend, weil ich irgendwie 'emotional schutzlos' dort hingegangen bin.....
geschrieben von: neptunia
... schön, ach ...
geschrieben von: TheFrail
Ich muss unbedingt noch loben! Habe deinen Text gestern gelesen und war erleichtert, dass hier einige Text doch noch lesenswert sind. Also: Bitte weitermachen.
geschrieben von: Latona
ein sehr schöner und auch melancholischer text
geschrieben von: Merlons-Licht
Ich musste weinen als ich diesen Text las, denn auch ich kenne diese Stelle zu gut:
@TheFrail: Ich danke Dir sehr... Das ist wirklich lieb!
Und natürlich auch an alle anderen einen lieben Dank fürs Lesen und für Eure Worte...
geschrieben von: wtalgoth
@ Julya
Ich muss schon wirklich sagen, dass dein Text mich zum nachdenken angeregt hat. Wirklich schön geschrieben und detailliert.
Danke für die Veröffentlichung!
nette Grüße
Daniel
geschrieben von: Scheol
wow, das ist echt überwältigend.
normalerweise schrecke ich vor größeren texten zurück, aber schon nach den ersten zeilen wollte ich das ende wissen.
dein schreibstil zwingt einem zum weiterlesen.
ein wunderschöner text...richtig zum verlieren...
bb
scheol
geschrieben von: Manley
ich mußte weinen, als ich deinen text gelesen habe. danke dafür...