[Momentaufnahmen] - German Gothic Board

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Seiten:1



Momentaufnahmen

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geschrieben von: Levander

Sehnsucht aus alten Tagen. Vertraute Stimmen, stille Nähe.


Angekommen.
Der erste Gedanke an jenem vernebelten Abend, an dem ich mich aufmache, um mir selbst Versprochenes zu erfüllen.
Zu einer vergessenen, verschlossenen Welt, vorbei am Leben.

Das eiserne Tor vor mir ist verschlossen, die Zivilisation mit nur wenigen Schritten verlassen. Ein Schloss, das den Eintritt verwehrt. Lediglich der kleine Einblick in ein ungewöhnliches Szenario. Und meine Füße tragen mich weiter durch die abseits gelegene Böschung.
Noch fasziniert von dem in kurzen Momenten geschaffenen Eindruck stehe ich nun dort: Der Wind in den Baumkronen ist nur hier hörbar, die Geräusche der Straße weit hinter mir gelassen. Eine Welt gebärt sich vor mir in derart faszinierender Größe, dass sie kaum mehr real erscheint. Schleierartig legt sich die Dämmerung über den feuchten, grasüberwucherten Boden. In weiter Ferne kaum noch erkennbar der Wald, dessen stechend klare Luft ich einatme. Verlassen. Meine Gedanken schweifen ab, und trotz der um sich greifenden Unsicherheit wage ich mich weiter hinaus. Das Gebiet erstreckt sich über weite Felder und ich komme dem Ungeheuer immer näher, bis ich schließlich davor stehe. Wahrlich ein Ungetüm, zerstört, verlassen, vergessen, verletzt. "Und doch so voller Seele", schiesst es mir durch den Kopf. Die Wände sind eingefallen, die Fenster zerbrochen, ein schemenhafter Durchblick durch das Innere wird mir gewährt und trotz aller Neugier wage ich mich ob der Einsturzgefahr nicht hineinzugehen. Es könnte mich unter sich begraben, so wie es selbst begraben wurde -
Mein Weg führt mich in diesem Schweigen um die Fabrik herum. Bedrohend und zugleich tröstend lehnt sie ihre Vorsprünge über mich selbst, und ich fühle mich kleiner als je zuvor. Der Wind wird stärker. Ich versuche, meine Jacke fester an mich zu ziehen, ob der Kälte oder meiner eigenen Befangenheit wegen weiss ich nicht.

Ein kleiner Anbau - vielleicht die Wohnung des Eigentümers. Die Durchgänge sind gebogen, stilistisch anmutiger, zärtlicher denn die viereckigen, vergitterten, zerbrochenen Fenster. Einen Moment bleibe ich stehen, um die Wirkung dieses Augenblickes in mir festzuhalten, bevor ich mich entschliesse, meinen Gang fortzusetzen.
Ein Vogelschrei hallt nach. Hinten, der Wald.
Schon bin ich kurz davor, zurückzugehen an jenen Ausgangspunkt, an welchem ich angekommen bin, doch etwas hält mich zurück. Es ist ein leises Glitzern, auf das ich zugehe, ein sanftes Wellenschlagen. Vor einem kleinen See stehe ich, der unter dem mich tragenden Abhang liegt. Mit meinen Augen verfolge ich die steinerne Treppe, die nach unten führt und sich im trübe spiegelnden Wasser verliert. Rings um das Ufer schauen abgestorbene Birken entgegen, ihre Stämme sind aufgequollen, angefault - es riecht nach Erde. Und im Rücken noch immer das Ungetüm von grotesker Faszination. Schon fast den Blick abgewandt, entdecke ich einen einzelnen Dachgiebel, der über der Wasseroberfläche herausragt. Vergessen, auch.. Erinnerungen, Geschichten, Gefühle. Wenn sie doch nur erzählen könnten.. Die vorher noch bestehende Unsicherheit wechselt in eine schwermütige Sehnsucht, die mich auf seltsame Art und Weise mit diesem Ort zu verbinden scheint. Ich knie mich nieder und höre zu..
..
Es ist dunkel geworden.
Ich gehe zurück. Die Äste der Böschung streifen mein Gesicht und mich umdrehend, lasse ich den Blick noch einmal auf dieser kleinen Welt ruhen.
Ich werde wiederkommen.

Auf den asphaltierten Wegen scheint es grell.

http://www.foto-welten.de/marode/2.jpg
Für die, die mich fragten, ob es diesen Ort tatsächlich gibt - gefunden auf www.foto-welten.de



geschrieben von: no_deliverance

Der Text ist wunderbar - sowohl der Inhalt als auch die Form.
Vielen Dank :)

Ich würde mich freuen, mehr von Dir zu lesen.



geschrieben von: WhiteNight

wunderschön geschrieben, total bildlich, lädt direkt zum träumen ein.... :) danke fürs teilen würd mich auch freun mehr von dir zu lesen ;)



geschrieben von: Levander

Danke für eure lieben Worte *lächel*.

Mehr von mir.. mal schauen, vorerst kann ich es mir nicht leisten, mir Zeit für so etwas zu nehmen, leider.
Aber ich werde es dennoch irgendwie versuchen ;)



geschrieben von: Levander

What have we done wrong?

I just don't know.


Es ist das Übliche. Das leise Aufwachen, der benommene Gedanke, der verfluchte Blick auf die Uhr. Es ist acht, oder, um genau zu sein, drei vor acht. Vor zwei Stunden hätte ich aufstehen sollen, vor zwei Stunden hat mein Wecker geklingelt, und ich habe ihn nicht gehört.
Verdammt.
Die Woche beginnt genau so schrecklich, wie die vergangene geendet hat.
Ich habe schon zu viel in den letzten Tagen aufgeschoben. vielleicht kriege ich ja noch den Bus..

Angezogen bin ich schnell, gewaschen auch. ich greife schnell die sachen, die ich mir am Vorabend schon zurecht gelegt habe und stürze in den Aufzug. mein Nachbar und seine kleine Tochter steigen ein, sie lächelt mich an. Ein wirklich hübsches Kind und wenigstens etwas, das meinen Morgen etwas besser aussehen lässt.

Verschlafen. ich habe wieder einmal verschlafen, und verschlafen winkt mir der Tag entgegen. Nicht einmal den üblichen Kaffee habe ich getrunken und ich könnte auf der Stelle wieder einschlafen, an der Bushaltestelle sitzend. Meine Aussichten sind nicht gerade die schönsten.. eine alte Frau kommt auf mich zu und setzt sich schließlich neben mich. Mir ist unwohl - ich vertrage heute keine Fremden in meiner Nähe und fühle mich furchtbar. Sie kramt in ihrer Tasche und holt eine Zigarette. Geraucht habe ich heute auch noch keine, keine Zeit, kein Geld. Vielleicht geht es mir deshalb nicht wirklich gut. Während sie so sucht, stößt ihr Arm immer wieder gegen meine Hüften; und am Liebsten würde ich aufstehen und mich hinstellen, am besten an das andere Ende. Auch ich beginne zu kramen.. nach meinem discman, um meine Ruhe zu haben und mich ein wenig abzulenken.

So sitzen wir beide da.. und je länger ich sitze, desto beunruhigter wird die Situation.
Sie tippt mich an. Mich umzuschauen, kostet mich grosse Überwindung. Erst jetzt traue ich mich, sie wirklich anzuschauen, denn starren wollte ich nicht. Sie ist ungefähr fünfzig, und ihre Klamotten erinnern mich an die der traditionellen Bauersfrau. Ihr Gesicht sieht verbraucht aus, sie insgesamt ungepflegt, ihre Brille ist an beiden Gläsern gesprungen und hat das Gestell, das ich eher Grundschülerinnen zuordnen würde - ein Glitzermuster aus silber und schwarz, mit kleinen goldenen Sternen - und mit einer Mischung von Faszination und schon fast Ekel bleiben meine Augen kurz an ihrem Damenbart hängen. Ein wenig schäme ich mich für mich selbst und versuche, jegliche wertenden Gedanken aus meinem Kopf zu bekommen.
Ganz unvermittelt erzählt sie mir, dass sie kein Geld mehr bekommt, weil sie ihre Geheimzahl vergessen hat. Zwei Wochen lang, eine lange Zeit. Ich frage mich wo der Bus bleibt und gebe eine knappe Antwort, um nicht unhöflich zu sein. Eine kurze Pause tritt ein, und ich habe die Sorge, dass meine Antwort vielleicht zu ablehnend klang. Die Sonne scheint, doch mir wird zunehmend kälter, und ich wünschte ich könnte auch eine rauchen.

Das gespräch nehme ich wieder auf. Sie tut mir leid, irgendwie.. Sie kramt wieder in ihrer Tasche und hält plötzlich eine Dose Bier in der Hand.
Wieso ist der Bus noch nicht da? Er sollte doch schon längst gekommen sein..
Jaja, zwei Wochen sind eine lange zeit, ich kann es verstehen, doch die Zeit wird auch herumgehen, erwidere ich mit einem Lächeln. Ich wüsste nicht, was ich sonst sagen sollte.
Sie musste nur unterschreiben, sagt sie.
Ihre Sätze klingen simpel und einfach strukturiert und sie scheint auch nicht wirklich besonders intelligent zu sein. Ja, irgendwie tut sie mir leid. Ich unterhalte mich noch ein wenig, doch ich fühle mich eher störend in ihrem Monolog. Es ist schade, dass manche Leute scheinbar niemanden zum Reden haben. Die Sonne scheint herunter, trotzdem fröstelt es mich. Ich frage sie nach der Uhrzeit, und sie gibt mir Auskunft. Der Bus hätte vor schon fast einer halben Stunde dagewesen sein müssen, wenn ich ihn nicht verpasst hätte.
verdammt.
ich hasse solche Morgen.

Der blick auf den Fahrplan ist in etwa gleichsam ernüchternd. In einer halben Stunde.. ich wäre gerade einmal pünktlich zur vierten Stunde da.
Meine Gedanken beginnen zu rotieren, und ich verabschiede mich, um in den mittlerweile geöffneten Laden um die Ecke zu gehen. Ein bisschen Kleingeld habe ich noch, und wenn schon kein Kaffee, dann mindestens Zigaretten. Ich bin froh zu sehen, dass heute wieder die alte Dame arbeitet, die ich immer wieder gerne sehe. Mit einem Zwinkern reicht sie mir genau jene, die ich möchte, ohne dass wir vorher ein weiteres Wort denn einem "Morgen" gewechselt hätten. Und ein wenig schmunzele ich noch über sie, während ich schon Richtung Park laufe.

Das nennt man wohl einen gelungenen Morgen.. Verschlafen, umsonst eine halbe Stunde herumgesessen, und nun im Park, rauchend. Mein Kopf lässt mich nicht mehr los. Meine Aussichten stehen schlecht, und mit heute habe ich wieder einmal alles verschlimmert. Mir ist übel.
Wenn ich dieses Schuljahr nicht schaffe, sitze ich in dreissig Jahren womöglich an der selben Haltestelle.. ohne Schulabschluss, ohne Arbeit, dabei hätte ich das Potential. Wie oft schon gingen mir genau diese Gedanken durch den Kopf, aber dass mir gerade heute all diese wieder vor Augen geführt werden mussten.. Zukunft, es hallt in mir nach, und hochschauend sehe ich, dass ich im Schatten des elfstöckigen Wohngebäudes sitze. Jenes, das zum Armenviertel gehört. Jenes, dessen Bewohner kaum Perspektiven haben. verarmte Familien, alte Menschen, "Ausländerviertel", wie es so viele hier nennen. Das Viertel, in dem auch ich wohne. das Haus, in dem ich wohne.
Ich will nicht hier bleiben, ich will einfach nicht.

Es wird immer kälter und ich zünde mir inzwischen schon meine dritte Zigarette an. Wenn ich könnte, würde ich jetzt heulen, aber ich bin einfach zu müde. Eine alte Frau mit Stock läuft an mir vorbei. Ich fühle mich so furchtbar alleine gelassen, so furchtbar hilflos. Die Haltestelle kann ich noch von hier aus sehen. Sie sitzt noch da.

-"Ich musste einfach nur unterschreiben"-
Von diesem Jahr hängt meine gesamte Zukunft ab.
-"Ich musste einfach nur unterschreiben"-
ich habe Angst es nicht zu schaffen, und merke, wie diese Angst es mir noch viel schwerer macht. Mich lähmt.
-"Ich musste einfach nur unterschreiben"-
Es ist niemand da, der mir hilft. Ich muss es alleine schaffen.
-"Ich musste einfach nur unterschreiben"-
Ich fühle mich furchtbar, weil ich heute wieder einen der Buchstaben unter den Vertrag gesetzt habe.
"Ich musste einfach nur unterschreiben"
Ich darf nicht aufgeben sondern muss versuchen, soweit zu kommen, wie ich zur Zeit kann. Ich darf nicht einfach "unterschreiben", dass ich durch Panik und momentaner Hoffnungslosigkeit alle Chancen vergebe.
"Ich musste einfach nur unterschreiben"
All diese Einsichten helfen nicht, wenn ich sie nicht auch erfülle. ich darf die Verantwortung mir selbst gegenüber nicht abgeben, weil ich es schwerer als andere habe, das bin ich mir und meinem Leben schuldig.

Meine Kopfschmerzen werden stärker, und meine Augen kann ich kaum noch offen halten. Noch nicht meine Gedanken einordnen könnend, trete ich auch die letzte Zigarette aus. Ich hole tief Luft und mache mich auf den Rückweg.

Die Welt ist leer, die Menschen arbeiten.

Ich laufe durch den Eingang, steige in den Aufzug, schließe meine Wohnung auf und rufe den Arzt an, um einen Termin auszumachen.
Ob sie noch an der Haltestelle sitzt?



geschrieben von: Levander

Momente des Erinnerns..

Wie wir damals auf der sonnenbeschienen Hang lagen, neben den Hunden. wir verstanden uns völlig ohne Worte. Ein Lachen. Ich musste nichts sagen, und du noch viel weniger. Das war der Sommer, so wie all die Jahre zuvor, doch der letzte, den wir zusammen verbringen sollten, in dieser Art. Du schwärmtest von deiner Liebschaft und ich von der meinen. Und es war so beruhigend, dass du da warst, so wie jeden Tag, jahrelang kaum mal nicht gesehen, geredet, verstanden.
Wir verstrickten uns in Träumen utopischer Art und mussten schon wieder über uns selbst kichern. Du bei ihm zu Hause, in diesem spiessbürgerlichen Palast wärest du völlig falsch aufgehoben, doch die Vorstellung hatte durchaus was. Da war eine so unbeschwerte Unschuldigkeit.. du fingst an zu singen, und ich stimmte ein. Das Lied, das wir damals in Ungarn sangen.

Der Ausblick war atemraubend, nur Wiesen und Wald um uns. Wir blieben bis die Nacht hereinbrach, schauten den Hunden durch den Bach watend zu, liefen barfuß durch das kniehohe Gras, redeten, schweigten, lachten, verzweifelten.
Wir nahmen die Teelichter, die wir vormittags noch bei mir eingepackt hatten, und stellten sie, leuchtend wie kleine Sterne, in dieses Meer aus Nichts, in dem wir lagen. Die Grillen zirpten, und wir fühlten uns unter dem klaren Sternenhimmel so unbedeutend. In Gedanken versunken verschränkte ich meine Arme hinter dem Kopf, da hieltest du mir eine Flasche Sekt und zwei Gläser entgegen. "Auf unsere Freundschaft", sagtest du. Und wir stießen an und tranken.

"Du wirst mir fehlen", sagte ich in die stille Nacht hinein, Jule auf meinem Schoß streichelnd. "Du mir auch." Wir zogen beide nervös an unserer Zigarette, doch hielten dem Versuch, nicht zu weinen, nicht lange stand. Es tat gut, dich zu umarmen und dabei gehalten zu werden, doch wir beide wussten, nicht mehr viel Zeit zu haben, bis du wieder nach Hause musstest. Unser Weg war der selbe, den wir noch immer gegangen waren, doch diesmal war er endgültig. Abschied von 11 Jahren Kindheit, von 11 Jahren Gemeinsamem. Ich brachte dich noch bis vor die Türe und winkte dir zu, bevor du verschwandest. Die Hunde an der Leine zogen mich ein paar Häuser weiter, wo ich meinen Schlüssel herauszog, das Haus betrat, sie los machte und mich dann in mein Bett verkroch. Um die herrschende Stille war ich froh, mein Bruder und meine Schwester waren ausgezogen, und meine Eltern schliefen, und auch ich schlief bald ein.


Und als ich aufwachte, war alles anders.
Du warst weggezogen, und die Woche darauf auch nicht mehr in der Schule. Euer Haus schien still und tot, und ich ging noch jedes Mal den Weg mit den Hunden ab. Trotz all der Telefonate, es würde niemals wieder so werden können.
Ein halbes Jahr später zog ich in die andere Richtung, alleine.

Ich war noch einmal da. Und ich habe noch einmal Abschied genommen. Ohne Hunde, wir mussten sie abgeben. Der Weg war gesäumt von Neubauten, die Bank, auf der wir gerne saßen, abmontiert. Ich setzte mich an eben jene Stelle und erinnerte mich an all das. "Du wirst mir fehlen..". Ja, du fehlst mir wirklich. Es tut weh zu sehen, wie schnell die Welt sich in nur zwei Jahren drehen kann. Mich lösend suchte ich mir ein paar Blumen, die ich pflückte, um sie dort hinzulegen, mich umdrehen und wieder zu gehen.

Heute hast du mich mit deinem Anruf geweckt, wir beide haben Ferien und etwas mehr Zeit. Es ist schön zu wissen, dich bald seit Monaten einmal wiederzusehen, auch wenn unser letztes Treffen so anders war.. Ich stand eben noch barfuß auf dem Balkon, mich sonnend. "I'm thinking of you, all time..". Wie oft haben wir uns, ob 5-, 7-, 11- oder 16jährig geschworen, dass wir uns nie verlieren werden. Ein Schmunzeln huscht über mein Gesicht. "Sogar als Omas werden wir uns noch schreiben - und wenn wir uns über das Socken- Stricken oder Gichtprobleme austauschen". Doch wer weiss - du erzähltest mir, du würdest im Oktober vielleicht in meine Richtung ziehen? Manche Wege kreuzen sich eben doch nicht nur einmalig.. ich hoffe.

Doch selbst wenn die Zeit vergangen ist, die Erinnerungen wird uns niemand mehr nehmen können.



geschrieben von: Levander

Jeder Tag ein Tag, den du verlierst.

.. Nichts bleibt für die Ewigkeit.


Warum gerade heute, warum gerade jetzt. Ich möchte die Augen verschliessen, ich hasse es, die Zeit revue passieren zu lassen. Es kommt wohl zwangsläufig, in gewissen Tagen. Wie ein Raubtier, das sich auf den Rücken stürzt, sich eines bemächtigt.

Ich stehe hier oben. 10. Stock, Wohnung 77. Die Sonne scheint noch sacht auf den begrünten Rasen, die akkurat geschnittenen Büsche. Wie genau ich hier her kam habe ich vergessen, und eigentlich ist es auch nicht wichtig. Wie viel manche Denkanstösse manchmal auslösen können. Gerne würde ich - die Taube meiner Gedanken fliehen lassen, dorthin, wo es wärmer ist, wo sie es besser hat. Doch meine Hände sind leer.
Es geht momentan um zu vieles. Die letzten Monate hinter Muss, Soll, hinter Pflichten, Anforderungen und Papierbergen zu verbringen war ein blosses Aufschieben von Zweifeln, Sorgen und Angst. Ich war nicht mehr ich selbst. Ich erkämpfe mir langsam meine Persönlichkeit und Menschlichkeit zurück. Es tut weh, zu wissen, wieviele ich mit ebendieser Art verletzt habe. Doch ich will nicht zurück. Nicht jetzt. Nicht jetzt, wo ich stark sein muss. Das Schlimmste steht erst noch bevor und ich fürchte, zu verletzlich zu werden.

Es waren lediglich ein paar Worte, weshalb sollte es mich derart beschäftigen.. Die hässlich braune Farbe auf dem Boden unter mir ist aufgeplatzt und zieht Risse. Soviel besseres hätte ich zu tun, als mich mit Dingen zu beschäftigen, die letztendlich nun doch nicht mehr zu ändern sind. Doch so manches Mal will man einfach nicht loslassen, egal wie sehr man ob der Absurdität dessen weiss.

Ich würde gerne sehen, wo kein Licht mehr..
Ich würde gerne sprechen, wo keine Worte mehr..

Ja.. manchmal fällt Abschied furchtbar schwer. Und wahrscheinlich wird man immer ein Rest des Gefühles behalten, das Falsche getan zu haben. Es immer noch zu tun. Wie lange stehe ich hier eigentlich schon? Vielleicht länger, als gut ist..

Die nächste Woche wird mir schwer fallen. Jeder Tag ein Tag, den du verlierst. Es muss weitergehen, die nächste Hürde steht bereit, auf nichts anderes darf ich mich konzentrieren.
Es tut weh, Eure Namen zu sehen, soviel sagen zu wollen, doch gleichzeitig zu wissen, dass es zu spät ist..

es tut mir leid..



geschrieben von: Levander

Und schlußendlich mache ich doch alles mit mir selbst aus.
Ob man sich an gewisse Dinge gewöhnen sollte? Mit der Zeit..

Von hinten spüre ich eine sanfte Berührung. Es ist Zeit. Meine Stimme ist noch ein wenig wackelig, ich rücke mein Tuch zurecht. Aufstellung. Ja, während dem Abgang zuerst den rechten Weg und dann entlang des Mittelganges laufen. Es ist schon fast eine sakrale Stimmung, die hier herrscht. So sehr mich Russland schon fasziniert hat, dieses Kloster hinterlässt den wohl bleibendsten Eindruck.
Die Mönche sitzen in ihren hölzernen Stühlen, die sich in einem Kreis hinter den Steinbögen befinden. Wir hören gerade noch das Ende des abwechselnd gesungenen Klageliedes. Ich würde gerne verstehen, was sie sagen.. Es ist keine Zeit um nachzudenken. Ich schaue auf die Wandgemälde. Gemalt in voller Hingabe, wohl - ich schliesse die Augen und lasse die Töne auf mich wirken.. sonore Stimmen, getragen, ruhig, sanft, erhaben, während Petersburg dort draussen, verschneiend, sich immer weiter entfernt und dennoch da ist. Hoffnung, Schmerz, Demut, Glaube erheben sich in der Akustik, schweben durch den Raum, den sie beleben, bis sie schließlich an den Steinwänden zerspringen. Als ich die Augen wieder öffne, versiegen die Stimmen langsam, schweben die Töne auf den Boden.

Mit leisen Schritten gehen wir entgegen. Zeichen. Die Noten. Zeichen. Atem. Benedictus.. Die Töne gleiten durch das Kloster. Draussen stürmt es, Petersburg ist weit, irgendwo da draussen. Ich lasse mich tragen von der Atmosphäre.

Dann das letzte Lied.. ein Augenzwinkern an uns drei. Wir haben wohl schon zu oft geprobt.. Der erste Sopran setzt ein. vierge marie.. Augenzwinkern, ein Lächeln. Ich setze als zweiter Sopran ein, alleine. Sonja folgt, ein paar Takte später, danach Katja. Es ist gut gegangen.. priez pour nous.. Langsam werde ich nervös, die zweite Stelle wird schwer, und ich bin erkältet. Der Einsatz wird hoch werden. Tutti.
Es wird leiser. Augenzwinkern, Lächeln. Ich werde müssen. Es ist nur das D.. ich warte, bis ich das Zeichen zum Einsatz bekomme. In der absoluten Stille hole ich Luft, schliesse wieder die Augen.. notre dame. Die Töne hallen nach, fließen, gleiten, zerspringen und schweben wieder gen Himmel. Als hätte ich mich vom Boden erhoben. Petersburg ist verschwunden. Es gibt nur noch dieses Kloster. Ich übergebe dem 2. Alt den Ton, der wenig später auch ausklingt.

Es ist fast 16 Uhr. Zeichen. Wir gehen, von Florian angeführt, rechts ab durch den Mittelgang bis in den Raum, in dem wir uns umziehen können. Draußen, auf einer der vereisten Straßen Petersburgs, wartet der Bus auf uns.



geschrieben von: Levander

Nervosität bestimmt mich. Normalerweise fahre ich gerne Auto - es hat etwas von Freiheit, Entgegenfahren zu besseren Tagen, Veränderung, Wegkommen. Die heutige jedoch kam mir länger als alle anderen vor. Eine Zigarette löst die vorangegangene ab. Es wird eine schlaflose Nacht für mich.

Eigentlich ist es grotesk - ich kam, um dir zu helfen, und jetzt sitze ich hier und höre deinen schweren Atem. Wovon du wohl träumst.. es ist schön, dass ich dir ein gewisses Gefühl von Sicherheit schenken kann, auch wenn ich nicht weiss, ob ich diesem Gefühl gerecht werden kann..

Es sind noch genau 12 Stunden, und die Zeit schleppt sich unaufhaltsam, träge vorbei. Es ist schwierig zu beschreiben, was in mir vorgeht - Bilder- und Gedankenfetzen, völlig sinnlos aneinandergereiht, lähmed.. irgendwie.
Ich wünschte, es wäre noch jemand hier.. denn das Bewusstsein, hier nicht heraus zu können, wird immer intensiver.

Warum schreibe ich hier eigentlich?

Ich selbst bin mein größter Feind. Ich hasse es, immer die Starke sein zu müssen. Ich hasse es, dass mir nichts weiter bleibt als die Hoffnung auf ein Besser. Tage, an denen ich mit anderen Gedanken aufwache, an dem sich die Stagnation von selbst aufhebt. Himmelgrau.. Ich hasse es, jedes Mal erneut vor der Konfrontation zu stehen und Angst zu haben, es nicht zu schaffen.
Ich hoffe nur, ich werde meine schützende Hand über dich halten können..
Du hast gewonnen, Rainer.



geschrieben von: ombre

Man möchte Deine Texte kaum unterbrechen.

Ich lese wirklich gerne, was Du schreibst.
Schön, dass Du den Thread weiterführst. :)



geschrieben von: Levander

(danke, ombre - um ehrlich zu sein, hatte ich deine Antwort eben erst gesehen :) ich freu' mich, wenn es dir gefällt. )

***

Eigentlich - die Wekt scheint zur Zeit aus lauter Eigentlichs zu bestehen. Eigentlich sollte ich schlafen, doch ich kann und will nicht. Eigentlich sollte ich es zumindest versuchen, denn eigentlich habe ich heute noch viel zu tun und werde auch dementsprechend früh aufstehen müssen.
Eigentlich..
Aber es ist egal. Vielleicht ist das auch nur der "Restalkohol", auch wenn ich nicht unbedingt viel getrunken habe.

"Ich habe gekündigt.
Ich werde wegziehen."
Du hattest mich von der Tanzfläche geholt und zur Seite gezogen, mir kaum die Zeit für eine Begrüssung gelassen. Ich stehe wie erstarrt da, kann es zuerst nicht begreifen, dass du es tatsächlich ernst meinst, stehe fassungslos da, bis du mich in den Arm nimmst. Ach verdammt - noch gestern habe ich dir eine seitenlange Mail zurückgeschrieben.
Mein Träumer.. ich weiss gar nicht, was ich die Samstage ohne dich, ohne dein Lächeln, deine Worte und dein merkwürdiges Verständnis von Humor machen soll. Auch wenn ich weiss, dass ich es mir nicht anmaßen dürfte, wiederhole ich immer wieder, dass du mich nicht hier, alleine lassen kannst. Das ist alles zuviel..
Hier drinnen ist es zu laut.
Du nimmst meine Hand, ziehst mich nach draussen, die Treppe hoch und mit hinein in den Bunker. Auf den oberen Stufen sitzt schon jemand, der sich scheinbar völlig abgeschossen hat. Ich halte es in dieser Gegend nicht mehr aus, ich muss hier weg, ich gehe daran kaputt. Es ist unangenehm, dieses Gespräch in Gegenwart eines Dritten führen zu müssen, aber scheinbar geht es nicht anders.
Ich weiss. Es ist unfair und ich habe kein Recht dir zu sagen, dass du bleiben sollst, so schwer es mir auch fällt.

"Ich werde wahrscheinlich nach Leipzig gehen". Verdammt, Leipzig ist so weit von hier. Du hälst noch immer meine Hand und streichelst mir vorsichtig über meinen Rücken. Mein Kopf lehnt an deiner Schulter und ich muss mit den Tränen kämpfen. Du lächelst. Und du glaubst nicht, wie sehr ich dich dafür bewundere, in den unerwartetsten Momenten das Lächeln nicht zu verlieren. Es wird mir schwer fallen, dich gehen zu lassen, wohl mehr, als ich vorher angenommen hätte, hätte man mir davon erzählt. Es ist absurd, denn ich habe eigentlich nicht das Recht, irgendetwas von dir zu wünschen, von dem ich weiss, dass es dir nicht gut tun würde.
"Komm mit mir".
Verdammt.. auch das war unfair.
"Gib mir endlich diese Chance und lass uns zusammen neu anfangen. Ich weiss, es könnte gut gehen. Ich hätte dich so gerne bei mir".

Leipzig ist verdammt weit weg und es ist unmöglich, dass es funktioniert. Dafür hast du schon immer mehr erwartet, als ich erfüllen konnte. Es reicht einfach nicht aus - selbst wenn du mir monatelang wahrscheinlich schon zu wichtig warst, es reicht nicht - dieser Platz ist schon an jemand anderen vergeben, auch wenn es scheinbar hoffnungslos ist. Doch ich möchte dich auch nicht als "Ersatz", "Notlösung", "Platzhalter". Dafür bist du mir zu schade.. und das wirst du wohl nie verstehen, denn..
"Es wäre so schön, dich bei mir zu wissen".
Ich frage mich, wie lange du dieses Gespräch schon durchdacht hast.
Unwillkürlich erinnere ich mich daran, wie du mir von dem Konzert der Erben erzählt hast. Du hast es geschafft, es so wunderschön mit Worten zu malen, dass ich stundenlang, davon hingerissen, hätte zuhören können.

Es wäre alles so einfach.. ein Neuanfang, einfach auch einmal abhauen, aufgeben, neu anfangen, es mir leichter machen. Mit dir. Ich habe dich wirklich gerne. Ich möchte dich nicht fahren lassen, ich möchte dich nicht jede Woche vermissen müssen. Ich weiss, ich hätte mit dir an der Seite jemanden, der stark für mich ist, der sich bemüht, an den ich mich anlehnen kann. Doch es wäre nicht fair.
"Ich kann das nicht, Sven." Meine Stimme ist brüchig, die Worte fallen mir schwer. "Ich kann es nicht, und ich bin der Grund. Ich ganz alleine. Vielleicht fällt es dir wirklich leichter dort drüben. Wir können uns zwischendurch einmal für eine Woche besuchen. Wir können telefonieren. Und du wirst bestimmt eine Frau finden, die dich mich leichter vergessen lässt."
Ein schwacher Trost. Auch für mich, spätestens als ich deinen Blick sehe. Du hälst meine Hand fester. "Schlaf wenigstens noch eine Nacht darüber. Lass dir die Zeit, in Ruhe nachzudenken."

Mein Begleiter steht in der Tür und möchte fahren, es ist halb vier und wir hatten eigentlich vor, schon seit Stunden gefahren zu sein. "Schlaf noch eine Nacht darüber. Wir hören später voneinander." flüsterst du mir zu, als wir schon oben an der Treppe stehen und du mich zum Abschied in den Arm nimmst.
Auf den verregneten Straßen läuft "Ich komm' an dir nicht weiter" von Rosenstolz in ständiger Repeatschleife durch meinen Kopf..

Ich komm an dir nicht weiter
komm an dir nicht vorbei
du bist so weit gegangen
kann dich kaum noch erkennen

ich werde jetzt nichts sagen
bevor ich nicht weiß, was ich zu sagen hab
und ich werd so lang schweigen
bis ich weiß wie's weitergeht


So absurd all das eigentlich auch ist, ich würde gerne mit dir kommen. Aber es reicht einfach nicht - dieser Platz ist schon vergeben.
Denn ich kann wohl doch nicht einfach weglaufen und neu anfangen.

Nehm von dir was mit
Und lass ein kleines Stück
Von mir bei dir
Und ich pass sehr gut auf
Damit es nie zerbricht
Halt ich's fest..




geschrieben von: Levander

(ich muss mich ja schon wieder bedanken *hüstel* :) )

Schon so lange her..


Sie schlug ihre Augen müde auf. Es war erst 12 h, und sie hasste ihren Schlaf dafür, ihr nicht weitere Stunden gegeben zu haben, in denen sie ihn nicht hier liegen sehen würde, schwer atmend.

Draussen schneite es kleine Flocken, die durch den Wind wirbelten, der Himmel war in ein reines Weiss geschlagen, die Welt nackt, ohne Vögel, ohne Laub, die Scham nur mit dem kalten Puder verdeckt.
Dieses Gefühl war allzu bekannt, genau so wie der Verlauf des Tages es war. Genauso gut hätte sie liegen bleiben können, nachdenkend, nichtstuend. Sie wusste nicht was es war, dieses Gefühl des Ekels, und sie wollte schon gar nicht wissen, woher es kam; doch sie stand auf, kletterte verschlafen über ihn, fühlte sich so eingeengt, wollte weg aus dieser Nähe. Ein schaler Nachgeschmack des vorigen Abends begleitete sie, als sie unbeholfen zum Schrank tapste, um sich ihren Pullover aus dem nicht zusammengefalteten Stapel von Klamotten zu zerren. Der Blick in den Spiegel war nicht der angenehmste, und selbst der Ausblick erzeugte ein noch grösseres Gefühl der Unsicherheit. Es war nass, kalt, genau das Wetter, in dem man gerne zu Hause bleibt, auf dem Sofa in eine Decke eingewickelt, mit einem Tee in der Hand, an dem man sich die Finger aufwärmt. Tatsächlich war ihr kalt, merkte sie in diesem Moment. doch hier fühlte sie sich erst recht nicht wohl.. Sie zündete sich eine Zigarette an, nahm sich den Aschenbecher, der noch auf seiner Seite des Bettes lag, und setzte sich mit Stift und Zettel in eine Ecke, um ihre Gedanken aufzuschreiben. Wie lange schon..? Wenn sie das nur vorher gewusst hätte..
Ihre Augen blieben auf ihm haften, sie merkte nicht mehr, für wie lange. Sie wollte alleine sein - Der Zettel riss, und sie schrieb wenige Zeilen darauf, legte sie vor das Bett, zog sich an und flüchtete nach draussen.


Es war einer dieser Tage, an denen sie sich fragte, ob sie Schuld war - ja, eigentlich war sie es immer. Nichts war mehr übrig, nach diesem Jahr, nichts ausser Enttäuschung, Wut, Verletzung. Sie wollte alleine sein. Es war sinnlos, sich im Kreis zu drehen. Sie war heute nacht neben einem Fremden eingeschlafen.
Ein Gefühl der Genugtuung breitete sich aus, sie hatte den Mantel absichtlich dort gelassen, wo er hing, spürte, wie sie ihre Finger immer schwerer bewegen konnte, fror. Die Schritte trugen sie an nichtssagenden Gesichtern vorbei, über glatte Straßen, durch die schneebedeckte Landschaft. Die Haut spannte. Es gab kein besser und auch kein Ende, und das würde es auch niemals geben. Sie wollte nicht immer wieder automatisch darüber nachdenken. Heute war nichts mehr wichtig. Die Luft schneidete.

Sie schlich die Tür herein und wollte auf deren Absatz schon wieder kehrt machen. Du läufst ständig nur weg. Draussen schneite es. Er war aufgewacht.
"Wo warst du?"
"Draussen. Hast du meinen Zettel nicht gesehen?"
"Ich hatte schon Panik, als ich aufwachte, und du warst nicht mehr neben mir."
"Es passiert mir doch nichts..."
Er streckte seine Hand nach ihr aus. "Komm doch zurück ins Bett"
Die Haut brannte.
"Ich bin nass und totgefroren."
"Das ist mir egal."

Sie leerte all den Sturm in sich, suchte, Gedachtes und Gefühltes zu verdrängen und kroch zurück ins Bett, in die Ecke, drückte sich an die Wand."Komm doch mal ein Stück näher zu mir.."
"Ich liege immer an der Wand"
Er rückte nach und legte seinen Arm um sie, sie blickte in diese fremden Augen. Ihr war übel.
Es war einfach einer dieser Tage..-


Und es ist schon so lange her.



geschrieben von: Levander

Ich liebe dich. Und ja, wie sehr ich dich hasse!
Manchmal frage ich mich, ob all jenes Tun aus reiner Berechnung geschieht, denn du weißt, dass ich wahnsinnig werde, du weißt, dass es mich verletzt, mehr als es sollte. Vielleicht haben wir zu früh auf etwas Sinnloses gebaut, vielleicht war der Wunsch größer als das Bewusstsein über die Realität. Zumindest auf mich wird es wohl zutreffen. Es ist nicht das typische Krankheitsmuster des Boarderliners, und ich habe aufgegeben, mich über sämtliche Krankheiten meinerseits zu definieren und rechtfertigen. Ich liebe dich, weil ich dich liebe. Und ich hasse dich, weil du mich aus vollstem Wissen triffst und es dir gleichgültig ist, wenn du dich nicht sogar über meine Niederlage freust. Ich habe mir schon zu oft vorgebetet, dass es besser werden würde, mich zu oft der Illusion hingegeben, dir wäre es ernst, wenn du mich um Verzeihung bittest. Aber wie kannst du es ernst meinen und sich alles wiederholen lassen?

Ich mag es, wie du kleinlaut vor mir stehst. Ich mag es, wie du dich auf deinem Stuhl zusammenkauerst, ich mag deinen geistesabwesenden Blick, sobald du anfängst, Gitarre zu spielen. Ich mag es, morgens neben dir aufzuwachen, und in der Nacht einen letzten Blick in deine wunderschönen grünen Augen zu erhaschen.

Doch ist es das wert? Ist es das wert, dass ich jedes Mal wieder leide, verunsichere, dass ich in alte Krankheitsmuster zurückfalle bis ich mich für deine Fehler entschuldige, weil du so selten etwas einsiehst? Ist es das wert, dass ich mich selbst erniedrige, aufgebe? Sollte ich an etwas glauben, bei dem die Freude den Schmerz überwiegt?

Sag, liebst du mich? Ich habe den Glauben daran in unserer Vergangenheit verloren..
Was bin ich mehr als ein Vorzeigeobjekt, eine Trophäe, mit der es sich gut angeben lässt? Was bin ich mehr denn deine Versicherung, nicht alleine zu sein, jemand, der da zu sein, jedoch nichts von dir zu erwarten hat, die angenehmste weil einfachste Alternative?
Sag bitte, sag dass du mich liebst. Dass wir eine Chance haben. Eine Zukunft. Sag, dass du mich liebst, und lass uns neu anfangen.. Irgendwo, irgendwie.. du und ich – wir beide.
Ich will so nicht weitermachen.. ich kann so nicht weitermachen. Und ohne dich, das kann ich erst recht nicht..

Ich habe Angst, alleine, ohne dich zu sein, weißt du das?
Und wieso?

Da ist nur noch Leere.. Ich gehe nicht ans Telefon, denn du bist nicht am anderen Ende. Ich gehe nicht hinaus, denn dort bist nicht du. Ich hätte mitgehen sollen, am Samstag. Samstag, als ich ohne dich da stand, als mir jeder wieder sagte, wie sinnlos es zwischen uns ist. Dass ich etwas besseres verdient hätte. Dessen bin ich mir bewusst. Wieso versucht jeder für mich da zu sein, nur du nicht?
Ich hätte mitfahren sollen.. zu ihm. Gleichgültig, was er wollte, zumindest wäre ich nicht alleine gewesen.

Oder ich wäre ganz woanders aufgewacht. In vertrauter Nähe. Weg von dir, von Gedanken, bei jemandem, dem ich vertraue. Ich würde jedenfalls nicht hier sitzen und mir den Kopf zerbrechen. Wenn du nicht wärest, so hätte ich längst ja gesagt.


Damals, mit meiner Mauer um mich herum, war alles noch so viel einfacher..



geschrieben von: Gr. Gaulichter

ja, alles ist so viel einfacher mit mauer - nur der blick nach draußen, der ist schwierig. und da man auch so einfach ist, ist es einfach, mit schubladen zu arbeiten, deren enge, dunkelheit nur quält.

und das ist auch unfair und selbstlügnerisch, jemanden mit dessen liebe und angst gleichermaßen zu quälen.

ich wünsch dir viel geliebt-werden und ein ohr mit verstand, das einer schulter gehört, die nicht weicht, wenn sie gebraucht.

gg



geschrieben von: Levander

So hat wohl alles sowohl Vor- als auch Nachteile.. Wichtig ist letztendlich das Resultat, das sich im schlechtesten Falle zwischen schlecht und weniger schlecht bewegt..

Ich danke dir jedenfalls für deine Wünsche..
Ist es nicht seltsam? Alle Menschen suchen dasselbe und sind dennoch meist einsam.



geschrieben von: Gr. Gaulichter

nähme man sich nur das bisschen zeit, zu fragen was man hat und dagegen zu stellen, was man wünscht - man müsste vielleicht sich eingestehen, bescheiden zu bleiben ob seiner möglichkeiten, zu ändern. leider?

gg



geschrieben von: Levander

Ich glaube, der Fehler liegt nicht in den verschiedenen Möglichkeiten, etwas entgegenzustellen, an Maß und Vielfalt, sondern viel eher an der fehlenden Bereitschaft und Einsicht. Was man auch nicht unbedingt vorwerfen kann, es ist lediglich - schade.



geschrieben von: Gr. Gaulichter

und nicht "Zum Augenblicke dürft’ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!", da es das streben verbietet. doch "wonach strebt der mensch - letzten endes ..."

gg



geschrieben von: rever:end

Zitat:
Angekommen.Der erste Gedanke an jenem vernebelten Abend, an dem ich mich aufmache, um mir selbst Versprochenes zu erfüllen.


Wunderschöner Satz; und so wahr! Grosses Lob, für die ganze Geschichte!



geschrieben von: Levander

"Grotesk..
Wie die Erde träge vorbeizieht, sich immer wieder aufs neue wandelt, um am Ausgangspunkt wieder anzukommen.. So verträumt lächelnd, als gäbe es nichts Schöneres denn im Morgengrauen die Sonne einzuladen. Die Welten sind so wechselhaft und unbeständig, ein Chamäleon der Befindlichkeit. Das innere Kind möchte lachen, der innere Frieden, die Stille, Unschuld und Naivität. Durch die Gezeiten tanzend.. Woran glauben wenn nicht an uns selbst?
Und es dreht sich, dreht sich, dreht sich..

.. Stillstand .. ?"



Wie ich hier her kam, weiss ich gar nicht mehr. Es war ein leises Bedürfnis in den Bus zu steigen, keine wirkliche Entscheidung, eine unsichere Sehnsucht nach etwas Verlorenem, das Bedürfnis nach Rückbesinnung, nach Erinnerung. An der Haltestelle ausgestiegen nehme ich den längeren Weg. Den, den ich früher mit den Hunden entlanggelaufen bin, vorbei an der Grundschule, vorbei an dem Haus, das meine damalige beste Freundin bewohnte.
Es ist Sommer, und eine so lebendige Welt habe ich lange nicht mehr gesehen, seit ich nicht mehr hier wohne. Der Wald steht in dem leuchtendsten Grün, so als wäre er selbst die Hoffnung, die dort von fern winkt, es blüht von überall her. Ich laufe weiter, den Abhang hinunter. Diese Rückkehr ist seltsam, ist fremd – ich fühle mich klein in dieser Welt der akkurat geschnittenen Bäumen, Pflanzen, der gelbgestrichenen Häuser und der penetranten Harmonie. Lediglich der unsere Garten steht verwildert als vollkommener Gegensatz, als die scheinbar anhaltende Idylle brechender Beweis.

Den bemoosten Abhang überwunden, schließe ich die Tür auf. Das Erste, was fehlt, sind die Schritte der Hunde, die eigentlich jeden Moment die Treppe heruntergelaufen kämen, voller Freude, mit ihren lachenden, strahlenden Augen.. Nichts.
Es ist unbewohnt, wahrlich.

Vorsichtig taste ich mich durch die verschiedenen, leblosen Räume. Die Luft ist abgestanden und verbraucht, und ich reiße sämtliche Türen und Fenster auf. Stille sowie Leere sind erdrückend, scheinen zu pulsieren. Die Spinnweben ziehen sich durch das gesamte Haus, es scheint, als atmete es.

In der Küche steht eine benutzte Tasse, überall finden sich alte Besitztümer wieder. Stühle sind umgefallen, Schubladen aufgerissen, der Kiwibaum, von dem Wohnzimmerfenster aus gesehen, vom lange zurückliegenden Sturm dahingerafft.
Unwillkürlich erinnere ich mich an die Geschichte des alten Mannes aus dem Nachbarort, der erst Monate nach seinem Tode in seinem Haus aufgefunden wurde. Bei ihm sah es wohl ähnlich aus..

Es ist ein seltsames Gefühl, als Einzige nach so langer Zeit diese Stille, diese Unberührtheit, zu unterbrechen. Als wäre hier die Zeit stehengeblieben; als träumte dieser Ort. Wäre vergessen entschlafen- ich lege mich hinzu und träume mit. Für ein paar Stunden, vielleicht – ich weiss es nicht.
Oben auf dem Dachboden finden sich die wertvollen Dinge wieder – Kinderbücher, Stofftiere, Photos, Briefe. Mir laufen eisige Schauer über den Rücken, als ich mich umschaue. Die Sammlungen meines Bruders, meines Vaters Instrumente, meiner Mutter Kleidung, als sie gerade einmal so alt war wie ich, die Kunstprojekte meiner Schwester. Meine Kinderdecke. Ich bleibe noch lange oben, im Schneidersitz auf diesem grünen, abgenutzten Teppich, schauend, fühlend, weinend. Durchlebe Jahre, Momente. Besinnend, entsinnend.

Die Stufen hinuntergestiegen, setze ich mich ein letztes Mal an meine „Seele“, klappe den verstaubten Deckel hoch und spiele. Sinnentrückt, ortsentrückt – alles schwingt mit, alles ist erfüllt von Klängen, wie kleine Kristalle. Diminuendo, es klingt aus. Und es wird schlagartig kalt.

.. Ein befremdliches Gefühl, die Lichter zu löschen, und alles wieder sich selbst zu überlassen. So als würde man etwas verleugnen, sich selbst verleugnen, zumindest einen Teil, und sich gleichzeitig doch auch freimachen.

Meine Mutter sagt immer, man solle sich nicht an Materielles hängen, da es unflexibel und abhängig macht. Vielleicht ist es der klägliche Versuch zu verdrängen, denn um Materielles ging es noch nie – vielmehr um Gefühle, emotionale Abhängigkeit, Ängste, Sehnsüchte, Verzweiflung.
Ihr habt mich verletzt. Wir haben uns verletzt. Doch es geht schon lange nicht mehr um Schuldzuweisungen.

Ich vermisse meine Kindheit, vermisse euch. Es ist seltsam, nach Hause zu kommen, und da ist niemand. - Manche Dinge sind und werden immer unwiederbringlich sein. Wahrscheinlich ist es auch besser so.

Lauer Sommerwind rauscht durch das Laub, es ist schwül. Der Busfahrer grüßt mich freundlich, mittlerweile ist die Sonne schon fast hinter dem Horizont verschwunden.
Der Bus fährt an, fährt weiter. Wohin es mich in der nächsten Zeit verschlagen wird, weiss ich nicht, sehr wohl jedoch, dass dieser Abschied ein endgültiger war. Weiss man denn wirklich, wie es weitergehen soll?



geschrieben von: Levander

("Gehversuche", Januar 2003)

Ewigkeit.. ein Wort, das in der heutigen Zeit an Bedeutung verloren hat. Eine sinnlose Aneinanderreihung von Buchstaben, scheinbar willkürlich zusammengesetzt.
Ewigkeit - und trotzdem fühle ich mich in ihr, mit ihr, durch sie. Sie pulsiert durch meinen Körper, durch meine Venen, meine Gedanken, belebt mich, wie sie mich gleichsam erfrieren lässt.

Es ist kalt hier draußen. Ich stehe auf einem Schachbrett, auf dem wenige Züge getan sind. Erneut in der Defensive, mein Gegner das Selbst. Der Horizont brennt, speit Funken dort, wo die Träume ihre Augen schließen. Die schaumgekrönte Gischt ertränkt ihre aufschreiende Sehnsucht an den Klippen. Einsamkeit - Bittersüße Einsamkeit.

Hier draußen in der Ewigkeit - schlage ich mich selbst, um einzelne Schritte über das blutige Brett, entgegen der geifernden Angst, wagen zu können. Bis ich auch zuletzt den König geopfert habe, den letzten Schleier fallen lassend, um in mein ungeschminktes Spiegelbild zu schauen und schreiend in den Himmel zu fallen.




(aufgegriffen Nov. 2004)

Sich mit ausgebreiteten Atmen langsam um die eigene Achse drehend in den ausladenden Himmel schauen, den Atem sehend, der sich in den verschiedensten Richtungen gen Mond verirrt, die innere Wärme außen, in dieser Welt, erstarren lassend. Nur für diesen einen Moment.
Irgendwo in dieser Nacht spiegeln sich Augenpaare so feenhaft wider, als könnten sie alles erklären, verstehen, erleuchten – und niemand wird es je sehen können. Hinter dem rankendem Geäst, dem Schleier, der auf all den von fern lächelnden Zeugen, die Einsamkeit bewahrheiten, ruht, so lange wie die Blume nicht gebrochen wird.. so lange fassen Hände das innere Glas der Schneekugel, demütig, hoffend, verschlossen, so sehnsüchtig brennend nach dem Aschegeschmack der Worte, dem Relikt vergangener Tage.

Der Turm zieht seinem Tode entgegen, schwarz und weiss, beides zugleich – wo ist der Sieger, zerstört am Ende man das Selbst? Drehend windet sich das Schachbrett, opfert den König, bricht. Aus den Rillen quillt dickflüssiges Blut.
Siehst du mich lachen?

Das flackernde Leben ist weit von hier, so erleichternd weit. Sich drehend, drehend, drehend.. atmend. Die Zeit, das Gestern atmend, Ewigkeiten durchflutend als seien sie gelebt.



geschrieben von: Levander

Ungeschickte Liebesbriefe

Ohne dich ist es, als würde ich nicht mehr existent sein, als hätte man mir den größten Teils meines Selbst geraubt, so dass ich nicht mehr leben kann. Nur langsam taste ich mich so nahe heran, dass ich wirklich verstehen kann, was du mir gesagt hast; oder vielmehr, was du verschwiegen hast.

Ohne dich geht nichts weiter, ist das Stehen auf dem Balkon kälter als sonst, bedeutet das Nach links Greifen morgens im Bett Greifen in die Leere. Ich weiß, dass ich nicht so weit denken sollte, wie ich es tue. Ich weiß, es wäre besser, würde ich all diese Gefühle weit von mir wegschieben, gar nicht darauf spekulieren, dass „alles wieder gut wird“. Ich kann nicht anders.

Ohne dich ist alles so leidenschaftslos, weißt du das? Nur noch grau, nur noch steril, vexatorisch. Ich wünschte, ich könnte wütend sein auf all das, was du getan hast, doch es geht einfach nicht. Stattdessen erinnere ich mich nur an gutes, und hasse mich gleichzeitig dafür.

Weißt du noch, wie du mir auf den Poller Wiesen entgegenliefst, mich in die Luft hobst und mich geküsst hast? Ich war wirklich furchtbar nervös an dem Tag, weil du erst so spät hinterhergekommen bist.. Und Stunden danach, als du auf diesem Kieshaufen im Rhein standest und ich zu den anderen in ferner Sicherheit prophezeite, du würdest bald herunter und ins Wasser fallen? Du kamst mit quietschenden Schritten zurück und ich musste so lachen..

Ohne dich tut es einfach so furchtbar weh, sich daran zu erinnern.. Ich wünschte, so vieles wäre anders gelaufen. Ich wünschte, du hättest es geschafft, für dich, für uns. Alle sagen sie, es wäre besser so, doch ich fühle, das ist es nicht. Denn so zerbreche ich in tausend Scherben, jeden Morgen aufs Neue, ersticke, ertrinke. Ja, es wird vergehen, irgendwann einmal.. aber gerade diesen Schmerz, der mich an dich erinnert, will ich auch nicht verlieren, da ich sonst auch dich verlöre.

Ich bin vergessen hier, alles hier hast du einmal berührt, alles steht in irgendeiner Verbindung zu dir, jedes einzelne Lied. Sitze im Dunkeln, weine seit Tagen, vermeide es hinauszugehen - als würde das irgendetwas ändern. Dich zu riechen, zu schmecken, zu fühlen ist wahrlich unbeschreiblich..
So vieles würde ich gerne noch gemeinsam mit dir leben.

All das hat mich soviel Kraft, soviel Seele gekostet, dass ich es nicht einfach aufgeben kann, aufgeben will, auch weil ich weiß, dass nicht du das bist. Mag sein, dass ich mich genau daran schon immer – anscheinend hoffnungslos – geklammert habe, aber ich behauptete auch nie, mir nicht mehr Rationalität gewünscht zu haben. Du kannst doch nicht dein gesamtes Leben aufgeben? Jeder andere hätte nicht derart weit gehen dürfen, jeden anderen würde ich für all das hassen.
Wieso zerstörst du alles strategisch? Ich weiß, dass du dich selbst belügst und mich somit mit.
Ich wünschte ich hätte dir mehr sein können. Ich wünschte, du würdest einen Sinn sehen. Und dass ich die Zeit zurückdrehen könnte.
Letztendlich weiß ich doch, dass alles ganz anders ist. Und habe Angst, du verschließt die Augen davor.

Ohne dich kann ich nicht, bin ich nichts. Sei doch bitte ehrlich zu dir selbst.
Lass’ mich nicht alleine.

Ich liebe dich.


____________________________________________

Alte Sonne, schon tausend mal bist du erfroren
wirst du mich finden
Warum suchst du nicht in deinem Kopf
und alle schweigen
Niemand hilft dir, diesen Weg zu gehen
Kannst du ihn finden, oder bist du nicht bereit
Bleib nicht stehen, geh' nicht wieder zurück
Und wieder warten
Alte Wunden brechen mehrmals auf
und dennoch zögerst du
geh nicht zurück, bleib nicht stehen


Flieh mit mir - ein letztes Mal


Schwere Stille
dein Blick ist starr, verdunkelt mich
Das Licht erloschen
Jeder trägt sein altes Gesicht
Lass uns endlich ändern
was ewig gleich geblieben ist
Wozu noch warten
geh nicht zurück, bleib nicht stehen


Flieh mit mir - ein letztes Mal




geschrieben von: Haevion

Ich hoffe, er liest es, und weiß es zu schätzen...
Euch beiden alles Gute.



geschrieben von: Levander

Ach Haevion.. Er wird es nicht lesen.

Das, was am Schlimmsten ist, ist lediglich, dass alles von ihm abhängt. Wie es weitergehen würde, wenn es das denn täte. Wenn er wieder anfangen würde zu leben, die Realität zu sehen, könnte alles.. einfach nur schön sein.
Es ist wohl, wie ich dir eben noch sagte, ich würde wohl ziemlich alles für ihn tun.
Aber zwingen kann man niemanden. Nicht einmal dazu, die Wirklichkeit zu erkennen.

Dennoch, danke..



geschrieben von: Levander

Der Wind schlägt mir beissend entgegen, als ich die Tür nach außen aufdrücke. Eine schwere, weiße Tür, unförmig, hässlich, eine dieser „Billigtüren“ die es nicht darauf anlegt, zu gefallen. Ich bin überrascht, zu sehen, dass es geschneit hat – immerhin ist es schon 20 h, und den ganzen Tag über habe ich nichts davon gesehen. Der Blick von oben aus meiner Wohnung richtet sich nun einmal lediglich gen Horizont, das nächtliche ferne Lichtermeer, mir durch angelassenes Licht zuleuchtende Menschen irgendwo da draußen. Der pulvrige Himmlszeitensand muss wohl gefallen sein, als ich noch schlief. Er biegt die schmalen Äste der Büsche nach unten, bedeckt den Grassaum, der das Wohngebäude vom Parkplatz trennt.

Meine Schritte sind die einzigen Geräusche hier, ein unsicheres, leises Klacken der Schuhe auf dem Asphaltgrund. Ich laufe an dem Taxistand vorbei, vor dem wir damals so lange standen, vorbei an dem Geschäft, in dem du dir diesen ekelhaften Kirschsaft gekauft hast. Das Kleingeld fällt in den Automaten. Von der Haltestelle da drüben bist du morgens immer von mir weggefahren, zwei Minuten bevor der meine Bus kam, der in die entgegengesetzte Richtung fährt. Manchmal frage ich mich, warum ich so oft daran denken muss.


Die Mieter im ersten Stock haben ihre Balkone weihnachtsgemäß ausstaffiert, mit allerlei Lichterkettern, Blumentöpfen, die glitzern, akkurat angeordneten Sternen, so als stünden sie in gegenseitigem Wettbewerb, als sei es verpflichtend für einen Balkon des untersten Stockes, gegen andere zu konkurrieren und möglichst gut abzuschneiden. Wenn ich mich über den meinen beuge sehe ich unter mir alte Küchenhängeschränke, Plastiktüten, einen Mülleimer, einen Straßenbesen der aussieht, als sei er nicht mehr zu gebrauchen. Nun ja, er liegt ja auch im Neunten, wozu sich bemühen, wenn es eh niemand anders sieht. Die Mediokrität schmückt sich mit Tand und versucht sich im gutbürgerlichen Leben. Ich muss unweigerlich schmunzeln, als ich die Tür nach außen hin öffne. Der Aufzug steht schon unten.

Ich habe meinen Platz wieder eingenommen, hier auf dem Sessel, rauchend, in der Endlosspirale der Gedanken. Es wäre vermessen zu behaupten, ich wüsste momentan, was ich tue. Vor Minuten noch meinte man, ich solle auf mein Bauchgefühl hören, doch ich habe keines mehr.



Am Ausgangspunkt angekommen.





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