[Osterfeuer] - German Gothic Board

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Osterfeuer

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geschrieben von: Nachtelbin

Es ist neblig. Es stinkt, und kalt ist es obendrein. Von wegen 19°C am Ostersonntag!

Aber ich habe mir nun mal etwas vorgenommen und das soll nun auch realisiert werden. Sie sagte mir einmal, dass sie so etwas gerne mal gemacht hätte. Aber es wäre ja nie gegangen, man hatte ja nie einen Garten und mit den vielen Kindern..
Liebevoll betrachte ich noch einmal die in zart-pastellfarbene Servietten gehüllten kleinen Süßigkeiten und muss unweigerlich grinsen. Voller Vorfreude. Wann habe ich ein solches Kribbeln zum letzten mal gespürt? So richtig, so, als wollte man auf der Stelle anfangen zu Rennen und zu glucksen? ...es muss schon lange hersein. Vielleicht ist diese lange Zeitspanne ein Resultat der immer stärker gewordenen Ritualisierung von pseudo-zelebrierten Feiertagen, aber Ostern war immer anders.
Ostern war immer das Fest, an dem ich früh aufstand und voller Vorfreude - so wie ich sie jetzt spüre - den ersten Schokoladenmarienkäfer in seiner schwarz-rot-gepunkteten Frühlingsaura auf dem Boden vor meinem Kinderzimmer fand und juchzend aufhob. Es war das Fest des anbrechenden Frühlings, das Fest des Suchens und Spielens. Es war einfach so anders, als alle anderen Feste, keine Verpflichtung bei den -ja eigentlich geliebten- Großeltern "die Tradition zu pflegen", nur die Gewissheit, dass ich immer wieder in einer der von mir schon im Schlaf auswendig gekonnten Ecken einen mich anstrahlenden Marienkäfer finden würde, der mir erlaubte, wieder Kind zu sein.

Doch diesesmal werde ich keine Käfer finden, die in ihrer Bilderbuchausstrahlung Sonnenschein und ein Stück Kindheit zurückbringen würden, das ist mir bewusst. Trotzdem freue ich mich. Ich lege die Süßigkeiten in meinen Rucksack und beginne zu schreiben. Zunächst den banalen Hinweis "warm." Diesen Zettel würde sie zuerst finden. Dann: "Du schaust jeden abend hinein, selbst wenn ich ihn schon ausgenommen habe." Dieser Zettel wird in den Backofen gelegt, in dem ein duftender Hefezopf auf sie wartet. Im Briefkasten plaziere ich ein Aquarell von mir und den nächsten Hinweis, der sie in den Keller locken soll. Ich schreibe den letzten Zettel. "Quakender Nebel im Rauschen der Maschinen." Ob sie darauf wohl kommen würde? Ich gehe so leise wie möglich in den Keller, trage mein Fahrrad raus und schultere den Rucksack - es kann los gehen. Zwei Kilometer liegen vor mir, nicht gerade viel. Als ich am Waldsee nahe des Bahnhofs ankomme, fühle ich mich gut durchgeräuchert - noch immer hängt der Rauch vom Osterfeuer in der Luft, was auch kein wunder ist, denn es ist sechs Uhr morgens.

Ich steige ab, und wieder überkommt mich das Bedürfnis, loszukichern. Um meine Vorfreude zu kompensieren hüpfe ich eher hinter die Büsche und Bäume um die Ostereier zu verstecken, die ich vorher gefäbt hatte. Und wieder ereilen mich Erinnerungen aus der Kindheit. Ich sehe mich mit meiner Großmutter, die die Eier färbt und dabei höchst unanständige Anspielungen macht, meinen behinderten Onkel, wie er einen Schokoosterhasen liebevoll an sich drückt und ihn zärtlich streichelt. Eine Welle von Dankbarkeit überkommt mich, und gleichzeitig wieder die summende, kribbelnde Vorfreude darauf, endlich etwas zurückgeben zu können.
Nachdem ich einen scheinbar arglosen Passanten, der leicht verdutzt an meinen frischversteckten Ostergrastöpfchen mit Süßigkeit vorbeischritt mißtrauisch beäugt habe, fahre ich, nachdem ich gewartet habe bis er ausser potentieller Umkehr-und-Eierklau-Reichweite heraus war, wieder von den Schmetterlingen in meinem Bauch beschwingt, nach Hause. Mein Freund, den ich dazu nötigte durchzumachen, damit er auch ja nicht verschlafe schaut mich aus dunkel umrandeten Augen hundemüde und verwirrt an. Auch er hat keine Ahnung, wohin es sie gleich verschlagen wird.
Inzwischen ist es sieben. Ob ich es wage, sie zu wecken? ...vielleicht mal ganz scheinheilig ins Zimmer spähen..? Die todsichere Methode mich zu wecken, schlägt auch bei ihr an. Nach einem ans Bett gebrachten Kaffee ist sie (relativ) munter und meines Erachtens nach bereit, mit dem Kommenden konfrontiert zu werden. Freudestrahlend überreiche ich ihr den ersten Hinweis samt Osterhasen.
"Mh...Zettel..?" kommt es von ihr. Doch sie fackelt nicht lange und begreift. Ein erstes Flackern in ihren Augen und sie geht, viel munterer zum Backofen, öffnet ihn und freut sich. Danach geht sie zum Briefkasten und freut sich noch ein wenig mehr.
Als sie in den Keller geht, ahnt sie was kommt. Und ein Grinsen macht sich auch bei ihr breit, nachdem sie erstaunlich schnell auf die Lösung kam.
Zwar ist es für ihre rheumageplagten Glieder zu kalt zum Fahrradfahren, daher steigen wir zu dritt ins Auto um zum See zu fahren. In Brückenwächtermanier springe ich, immer noch mit dem beschwingten Gefühl vor die beiden und erkläre, dass rote Eier einen, grüne Zwei und blaue drei Punkte bringen würden und zudem ein goldenes, gut verstecktes, mit ganzen zwanzig Punkten irgendwo im Unterholz seiner Entdeckung harrte.

Sie machen sich auf um zu suchen, während ich koboldartig und giggelnd um sie herumspringe und mich darüber amüsiere, wie nah sie an ihren potentiellen Punkten vorbeilaufen. Allerdings nimmt die Suche im Morgennebel bald eine jähe Wendung. Eierschalen! Ich denke sofort an besagten Passanten und sehe mich argwöhnisch nach einer bewusstlosen Person um, die an einer Cholisterinvergiftung dahinsiechend auf ihr baldiges Ende harrt, doch dann fallen uns die Raben ins Auge. Der Passant ist von aller Schuld entlastet und die Suche neigt sich dem Ende zu. Während mein Freund es faszinierenderweise schaffte, ein Ei aus dem Osternest zu nehmen, letzteres an sich zu nehmen und ersteres unbeachtet liegen zu lassen, entpuppte sie sich als wahre Meisterin ihres Fachs und präsentierte das Gros der übriggebliebenen Eier und anderen kleinen Köstlichkeiten. Und sie lächelt.

Meine Mutter strahlt. Tief von innen heraus, ihre Augen leuchten. Es ist das erste mal, dass ich sie so glücklich sehe. Sonst überdecken die Sorgen ihre eigentlich schönen Gesichtszüge. Doch jetzt ist sie wirklich schön. Ihre Lachfältchen, Zeugen von fast 50 Lebensjahren kräuseln sich um ihre strahlenden blauen Augen, Zeugen des Kindes in ihr, das nach so langer Zeit des Schlafens an diesem Tag endlich wieder zum Spielen hervortrat.



geschrieben von: Julya

Du bist wieder da, liebe Elbin. Nach gut zwei Monaten kommt endlich ein Lebenszeichen von Dir und dann noch so ein schönes... *lächel*
Ich hatte beim Lesen fast das Bedürfnis mich zu bedanken... für Deine Mutter. Dafür, daß Du ihr mit soviel Liebe und Herzblut ein Stück Lächeln geschenkt hast.
Quakender Nebel - Frösche in einem nebeligen See - im Rauschen der Maschinen - in der Nähe des Bahnhofes mit seinen Geräuschen.... wirklich schön umschrieben... Ich musste aber dennoch einen Moment überlegen, aber ich schiebe das einfach mal auf meine Müdigkeit ;-)
Ach, liebe Nachtelbin.... vergiß uns nicht und laß wieder etwas von Dir hören. Ich freue mich über jedes Wort. :-)


Alles Liebe und viele Grüße


~Julia~



geschrieben von: Nachtelbin

Danke für die lieben Grüße, Julya. :)

Und keine Sorge, ich vergesse bestimmt niemanden (vor allem keine Tapferen Mitstreiter/innen gegen das Schlammmonster), höchstens mal meine Internetrechnung oder den Virenscan (was mir auch den größten Zeitanteil meiner Abwesenheit hier verschafft hat).

Ebenfalls viele Grüße an dich,

Sarah :)



geschrieben von: Clytie

Das ist noch viiiel schöner, als du gestern in der Mail beschrieben hast! Deine Mutter hat sich bestimmt riesig gefreut, bei der Mühe, die du dir gemacht hast...

Bei der Stelle, an der du von den Raben und den Eierschalen schreibst, musste ich daran denken, dass beim Eiersuchen bei uns zu Hause früher immer irgendetwas nicht gefunden wurde - ein Schokokäfer oder ein einzelnes Ei... Obwohl jedes Mal genau notiert wurde, was wo versteckt worden war. Irgendwann haben wir das halt als legitimes Opfer an den Garten erklärt...;)

Ostern find ich auch schöner als Weihnachten...:)

Schön, dass du wieder da bist *ganz lieb knuddelt*

Clytie.



geschrieben von: Nachtelbin

Zitat:
Original geschrieben von Clytie
Irgendwann haben wir das halt als legitimes Opfer an den Garten erklärt...;)


Ja, so ungefähr haben wir das dann (in waldlicher Abwandlung) auch gehalten, zumal ich ja im Prinzip auch daran hätte denken können, dass Raben ihre Frühstücksbestandteile nicht unbedingt nach Farbe auswählen müssen - eher nach dem Motto "picken wir drauf herum, wenn's aufgeht wirds gefressen"..aber ob das auf die Knopperspackungen auch zutraf..?

Aber das Szenario hatte etwas emotional-ovo-obstlerisches.

...Eierschalen im Morgentau..

...was uns, mithilfe von Bilbo Birne, übrigens zu einer Foto-love-story inspiriert hat. Es hatte also auch was gutes.

Zitat:
Schön, dass du wieder da bist *ganz lieb knuddelt*

Clytie.



Merci& Bonne nuit,

Sarah. :)





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