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Kreativität und Sinn für Ästhetik

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geschrieben von: Menedemos

Mir sind immer wieder zweierlei Menschentypen begegnet: Die einen haben einen bewundernswert ausgeprägten Sinn für guten Geschmack, sind vollkommen stilsicher, erkennen stilistische Fehlgriffe mit tödlicher Sicherheit. Doch diese sind oft vollkommen unkreativ, bringen keine eigene Kunst zustande.

Die anderen sind halsbrecherisch kreativ, doch sie sind oft nicht sehr stilsicher.

Von solchen, die weder das eine noch das andere sind, wollen wir hier nicht reden. Natürlich gibt es auch solche, die sowohl kreativ, als auch einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik haben, doch die sind nur sehr selten, und das sind wohl die, die wir als die großen Künstler kennen.

Ich wollte aber fragen, wie es steht mit dem Verhältnis von Ästhetik und Kreativität. Könnte es sein, daß der Sinn für Ästhetik die eigene Kreativität lähmt? Weil man vielleicht tausend hohe Hürden sieht, die die anderen nicht erkennen?

Wenn ja, wie könnte man das jeweilige Defizit vielleicht ausgleichen?

Es gibt heute immer mehr Menschen, die künstlerisch und kunsthistorisch hochgebildet sind, aber immer weniger schöpferische Menschen, wie mir scheint. Dazu fällt mir eine Aussage des (allerdings sehr mit Vorsicht zu genießenden) Kulturphilosophen Oswald Spengler ein: Der Mensch in der "hellenistischen", zivilisierten Epoche (damit meint er die heutige Zeit, die er als eine Zeit der Stagnation, ja des Niedergangs begreift) ist hochintellektuell, aber hat keine Schöpfungskraft mehr. Je bewußter sich der Mensch nämlich wird, desto weniger Kreativität schlummert in ihm. Als treuer Nietzscheschüler wird er sicher auch dessen Satz im Hinterkopf gehabt haben: Nur wer noch einen Funken Chaos in sich hat, kann tanzende Sterne gebären.

Was ist von all dem zu halten?



geschrieben von: Sanna I.S.P.

Zitat:
Ich wollte aber fragen, wie es steht mit dem Verhältnis von Ästhetik und Kreativität. Könnte es sein, daß der Sinn für Ästhetik die eigene Kreativität lähmt?

ich würde meinen, dass ein kreatives talent nicht ohne eine gewisse ästhetische begabung und empfinden seiner kreativität ausdruck verleihen kann. beides geht hand in hand, wie man so schön sagt - kreativität ohne ästhetik wirkt leblos, künstlich geordnet, oder willentlich dem chaos verschrieben, aber keines von beiden mag das herz und den sinn von betrachtern in der art gefangen nehmen, wie man das bei so vielen großen künstlern ja beobachten kann.

ästhetik ohne kreativität gibt es so (meiner meinung nach) nicht, aber was du meinst, ist vermutlich ästhetisches verständnis von dingen, die andere durch ihre kreative schaffenskraft hervorgebracht haben - ich glaube allerdings, dass diese form von ästhetik eine erlente sein kann - man prägt sich sozusagen muster ein für formen, farben etc. und wendet diese dann an; freilich gehört übung dazu, und nicht jeder ist fähig, diese art von ästhetik in diesem sinne zu "erlernen". und eben diese "gelernte" erworbene ästhetik ist es, die auf die eigene kreativität lähmend wirken kann, wie du es beschreibst - sie gleicht einer zwangsjacke, oder besser noch, einem viel zu fest verschnürten mieder, das den körper in eine für die allgemeinheit hübsche und ästhetische form bringt, aber dabei die natürliche schönheit des körpers zerstört und unterbindet.

diese kreativität wiederzuerlangen ist vielleicht nur möglich, indem man sich dieser fesseln bewußt wird, und weiters, versucht, sich von ihnen zu befreien, sie nur als eine mögliche, aber nicht zwingende richtlinie am äußeren rand wahrnimmt.

Zitat:
Die anderen sind halsbrecherisch kreativ, doch sie sind oft nicht sehr stilsicher.

hier würde es meiner ansicht nach, zum gegenteiligen extrem kommen; eine allgemeingültige ästhetik wird gar nicht erkannt, oder vollständig aus dem sichtfeld verbannt. die kreativität hat so, in dieser extremen ausformung keinen übereinstimmungspunkt (ausser aus purem zufall) mit der stilkonvention der masse, und wird daher von denen, die diese für sich doch befolgen als ästhetisch unschön, unangenehm oder wie du es beschriebst wenig stilsicher angesehen.

Zitat:
Es gibt heute immer mehr Menschen, die künstlerisch und kunsthistorisch hochgebildet sind, aber immer weniger schöpferische Menschen, wie mir scheint.

dieser vermutung kann ich nur widersprechen; ich besuchte eine schule mit mehreren schwerpunktsetzungen, wobei einige in eine künstlerische richtung gingen. die schüler, die diese klassen besuchten, waren nahezu alle künstlerisch hochbegabt, oft in mehr, als nur einer kunstrichtung, ja fast genies auf ihrem gebiet, diamanten, wenn auch roh, und ungeschliffen. doch handelt es sich dabei, wie ich mir sagen ließ, und mich selbst erkundigte, nciht um eine einzelerscheinung.

auch meine erfahrungen, die ich sonst machte, zeigten mir kein bild von einer "aussterbenden" oder schwindenden künstlerfraktion, wohl aber haben sich die verhältnisse verschoben, sodass es vormals weniger kunsthistorisch gebildete gab, als heute, allerdings bei gleichbleibendem künstlerischem potential in qualität und quantität.

Zitat:
Je bewußter sich der Mensch nämlich wird, desto weniger Kreativität schlummert in ihm.

diesem satz möchte ich das beispiel eines dichters entgegenhalten, der, wäre er sich selbst nicht bewußt, niemals die werke zustande bringen könnte, die er zu schaffen befähigt ist. wie vielen großartigen lyrikern diente nicht das eigene selbst, die beobachtung des inneren kerns als hervorragendste motivaton für ihre werke.
die kunst wäre um vieles ärmer, wenn sie durch das wissen um sich selbst an schönheit verlieren würde. zwar mag man dem entgegnen, dass die schleier, die über den dingen liegen, die geheimnisse selbst viel anregender sind, als das offensichtliche, das bereits gewußte, doch wirft alles neue wissen immer mehr fragen auf, die nicht zu beantworten sind; neue geheimnisse, die noch tiefer reichen und umso mehr die kreativität fördern und anregen.



geschrieben von: neptunia

Zitat:
neues entsteht nicht durch den intellekt, sondern durch den spielinstinkt, der aus innerer notwendigkeit agiert. der kreative geist spielt mit den objekten, die er liebt.
c.g. jung


menedemos, ich würde sagen, die, die so unendlich stilsicher sind, gehen nicht das risiko ein, daneben zu langen und beschneiden ihren spieltrieb. die, die ihren spieltrieb ausleben, gehen einen weiten weg durch stilbrüche inklusive fettnäpfchen. nur wenige finden den goldenen weg mit spieltrieb und ohne fettnäpfchen ... aber ob alle "großen und wahren" künstler diesen weg gefunden haben? oder einfach ihre fettnäpfchen einen neuen stil genannt haben?? hm ... ;)

und die sache mit der ästhetik ... sie ist verbunden mit dem zeitgeist und den persönlichen vorlieben. gut, und mit der zeit an sich, unser sehnen nach den alten guten zeiten lassen die seltsamsten ausgeburten von kreativität in einem eigenartigen ästhetischen glorienschein erscheinen ...

und ich gebe sanna recht (wenn ich es recht interpretieren): was als "schöne" kunst vorgeschrieben ist, schränkt uns in unserer wahrnehmung und in unserem eigenen drang, schönes zu erschafffen, ein. (vielleicht ist das der grund, warum ich durch manches museum durchrase, um vor einer "nichtigen" zeichnung die folgenden zwei stunden zu verbringen ... ich folge meinem bauch und sauge auf, was er mir rät.) nur noch eine frage: kann man, soll man ästhetik auf "schönheit", ausgewogenheit, stimmigkeit reduzieren?

und: "neue geheimnisse, die noch tiefer reichen und umso mehr die kreativität fördern und anregen" - das ist (meiner meinung nach) dieses bauch-ding. während eines kreativen akts schaltet sich intuition dazu, bisweilen entgegen dem ästhetischen empfinden. läßt man dies zu, kann neues entstehen ...

ist die frage darum nicht zu erweitern?
wieviel ästhetik darf ich zulassen, um kreativität fließen zu lassen? was gehört noch dazu? spieltrieb? intuition? revolution?



geschrieben von: Menedemos

Ich kann eure interessanten Ausführungen nur auf mich wirken lassen, ohne ihnen irgendwo widersprechen zu können oder zu wollen. Nur mit einem Punkt bin ich (noch?) nicht ganz einverstanden. Ihr begreift (insbesondere neptunia) Ästhetik offenbar eher als Konvention, möglicherweise gar als etwas altbackene Konvention. Ohne daß ich ansatzweise sagen könnte, auf welchem Weg sich Ästhetik objektivieren ließe, bin ich davon nicht ganz überzeugt, ich glaube, daß es durchaus ästhetische Grundsätze gibt, die für JEDE Kunst gelten und die selbst eine künstlerische Revolution nicht brechen kann noch brechen will.

Natürlich kann man Ästhetik nicht auf Schönheit, Ausgewogenheit reduzieren, das will ich auch gar nicht. Es gibt auch die Ästhetik des Häßlichen, spätestens seit Baudelaire bekannt und anerkannt.

Ich stimme dir aber ohne Einschränkungen zu, daß Kreativität "aus dem Bauch heraus" kommt, daß der Intellekt die Kreativität als solche sicher nicht befördert. Nicht umsonst dilletieren manche hochgelahrten Germanistikprofessoren mit grottig schlechten Gedichten. Das Jung-Zitat finde ich sehr aussagekräftig.

Aber vielleicht führen "Revolutionen" in der Kunst ja dazu, einfach neue Erscheinungsformen der Ästhetik aufzuzeigen, die Kunst zu erweitern. Keine Ästhetik irgendeiner Kunstepoche hat die der vorhergehenden ihre Berechtigung abgesprochen oder sie gar widerlegt. Was irgendwann gut war, bleibt auch gut. Wenn Ästhetik NUR Konvention ist, dann müßte ja das Alte, was dann nicht mehr der aktuellen Konvention entspricht, als minderwertig, als Schund abgelehnt werden, was praktisch nie der Fall ist.

Soweit meine vorläufigen Überlegungen zu dieser Frage...



geschrieben von: Sanna I.S.P.

Menedemos,
Zitat:
Was irgendwann gut war, bleibt auch gut. Wenn Ästhetik NUR Konvention ist, dann müßte ja das Alte, was dann nicht mehr der aktuellen Konvention entspricht, als minderwertig, als Schund abgelehnt werden, was praktisch nie der Fall ist

du hast recht, für einen bestimmten fall; nämlich in dem, bei dem es sich um geniestreiche sozusagen handelt, oder um ein schöpferisch-kongeniales zusammenwirken, wie man es schließlich in zusammengefaßten kunstströmungen erkennen kann. diese halten praktisch ewig vor, es sei denn man betrachtet sie mit einer gewissen verblendung, was hier aber nicht gegenstand dieser betrachtung sein soll.

handelt es sich allerdings um eben eine solche art von ästhetik, wie du sie in dem beispiel des eingangsthreads beschriebst, wie der mode, verhält sich das etwas anders.
diese ästhetik ist schnellebiger, richtet sich eher nach wünschen der menschen, oder sagt ihnen gar, was sie sich wünschen sollten, wohingegen kunst im höheren sinne, an etwas inneres appeliert, das "da" ist, ohne dass kulturell oder gesellschaftlich etwas hinzugegeben werden müßte. diese form wird in späteren zeiten oft genug als schund bezeichnet, und mit recht, wie mir persönlich teilweise scheint.

also müßte man zwischen einer allgemeinen, "elitären" form von ästhetik sprechen, und einer von kulturellen einflüßen abhängigen anderen ausprägung - wenn man möchte, könnte man sie auch in "natürlich" und "künstlich" einteilen.
vielleicht ist es auch genau dieser unterschied, der kunst wirklich zur kunst macht, und nicht nur zu einem produkt zur befriedigung etwaiger bedürfnisse der menschen.



geschrieben von: neptunia

ich überlege mir gerade, ob es nicht auch irgendwie mit der intention des "kunstschaffenden" zusammen hängt.

ein beispiel aus der gegenwart:
ästhetik läßt sich in der bildenden kunst und in der werbung finden. (manchmal ;) ) ich behaupte jetzt einfach mal, daß die bildende kunst zum großteil in die heiligen hallen der ewigen ästhetik wandern wird (zumindest das, was nicht vergessen wird). die werbekunst, die nicht unbedingt qualitativ schlechter sein muß, wird nur zu einem geringen bruchteil überleben.

die arbeit, die in der werbung steckt, sollte man nicht unterschätzen, sowie die suche nach der beeinflußenden schönheit. trotzdem ist sie seelenloser (vielleicht auch seelenüberfüllt), weil sie nicht aus einem kopf und einem bauch entstand - und nicht zum selbstzweck.

dagegen ist ein kunstwerk, das nur den reinen selbstzweck hat, gefüllt mit dieser geheimnisvollen seele, dieser sehnsucht, diesem suchen ... und somit einem stück unendlichkeit.

schweife ich ab?



geschrieben von: Sanna I.S.P.

oh, ich zweifle nicht an der mühe, oder der fähigkeit der leute, die kunst für diese zwecke, wie werbung etc. schaffen, doch wie du es ja selbst beschreibst - sie schaffen etwas zu einem fremden zweck, sie ringen sich (vielleicht) etwas ab, was ihrer natürlichen neigung dahingehend, was das schöpferische betrifft, in gewissem maße widerspricht, und nicht in vollstem maße aus ihrem wesen allein kommt.

die kunst, die überlebt, ist oft eigentümlich, sodass seit jeher ihre schaffer oft nur das notwendigste hatten, um zu überleben, ausser ein glücklicher zufall bescherte ihnen einen verrückten, der sie als mäzen honorierte, entweder, weil er selbst wirklich gefallen an der kunst fand, oder, weil er einen prestigegewinn erreichen wollte. ("verrückt" sollte hier nicht bös' gemeint sein ;))

wer als künstler den genialen wurf schafft, und mit seinem werk den geschmack der zeit, und der menschen trifft, hat's wohl "geschafft".

Zitat:
dagegen ist ein kunstwerk, das nur den reinen selbstzweck hat, gefüllt mit dieser geheimnisvollen seele, dieser sehnsucht, diesem suchen ... und somit einem stück unendlichkeit.
ja ... ich denke das trifft es.
natürlich hast du den vorteil, aus erster hand schildern zu können; ich bin einer der unglückseligen, die Menedemos beschrieb ;).

Zitat:
schweife ich ab?
nö, du bleibst doch beim thema, und dies ist dafür wichtig, würde ich meinen.



geschrieben von: LaChatte

Zitat:
trotzdem ist sie seelenloser (vielleicht auch seelenüberfüllt), weil sie nicht aus einem kopf und einem bauch entstand - und nicht zum selbstzweck.


Ich habe Mühe, dieses Argument zu akzeptieren, da viele Werke, die heute als gross, bedeutend und dauerhaft betrachtet werden, als Auftragskunst enstanden sind. In gewissen Perioden sind nicht im Auftrag entstandene Werke eher die Ausnahme als die Regel. Man denke nur an Michelangelos Fresken in der sixtinischen Kapelle, zum Beispiel. Mozart und Bach schrieben auch praktsisch nur Auftragsmusik, und dennoch sind ihre Werke genial, seelenvoll und voll gültige Kunst.

Ob eine Werk Arbeit als Kunst bezeichnet werden kann oder nicht, hängt sicher auch von der Intention des Schaffenden ab. Nämlich, entweder die best mögliche Arbeit zu leisten, die mensch gerade leisten kann - dann kanns Kunst werden - oder mit dem Blick auf die Uhr fünf Minuten vor Feierabend irgend was hinzuschmieren, ohne aufmerksam bei der Sache zu sein - dann riskierts, einfach banal zu sein.

Zitat:
Ohne daß ich ansatzweise sagen könnte, auf welchem Weg sich Ästhetik objektivieren ließe, bin ich davon nicht ganz überzeugt, ich glaube, daß es durchaus ästhetische Grundsätze gibt, die für JEDE Kunst gelten und die selbst eine künstlerische Revolution nicht brechen kann noch brechen will.


Es gibt offenbar einen menschlichen Sinn für Proportionen, die quer durch alle Kulturen als harmonisch und schön empfunden werden. Bekannt ist sicher allen der "Goldene Schnitt", der der Fibonacchi-Reihe 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89, 144 etc, wobei sich der Quotient zweier aufeinander folgender Zahlen der Reihe immer mehr dem Verhältnis des Goldenen Schnittes 1.61... nähert.

Diese natürlichen Proportionen kann man auch überall in der Natur, und vor allem in annähernd geometrischen Formen wie dem Wachstum von Pflanzen finden, die auch wiederum der grösste Teil aller Menschen als schön empfindet.

Zu grosse Harmonie und perfekte Symmetrie andererseits wirkt nicht mehr optimal schön, sondern kalt und technisch. Die Griechen haben dies beim Bau ihrer perfekt harmonierenden Tempel bedacht und bewusst in jedes Bauwerk eine kleine Unvollkommenheit eingebaut, da Perfektion nur für Götter ist, nicht aber für Menschen. Und oft sind es die kleinen Unregelmässigkeiten und Abweichungen von der perfekten geometrischen Norm, die ein Gegenstand oder ein Gesicht oder ein Wesen erst reizvoll machen und ihm Charakter und das "gewisse Etwas" verleihen.



geschrieben von: Sanna I.S.P.

Zitat:
Ich habe Mühe, dieses Argument zu akzeptieren, da viele Werke, die heute als gross, bedeutend und dauerhaft betrachtet werden, als Auftragskunst enstanden sind.
und nichtsdestotrotz lagen die "aufträge", die diese künstler erhielten sehr oft (und um ein vielfaches öfter als heutzutage) auch in der gewollten intention des künstlers.
viele maler, die für die kirche tätig waren, und werke schufen, hatten einen festen glauben, und sie sahen es nicht als "arbeit" an, im heutigen sinn davon, sondern vermutlich eher als gelegenheit, oder heilige pflicht des herzens.

Zitat:
mit dem Blick auf die Uhr fünf Minuten vor Feierabend irgend was hinzuschmieren
den zeitdruck, wie wir ihn heute kennen, fühlten die meisten der früheren künstler etc. nicht so, damals gab es kein "5 minuten bis schluß" die leute arbeiteten einfach - so wie man das heute auch noch bei manchen beobachten kann.

ein mozart hätte in seinem leben nie die fülle an werken schaffen können, wenn er nicht freude daran gehabt hätte; und ich glaube, man kann sagen, dass er bei keinem stück die intention hatte, es einfach schnell hinzuschmieren - das ist eben ein zusätzlicher unterscheidungspunkt - er schuf ein werk, denke ich nicht in erster linie, um einen auftrag zu erfüllen, sondern um des werkes willen, und das zeigt sich in seiner art wie er sein leben lebte.

jemand, der seine arbeit oder sein werk vollbringt, um dieser arbeit willen, schaut nicht auf die zeit, sondern auf das ergebnis.

Zitat:
Die Griechen haben dies beim Bau ihrer perfekt harmonierenden Tempel bedacht und bewusst in jedes Bauwerk eine kleine Unvollkommenheit eingebaut, da Perfektion nur für Götter ist, nicht aber für Menschen.
wenn ich jetzt auf die "richtigen" "unvollkommenheiten" eingehe, dann war es meines wissens so, dass diese gerade darum eingebaut wurden, um ein möglichst perfektes bild zu schaffen, denn die vollkommenen geometrischen formen würden bei einer betrachtung nicht mehr stimmig aussehen, was durch gewisse veränderungen (abänderung der säulenbreite in die höhe, oder die der breite des tempels in der tiefe etc.) vermieden werden konnte. es war gerade diese vollkommenheit für das auge, nicht auf dem papier, die sie anstrebten.



geschrieben von: neptunia

lachatte, wie sanna schon sagt, auftragsarbeit ist nicht automatisch seelenlos. in der regel wird ein künstler mit einem werk beauftragt, weil der stil und die kraft gewünscht ist, die man in seinen arbeiten findet ... (oder weil sie öffentlich anerkannt sind ...)

werbung funktioniert anders, da wird man als "kreativer" dazu gebracht, gegen den eigenen stil und der intuition dinge zu schaffen ...

(offtopic: dabei fällt mir gerade ein, daß genau davon ich im moment die nase voll hab. mäzen? bist du da draußen? ich geb dir alles, wenn ich denn nur mal das machen dürfte, was ich will .... *seufz*)



und das ding mit der perfektion ... nehmen wir fibonacci ... ich halte seine regeln für eine nette arbeitshilfe (im übrigen sind die siemens internet-seiten nach diesen regeln aufgebaut - *insider*), sowie einige andere regeln (goldener schnitt, etc).

da fällt mir ein, ein gutes handwerk ist für "kreative" ein wichtiger punkt, um beim "schaffen" eine gute ausgangsbasis zu haben. ich hab schon etliche sehr kreative köpfe erlebt, die auf grund fehlender handwerklicher kenntnisse nur mittelmäßges geschaffen haben. fleiß sei das gebot ...

und die freude (sanna, respekt) muß da sein. definitiv. gibt kraft.


und dann noch die "unvollkommenheit". es scheint an der menschlichen wahrnehmung zu liegen. man denke an die optischen täuschungen. manchmal will die wahrnehmung getäuscht werden, um ein vollkommenes bild zu sehen.
(im übrigen läßt sich all dies natürlich auch auch musik und wort übertragen. ;) )



geschrieben von: Any Body

.... ästhetisches verständnis hat meines erachtens nicht unbedingt etwas mit kreativität zu tun. als kreativer hat man optimaler weise die historie der formen, stile und farben zu lernen, doch es ist nicht zwingend erforderlich.

es ist viel eher der persönliche spürsinn und die art und weise wie jemand seinem empfinden nach ästhetik ausdruck verleiht. manch einer tut dieses, in dem er bestimmte stoffe, materialien, moebel miteinander arrangiert, oder seinen fantasien durch zeichnen, schreiben oder fotographieren zu ausdruck bringt.

mir fehlen offen gestanden auch die kunsthistorischen kenntnisse. möchte ich mir wieder einmal einen einblick verschaffen, um das zu sehen, was andere als wertung bestimmter kreativität mit "kunst" titulieren, dann begebe ich mich in ein museum.

das beste beispiel um zu differenzieren zwischen ästhetik und kunst:

ästhetisch sind die freiräume, die freien flächen, die spärliche möblierung die einem den freien blick auf mögliche kunstobjekte gewähren. ...



geschrieben von: Fayve

Kreativität ist Offenheit zur Vielseitigkeit.Wer kreativ ist denkt über mehr möglichkeiten nach und deswegen sind Stile keine Grenzen.

Man kann versuchen einen Stil zu perfektionieren,das heißt das man einen Stil ordnet man sucht nach der idee und grundprinzipien des Stiles und kann das aussotieren was dem widerspricht.

Jemand der Kreativ ist ist nicht umbedingt weiterentwickelt als jemand der sich mit einem bestimmten Stil beschäftigt.
Ein Kreativer hat ein Allgemeinwissen über Stile und jemand der einen Stil perfektioniert ist Spezialist in einem Stil.

Wer sich immer mehr in einen Stil vertieft verliert die meist die Offenheit für andere Stile ,weil er sich spezialsiert hat.
Man hat sich mit einem Stil beschäftigt und erkennt die Ordnung des Stiles ,jeder andere Stile wäre etwas fremdes dessen Ordung es erst noch zu entschlüsseln gilt.Manche sind nicht offen genug dafür und versuchen es gar nicht erst .

Kreative Menschen sind ganz einfach offener für andere Stile.

Die Beurteilung ob ein Bild oder irgend etwas Ästetisch ist folgt Kriterien,also irgendwelchen Gundprinzipien.
Meistens is das eine Ordnung ,wenn etwas ganz klar einer bestimmten Ordnung folgt ist dies Ästhetisch.

Wer also eine Ordnung eines Stiles versteht kann ästhetische Dinge schaffen.
Kreative Menschen sind offen,also sind sie auch offen für das Chaos.
Das Chaos ist eine Unordnung ,also etwas unästhetisches?!

Wenn Ästhetik eine Ordnung ist grenzt es auf jeden Fall ein,und kreative Menschen sind offen.
Die Ästhetik zwingt einen dazu sich einzugrenzen.

so das waren erst mal meine Gedanken dazu....:rolleyes:



geschrieben von: Demon17

Ich habe jetzt nur das Eingangsposting gelesen um meine Kreativität nicht durch die Erinnerung an die Kommentare der anderen zu ersticken. Ein Professor von mir, der Theoriebildung als Kunst begriff, sagte immer: Reduktion von Komplexität zum Aufbau eigener Komplexität. Soll heißen, wer sich immer nur mit der Kunst anderer beschäftigt, wird wahrscheinlich selbst nie viel neues schafen. In meiner Zeit bei EFA, (Energie für Alle/Motto: Life is to short for boring Music (im Hintergrund ein Atompilz) hatte ich gelegentlich Kontakt mit Musikern. Mir fiel auf, das die meisten von ihnen, besonders die eigenständigen, unverwechselbaren sich nicht besonders gut auf dem Musikmarkt auskannten. Ich gehe deshalb davon aus, das kreative Menschen zwar ein Stilempfinden haben müssen, denn sie entwickeln ja ihren eigenen Stil, sich aber kaum mit den Stilen anderer befassen. Noch eine Erkenntnis aus der Chaostherie: Aus jedem Chaos entsteht eine neue Ordnung, ohne Chaos nichts neues.

Insofern hatte Nietzsche schon recht. Allerdings hatte er glaube ich nicht erkannt, das auch das Chaos nur ein Stadium jeder Entwicklung ist.

never surrender

demon17



geschrieben von: LaChatte

Zitat:
Soll heißen, wer sich immer nur mit der Kunst anderer beschäftigt, wird wahrscheinlich selbst nie viel neues schafen.


Da gibts ja das böse Wort, dass ein Kritiker bloss ein verhinderter Künstler ist... ich denke, da ist ein wahrer Kern darin. Allerdings wird einer, der nur Nabelschau betreibt, ebenso wenig in der Lage sein, gute Kunst zu schaffen.

Von Picasso ist bekannt, dass er immer wieder alle möglichen Stilrichtugnen imitierte - und es zum Ärger der andern stets besser machte, dass er Ideen aufgriff und sie dann nonchalant zur Reife entwickelte.

Edward Betts meint in "Master Class in Watermedia", dass das Beobachten und Skizzieren der Natur eine wichtige Grundlage dafür sei, sich ein Formenrepertoire zu erarbeiten und dass Bilder, die "nur aus dem Kopf" entstehen, oft der Autentizität mangeln.

W. Somerset Maugham meint im Vorwort zu seinem autobiografischen Roman "of Human Bondage" dass ein Schriftsteller überzeugend nur über Orte und Situationen schreiben könne, die er selbst schon gesehen und erlebt habe.

Kreativität ensteht nie im luftleeren Raum, sondern sie entsteht aus der Verbindung von "Aussen", der Beobachtung der Welt, und "Innen", wie die Künstlerin diese Welt wahrnimmt. Ein Künstler lässt quasi die Mitmenschen daran teilhaben, wie er sich innerlich fühlt im Kontakt mit dem Äusserlichen.

Und Ästhetik ist dann eine Sache der Theoretiker und Kritiker - der Nicht-Künstler und Nicht-Kreativen - die aus schon bestehenden Kunstwerken - aus Werken, die Menschen emotional berühren - heauszufinden versuchen, warum diese Werke - und warum nicht andere - Menschen emotional berühren.



geschrieben von: Demon17

Es stellt sich dann allerdings die Frage ob Kunsttheorie und -Kritik nicht auch eine Form der Kunste sein kann. Schließlich macht der Kritiker mit dem Kunstwerk des Künstlers nichts anderes als dieser mit seiner Umwelt, er interpretiert und appräsentiert.:p



geschrieben von: LaChatte

Zitat:
Es stellt sich dann allerdings die Frage ob Kunsttheorie und -Kritik nicht auch eine Form der Kunste sein kann. Schließlich macht der Kritiker mit dem Kunstwerk des Künstlers nichts anderes als dieser mit seiner Umwelt, er interpretiert und appräsentiert.


Da hast du nicht unrecht. Ich bin schon einige Male mit einem Blatt, wo die Bilder beschrieben werden, im Museum gestanden und habe recht verzweifelt versucht, irgend einen Zusammenhang zwischen dem Bild, das vor mir hängt, und dem Text, der zum Bild passen sollte, zu finden. Oft vergeblich. Ich erinnere mich an einen Kommentar, der den "stammelnden Mystizismus" eines Bildes besang - ich fand im Bild weder Stammeln noch Mystik.

Allerdings würden sich Kunstkritiker hüten, ihre Machwerke selbst als Kunst zu bezeichnen, weil sie sich damit ja selbst wiederum der Kritik aussetzen würden, und dazu fehlt ihnen ganz offenbar der Mut.:D :p ;)



geschrieben von: Demon17

Ich nehme an irgendwann fehlt es dann einfach am Publikum, das erstens das Kunstwerk kennt, zweitens die Kritik dazu und drittens die Kritik der Kritik.;)

Ich hab mal mit einem Literaturwissenschaftler gesprochen, der über Shakespear promovierte. Er schrieb die 26.te Fassung wie ein gewisses Drama denn nun zu lesen sei und meinte selbst er verstiege sich da aus dem Zwang zur Originalität heraus etwas. Denn es mußte ja was neues sein.





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