Berlin-Friedrichshain, Ringcenter, Untergeschoss bei Real, Lebensmittelabteilung: Willkommen in Erwins Delirium. Auf dem Wege zu meinem Lebenselixier Kakao, lustwandelte ich anfangs noch arglos durch die hohen Regale. Einmal quer durch den ganzen Laden. Nur um an etwas Kakao zu kommen.
Für Kakao würde ich töten. Aber das nur nebenbei...
Etwa ab der Mitte des Ladens höre ich Erwins Frau schon von weitem: Erwin, nu komm doch schon !! Erwin, nu nimm doch nicht so viele !! Erwin, Du weißt doch, daß Du nicht sollst... !! Und so weiter. Mal schimpft es von näher, mal von ferner, mal aus dieser Richtung, mal aus jener. Sie sparte nicht mit Stimme, permanent hatte ich sie im Ohr.
Nachdem Erwin schon eine ganze Weile nicht mehr gemaßregelt worden war, ich begann schon mich darüber zu wundern, hörte ich Erwins Frau plötzlich wieder. Ich drehte mich im langsamen Gehen etwas nach links herum, der Stimme entgegen, und da sah ich ihn: Ein gebeugter, unbeholfener Gnom von etwa 60 schlich etwa von dort in mein Gesichtsfeld, von wo kurz vorher noch die Stimme gekommen war. In einem von diesen metallenen Bügelkörben, die immer so ekelhaft in die Handfläche schneiden, sortierte der charismatische, kleine Kerl im Laufen seine bescheidenen Einkäufe. Ein Kakaotrinker wie ich.
Er war schon knapp an mir vorbeimarschiert, als eine nunmehr vertraute Stimme die friedliche Szenerie durchschnitt, diesmal dicht hinter mir: Erwin, ich spreche mit Dir !! Das war wieder seine Frau. Und noch eine weitere Stimme kommandierte hinter ihm her: Erwin, sie spricht mit Dir !!! Das war ich. Erwin horchte auf, hielt in seinem Tun inne, und drehte sich zu mir um. Entgeistert, aber bereits sichtlich belustigt starrte er mich an. Erwin, sie spricht mit Dir... wiederholte ich in mildem Tonfall. Unmerklich prallt er zurück als ich die linke Augenbraue sacht hebe.
Und Erwin ? Erwin vergisst neben Raum und Zeit und einigem anderen für einen Moment sogar seine Frau. Erwin fasst sich ein Herz und dann seinen ganzen Mut zusammen, und fängt für ein paar Sekunden an zu leben. Erwin grinst.... etwas löst sich in seinem Gesicht und mündet in ein heiseres, haltloses Lachen. Ein seltsames, bitteres Lachen. Nicht viel mehr und er hätte geheult.
Die alte Hexe kommt näher und nimmt Erwin, dessen Mimik in diesem Augenblick wieder völlig erstirbt, mit sich fort. Mit einer Extraportion Kakao kehre ich heim.
geschrieben von: Amy
Wow, was für eine Geschichte. Sie erinnert mich an etwas, auch wenn ich nicht weiß, an was.
Kein Wunder, das du darüber schreibst, es ist wohl einer dieser Momente, die man nicht vergisst, weil sie bizarr sind oder schön oder traurig.
Kakao-Trinker? da kenn ich noch jemanden.
Alles Liebe (und schreib noch mehr von solchen Momenten)
geschrieben von: Ravna
Bei dieser Geschichte werden einem die unterschiedlichen bizarren und absurden Eigenheiten menschlicher Beziehungen wieder bewusst...
Da kommt man mit den eigenen Beziehungen gleich wieder viel besser zurecht.:)
Eine sehr interessante Geschichte, macht viel Spaß beim lesen....
Gruß
Ravna
geschrieben von: Black Reaper
Wie absurd mancheine Situation doch ist... Wenn ich diese Geschichte so lese, dann fliegen mir viele Gedanken durch den Kopf von irgendwelchen Leuten, die auch so "komisch" waren... Die auch irgendwelche an sich absurden Marotten hatten...
Jedenfalls eine schöne Geschichte aus dem Alltag... und trotzdem nicht alltäglich... Macht es dem Menschen doch seine eigene Absurdität (schreibt man das so?) deutlich...:)