Die winzigen Steine drücken sich mir in die zarte Haut unter den Füßen, aber es macht mir nichts aus, ich kenne Schlimmeres. Ich will nicht nach Hause, noch nicht, denn ich weiß ja, was dort auf mich wartet. Nichts, außer den kalten grauen Wänden meiner Wohnung, die leer auf mich hernieder blicken. Vielleicht sollte ich unter Leute gehen, um zu verdrängen, um zu vergessen, wie ich es immer tue. Ja, ich denke das wäre gut. Ich schleppe mich in das Café an der Ecke. Während mir die Sonne in die Augen stickt, sodass mein Blick getrübt ist, kann ich dennoch erkennen, dass sich eine ganze Horde eingefunden hat. Wer sind diese Leute? Woher komme sie und was machen sie hier? Eigentlich, wenn ich es mir so recht überlege ist es mir egal. Ich lasse mich in auf einer der verschlissenen Bänke am Rande nieder. Schon schlurft eine alte Lady, die hier schon seit Ewigkeiten die Bedienung ist, heran an meinen Tisch. Sie kennt mich, sie bräuchte nicht zu fragen was ich will, denn sie weiß es schon.
„Guten Morgen, Liebes. Was darf es denn heute sein? Das übliche?“
„Ja, wie immer ein schwarzer Tee mit Milch, was hätten Sie denn gedacht!?“
„Ach ja, ich weiß nicht, man trifft noch selten Menschen mit so fixen Gewohnheiten, wissen Sie ...“
Sie schleift sich zurück an die Theke. Stagniert meine geistige Entwicklung, ist mein Herz, mein Lebensgeist erstarrt? Ich denke nicht, vielleicht bin ich es einfach leid, mir selbst noch zusätzliche Veränderungen anzutun, wo ich doch echt schon genug am Halse habe. Viele davon habe ich mir bei Gott weder ausgesucht, noch gewünscht – ich musste sie auf mich nehmen, weil mir in meinem Leben nichts anderes übrig bleibt ... Gedankenversunken blicke ich auf, richte meine Augen auf das emsige Treiben auf den Straßen, alles scheint in Bewegung – ich nicht, ich bewege mich nicht mehr.
„Hier bitteschön, Liebes. Kann ich sonst noch etwas für dich tun?“
Ich fühle mich schwer, kann ihre Worte nur noch seicht an mir vorüber plätschern hören und mich nur schwer dazu aufraffen den Kopf zu schütteln. Ich sehe jemanden auf mich zukommen, aber noch erkenne ich ihn nicht. Ich kenne diesen Gang, diese Gestalt, aber ich kann es nicht identifizieren. Als sie sich an meinen Tisch setzt, ohne Begrüßung, nur mit einem leichten Nicken, da weiß ich es. Es ist meine Schwester.
„Na, was machst du denn hier schon um diese Uhrzeit?“
„Nichts, alles was ich fast jeden Morgen hier mache. Sitze rum, gaffe Leute an. Und du, das hier ist ja nicht gerade deine Gegend?“
„Das ist so typisch für dich ... Ich, ich war auf dem Weg zu deiner Wohnung, in der Hoffnung du wärst zu Hause, ich muss mit dir reden.“
„Na dann schieß los, was gibt’s denn?“
„Ich brauch dich nur zum reden, weil ja sonst niemand da ist.“
Wie toll nicht, weil sonst niemand da ist, was wäre denn, wenn jemand da wäre, würdest du dann nicht mehr zu mir kommen. Hey, ich dachte immer uns verbindet mehr als bloße Notwendigkeit!?
„Kannst du dir nicht denken, was schon wieder war? Vater hat schon wieder angerufen ...“
„Ich verstehe sowieso nicht, wieso du ihn nicht einfach abwürgst, ja überhaupt noch ran gehst!“
„Ach, du kennst mich ja, ich kann nicht, er ist mir ja damals so zur Seite gestanden ...“
Ja klar, er hat dir geholfen, ein völlig falsches Bild zu bekommen, um dich dann völlig zu enttäuschen und dir jegliche Werte zu rauben. Ich muss es mir verkneifen, aber wieso – du kennst meine Ansichten, du hast sie doch auch, tief in dir drin.
„... Ja, jedenfalls hat er mich wieder so fertig gemacht. Nachher hat mir noch stundenlang der Schädel geschwirrt. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren. Egal wie oft ich es ihm sage, er fragt mich immer wieder das selbe, er kapiert es einfach nicht, kann sich nicht einmal daran erinnern, würde man ihn Stunden nachher danach fragen. Aber ich tue es sehr wohl, es lässt mir keine Ruhe!“
„Und wie kann ich dir da helfen? Du weißt genau, dass ich keinen Rat dafür kenne.“
„Ich brauche keinen Rat, ich will einfach nur, dass du mit mir die Zeit totschlägst, bis jemand nach Hause kommt und mich weiterhin ablenkt.“
„Aber du weißt doch ganz genau, dass das nichts bringt. Doch wenn du es willst, möchte ich es gerne tun.“
Wir sitzen weiter im Café reden über alles andere weiter, nur nicht mehr darüber. Verdrängen, das konnten wir immer schon gut, auch wenn mir hinterher wieder alles hochkommt und ich es wieder auskotzen muss.
Stunden später entschließt sie sich zu gehen, zu versuchen, es allein auszuhalten. Aber ich weiß, sie wird es nicht schaffen, sie wird sich wieder in der Öffentlichkeit verkriechen. Aber ich kann nichts für sie tun.
Ich lasse das Kleingeld auf dem abgegriffenen Tisch liegen und verdrücke mich ebenfalls kurz nachdem ich sie mit geduckter Haltung die Tür verlassen sah. Ich denke ich sollte nach Hause gehen. Ich schlendere nun die engen Gassen entlang und verbrenne mir die Füße auf dem angeheizten Asphalt. Was macht das schon? Mit klirrenden Geräuschen entsperre ich das Schloss und stehe, immer noch mit nackten Füßen auf den kühlen Fliesen. Vor mir ein Spiegel. Ich sehe nichts. Ich laufe ins Bad, kann mich nicht mehr auf den Beinen halten, sinke zu Boden. Ich wimmere vor mich hin, ich kann nicht mehr. Wird dieser Tag denn kein Ende mehr nehmen? Muss der Schmerz immer wiederkehren? Ich schluchze und heule mir die Seele aus dem Leib – niemand da um es zu hören – stundenlang. Meine Nase beginnt wieder zu laufen, ich kenne das. Tränen vermischen sich auf meinen Lippen mit dem Blut aus meiner Nase. Da ist wieder mal etwas in mir explodiert. Der ganze Boden ist voll von den roten kleinen Tropfen, aber ich mache die Schweinerei sauber, später, irgendwann. Meine Augen brennen von der Wimperntusche, die hinein rinnt. Aber ich brauche jetzt nichts zu sehen, ich will es gar nicht. Für heute habe ich genug gesehen und gehört. Ich will vergessen. Ich kämpfe mich hoch, bleibe mit den Füßen in der roten Lache kleben und gehe schritt für Schritt in mein Zimmer, werfe mich steif auf mein Bett. Ich falle hinein wie ein Stein, schaffe es gerade noch, die Musik auf meinem Nachtkästchen anzumachen. Es dröhnt in meinen Ohren:
„Ich wollte dich töten, doch es ging nicht – ich liebte dich, doch es ging nicht, es ging nicht gut ...“
Der Song, wird alles auffressen, tief in sich verschließen, sodass es nie wieder aus mir hervorbricht. Außer, ja außer, wenn er wieder durch meine Gehörgänge rauscht, dann wird er mich überwuchten, überwältigen. Aber nicht jetzt, jetzt höre ich auf zu denken, zu fühlen, bin einfach weg ...
Es ist Nacht, ich finde mich im Bett wieder. Was war los? Ich kann nicht mehr schlafen, ich denke ich werde noch mal vor die Tür gehen. Ich packe mich zusammen und trete hinaus in den Neonschein. Alles so verwahrlost. Ich gehe weiter, weiter, bis an dein Haus. Ich will hingehen, aber irgendetwas hält mich ab. Dumpf kommt die Erinnerung daran. Ich sollte an dein Teich gehen, ein wenig eins mit der Natur werden, mir im Klaren über alles werden. Dort habe ich mich doch immer zuhause gefühlt, wenn ich es sonst nirgends mehr ausgehalten habe. Eingelullt im Rauschen, eingehüllt in die Dunkelheit und die Geräusche der Nacht marschiere ich achtlos die Straßen entlang. Immer weiter.
Also ich hoffe, dass nach dem Lesen halbwegs klar geworden ist, dass es sich hierbei nur indirekt um die fortsetzung handelt weil es der erste rückblick ist (ist vielleicht verwirrend, gehört aber so).
Kritik entweder gleich hier reinschreiben oder dort platzieren. Freue mich natürlich immer über konstruktive verbesserungsvorschläge!
geschrieben von: Adore
wenns vielleicht auch niemanden interessiert schreib ich es trotzdem:
die weiteren fortsetzungen werden von nun an in meinem Garten nachzulesen sein.