Es war eine warme Nacht. Der Montag neigte sich dem Ende. Ich war auf dem Nachhausweg. An diesem Tag war ich wach wie schon lange nicht mehr. Mein Kopf war frei, die Gedanken waren geordnet. Ich stieg die Treppe zum Bahnsteig herab. Kaum noch jemand war unterwegs. Ein paar Sicherheitsleute ließen sich über einen Landstreicher aus, der scheinbar jeden Abend aggressiv wurde, als sie ihn rausschmissen, wenn der U-Banhhof geschlossen werden sollte. Unten am Bahnsteig setzte ich mich auf eine Bank und hievte die schwere Tasche auf den Sitz neben mich. Ich muss wohl einen verträumten Eindruck gemacht haben, wie ich da so saß und vor mich hin grübelte. Jemand sprach mich an. Ein älterer Mann der die 40ig schon überschritten hatte. Seine Stimme war rauchig und man konnte den Alkoholeinfluss förmlich hören. Er lallte leicht. Das Bewundernswerte an ihm war die klare Rethorik. Trotz der alkoholischen Beeinträchtigung war seine Aussprache Glas klar. "Ist das die Bahn zum Milchhof?" Ich nickte und bejahte es wörtlich. Er nickte ebenso, nahm auf der Bank neben mir Platz und sprach ausgelassen weiter. "Normalerweise weiß ich wo der Milchhof liegt, manchmal vergesse ich es aber." Ich schenkte ihm ein verstehendes Lächeln. Die Bierdose in seiner Hand war ein ins Auge springendes Indiz, dass verriet woher seine Vergesslichkeit herrührte. "Vorhin habe ich eine Frau kennen gelernt, sie hatte Fusseln im Haar." Ich war erstaunt, vor ein paar Stunden sah ich im Bus ebenfalls eine Frau die fusselige Haare hatte. Ich fragte; "War die Frau schlank, zierlich und so um die 50ig? Hatte sie ein mürrisches Gesicht?" Er verneinte. "Nein, die war etwas dicklich, hatte lange schwarze Haare und war noch keine 50ig. Die Fusseln waren auch keine Fusseln. Ich wies sie draufhin und sie sagte es sei Wachs. Sie hatte überall Wachs an den Kleidern und den Haaren. Stammt von einer Party, hat sie gesagt." Eine Party. Seltsame Party wo man sich Wachs über den Kopf schüttete. Ich dachte an Soft Sado Maso, sprach es aber nicht aus. Stattdessen fragte ich ihn, was für eine Party das wohl gewesen sein konnte. Er war sich nicht sicher und sagte dann, er könnte sich da kein rechtes Bild machen. Eine Weile blieben wir wieder stumm, schauten uns ab und zu kurz an, lächelten, sagten aber nichts. Nach gut fünf Minuten brach er das Schweigen. "Ich war heute auf der Königsstraße, da merkte ich, dass ich mal groß muss. Also bin ich in den Wienerwald gerannt und kurz vor dem Klo habe ich mir in die Hose gemacht. Hier, man sieht sogar noch braune Flecken. Ich habe es nicht ganz raus gekriegt." Er hob das Bein und wies auf einen ekligen, matschfarbenen Fleck. Ekel stieg in mir empor, er saß Gott sei Dank ein gutes Stück von mir weg. Ich wollte das Gespräch beenden indem ich ihn ausschwieg, dies störte ihn aber nicht, er sprach weiter. "Ich leb in einem Männerheim, seit gut fünf Jahren bin ich Obdachlos. Ein ziemlicher Absturz." Mein Mitgefühl stieg und ich ließ mich trotz der vollgeschissenen Hose wieder auf eine Konversation ein. Ich erzählte ihm von meinen Zukunftsplänen. "Im September werde ich auf die Abendschule gehen, ich muss einiges aufholen. Mein Abitur mach ich nach, danach stehen sicher mehr Türen für mich offen als jetzt." Der Mann schien begeistert. "In Köln habe ich auch mein Abi an der Abendschule gemacht. Drei Jahre habe ich gebraucht. Ist ein gutes Gefühl das Abitur zu haben. Man kann damit nicht angeben, aber man fühlt sich selbst besser und man weiß, dass man was geleistet hat." Die Worte riefen mir eine Erinnerung ins Gedächtniss. Vor ein paar Jahren hatte ich schon den Hauptschulabschluss nachgeholt. Meine schulische Laufbahn war ein Desaster gewesen, gespickt mit hunderten von Fehltagen. Es war seitdem viel Zeit vergangen, ich war nun motiviert mir eine Zukunft aufzubauen. "Was ich nach der Abendschule mache weiß ich noch nicht. Vielleicht studier ich, was genau weiß ich nicht. Eventuell geh ich auch irgendwo in die Lehre." Meine Worte brachten Trauer in die Augen des Mannes, er schwieg eine Zeit lang, dann sprach er. "Ich habe 3 1/2 Jahre lang Medien Designe an einer Akademie studiert. Eine Privatschule, sie hat ordentlich Zaster gekostet. 1 1/2 Jahre vor der Beendigung des Studiums ging mir das Geld aus. Meine Freundin hat mich zu der Zeit raus geworfen. Ihr passte meine Lebensart nicht. Seltsame Ironie, war sie es doch die meine Haschisch Sucht finanziert hat. Danach gings immer weiter bergab." Man hörte ihm an das er gebildet war, wäre diese schmuddelige Kleidung nicht gewesen, hätte man ihm gut etwas aristokratisches andichten können. Möglicherweise wäre er auch ein gut gekleideter, kultivierter Mann, wenn er dieses eine Jahr noch hätte finanzieren können. Die Bahn kam, ich stieg hinten ein, er weiter vorne. Er kam dann aber zu mir nach hinten. Es war mir nicht gerade recht. In der großen U-Bahnhalle war der Dunggestank noch ertragbar, aber nun wurde er Brechreiz fördernd. Die Unterhaltung die wir noch hielten war eher belanglos. Er sagte meine Aussprache sei zu nuschelig. Ich stimmte zu, meine Stimme ist sehr dünn und flüstrig. Seine dagegen hatte Bass und war rauchig, aber immer deutlich. Ich verstand jeden seiner Sätze. Er musste bei mir manchmal mehrfach nachfragen, bis er meine Antworten verstand. Der Abschied fiel kurz aus. Der MIlchhof war nur vier Haltestellen weiter. "Ich wünsch dir viel Glück mit deinem Abitur und konzentrier dich auf die Fächer die dir liegen. Du kannst nicht überall gut sein." Ich lächelte ihm danken zu und war erleichtert, dass er ging. Nicht weil seine Art mir unangenehm war, nur wegen diesem furchtbaren Geruch. Was bleibt ist eine aufrüttelnde Erfahrung, die einem zeigt, dass man immer abstürzen kann. Meine Motivation ist gestiegen. Ich will nicht auf der Straße enden, ich will vorwärts kommen. Schluss mit ausflüchten die meine Faulheit rechtfertigen. Die Abendschule ist für mich eine Hoffnung und ich werde den Teufel tun und diese Hoffnung zerplatzen lassen wie die Seifenblase meiner Träume. Ich will nie im Wienerwald zuspät auf die Toilette kommen, weil mein Verstand und meine Reaktionen vernebelt sind von zu hohem Bierkonsum. Manchmal können unscheinbare Begegnungen, mit unscheinbaren Menschen, große Reaktionen hervor rufen.