Das Telefon klingelt. Eine junge Frau möchte einen geschäftlichen Termin mit mir vereinbaren, ohne spezifisch zu werden. Sie sagt, wir kennen uns noch aus dem Kindertraining. Ich kenne sie nicht mehr - Aber ich kenne ihre Mutter, die immer noch hier im Verein die Kinder unterrichtet. Eine etwas verpeilte, liebenswürdige Schwarzgurtträgerin. Von ihrer Tochter würde ich nichts schlechtes erwarten. Ich sage zu.
Wir treffen uns im Lindbergh, DIE angesagte Bar in Worms (falls es so etwas in Worms überhaupt gibt.) Sie spendiert mir einen Espresso.
Nach dem üblichen Smalltalk redet sie mit mir über die Produkte zur privaten Altersvorsorge, die ihre Gesellschaft im Angebot hat, besonders die Riester-Rente. Sie zeigt mir Vergleiche und Finanzmagazine, erklärt mir die Konditionen. Ich finde es recht überzeugend. Ich sage ihr, daß mir das Angebot gefällt, ich aber Student bin und zur Zeit keinen Job habe. Ach, keinen Job... Sie fragt, ob ich nicht vielleicht für sie arbeiten möchte. Nebenberuflich zuerst, freie Zeiteinteilung, also Ideal für Studenten. Wir vereinbaren ein Bewerbungsgespräch mit ihrem Chef, ebenfalls im Lindbergh, in zwei Tagen.
Ich denke mir: "Ich brauche Kohle, und zu verlieren habe ich nichts."
Zwei Tage später. Wir unterhalten uns über den Job. Ich soll ebenfalls private Altersvorsorge an den Mann bringen. Er meint es sei leicht, schließlich sei der Bedarf enorm, und die Produkte kenne ich ja schon, die seien richtig gut. Er redet mit mir über die Provision...astronomisch. Wo ist der Haken...? Kein Haken, die Verdienste sind wirklich so gut. Ich sage zu, es ist zu verlockend. Er braucht von mir Zeugnisse, Lebenslauf, Bewerbung, zwei Paßbilder, Tätigkeitsnachweise, etc. Kein Problem.
Innerhalb der nächsten Tage wird seine Mitarbeiterin nochmal einen Termin mit mir machen, um alles nötige zu besprechen.
Auf dem Weg nach Hause fühle ich mich seltsam...Ich konnte mir nie vorstellen, in der Finanzbranche zu arbeiten...Aber andererseits, Geld brauche ich, und man scheint ja nicht von mir zu verlangen, irgendjemanden über den Tisch zu ziehen...
Trotzdem...irgendwie fühlt mein siebter Sinn sich unwohl...
(Fortsetzung folgt)
geschrieben von: BizzarSephiroth
Es ist also soweit. Sie erklärt mir das Konzept. Ich finde es seltsam aber sage zu. Es klingt sinnvoll: Leute kaufen eher von jemandem, den sie kennen. Also beginnt man in seinem Bekanntenkreis, und lässt sich Empfehlungen geben. Man versucht, so viele Empfehlungen wie möglich zu bekommen, unabhängig davon, ob ein Kunde kauft oder nicht. Für den Anfang sollte man 100 Namen haben...Statistisch ist es so, daß man durch die Empfehlungen es normalerweise schafft, diese Zahl konstant zu halten.
Am Wochenende werden sie mich nach Darmstadt mitnehmen, dort wird das Grundseminar sein. Schließlich kann man mich nicht ohne Ausbildung zum Kunden schicken, ich muß die Leute ja beraten können. Das ist auch gesetzlich vorgschrieben.
...
Die Sache beginnt gemütlich, mit Frühstück im 4-Sterne-Hotel.
Ich fühle mich unwohl...Nicht zuletzt, weil ich mir meinen Bart um zweinhalb Zentimeter gekürzt habe, beim Friseur und einen Anzug trage. Mein Chef hat darauf bestanden...Ich habe den Anzug in letzter Minute zusammen mit seiner Assistentin gekauft, sie hat den Großteil davon bezahlt. Alle möglichen Begründungen hat er benutzt, um mich zu überzeugen, nicht zuletzt die, daß man in das Bild der Kunden passen muß.
Ich schaue mich um. Lauter gegeelte Anzugträger und Frauen mit dezenter Geschäftkleidung und teuren Frisuren. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß die Leute sich gegenseitig mustern und hinter vorgehaltener Hand tuscheln.
Mein Chef teilt mir noch mit, daß er es gut findet, daß mein Bart nicht mehr so lang ist...Das sieht einfach besser aus, und einige seiner Mitarbeiter hätten ihn schon darauf angesprochen, was er da für einen Landstreicher eingestellt hat...Der nicht nur einen Bart hat, sondern sogar ohne Anzug ins Büro gekommen ist.
Nun, ich wäre der letzte der sich ein gutes Essen mies machen lässt, also genieße ich das üppige Frühstück und den Service, bis ich endlich mit überfülltem Bauch im Seminar sitze...
Ein Unwohlsein breitet sich in meiner Brust aus, als ich den Konferenzraum betrete... Ich schlucke es herunter, und setze mich hinter mein Namensschild und schenke mir von dem Mineralwasser ein, das auf jedem Platz bereitgestellt wurde.
...
(Fortsetzung folgt)
geschrieben von: BizzarSephiroth
Kein Problem, jeder ist willkommen, seinen Senf dazuzugeben...Schließlich poste ich ja nicht nur, um es selbst zu lesen. ;)
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Ich schlage die Mappe auf, die auf dem Tisch liegt. Darin sind verschiedene Unterlagen und ein Schreibblock mit Firmenlogo.
Außerdem die Tagesordnung. Den Morgen über sind verschiedene Dozenten an der Reihe.
Der erste Dozent trägt einen Anzug und ein dazu passendes Grinsen. Er rät uns, alles mitzuschreiben. Das Seminar sei sehr streng strukturiert, und es gebe zu viele Informationen, als daß man sich alles merken könne.
Er beginnt indem er uns in extremer Lautsärke ein Werbevideo des Konzerns zeigt. Werbung ist eigentlich zu sanft ausgedrückt, Propaganda trifft es eher. Perfekte Familien, Statussymbole, Zahnpasta-Lächeln.
Ich komme mir schon reichlich fehl am Platz vor...
Ich studiere nochmal die Tagesordnung.
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(to be continued)
geschrieben von: BizzarSephiroth
Ich kann mit den Titeln nicht viel angfangen...VG? TV?
Naja, ich warte halt mal ab....
Um 13Uhr gibt es Mittagessen. Bisher wurde nur die Firma presäntiert, alles darauf ausgelegt, Eindruck zu schinden.
So viele Milliarden Volumen, so viele Tausend Mitarbeiter, so viele Millionen Policen, so viele Projekte, scho so viele Jahre im Geschäft, so erfolgreich,...überhaupt scheint das Wort Erfolg hier hoch im Kurs zu stehen.
Während ich das Putenmedallion in edler Rahmsauce kaue, als wäre es aus Stroh, frage ich mich, was das alles soll...
Laut meinem Chef sollte ich doch eigentlich lernen, was ich brauche, um Kunden über Altersvorsorge zu beraten...