Wir sehen in die Morgenröte
Bebend erhebt sich des neuen Tages Glanz
Der Horizont - erhellt
Wie Fremde schau'n wir in die Welt
Reisende ohne Ziel
Krieger ohne Kampf
Was sehen, vor des neuen Tages Glanz?
Welchen Weg schenkt uns das Leben?
Der Duft der Rosen schon
Gerochen in der Morgenluft
Doch wo lockt diese Nostalgie
Verheißungsvoller Macht?
Wir wissen nicht, wer soll uns führen?
Kinder sind wir, unerkannt
In der Morgensonne Glanz
Kann das Licht denn uns nicht tragen
Fort nur von des Lebens Last?
Kann die Morgensonne wagen
An die Tage uns zu binden
Für die wir keine Hoffnung finden?
Morgenröte, Rosenröte
Immerzu, ungebrochen
Ward dieser Blume Duft gerochen.
(16.02.02)
geschrieben von: Anya S.
(Fragmentarische) Begegnungen
„Man verliert die Kontrolle“, sagte Straucher und zog an seiner Zigarette. „Das Schlimmste ist, wenn man die Kontrolle verliert.“
Jens drehte sein Bierglas, in dessen Tiefen er sich mit jedem Augenblick mehr verlor. „Ja,“ antwortete er leise, mit stumpfen Augen, „der Boden bricht weg.“ Die leise summende Stimme versagte ihm, er drehte weiter das Glas.
Straucher ließ sich zurücksinken und blies den dicken Rauch aus, der sich wie ein Nebelschleier in die Luft legte. Unter den Lidern hervor betrachtete er den Jungen, dessen schmale Schultern die Last des Lebens nach vorne gebeugt hatte. Das Glas machte kratzende Geräusche auf dem glatten Untergrund.
Stumm erwartete er den Moment, da Jens wieder zu sprechen begänne, zum Boden gerichtet.
„Meine Schwester ist tot. Hat sie einfach liegen gelassen, mitten auf der Straße bei den Hunden. Ich habe ihre Augen gesehen, so voller Blut und im Licht gebrochen.“ Nicht wirklich bemerkte er den Anderen, der sich wieder nach vorne gebeugt hatte und die Asche von der Zigarette klopfte. Er sah nicht diese Augen, die ihn interessiert musterten, während seine mit gestorbener Leere nach innen schauten. Nur einmal hob er leicht den Kopf, wie im Reflex, um unter den fettigen Haaren hervor die Umgebung zu streifen, dann, ein wenig später murmelnd fortfahrend:
„Warum machen sie neue Kinder, wenn sie doch wie Puppen weggeworfen werden?“
Staucher sah schweigend in den Dunst. Er wusste, von ihm wurde keine Antwort erwartet - war doch diese Frage an ein höheres, imaginäres Wesen gerichtet, das niemals einen Blick auf die Erde werfen würde.
Als die Stille wieder um sich griff und Platz machte für den tönenden Lärm der Kneipe, nahm er sich trotzdem das Wort, wie es verlassen und alleine gelassen war: „Du musst nur die Kontrolle behalten. Du darfst nicht verheizt werden, wie all die anderen. Du hast so schöne Augen, und sie sind voller Narben.“ Er meinte es so, stieß wie bestätigend eine züngelnde Rauchfahne aus den geblähten Backen.
„Schönheit hat keine Bedeutung, wenn du sie nicht sehen kannst. Schönheit macht einen angreifbar. Sie war so unglaublich schön, es war ihr Tod. Schönheit hat keinen Platz in dieser Welt. So fügen wir uns selbst Narben zu, stechen uns Messer ins Fleisch, um sie verschwinden zu lassen.“
„Na, na. Wer wird denn solche Dinge sagen. Ich will doch meinen, dass allein Ästhetik uns am Leben erhält. Wüßte nicht, was ich anderes ansehen sollte, außer das Schöne.“
Jens hielt das Glas umklammert, Straucher wartete und rauchte.
„Wenn du nichts mehr suchst im Leben, dann ist dir Schönheit nichts weiter als die beißende Ironie der Natur, ihr Spott auf des Menschens Streben nach Vollkommenheit. Wenn du keinen Halt hast, dann bewahrt dich auch die Schönheit nicht vor dem Fall.“
„Warum fallen? Warum erst ins Schleudern geraten, wenn man sich an so viel erfreuen kann? Das Leben gibt viel, mein Lieber, und man sollte es nicht ungekostet verstreichen lassen. Nur die Kontrolle darfst du nicht verlieren.“
„Aber es macht keinen Sinn.“
Jens hob ruckhaft den Krug an die Lippen und soff das schon aufgewärmte Bier mit einem Zug. Der Alkohol erschwerte seine Glieder angenehm. Zittrig stand er auf und schlich davon.
Straucher blickte den gebeugten Schultern nach, zu denen wunderbare, aber in Falten gelegte Augen gehörten und sann verdrossen über die Worte des Jungen nach, während er die Zigarette im Aschenbecher ausdrückte.
(16.01.02)
geschrieben von: Anya S.
Sonne
Kühler Sonnen Kalter Panzer
Berührung - ward wohl nie gewährt
Gestreifte Nähe hingehaucht
Zurück bleibt brennend' Funkenregen
Auf meiner weißen Mamorhaut.
Graue Arme mögen strecken
- Niemals wäscht Dein Licht sie rein
Gibst nur diesen süßen Schrecken
Erhebst das Herzen mein
Mein Lichterstrahl, Du: Sommerluft
Verzehrend bist Du eingebrannt
Versuchung nur
Doch nie erlaubt
Auf meiner weißen Mamorhaut.
(19.03.02)
geschrieben von: Anya S.
Fliegen Welt-Anschauung
Gott ist to(d)t.
Seltsam, gar nichts hat sich verändert, nur die Luft. Ich denke nicht, dass auch nur einer von ihnen etwas bemerkt hat. Sie treiben weiter durch das Leben, unwichtig wie Sandkörner in einer Wüste, und doch im eigenen Kopf weltbestimmend. Sie sind blind. Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Ich weiß nicht, warum. Irgendwann habe ich mich damit abgefunden, dass ich wohl eine Anomalie inmitten eines perfekt funktionierenden Systems bin. Aufgrund meiner Anpassungsfähigkeit fällt niemandem auf, dass ich anders bin. Aber vielleicht wollen sie auch das nicht sehen, wer weiß. Vielleicht bin ich gar nicht anpassungsfähig.
Ich bin ein Chamäleon. Ich bin ein Engel. Ich bin der Teufel. Ich bin eine Irre. Ich kann alles sein, was ich will. Ich tanze im Regen, die Arme zum Himmel gereckt, einen wirren Singsang ausstoßend. Ich erweise der Atmosphäre meinen Tribut. Ich besinge die Welt, huldige sie, in all ihrer leidenschaftlichen Grausamkeit. Das Wasser rinnt mir die Haut hinunter, klebt meine dünnen Kleider an mich. Freiheit.
Sie schauen nur beschämt zur Seite. Sie folgen ihren sorgsam vorgemalten Pfaden. Tief im Inneren ihrer verschlungenen Seele beneiden sie mich bitterlich. Etwas krampft sich in ihnen zusammen, wenn sie mich tanzen sehen, wenn sie sehen, wie mir die Farbe die Wangen herunter läuft, die ich mir um die Augen geschmiert habe, wie die Maske eines Clowns. Ich kann es sehen. So traurig... So lächerlich... Oh, sie beneiden mich, weil sie nicht so sein können wie ich. Weil sie diesen Drang zu leben verloren haben.
Oder ich bin nur eine weitere Wahnsinnige.
Aber das ist belanglos.
Gott ist tot.
Heute, als die Sonne mit blutroter Gewalt durch den Horizont brach, wusste ich es. Ich wusste es, als sie alles in die Farbe des Lebens tauchte, in die Farbe des Todes.
Ich habe die Sonne schon oft erwachen gesehen. Ich mag die Wolken, wie sie dann aussehen - aufgequollene Wattekissen, im dunklen Lila, mit weißbespritzten Spitzen. Und die Bäume im Herbst, schwarz vor der Herrlichkeit des Lichts, im verzweifelten Versuch, mit den knochigen Fingerspitzen heranzureichen. Aussichtslos... oh, aber ich liebe ihre Beharrlichkeit, ich liebe die beißende Kälte, die in meine Lunge kriecht, wenn ich zu lange draußen stehe, unbeweglich, mit der Erde eins zu werden. Einen Moment lang bin ich in vollkommener Einklang mit dem Leben, atme den Rhythmus der Welt und versuche, wie die Bäume, mit den Fingern die Wolken zu greifen.
Bis meine tauben Glieder die Last meines Körpers nicht mehr zu tragen vermögen.
Eines Tages werde ich fliegen. Ich werde die Wärme des erwachenden Lebens auf meinem Rücken spüren, in Schwerelosigkeit verweilen, Purzelbäume schlagen und die Vögel überflügeln. Ich werde zur Sonne hinaufsteigen und in ihrem glühenden Antlitz vergehen. Ich werde zu Licht werden.
Aber die Sonne ist nicht mehr. Nur noch ein leuchtender Feuerball, der zweckdienlich das Leben füttert. Tot. Wie Gott. Und keiner hat es gemerkt. Sie sehen es nicht. Kein Leben mehr in dieser Welt, doch sie spüren es nicht. Vielleicht sind auch sie tot. Vielleicht bin ich das einzig lebende, das geblieben ist.
Aber das könnte genauso gut heißen, dass ich tot bin. Tot... Eine lebende Tote, ein Kadaver, der von innen nach außen verfault. Nein, ich bin tot! Nein, nein, nein... Das kann nicht sein, die Realität ist ferner als die Wirklichkeit, das Licht des Morgens vergeht im der Gewalt der Nacht... Ich bin nicht tot... Ist Gott gerade geboren worden? Ist das Ende der Sonne die Geburtswehe eines neuen?
Ich weiß, das Licht ist vergangen, genauso wie die Unschuld dieser Welt geraubt wurde, als der Mensch das Wort „ICH“ formte.
Der Wahnsinn schüttelt mich. In Krämpfen windend den Boden küssen. Ich will fliegen, weg von diesen Schmerzen, dieser Pein, die mein Leben ist.
Wo sind die Menschen? Bin ich die Einzige? Warum... bin ich so alleine? Warum ist in meinem Herzen nur ein klaffendes Loch, wo die Liebe mich ausfüllen sollte... Leere, Leere, Leere...
Leere erschafft Raum, Leere erschafft Sehnsucht, Leere erschafft MICH?
Ich kann die Engel am Himmel um das Licht kämpfen sehen, formlose Gestalten von ungreifbarer Schönheit. Der Lichtbringer erschlägt Gabriel. Sternschnuppen verabschieden seine Seele, die in Nebelschwaden zu neuen Sphären aufsteigt. Sie kämpfen um die Gebeine Gottes, der den Menschen müde sein Reich verlassen hat.
Wie die Menschen die Puppen hat Gott die Menschen gemacht. Jeder Mensch ist die Kopie Gottes... Wie billig. Wie können sie nur daran glauben? Wie können sie nur Glauben, Gott würde voll Güte auf sie aufpassen? Wie konnten sie nur an Seine Ewigkeit glauben?
Jetzt ist Er tot und sie haben es nicht einmal bemerkt.
Den Kopf an kühles Glas gepresst beobachte ich die Schlacht im Himmel, die Apokalypse. Heute wird die Sonne in meiner Welt nicht untergehen.
Unter mir tut sich die Stadt auf, zu Füßen dieses gewaltigen, von Menschen gemachten Bauwerks, der sie königlich und beinahe lächerlich aus dem Boden wächst, das Licht spiegelt sich zuckend in den ebenmäßigen Metallfassaden.
Ich bin wie gefangen, in diesen Raum wie in mein Dasein gepresst. Einem Tier gleich laufe ich an den kahlen Wänden entlang, die Fingerspitzen reißen Löcher in die gleißende Tapete. Ruhelos. Im ewigen Kreislauf. Aber ich durchbreche die Monotonie, reiße die Tür auf und übergebe mich der Wirklichkeit.
Der Weg zum Dach ist schnell gefunden, ich weiß, wie sich das Geländer anfühlt. Flach und gepresst, schneidet mir vor Kälte in die Finger.
Oben nimmt mir der Wind den Atem.
Der Lichtbringer stürzt weit über mir ins Nichts. Luzifer ist nicht mehr. Michael... Meine Engel. Aber sie sehen mich nicht, wie auch ich sie nicht sehen kann und nur im Beben meiner Nerven ihr Erlöschen spüre. Ich wünschte sie könnten mich sehen und würden mich als einen der Ihren erkennen. Ich wünschte, sie würden mich bei der Hand nehmen und fortführen, fort von mir.
Ich weiß, ihre Finger wären warm wie das Licht, das sie sind. Sie sind aus dem selben Stoff wie ich, in meinen Träumen geformt und zu Realität geworden. Nur sind sie nie da, wenn ich sie brauche. Wie all jene, die nie da sind.
Alles ist voll von den Geräuschen, die Menschen verursachen. Autohupen, mechanische Stimmen, Schreie, Sirenen, Machinen, vermischt zu einem widerwärtigen Brei, der sich in die Ohren frisst und sie taub macht für den Gesang der Vögel.
Sie... spucken mich an. Lachen mich aus. Sehen verschreckt weg, wenn ich im Regen tanze. Sie beneiden mich nur. Sie bemerken noch nicht mal, wenn ihr Gott stirbt. Sie merken noch nicht mal, wie die Luft angefüllt ist mit dem metallischen Geruch des Blutes, das ihr Herr verloren hat. Lächerlich, das alles.
Die Sonne verblutet am Horizont, von den Nadeln der Bäume aufgespießt. Das ist es, was ich rieche. Das ist es, worum ich weine. Tränen brennen meine Wangen hinab, gefrieren beinahe in der Luft.
Die Zeit steht still.
Meine Gedanken fließen. Meine Seele treibt davon. Ich höre Musik, leise von den Straßen her. Ich schmecke sie auf meinen Lippen. Wundervolle Melodie, die mich in ihren Bann zieht und meinen Körper versklavt.
Aber nein, das ist es nicht, was ich will. Darum bin ich nicht hier. Einmal muss ich etwas vollbringen, was mein Geist geplant und erdacht hat.
Ja! In diesem Moment hat alles Sinn.
Ich werde sie retten. Ich werde nicht zulassen, dass sie so einfach stirbt. Die Sonne wird nicht sterben wie ihr Sohn, der Lichtbringer. Michael wird ihr kein Pfeil ins Herz treiben!
Ich werde ein Wunder vollbringen. Sie werden mich fliegen sehen. Sie werden zu mir aufsehen. Sie werden nicht lachen. Sie werden auf die Knie fallen vor stummen Entsetzen und ihre Augen werden sich öffnen. Neugeborene, sie alle, neugeboren von mir. Ich werde ihr Vater sein, ihre Mutter, ihr Geist.
Ich werde fliegen.
Ich werde ihnen entkommen. Ich werde meinem Wahn entkommen. Die Luft wird mich zur Sonne tragen. Ich werde in der Atmosphäre spielen.
Ich werde ihre Augen öffnen.
Als die Sonne mich mit letzter Kraft um Hilfe ruft und ihre goldenen Strahlen meinen Körper zum neuen Leben erwecken, strecke ich ihr meine Arme entgegen und lasse den sanften Wind an meinen Kleidern ziehen.
Der Abgrund trägt alle Verheißungen. Der Abgrund ist lächerlich. Die Sonne ruft mich.
Ich werde Gott rächen.
Ich werde ihre Augen öffnen.
Ich breite meine Arme aus und überlasse diesen Körper dem Aufwind.
Ich bin Licht.
(20.11.01)
geschrieben von: Anya S.
Die Kinder der Zeit
Wir sind die Kinder der Zeit
Individualismus ist eine Endlosschleife
Jeder die Kopie seines Nächsten
Wir sind die Kinder der Zeit
Wir haben keine Hoffnung, keine Träume
Auf zielloser Suche nach Befriedigung, egomanischer Selbstdarstellung,
Belügen wir vorallem uns selbst
Wir sind die Kinder der Zeit
Generation der Tränen
Erstickt durch Pillen, Messer, Lachen
Verleugnen wir vorallem uns selbst
Wir sind die Kinder der Zeit
Wir hassen uns
Und finden uns niemals
Auf der verzweifelten Suche nach neuen Idealen und Göttern
Verlieren wir einander
Immer mehr.
Wir sind die Kinder der Zeit
Wir belügen uns, verleugen uns, verlieren uns - morden uns letztendlich
Auf der sehnsüchtigen Suche
Nach dem universellen Glück.