kurze einleitung: ich würde gern wissen, ob es lohnt, hierauf - eine meiner zahlreichen semiprofessionellen geschichten *g* - noch zeit zu verwenden; ich bin mir etwas im unklaren. also?
(noch ohne titel)
Manchmal, morgens während des Übergangs zwischen Nacht und Tag, wenn ich bei dir war und nach Hause gehe, zurück in das Bett meines Mannes, dann fühle ich nichts als Dankbarkeit. Dankbarkeit für das Zwielicht des Morgens, das es mir möglich macht, die Grenze zwischen unserer Welt und dem Leben ein weiteres Mal zu überschreiten, ohne daran zu verzweifeln.
Unsere Welt, das ist das Dämmerlicht zweier Kerzen, die Hitze unserer Körper. Unsere Welt, das ist die Musik, die zu hören ist. Das ist dein Atem und der meine, ist der matte Widerschein der Flammen auf nackter Haut. Es ist eine Welt, die verboten ist, obgleich sie uns loslöst von Moral, von Recht oder Unrecht, von jedem Anflug von Gewissen. Am Eingang zu ihr muss ich mich selbst aufgeben, muss meine Liebe verraten. Dies ist der Preis für das, was ich will, dies ist der Preis für deinen Körper, deine Berührungen.
Morgens jedoch, wenn ich den Weg zurück in die Realität gehe, bleibt der Verrat bei dir im Dunklen, bleibt auf deiner Seite der Grenze und kann mich nicht mehr erreichen; so fühle ich mich rein, obwohl der Geruch des Betrugs – dein Geruch – noch an meinem Körper haftet. Obwohl die Spuren noch zu sehen sind. Spuren, die nicht nur meine Untreue beweisen, sondern auch unseren Hunger aufeinander. Es sind Spuren von Fingernägeln, von Zähnen. Sie bezeugen meine Unfähigkeit, von dir zu lassen, meine Unfähigkeit, mich der Anziehungskraft zu erwehren, die eines Tages meinen Untergang bedeuten wird. Doch obwohl ich meine, des Widerstands unfähig zu sein, ist es mir nie, niemals vergönnt, den Kopf zu verlieren; mein Verstand bleibt klar, ist immer bereit, mir zuzuflüstern, dass ich Abschaum bin.
Zeit gibt es nicht in dieser Nachtwelt. Jede Sekunde wird zu einem Geräusch, einer Berührung, einer Empfindung, wird physisch, läuft wie eine Welle über meinen nackten Körper hinweg und lässt mich erahnen, dass sie mich fortspülen könnte, ließe ich es nur zu. Doch es geschieht nie – vielleicht weil ich denke, diese Strafe sei das Mindeste, was ich verdiene – und so liege ich in deinen Armen, in den Armen meines Liebhabers mit dem Wissen, dass es nicht fleischliche Schwäche war, die mich dorthin brachte, sondern mein Wille, und warte vergebens auf die Stimme meines Gewissens. Später, allein, stelle ich mir jedes Mal aufs Neue die Frage, ob es weniger verwerflich wäre, wenn ich die Kontrolle verlöre oder wenn die Reue mich endlich wie ein Fausthieb träfe. Eine Antwort jedoch finde ich nie, weder auf diese Frage, noch auf jene, was mich antreibt. Die Diskrepanz zwischen dem Wissen, etwas entsetzlich Falsches zu tun und der simplen Tatsache, dass wir es dennoch immer wieder tun, bei vollem Bewusstsein und ohne den Anflug eines schlechten Gewissens, diese Diskrepanz ist zu groß. Und so errichte ich eine Mauer um diese unsere Welt, ohne zu wissen, ob ich sie damit erhalten, schützen will oder ob ich sie zu verleugnen versuche, unbeholfen wie ein Kind, das sich mit den Händen vor seinem Gesicht unsichtbar wähnt.
Unbeholfen war auch die Art, auf die ich mich dir einst näherte. Du flößtest mir solchen Respekt ein damals, als du vor mir gestanden hast in deinem weißen Kittel und sagtest, er habe Glück gehabt. Ich weiß noch, dass ich sofort die Macht begriff, die du über mich hattest: Sein Leben in deinen Händen. Ich weiß auch noch, dass ich mir schwor, es dir zu danken, wenn du ihn retten würdest. Wie recht ich damit haben würde – das wusste ich noch nicht, als wir uns auf dem [...] Krankenhausflur vor der Intensivstation das erste Mal begegneten und du über das Leben meines Mannes sprachst, als wärest du (ein) Gott. Du sagtest, wenn er die nächsten beiden Tage überstünde, könnte man hoffen und deine Augen forschten in meinem Gesicht, suchten nach Gefühlen, nach Erschütterung über das Geschehene vielleicht. Doch ich bemühte mich um Stärke, setzte eine Maske aus Kälte auf aus dem Wunsch heraus, dir und deiner für Ärzte so typischen Überheblichkeit ebenbürtig zu sein. Ob es mir gelang? Darüber kann ich nur spekulieren. Doch – irgendetwas weckte dein Interesse schon bei unserem ersten Zusammentreffen. Dann, knapp eine Woche später, standen wir an derselben Stelle; du sprachst und ich hörte dir zu, lauschte den Worten, um die ich täglich gebetet, auf die ich so sehr gehofft hatte: Er war wach. Er würde überleben. Ich würde wieder in seine Augen sehen können, seine Stimme hören. Du sagtest, es wäre beinahe ein Wunder, dass sein Gehirn im Koma keinen Schaden genommen hätte. Dann, etwas leiser: Es gibt noch etwas. Ich weiß noch, dass ich es dir übel nahm, dass du mich in dieser Sekunde störtest; ich wollte nichts hören, nicht jetzt, wo die Angst von mir abfiel, die seit dem Unfall auf mir gelastet hatte. Du jedoch warst erbarmungslos, gönntest mir nicht einmal eine Minute der Ruhe, der Befreiung. Du redetest von einem langen Klinikaufenthalt, von irreparablen Schäden, von Veränderungen, doch die Worte glitten an mir vorüber, ohne dass ich ihren Sinn erfasste. Ich nahm die Welt um mich herum erst wieder wahr, als du mir deine Hand entgegenstrecktest (dabei fiel mir zum ersten Mal der Ehering auf; ich erinnere mich noch genau, dass ich mich fragte, ob du in wohl während deiner Operationen am Finger behältst -) und sagtest, dass wir uns ja von nun an öfter sehen würden. Ich begriff nicht, nahm nur deine Hand, nickte dir zu und wandte mich ab.
Wenn ich zu rekapitulieren versuche, wie das alles geschehen ist, geschehen konnte, wann es seinen Anfang nahm etwa oder ob ich es hätte voraussehen müssen, dann werden die Erinnerungen immer unschärfer, immer verschwommener die Bilder, sobald ich versuche, sie genau zu betrachten und zu sortieren. Ich schreibe ‚sortieren’ – das lässt einen an die Akribie und Objektivität eines Wissenschaftlers denken – und genau dies tue ich auch. Jeder Versuch einer Erklärung, jede Betrachtung meines Tuns führt bei mir zu dem Gefühl, ich würde mich mit dem Erlebten einer anderen Person befassen; bin es wirklich ich, die diesen Verrat begeht? Bin es wirklich ich, die Nacht für Nacht im Bett eines anderen Mannes liegt? In deinem Bett? Ich kann es nicht sein, kann so etwas nicht tun…und doch brauche ich mir nur den Blick vorzustellen, mit dem du mich im Halbdunkel ansiehst, den Blick eines Raubtieres, um zu wissen, dass es schon heute Nacht von Neuem passieren wird. Ich werde warten, bis mein Mann schläft – er schläft viel seit dem Unfall – und mich dann aus dem Haus stehlen. Werde mit dem Bus zu deiner Wohnung fahren; ein Taxi jede Nacht würde nur für Gerede in deiner und meiner Nachbarschaft sorgen, Gerede, dass zu meinem Mann vordringen könnte oder zu deiner Frau, wenn sie zwischen zwei ihrer Geschäftsreisen tatsächlich einmal ein ganzes Wochenende daheim ist. Wenn ich unterwegs bin, denke ich nichts, mein Kopf leert sich mit jedem Meter, den ich in deine Richtung zurücklege, mehr und mehr. Es geschieht nicht bewusst; dennoch bin ich dankbar, denn so muss ich mich nicht fragen, ob ich es schaffen würde, einfach aus dem Bus zu steigen, mich auf den Rückweg zu machen zu meinem Mann, und diese Schattenwelt, dich und den Betrug ein für allemal hinter mir zu lassen. Diese Frage verfolgt mich immer. Nur auf dem Weg zu dir, der knapp zwanzig Minuten dauert, verschwindet sie aus meinem Bewusstsein, verschwindet alles aus meinem Bewusstsein. Diese Leere hält an, bis ich nackt vor dir liege, hält an, bis ich mir endlich sagen kann: Es gibt kein Zurück mehr…und dann gibt es tatsächlich keines mehr.
geschrieben von: rêverie
Wir sprechen nicht mehr; die Zeiten, in denen wir noch den Vorwand des Gesprächs brauchten, um meine Anwesenheit in deiner Wohnung zu rechtfertigen, sind lange vorüber. Es ist still zwischen uns. Zu hören ist nur unser Atem, mein Stöhnen, manchmal Schreie. Und deine Stimme, Befehle, wie eine Hure sie von ihrem Freier bekommt: „Zieh dich aus.“ Es klingt kalt, emotionslos. Duldet keinen Widerspruch. Manchmal wage ich es dennoch, nur der Macht wegen, die ich dadurch über dich gewinne. Ich widerspreche, weigere mich. Dich treibt es zur Weißglut, in manchen Nächten gar dazu, zu betteln, mich anzuflehen. Dann ertönt ein kehliges, schmutziges Lachen und erst Sekunden später wird mir klar, dass es meine Stimme ist, die da lacht, voller Hohn. Doch meistens habe ich nicht die Kraft, mich zu weigern, will sie auch gar nicht haben. Denn nur darum bin ich hier. Nur um in deinen Augen mein eigenes Verlangen brennen zu sehen, nur um deinen Körper beben zu sehen, wenn ich vor dir stehe. Nur um mich unter deinen Händen zu winden, um schließlich von dir genommen zu werden. Oft versuche ich zu ergründen, wie es so phantastisch sein kann, ohne dass einer von uns beiden dabei jemals den Kopf verliert. Nie zuvor ist es mit einem Mann so gewesen. Nicht mit meinem eigenen, nicht mit einem Fremden, nie. Es ist hemmungslos und zugleich immer kalkuliert, wir beide wissen genau, was wir tun und dennoch fühlt es sich an, als würde ich in Flammen stehen, dennoch würde jeder Betrachter sich zwangsläufig an Tiere erinnert fühlen.
Früher, als wir noch miteinander redeten, fragte ich dich einmal, warum du mich in dein Bett geholt, warum du deine Frau betrogen hast. Ich rechnete damit, dass du mir sagen würdest, sie wäre zu oft auf Reisen, oder vielleicht, dass du daran gewöhnt wärest, dass es oft wechselnde Mädchen in deinem Bett gäbe – doch du überraschtest mich. Lange schwiegst du und dann, als ich schon beinahe aufgehört hatte, mit einer Antwort zu rechnen, hörte ich deine Stimme vier leise Worte sagen: „Weil du es bist.“ Ich wusste nichts zu erwidern, also betrachtete ich dich nur, wie du dort saßest, im warmen Licht der Kerzen, und in dich hinein zu horchen schienst. In diesem Moment wurde mir klar, dass es nicht nur mein Selbstbild und Seelenfrieden waren, die durch unser beider Welt und das, was in ihr geschah, plötzlich zertrümmert am Boden lagen. Wie gern hätte ich dich damals in meine Arme genommen; doch diese Art von Berührungen gab es nie zwischen uns.