[Vorhang die Zweite] - German Gothic Board

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Vorhang die Zweite

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geschrieben von: Kildare

Auf Wiederholung:

12 Monate fast...und nichts ist anders geworden. Gar nichts. „Täglich grüßt das Murmeltier“ ist doch keine Fiktion. Es ist wahr. Manche Dinge kann man nicht ändern. Kurse belegt, Dinge geschrieben, Kämpfe ausgefochten, Schlachten verloren. Alles wie vorher. Einige Namen haben sich geändert, auch nur neue Schauspieler in dem alten Stück. Wiederaufführung. Ich könnte den Regisseur lynchen. Ich wollte keine Wiederaufführung, Ich wollte eine glamouröse Premiere. Moment, Regie, Hauptrolle, Organisation – das bin wohl ich. Mist. Zitat eines ganz großen, anderen Zynikers – Bernd, das Brot.
Alles von vorn, der Vorhang, die männliche Hauptrolle in neuer Besetzung, der Text bleibt wie gehabt, die Kulisse irgendwie auch. Wenigstens Chor und Regieassistenz funktionieren reibungslos. Ohne diese ständige Stütze wäre das Stück schon lange abgesetzt worden, denn die zentralen Darsteller sind meist doch ehr langweilig und berechenbar. Sie sagt – er sagt. Und am Ende wird’s ein tränennasser Abschied oder ein noch durchweichteres Fiasko, weil mal wieder jemand nicht den richtigen Text gelernt hat. Ohne Regieassistenz wäre man hier verloren. Aber die ist zuverlässiger als die schweizer Eisenbahn und hält die Aufführung am Leben und die neurotische Regie zumindest so weit bei Laune, dass die Herren in den weißen Jacken nicht gerufen werden müssen. Obwohl Intendanten und Regisseure ja schon allein wegen der Schauspieler immer am Rande des Wahnsinns balancieren. Die tun ja nie, was man will.
Und dann das Stück selbst. Allein das wäre schon Anlass für die Einnahme von drei Librium-Tabletten. Was soll man denn daraus machen? Hat keine Höhen, keine Tiefen, keine Dramatik und die Hauptrolle schleppt sich eigentlich auch nur von Szene zu Szene und bröselt am Bühnenrand vor sich hin. Langweilig. Bewegende Szenen von Liebe und Verrat? Nicht vorgesehen. Das trübäugige Zentrum zeigt zwar manchmal das Aufflackern einer amourösen Regung, aber das wird postwendend von der Vorlage im Keim erstickt. Trockener Stoff. Und was soll denn hier verraten werden? Staatsgeheimnisse trägt niemand mit sich herum. Die Regie fragt sich manchmal angeekelt, wie dieses Machwerk überhaupt auf den Spielplan gekommen ist. Das muss ein Versehen gewesen sein. Unerträglich. Es könnte um Moral gehen, um Tugend, aber auch daran fehlt es. Nur keine Extreme. Der Schriftsteller hat sich wahrscheinlich mit dieser Ausgeburt mittelmäßiger Darstellung an einem sehr undankbaren Publikum gerächt. Ihr wolltet Mäßigung und Realität? Da habt ihr! Das einzige, was er wohl noch mit Zuneigung behandelt hat, waren die Nebenrollen. Die haben Witz und Temperament. Und manchmal würde sich die Regie wünschen, das ganze Stück bestände nur aus Hintergrund. Der ist das eigentlich wichtige daran. Aber nein, das sitzt sie im Bühnenzentrum, die ungeliebte, so genannte Hauptrolle und verdirbt das Bild.

Noch einen Kaffee bitte, alles auf Anfang, Vorhang und los.



geschrieben von: Kildare

Nebenrollen und Regieassistenz - ein Dank am Rande:

Es ist ja immer viel von Liebe die Rede auf der Bühne. Und meistens sind damit ehr zwei gegengeschlechtliche Rollen gemeint, die irgendwann glücklich zueinander finden - oder seit das "Happy End" als verkitscht aus der Mode gekommen ist, eben auch nicht.
Da gibt es aber noch ein anderes, klasisches Paar - die Hauptperson und ihre gute Freundin. Und diese Bühne ist voll von dieser tragenden "Neben-" rolle, die
eigentlich ein heimlicher Star ist. Denn ohne sie geht gar nichts, würde sich die Heldin des Stücks schon nach dem ersten Akt vom Bühnenrand stürzen oder einfach nur in der Mitte sitzen bleiben und sich von allen Seiten anstarren lassen. Es ist die tragende Zweite, die hier keine langen Monologe hält, sondern vom Abgrund weg und wieder auf die Füße zerrt. Die Stichworte murmelt, wenn ihre Divahaftigkeit mal wieder den Text vergisst. Die dafür sorgt, dass der Laden läuft.
Meistens bekommt diese Nebenrolle nicht die Aufmerksamkeit von Publikum und Regie, die sie verdient. Aber der Autor, der weiß schon, was wichtig ist im Leben wie im Theater. Und deshalb sagt sie die klügeren Dinge und tut das, was die Hauptperson eigentlich tun sollte.

Das Tollhaus dankt und hofft, auch in den Häusern aus denen diese begabten ausgeliehen sind, ein Gastspiel retour geben zu können. Damit unsere Diva mal was Vernünftiges sagt.



geschrieben von: Kildare

Bühne - ein Sofa - zwei Menschen.

Er: " Wir könnten es uns auch einfach machen und uns in einader verlieben."
Sie: "Wer macht es sich schon einfach."

Er: "So selbstlos wärst du?"
Sie: "Wenn dann zwei Menschen, die ich mag, glücklich sind, hat sich's gelohnt."



Er sagt - sie sagt. Und der Author? Was denkt sich der Author dabei? Was ist denn das hier? Ein Drama? Ein Lustspiel? Na irgendwas dazwischen. Vielleicht auch nur eine Kommödie. Die Dialoge sind filmreif. So könnte man das abdrehen, mit diesen beiden Menschen, die dasselbe wollen und aneinander vorbei stolpern, weil sie es eben nicht miteinander wollen. Bleibt nur die Frage ob wir in Hollywood drehen oder ehr einen Film noir draus machen.
Oder ein indisches Spekatakel? Da gabe es doch diesen einen Streifen, in dem der totkranke beste Freund seiner Freundin, die ihn immer geliebt hat, einen Mann verschafft.

Das Leben ist ein zynischer Schriftsteller. Bitter. Das also?! Das muss ein Scherz sein. Aber so richtig lachen kann nicht mal das Publikum. Tragikomisch diese beiden Blödsinnigen, die nichts Besseres als einander gefunden haben und nun wie betäubt durch die Kulisse stapfen und den Paravant in die Bühnenmitte zerren. Wir sind eigenständig! Wir tun nur rein zufällig dasselbe.

Müsste hübsch aussehen, so synchron im Ablauf. Kaffee kochen, los hechten, lesen, Tee trinken, Filme gucken, auf den Bildschirm starren. Alles parallel in zwei Wohnungen. Macht sich auch in Filmsequenzen gut, so was. Aber irgendwas fehlt. Die Aufführung ist lauwarm.


Anderes Stück – andere Aufführung

Er sagt- sie sagt. Heiß – kalt. So hatten wir uns das vorgestellt. Ganz großes Kino. Mit Happy End? Wer braucht denn das? Hier tobt die Inszenierung, hier wird aus den Vollen improvisiert. Wir haben alles, mitternächtliche Herzensbekenntnisse, schier unüberwindliche Hindernisse – mit etwas Glück organisieren wir uns so gar noch den enttäuschten Liebhaber. Aber das sind die Bretter, die die Welt bedeuten. Oder eben nur diesen einen Moment im Rampenlicht. Und es leuchtet.



geschrieben von: Kildare

-Pause-

Erstmal eine Tasse Kaffee. Erstmal eine Zigarette. Ja, eine Zigarette. Eine mit weißem Filter, weil man nur auf weiß roten Lippenstift so gut sehen kann. Nuttenrot.

"....nur Liebe und etwas, was nicht immer gleich entzweigeht."
Das kunstseidene Mädchen, Irmgard Keun

Kunstseiden. Nylons. Raschelnde, seidige Strümpfe. Taftunterröcke. Eitle Verzweiflung, verzweifelte Eitelkeit. Die Diva altert. Da wird bald eine andere das Gretchen mimem, das Kätchen - Kätchen, Mädchen, Kätchen warum darf ich dich nicht mein nennen? - und für die Dame mit dem angehenden zweiten Kinn, den drei Kilo zuviel und der verlebten Stimme bleibt dann vielleicht noch die Lady MacBeath. Oder die Hexen. Das kann sie. Konnte sie schon immer. Wird sie immer können. Das ist ihr eigentliches Element, diese Unglücksfrauen. Und vielleicht werden es nicht einmal mehr die sein, sondern nur noch Statistenparts. Immer brav am Bühnenrand.
Die Hand mit dem Glimmstengel zittert."Angst, Miststück? Ja. Schreckliche." Aber vor allem ist da die Wut. Diese schreckliche. unbenannte, unbeugsame Wut, der Zorn auf den Visagisten, der sie nicht jünger machen kann und auf die Kritiker, die ihr nicht mehr so verzeihen, wie noch vor fünf Jahren.

Die Zigarette wird im Aschenbecher zerdrückt. Ausgedrückt würde diesem Gewaltakt nicht gerecht werden. Sie denkt zurück an die Intendanten, die Regisseure, die Autoren, die sagten, sie würden ihr eine Rolle auf den Leib schreiben und dabei wollten sie ganz andere Dinge auf und mit diesem leib machen - nur schreiben ganz bestimmt nicht.
Hübsch reden konnten sie alle. Und was sie verspochen haben. Den Broadway, mindestens. Es hat nicht mal zu Frankfurt am Main gereicht.

In ihrem Kopf vermischen sich Text und Realität. Das kommt manchmal, wenn der Abend zu spät geworden ist und der Barkeeper zu großzügig war.

"...komm schwarze Nacht... damit er nicht die Wunde sieht, die er geschlagen."

Manche Säzte brennen sich ins Gedächtnis. "Das einzige, was an uns jemals wirklich echt war, waren die Kämpfe." Bühnenleidenschaften taugen nicht für Tageslicht.
Und dann geht es zurück hinter den Vorhang, der sich sowieso bald wieder heben wird. Da draußen wartet ein Publikum, das was sehen will. Die Diva grinst noch einmal in den Probenspiegel. Medea statt Luise. Sei's drum. Eigentlich gefällt ihr der Part eh besser.

"Was ist der Erde Ruhm? Ein Schatten.
Was ist der Erde Glück? Ein Traum.
Du armer der von Schatten du geträumt. Der Traum ist aus, allein die Nacht nocht nicht."~ Medea, Franz Grillparzer


Text in Himmelblau -Das Käthchen von Heilbronn, Heinrich von Kleist
MacBeth, William Shakespeare




geschrieben von: Kildare

Dazwischen, die wahrscheinlich klassische Form der Bühnenbeziehung, die gern mehr als Zwei auf den Brettern, die die Welt bedeuten, hat, weil das doch viel interessanter ist, als trautes Glück, das gewaltsam von außen gestört wird. Innere Kämpfe zählen. Gespräche mit den Wänden der eigenen Seele - und für Schauspieler sind diese Wände immer in Richtung Publikum. Gut hinschauen, ein Teil davon könnte echt sein. Nur welches Lächeln? Und zu wem?

Diva - die Göttliche. Eigentlich fühlt sie sich ja gar nicht so, aber es schmeichelt doch ungemein, so genannt zu werden. La Divinissima. Gorgeous. In solchen Worten kann man besser baden als in Anti-Falten-Creme. Das ist so gar noch schöner als Alkohol und Schokolade. Prickeld mehr als Premierenchampagner. Weibliche Hauptrollen mögen kleine Schmeicheleien. Unser fallender Stern ist nicht anders. Nicht ein bisschen anders.
Man kann satt werden an "Du wärest es wert, einen ganzen Kontinent zu überbrücken." "Sie ist nicht ein Viertel von dir - und ich habe sie verdammt gern gehabt.". Satt werden, glänzen, strahlen, aber nur nicht glauben. Das ist wie mit Romeos Liebesschwüren. Die wirken nur im Scheinwerferlicht. Und dann verblassen sie. Das ist Kunst. Keine Realität. Das darf man nicht verwechseln. Und wer sollte das besser wissen, als unsere Möchtegern-Marlene?
"Es ist nicht wahr." murmelt es also in ihrem Hinterkopf. Neigt sich hierhin, dort hinüber, immer dem Stichwort zu. Wer's eben gerade gibt.
Es gleicht fast einem Tanz. Tango mit mehreren. Wie viele das wirklich sind, kann man bei der Beleuchtung nicht ausmachen. und sie hasst Tanzszenen. Zu viel Körper - zu wenig Text. Mit Worten kann man arbeiten, mit dem Körper ist es etwas anders. Das balanciert auf der Grenze, schwebt immer ein bisschen über der Linie, die zwischen ihr und den anderen Darstellern ist. Körperliche Nähe ist irgendwie immer gleich, einnehmend, erdrückend, beengend, präsent. Man kann sie nicht weglügen. Man kann sie nur absprechen. Aber das macht den fremden Geruch auf der eigenen Haut nicht besser.
Es ist nur ein Stück. Wir spielen unseren Part. Und später legt man die Kostüme ab, holt die Schminke vom Gesicht und verlässt das Theater. Allein.


Synthetic Generation

I play hell, you play heaven
I'm deaths own little star...
Can you trace the sins that haunt you,
And play the devil's cards as I do?

I am all that you see,
I am all that you want me to be!

I am god, and so the Antichrist
I'm blessed, yet damned
I'm fallen, yet resurrected
I'm all of nothing!

I play death, you play life, triple sixes to rise...
Can you see the visions I brought you,
And the devilish games that I taught you?

I am all that you see,
I am all that you want me to be!

I am god, and so the Antichrist
I'm blessed, yet damned
I'm fallen, yet resurrected
I'm all of nothing!

Synthetic generation...
Stop not, it's indifference high you must know...

I am all that you see,
I am all that you want me to be!

I am god, and so the Antichrist
I'm blessed, yet damned
I'm fallen, yet resurrected
I'm all of nothing!
~ Deathstars




geschrieben von: Kildare

Revue - Insomnia

Spärliche Beleuchtung. Perlmutt-Einpersonen-Spot. Tanzen. Wiegen. Die Augen geschlossen - so als würde gar niemand zusehen. Kreisen, mit Armen und Beinen Arabesken formen und eine Luftgestalt, die nicht da ist. Abwesender zweiter Darsteller. Aber das macht es ja gerade spannend. In diese Rolle kann man jeden denken, an dessen Körperlinien sich die einsame Bühnenfigur entlangatmet. Zu dessen Füßen sie zusammenfällt. Dem sie sich entgegenbiegt, entgegenschmiegt wie eine Katze die Glieder dehnend. Hüften wiegend, Röcke schleifend in weiten Schritten. Sehnsucht hat Zeit. Es gilt ja nicht, einen Kopf zu erringen oder mit wildem Stampfen einen Krieg zu gewinnen. Kein Duell wirbelnder Füße, nur ein langsames Drehen und Beugen. Ein Mensch und ein Phantom, zwei in einer Szene.
Schattenspiel. Eine Frau. Ein schwarzer Flecken, der ihr folgt. Ein Abglanz von Verlangen den beide umspielen.
Die Maske hat sich mit dem Gesicht keine Mühe gegeben. Auch hier nur weiße Flächen und Schatten. Aber es reicht schon. Im fahlen Scheinwerferlicht wirken die spröden, blassen Lippen fast zerbrechlich. Die tiefen Schatten unter den Augen sind nur Verlängerung der Wimpern. Was später erbärmlich aussehen wird, passt irgendwie zu dieser Inszenierung einer Lücke.
Es fehlt: an Schminke, an Tempo, an Darstellern. Nur nicht an Gefühl.

http://i153.photobucket.com/albums/s206/21121982/YukiIV.jpg[/IMG]



geschrieben von: Kildare

Linkin Park - Leave out all the rest

I dreamed I was missing
you were so scared
but no one would listen
cause no one else cared
after my dreaming
I woke with this fear
what am I leaving
when I'm done here
so if you're asking me I want you to know

When my time comes
forget the wrong that I've done
help me leave behind some
reasons to be missed
don't resent me
and when you're feeling empty
keep me in your memory
leave out all the rest
leave out all the rest

Don't be afraid
I've taken my beating
I've shared what I made
I'm strong on the surface
not all the way through
I've never been perfect
but neither have you
so if you're aksing me I want you to know


Forgetting ~ all the hurt inside you have learned to hide so well
Pretending ~ someone else can come and save me from myself
I can't be who you are

Ob sie das wohl tun, wenn sie die Kritiken schreiben? Den Rest weg lassen? Den nicht so hübschen Rest.

"Wie ernst meintest Du das eben?" Die Diva ist wohl doch eine gute Schauspielerin. Zwei Monate. Tisch und Bett und gemeinsames Wunden Lecken und dieser kleine Schönheitsfehler wurde nicht bemerkt?
Ich hätte "toternst" antworten sollen. Die meisten Dinge, die ich an Sonntagnachmittagen über einer Kaffeetasse sage, meine ich auch so. Genau so.
Konnte ich wirklich irgendjemandem weiß machen, ich sei heil? Geistig gesund? Grenzweise glücklich? Das ist so lächerlich, das reicht zur Tragikomik. So gut war ich zu meinen besten Zeiten nicht, als ich mir den Kopfschuß noch in einem Spot setzte, direkt am Bühnenrand. "Seinen Uri sieht er nimmermehr." -Die Räuber, Schiller - .
Nun ja, zur Bühnenlegende fehlt noch ein bisschen. Und irgendetwas muss ja ürbig bleiben, wenn die Lampen ausgehen. Also - Scheinwerfer bitte. Mehr Licht.

"Jeder Mensch ist ein Abgrund - es schwindelt einen, wenn man hinein sieht."
Woycek, Büchner



geschrieben von: Kildare

Weißer Tigerstern - femme fatale

"Du bist mein weißer Tigerstern." So kann man in den Weiten des Ostens jemanden benennen, der einem Unglück gebracht hat. An dessen Händen und Taten wie dunkle Erde an Raubkatzentatzen die eigene Zuversicht haftet.

Und nicht zu selten ist so ein weißer Tigerstern eine Frau. Eine von jenen Frauen, die einen Mann mit Leib und Seele verschlingt und von ihm nichts übrig lässt, als blasse Haut über brüchigen Knochen.

In diesem Moment erkannte er die Frau, die genauso schön und rätselhaft war, wie bei ihrer ersten Begegnung. Sie trug bloß eine Tunika aus grüner Seide. Sie hatte langes, schwarzes Haar. Riesige. grüne Augen.
Und sie rauchte eine Opiumpfeife.

"Wer sind Sie?", fragte er."Erinnern Sie sich nicht mehr an mich?"
Charles Stowe richtete sich auf seiner Liege auf:
"Opium!"
Die Frau begann zu lachen. Sie hatte eine weiße Mohnblume auf die Schulter tätowiert.
"Ich möchte, dass sie mich Loan nennen."

Vom Delirium geplagt, hielt er die lange Opiumpfeife, die von nun an seine ständige Begleiterin war, in der Hand. Sodann näherte sich Loan und schmiegte sich an ihn.

Er hatte ihr versprochen, dass er zu ihr zurückkehren würde. Er würde nicht zurückkehren." M. Fermine, Opium


Gebrochene Versprechen. Worte, die sich ins Gedächtnis kerben. Momente, die wie Gift ins Bewusstsein sickern.
"Ich werde Dich retten." "Als ich gesagt habe, dass ich Dich liebe, da meinte ich doch nicht für immer." "Wir waren beide blind vor Liebe. Du hättest das auch erkennen müssen.""Meine Gefühle für Dich sind abgeebbt." "Ich weiß nicht wie, aber Du wirst immer ein Teil von mir sein."

Alltagsdämon. Besessen. In jedem unbeobachteten Moment, in den Sekunden dazwischen, in denen ich zum Fenster hinaus starre.
Warwara - Andreijewna - ihren eigenen Bruder nimmt sie zum Mann. - Kuckuck- tu dich auf Erde - kuckuck - versinke Schwester.
Eine Märchenzeile aus einer russischen Sage. Versinke, geh' unter, verschwinde.

Geisterfrau. "Ich hatte mich entschieden und ich war bereit, den preis zu zahlen." "Ich werde Dir nicht sagen, dass es nicht weh tut, denn das wäre gelogen." Einfach verschwinden vom Angesicht der Welt. Nicht mehr da sein. Für niemanden mehr da sein. Sich auflösen in Nebel und Wind, bis man Schwüre nur noch murmeln kann gegen die Felsen. Aufprall, ertrinken - Spuren an der französischen Küste. Das wäre doch auch hübscher Titel, für ein Theaterstück.
Ich kann nicht. Dabei wäre es so praktisch.

Der andere Mann - zweifach.
"Du hast was besseres verdient." "Du behandelst mich auch besser als alle anderen Frauen vorher." Vielleicht, weil wir uns nie geliebt haben, nicht lieben und wohl auch nicht lieben werden. Kein Sog, keine Gefühle, nur Bedürfnisse.
Was ist denn wichtig für Dich? "Du." "Und wenn es anders gekommen wäre, wäre ich dieser Mann."
Kann nicht.
Es gibt den Kaffee wohl entweder mit Milch oder mit Zucker. Beides wäre zu viel verlangt. Also entweder mild aber nicht süß oder aber süß aber auch bitter.

Du bist mein weißer Tigerstern. Ich bin Dein weißer Tigerstern. Und wir alle sind einander Hafen und Sturm und Felsen und Schiff zugleich.

Schiffbruch mit voller Besatzung.



geschrieben von: Kildare

Noh - Masken

Was siehst Du? Was? Welches von den ganzen Gesichtern? Die Frau? Den Dämon? Die Hexe? Das Mädchen?

Ich habe sie alle getragen. Sie sind mir eigen. Welche willst Du? Ja - das alles bin ich. Und noch ein bisschen mehr. Und ein ganzes Stück weniger.

Käfigfrau - eine Kinderweise, ein altes Spiel, ein Lied aus einem fremden Land.

Käfigfrau - eingesperrt in sich selbst.

Käfigfrau - ich will gerne...Flügel ausbreiten. Schwingen. Fittiche, unter die man kriechen könnte. Aber der Phönix hat Angst vor dem Brennen.



geschrieben von: Kildare

....Es zieht uns näher zur Sonne,
doch wir fürchten das Licht,
wir glauben nur Lügen, verachten Verzicht,
was wir nicht hassen - das lieben wir nicht."
Gott ist tot, Tanz der Vampire


Funken schlagen. Den Zirkustrick mit dem gezähmten Tiger beherrschen wir wohl noch nicht. Katzenmenschen. Goldene Augen die Löcher in die Dunkelheit brennen, schnurrende Laute - lautes Fauchen. Zähne blecken. Krallen fahren aus. Das Rund einer Manege, ein Ring, ein Tanz.

Vor-zurück, wie ein Fluss aus einstudierten Schritten, von denen jeder seinen eigenen Zauber birgt, gerade weil es gefährlich ist. Kein Netz, kein doppelter Boden.
Lebensecht. "Menschen, Tiere, Sensationen". Dieses Biest ist verdammt wirklich und beängstigend menschlich.



geschrieben von: Kildare

Ungehaltener Monolog vor einem Ein-Mann-Publikum

"Das machst du nicht!"
-auf voller Lautstärke, mit aller Kraft, die eine Stimme, die darauf trainiert wurde, ohne Mikrofon bis in den letzten Winkel der Aula eines ehemaligen Mädchengymnasiums zu dringen, 8 Jahre später noch hergibt. Mit allem Zorn und aller Leidenschaft, die 25 Jahre noch übrig gelassen haben.
"Das tust du mir nicht an. Und ja, ich weiß, dass es selbstsüchtig ist von mir, jetzt, wo es dir so schlecht geht, daran zu denken, wie dreckig es mir später gehen wird, wenn du nicht mehr da bist, Idiot."
Pause.
"Aber ich kann nicht anders. Ich kann's ja nicht verhindern. Ich möchte schon, aber du glaubst mir ja nicht, wenn ich dir sage, dass es Unsinn ist, was du da vorhast. Und ich kann dir nicht versprechen, dass das Leben besser und schöner wird. Ich glaube, dass es Unsinn ist. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das, was wir haben und halten können besser ist als ein ungewisses Jenseits. Ich will einfach niemanden mehr auf der anderen Seite haben, den ich am liebsten umarmen würde, nach dem ich mich sehne.
Ich...ich...du. Wenn man sich über eine weite Distanz nahe sein kann, sind wir das. Die gleichen Filme, dieselben Gedanken. Diesselben Lieder. Derselbe Zynismus.
Und leider ein Ozean dazwischen, der mich daran hindert, einfach vor deiner Tür zu stehen, dich an den Strand zu zerren und dich wirklich anzubrüllen, bis dir die Ohren klingen.
Ich hätte es ja wissen können. So sehr kann ein normaler Mensch mir gar nicht ähnlich sein. So weit verstehen kann mich niemand mit einem hübschen, schmerzbefreiten Leben auf der sonnigen Seite von Fortunas Rad. Ich hatte mir nur so sehr gewünscht, es wäre so, du wärst so. Glücklich, ein bisschen sorglos, ein Sonnenkind. Wir glauen gern, was wir wünschen oder fürchten.

Trotzdem! Jetzt nimm gefälligst den Rücken gerade. Und dann machst du weiter. Und es ist mir vollkommen egal, wie bescheiden du dich dabei fühlst. Wir wurden nicht zum Aufgeben gemacht und wir sind viel zu gierig, um irgendetwas loszulassen, was uns gehört. Und dein Leben gehört dir. Wenn's dir nicht passt, wie es ist, such' dir einen anderen Job. Zieh aus und sag deiner Familie, sie können dich kreuzweise gern haben, wenn sie sich wirklich so wenig um dich scheren, wie du meinst. Füll' diesen blöden Schein aus und geh' auf ein Collegue in Canada. Mach' was!
Ich weiß, das klingt komisch aus dem Mund der offiziellen Miss Stagnation, der Frau, die seit Jahren auf der Stelle tritt, die "auf Wiederholung" lebt. Andererseits - ich bin noch da. Wenn ich das schaffe - dann kannst Du das - verdammt noch mal- auch!.

~Niemand wird mich vermissen. Das Leben wird einfach weiter gehen.~ Natürlich wird das Leben weitergehen, Dummerchen. Aber das niemand dich vermissen wird, das ist nicht wahr. Und wenn es nur ich bin. Ich bin nicht niemand, weisst du, auch wenn ich für dich nur Buchstaben auf einem Bildschirm bin. Diese Buchstaben würden dich schrecklich vermissen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es da noch einige andere geben dürfte."
Pause.
"Und jetzt komm. Da draußen wartet was auf uns. Und Kneifen zählt nicht."



geschrieben von: Kildare

Spiegelbilder

Da ist ein Abdruck von dir in mir. Von viel zu vielen Menschen, die sich mir im Laufe der Zeit aufgeprägt und eingebrannt haben. Manche willkommen, andere ungebeten.
Ob ich auf Dir auch Muster gelassen habe? Tiefe, schartige Muster, brandige Stellen im Seelengefüge, wo funkenstiebend ein Geist einen anderen berührte. Wohl kaum. Du bist nicht brennbar, Du glühst für nichts - und niemand macht Dich warm. So ist das eben.
In unserem kleinen Parrallel-Universum bist Du in jedem Fall die größere Diva. Und, ich mag es kaum glauben, wohl auch der größere Masochist. Je mehr Du getreten wirst, desto mehr Zuneigung zeigst Du. Das ist nicht meine Schule. Oder doch? Denn ich bin ja genauso mit Dir. Tritt mich - und ich werde trotzdem für Dich da sein. Trotzdem - nicht deswegen.
Trotzdem...trotz allem... Trotz, die Füße in den Boden und die Hände in die Hüften stemmen. Nicht zurückweichen. Das ist uns gemeinsam. Sturr und stolz, wie es nur Hauptrollen und passionierte Nebendarsteller sein können. Niemand trägt eine Vase so auf die Bühne wie ich. Niemand stellt sich absichtlich dermaßen ins Rampenlicht wie Du.
Bühnenjunkie. Brauchst Du die Aufmerksamkeit? So wie ich das dankbare Lächeln brauche? Das "Hast Du gut gemacht."? Brauchst Du die Bewunderung und den Hass?
Ich habe schon damals gesagt, dass "wir" nicht gut gehen würden. Es zeichnete sich ab, dass für zwei in einer Rolle kein Platz war. Schon gar nicht, wenn wir über deren Gestaltung so unterschiedliche Ansichten haben.

Ich hasse es, recht zu haben. Ich kenne das Stück, ich kenne den Text. Schade eigentlich. Mir hätte eine freie Improvisiation mit glücklichem Ende besser gefallen.



geschrieben von: Kildare

"...und daraus schließe ich, was du Liebe nennst, sei ein Pfropfreis, ein Ableger." Othello, Shakespeare

Wiederaufgelegtes Stück im Dramenkreis um Eifersucht und blühende Wüstenlandschaften. Mittlerweile nicht mehr zwischen Zweien sondern mit reichlich Nebenbesetzung und frischer Regie.
Ich dachte, den letzten Vorhang hätten wir bereits gehabt. Manchmal also doch eine Überraschung. Oder nicht?

Was sagst Du nicht, wenn Du mit Worten um mich herum schleichst? Wovor schreckst Du denn so zurück, wenn ich ehrlich bin? Die von uns beiden so geliebte Ehrlichkeit.

"Es fallen eure Gründ auf euch zurück wie Hunde, die den eigenen Herrn zerfleischen." Heinrich IV, Shakespeare

Was hast Du mir nicht an den Kopf geworfen. Nun bist Du zurück und ich freue mich so gar noch darüber. Aber ob Du das immer noch meinst, natürlich will ich das wissen. Natürlich will ich das hören. So etwas vergebe ich vielleicht, vergeben, ja, das ist meins - aber vergessen? Und wenn Du Deine Meinung von damals immer noch hast, dann fahr meinethalben gleich wieder zur Hölle. Dann will ich nicht mal über das Wetter mit Dir reden.
Natürlich hast Du sie nicht mehr. Hattest sie nie? Warum dann? Warum? Warum musstest Du mir so weh tun?
Weil ich Dich gelassen habe? Ich wusste, dass ich mich verbrennen konnte and den Funken. Aber ich mochte die Wärme. ich mochte die wachen Momente. Nach mehr habe ich nie gefragt. Und trotzdem hast Du mir irgendwann die Maßstabskeule über den Schädel gezogen. Mich mit dem Meterband stranguliert. Mich "diese Sorte Frau" genannt, diese Sorte Frau, mit der Du nichts zu tun haben willst. Wolltest? Nun gut, ich habe das akzeptiert. Zähne knirschend, verletzt, betroffen, aber ich erkannte diese Betrachtungskluft als unüberbrückbar.
Und nun bist Du zurück? Anscheinend. Und mit denselben Worten. Liebling. Aber ohne Erklärungen.
Ohne Erklärungen wird dieser Akt aber leider nicht abgehen, Minchoro. Man tigert nicht einfach in und aus meinem Leben, versetzt mir noch ein paar Tatzenhiebe und wundert sich dann, wenn die Sahneschüssel nicht mehr auf dem Boden steht.
Den ersten Schritt haben wir hinter uns. Die magischen Zeilen sind gefallen. "Es tut mir leid." Bleibt nur die Frage - warum?

"Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur."
Die lustigen Weiber von Windsor, Shakespeare

Ich hoffe immer noch, dass es eine Erklärung gibt, die es mir ermöglicht, Dich wieder mit so dumpfer Hundetreue zu lieben wie zuvor. Wie das mit allen meinen Freunden ist. Aber derzeit weiß ich nicht wie. Komm, ich habe Dir den Einsatz gegeben - sag' Deinen Text.



geschrieben von: Kildare

“My heart is true as steel.”
William Shakespeare

...und Stahl blutet nicht. Stahl rostet nicht. Stahl wird nicht müde.

Ob man solche Sätze als autogenes Training benutzen kann? Bei einem Managerseminar? Im Alltag?
Die Diva möchte die Tür der Umkleidekammer zuschlagen, dass noch mehr goldener Flitter von diesem einen, schäbigen Stern abplatzt. Kritiker sind wie eine Meute Terrier, allein nur laut und agressiv aber im Rudel tödlich. Von dieser Rotte hat sie jeden einzelnen gefüttert und gehegt, aber es ist gute Sitte, die Hand, die einen füttert, zu beißen. Die nächste Aufführung findet dann wohl mit Handschuhen statt.

Auf Wiederholung - ist das so eine Publikums- und Kritikerbegabung einen erst auf die Bühne hinaus zu klatschen und dann auszubuhen?

Na gut - bringen wir wieder "Was Ihr wollt" auf den Spielplan. Wortwörtlich.

"Und was sie mich nennen, das werde ich sein müssen." Goethe, Faust



geschrieben von: Kildare

Seit wann dient eine Sklavin der andern?

Oder eine Sklavin einem Sklaven? Komm, bind mir die Hände zusammen, wenn Du kannst. Schnür' mir die Glieder mit Worten fest. Sieh' es ein, Herzliebchen, manche Zauberformel wirkt nur begrenzte Zeit. Es gibt ein Ende für jeden Bann. Du singst mich nicht mehr wach. Ich schlafe wieder.

Es blieb dir also und du vergrubst es
Und so ist's abgetan und aus!
Weggehaucht die Vergangenheit,
Alles Gegenwart, ohne Zukunft.
Kein Kolchis gab's und keine Götter sind,
Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht:
Weil du's nicht denkest mehr, ist's nie gewesen!
So denk denn auch, du seist nicht elend, denk
Dein Gatte, der Verräter, liebte dich;
Vielleicht geschieht es!


Was redet man sich nicht alles ein um guter Liebe willen? Was glaubt man nicht alles, wenn's nur schön klingt. Und wer gesteht sich schon gern ein, dass das, was man Lüge dachte, Wahrheit war und die hässlichen Tratschgeschichten - wahr? Es war so hübsch für eine Weile. Es war ein Märchen, Aschenputtel und das Biest, aber am Ende blieb jeder von uns doch, was er immer gewesen war. Die Hexe und der Zauberer.


Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen?
Von selbst erinnert es sich schon genug!


Und solche Erinnerungen streift man nicht ab wie eine Ballrobe, einen gläsernen Schuh. Mein Narbenkleid und ich sind eins. Die Summe meiner Erfahrungen, nicht nur die paar schönen, weißen Stellen Haut im Nacken und die schmalen Handgelenke, nein, auch der ganze Rest, die Wunden, die Schürfungen, die dunklen Flecken, die Risse im Gewebe. Erinnerungen, eingewebt in eine Persönlichkeit. Wenn man sie heraus schnitte - da bliebe nur ein Flickkenteppich, der so gar noch unansehnlicher wäre mit seinen Löchern als der Quilt aus Erlebtem und Erlentem, den wir jetzt haben.


Zuletzt verbanden sie als Gattin dir
Ein gräßlich Weib, giftmischend, vatermörd'risch.
Wie hieß sie?--Ein Barbarenname war's--

Medea!
Ich bin's!


Und so muss es auch bleiben. Ich bin's. Und keine andere. Nicht glatt und schön, nicht weiß und gold - rot und schwarz, gekerbt und rauh. Unwandelbar "diese Sorte Frau", die unter jeder Schicht Seide, jeder Lage Schminke doch immer bleibt, was sie war. Da hilft kein Korsett, kein Sockelschuch, kein Lippenstift und keine Säuselstimme - unter dem allem bleibe ich "diese Sorte Frau", die, die immer ein bisschen zu viel will und nie ganz so klug ist, wie sie sein sollte.
Ganz ehrlich?
Non, je ne regrette rien

Medea - Franz Grillparzer Edith Piaf



geschrieben von: Kildare

"Wenn Du mich nur nicht schlägst, mein hoher Herr."
H. v. Kleist, die Feuerprobe


Mach' nur. Wenn ich nicht wüsste, dass es noch verdammt tief hinab geht, würde ich am liebsten fragen, was denn schon noch passieren kann. Ich verliere den Verstand, wenn's da noch was zu verlieren gibt. Ansonsten geht alles seinen gewohnten gang, stetig wie ein Flusslauf. Am morgen hinauf und des nachts hinab und dazwischen ist ein bisschen Tag, das sich leicht füllt mit Papier.

Du fehlst mir. Du fehlst mir so unsäglich, dass ich es dir tatsächlich noch nicht gesagt habe. Warum auch? Du vergisst mich. Heute hast du wirklich nicht gewusst, ob ich Animes kenne. Und gemeint, Metallica sei wahrscheinlich nicht mein Ding. Wenn ich mir das ansehe, frage ich mich, in wie weit du mich überhaupt gekannt hast. Und wieviel von dem, was du gesagt hast, hübsches Geschwätz war. 70 Prozent? Und 30 Prozent Beschimpfungen?
Und trotzdem. Wenn ich zurückblicke, warst du mein letzter Prometheusfunken. Einer der Menschen, für die man brennt. Man liebt seine Freunde und seine Familie, das ändert sich nicht. Nur Zwischendurch streift so ein Komet dieses stabile Gefühlsgefüge. Morgenstern, der gefallene.
Deine Divaallüren fehlen mir, deine mürrische Art, deine Ausbrüche, die guten und gerade nähme ich auch einen schlechten. Und wahrscheinlich bin ich selbst nicht mal unschuldig. Tango. Wenn du vorkamst, bin ich zurück gegangen. Und umgekehrt? Oder habe ich das nur so gesehen?
Es geht hier alles seinen Gang, mach' dir keine Gedanken. und irgendwann, Tag umd Tag und Stück um Stück, bist auch du nur noch Vergangenheit, ein wehmütiges "Es war einmal.....".
Jetzt - jetzt möchte ich wie eine große Katze zu dir schlurfen, mich neben deinen Füßen fallen lassen und schnurren, damit du weisst, dass ich da bin. Schwarze Katze. Weißer Kater.
(Schöner Film übrigens, schade, dass du die europäischen nicht so magst.)

Das Leben geht weiter, Morgenstern. Du nennst mich schon lange nicht mehr deine und ich habe aufgehört, dich Minchoro zu schimpfen. Du bist nicht mehr meine Liebeslaune, du bist nur noch eine Erinnerung an ein Empfinden irgendwann bei Sonnenaufgang.

Du fehlst mir. Vielleicht stehe ich morgen früher auf, mache mir einen Kaffee, schlürfe das Zeug schwarz und denke an dich. Morgens war immer "unsere" Zeit und es gibt verdamt wenige Menschen, für die ich gern früh aufgestanden bin.

"Sticks and stones may break my bones, but whips and chains excite me, So... throw me down, and tie me up and show me that you like me...."

Quelle mir unbekannt, aber es geht mir nicht aus dem Kopf. Komm, schattenliebster Morgenstern, zeig mir, dass du mich magst. Und wenn du mir weh tust.
Morgenstern, Tigerstern - und der Himmel steht voller Lichter.



geschrieben von: Kildare

Fehlender Text

Schlimmer noch, als die ständigen Wiederholungen, sind die Lücken im Text. Oder diese peinlichen Momente, wo man ihn vergessen hat. Stichwort. Kann bitte jemand mir mein Stichwort geben? Das Publikum glotzt, alles wartet und die Worte wollen einfach nicht kommen. Der Kopf ist leer gefegt. Dabei hatte bei der Generalprobe noch alles geklappt.

Ungesagter Text verschwendete Worte

Also gut - räuspern - und los: Ich liebe dich noch immer.

Geht doch.

Seit der ganzen Zeit, die wir nicht mehr miteinander reden und in der ich mir klar mache, dass wir überhaupt gar nicht zusammengehören und brav wiederhole, was für ein verdammter, bornierter, sturer, egoistischer, egozentrischer Trottel du bist, hat sich im Grunde nichts geändert. Du bist noch immer mein Quecksilbermond, mein Komet und ich würde dich noch immer beschützen, wie eine Löwin ihr Junges. Ich möchte deine Narben noch immer mit meinen bedecken, dir Hafen und Segel zugleich sein. Wie damals.

Widerlich schwülstig. Kein Wunder, dass ich das nie über die Lippen gebracht habe. Das ist nicht mein Text. Das ist so eklig klebrig übersüßt wie künstlicher Honig. Das konnte man nicht einmal einem dramasüchtigen Publikum wie dir zumuten. Auch der letzte Laienschauspieler hat seinen Stolz. Selbst ich.

Ging nicht. Geht nicht. Das weiß ich ja auch. Wenn die Katze die Maus endlich eingefangen hat, lässt sie sie halt halbtot liegen oder frisst sie. Für Mäuse gibt's kein glückliches Ende, wenn sie sich mit Katzen einlassen. Ich vergleiche mich so ungern mit einem Nagetier. Und von welcher Maus hätte man je gehört, dass sie sich, nachdem sie noch einmal glücklich davongekrochen ist, nach der Katze sehnt? Emotionaler Masochismus. Es gibt kein Tier im Tierreich, das so grundlegend dämlich wäre.

Ich träume immer noch von dir, wenn ich nicht aufpasse, denke ich an dich. "Sweet home Alabama"....von Südstaatenmelodien direkt ins Asyl für Mondsüchtige. Nichts funktioniert, wie es könnte, weil du mich wie meine hausgemachte Nemesis begleitest, eine Erinnerung, die so vieles andere dagegen abgeglichen blass erscheinen lässt.
Was ist an dir? Nichts. So wie ich nicht außergewöhnlich bin, bist du es eigentlich, näher betrachtet, auch nicht. Außergewöhnlich unhöflich vielleicht. Aber irgendwas an deinen ganzen Kanten und Macken muss zu meinen Kanten und Macken passen. Oder zumindest bilde ich mir das verdammt erfolgreich ein.

Also, zurück zur Kernaussage: Ich liebe dich noch immer. oder zumindest bin ich auf eine Weise besessen von dir, die einer ernsthaften Verliebtheit nahe kommt. Denn Liebe, das wissen wir ja beide, ist nur das, was auch hält. Bei uns war immer alles brüchig, Drahtseilakt, eine Menge doppelter Boden und leider kein Netz weit und breit. Bringen wir's zu Ende. Lass mich meinen Text sagen und dann sagst du deinen, das Licht geht aus und es ist vorbei.




geschrieben von: Kildare

Denk an mich zärtlich wie an einen Traum
Erinn're dich, keine Macht trennt uns
Außer Zeit und Raum
An dem Tag, wann er auch kommen mag
An dem du Abschied nimmst von mir
Lass das gestern weiterleben
Schließ es ein in dir

Natürlich war an allem Anfang klar
Dass ich dich irgendwann verlier
Aber wenn du dich zurücksehnst
Such mein Bild in dir

Phantom der Oper, A. Lloyd Webber



Vorhang. Schwerer Samt, der fällt. Scheinwerfer, die ausgehen. Und eine ungeschminkte Gestalt, die aus dem Hinterausgang schleicht. Ich hätte für Dich auch noch eine Zugabe gegeben, vor leerem Saal bei schlechter Beleuchtung. Ohne Mikrofon und Verstärker. Aber Du hast den Saal verlassen, schon in der Pause. Ich habe die zweite Hälfte noch brav absolviert. Vielleicht nur, um zu beweisen, dass ich auch spielen kann, wenn Du mir nicht zusiehst. Aber Deinen Blick spüre ich doch im Nacken. Oder ehr weiter unten, mehr links, er brennt ein bisschen.
Wie auch immer, jetzt also runter von der Bühne, raus aus dem Kostüm, das mir eh nie richtig passte und nach Hause.
Bis zur nächsten Premiere.




geschrieben von: Kildare

Weißer Tigerstern II - Totenbeschwörung


~ Ach, Gift und Schwert, sie fanden mich verächtlich und sprachen:
" Du verdienst nicht, daß man deiner verfluchten Knechtschaft dich entreißt,

-Du Narr! - wenn es uns auch gelänge, dich ihrer Herrschaft zu entledigen, -
deine Küsse riefen doch den Leichnahm deines Vampirs zurück ins Leben!"~
C. Beaudelaire


Und so hatte ich meinem Blutsauger den Pflock durch's Herz gerammt, den Sargdeckel zugeschlagen und ihn sechs Fuß tief in die Grube hinab getreten. Ruhe sanft.
Aber das Biest schläft nicht bei den Toten. Kein Wunder, wenn du es auch beharrlich rufen musst. Du weisst doch, den Namen nennt man nicht, damit sie die Augen nicht öffnen. Dummer Junge.

"Du warst das alles und ich war nichts davon" "Vielleicht in unserem nächsten Leben..." "Wir haben immer noch einen Funken Hoffnung."

Nein.
Kein wir. Keine Hoffnung. Nur ein Wiedergänger, der nicht in seinem Grab bleiben will, ein allzu willkommener Geist aus glücklichen Tagen. Aber solche Küsse sind kalt und auf die Dauer bringt einen das Leichengift um.

Es ist eine klassische Geschichte, in der die Liebste aus dem Totenreich zurückkehrt. Blas die Kerzen aus. Ich bin noch nicht so weit. Ich will mich nicht in Blut und Tränen an dich ketten. Die Schattenexistenz, in der ich keine lebenden Wünsche haben kann, ist nichts für mich.

"Wissen Sie, Monsieur, ich glaube, sie wünschte sich mehr als alles auf der Welt, jene Frau zu sein . Sie können das nicht verstehen. Doch ich habe gehört, wie sie diesen Brief gelesen hat. ich weiß, das es so ist."
A. Baricco, Seide


Gehofft - oh ja, brennend gehofft auf diese eine Rolle. Aber die sollte eine andere bekommen.
Nun, wir haben besetzt, das Stück spielt und jetzt kann man dem Publikum keine Änderungen mehr vorsetzen. Und teilen kann man den Text auch nicht.

Weißer Tigerstern. Sehnsucht nach einem Gestirn. Einem Fixpunkt vor dunklem Himmel. Zweifach.



geschrieben von: Kildare

Mehrseitiger Monolog

"Wohin wirst du gehen, Miststück?" "Ich weiß es doch auch noch nicht. Irgendwohin, irgendwann." "Du bist ein Schiff ohne Anker." "Ja."

"Wem gehörst du Streuner?" "Mir." "Und?" "Nur mir." "Sollte dich das nicht glücklich machen, Wolfsweib?" "Sollte es wohl."

"Was haben sie dich genannt?" "Löwin, Tiger, Drache, Dämon." "Warum bist du das dann nicht?" "Weil auch alte Götter irgendwann schlafen." "Nimm den Rücken gerade." "Ich bin zu müde dafür, soll St. Georg doch endlich seine Arbeit machen. Schlag zu, Junge. Soll Perseus sich das Gorgonenhaupt holen, ich bin das nicht mehr, ich kann das nicht mehr. Ich will mein Bett. Oder meinen Sarg. Macht das einen Unterschied?" "Du hast Pflichten." "Pflichten schaffen keine Legenden." "Aber sie retten die Welt." "Manchmal." "Du hast doch nur Angst am Ende nicht mal mehr für die Hexe getaugt zu haben. Du fürchtest dich vor der Normalität und davor, ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein." "Ja. Wer ist schon gerne Massenware?" "Und warum hast du dir dann keinen schönen Tod gesucht, als du noch einzigartig warst?" "Feigheit und Pflicht, euer Ehren, siebzig zu dreißig oder fünfzig zu vierzig. Und vielleicht diese zehn Prozent Hoffnung. Die wird man ja nie los." "Oh doch, Miststück, aber so weit bist du noch nicht."

Manche Leute sind klar definiert in ihrer Rolle. Die ist so gradlinig angelegt, dass kein Zweifel besteht. Jugendlicher Liebhaber, weiser Berater, verräterischer Wesir.
Und manche Leute haben gar keine. Sie stehen einfach nur im Hintergrund herum. Lebendes Bühnenbild.

Finden Sie sich seblst.

"Du bist nicht dein Job, du bist nicht das Geld auf deinem Konto, nicht das Auto, das du fährst, nicht der Inhalt deiner Brieftasche und nicht deine blöde Cargo-Hose."
C. Palahniuk, Fight Club


Sicher. Aber was zur Hölle bin ich denn dann?

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Hepftpflastermentalität

Also gut. Da ein bisschen mehr Schminke, dort ein wenig mehr Rouge und die Ringe under den Augen kriegt man auch noch weg. Sieht kein Mensch. Baustelle. Der Putz bröckelt, aber was stört das? Putz kann man neu auftragen. Schicht um Schicht und irgendwann ist der alte Panzer wieder da, die Maske, der unbewegte Schild. Eine ausgehärtete Abgrenzung gegen jedes "außen". Was nach innen blutet stört nicht. Das bleibt ja unter uns.

"Unter uns beiden, Miststück." "Ja." "Du fällst. Und die Geschwindigkeit ist beeindruckend." "Ja." "Warum schreist du dann nicht?" "Weil es nichts zu schreien gibt. Weil man das hier nicht reparieren kann. Und das weisst du auch." "Was versuchst du eigentlich?" "Die Füße auf dem heißen Blechdach zu halten, so lange ich kann." "Du bist nicht Liz Taylor, Schätzchen." "Nein." "Was tust du denn nun? Verbrennen? Ertrinken? Vergraben und ersticken? Hast du dich entschieden?" "Nein." "Du liebst das Wort, oder?" "Ja. War mein erstes. Wird auch mein letztes sein." "Katzen haben neun Leben. Im Gegensatz zu Dir. Glaubst Du, es wird wieder besser, wenn du nur zäh genug bist." "Vielleicht." "Und wenn nicht?" "Dann bin ich wenigstens beim Versuch gestorben." "So wie's gerade ist, stirbst Du im Bett. Schlafend. Hör auf, vor deinen Tagen weg zu laufen." "So überleben Bären." "Du bist aber kein Bär. Du bist nur ein Mensch, der Zeit verliert." "Wahrscheinlich. Ich denke nach." "Das machst du schon ziemlich lange ohne Ergebnis." "Gib mir die Heftpflaster und halt da mal kurz den Daumen drauf." "Du weisst, das hält nicht ewig?" "Du weisst, das hier wird auch nicht ewig dauern."

"Zahlen lügen nicht

Die grundlosen Depressionen nehmen weltweit zu. Und zwar um jährlich durchschnittlich 100%! Und kein Aas (0,00 Prozent) weiß warum. Zwei Drittel aller Befragten haben Angst. Über 90% von ihnen wissen aber nicht genau wovor. Dennoch will die erdrückende Mehrheit (88%) weiterleben. Von ihnen wissen allerdings 39% nicht, wovon. Auf die Frage nach dem Sinn des ungeborenen Lebens zuckten 98% aller Befragten die Schultern. 2% wußten auf diese Frage gar keine Antwort."
~Wolfgang Mocker



"Er feht dir noch immer, nicht wahr?" "Ja." "Trauriger Tiger?" "Ja." "Wo bleibt das nein?" "Als hätte ich zu dem je nein sagen können." "Hepftplaster?" "Kompresse bitte." "Du tropfst auf den Teppich." "Ich weiß." "Und was machen wir jetzt?" "Warten und hoffen, dass Dornenreich recht hat." "~Wunden werden Narben und Narben bleiben hässlich?~?" "Exakt. hat bis jetzt jedes Mal geklappt." "Wirklich?" "Nein." "Übertreiben wir nicht ein bisschen?" "Ja. Gegenfrage, was machen wir dagegen?" "Was wir immer gemacht haben, Miststück. Mehr Rouge gegen den bleichen Teint, den Kopf hoch und tapfer weiter gesündigt." "Siehst du."



I still recall the taste of your tears.
Echoing your voice just like the ringing in my ears.
My favorite dreams of you still wash ashore.
Scraping through my head 'till I don't want to sleep anymore...

...You make this all go away.
You make this all go away.
I'm down to just one thing.
And I'm starting to scare myself.
You make this all go away.
You make this all go away.
I just want something.
I just want something I can never have...

In this place it seems like such a shame.
Though it all looks different now,
I know it's still the same
Everywhere I look you're all I see.
Just a fading fucking reminder of who I used to be...

I just want something I can never have
~ Nine Inch Nails, Something I can never have




geschrieben von: Kildare

Fünf Zeilen - Literaturkritik

Diven fürchten Kritiker. Und wir lieben sie. Sie lassen uns aufblühen oder verfallen.
Und selbst sind solche kapriziösen Sterne auch keine schlechten Ratgeber. Außer in eigener Sache.

Nur ein paar Zeilen - fünf vielleicht? - aber ich habe nicht richtig gelesen. Wie sonst hätte ich annehmen können, ich sei nicht der Mittelpunkt Deines Stücks gewesen.
"Es hat keinen Sinn, darüber zu reden." "Ich mag dich- sehr." "Du warst für mich die einzige, die real war." "Ich sollte mich besser an die schlechten Sachen erinnern, ich werde krank davon, verrückt nach dir zu sein."
Es tut mir leid. Ich war ein schlechter Star, ich habe nicht mal bemerkt, wie der Spot sich auf mich gelegt hat. Ich hab einfach gedacht, der Beleuchter spinnt.

Nein, perfekt warst Du nicht. Bestimmt nicht. Wetterwendisch. Unzuverlässig. Kompliziert. Zu wortkarg.
Aber dass ich tatsächlich geglaubt habe, Dir nichts zu bedeuten, war ungerecht von mir. Ich habe es geschafft, mir einzureden, Du würdest mir nur schmeicheln wollen. Sicher war es auch das. Und die Schuldgefühle. 11 Monate hast Du mich im Nichts sitzen lassen. Nein, eine Kleinigkeit war es wohl nicht - und doch. Wo ist der ganze Divenstolz, wenn er einmal angebracht wäre? Wieso kann ich gute Kritik noch weniger vertragen als schlechte und brauche über ein halbes Jahr, um sie zu realisieren. Warum soll jedes bittere Wort wahr sein und jedes nette gelogen?

Das ist vorbei, diese Aufführung wurde vor Ewigkeiten abgesetzt, aber vielleicht lerne ich ja doch noch daraus. Manchmal versteht man Dinge erst später. Vielleicht zu spät. Und das nächste Mal, wenn die Kritik gut ausfällt, werde ich versuchen, nicht zu widersprechen. Einmal in zwei Jahren.
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Andere Baustelle

Werde ich? Ihre Divahaftigkeit mag ja gute Vorsätze haben, aber so richtig zutraulich ist sie nicht. man spezialisiert sich nicht auf "Medea" und nimmt den Leuten ab, dass man auch ein gute "Julia" gibt.

"In fünf Jahren leben wir zusammen - oder ich träume schon wieder."
Nun gut, manche Dinge glaubt man wohl wirklich besser nicht. In fünf Jahren - schattenliebstes Katertier, Tigerstern - wirst Du das kleine Mädchen um seine Hand bitten. Passt so auch. Sie ist eine hervorragende "Julia" - und eine wahrscheinlich unterdurchschnittliche "Medea".
Ich bin ja einiges - aber die Nebendarstellerin so wie Du Dir das vorstellt - verdammt nochmal nein. Ich habe schon eine Menge gespielt, aber für Geliebte habe ich gar kein Talent. Glaub es mir einfach. Und hör auf, mich davon überzeugen zu wollen, dass eine Doppelbesetzung funktionieren könnte. Denn wir erinnern uns:

~ l'enfer ce sont les autres~

Vertrau mir, so wenig mir "Julia" und "Grete" liegen, ich gebe eine hervorragende Höllenfürstin ab. Und das möchtest Du nicht. Die Szenen könnten realer werden, als Dir lieb ist.



geschrieben von: Kildare

Und dann hast du mir geglaubt.

Vorhang.

Was macht man eigentlich, wenn sich die männliche Hauptrolle in Luft aufgelöst hat? Wenn nicht mal mehr Worte bleiben?

Monologe.

Und weisst du was, Tigerstern? Diese Solonummer wird besser, als jeder Auftritt mir dir. Wenigstens weiß ich so, was gespielt wird.

Viel Glück mit deiner Tournee durch Herzen und Häuser. Von der Position der alternden Diva herab, aus der Loge der Gehässigkeit:
Du wirst es brauchen.



geschrieben von: Kildare

Ein Post Scriptum
~ Mascha Kaléko ~

Von meinem alten Anwalt kam ein Brief.
Er schreibt wie immer.
Sachlich, fachlich. Ihr ergebener.

Da übersah ich beinah
das Post Scriptum.

"Nun, da mein Leben sich dem Abend zuneigt
und jenes dunklen Engels Flügelschlagen
schon manche Nacht den Herzschlag übertönt,
will ich, Verehrteste, es einmal sagen:
Ich habe dreißig Jahre Sie geliebt.

Nun liegt ein Weltmeer zwischen mir und Ihnen.
Und immer warte ich, daß noch ein Brief,
kein Liebesbrief und doch ein Schmetterling,
in mein mit Akten tapeziertes Leben
flattert.

Wir sitzen auf der Veranda und im Garten spielen Hunde und Kinder. Ich halte Seidenblumen in Kübeln, weil mir die richtigen eingehen und arbeite nur halbtags, irgendwo in einem Vorortbüro. Damals am Flughafen hast du mich festgehalten und ich bin geblieben und habe Flug und Karriere in den Wind geschrieben.
-
Ich streiche hingebungsvoll Staub von einem Exponat und stelle es in seine Vitrine. Das letzte Stück. Ich habe hart gearbeitet für diese Ausstellung, aber es hat sich gelohnt.
-
Die Glocke von St. Johannes schlägt um Mitternacht und träge fallen St. Miachelis und St. Nickolai mit ein. Der Flieder blüht vor dem Balkongeländer und malt weiße Punkte unter den Sternenhimmel. Und es riecht nach Heimat.


Hätte sein können. jetzt, wo ich langsam älter werde, gibt es eine ganze Menge, das "hätte sein können". Und nicht ist. Weil ich mich anders entschieden habe. Weil es eben nicht so passiert ist. Weil ich an einem bestimmten Ort nicht geblieben bin.

Auf Tournee.
Überall zu Hause, nirgendwo daheim. Emotional aus dem Koffer lebend. Und tatsächlich auch "irgendwo dazwischen". Hier und da ein Gastspiel, aber keine eigene Bühne.

Es sind die langen Nächte, in denen man sich fragen kann, ob man etwas bereut. Die Antwort ist nein. Immer noch nicht. Mein anfänglich so gerader Lebensweg hat sich gekrümmt und manchmal stört mich das. Und natürlich hätte - hätte- hätte und immer wieder hätte ich einiges besser machen können und sollen. Aber ich bereue nichts.



geschrieben von: Kildare

"You used to dream yourself away each night
To places that you've never been
On wings made of wishes that you whispered to yourself
Back when every night the moon and you would sweep away
To places that you knew you would never get the blues

Now whiskey gives you wings to carry each one of your dreams
And the moon does not belong to you
But I believe that your heart keeps young dreams
Well, I've been told to keep from ever growing old
And a heart that has been broken will be stronger when it mends

Don't let the blues stop your singing
Darling, you only got a broken wing
Hey, you just hang on to my rainbow
Hang on to my rainbow
Hang on to my rainbow sleeves"

~Rainbow Sleves, written by Tom Waits


Tango, die langsame, traurige Variante, bei der die Liebenden schon lange keinen Liebenden mehr sind und man Abschiede anstelle von Eroberungen tanzt.
Eine Tasse Kaffee, um den Kater von den Schultern zu vertreiben und die Küsse vom Mund zu spülen.
Man wird erwachsen mit den Jahren, dieselben Dinge geschehen noch einmal und noch einmal. Wiederaufführung. Wenigstens ist der Himmel so höflich, grau verhangen zu bleiben und mir nicht in meine Melancholie zu pfuschen.

Wird schon werden.

"Warum wirfst Du mich nicht endlich raus?" "Weil andere schon viel schlimmere Dinge zu mir gesagt haben."

Wieder eine Rolle. Wieder ein Manuskript. Wieder eine Begrenzung. Und wieder Kostümwechsel von einem Tag zum anderen. Können Sie das, Fräulein M.? Aber sicher doch. Und irgendwann weiß ich selbst nicht mehr, was davon noch gespielt ist und was wahr.

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geschrieben von: Kildare

Schöne Frauen und schöne Katzen - eine Homage

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© Galérie Obsis, Paris

Vergöttert und verflucht, das ist beiden Fraktionen gemeinsam. Schöne Frauen und schöne Katzen, es ist eine Einheit, ein samtiges Schnurren, ein Knistern und Prickeln unter den Fingerspitzen. Sie zeichnen sich in ihrer Treue nicht dadurch aus, einem nicht von der Seite zu weichen - nein, sie kommen zurück. Und in dieser Rückkehr liegt bereits eine Auszeichnung. Überschäumende Zuneigungsbekundungen kann man nicht erwarten, der träge Blick, der den eigenen Schritten folgt, muss als Liebesbeweis genügen. So ein geschöpf ist sehr zahm und zutrauchlich, wenn es das denn will. Dann besteht es nur aus rauher Zunge und seidigem Leib. Und wenn es nicht will, dann sind es Klauen und Zähne.

Ich mag Frauen mit Klauen und Zähnen, denen der Schalk und Eigensinn schon aus den Augen sprüht, die gerne am Rand balancieren - an welchem Rand ist gleichgültig, der Norm, der Katastrophe, mit einer Zehe steht man in der Luft und lacht über furchtsamere Gemüter und Höhenangst.

Katzen haben neun Leben sagt die Legende. Und sie bringen Schicksale.

Schöne Frauen sind genauso, immer dabei von einer Haut in die nächste zu schlüpfen und nebenbei ihre Umgebung zu verändern, bis sich am Ende die Welt um sie dreht. Schmeichelnde Königinnen.
Nicht umsonst spricht man bewundernd von "Katzenaugen". Jadespiegel, Bernsteinfunken. Solche Augen können befehlen, ohne das ein Wort gesagt wird und bezwingen, ohne das ein Schlag getan wird. Sie sind genauso sehr Symbol wie Realität, werden mit Vorstellungen gefüllt und in Wünsche gekleidet.

Man kann sie lieben, für ihre sanften Pfoten und die leisen Laute, für ihre Ruhe und ihre Grazie.
Man kann sie hassen für ihren unbewegten Blick und ihre Launen.
Aber gleichgültig bleiben, das gelingt den wenigsten.

In verwunderter Bewunderung für zwei der letzten magischen Wesen.

K. (geboren 1982 im Jahr des Hundes)



geschrieben von: Kildare

"...die nicht sehr beliebte bei Onkel und Tante,
sie fürchten ich könnt' den behüteten Neffen
im Spielsalon oder im Himmelbett treffen,
ich könnt' sie verführen mit tausenden Listen
zu etwas, was sie vielleicht doch noch nicht wüssten...

...die tausenden, kleinen, pikanten Histörchen,
die leise geraunten Alkovenmärchen,
die sind nicht umsonst mir angedichtet,
denn auch ein schlechter Ruf verpflichtet....

~Yes Sir~, Zarah Leander


Ein Ruf - hat man nur einen? Manchmal habe ich das Gefühl, mir wispern genügend Dinge nach, um Bücher zu füllen. Und das Lieschen Müller unter der Schminke weiß gar nicht, was da geschieht. Aber die andere Seite, das Bühnenbiest, erkennt sehr gut, was da passiert.
Ein schlechter Ruf verplichtet und so wird man, was man genannt wird. Verlässliche Freundin, humoristische Trunksüchtige, philosophische Gefährtin oder eben die berühmte Katzengeliebte. Man kommt bei Nacht und geht vor Morgengrauen, man streift durch die Hintertür, aber man bleibt nie. Wenn man seinen part gespielt hat, tritt man ab und es ist egal, ob der nun im Dialog, in der Handreichung oder im Liebesakt lag. Man kennt sein Stichwort.

War das einmal so geplant? Nein. Ist es schlimm? Nein. Manchmal, ja manchmal da würde auch ich mir meine Paraderolle wünschen, einen festen Rahmen in dem ich verharren kann. Aber dann wiederum bin ich frei nach Lust und Laune das Fach zu wechseln - und würde ich das wirklich aufgeben wollen?

"....was Du berührst zerbricht in Deiner Hand...

Wenn ich tanz, tanz ich wie's mir gefällt,
wie sich die Welt verhält,
ist mir egal.

Wenn ich tanz, tanz ich wie ich es will
zu Musik, die ich bezahl.

Wenn ich tanz, tanz ich auf meine Art
und wenn's mir Spaß macht auch mit dir.

Sie raunen, sie staunen
und wissen nichts von mir"

~Wenn ich tanz~, Elisabeth (Alternativversion zu "Wenn ich Tanzen will")


Ich muss lächeln, wenn man mir die Lebedame unterstellt. Ich liebe diesen Part, die dekadent hohen Schuhe, das anzügliche Grinsen, den Lippenstift, Samt und Seide. Aber ich bin das nicht. Oder zumindest nicht so sehr, wie man mir das nachsagt.
Fama. Fame. Es liegt nahe beieinander. Gerücht und Ruhm. Und beides begründet Erwartungen, denen man nicht immer gerecht werden kann. Oder will.
Ich entscheide noch immer selbst, wann ich tanzen will - und im Zweifel auch mit wem. Und am Ende bleiben sowieso nur wir zwei übrig, der Pianist und ich. Mit einer Federboa.

"Ich bin verrückt nach jedem neuen Pianisten,
wenn Du Klavier spieln kannst, nimm' Dich in Acht vor mir....

Der Dritte hat mir dann beinah' das Herz gebrochen
und ohne Gnade nahm das Schicksal seinen Lauf.
Mein Gott im Flügel hat er sich vor mir verkrochen.
Bis heut bekam kein Mensch den Deckel wieder auf.

Jetzt brauch ich dringend einen neuen Pianisten..."

~Ich bin verrückt nach jedem neuen Pianisten~, Tim Fischer


Nehmen wir es brav mit Humor, einem schiefen Grinsen, einer dunklen Flüssigkeit in einem kleinen Glas - bei der man nicht erwähnt, dass es sich nur um Johannisbeersaft handelt. Theater - so lange es gut aussieht.



geschrieben von: Kildare

Bruchstücke- fremde Lichter

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"Wenn wir mit 30 noch allein sind, dann heiraten wir."

Diese Abrede wurde vor vielen Jahren getroffen, als wir beide noch glaubten, in der ganzen Zeit, die kommen würde, würden wir uns schon zu jemandem sortieren. Wir haben nicht angenommen, dass dieses Wahnsinnsgelübde, wo wir beide doch sind wie Nitro und Glyzerin, jemals in greifbare Nähe rücken könnte.
Jetzt ist 30 näher als 20. Noch immer ein Stück bis dahin, aber kein gar so langes mehr.
Und wir sind beide - spiegelbildlich - noch immer allein. Wir mussten lachen, als wir nach einem halben Jahr wieder telefonierten. So gleich, zu gleich.
"Ich muss dich gar nicht fragen, wie's dir geht. Wie mir. Wie immer."

Damals haben wir zwei noch gehofft und geglaubt. Mittlerweile dünnt sich diese Selbstsicherheit aus. Zumindest bei mir. Und das hängt ,egozentrisch wie ich bin, natürlich auch nur mit mir zusammen. Einsam aus Wahl. Würde ich meine geliebte Melancholie aufgeben? Oder schlimmer noch, meine Streunerfreiheit? Was müsste das für ein Wundertier sein, dass die schlechten Erfahrungen durchbricht und mich zahm macht, wie ich es einmal war?
Ich mime die Drosselbartprinzessin recht erfolgreich. Mir passt niemand, am liebsten bin ich immer noch mit mir allein. Und so wähle ich mit gelassener Sicherheit nur solche männlichen Hauptdarsteller, von denen ich weiß, dass sie nur ein Saisonengagement sind. Oder besser noch ein Gastspiel.
Rechtfertigung? Ich bin ja gar nicht allein. Da ist das restliche feste Ensemble - was brauchen wir da einen Hansel mehr als stetigen Bühnenbesatz? Wir sind so eingespielt aufeinander, dass wir seit Jahren zurecht kommen.
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Fremde Menschen, die keine fremden Menschen sind. Die Freunde von Freunden. Glückliche, heile Personen, die sich in das eigene Leben schieben und einem mit jedem Atemzug, mit jedem Lachen bewusst machen, wie kaputt man eigentlich doch ist. Wie kaputt ich bin. Ich kann es auch beim Namen nennen.
Angeschlagenes Porzelan. Zweite Wahl. Mangelhafte Ware.
Wo fangen die neuen Schmisse an, wo hören die alten Narben auf. Bin ich neidisch oder einfach nur misstrauisch?
Im Zweifel beides.
Da sitzen sie mit ihren geordneten Leben, ihren Zielen, ihren großen, hellen Träumen, den Auslandserfahrungen, den Gaben - und mittendrin ich. Die ich das alles so gar nicht bin. Und wenn ich das zugebe, heisst es "Ach komm, red' nicht."

So ein Familienessen hatten wir seit 19 Jahren nicht mehr. Wenn man das krampfhaft positiv sehen möchte, habe ich nur schon hinter mir, was für sie noch kommt. Ich freue mich für sie, wirklich, aber mir wird auch mit jeder Minute bewusster, wie sehr er mir immer noch fehlt. Es geht auf Weihnachten zu, Papa.
Und dann die Komplimente und Umarmungen. Bei jedem davon denke ich "Komm' mir nicht zu nahe. Du kennst mich doch gar nicht. Geh weg, Goldkind. Du bekommst rußige Finger." Und ich frage mich, warum sie so nett zu mir sind. Mitleid? Ich vertrage kein Mitleid. Ich will kein Mitleid. Ich bin immer noch ich. Stolz und sturr. Sehr, sehr sturr. Oder Spott? Nein, wohl kaum. Dafür sind
solche viel zu nobel.

Solche, sie - Menschen mit Zielen im Leben, mit einem Weg, der nicht so verkrümmt und knorrig ist wie meiner. Ich bin furchtbar ungerecht gegen diese Freunde meiner Freunde, die mir überhaupt gar nichts getan haben, außer ausgesprochen freundlich mit mir zu sein. Und mir vor Augen zu führen, was ich alles nicht geschafft habe und nicht bin. All das, was ich mir nicht verzeihen kann. Und teilweise in einem bitteren, unterdrückten Aufbegehren auch dem sogenannten Schicksal nicht verzeihen kann.
Ich wäre doch auch gern gesund und sorglos. Manchmal. Ich wäre auch gern schlank und hübsch und unbeschwert. Manchmal. Wäre - konjunktiv. Es passt schon so, wie es ist, denn wenn die alten Narben gerade nicht schmerzen und die neuen kratzer nicht jucken, weiß ich, dass niemand vollkommen ist. Ich nicht - und sie auch nicht. Dass diese Menschen eben auch nur Menschen sind, die ihre Sorgen und Nöte haben. Das keiner von ihnen auf mich heruntersieht und dass ich sie genauso irritiere wie sie mich, wenn ich ihre Freundlichkeiten abwiegele.

Und ja, ich mag sie - trotzdem. Trotz des Neides, trotz des Zwickens, weil ich nie in nur einer Welt leben wollte. Weil sie meinen verkrusteten Horizont mit Möglichkeiten überziehen. Weil sie so vollkommen anders sind als ich. Sind sie das? Ich sehe es so.

Aber dann sitzt man doch wieder auf der Terrasse, starrt in die Sterne, lächelt vor sich hin. Ich weiß wieder, wie ich da gelandet bin. Die Leute, mit denen man nachts den Kopf in den Nacken legen und den Himmel schweigend anstarren kann, ohne sich unwohl zu fühlen - die zählen.



geschrieben von: Kildare

Nur eine klitzekleine Frage am Rande: Was macht Sie bloss so unsicher? Sie sind doch eine ganz tolle Frau!

Zitat aus den Zeilen eines Fremden. Eine klitzekleine Frage. Hundert Antworten. Auch aus anderen Ecken fallen Worte wie "verbittert" und "verbissen". Das ist nicht einmal böse gemeint und das ich das weiß, macht es fast noch schlimmer. Denn wenn hinter solchen Bemerkungen keine verletzende Absicht steckt sondern nur Bersorgnis und Anteilnahme, fragt man sich doch, wie kaputt man mittlerweile ist.

Fast 26, zwei Tage noch. Und alles geht seinen Gang. Nichts, gar nichts ist in die Brüche gegangen. Außer mir? Nein, eigentlich nicht. Nur ein paar Träume, ein paar Glaubenssätze haben sich verabschiedet. Und ich werde den nächsten Menschen, der mir mit einem guten Ratschlag kommt, wahrscheinlich zerfleischen. Ich kann keine guten Ratschläge mehr hören. Mach dieses, mach jenes, lass dieses, lass jenes und vor allem verkrampf dich nicht. Wie die Anweisung, nicht an lila Fledermäsue zu denken. Fröhliches Flattern im Hirn.

26, ich wollte so viel weiter sein. Ich wollte die Welt besitzen. Ich wollte....und macht es was? Ja, mir, ständig. Aber der Erdball, den ich zu erobern gedachte, dreht sich munter weiter.

Die Erkenntnis, nicht der Mittelpunkt des Universums zu sein. Vielleicht ist das dieses berühmte Erwachsen werden. Es schmeckt ein wenig bitter - aber an Kaffee und Spinat habe ich mich ja auch erst gewöhnen müssen.



geschrieben von: Kildare

Verlorene Seelen

Silvester ist vorüber. Es war ein wunderschönes, rauschendes Fest. Auf dieser Feier waren bestimmt 10 Personen, die mir nahe stehen. 10 Personen, von denen 8 nicht dort gewesen wären, wenn ich nicht auf genau dieser Party hätte sein wollen. Komplimente hagelte es sowieso. Und für einen Abend war ich tatsächlich glücklich, ein Rudeltier inmitten eines Rudels. Obwohl ich mich ja immer ehr als einsame Wölfin sehe. An solchen Abenden wirkt diese Selbstwahrnehmung mehr als lachhaft. Und das tut verdammt gut.

Aber beim Köpfe zählen haben mir natürlich wieder viele gefehlt. Und einige davon sind endgültig verschwunden, nicht etwa aus der Welt sondern aus der Liste jener Menschen, die mir nahe stehen. Natrlich gebe ich das ungern zu, aber die Lücken, die sie hinterlassen haben, sind immer noch spürbar. Der Gedanke "Das würde ich gern ... erzählen." und dann die Realisation, dass ich das nie wieder tun werde. Nicht einmal im Geiste. Weil X/Y leider nicht der Mensch war, für den ich sie oder ihn gehalten habe. Oder weil ich nicht diejenige war, für die X/y mich gehalten hat. Und an dieser Stelle muss ich mich dann fragen, woran es eigentlich liegt:
Meiner eigenen Dummheit?
Den Verstellungskünsten anderer?
Ausgleichende Gerechtigkeit, weil ich für je drei wundervolle Menschen eben auch mindestens einen treffen muss, der mir weh tut?
Und warum kann ich diese Leute dann nicht wenigstens loslassen?

Eine zweite Stimme, irgendwo hinten im Chor meiner vielen Stimmen, murmelt immerzu : "Weil du nicht gut genug warst." Und obwohl sie nie wirklich laut wird, obwohl sie von außen übertönt wird, bleibt sie doch bestehen.
"Weil du nicht gut genug warst - und weil du es deshalb auch nicht besser verdienst."
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Andere Baustelle - emotionaler Masochismus

... so kill me with the love that you won't give to me
and pack the wound with salt i want to feel it bleed
you wanted me to crawl so now i'm on my knees

why's it always have to be me
that's always left out to burn and
i'll never learn...
smile empty soul - for you


Oder vielleicht auch genau diesselbe? Gefrierbrand. Genauso muss sich Gefriebrand anfühlen, wenn man dasitzt und es nicht mal mehr weh tut, weil man über die Schmerzen einfach schon hinaus ist. Oder weil man so daran gewöhnt ist, das man nichts mehr wahrnimmt.
2009 undterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von 2008.
Die Frage, die sich mir immer wieder stellt, bleibt, warum ich mich verbal ins Gesicht schlagen lasse und diese Person dann auch noch in Schutz nehme. Warum ich vor meinen Freunden, die am Ende ja doch alles ausbaden müssen, weil sie mit mir leben, so lange sie es aushalten, zumindest die andere Person verteidige.
Irgendwo ist es wahrscheinlich auch die Rechtfertigung meiner eigenen Schwäche, nicht einfach einen weiteren Strich auf der Liste zu machen und einen weiteren Menschen verloren zu geben. Und so wiegele ich auf der einen Seite brav ab und halte auf der anderen auch noch die linke Wange hin und weiß selbst nicht so richtig, warum.

Aber dann erhebt sich die Stimme im Hinterkopf wieder und erklärt mir die Dinge:
"Weil du nicht gut genug bist - und du es dehalb auch nicht besser verdienst"



geschrieben von: Kildare

http://i153.photobucket.com/albums/s206/21121982/img155-1.jpg

Ein Foto, zwei Menschen. Die beiden kenne ich gar nicht, ich habe sie irgendwann an einem kristallkalten Herbsttag heimtückisch von hinten fotografiert. Und da kann mir auch das Recht am eigenen Bild nichts denn erstens werde ich es nicht vermarkten und zweitens erkennt man in dieser Rückenansicht nichts.

Zwei Menschen, ein Foto. Auf einem anderen Bild, das ich nicht verwenden kann, sieht man uns zusammen. Als ich die Neujahrsbilder gesichtet habe, ist es mir sofort aufgefallen. Strahlend und ginselig lehnen wir aneinander, mein Kopf auf deiner Schulter, so als würden wir uns tatsächlich mögen. Bilder lügen.
2009 begann wie 2008 geendet hatte. Mit einem schönen, dicken, emotionalten Kater. Es war nicht der Alkohol, der mir Kopfschmerzen bereitete, sondern die Frage danach, warum ich immer denselben Fehler wiederhole. Wider besseren Wissens.
Am Ende komme ich zu der Erklärung, dass ich das aus der einfachen Logik heraus mache, das wenn ich mir weh tun lasse, ich der anderen Partei nicht weh tue. Oder wenn doch, dann hat sie es wenigstens verdient.
Meine etwaige Hingabe, die sich immer mal wieder einstellt, wie eben der berühmte Kater und auch genauso langsam wie eine leichte Vergiftung wieder ausschleicht, darf eben keine Erwiderung fordern. Das hier ist schließlich kein Geschäftsabschluss, obwohl wir vieles genauso handhaben, weil wir wenigstens die Bedingungen von vornherein ausgehandelt haben. Der Text sagt deutlich "Keine Bindungen - alle Risiken tragen die Beteiligten für sich allein". Klingt traurig? Ja, aber wenigstens ist es ehrlich und wenn ich dabei ein paar Schrammen abbekomme ist mir das immer noch dreimal lieber, als wenn ich im Duett mit jemand anderem zusammen lüge.
So betrüge ich ersteinmal mich und dann so gut ich kann den Rest der Welt, aber ich halte mich an meine Abmachung.
Pacta sunt servanda.
Es gibt kein wir. Es gibt keine Verpflichtungen. Du bist ein mäkliges Miststück. Du wirst dich erst dann wieder melden, wenn es dir in den Kram passt und mich, so lange ich mir das gefallen lasse, behandeln wie Dreck.
Dein Teil des Handels.
Es gibt kein wir. Ich bin dir zu gar nichts verpflichtet. Wenn ich dich beschädige, ist das dein Problem. Ich werde dir nicht nachlaufen.
Mein Teil des Handels.
Trocken, auf das Wesentliche reduziert, aber funktional.

"Weil sich wohl begründet, doch nichts besseres findet."
C. Waldorf

Nur in einem Punkt habe ich mich nicht ganz an unsere Vereinbahrung halten können. Manchmal....nur manchmal...denke ich noch an dich. Aber keine Sorge, genauso, wie die Erkältung und der Kater von Silvester vorbei gegangen sind, wird auch das enden. Ich würde ja gern schreiben "in aller Freundschaft" - aber das wäre so massiv gelogen, dass es lächerlich wäre. Wir sind definitiv keine Freunde. Und nach den regeln des Übereinkommens kann ich dir das auch nicht mehr anbieten - denn meinen Freunden laufe ich nach.



geschrieben von: Kildare

"Ich will nicht ohne Narben sterben."
~ Fight Club, Chuck Palahniuk


Und so wurde mir reichlich gegeben.

Schnitt

Du kannst das eine nicht mit dem anderen haben, also entscheide dich.
- und ich entschied.

Schnitt

Ganz gleich, wie sehr man etwas will, wie sehr man etwas begeht, wie sehr man jemandem Platz in seinem Leben macht, am Ende steht es ihm frei zu gehen und diese schreckliche Lücke zu hinterlassen, die davon kündet, dass das eigene Beste einfach nicht gut genug war. Einfach nicht gut genug. Und natürlich ist niemand schuld und natürlich ist nichts falsch und natürlich meint es niemand böse. Das ist ja das Schlimme, es ist niemand schuld. Niemand da, dem man sie zuwesien könnte. Man soll wie Wasser akzeptieren. Das wäre das Beste. Nimm', was Du bekommst, und lass gehen, was fort strebt.

Es gibt kein richtig und kein falsch. Es gibt keine Gebrauchsanweisung. Die wurde nicht mitgeliefert und ich verfluche das immer wieder. Kuchen backen, Lammrücken spicken, kein Problem, es gibt ein Rezeptbuch, nach dem man kochen kann.
Das Leben hat so eine Patentlösung leider nicht mitgeliefert bekommen und die wirklich wichtigen Dinge merkt man oft viel zu spät.

Schnitt

Manche Dinge bleiben hängen. Sie verheddern sich in den Gedanken, sie nisten in der Magengegend, sie stehen in hellen und dunklen Linien auf der Haut.
Sie prägen.

Fehlprägungen sind bei Münzen oft besonders wertvoll.



geschrieben von: Kildare

Countryabend.

Es gibt doch noch seltsame Wendungen im Leben. Hätte man mir vor zwei Jahren gesagt. dass ich irgendwann unter irgendwelchen Umständen einmal Countrymusik hören würde, ich hätte gelacht. Laut. Und lange.

"True blood" heisst die Serie; die erste Folge ist niedlich, nichts Welten verrückendes aber die Art von Vorabendunterhaltung, für die ich mich durchaus begeistern kann. Ich tarne meien Sucht als Englischübung. Und das ist es wirklich, sprechen die Beteiligten doch mit starkem Südstaatenakzent.

Und ich mag es. Es klingt warm. Nach Mücken auf der Terrasse. Ich durfte einige von diesen Südstaatenschönheiten kennen lernen, die "Belle" sind und mich auch so genannt haben, obwohl keine von uns irgendeinem Schönheitsideal entsprochen hat.
Genauso klingt die Titelmusik. Jace Everett. "I want to do bad things with you.". Eine rauhere Art von Zauber, eine kratzige Stimme, in der sich Zigarillos und Whiskey spiegeln. Und sehr viel melancholische Lebensfreude. Nach langsamen Tänzen und nach zappelnden Füßen. Nach knarzendem Holz.

Natürlich ist das ein verkitschtes Merchandise-Ideal, dass genauso in den Medien vermittelt wird. So stellen wir uns "die Südstaaten" vor, in Krokodilleder und Pracht unter blätternder Holzfarbe.
Na gut, dann ist es eben Kitsch. Heute Abend mag ich Kitsch. Und die vibrierenden Worte von Jace.

"I don't know what you've done to me but I know as much is true...I want to do bad things with you..."

Man kann sich weg träumen zu dieser Stimme. Oder hin träumen. Wie man eben mag. Und auch solche Träume müssen es nicht bis in die Realität schaffen. Aber für einige Minuten, ein paar gestohlene Augenblicke, in denen man nicht man selbst sein muss und so gar ein Blümchenkleid nicht außerhalb der Vorstellungskraft liegt - fühlen sie sich gar nicht schlecht an.



geschrieben von: Kildare


Seestück

Auf unserem Meer
treiben
als zerbrochene Schiffe
die halben Wahrheiten
hilflos
dahin
und dorthin

Treiben ab
von einander
und außer Sicht
oder eine stößt krachend
zusammen mit irgendeiner

Oder eine
von beiden Hälften
derselben Wahrheit
rammt ihre andere Hälfte
und beide kentern

Und manchmal läuft nur die eine
voll und geht unter
und die andere treibt hinaus
auf die offene See

~ Erich Fried


Es lügt sich nicht leicht. Aber wer muss schon lügen, wenn er verschweigen kann? Du fragst nicht und ich sage nichts. Dazwischen liegt ein Meer aus Schweigen. Und ich sehne mich nach der offenen See und den Wellen - um irgendwann vielleicht doch irgendwo Land zu sehen? Diesen einen Streifen hellen Sand oder kieselgraue Wassergrenze, die einem anzeigt, das man angekommen ist.
Jetzt ist flaute auf ruhigem Ozean. Windstille. Nichts bewegt sich. Nur die Wogen murmeln vor sich hin, erzählen gurgelnd von vergangenen Stürmen und von dem Wind, der sie nicht mehr peitscht und streichelt, ein dunkelbblaues Gedächtnis versunkener Wünsche.

Ich werde es nicht sagen - aber ich vermisse Dich.

Schnitt

Es ist seltsam, wie sehr einen der eigene Verstand einen bezwingen kann. Wie sehr er, der so lange Schwingen und Fluchtweg war, plötzlich zum Gefängnis wird. Mein eigener Stolz schnürt mir die Luft ab. Und meine Ängste wenden meinen geliebten, gepflegten Intelekt gegen mich. Irgendwo wispert wie Brandung ein Stimmchen gegen diesen Deich aus Vernunft, macht Versprechungen von weißen Segeln und roten Sonnenaufgängen am Horizont. Ich nehme noch einen Sandsack und werfe ihn hinter die Aufbauten - heute Nacht bin ich nicht wetterfest, heute Nacht fürchte ich mich vor dem Ertrinken. Heute Nacht, bleibe ich an Land.

Anker

Ich habe das T-Shirt an. Es riecht natürlich nicht mehr nach Dir, ich habe es zusammen mit der Bettwäsche erbarmungslos in die Waschmaschine gestopft. Jetzt duftet es nur noch nach Persil und Hautcreme und müffelt ein wenig nach mir.
Aber ich weiß immer noch, dass Du es getragen hast.



geschrieben von: Kildare

Nicht Julia.

"Is love a tender thing? It is too rough, too rude, too boisterous; and it pricks like thorn."
~ Romeo and Juliet, Shakespeare


Ich habe so einige Rollen bekommen, ja, aber nie Julia. Oder irgendeine andere schöne, junge, verliebte Frau. Warum eigentlich nie? Was hat man mir gegeben? Die Gouvernanten, die Hexen, die alten Damen. Ja. Und ich war gut darin. Ich bin bis heute gut darin.

Jedes Mal, wenn jemand mir nahe kommt, bei dem ich nicht weiß, wo ich die seelische Grenzen ziehen können werde, bin ich krank vor Angst. Ich fürchte mich vor diesem Menschen, der mir grundlos etwas bedeutet und vor all den unbeherrschbaren, großen Wünschen, die er mit sich bringt.
Freunde sind etwas anderes. Da habe ich Zutrauen, ein seltsames Verständnis, mich auf sie verlassen zu dürfen und bis jetzt wurde ich selten enttäuscht. Mit ihnen kann ich nachsichtig sein und bin es damit dann auch mit mir. Sie geben mir Halt, manchmal leihen sie mir ihre Flügel. Aber sie wecken nicht diesen schrecklichen, Besitz fordernden Hunger. Diese beängstigende Sehnsucht danach, bei ihnen zu Hause zu sein. Zu ihnen zu gehören.
Ich tue es, instinktiv, sie sind mein und ich bin ihres. In dieser archaischen Weise funktioniert "mein Rudel" (dreist geklaute Bezeichnung aus Hrefnadis Nebelpfaden) hervorragend. Rudel beschreibt es sehr gut. Ich kenne sie, ich kenne ihren Geruch, ihre Stimmen, ich weiß, dass ich ihnen vertrauen kann. Aber mir ist auch klar, dass ihre Leben und meines zwar verknüpft aber nicht verwoben sind. Ich kann zu ihnen kommen - aber ich kann dort nicht bleiben.

Ich würde Dir so gern anbieten, einzuziehen. in mein Herz, in mein Leben - Du bist sowieso hier. Täglich. Ich kann Dir nicht weg laufen, ich kann Dich nicht fort tanzen, aber ich habe Angst. Ich kann nichts sagen, ich fürchte mich sonst selten, nicht einmal vor Spinnen, aber ich habe Angst vor Dir. Weil ich mich nicht verstehe, wenn Du da bist. Weil ich Dich nicht verstehe. Und weil ich keinem von uns vertraue.

Irgendwann wird es aufhören zu brennen. Leuchttürme brennen aus, wenn man sie nicht pflegt und betreut. Und wahrscheinlich fühle ich mich auf offener See sowieso wohler.



geschrieben von: Kildare

http://i153.photobucket.com/albums/s206/21121982/img167.jpg

Revue mit Tiger - Bollywood

Es ist alles ein bisschen zu laut, zu bunt, zu hell, bis auf die schwarzen Linien um die Augen. Blicke bedeuten Welten, Worte sind überflüssig.
Genauso ist dieser Abend vielfarbig und mit geschäftigem Hintergrundrauschen. Nur für ein paar Augenblicke, diese berühmten Momente, in denen auf der Bühne die Musik einspielt und die Protagonisten für kurze Zeit die Realität verlassen.
Herzklopfen in Technicolor, für einen gestohlenen Wimpernschlag, bevor die Melodie ausklingt und alles wieder seinen Gang geht. Stetig.

Du hast mich einmal Tiger genannt, ein seltsamer Kosename für eine Frau. Aber er gefällt mir, er gefällt mir und heute mag ich wie eine große Katze dösen, Smaragdblicke aus schmalen Augenschlitzen werfen und schnurren.
Tiger sind Einzelgänger. Aber manchmal sieht man auch zwei zusammen. Für eine Weile.



geschrieben von: Kildare

.... Ich möchte Purpurdecken spannen
und füllen möcht ich rings im Land
mit Balsamöl aus goldnen Kannen
die Blumenlampen bis zum Rand.

Sie sollen alle lange brennen,
bis wir, vom roten Tage blind,
uns in der blassen Nacht erkennen
und unsere Seelen - Sterne sind.
~
Rainer M. Rilke

Soloauftritt mit Zweitstimme /Lange Nacht der Theater

Eine so schöne Nacht hatte ich lange nicht mehr. Die Lichter brachen sich auf dem Wasser, wie ein Nomade konnte man von Theater zu Theater ziehen und weil ich das Programm erstellt hatte, war es Kabarett. Jüdisches Kabarett, Wiener Kabarett. Man sang Liebeslieder auf Mehlspeisen und Kinderweisen aus galizischen Dörfern.
Ich wanderte an den Glasgebäuden um den Reichstag vorbei, leicht wehmütig daran erinnert, dass diese Räume, diese Dächer tatsächlich Teil einer Vergangenheit sind, die ich selbst und freien Willens hinter mir gelassen hatte.
Neben mir, hinter mir, um mich einige der Menschen, die geblieben sind, in allem Fernweh und Heimatjammer mein Hafen und Fixpunkt. Sie freuen sich und sind zufrieden. Und für einen Moment bin ich es auch, geborgen zwischen den Meinen.
Zum Abschluss der Admiralspalast mit seinem Goldflitter, den riesigen, überdimensionalen Kronleuchtern.
Popmusik und bonbonfarbene Spots. Die Welt ist rosarot und himmelblau.


Der junge Mann in der Reihe vor uns ist silberblond. Genauso hell und beinahe weiß wie du, selbst seine Haare sind ähnlich geschnitten. Er hat eine Frau im Arm. Für eine Schrecksekunde wünsche ich mir, du wärest auch da. Aber dann wird mir klar, dass dieser Abend, an dem ich glücklich bin, dann nur in eine weitere Nacht münden würde, in der du mich verletzt.

Es ist gut. Es ist genug. Glücks genug.




geschrieben von: Kildare

"Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinabsieht."

G. Büchner, Woyzeck


Höhenangst. Man steht am Rand des eigenen Verstandes und sieht es hinunter gehn. Tief, tief hinunter.
Der schwarze Zaubertrank bleibt Kaffee, eine Tasse zum fest halten, ein vertrauter Geschmack, bitter und deshalb gerade umso besser. Blut fließt, ein Herz schlägt.

Kaffee und Zigaretten, Gevatter Tod auf Raten und man begleicht seine Schulden Stück für Stück.
Frontlinie, irgendwann einmal gezogen in einem privaten Krieg um Selbsterhaltung und Eigenentscheidungen. Mittlerweile hält man sie nur noch aufrecht, weil man das schon immer so gemacht hat. Auch Militär ist ein Stück weit Verwaltung.
Camouflage. Tarnfarben. Auf Nebenpfaden laviert man sich durch den Alltag und es passt irgendwie, so wie Feldküche auch auf wundersame Weise funktioniert, so wie ein Gaskocher einen Herd ersetzt und ein Zelt ein Haus.
Flickwerk und Behelf. Wo man hinsieht nichts als Übergangslösungen. Das Hauptquartier meldet sich schon lange nicht mehr und so hält man sich an alte Befehle, die längst überholt sein sollten und zündet mit zitternden Händen die nächste an.

Seiltänzerin ohne Netz

mein Leben war ein Auf-dem-Seile-Schweben,
Doch war es um zwei Pfähle fest gespannt,
Nun aber ist das starke Seil gerissen:
Und meine Brücke ragt ins Niemansland,

Und dennoch tanz ich und will gar nichts wissen,
Teils aus Gewohnheit, teils aus stolzem Zorn.
Die Menge starrt gebannt und hingerissen.
Doch gnade Gott mir, blicke ich nach vorn.

M. Kaléko


Stolz. Stolz ist nicht Selbstachtung. Stolzer Zorn, das Aufbegehren gegen den Untergang, die Weigerung, zu scheitern, egal woran, weil man den ganzen anderen Kram doch auch erlebt und überlebt hat.
Auch diesmal. Nach vorne. Durch Nacht und Nebel und wenn es sein muss eben blind.



geschrieben von: Kildare

And I'd give up forever to touch you
Cause I know that you feel me somehow
You're the closest to heaven that I'll ever be
And I don't want to go home right now
...
And you can't fight the tears that ain't coming
Or the moment of truth in your lies
When everything feels like the movies
And you bleed just to know you're alive

And I don't want the world to see me
Cause I don't think that they'd understand
When everything's made to be broken
I just want you to know who I am
...
~ Iris, the Goo Goo Dolls


Emotionaler Kater. Eine Art wiederkehrendes, selbstgewähltes Leiden, in dem Versuch, Dich zu vergessen. Vielleicht, wenn ich nur lang genug wach bleibe, tanze und mich küssen lasse, bis die Lippen bluten, funktioniert es irgendwann.
Natürlich nicht.
Irgendwo weiß ich, dass Du mir fehlst. Noch immer. Und alles andere ist nur der Versuch, weiter zu schwimmen, wenn man kein Land mehr sieht.
Ich rede mir ein, dass es besser geworden ist. Es tut kaum noch weh, fühlt sich solide taub an und in manchen Momenten denke ich nicht mal mehr an Dich.
Vier Wochen Funkstille. Vier Wochen, in denen ich mich bewegt habe, weil ich mich bewegen musste, obwohl ich lieber stehen geblieben wäre und auf Dich gewartet hätte. Lachhaft. Du bist wie Tide, die immer mal wieder in mein Leben spült, aber bleiben wirst Du nicht. Zumindest nicht zu meinen Konditionen und zu anderen arbeite ich nicht, denn das haben wir besprochen.

"Warum behandelst Du mich eigentlich so mies?"
"Weil Du es brauchst."


Nein. Ich brauche das nicht. Ich brauche niemanden, der noch einmal nachtritt, wenn ich am Boden liege. Der mich auf Abruf benutzt wie ein Möbelstück oder einen bequemen, alten Pullover, den man eben überzieht, wenn einem kalt ist und den man wieder in den Schrank wirft, wenn man seiner überdrüssig ist. Der mit mir nicht gesehen werden will.
Aber das andere, die langen Nächte auf der Piste, die Jungs mit den schnellen Autos und den harten Drinks - die will ich auch nicht mehr. Ja, es macht Spaß für ein paar Stunden, aber das nach Hause kommen ist schon weniger lustig. Und die Erkenntnis am nächsten Morgen ist noch bitterer:
Keiner von ihnen ist Du.
Unfairerweise würde ich jeden von ihnen, jede laute Nacht, jedes buntes Licht für einen Abend am Wasser mit Dir eintauschen. Streich das Wasser - egal wo, wenn Du nur da bist.

Du fehlst mir. Du fehlst mir. Du fehlst mir.

Oder besser, die Person, die Du einen Abend lang warst, fehlt mir. Eigentlich bin ich selbst schuld. In jeglicher Hinsicht. Ich habe Dir nicht gesagt, wie ich fühle, als es an der Zeit dafür war. Wenn es jemals Zeit dafür war.
Und jetzt heule ich wie ein einsamer Köter den Mond an. Ich müsste furchtbar wütend auf Dich sein. Gründe gibt es zu genüge. De facto weiß ich, was ich tun würde, stündest Du heute Abend vor meiner Tür. Dich herein bitten, Dir einen Tee kochen und Dich anstarren.
Aber Du wirst nicht da sein.
Ich möchte Dir so gern beweisen, dass ich mehr wert bin. Ich will, dass Du mich besitzt, ich will mit dem Gedanken an Dich einschlafen und ich will, dass Du mit dem Gedanken an mich aufstehst. Ich will eine Schleife um die Welt binden und sie Dir schenken. Meine gehört Dir sowieso.
Kitschig? Ja. Übertrieben? Auch.
Wahrscheinlich wird mir meine Therapeutin irgendwann erklären, dass Du eine Art verspätetes Stockholmsyndrom bist. Man verbindet sich mit dem, was einen verletzt.
Die paar Nächte können doch gar nicht ausreichen, um jemanden so sehr zu wollen.
So sehr? Wie weit lüge ich mich da eigentlich selbst an? Wie viel kann ich für jemanden empfinden, dem ich das nicht gesagt habe?
Denn ja, auch diesmal, wie immer, habe ich niemals mehr gesagt als "Ich mag dich.". Für mich praktisch eine Liebeserklärung. Aber wirklich ausgesprochen habe ich es nie. Ich denke, man sieht es.
Allerdings denke ich auch, dass Demokratie eine feine Sache ist und die meisten Menschen einen guten Kern haben. Ich gehöre zu den Leuten, die bei den Ständen von Hilforganisationen panisch weiter rennen müssen, weil sie sonst mit einer Patenschaft für Robbenbabies, Gorillas und unbekannte Kinder in afrikanischen Ländern beglückt werden.

"In was schneide ich Deinen Namen...in mich und immer tiefer in mich." ~ E. Fried

Manchmal frage ich mich, was schlimmer wäre. Von Dir ins Gesicht gesagt zu bekommen, dass ich Dir nichts bedeute oder diese Vorwegnahme der Antwort, bei der ich gegen meine eigene Hoffnung ankämpfe.
Irgendwann wird auch dieser Schnitt vernarben, wird eine weitere Schwiele bilden, eine Erinnerung. Auf ein glückliches Ende wage ich kaum zu hoffen.

"Es gibt kein glückliches Ende, denn es endet nichts."
L. Carrol




geschrieben von: Kildare

Verdreht

“Dead as dead can be,” my doctor tells me
But I just can’t believe him.....
Wake up and face me, don’t play dead
cause maybe Someday I will walk away and say,
“You disappoint me,”
Maybe you’re better off this way
Leaning over you here,
cold and catatonic
I catch a brief reflection
of what you could and might have been
It's your right and your ability To become
…my perfect enemy…
Wake up (we'll catch you) and face me (come one now),
Don’t play dead (don't play dead)
~ Passive, A perfect circle


Mein bester Feind. Ich selbst. Immer. Irgendwann habe ich angefangen, andere darin zu übertreffen, mir weh zu tun. Wann eigentlich?
Was man Durchhaltevermögen nennt, nenne ich Trotz. Was für andere Liebe und Aufopferung sind, ist für mich Dummheit und Unfähigkeit, allein zu sein, Aufdringlichkeit. Wo Außenstehende gutmütig abnicken, brennen mir Makel unter der Haut.
Wie kämpft man gegen sich selbst? Ich lege mich einfach schlafen. Schlaf heilt. Oder zumindest reisst er keine Wunden auf.

Zwei Dinge haben mich zum Nachdenken gebracht. Michas Nebelpfade und der Ausspruch einer Freundin:
"Wir funktionieren bei Rot und Orrange. Hast Du Dich je gefragt, ob wir mit Grün einfach nicht zu recht kommen?"
Habe ich mir diesen ganzen, verworrenen Haufen gesponnenen Ziegendung etwa wirklich selbst ausgesucht? Weil ich damit zu recht komme?
Und wenn ja - warum enttäusche ich mich in meiner eigenen Geschichte immer noch?

Palas Athene und der Silberschild - Schmerzen überdecken Schmerzen und wenn ich mich selbst nur gut genug verletzte, dann können es andere vielleicht nicht mehr.

"Sag, ich habe nicht geweint." ~ Die gebundenen Füße, K. Harryson

Tränen war immer das, was aus mir herausgeprügelt wurde. Das, was die Meute sehen wollte. Wein, Mädchen.
Irgendwann weinte ich nicht mehr. Lachte ich nicht mehr. Und noch heute verleugne ich Schmerzen. Noch während mir die Tränen die Wangen herunter laufen, das Blut aus der Nase sprudelt, murmele ich "Es ist nicht so schlimm." Ich entwickelte Möglichkeiten, nicht mehr verletzt zu werden. Erst hielt ich mich von Menschen fern, dann ließ ich sie irgendwann wieder näher heran. Näher - aber nicht zu nah. Nur nicht zu nah.
Jeder bekommt ein Stück, einen Teil des Ganzen, aber ich hüte mich, jemandem den ganzen Satz zu geben. Ausnahmen bestätigen die Regel und selbst da fällt es mir schwer, Dinge zuzugeben. Ich mag es nicht, wenn Personen, die ich schätze, nachgerade als Teil meines Rudels betrachte, besorgt sind. Und warum auch? Ich werde es schaffen - ich habe es immer geschafft.
Hilfe? Aber mir wird doch geholfen. Die Briefe, die Anrufe - ich verlange nicht mehr. Brauche ich mehr? Muss ich nicht von allein auf den Füßen bleiben?

Über-leben. Leben? Ja, auch. Ich bin nicht unglücklich. Nicht immer. Ich bin glücklich. Manchmal.

Selbstwert. Einer der Werte, die ich nicht schätzen kann. Ich schwanke zwischen der maßlosen Arroganz jener, die geprüft, verbrannt und aufgestanden sind und dem Selbsthass derer, die sich nicht lieben. Alles, was ich kann, sind kleine Talente. Alles was ich nicht kann, wiegt dreifach.
Menschen wie ich dürfen nicht als Lehrer arbeiten. Wir verstehen eigenes Versagen nicht. Wir begreifen es bei anderen auch nicht, denn wenn wir, die wir ja nichts können, etwas zu Wege bringen, dann muss es doch für den anderen noch viel leichter sein, für den besseren Menschen.
Tritt mich, schlag mich - ich habe es nicht besser verdient.

Verzeifelte Worte einer anderen Frau: "Aber ich bin nicht Du!"

Die andere Seite, der Stolz, der giftige Zynismus: Was kannst Du mir antun? Was mir nicht schon angetan wurde? Was ich mir nicht selbst bereits angetan habe?
Der Parcour, der einen zu etwas besonderem macht, weil man ihn durchgestanden hat. Und der einen den Rücken gerade nehmen lässt.
Ich bin damals nicht liegen geblieben - ich werde hieran auch nicht zu Grunde gehen.
Der Hass, der einen damals dazu getrieben hat, nicht aufzugeben, weil das bedeutet hätte, die anderen, die Welt, hätte gewonnen.
An diesem Zeitpunkt wurde die Welt zum Feind.

Und ganz gleich, wie freundlich sie sich später gezeigt hat, wie lieb man vieles gewonnen hat, ein Rest Misstrauen bleibt. Man gibt sich nur stückweise Preis, mit Sicherheitsleine und Netz. Immer nur eine Fassette auf einmal, dann langsam eine zweite, vielleicht eine Dritte. Es braucht lange, bis man den ganzen Schliff offenbahrt.

Angst und Liebe. Es ist nicht Hass, was Zuneigung entgegensteht. ich habe in meinem Leben einige Leute gehasst, aber das hat mich selten daran gehindert, es entweder gründlich zu tun oder sie trotzdem zu lieben.
Was mich von Menschen trennt ist die Angst. Immer wieder die Angst, man könnte mich "so wie ich bin" als Komplettpaket mit allen Makeln nicht annehmen. Rationell ist sie vollkommen unbegründet. Ich bin nicht allein. Einige Menschen haben es bis hinter den Silberschild geschafft und sind immer noch dort - seit über 10 Jahren. Warum sollten ausgerechnet meine Freunde, die ich schätze, nun im Unrecht sein mit der Beurteilung meiner Person und jene, die mich ablehnen, im Recht?
Warum wiegen Zurückweisungen so unglaublich schwer?
Weil es mir sehr leicht fällt, die Schuld bei mir zu suchen. Weil ich bei jeder Verletzung einen Schnitt setzen muss, der tiefer geht, um die Kontrolle zu behalten. Und manchmal ist das nicht so einfach. Bis auf den Knochen - bis ins Mark.
Deshalb nähere ich mich lieber Menschen, bei denen ich das Risiko abschätzen kann. Immer so weit, wie ich glaube, gehen zu können, ohne abzustürzen.
Seiltanz.
Aber es gibt einige, bei denen ich das nicht beurteilen kann, die mich anziehen, wie Flammen Motten und bei denen ich mich fürchte, verbrannt zu werden.
Gebranntes Kind scheut das Feuer.
Es ist ungerecht, dass ich meine Brandwunden besser in Erinnerung behalte als die unzähligen Male, in denen es gut gegangen ist. Undankbar, könnte man sagen, gegenüber all diesen Menschen, die mich nicht enttäuscht haben. Irrational in jedem Fall. Die Welt ist gleichermaßen gegen jeden. Sie hasst mich nicht mehr oder weniger als andere.

"You know, I used to think that it was awful that life was so unfair. But then I thaught, wouldn't it be much worse, if life was fair and all the terrible things that happen to us come because we acctually deserve them? So now I take great comfort in the general hostility and unfairness of the universe."
~ M. Cole


Oder sie ist gleichermaßen für jeden. Die Sonne geht jeden Abend unter. jeder von uns hat seine Segnungen und seine Flüche. Jeder einzelne.

Das Verlangen etwas besonderes zu sein. Will ich das? Ja. Will das nicht jeder? Wohl schon. Ist das nicht jeder? Auch ja.

Und nun wieder auf Anfang. Zirkelschluss. Und vielleicht, irgendwann, komme ich auch mit meinem besten Feind zurecht.

"Irgendwo steht doch geschrieben, Du sollst Deine Feinde lieben, sie umarmen und verführen öffne Deine Türn....komm her und verbeug Dich vor Dir selbst...Du leidest viel zu gerne...denn Dein schlimmster Feind...bist Du."
~ Bester Feind, Rosenstolz




geschrieben von: ArrogantNick

Ich möchte Dir eine kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen. Ich muss so ungefähr neun Jahre alt gewesen sein. Wir lebten in einem Reihenhaus in einem kleinen Dorf am Niederrhein, für das meine Mutter und mein Stiefvater sich hoffnungslos überschuldet hatten. Meine Mutter trug mir in aller Regel, jeden Morgen bevor sie zur Arbeit fuhr, das Pensum für den Tag auf. Meistens war das Spülen, Treppe/Böden wischen und die Vögel zu versorgen, so ich aus der Schule kam. Die Vögel waren es auch, die dann abends mit großem, liebevollem Hallo begrüßt wurden, während ich nur gefragt wurde, ob ich alles Aufgetragene erledigt hätte. Meistens hatte ich.

Am Wochenende war dann Großputz und ich war eigentlich nie in der Lage, meine Mutter zufrieden zu stellen. Nichts war ordentlich genug, alles ging zu langsam und eigentlich wurde in mir, während ich hektisch herumwuselte um vielleicht doch endlich einmal alles richtig zu machen, das Gefühl immer stärker, dass ich chancenlos war. Das führte eines schönen Samstags dazu, dass ich mich weigerte. Mein Stiefvater, der im Hof vor der Garage sein Auto wusch, wurde herbeigerufen, um nun seiner Aufgabe als Erziehungsberechtigter nach zu kommen, was er auch tat.

Unsere Küche war recht klein und so klemmte ich mich, während mein Aushilfsvater mich immer weiter mit voller Wucht rechts und links ohrfeigte, zwischen Regal und Küchentisch in die Nische an der Wand. So gefangen, mit diesem mich schlagenden Wesen vor der Nase, was immer härter zu zu schlagen schien, mit jedem Mal wo es mich anbrüllte: "Schrei!" - war dies der Beginn meines Sieges über den Schmerz; und damit der einzigen Möglichkeit zu siegen, denn es kam kein Laut über meine Lippen.

Ich starrte ihn stur an, mit vor Tränen brennenden Augen und zusammengepressten Lippen und hätte mir eher die Zunge abgebissen, als dass ich auch nur einen Mucks von mir gegeben hätte. Und auf eine seltsame Art, bereitete es mir Genugtuung, ihn zu beobachten, wie er immer hysterischer brüllte, weiter schlug, die Kraft in seinem Arm nachzulassen schien und er irgendwann keuchend seine Niederlage einsehen musste.

Wir spielten dieses Spiel noch oft und ich gewann, immer. Es war der Sieg eines verlorenen Kindes.

****

Wir sind uns ähnlich.

Du wirst es schaffen. Eines Tages wirst Du anders siegen lernen. Wenn ich das kann, dann Du auch.

Mischa

(Wenn es Dich hier stört, gib Bescheid, dann lösche ich es wieder.)



geschrieben von: Kildare

Danke.

Und ja, manchmal gibt's Lorbeeren auch im Gulasch. Wesentlich verträglicher als diese Kränze, die einem über den Kopf gehalten werden während jemand murmelt "Vergiss nicht, dass Du sterblich bist." - Als würde man das je vergessen können - oder wollen.

Der Gedankenstrich als Ausdruck all dessen, was in einem arbeitet. Die Unterteilung. Die Pause und das Durchatmen vor dem nächsten Schritt.
Vögelchen flieg - Phoenix vor dem Brennen.

http://i153.photobucket.com/albums/s206/21121982/img172-1.jpg



geschrieben von: Kildare

Roter Mond - Palas Athene ohne Schild

Nein, es gibt kein glückliches Ende. Aber es gibt auch kein Zurückweichen. Ich war ehrlich, einmal, und Athen steht noch. Nichts ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Gut, ich habe auch keinen trojanischen Krieg gewonnen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es nichts schlimmer gemacht hat. Es gab kein Lachen, es gab nicht einmal Ablehnung im eigentlichen Sinne - natürlich gab es auch keine anderen Liebesgeständnisse außer diesem einen. Selbstverständlich bin ich weiterhin allein.
Aber das nächste Mal, wenn Du mir entsetzlich fehlst, werde ich zum Hörer greifen und anrufen können.
Fortschritt? Manche würde sagen nein. Manche könnten anführen, Du hieltest mich hin. Manche würden meinen, heute wäre die Nacht gewesen, in der ich Dich hätte zum Teufel jagen sollen.
Manche mögen recht haben - aber nun ja, ich bin, für diese wenigen Stunden, glücklich und zufrieden damit, überhaupt den Mund aufbekommen zu haben. Einmal. Der Rest wird sich finden, aber heute Nacht gehört mir.
Furchtlos. Im wahrsten Sinne des Wortes.



geschrieben von: Odessa

Das klingt gut, meine "Berta". Du bist auch so eine Magnolie aus Stahl... so zerbrechlich, empfindsam und tiefgründig, und nach außen in einen Panzer gehüllt den nur die zu durchbrechen wissen, die wissen welcher Schatz sich dahinter verbirgt. Ich weiß es. Wie teuer und kostbar Deine Freundschaft ist und wie unglaublich loyal und aufrichtig Du hinter und neben einem stehst. Deine Worte haben mir so oft schon geholfen und auch bei Dir weiß ich, wie bei Mischa, durch welche Höllen Du schon als Kind gegangen bist.

Ich wünschte, ich könnte Dir mehr helfen als Dir am Telefon "zuzuhören" und ein paar doch so trivial-albern-belanglose Worte "im Poesiealbum" dieses threads dazulassen. Ich wünschte, ich könnte einigen Herren in Deinem Umfeld mal etwas Klarsicht und Hirn in ihre Schädel pusten.

Aber ändere Dich DU nicht. Denn wenn ich und einige Andere mit Dir wunderbar klarkommen, dann sollte das zeigen daß es sicher nicht an Dir liegt - es braucht immer Sender UND Empfänger. Und eine gleiche Wellenlänge. Deine Wellenlänge paßt mir ausgezeichnet, und ich verstand und verstehe bisher noch jedes Deiner Worte und Signale. Du bist halt eine Wellenlänge, die sich nicht auf seichten Schlager und Rap-Müll eingespielt hat, sondern auf die leisen oder sehr "experimentell ungewohnt" wirkenden Töne, denen man erst mal konzentriert nachhören muß. Nicht das Schlechteste, wie mir mein eigenes Leben zeigte - und die Männer darin. Es wird bei Dir genauso sein, und Du wirst Deine "Hörer" finden. Die nicht erst ein Hörgerät brauchen, um Dich zu empfangen.

Liebe-n Gruß an Dich und komm gut wieder, da aus der Gegend "wo man die Bertas übern Zaun hängt" ;-)



geschrieben von: Kildare

Meine Amsel, Du bist ja vieles, aber bestimmt nicht trivial und belanglos. Schließlich verdanke ich Menschen wie Dir und solchen, die Dir nicht unähnlich sind, die Einsicht, dass am Ende nicht mein Bankkonto oder meine Erfolgsquote, nicht die Frage, wie viele Menschen ich besiegen konnte, zählen wird.
Sondern schlicht glücklich zu sein - und andere glücklich gemacht zu haben.
Und dafür bin ich Dir verdammt dankbar.

Das andere Land - Niedersachsen
(Alle Angaben des folgenden Textes sind rein sunbjektive Eindrücke und erheben keinerlei Anspruch auf Richtigkeit)

Die Luft riecht dort immer ein bisschen salzig und nach gemähtem Gras. Und natürlich nach Kuhdung, aber das gehört dazu. Die Häuser sind aus Backstein, kleine, rötliche, zweistöckige Bauten, die Generation um Generation kontrollierten Verfall betreiben. Es wird geflickt und repariert - aber man trennt sich nicht. Die Türen zeigen 50erJahre Design. Vor dem Stall steht eine alte Polstergarnitur mit Rosenmuster. Fachwerk ist nichts exotisches.
Die Gärten sind voll mit simplen Pflanzen, kleine bunte Blüten, die ungeordnet über die Holzzäune fließen. Das Wort Gartenanlage hat hier keinen Platz. Dinge wachsen eben. Wicken, Rittersporn, Lavendel.

Die Menschen reden wenig. Beim Frühstück sitzen wir still nebeneinander. Aber so richtig fremd ist man sich auch nicht. Wer so weit auf's Land geht, gehört zum selben Schlag.

Salderatzen - ein alter, winziger Gutshof mit großer Scheune, die eine Bühne beherbergt. Zwei Pferde stehen nebenan, die Schafe sind auf der Weide dahinter, prächtige Hühner laufen über den Hof. Die Türrahmen sind hellblau gestrichen, dieses Taubenblau, dass ich nur aus Niedersachsen kenne. An einigen Stellen blättert es etwas ab.
In dieser Umgebung, zwischen frei laufenden Hunden und glücklichen Hennen, recke so gar ich Nachtschattengewächs mich in die Sonne. Und es ist mir für einen Augenblick herzlich egal, ob ich dabei rot werde. Oder ungeschminkt bin. Für Sekunden kann ich mir vorstellen, Jeans zu tragen und Quitten anzupflanzen.
Für einen verräterischen Wimpernschlag denke ich daran, nichts weiter zu sein, dals die Frau, zu der Du nach Hause kommst.
Ich lehne mich gegen das Pferd, dass mir den Kopf entgegenstreckt und lasse mich vollschnoddern. Auch darauf kommt es hier nicht an.
Ich weiß, dass es so nicht funktionieren wird. ich bin nicht gemacht für ländliches Idyll und ich würde ohnehin meine Unabhängigkeit nicht aufgeben können - erst recht nicht Dir gegenüber.
Ich will selbst sehen, wie weit ich mich tragen kann. Ohne Stützpfeiler. Oder besser gesagt ohne Dich, denn Fräulein K. ist ein Gemeinschaftsprojekt, ein Patchwork aus zuspruch und Unterstützung.

Aber vielleicht, in einigen Jahren, wenn ich mir selbst bewiesen habe, was ich kann, kehre ich zurück. Flaches Land. Eine Bäuerin wird aus mir nie werden. Frühes Aufstehen und die Schattenseiten des Betriebsalltags (nein, wir können sie nicht alle behalten, der da wird Lammleberwurst) sprechen deutlich dagegen. Und außerdem würde mir die Stadt fehlen, die Möglichkeit "mal eben" einkaufen zu gehen, die Theater, die Lichter.

Auf dem Land gibt es Sterne. Heidekraut. Knorrige Kiefern. Apfelbäume.

Inzwischen sage ich "nach Hause" egal, wo ich hinfahre. Heimat ist in Niedersachsen und in Berlin, auf freiem Feld und in Häuserschluchten.
Puzzlespiele. Es ist ein Prozess, der sich wohl erst in vielen Jahren abschließen wird. Wenn ich sesshaft werde, keine Tourneen mehr mache, keine Gastspiele gebe, mich in der Welt umgesehen habe und dann endlich ruhig und stetig Heim und Garten versehe.
Aber der Norden bleibt meine Heimat, dort lebt ein großer Teil meiner Familie, dort bin ich aufgewachsen, dort sprechen die Leute "meine Sprache", zum Teil indem sie überhaupt nicht sprechen.
Nein, ich muss nicht dort leben. ich habe festgestellt, dass ich mich in vielen Landstrichen einfügen und heimisch fühlen kann. Aber zurück kehren werde ich - immer mal wieder. Und ich freue mich über jeden meiner Lieben, den ich mitnehmen kann, mit dem ich, vor Stolz strahlend, am Ackerrand stehe, auf die kleinen Häuser mit den spitzen Dächern zeigend und den Worten auf den Lippen:
"Siehst Du? Hier bin ich zu Hause."



geschrieben von: Kildare

Taube und Tiger
Sanftmut gegen Stolz

Es ist kaum eine Woche her, da habe ich vor Dir auf dem Boden gehockt und den Silberschild gesenkt. Friedensangebot. Jetzt rebelliert ein Teil von mir bereits lauter, möchte "diese Frau", meine brennende Hälfte, am liebsten einen Strich ziehen. Keine Frontlinie erneuern, sondern einen Schlusspunkt setzen.
Vielleicht heisst nein.
Ich habe es nicht nötig zu warten. Ich bin allein genau so gut wie mit jemandem gemeinsam.

"Das musst Du gesehen haben - nein, muss ich nicht...
Das musst Du doch einsehen - nein, muss ich nicht....
Du musst mit Dir harmonieren - nein muss ich nicht...

Ich muss gar nichts, außer schlafen, trinken, atmen und ficken
und nach meinen selbstgeschriebenen Regeln ticken
Ich muss gar nichts, außer schlafen trinken atmen und ficken
und gelegentlich um vier Uhr früh 'nen Burger verdrücken
ich muss ich gar nichts, außer schlafen, trinken, atmen und ficken
und so pünktlich wie es geht meine Steuer abschicken"

~ Großstadtgeflüster, Ich muss gar nix


Und genau nach diesem einfachen, berlinbunten Popsong, muss auch ich gar nichts. Ich muss kein Verständnis haben. Ich muss nicht warten. Ich muss mich nicht mit halbgaren Aussagen abspeisen lassen. Und ich muss ganz bestimmt nicht geduldig herumsitzen und darauf hoffen, dass Du Deinen weißen Zossen doch noch aus dem Stall holst.
So was machen vielleicht Hauskatzen. Wie hast Du mich damals so prophetisch genannt? Tiger? Ganz richtig. Tiger sind nicht zahm, mein Lieber. Aber genauso behandelst Du mich, als hätte ich weder Klauen noch Zähne. Als müsste und würde ich einfach so hinnehmen, das Du die Spielregeln machst. Wenn Du Zeit hast, wenn's Dir passt.
Und derzeit ist das auch so. Mein Affektionsinteresse diktiert dem übellaunigen Rest auf, sich brav zu verhalten. Wir fauchen ein bisschen, aber wir halten uns ruhig.
Keine Ansprüche. Keine Forderungen. Nur Akzeptanz und Annahme. Was immer Du zu geben bereit bist, ist willkommen. Was immer Dich glücklich macht, ist gut genug für mich. Und wenn Du Zeit brauchst, gebe ich sie Dir.
Jetzt funktioniert das - noch. Tiger mit Halsband, schnurrend. Aber nur, damit Du den Deal begreifst: Das ist ein Geschenk.
Ich muss mit Deinen Eskapaden nicht leben und an dem Tag, an dem mir das zu viel wird, werde ich es auch nicht mehr tun.
Du hast mal gesagt, wenn Du's nicht mehr haben kannst, wirst Du es wollen. Konkret, wenn Du mich nicht mehr haben kannst. Zu unser beider Pech handele ich gradlienig. Wenn ich nein sage, meine ich das. Und deswegen werde ich nicht wie eine Diva inszenieren, dass mir an Dir nichts mehr liegt, sondern noch ein wenig Geduld investieren. Mal schauen, was aus Dir wird.
Uns sage ich nicht. Jetzt gibt es kein uns. Und wenn Du nicht irgendwann merkst, dass Sheba nicht meine Marke ist, wird sich auch keines Entwickeln.

Es wird Sommer in der Stadt mit dem warmen Asphalt und den großen Parks. Der Straßenbelag und der Staub riechen anders. Der Horizont trägt eine rote Linie. Brandmarke. Aufbruchszeit. In vielen Dingen. Und vielleicht auch hier.



geschrieben von: Kildare

Warum eigentlich gerade Du? Diese Frage muss ich mir immer wieder stellen (lassen). Trotz? Ich habe mich für Dich entschieden und jetzt bin ich zu sturr, um einzusehen, dass Du nicht für mich gemacht bist?
Oberflächlich betrachtet, könnte das zutreffen. Du bist zickig. Eine Diva, hundertmal mehr, als ich es je sein werde, unzuverlässig, chaotisch, verletzend, arrogant. Eigen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie Du reagieren würdest, würdest Du jemals herausfinden, dass "unsere" Geschichte hier öffentlich steht. Ich nehme mir trotzdem das Recht zu schreiben, denn es gibt kein uns und somit gehört alles, was hier geschrieben wird, mir. Du könntest auch fiktiv sein. Vielleicht eine Romanfigur von Amélie Nothomb - skuril, absurd, bezaubernd.
Also warum eigentlich Du? Du regst mich auf. Du tust mir weh. Und es ist verdammt anstregend, Hoffnung zu haben aber nicht zu viel zu hoffen. Da zu sein, ohne sich aufzudrängen. In Dich verliebt zu sein und zu fürchten, dass es einseitig ist. Obwohl...

"Niemand träumt, was ihn nicht angeht." ~H. Hesse

Es gibt da diese ein oder zwei Momente, die so gar ich in all meiner Angst für Zeichen von Zuneigung halte. Zuneigung, nicht mehr. Es reicht mir nicht - aber es ist ein Anfang.

Also warum eigentlich Du? Von allen Möglichkeiten, aus allen Varianten gerade Du?
Weil Du mich aufregst.
Es gibt eine Unzahl von Dingen an Dir, die mich wahnsinnig machen. Im negativen Sinne.
Du rufst nie an - aber Du freust Dich, wenn ich es tue.
Du hast nie Zeit - aber Du kommst trotzdem alle paar Wochen vorbei. Egal, ob's Dir oder mir passt.
Und Du bist ein Snob. Wirklich.

Also warum gerade Du? Hätte ich jemanden, der so wenig zu mir passt nicht auch in Berlin finden können?
Vieles werde ich hier nicht schreiben können, weil es wirklich privat ist. Und Dir gehört.

"...du hattest eine gute Stunde, du sagtest das Richtige im richtigen Ton, du tatest das Richtige auf die richtige Weise..." ~ C. Wolf, Medea

Weil Du mich so genommen hast, wie ich bin. Nein, Du sagst nie, dass ich Dir gefalle, aber nach dieser einen langen Nacht, in der ich Dir einen Teil meiner Lebensgeschichte erzählt habe, da hast Du Dich weder gefürchtet noch mich bemitleided.
Ich mag beides nicht, weder Bewunderung noch Mitleid. Ich will nicht bewundert werden für einen simplen Selbsterhaltungstrieb und ich will nicht bemitleided werden.

Und Du vertraust mir nicht. Es mag seltsam klingen, dass gerade dieses mangelnde Vertrauen, welches ich mir doch so sehr wünsche, mich auch zu Dir hinzieht. Nicht etwa, weil Du dadurch unantastbar wirst, sondern weil es mir zeigt, dass auch Du auf Dich selbst aufpasst. Natürlich wird dadurch nichts leichter, aber ich verstehe es.

Und weil Du mich aufregst. Ja. Genau deswegen. Weil Du mich wach machst, weil Du mir drei Tassen Kaffee ersetzen kannst, weil ich Dich an die Wand klatschen wollen würde.
Ich bin nur noch sehr, sehr selten zornig. Und genau diese Art von übersteigerter Wut zeigt mir, das Du mir etwas bedeutest. Ich ereifere mich über Menschen, die ich nicht lieb habe, nicht so.

Und letztlich - weil Du mich lächeln lässt. Dieses eine bestimmte Lächeln. Als hätte ich doch Flügel. Als stünde der Himmel offen.



geschrieben von: Kildare

Man muss auch gönnen können.

Es verwundert mich immer wieder, wenn Menschen wirklich beneidet werden. Nicht dieser kurze Moment, in dem man denkt "Das hätte ich auch gern." sondern der echte, gehässige Neid, der dann danach trachtet, dem anderen das, was ihn glücklich macht, madig zu machen.
Ich habe solchen Neid nie erfahren. Und ich hoffe, ich habe ihn auch nicht empfunden - vielleicht bis auf eine Ausnahme, aber da ging er über in blanken, ehrlichen Hass und war somit nicht nur neidgrün sondern auch zornrot.

Ich selbst mag glückliche Menschen. Auch wenn sie mich an etwas erinnern, was ich nicht bin. So gar dann, wenn ihr Glück nicht aus Unglück gewachsen ist sondern sie eben "Sonntagskinder" sind.
Vielleicht bin ich arrogant, wenn ich annehme, dass sich das alles auf anderen Feldern wieder ausgleichen wird.

Davon, jemand anderem seine Freude zu missgönnen, habe ich keinen Vorteil. Ich gewinne nichts. In gewisser Weise sind solche glücklichen - eigentlich ehr zufriedenen - Menschen für mich Vorbilder. Eines Tages will ich das auch sein, in mir ruhend und dankbar für das, was ich habe.
Und bis dahin - wofür lohnt es sich denn, irgendetwas zu bewahren, wenn nicht für Menschen, die es schätzen und genießen?

Worte zum Mittwoch. Und nun muss ich mir das nur einprägen für das nächste Mal, wenn die schlanke, intelligente Kollegin mir von ihren Bestnoten, dem Ferienhaus in Polen und ihrem umsichtigen Freund erzählt.

Man muss auch gönnen können.



geschrieben von: ArrogantNick

Hallo Zweitweib :-)

....ich kenne Neid. Kenne ihn in ätzend und giftgrün. Kenne ihn aber auch in zornesrot und glutorange. Ersterer vergiftet u. U. die eigene, mögliche Zufriedenheit, die zweite Variante feuert u. U. dazu an, neue Wege zu suchen, was so schlecht nicht ist. Denn, und das ist eines meiner großen Erkenntnisse, man ist im Grunde nicht neidisch auf das WAS der Andere hat, sondern nur auf das, was man MEINT das er damit für sich erreicht, nämlich Zufriedenheit/Glück. Und diese sind es, die man sich auch erhofft, wenn man denn hätte, was der Andere hat. Man ist also nicht neidisch auf das was der Andere hat, auf das Vehikel zum Glück sozusagen, sondern man neidet das Ergebnis, das Glück als solches.

Wenn man das erst einmal erkannt hat, kann man sich die wichtigste aller Fragen stellen, denn man erkennt automatisch, dass ein solches "Glücksvehikel", genauso individuell ist wie ein Fingerabdruck. Also wäre die Frage: Wie sieht meines aus?

Meistens geht der Neid dann von alleine weg und wenn nicht, so kann man ihn sich genauer anschauen, denn als solches ist er neutral. Es darf ihn in Dir geben, so wie es alles in Dir geben darf. All diese Dinge sind Hinweise. Kleine Laternen in der noch nächtlichen Dunkelheit Deiner großen Lebensallee, die Dich leiten, bis Dir irgendwann das Licht aufgeht, Dein höchstpersönlicher Sonnenaufgang. Diese Glücksvehikel sind große Modellbausätze und unter dem Licht der Laternen, liegen die Teile verstreut. Also versuche nicht das Licht zwanghaft auszuknipsen. Versuche zu finden, was es beleuchtet. Und wenn Du alles gefunden hast, dann gehe weiter, denn dann erlischt das Licht von ganz allein. ;)

[Wie immer: Wenn es stört ~> PN und ich lösche.]

....



geschrieben von: Kildare

Hallo Zweitweib - wie immer bist Du Willkommen. Und wie schon oft wundert es mich auch hier, wie ähnlich die Amsel, Du und auch ich uns manchmal sind.

Jetzt gerade hoffe ich allerdings, dass Ihr beiden Euch von mir unterscheidet. Drastisch.

Zusammenbruch im Grabenkampf

Irgendwann dünnt man sich zu sehr aus. Irgendwann hat man sich dann aufgerieben. Gestern war es so weit. Der Punkt, an dem sie mich alle mal [ gern haben ]konnten. Die professoren, die Mutter, die Freunde, der eine - einfach alle. Der Punkt, an dem
~A perfect circle "Counting bodies like sheep"~ laut lief - zu laut.
Gedankenstriche und viel zu viele Gedanken. Und das wiederkehrende:

Ich kann das nicht mehr.

K. kam natürlich, obwohl ich ihm gesagt hatte, er solle weg bleiben. Drei Stunden mit blutenden Füßen durch Berlin gestapft. Wir haben uns angeschrien wie zänkische Stare. Misanthropen und Masochisten.
Ich sehe keine Optionen mehr außer diesem Pfad nach vorn. Überall - nur nicht hier. Fraglich ist nur wohin danach? Und wie die nächsten Wochen und Monate überbrücken? Überbrücken. Notlösung. Flickwerk. Heftplaster. Druckverband. Immer mal wieder.

Rational weiß ich, dass es nur Zeit ist, dass alles gut wird, wenn ich nur hart genug daran arbeite und wenn nicht alles dann zumindest viel. ich muss nur den Rücken gerade nehmen und es durchstehen. Und die Bedingungen könnten viel schlechter sein.
Irrational möchte ich schreien, bis meine Lungen brennen und sehe andere Menschen gierig an. Ich will einmal, einmal, einmal, dass ich es auch mit einer Schleife drum kriege. Geschenkt. Einfach so. Das etwas funktioniert, wie es sollte. Wie gedacht.

Rational darf ich hoffen, das alles, was jetzt schief geht, sich dann auszahlen wird.

Irrational mag ich einfach nicht mehr. Kein Formular mehr, kein Anruf, kein Warten, kein Hoffen, kein Wollen, kein Wünschen, kein Vergeben, kein Beschützen mehr.
Zusammenbruch - einmal zusammen brechen und heulen, was das Zeug hält. Würde das helfen? Vielleicht. Für ein paar Stunden. Und danach würde es mir leid tun, wenn mich jemand gesehen hat.

"Sag', ich habe nicht geweint."~ Die gebundenen Füße, K. Harryson

Der Satz kommt mir wieder in den Sinn.
Ich kann die besorgten Blicke nicht ertragen. Nein, es geht mir nicht gut, aber auch das wird sich renken. Es hat sich immer gerenkt.
Und Dir, dem letzten Tropfen in einer übervollen Regentonne, kann ich sowieso nicht erklären, was passiert. Das würde bedeuten, dass ich den Silberschild nicht nur absenke, sondern weg lege.
Einerseits will ich auf Dich warten, Dir all diese Zeit geben, die Du zu brauchen scheinst, mein Leben leben (ohne Dich), nichts fordern....
Andererseits bin ich wütend. Auf Dich, auf mich, auf alles. Es hätte reibungslos funktionieren können. Hätte - Konjunktiv. Statt dessen lerne ich wieder, warum ich eigentlich auch allein ganz glücklich war. Ich hatte vergessen, wie weh es tun kann, wenn man versucht, ein Gefühl dazu zu bringen, untätig zu sein.

Stolz. Ich bin zu stolz und zu feige, ganz klar zu feige, um Dir vor die Füße zu werfen, was von mir noch übrig ist. Die Frage, um die es jetzt geht, ist, ob ich diese Tür einfach laut knallend zuschlage. Aktion vor Reaktion.

Ich werde es nicht tun. Ich werde den Rücken gerade nehmen, Kaffee trinken, lächeln und weiter machen. Vorwärts, nur vorwärts. Hätte Orpheus nicht zurück geschaut, er hätte Euridike nicht verloren.

Silberstreif. Meine Englischlehrerin pflegte immer zu sagen "Where there's life, there is hope." - kurz vor den Zeugnissen.
Das hier wird, irgendwie und im Zweifel nach McGyver Art mit Kaugummi und Tape, funktionieren. Mit Dir oder ohne Dich, das wird sich zeigen.

Egozentrik - jetzt brauche ich sie. Denn ich bin der einzige Mensch, an dem ich arbeiten kann. Also...auf geht's. Vorhang. Nächster Akt.

Ich verstecke Dich Vor Deinem schlimmsten Traum
Und wärme Dich
Wenn Du an Dir erfrierst
Ich küsse Dich
Wenn Dich keiner küssen mag
Und liebe Dich
Wenn Du Dich wieder verlierst

Ich hab genauso Angst wie Du
Meine Flügel sind aus Blei
Und bist Du verrückt
Bin ich`s um so mehr
Vom Fliegen sind wir noch ganz schwer

Ich denk mir für Dich Einen Himmel aus
Und glaub für Dich
Wenn Du selber nicht glaubst
Ich denk für Dich
Die Sonne neu
Und klau sie Dir
Wenn Du Feuer brauchst

Ich hab genauso Angst wie Du
Meine Flügel sind aus Blei Und bist Du verrückt
Bin ich`s um so mehr
Vom Fliegen sind wir noch ganz schwer

Ich hatte schon immer
Schwierigkeiten mit dem Leben
Und hatte schon immer
Schwierigkeiten, das auch zuzugeben
Ich wollte schon immer
Schneller laufen Höher fliegen
Und wollte schon immer
Höher hinaus Und bin doch drunter geblieben

Ich hab genauso Angst wie Du

~ Rosenstolz


Irgendwann...vielleicht. zeit, Federn zu sammeln. Zeit, Schwingen zu basteln.



geschrieben von: Kildare

Bröckelnde Masken

"Und K. ist fett."

Ein einziger Satz, der einen Riss in den Abend brachte.

"Du warst die einzige Frau ohne Freund hier."

Der zweite Ausspruch.

Schnitt

13 Jahre - alles gleich.
Ich bin also nur meine körperlichen Parameter wert. Und meine männliche Begleitung. Es gab Tränen. Und Entschuldigungen. Und Vergeben. Wie immer.

Aber eines wird es auch diesmal nicht geben. Vergessen.

Ein weiterer Abend. Eine andere Nacht. Ein Schritt auf der Treppe.

Dinge wiederholen sich. Immer wieder. Immer wieder. Immer wieder.

"Das wusste ich nicht."

Aber ich weiß es.

Palas Athene und der Silberschild. Palas Athene und die Schädelknochen. Palas Athene und die Brandmale.

"Ich wollte dich nicht verletzen."

Ich wollte dich nicht verlieren.

"Je mehr Männer ich kennen lerne, desto größer wird meine Begeisterung für Hunde." ~ M. von Ebner- Eschenbach

Ich habe einen kreisrunden, roten Fleck auf meiner Hand. In der Größe eines Zigarettenstummels. Kaum sichtbar. Aber ich weiß es. Grenzlinientänze. Drahtseilakte. Die Luft wird dünn. Sehr dünn. Und in wenigen Tagen - ausgesprochen dünn.

Ich habe geweint. Nur - eigentlich - sind das alte Verletzungen.

"Wenn die Wunden längst verheilt sind, tun die Narben noch weh...." Romy Haag, Blaue Gitarre

Nein, auch diesmal nicht. Auch diesmal nicht, egal, wie nahe sich Brennpunkt, Zündstoff und Brandbeschleuniger kommen. Noch nicht.

Phoenix - vor dem Brennen.





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