"Alles nur künftige Ruinen,
Material für die nächste Schicht..." - Einstürzende Neubauten, 'Die Befindlichkeit des Landes'
geschrieben von: fluchtraum
I. Horizont
Hier herrscht kein Grau, nein, grün ist hier die Welt
Im kühlen Schatten ungeschnitt'ner wilder Hecken
Ein Vogelschwarm durchzieht krächzend das Himmelszelt
Perlmutt'nen Träumen gleich schleichen die Weinbergschnecken
Fort aus der Stadt, die silhouettenhaft lauert am Horizont
Hat mich ein taubedeckter Weg hinauf geführt
wo noch die Illusion des Unbebauten wohnt
Als wäre dieser Platz von Menschen nie berührt
Doch eine Deponie war einst der grüne Ort
Und Müll verrottet unter Wurzeln immerfort
aufgeschichtet einst wo Wind rauscht heut' in Bäumen
Und ebenso ist's mit der stolzen hohen Stadt
Die manche Schicht schon unter sich begraben hat
Schichten aus Menschen und Ruinen, vergess'ner Not und Träumen
II. Babylon
Auf den Mauern dieser Stadt erscheinen fiebrig Zeichen
Kryptisch und drohend wie vergessene Visionen
Auf ärmlichen Ziegeln und dem Spiegelglas der Reichen
Gesprayt auf Kirchenwände und U-Bahn-Stationen
Insektenhaft schleichen sie sich in jede alte Gasse
Niemand kann ihr verschlung'nes Muster ignorieren
Auf das ein jedes müde Auge sie erfasse
Ohne die Botschaft ihrer Schleifen zu entwirren
Drohend erscheinen die Grafitti mir zuweilen
Symptome eine Stadt, die längst nicht mehr zu heilen
Es liegt die Trauer eines Fiebertraums darin
All diese entropischen Werke, deren Schöpfer unerkannt
Verbinden sich im Geiste und scheinen dem Verstand
Als mene mene tekel uparsin
III. Untergrund
Zuerst war nichts zu spüren denn ein Hauch, ganz zart,
dem Atem einer Banshee gleich, der aus dem Tunnel drang
Dann huschte matt Scheinwerferlicht das Gleis entlang
Und durch Beton spürt' ich die ferne Vibration der Fahrt
Doch plötzlich, gleich einem Geschoss von großer Wucht,
bog um den Tunnelknick der schwere, schnelle Zug
die angestaute Luft, die er wie Donner vor sich trug,
riß an Kleidern und Haar gleich einer ungestillten Sucht
Mit dem Schrei überlasteter Motoren kam die Bahn zum Halt
Ich jedoch stand erschüttert von der stählernen Gewalt
Die Stund' um Stund' das Erdreich selbst durchsprintet
Hier unten, hier tief unten in den endlos langen Gängen
landet ein jeder Müll und Mensch, den die Stadt will verdrängen
doch bei dem Schrei der Bahn sie Frieden nimmer findet
IV. Plan
Durch diese Stadt im Omnibus war lange ich gefahren
Bis auch das letzte Tageslicht am Horizont erloschen war
Und all die Bauwerke, die mir Symbole waren,
Boten gleich einer Bilderschrift sich meinen Blicken dar
Ich sah die schmutz'gen und verdrängten Gassen
Wo Finger gierig kaufen Fleisch und weißen Staube
Sah majestät'sche Häuser Plätze streng umfassen
Und drohend wunderschön - der Stein geword'ne Glaube
Da hörte einen Fremden, der im Busse saß von mir nicht weit
Klagend ich sprechen von der Stadt' Unmenschlichkeit
Ungestüm fasst' ich ihn am Kragen und rief laut:
"Erkenn' dich selbst in rotem Licht und Stacheldraht,
in Kathedrale, Hochhaus, jeder Gasse dieser Stadt:
Sie ist ein Plan des Menschengeists, in Stein erbaut!"
V. Lärm
Vielstimmig ist der Lärm der Stadt bei Nacht und Tag,
Das metall'ne Dröhnen der Maschinen und Schwerindustrien,
Der endlosen Fahrzeugkolonnen auf Asphaltbelag
Während Flugzeuge donnernd ihre weissen Streifen zieh'n
Und weder Ruh' noch Pause ist dem Mensch vergönnt
Der lebt inmitten dieses Tosens, unerbittlich laut,
Der sich sehnt, das aller Lärm verstummen könnt
Wenn wie betäubt er in den grauen Abendhimmel schaut
Doch würde all der Lärm die Ohren nicht mehr Stören
So könnt' ganz anderes er unvermittelt hören:
Das Klagelied des Heimatlosen, den verlies das Glück
Das Weinen eines Kindes, das nimmermehr wird lachen
Das hilflos-matte Stöhnen der Verzweifelten und Schwachen
- sofort wünscht' er den Lärm, der ihn betäubt, zurück!
VI. Totentanz
Schwankenden Schritts, so kam er durch die Unterführung
Die schlanke Hand auf den wunden Arm gepresst
Wo schmutz'ger Nadelstich rot-violett die Haut erblühen läßt
Passanten sahen fort, voll Furcht vor giftiger Berührung
Eine Strähne seines schwarzen Haars war ins Gesichte ihm gefallen
Das fiebrig mir schien und bleich im fahlen Neonlicht
Auch ich wandt mich rasch ab, als gewahrte ich seiner nicht
Als er die schönen Hände reckte mir, verkrümmt zu Bettlerkrallen
Doch ist ein Teil des kränklich-schönen Bilds in meinem Geist verblieben
Und wird nun in penibler Form besungen und beschrieben
Bald auch gelesen werden aus sicherer Distanz
Dies wird niemandem helfen, wird nichts lehren
Nutzt nicht ihm zu Gedenken, noch meinen Ruhm zu mehren
Ist nur zum Zeitvertreib ein weit'rer Totentanz
VII. Erinnerung
Nur Unkraut wuchert, wo das Haus einst sicher stand
den Menschen Heimat bot und Schutz vor Witterung
Über dem Grundstück brütet öd' Verbitterung
Erinnerung und Schutt zerfall'n zu Staub und Sand
Die gezielte Gewalt gelblackierter Maschinen
Hat gleichgültig geschliffen Stein um Stein
riß, stählernen Zyklopen gleich, die Wände ein
vergess'nes Spielzeug lag noch immer zwischen ihnen
Am Zaun steht einsam eine kindliche Gestalt
Den Platz betrachtend aus Augen, die zu alt
die grausamen Triumph tragen in ihrem Blick
Es lacht und weint nicht, denn es weiß, was dort geschah
Daß dieses Haus nur Illusion von Schutz und Heimat war
Wo einst wurde zerstört ihr junges Lebensglück
VIII. Denkmal
Der Park erstreckt sich weit und leer und grün
und niemand hört den Brunnen wortlos singen
die Beete, wo Blumen spätsommerlich verblüh'n
konnten der Natur Geometrie und Präzision aufzwingen
Am Rand des Parks wird eine Wiese dominiert
vom Denkmal eines Mannes, der lange schon vergessen
Der Helm, der steinern stolz sein Haupte ziert,
wird von der sauren Luft und Taubenkot zerfressen
In seinem großen Schatten klein und still sie saß
Ihr Blut geronn bereits, versickerte im Gras
zu schwach schon längst, um einen Abschiedsbrief zu schreiben
Von ihrem Kampf, sich und andere zu retten
gescheitert heldenhaft mit tausend Zigaretten
wird Denkmal nicht noch Würde übrigbleiben
IX. Tauben
Wenn's ein Bewußtsein geben mag, dem nichts entgeht
So ist es das der nimmermüden Taubenschwärme
Der grauen Legion, die ohne Rast bei Kälte und bei Wärme
Die Straßen dieser Stadt durchstreift mit Flügelschlag unstet
All ihre Augen sind wie Öl so schwarz und stumm
Und haben mehr erblickt, als wir können ermessen
Jedoch ist ihrem Geiste fremd Verstehen und Vergessen
Sie tragen tausend Bilder als sinnlose Last herum
Einst war'n des heil'gen Geistes Bote diese Tauben
Brachten auf Engelsschwingen Friede herab und Glauben
Doch dies hehre Versprechen ist lange schon verloren
Als Krankheitsüberträger und Ratten der Luft verschrieen
Werden noch lang nach uns sie durch Ruinen ziehen
Wenn in der nächsten Schicht Friede wird neu geboren
X. Sünde
Verborg'nes Leben in den totgesagten Keller war geschlichen
um dort die Blüte seiner Gier scheu zu entfalten
archaisch peitschte die Musik, und in dem kalten
unsteten Neonlicht der Alltag war verblichen
Am Tag spricht man mit sehnsuchtsvollem Zögern von der Nacht
von dem befreiten Leben, im Kellertanz zu finden
mit schuldhaftem Genuß schwelgt man in falschen Sünden
die, nie gelebt, der Geist mutlos erdacht
Gier, Sucht und Sehnsucht treiben sie erneut
zu jenem Kellertanz, bei dem kein Herz sich freut
und können anders nicht, als ihre Augen schließen
Im Gewölbe der Ruine, tanzend wie Marionetten
reden sie sich ein, wieviel Spaß sie hätten
während die Illusion des Lebens sie genießen
XI. Urteil
Wir träumten oft von ungestümen Feuersbrünsten
Von Flutwellen, die diese Stadt verschlingen
Von Erdbeben, die ihr Zerstörung bringen
Vom Untergang aus namenlosen Künsten
Schwelgten in Bildern einer allerletzten Schlacht
Und träumten, daß Kometen in die Stadt einschlagen
Trostlos im Rausch an trägen trüben Tagen
Haben Apokalypsen vielfach wir erdacht
Diese zornvollen Phantasien sind nichts den Reflektionen
Der Schmerzen und der Flammen, die in den Seelen wohnen
Vergrößert in die Welt geschrie'n durch uns're halbe Dichtung
Wenn in dunklen Träumen wir nach dem Untergang uns sehnen
So weil darin erlöst wir uns von Alltagsqualen wähnen
Doch unser Urteil heißt: Nur stets Verfall und nimmermehr Vernichtung
XII. Ruine
Nun lastet nur mehr Schweigen in den weiten Hallen
Auf deren Grunde stählerne Kadaver rosten
Eine gezackte Scheibe ist vom Glasdache gefallen
Und müde umrankt Efeu titanische Pfosten
Nichts ist geblieben von dem Stampfen der Maschinen
Das einst in mechanoiden Hymnen füllte die Lüfte
Zwischen gelähmten Rädern bau'n ihr Nest die Bienen
Und hüten die Erinn'rung schwerer Schmieröldüfte
Vorbei an längst verlassenen rot-weißen Schranken
Über rissigen Asphalt und trockne Brombeerranken
War zur erhabenen Ruine ich gekommen
Nichts bedeuten Wälder mir noch Kathedralen
Kein and'rer Ort an Schönheit noch an Qualen
Mit diesem Trümmerfeld es je hat aufgenommen
XIII. Metropolis
In diesem Labyrinth fristen ameisengleich wir unser Leben
Die Sterne liegen fern und hinter Großstadtsmog verborgen
Gleich uns'rer angstdurchsetzten Liebe, uns'rer tapf'ren Sorgen
Die scheu sich nur aus Rissen im Asphalt erheben
Die Risse weiten sich und zeigen schwarzen Sumpf
verfluchte Grundschicht für die Hybris von uns Architekten
Die wir kein erlösendes Element in uns'rem Werk entdeckten
Das Bild der gold'nen Stadt erscheint verzerrt und dumpf
Was bleiben wird von dem was eitel wir errichten
Ist nichts mehr als Ruinen für die nächsten Schichten
und dennoch-