Es ist mir bis zum heutigen Tag unklar, ob der moderne japanische Erotikfilm einen Atavismus der Samurai-Zeit überliefert, eine Auflehnung gegen althergebrachte Etikette bedeutet oder den Westen zu überbieten sucht. Jedenfalls gibt sich der japanische Erotikfilm für den westlichen Betrachter reichlich verstörend.
Tokyo Decadence II stellt eine junge Domina mit künstlerischen Ambitionen in den Vordergrund.
Dabei zeigen sich zwei philosophische Schlüsselszenen (zumindest habe ich zwei erkannt....vielleicht gibt es ja noch mehr in diesem Film):
In der einen Szene sieht ein Intellektueller im männlichen Masochismus eine Bewußtseinserweiterung, wogegen die Domina zunächst verbal kontert, sie könne für ihn Sartre sein.
Im folgenden wirft sie ihn zu Boden, fesselt ihn, verbindet Augen und Mund und setzt ihr Opfer alleine einem tropfenden Wasserhahn aus.
Als sie zurückkommt, sagt sie, sie habe ihn gelehrt sein Ego zu überwinden.
Die Frage, die sich mir stellt: ist das ein Verkaufstrick der Domina, leichtfertig dahergesagt. Oder erhebt der Film damit den Anspruch, eine tatsächliche philosophische Einsicht wiederzugeben.
Die zweite Schlüsselsequenz am Ende ist noch komplizierter. Es geht darum, dass die Domina in ihrer Freizeit Schauspielunterricht nimmt. Als das Stück aufgeführt werden soll, ahnt ein Freier, dass zu diesem Stück wohl niemand kommen wird. Er versucht deshalb, andere dazu zu bringen, dass sie die Aufführung angucken.
Tatsächlich wird das Theater voll. Ich muss hier ganz kurz in einen Exkurs rein. Japanische Filme wagen es bisweilen, die action am Anfang zu bieten, den Show-down am Ende wegzulassen. Das sind ganz andere Sehgewohnheiten als im Westen. Neben Tokyo Decadence II zeigt sich das in Die Wölfe von Mibu - das östliche und deutlichst bessere Pendant zum Last Samurai a la Tom Cruise. Sex und Gewalt am Anfang. Am Ende jedoch ein massiver Schwenk in die Psychologisierung. Emotion statt Action als Show-down. Sehr merkwürdig.
Zurück zum Thema. Die Hauptdarstellerin wird in dem Film so dargestellt, dass sich der Zuschauer in sie verlieben soll und nicht etwa nur sexuelles Empfinden auslösen. Da zeigt sich neben Erotik (Erotik ist etwas anderes als Sex; ganz wichtiger Unterschied!).... auch die Schilderung einer tierlieben, hobby-begabten, selbstbewußten Frau.
Indes, in dem Film gibt es keine Szene, die darauf hindeutet, dass die Domina selbst verstünde, was Liebe eigentlich ist. Doch gegen Ende des Filmes stellt sie den Freier, der die Gäste organisiert hat, zur Rede. Er habe doch geholfen, dass soviele Gäste kommen. Der Freier verbleibt in der Rolle des unterwürfigen Masochisten, auf einen Kuss reagiert er mit Tränen. Dennoch kommt die Domina ins Grübeln. Sie greift sich ans Kinn. Ihr dämmert, dass es da eine Art Altruismus geben könnte, den sie mit ihren Spielchen bisher nicht erfasste.
Das Problem ist, dass damit der ganze vorausgehende Film auf dem Kopf steht. Während man fast 2 Stunden eine Hymne auf die Sinnlichkeit geboten bekommt, wird plötzlich in den letzten Minuten des Filmes ein moralisches Fragezeichen aufgestellt?
Vielleicht gibt es hier noch andere, die sich darüber Gedanken machten, was japanische Erotikfilme eigentlich aussagen wollen. Dass das mehr als Bumsfilme sind, zeigt sich daran, dass die Handlungen meist sehr viel ausgefeilter sind als wenn eine Michaela Schaffrath in Paris unter irgendeinem beschämend blöden Vorwand anfängt rumzustöhnen.
Generell, aber das ist wieder offtopic, wissen östliche Regisseure oft mit Bilder besser umzugehen als westliche Regisseure. So dürfte Kurosawa (Kagemusha!!!) Vorbild von Hollywood geworden sein, aber keineswegs umgekehrt. Der Osten ist poetischer: die Handlung klingt in der Form nach (altjapanisch: Yoyo!).
geschrieben von: Cagliostro
Europa ist der Kontinent wo stets nur ein ziemlich stures und stupides "der Unter schlägt den Ober" galt/gilt.
Pervertiert durch das europide Amerika.
Somit ist die europäische Philosophie eine Philosophie der Unterwerfung, nicht der Hingabe.
Was aber Schade ist. Denn der Lustgewinn in der Hingabe kann grösser sein, als der Lustgewinn der von Aussen kommenden Unterwerfung kraft der besseren Waffen....
Die japanische Philosophie enthält viele Elemente der Selbstaufopferung zugunsten einer höheren Idee, aber auch des Kampfes trotz oder gerade wegen einer Übermacht an physischen Gegnern.
So einer Haltung gehört mein Respekt, denn alles im Leben muss pragmatisch sein und sich am möglichen orientieren, aber nicht der Kampf und auch die Liebe nicht.
Diese Dinge sind per se irrational und unterliegen eigenen Gesetzmässigkeiten.
Oft ist ein Kampf, der zu 90% verloren scheint, schon deswegen zu führen, weil man dadurch seine Würde behält und viel für die Psychohygiene tun kann.
Im alten Europa kein Wert an sich.
Für mich persönlich kann es keinen Frieden um jeden Preis geben,
das wäre gegen meine Würde.
geschrieben von: Demon17
Tja Philosophie, ich mag an japanischen Filmen, das sie viel mit untergang zu tun haben, keine Moral und oft kein Happy-End im europäisch-amerikanischen Sinn besitzen. Also im ernst den europäischen Film gibt es ja kaum, aber woher sollen die Leute hier sich mit japanischen Erotikfilmen auskennen? Ich hab mal einen im Fernsehen gesehen, ein Mann wollte von seiner Frau, daß sie sich tätowieren läßt, weil er das bei einer Prostitierten so geil fand. Die beiden waren sehr entfremdet, er Manager, sie Büroangestellte desselben Betriebes. Keine wahre Liebe sondern Konformismus in Reinkultur. Der sich selbst entfremdete Mensch unter Fremden in den Zwängen gesellschaftlicher Rollen. na jedenfalls läßt der Tatoo-Meister sich breitschlagen ihr den Rücken zu tätowieren. Das ist halt mit enormen Schmerzen verbunden, sein Trick war, einen jungen Mann darunter zu legen, der ihr dann sein Ding reinschob, so daß sie Luste dabei verspürte, während er in wochenlanger Arbeit sein Kunstwerk auf ihrem Rücken schuf. Ist schon abgefahren irgendwie, auch ganz ohne Action. Ich finde die Bildersprache und die zenmäßige Ruhe vieler japanischer Filme läßt sich mit dem Besten vergleichen, was das europäische Kino manchmal zu bieten hat, wenn es keine spezifische Botschaft vermitteln will. Aber die Philosophie, der bilder läßt sich schlecht in Sprache fassen. Vielleicht in Gedichten, wo die Logik der Sprache mit dem Ausdruck von Gefühlen und Stimmungen einhergeht.