Der Geruch der verbrannten Streichhölzer hing noch immer in Fetzen im Raum.
Sein Kopf schmerzte, dennoch hatte er nicht das Bedürfnis nach Frischluft, er mochte den Geruch von Feuer. Zudem ließ die Zeit keinen Raum für einen Spaziergang. Wenn er den Roman noch heute zum Abschluss bringen wollte, hatte er sich zu beeilen.
Das Klacken der Tasten seiner Schreibmaschine, sozusagen ein Erbstück, war das einzige vernehmbare Geräusch. Die Musik aus dem Plattenspieler war schon lange verstummt, in seinem Eifer hatte er es nur noch nicht bemerkt. Die Geräusche, die von der Straße zu ihm hinauf drangen, verebbten allmählich. Es waren die Stunden, in denen der Schlaf sich aller Seelen bemächtigte, seien sie behütet, verloren, fromm oder zerrissen. Ihn hielt seine Arbeit wach und so tippte er unermüdlich weiter, während die Kälte, von draußen durch die miserabel abgedichteten Fenster quellend, in seine Hände und Füße kroch.
Zwei Monate waren vergangen, seit er die Idee mit dem Roman hatte. Zunächst belächelte er diesen scheinbar törichten Einfall, um dann mehr und mehr Gefallen daran zu finden. Außerdem, so dachte er sich, war er es ihr schuldig, obgleich er ihr von diesem Versprechen nie erzählt hatte.
Der Rauch der Kerzen spielte ein groteskes Spiel mit den monströsen Schatten an der Wand. Trotz des flackernd finsteren Lichtes sah man den Staub auf dem vor ihm aufgerichteten Bilderrahmen liegen. Er hatte es nicht über sich gebracht, ihn stillschweigend in einer Schublade verschwinden zu lassen und sich somit zum Vergessen zu zwingen. Sein Leben und Fühlen in dieser viel zu kurzen Zeit war zu intensiv gewesen, hatte ihn zu sehr geformt, als dass er dieser Endhandlung fähig gewesen wäre.
Durch jede Faser seines Körpers floss diese berauschende Substanz, die man versucht als „Liebe“ zu definieren. Der Zustand währte fünf Wochen, nur fünf kurze Wochen, und stellte sich an diesem einen Morgen abrupt ein.
Er erwachte, als die Haustür krachend ins Schloss fiel. Die Uhr zeigte 7:38. Er glaubte, sich daran erinnern zu können, dass sein Herz für einen Moment aussetzte, dass sich alles Blut in der Magengegend sammelte. Ihm war schrecklich übel, doch konnte er sich nicht bewegen. Der Schatten einer schrecklichen Ahnung fiel auf ihn herab, drückte auf seine Brust, so dass jeder Atemzug schmerzte. Er sehnte sich nach einer Ohnmacht und schloss die Augen, in der Absicht, die Wirklichkeit für einen kurzen Augenblick zu verbannen, zwang schließlich seinen Körper zum Aufstehen.
Als er den Blick aus dem Fenster warf, konnte er nur noch beobachten, wie das Taxi leise abfuhr.
Sich sträubend öffnete er den Kleiderschrank, schon vermutend, dass sie nichts hinterlassen hatte.
Er hätte es wissen müssen. Vielleicht hatte er es auch gewusst, wollte nur nicht daran glauben. So oft waren sie zusammen gesessen, so oft hatte sie ihm anvertraut, wie gerne sie gehen würde:
„Verstehst du, einfach weg von hier. An einen fremden Ort, eintauchen in die sterile Anonymität. Endlich mal ich selbst sein dürfen. Endlich mal leben ohne die Angst, nicht genügen zu können oder andere zu enttäuschen, nur weil ich mit Fehlern behaftet bin. Die Wände rücken immer näher auf mich zu, die Decke fällt auf mich herab, ich bekomme keine Luft mehr.
„Wie oft stand ich schon da, den Hörer in der Hand um ein Taxi zu rufen. Meine Koffer sind ständig gepackt. Ich wäre bereit, doch meine Feigheit steht mir im Weg.
„Nun sitze ich hier mit dir, einem Menschen, den ich liebe. Ja, ich liebe dich. Ich hätte nie gedacht, dass ich diese Worte jemals über meine Lippen bringen würde. Doch das ändert nichts an meinem Wunsch, an meiner Gier nach einem anderen Leben. Du sagst, du liebst mich so, wie ich bin, aber das ist nicht möglich. Nein, widersprich mir nicht. Sag, wie du mich lieben kannst, wenn es mir so oft nicht gelingt? Du liebst mich, wie ich hier mit dir sitze, wie ich mit dir tanze, wie ich mit dir schlafe. Aber du wirst mich nicht mehr lieben, wenn ich gegangen bin. Du wirst mich verfluchen oder gar hassen. Und dennoch bin das ich.“
Es war schlimm für ihn, als sie aufgebrochen war. Schlimmer war es, dass sie Recht gehabt hatte. In Gedanken beschimpfte er sie, war maßlos enttäuscht, beschuldigte sie seines elenden Lebens, betrank sich an seinem Selbstmitleid.
Dass er ihren Aufenthaltsort kannte, war zermürbend. Sie hatte ihm oft von dem kleinen Dorf erzählt, wo sie als Kind einen Urlaub verbracht hatte und unzählige Male das prunklose Haus beschrieben, in dessen pittoresken Garten sie gesessen war. Er wusste, er würde sie dort finden.
Sein Zorn legte sich nach einiger Zeit, schuf wieder Platz für die Liebe, in deren Namen er sich ihr verkauft hatte. Er liebte sie noch immer. Die blasse Narbe hinter ihrem rechten Ohr, die glatte Haut ihrer Hände, das Gewicht ihres Kopfes auf seiner Brust, die Worte, mit denen sie sich am Telefon meldete, das Klacken der Tasten, wenn sie allabendlich an ihrer Schreibmaschine saß. So wie er es nun tat.
Draußen schlich sich die Dämmerung an, während er die letzten Bogen Papier mit seinen schwarzen Worten beschrieb. Im Fensterrahmen gefangen war das Bild einer Sonne, die er morgens noch nie so tiefrot hatte sehen können.
Das Klacken verstummte. Er gönnte sich keine Pause, begann sogleich die Blätter zu ordnen, ohne sich die Mühe zu machen, alles noch einmal durchzulesen. Er kannte die Geschichte, die sie verbargen. Es war sein Leben. Sie umfassten die Zeit von dem Moment an, als er sich seinen Gefühlen bewusst wurde bis hin zu dem Tag, an dem er sie alle töten würde. Heute.
Neben der Schreibmaschine lag ein in schwarzes Holz gerahmtes Bild, eine farblose Photographie eines verfallenen Backsteinhauses, halb versteckt hinter dichten dunkelgrünen Tannen. In einem Stuhl, inmitten wilden, hohen Grases, saß eine Frau und lächelte in die Kamera. Dieses Lächeln hatte er nie an ihr gesehen. Längst hatte er eingesehen, dass sie gehen musste, hätte sie hier doch niemals so glücklich sein können.
Den Stapel seines Lebens packte er in einen großen, braunen Briefumschlag. Er hatte ihr im Stillen versprochen, dass er sie nie wortlos verlassen würde. Und er hatte stets gehalten, was er versprach.
Auf der Rückseite der Photographie, welche er auf den Briefumschlag klebte, hatte er den Namen des Dorfes, ihres Dorfes notiert.
Während er in den Flur trat um nach seinem Mantel zu suchen, drangen ihre Worte in seinen Kopf: „Ich glaube, der nötige Mut erfasst einen erst in dem Augenblick, wenn man sich völlig sicher ist, dass man gehen will. Dann erst ist man bereit. Und dann muss man gehen.“
Ob er gehen wollte oder musste, konnte er nicht sagen. Doch er wusste, dass sein Handeln nicht unüberlegt war, denn unzählige Abende hatte er darüber nachgedacht, ob es wohl richtig wäre, ihr Haus zu suchen und sie vielleicht in dem Garten hinter den hohen Tannen wiederzusehen. Manchmal kümmerte es ihn nicht, ob sie sich das wünschte oder nicht. Er vermisste sie so sehr.
Bevor er aus der Wohnung trat, vergewisserte er sich seiner Ausrüstung: in der rechten Hand hielt er den brauen Umschlag; die linke, tief in der Manteltasche begraben, umklammerte das harte Metall der Pistole.
Hinter ihm fiel krachend die Tür ins Schloss. Die Uhr zeigte 7:38.
geschrieben von: Namayah
Ist das von dir?
geschrieben von: infernal_angel
Jepp... *kopfnick*
geschrieben von: Namayah
Hmmm, jetzt kommentiere ich mal.... Als erstes: Ich mag deine Ironie. Allerdings frage ich mich auch, warum du so verbittert schreibst. War das Sinn der Sache oder steckt da noch mehr dahinter? Oder sollte ich das nicht fragen?
`bittersüße Grüße`,
Namayah
geschrieben von: infernal_angel
Danke, Namayah, für deine Reaktion.
Interessant, dass du von "verbittertem/ironischem Stil" sprichst, da ich das eigentlich nicht wissentlich beeinflusst habe. Bin aber von Natur aus ein sehr zynischer Mensch (manchmal für Außenstehende zum Haare raufen...), deshalb lässt sich diese Ader wohl auch beim Schreiben nicht unterdrücken.
Einen bestimmten Grund hat das nicht, außer vielleicht die Tatsache, dass ich den Glauben an die Liebe verloren habe, und deshalb grundsätzlich keine HappyEnd-Geschichten schreiben kann. Überhaupt kann ich nie etwas zu Papier bringen, wenn es mir richtig gut geht.
lg
geschrieben von: Namayah
Man merkt, dass du nicht mehr an die Liebe glaubst, das stimmt. Ich mag auch in der Regel gar keine Happy End- Geschichten, weil ich ihnen einfach nicht glauben kann (das ist der Pessimist in mir, manchmal auch der Realist).
Wieso kannst du nichts zu Papier bringen, wenn es dir gut geht? Fehlt dir dann einfach das "Können", die Lust, die Inspiration dazu? Das kann ich nachvollziehen, mir geht es ähnlich. Ich sitze dann vor einem weißen Bogen Papier und kann ihn anstarren, solang ich will, aber es geht nicht...
Namayah
geschrieben von: infernal_angel
Ja, zum einen fehlt mir die Inspiration, zum anderen aber auch die Muse.
Wenn es mir gut geht, bin ich meistens irgendwie beschäftigt. In ein Loch falle ich nur, wenn ich nichtstuend zu Hause alleine rumsitze, und dann beginne ich meistens einfach zu schreiben.
Es ist eine Art Therapie. Ich kann meine Sorgen niederschreiben und komme währendessen eventuell sogar auf eine Lösung...
geschrieben von: Namayah
Ich wünsch dir viel Glück, dass du eines Tages eine Lösung finden wirst.. Aber hör dann trotzdem nicht auf zu schreiben. Erstens reinigt das die Seele und zweitens... ich denke, ich würde auch andere Geschichten von dir mögen.
liebe Grüße,
Namayah
geschrieben von: infernal_angel
Dankeschön! :)
geschrieben von: Namayah
kannst gerne Bescheid sagen, wenn du hier wieder ne neue Geschichte reinstellst! :)