Schlug die Augen auf – und war tot. Mein Herz schlägt nicht mehr. Nicht hier ...
Wo bin ich? Wer bin ich? Was bin ich und wann?
Dunkelheit umfängt mich wie ein Leichentuch. Kalt und warm zugleich verbirgt sie mich vor der Welt. Doch verbirgt sie die Welt auch vor mir. Langsam schließe ich die Augen. Suche in mir nach Antworten auf meine Fragen. Doch ich finde nur Finsternis; ein Nichts, leerer und schwärzer als die Dunkelheit, die mich umgibt. Es ist, als sei ich gerade erst geboren. Hinaus gestoßen in eine fremde, neue, vielleicht gefährliche Welt. Aber ich will sie kennenlernen, diese neue Welt. Und so schaue ich mit meinen Sinnen in die Dunkelheit um mich. Ich sauge die Luft in tiefen Zügen ein. Dieser Ort ist alt, uralt. Menschen, Tiere und die vielen jenseits der menschlichen Welt kamen und gingen und hinterließen ihre Spuren. Bilder von längst vergangenen Zeiten entstehen in mir. Jeder Atemzug erzählt mir eine neue Geschichte.
Leise fällt ein Wassertropfen Richtung Boden. Mit einem durchdringenden, hellen Geräusch schlägt er in einer Pfütze auf und Wellen breiten sich mit leisem Murmeln aus. Hundertfach bricht sich das Geräusch an feuchten Wänden. Nichts außer dem Wasser bewegt sich hier. Nichts lebt hier. Warum nicht?
Ich öffne die Augen. Ganz langsam. Äonen scheinen vergangen, als ich endlich sehe. Uralte Steine sitzen in der Dunkelheit nebeneinander. Einer klammert sich am anderen fest, auf daß das Gewölbe über mir nicht zerfällt, obschon es älter scheint als der Anbeginn der Zeit. Der Zahn der Zeit hat weiche Wellen in die Oberfläche gefressen, die jäh an einem der vielen Risse enden, die jeden Stein durchziehen wie Blitze den Himmel. Wie der Boden sind sie vollkommen kahl. Nicht wächst hier. Keine Flechten, kein Moos. Nichts.
Aber dort auf dem Boden mitten im Nichts liegt etwas. Nein, da liegt jemand. Friedlich zusammengekauert wie ein Embryo im Bauch von Mutter Erde fließt die Gestalt über den Boden. Ihr Körper ist fast vollständig von schwarzem Stoff bedeckt. In unzähligen Falten breitet er sich aus und verschmilzt mit dem Boden. Fast schon grell leuchtet dagegen die feine, geschmeidige, helle Porzellanhaut, so daß ich Kopf und Hände deutlich erkennen kann.
Zart und zerbrechlich wie Glas wirken die schlanken Hände mit den zierlichen Fingern. Glatt und ebenmäßig sind sie, ohne Falten, ohne Schwielen, ohne Narben – ohne jeden Makel. Fast zu schwer für diese Feenhand wirken die schwarzen, krallenartigen Nägel, die jede Fingerspitze zieren. Nein, es sind nicht die Klauen eines Raubtiers. Sie sind eben nur ein wenig länger und stärker als bei den meisten Menschen.
An sanften, pechschwarzen Wellen kriechen meine Blicke höher bis zur Stirn, über der sie entspringen. Sie gleiten weiter über diese Fläche, auf der das Leben noch nichts geschrieben hat. Die Mandelaugen unter den falkengleich geschwungenen Brauen sind geschlossen. Wie mit Tusche gezeichnet glänzen darüber lange, schwarze Wimpern. An der feinen Linie der Nase gleiten meine Blicke hinunter bis zu tief roten, vollen Lippen, die nichts preisgeben.
Dieses ebenmäßige, schon fast zu perfekte Gesicht, die schlanke Silhouette, die da friedlich am Boden schläft, zieht mich magisch an. Ihr Anblick greift nach mir und zieht mich näher. Wer ist dieses Wesen? Warum ist es hier? Warum fasziniert mich sein Anblick so? Ich kann mich seinem Bann nicht entziehen. Näher und immer näher. Ohne Angst folge ich dem Verlangen, bis ich die Gestalt berühren kann ...
Mit einem Mal ist mir kalt! Die Welt um mich dreht sich schneller und schneller und ich bin blind. Der Raum stürzt in sich zusammen, ist verschwunden. Ich rieche, höre, fühle ihn nicht mehr. Eine wahre Kakophonie entsetzlicher Laute stürzt auf mich ein. Ein kurzer Moment nur, der für mich zu einer Ewigkeit wird. Dann ist alles still, das Chaos verschwunden. Aus dem Nichts zurück ins Nichts. Über mir wieder der uralte Himmel aus Stein. Um mich Dunkelheit, tropfendes Wasser und der vertraute Duft. Nur die Gestalt ist nicht mehr da. Ich fühle mich plötzlich einsam – und mir ist warm.
Ich setze mich langsam auf und schaue an mir herab. Schaue auf schwarzes Haar auf schwarzem Samt, auf filigrane, weiße Hände mit schwarzen Krallen ...
To be continued ...
geschrieben von: Angelus Noctis
Irgendwo am anderen Ende der Welt zur gleichen Zeit ...
Gleißend grelles Licht, geschäftiges Treiben in einem sterilen, weißen Raum. Männer und Frauen in weißen Kitteln zwischen Apparaten und kalten Klinikmöbeln. Die Luft ist schwer von Schweiß und Schmerzen.
Ein letztes angestrengtes Stöhnen. Nur mit einem leisen Glucksen begrüßt der neue Mensch seine Welt und schlägt seine großen, durchdringenden Augen auf. „Ein Junge!“, verkündet die Hebamme strahlend, wickelt den Winzling in eine Decke und legt das kleine Bündel der erschöpften Mutter in den Arm. Vergessen sind augenblicklich die Strapazen der letzten Stunden. Der ganze Raum atmet erleichtert auf. Auch der schlanke, junge Mann neben dem Stuhl entspannt sich sichtlich. Noch immer hält er die Hand seiner Frau ganz fest. Und nur langsam kehrt die Farbe in sein Gesicht zurück. „Das wird schon wieder“, zwinkert ihm die Hebamme zu.
„Na, wie soll der Kleine denn heißen?“ „Andrew Michael Amenti ...“
Ich krieche mit meinen (?) Händen unter den Umhang, lege sie um meine Schultern. Weiche, samtene Haut über festen, starken Muskeln. Auch ihre kleinste Bewegung ist spürbar. Der ganze Körper scheint eher das Werk eines perfektionistischen Künstlers zu sein. Makellos schön von außen, rein und leer von innen. Ohne Vorgeschichte.
Das Gewölbe um mich hat dagegen viel zu erzählen. Doch vieles liegt noch jenseits dessen, was ich zu begreifen vermag. Es wirkt jetzt so viel größer als noch vor Stunden. Eine riesige Halle mit kleineren und größeren Nischen an den Seiten, wo ich die Decke scheinbar fast berühren kann. Ganz langsam fordere ich Bewegung von meinem Körper. Ich strecke die tauben Zehen, kralle sie wieder zusammen, strecke die Beine aus und setze mich auf. Ganz langsam, denn ich traue diesem Körper noch nicht. Ob mich diese Beine tragen? Vorsichtig stelle ich mich auf die nackten Füße, erhebe mich im Zeitlupentempo. Meinem Körper scheinen zwei Beine für ein stabiles Gleichgewicht zu wenig. Nein, ich will nicht fallen! Beinahe. Ich bin stark. Ich brauche keine Hand, die mich hält. Woher sollte ich sie hier auch nehmen?
Die ersten Schritte schmerzen. Der Steine Kälte schneidet in die nackten Sohlen meiner Füße. Langsam verstummt der Schmerz und ich muß auch nicht mehr bei jedem Schritt mit der Schwerkraft kämpfen, die mich unerbittlich wieder zu Boden ziehen will. Die Decke dieser Nische ist kalt und feucht und wirkt irgendwie weich, wie von edlem Stoff überzogen. Fünf große und sieben kleine Kammern hat die Halle. Ihre Decke wird in der Mitte gestützt von einer Säule uralten Gesteins, das nie bearbeitet wurde. Langsam gehe ich an ihr vorbei auf die größte Nische zu. Etwas glänzt dort. Etwas Großes.
Ich schließe die Augen und gehe darauf zu, bis ich seine Nähe spüre – tief blutrot. Ein gutes Stück größer als ich ist es und Teile von ihm haben einmal gelebt, viele hundert Jahre lang. Der Rand ist glatt, wie poliert, und angenehm warm. Ich genieße das Gefühl.
‚Sieh mich an!‘ Ich gehorche. Der Rand ist aus dunklem rotbraunem Holz mit feiner Maserung. Geschickte Hände haben darin Wesen zu einer Legende verwoben. Sie umrahmt einen riesigen reflektierenden Kristall. Ein Spiegel, aus dem mich eine riesige Feengestalt anblickt.
‚Ich bin das Tor. Berühre mich!‘ Ja. Die Gestalt im Spiegel vor mir verschwindet und er wird schwarz. ‚Betritt die Dunkelheit!‘
geschrieben von: Angelus Noctis
Das war eine immense Verantwortung. Er sollte ein Kind des Ursprungs das Leben unterrichten. Auch für ein fast allwissendes Wesen eine schwierige Aufgabe. Und doch wurde sie in seine Hände gelegt. Als Mensch sollte er ihr erscheinen. Sollte ihr Kontrolle über ihre Sinne lehren. Sollte sie lehren, ihre schier unerschöpflichen Potentiale zu nutzen und zu kontrollieren. Unwillkürlich zog er den Kopf ein und hoffte schon im voraus, daß ihr Zorn ihn nie treffen würde. Er verließ sein Reich, ohne zu wissen, auf welch ein Wesen er treffen würde.
Am ihm genannten Ort verborgen spähte er zwischen den Bäumen hindurch. Da lag sie. Mitten im Wald. ‚Sie ist ja ein Baby!‘, dachte er. Zart und zerbrechlich wirkte sie inmitten der riesigen Stämme und Wurzeln. Doch er wußte um die Fähigkeiten, die tief in diesem gläsernen Körper schlummerten. ‚Ein Gigant in der Gestalt eines Kindes ...‘
geschrieben von: Angelus Noctis
Es ist warm. Und Wasser perlt über meine Haut. Mein Cape ist verschwunden. Vielleicht verloren auf dem Weg hierher. Moment! Wie komme ich eigentlich hierher? Ich habe den Kristallspiegel berührt und mein Körper fühlte sich plötzlich an, wie zu Eis erstarrt. Und dann ... Und dann? Dann war ich hier!
Alles ist voller Leben. Ich muß die Augen nicht öffnen. Ich rieche, höre, fühle es. Die Luft ist frisch und schwer von Regen. Der Duft von tausenden von Blüten und Früchten, von Holz, Blättern und Rinde, von faulem Laub am Boden, von unzähligen großen und kleinen Tieren, von Pilzen und kleinsten Lebewesen mischt sich zu einer aufregenden Sinfonie. Und irgendwo in dieser Sinfonie verbergen sich auch solche, die sind wie ich. Ganz deutlich fließen ihre Spuren bis in meine Lungen.
Hunderte von Vogelstimmen wetteifern in den Bäumen miteinander. Dazwischen stürzt sich ein Schlangenhabicht auf eine Bambusotter. Ein seltsames Geräusch und seine Krallen graben sich in den Körper des Reptils. Mit rauschenden Schwingen fliegt er davon. Ein Arguspfauenhahn ruft durchdringend nach einer Henne. Ein heftiger Streit scheint direkt über mir seinen Höhepunkt zu finden. Ein Paar sehr farbenfroher Pompadourtauben vertreibt einen Eindringling, der sich offenbar über das Nest hermachen wollte. Weiter oben in den Baumkronen lärmt ein ziemlich großer Schwarm kleiner Papageien. Ich öffne die Augen. Schräg über mir auf einem dicken Ast sitzt ein imposantes Exemplar von Vogel. Gräulichweiß-blaues Gefieder, schwarzes Gesicht mit einem riesigen Schnabel und einem seltsamen Kamm auf dem Kopf. Riesig ist dieser Vogel. Ich bin nur wenig größer als er lang. Er sitzt einfach da und starrt mich an. Und ich starre zurück. Als ich mich endlich von seinen Augen losreißen kann, erkenne ich langsam auch die kleineren Waldbewohner um mich herum. Sie sind nicht so auffällig wie die vielen kleinen mehr oder weniger bunten Vögel, die durch den Wald flattern, aber nicht weniger interessant. Eine bläulich-bunte Schlange kriecht durch totes Laub. Weit über mir lauert eine sehr schmale grüne Schlange mit einer sehr spitzen Nase auf Beute.
Beute - Essen. Ein gutes Stichwort. Ich gehe nämlich davon aus, daß das seltsame, langsam lästige Gefühl in meiner Magengegend Hunger ist und sich entsprechend durch eine Mahlzeit abstellen läßt. Dieses zweigähnliche Insekt in dem Ast vor meiner Nase riecht zwar eßbar, besänftigt aber wohl kaum meinen knurrenden Magen. Also erhebe ich mich mit einem Ruck. Unter mir brechen Zweige. Plötzlich ist die kleine Lichtung wie leer gefegt und es ist für diesen Ort erstaunlich still. Alles hat sich verkrochen. Der riesige Vogel über mir fliegt davon. Auch die schwarzgelb gebänderte Schlange, auf die meine Wahl gefallen war, ist weg. Also gut, dann werden es vielleicht auch die Früchte der Bäume tun. Die laufen wenigstens nicht weg.
Irgendwo über dem Blätterdach spendet ein fernes Gestirn wohlige Wärme. Ich spüre es, auch wenn ich es nicht sehen kann. Fürs erste satt und zufrieden mache ich mich auf einem dicken Ast hoch über dem Boden lang und genieße die Gabe dieses Gestirns. Ich bin müde.
Stimmen. Irgendwo zwischen Schlaf und Erwachen höre ich sie. Sie drängen immer deutlicher in mein Bewußtsein. Aber sie kommen nicht aus dem Wald. Sie kommen aus meinem Kopf. Oder besser, sie sind in meinem Kopf! Es sind nicht wirklich Stimmen, eher Eindrücke von fremden Gedanken. Als würde jemand seine Gedanken in meinem Kopf aussprechen. Am lautesten sind die der Beos, die sich eine Astlänge von mir um eine Feige streiten. Doch nicht nur diese, alle Stimmen werden lauter. Mir dröhnt der Schädel! Diese verflixten Beos sollen aufhören, sich zu streiten. Hört auf! Sofort! Augenblicklich ist da drüben Stille eingekehrt. Na also, geht doch. Moment mal! Wie konnten sie wissen, was ich denke? Ich habe diesen Gedanken gar nicht ausgesprochen. Sie hören mich also auch. Ich will aber nicht, daß jeder mein Inneres sieht.
„Das mußt du auch nicht dulden.“ Wer bist du? Wo bist du? Leise lacht es im Unterholz unter meinem Baum. „Du kannst es lernen, daß du sie nur hörst, wenn du willst und daß sie dich nur hören, wenn du es willst.“ Zeige dich. Ich will dich sehen. Wem gehört diese schelmische, leicht schnarrende Stimme, die sich hier leise durch das Dickicht kichert? Doch nichts geschieht. Wer auch immer er war, er ist weg. Nur sein Geruch hängt noch in der Luft. Irgendwie vertraut. Ich fühle mich wohl damit. Überhaupt gefällt mir der Platz hier ausnehmend gut. Frisches Wasser habe ich nur ein paar Bäume weiter am Fluß. Das Essen, zumindest das pflanzliche, wächst mir förmlich in den Mund und eine gute Aussicht hat man von hier auch. Außerdem schützen mich die riesigen Blätter über mir vor dem häufigen Regen und nasse Füße bekomme ich hier oben auch nicht. Über dem Ast, auf dem ich heute Nachmittag geschlafen habe, ist eine große Höhle im Stamm des alten Baumriesen, so groß, daß ich zusammengerollt hineinpasse. Auf den Seitenästen meines Schlafastes plaziere ich weitere Äste, darüber dünne Zweige und Blätter und die Fasern, die an einer dieser Früchte wachsen. Die Vögel hier könnten es sicher besser, aber alles in allem habe ich nach mehreren Stunden Arbeit ein äußerst luxuriöses Bett. Alles andere ist für heute Nebensache. Mein letzter Gedanke für den heutigen Tag gilt der fremden Stimme. Erst jetzt, als ich nicht mehr konzentriert und suchend durch die Gegend haste, nehme ich auch die Stimmen wieder wahr. An Schlaf ist nicht zu denken ...
Ich bin tot! Zum Schlafen bin jedenfalls heute nacht nicht gekommen. Ich bin sogar in die Krone meines Baumes geklettert, um die Stimmen loszuwerden. Aber sie kleben an mir wie Harz. Langsam fühle ich mich diesem Wahnsinn in Grün ausgeliefert. Von allen Seiten attackieren mich Geräusche und Gerüche und Gedanken. In den ersten Stunden war alles noch neu und aufregend schön, als meine Sinne noch nicht erwacht waren. Jetzt aber fühle ich mich langsam bedroht von den vielen Dingen, die gleichzeitig auf mich einstürzen. Wie unter harten Schlägen kauere ich mich in meinem Bett zusammen und wünsche mich zurück in mein Gewölbe. Mir kommt jegliches Gefühl für Zeit abhanden. Geht weg! Laßt mich in Ruhe! Ich will zurück unter meine kühlen Steine ...