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"Die Verwandlung" von Kafka- eure Interpretation?!

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geschrieben von: lilith2310

Mich hat "Die Verwandlung" von Franz Kafka ganz ungemein fasziniert. Es handelt sich hier um eine Erzählung, die einerseits komisch, andrerseits aber auch sehr tragisch ist.
Da wacht Gregor Samsa eines Morgens auf, und stellt nach einer Weile fest, dass er sich in einen Käfer verwandelt hat.
Daraufhin hält nur noch die Schwester zu ihm. Aber als die ökonomische Lage im Hause Samsa immer schlechter wird, und Samsa eine "Behinderung" für den Lebensalltag von Mutter, Vater und Schwester darstellt, beginnt selbst seine Schwester davon zu reden, es sei besser ihn, im Interesse aller, fortzuschaffen. Denn ohne ihn könne man schließlich auch in eine neue, günstigere Wohnung umziehen. Am Ende stirbt Samsa und alle sind glücklich- so scheint es zumindest.
Meine These ist, dass Kafka hier zeigen wollte, wie es jemandem ergeht, der sich in der Gesellschaft bewegt, ohne sich dieser anzupassen- bzw. den Extremfall dieses Falles.
Ich denke, er hat Samsa sich in ein Tier verwandeln, in einen Käfer, weil hierduch die Andersartiglkeit besonders deutlich wird, und die Menschen gewissermaßen auch eine Rechtfertigung dafür parat haben, warum Tiere mindestens eine Stufe unter ihnen stehen ( erinnert sei nur an Nietzsche, der sagte, der Mensch sei genauso ein Tier, nur eben das listigste unter allen).
Da es in dieser Erzählung aber auch um Pflichterfüllung, ökonomische Wünsche und Zwänge, sowie Autoritätshörigkeit geht, frage ich mich, was Kafka mit dieser Erzählung über den Kapitalismus und den Staat sagen wollte- denn dass er dies wollte, darauf gibt es zuviele Hinweise.
Natürlich gibt es auch bei jeder Erzählung einen Rest an Leerstellen, der sich niemals beseitigen läßt.
Mich interessiert aber Eure Sichtweise auf diese Erzählung ( auch abseits von Wissenschaftlichkeit): Wie hat sie euch gefallen? Wie faßt ihr die Botschaft dieser Erzählung auf? Was kann daraus an Lehren für den Menschen heutzutage gezogen werden?
Es sei schon einmal allen Kafka- Interessierten im Vorab für ihr Interesse gedankt.
liulith2310



geschrieben von: Xenomorph

Hallo,

Du wirst feststellen, dass es ja gerade zu dieser speziellen Erzählung von Kafka eine Fülle von Interpretationsliteratur gibt...die Spanne reicht hier von psychoanalytischen Deutungsansätzen im Sinne Freuds, bei denen das Verhältnis gregors insbesondere zu seinem Vater, aber auch zu Mutter und Schwester eine zentrale Rolle spielen...ein zumindest latent inzestuöses Verlangen nach der Schwester wird hier ebenso erwähnt (Das es bei Kafka übriges in leichter Form zu einer seiner Schwestern, Ottla, gab) wie der stets übermächtige Vater...

...eine kapitalismuskritische Interpretationsweise der Texte Kafkas finde ich persönlich hochinteressant, doch gibt es diesen Interpretationsansatz bei seinen Werken leider - noch - nicht allzuoft - wobei ein solcher besonders im Fall des Romans "Der Verschollene" sich eigentlich anbieten würde...auch "Die Verwandlung" ergibt vor diesem Hintergrund durchaus Sinn - denn auf mehere Aspekte lohnt es sich dabei das Augenmerk zu richten:

Gregor gehört zur Klasse der Ausgebeuteten - zwar spielt die Erzählung eigentlich in einer kleinbürgerlichen Familie - es wird jedoch erwähnt, dass der Vater früher einmal über ein gutgehendes Wirtschaftsunternehmen und nicht unerhebliches Vermögen verfügte - welches er jedoch verlor, als er sein Geschäft zu stark verschuldete und es dadurch komplett verlor...die Familie ist nunmehr auf Gregor als einzigen Erwerbstätigen und damit als deren alleinige Einnahmequelle angewiesen...Gregor wird also nicht nur im eigenen Interesse zur Lohnarbeit gezwungen - auf ihm lastet zudem die Verantwortung für das materielle Überleben der Familie in der kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft...Gregor zählt also zu den Ausgebeuteten im Kapitalismus - und das sogar gleich doppelt: einerseits natürlich von seinem Firmenchef als Repäsentanten der kapitalistischen Ausbeuterklasse, für den er als Handlungsreisender Verträge abschliesst - und dann natürlich auch von seiner Familie, die ihn als Lohnsklaven vor ihren Karren spannt, weil der Vater aufgrund seines Alters und seiner Invalidität selber keiner Lohnarbeit mehr nachzugehen in der Lage ist, während Mutter und Schwester einfach keine Lust dazu haben...die Erzählung problematisiert also eine gescheiterte bürgerliche Lebenssituation innerhalb der Rahmenbedingungen der kapitalistischen Gesellschaft...

...die Verwandlung in das Ungeziefer kann vor diesem Hintergrund nun in zweierlei Weise gedeutet werden: Einerseits bedeutet sie eine - wennauch vielleicht unfreiwillge - Flucht aus der menschlichen Gesellschaft und damit zugleich auch der Existenz als Lohnsklave - eine denkbar radikale Lösung, denn sie ist hier augenscheinlich gleichbedeutend mit der Verlust der menschlichen Existenz an sich...zweitens kommt hier auch eine - urkapitalistische - Schmähmetapher ins Spiel, die mit dem unweigerlichen Verlust der Arbeitsfähigkeit einhergeht, den der Verlust der menschlichen Physis mit sich bringt: "Ungeziefer" - oder modern ausgedrückt auch "Sozialschmarotzer", "Asozialer", "Gemeinschaftsfremder",ganz drastisch vielleicht sogar noch Fremder, engl. "Alien", nichtmenschliches Lebewesen im erweiterten Sinne vielleicht sogar - so bezeichnet der Kapitalismus ja gern die Arbeitslosen, die für ihn keinen materiellen Nutzen mehr besitzen, da sie aus dem Raster der Lohnarbeit ausgeschieden sind - vielmehr, der "Unrat" , der vom Kapitalismus als unverwertbar ausgeschieden wurde - Gregor wird hiermit zur fleischgewordenen Metapher der im Kapitalismus dysfunktional gewordenen Klasse der Werktätigen, zum Sinn- bzw. Sinnlosbild von der Dysfunktionalität des Kapitalismus an sich, zum "Unrat", der schliesslich mit dem Kehrblech hinfortgefegt wird...



geschrieben von: Mrs. Spookiness

Da sollte man den Schinken "Kafka - Der ewige Sohn" von Peter-André Alt lesen - viele behaupten, erst nach der Auseinandersetzung mit seinem Leben gibt es eine Möglichkeit nachzuvollziehen, wie Kafka getickt haben könnte. Ich selbst hab den Brocken noch nit gelesen, werd mich aber nach Möglichkeit dran machen da mich Kafka irrsinnig interessiert - Buch soll auf jeden Fall nur zu empfehlen sein! (für die Kafkaesken unter uns versteht sich :D )

In "Die Verwandlung" spielt [mE] hauptsächlich Kafkas Entfremdung seiner Familie gegenüber eine große Rolle - hab mal ein 4-5 Sitzungen währendes Seminar besucht, in dem sich [m]ein ehemaliger Deutschlehrer und faszinierter Kafka-Fan mit dessen Werken und v.a. ihren Hintergründen und Inspirationen/Interpretationen auseinandergesetz hat. Sehr interessant und man konnte sehen, wie viel Autobiographisches Kafka in seinen Werken verarbeitet hatte - dit war nur leider schon n paar Jährchen her, ich werd mal nach den Aufzeichnungen kramen, dann reden wir weiter :D



geschrieben von: Bloodangels Cry

kafkas werke sind wirklich sehr interessant, egal mit welcher auffassung oder theorie man an sie rangeht.
wir nehmen "die verwandlung" grad im deutsch lk durch (wie passend xD )
ich vertrete eher die meinung, das kafak einerseits wie schon gesagt, sehr viel seines eigenen lebens hier untergebracht hat (wie das verhältnis zur familie), aber auch die gesellschaft etwas widerspiegeln wollte.
ich finde, das er das bild des tieres (und dabei ist es wichtig, das ein ekelerregendes tier ist, das nichts mit dem menschen gemein haben kann) benutzt, um das grausame verhalten zu verdeutlichen. aus dem familienmitglied gregor wird ein unwichtiges tier. die familie wendet sich ab, lässt ihn sterben.
leider gibt es wie immer leute, die sich auf eine meinung versteifen (wie mein lehrer, der lässt einfach keine andere ansicht als seine über das buch zu), was ich sehr schade finde, da jede neue ansicht eine neue art der herangehensweise darstellt, und man sich somit etwas mehr mit sich selbst auseinandersetzen muss.

lg



geschrieben von: ExiledArchangel

Zitat:
Original geschrieben von Bloodangels Cry
leider gibt es wie immer leute, die sich auf eine meinung versteifen (wie mein lehrer, der lässt einfach keine andere ansicht als seine über das buch zu), was ich sehr schade finde, da jede neue ansicht eine neue art der herangehensweise darstellt, und man sich somit etwas mehr mit sich selbst auseinandersetzen muss.

lg



Bei einer so vieldeutigen und vielgedeuteten Erzählung ist eine Vielzahl verschiedener Lesarten und Deutungsansätze, wie es sie zu "Die Verwandlung" gibt, nichts ungewöhnliches - ebensowenig wie die Tatsache, dass jeder der sich dazu erst eine Meinung gebildet hat, seine Lesart der Geschichte als die einzig richtige und der Weisheit letzten Schluss anerkannt wisssen möchte.

Welche Interpretation ist es denn, der dein Lehrer den absoluten Vorrang vor allen anderen einräumt? Vielleicht könnte ich dir noch mehr dazu sagen, wenn ich das wüsste...



geschrieben von: Bloodangels Cry

es geht nicht nur um die interpretation, sondern um das buch allgemein. zum beistpiel versteift er sich felsenfest darauf, das kafka die verwandlung nur geschrieben hat, um sein verhältnix zum vater darzustellen. is ja auch in ansätzen der fall, aber eben nicht komplett. aber wenn man ihn darauf hinweisen möchte, heitß im übertragenen sinn "setzen sechs!" auch der vorher hier angesprochene kapitalismus ist bei ihm tabu. geht nicht, gibts nich in dem buch, sagt er.das man seine eigene meinung hat ist ja ok, aber man sollte andere (besonders in büchern, wo es eben zig verschiedene ansichten drüber gibt) meinungen und ansichten eben auch zulassen.



geschrieben von: ExiledArchangel

Zitat:
Original geschrieben von Bloodangels Cry
es geht nicht nur um die interpretation, sondern um das buch allgemein. zum beistpiel versteift er sich felsenfest darauf, das kafka die verwandlung nur geschrieben hat, um sein verhältnix zum vater darzustellen. is ja auch in ansätzen der fall, aber eben nicht komplett. aber wenn man ihn darauf hinweisen möchte, heitß im übertragenen sinn "setzen sechs!" auch der vorher hier angesprochene kapitalismus ist bei ihm tabu. geht nicht, gibts nich in dem buch, sagt er.das man seine eigene meinung hat ist ja ok, aber man sollte andere (besonders in büchern, wo es eben zig verschiedene ansichten drüber gibt) meinungen und ansichten eben auch zulassen.


Die Figur des Vaters spielt schon eine wichtige Rolle in der Erzählung, wie die Werke Kafkas überhaupt von solchen übermächtigen Vaterfiguren durchzogen und zumeist dominiert sind - das ist nicht von der Hand zu weisen, auch nicht die sehr populäre und an sich durchaus plausible Ansicht, Kafka habe hier seinen eigenen Vaterkomplex abarbeiten wollen - und doch denke ich, dass diese Erklärung für sich allein genommen nicht ausreicht, als einziger Deutungsansatz mit Ausschliesslichkeitscharakter unbrauchbar ist, sämtlichen Facetten innerhalb von Kafkas Texten gerecht zu werden.

Den Interpreten von Kafkas Werken erging es in gewisser Weise so, dass sie in das Figurenverhältnis innerhalb der Erzählungen ihre eigene Fixierung auf Kafkas Vaterfixierung hineinprojiziert haben - was sie daran hinderte, auch andere Lesarten und Deutungen dieser Figuren/Geschehnisse in den Erzählungen zuzulassen...speziell bezogen auf "Die Verwandlung" finde ich das, was dieser Knilch da weiter oben, Xenomorph, ausführte, durchaus einen Gedanken wert - ich möchte mich seinen diesbezügl. Ausführungen daher ohne allzu große Umschweife anschliesen, möchte dem jedoch ergänzend hinzufügen, dass der "Kapitalismus" als monokausale Deutungsgrundlage der Geschichte ebenso wenig einen Alleinvertretungsanspruch für sich beanspruchen kann wie die Vaterfigur - man kann beides am Text der Erzählung nachvollziehbar begründen und daraus ableiten...ich würde nur solche Auslegungen gänzlich verwerfen, die Annahmen erfordern, für die der Text selbst keine hinreichenden Belege liefert.

Vielleicht solltest du das dem Lehrer so oder so ähnlich mitteilen, falls er an einem Gespräch darüber doch noch interessiert sein sollte...



geschrieben von: ThePerennial

Ich halte die nur noch selten verlegten "Gespräche mit Kafka" von Gustav Janouch für durchaus empfehlenswert (siehe da, plötzlich bei Amazon erhältlich...) und unterhaltsam, um sich Kafka und dessen Denkweise zu nähern. Sehr viele Sätze kann man ungekürzt und unverändert zitieren und klingt dabei dann sehr weise..

Die "Verwandlung" scheint Pflichtprogramm für den Leistungskurslehrplan mehrer Länder zu sein... Dabei denke ich, dass es vielen gerade bei Kafka schwerfällt, sich in ihn und seine Lebenssituation hineinzuversetzen und anhand dessen die Lektüre zu deuten. Bei vielen Autoren ist der autobiografische Anteil recht gering, aber es scheint als würde Kafka in seinem "Gekritzel" vieles verarbeiten...
Fakt ist: Manchmal hilft einem auch keine noch so tolle Lektürehilfe weiter..


Der Kapitalismus-Ansatz gefällt mir gut.
Kafkas Leben selbst bietet ja Hinweis darauf, dass dies stimmen könnte.
Zeitlebens arbeiten in einem ungeliebten Job, quasi ausgebeutet werden von einer höheren Instanz, nur weil der Vater es so will..





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