Eine Mutter kommt ein wenig zu spät von der Arbeit nach Hause und ihr Sohn ist nicht da, obwohl er dies eigentlich sollte. Sie sucht ihn in der Nachbarschaft, kann ihn nicht finden und ruft panisch bei der Polizei an, die ihr jedoch mitteilt, dass sie 24 Stunden warten müsse, bis sie ihn vermisst melden könne.
So beginnt die wirklich skandalöse Geschichte von Christine Collins im Film "Der fremde Sohn", die sich in den USA der 20er Jahre so ereignen haben soll.
Wenn man meint, die späte Reaktion der Polizei sei schon der Gipfel des Eisberges, irrt jedoch, denn nach einiger Zeit rühmt sich die Polizei damit, Collins' Sohn wiedergefunden zu haben. Jedoch ist sich Collins sicher: Das ist nicht mein Sohn. Und ab hier wird es dann richtig schockierend, wenn der Film zeigt, wie Collins für ihre Rechte kämpft und die Polizei stets versucht, ihr Gesicht zu wahren.
Catherine Collins wird sehr überzeugend von Angelina Jolie gespielt, die mit ihrer Leistung vielleicht nicht ganz an jene aus Durchgeknallt anknüpfen kann, aber dennoch zurecht für einen Academy Award nominiert wurde. Denn die Verzweiflung einer Mutter, die doch nur "ihren Sohn wiederhaben möchte", kauft man ihr sofort ab. Und gleichzeitig verkörpert sie eine prinzipientreue Frau, die eine sehr ausgeprägte Kämpfernatur hat.
John Malkovich steht ihr in dem Film zur Seite, spielt jedoch eher dezent, da es hier auch nicht ganz um ihn geht. Trotzdem hat er die Rolle natürlich nicht versaut.
Clint Eastwood führte bei dem Film Regie und bewies erneut, dass er darin sehr gut ist. Dezente Farben, ein Farbfilter, der lediglich Jolies Lippenstiftmund grell erscheinen lässt und eine ruhige Kameraführung runden den Film ab und geben ihm die Atmosphäre, die dem Film gut tut.
Und da momentan fast nur noch Überlängenfilme laufen, muss ich wohl auch noch etwas zur Laufzeit sagen: Fast 2,5 Stunden schrecken ab. Insbesondere bei Dramen, die eher in die Arthouse-Schiene gehören. Und vor allem, wenn man den Film in der Spätvorstellung sieht. Zwar ist Der fremde Sohn anfangs etwas zäh (aber eben nur etwas), aber selbst wenn man nach gut einer Stunde denkt, viel könne ja eigentlich nicht mehr kommen, wird man eines besseren belehrt: Die Dramaturgie ist sehr dicht, alles ist irgendwie miteinander verknüpft, und man hat kaum das Gefühl (kaum deshalb, weil ein Thema am Ende irgendwie nicht ganz reinpassen wollte, aber dennoch relevant war), das sei alles nur dazu da, den Film zu strecken.
Eastwood ließ es sich natürlich nicht nehmen, dieses wirklich gesellschaftskritische Drama auch gesellschaftskritisch werden zu lassen. Aber stets ohne irgendwie mit der Axt auf irgendetwas einzuhauen. Man wird sich als Zuschauer seinen eigenen Teil denken, denn die Ausreden und "Argumente" mancher Behörden lassen einen nur mit dem Kopf schütteln.
Fazit: Anspruchsvolles Kino, das in allen Bereichen überzeugen kann.