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Leben 2.0

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geschrieben von: Schattenlied

And I show you a garden that's bursting into life

http://www.blogigo.de//Elizium/entry/0/Innsbruck.jpg
Quelle:unbekannt


Es ist vollbracht. Ein Kapitel schließt sich am heutigen Tag, ein anderes geht auf. Ich bin keine Schülerin mehr. Auf einem mittlerweile schon verknickten Zettel steht schwarz auf weiß eine eins komma drei. Hätte man mir das vor drei Jahren gesagt, hätte ich nicht aufhören können zu lachen. Ich habe mir diese Note mit Schweiß, Blut und Tränen verdient, habe mich gequält und irgendwie die Zeit vergehen lassen. Jetzt ist alles gut. Mir stehen alle Türen offen, aber ich habe sogar schon gewählt, durch welche ich gehen werde und darauf freue ich mich neben jeder Panik unermesslich. Ich bin sogar für das Stipendium vorgeschlagen, wie ich es mir so erhofft hatte.
Es wird eine freiere Zeit. Vielleicht stressiger, aber auch lebendiger. Ein anderes Land, eine fremde Stadt, durch die ich letzten November allein streifte und mir dachte: Ja, das hier ist Heimat. Irgendwas sagt dir, dass es gut werden kann. Und es wurde gut. Bis hier her zumindest. Ich habe vieles geopfert, aber mich immer richtig entschieden. Viel überstanden, darum ist die Belohnung jetzt auch so reich und man kann mir nicht nachsagen, dass mir irgendetwas geschenkt wurde oder ich es mir nicht verdient hätte.
Nun also ein neues Kapitel. Manche Dinge werden enden, andere bestehen bleiben, neue hinzukommen. Einfacher wird es nie. Aber vielleicht schöner. Und ich bin nicht alleine, nein.

Das Leben beginnt erst. Jetzt.



geschrieben von: Sternenstaub

Hallo Süße,
ich wollte Dir sagen, wie unglaublich stolz ich auf Dich bin. Ich musste mir heute im Lehrerzimmer das Kreischen verkneifen.
Als wir uns kennenlernten, warst Du in der 10. Klasse. Und nun beginnt es. Dein neues Leben. Ich bin froh, dass ich Dich schon so lange auf diesem, Deinem Weg begleiten darf. Ich bin nostalgisch. Nach all den Cologne - Treffen, Monaten, Momenten. Nach Zeraphine und Küssen am Rhein. Nach dem Tag, an dem Wir uns das erste Mal am Bahnhof sahen und Du meinen Namen in das Buch schriebst. Ich komme mir vor, wie eine sentimentale Tante. Und es tut auch ein bisschen weh, dass Du bald weiter weg bist. Ich freue mich aber tierisch darauf, Euch zu besuchen, diese Stadt zu sehen, all das.

Ich hab Dich so lieb! Und ja, wir gehen zusammen durch Dekaden. Hand in Hand, Wort in Wort.
Deine Freundin.

PS: Lass für Edward immer ein Fenster offen.



geschrieben von: Schattenlied

Shine the headlight
Straight into my eyes
Like the roadkill
I'm paralysed
You see through my disguise

Placebo

Dumm gelaufen. Wahrscheinlich war es im Nachhinein nicht klug, dir diese Nachprüfung an's Herz zu legen, aber ich dachte, wenn du später zurückschaust, würde es dich vielleicht ärgern, diese Sache nicht vollendet, sie nicht bis zum Äußersten versucht zu haben. Wahrscheinlich bin ich einfach zu sehr von mir ausgegangen. Ich habe mir die Nase in deinem Auto platt gedrückt und dir die Daumen, aber gebracht hat es dann wohl nichts. Da wohnen ach! zwei Seelen in dieser Brust und die eine denkt so bei sich, dass es eben hauptsächlich deine Schuld ist. Du bist die Hälfte der Zeit nicht dagewesen, weil du keine Lust hattest und wahrscheinlich deinen Unterrichtsstoff unterschätzt hast. Die andere Seele leidet mit dir und will dir die Enttäuschung und die Demütigung nehmen, kann es aber nicht und zerbröckelt ein wenig. Es kann traumatisch sein, vor Menschen zu stehen, die einen nicht mögen und Dinge zu diskutieren, von denen man keine Ahnung hat. Meine Angst ist auch erst ein paar Tage alt und deswegen habe ich dich umso liebevoller in meinen Armen gewiegt, ob du es nun verdient hattest oder nicht.
Es tut mir Leid für dich. Ich fände es furchtbar, in meinem Lebenslauf eine Lücke zu haben. Und mich irritiert, dass du versucht, die Schuld auf deine Lehrer zu schieben, die es diesmal wirklich nicht waren, die dich sicher gerne hätten bestehen lassen. Was bleibt? Ein Jahr im Sand. Grob körniger, nasse Matsch. Ich will nicht, dass dein Studium ähnlich beginnt. Das macht mir Angst. Vielleicht bist du auch einfach nicht der Lern-Typ. Und was dann? -
Ich kann nur hoffen, dass es dort anders ist, weil du schon lange davon träumst und dir viel dort erhoffst, für das du vielleicht auch kämpfen kannst. Hoffentlich reicht es, zu kämpfen.
Ich bin nicht böse. Etwas enttäuscht von deinen Ansichten, aber nicht böse. Es gibt Dinge in mir, die können dir gar nicht zürnen. Was soll's, denke ich so für mich. Was soll's.
Trost habe trotzdem keinen. Du bist mit mir verwoben, dein Schmerz kreist auch durch meine Blutbahn. Die Depression auf deinen Zügen schmeckt bitter in meinem Mund. Soll ich dir sagen, dass ich dich liebe? Dumme, leergelutschte Worte. Ich kann dir sagen, dass ich dich brauche. Ich glaube, zu mehr bin ich gar nicht fähig.



geschrieben von: Schattenlied

Manchmal sind die Dinge gar nicht so
Wie man sich's vorgestellt hat
Sondern besser
Manchmal ist das einzige was zählt
Dass ich nicht nachdenke
Sondern vergesse
Mach die Lichter an


Ich habe zu viel getrunken und zu wenig geschlafen. Durch die Tage bin ich geschlittert und habe gedacht, die Alkoholverbindungen in mir ersetzen meine Blutkörperchen. Und das war gut. Ich bin kein Partymensch, aber manchmal muss es eben sein, Kopf in den Nacken und Augen in den Himmel. Und vorallem: Kein Buch mehr sehen, keine Zahl mehr ernst nehmen müssen, lachen, weinen, ein wenig Adrenalin durch den Körper pumpen, der schon fast vergessen hatte, zu existieren. Und es gab ja auch etwas zu feiern, nicht wahr?
Die ersten Abschiede brennen, die ersten gehen nun und kommen nie oder erst in Monaten, Jahren wieder. Bänder zerreißen, die man in der Grundschule gestrickt hatte, aber davon bin ich weder überrascht, noch tut es sehr weh. Eine leise Melancholie schleicht sich ein, ein süßer Schmerz, weil diese Phase mein Leben nur einmal durchmachen wird und nun an mir vorbeirast.
Und deswegen ist es gut, sie gehörig zu zelebrieren. Ich habe ein wunderbares Abitur und mein Freund über tausend Ecken doch noch seinen Abschluss und wir haben angestoßen und sind gehüpft, wie Meredith und Derek in Grey's Anatomy zu jazziger Musik.
Jetzt liege ich angeschlagen von der letzten Woche im Bett, kann kaum sprechen, aber lächeln. Halschmerzen sind ein akzeptabler Preis. Mein Kleid für nächste Woche ist nun auf dem Weg zu mir und ich habe mir vorgenommen, bezaubend auszusehen und meinem Philosophielehrer betrunken meine Liebe zu gestehen. Einige meiner Lehrer werde ich in erster Linie vermissen. Denn die kann ich nicht anrufen oder ihnen mal eben eine Message über Studivz schreiben. Sie haben mich durch harte Jahre begleitet und ein paar sind mir doch wirklich ans Herz gewachsen, mit jeder nicht enden wollenden Stunde mehr.
Langsam wird es ernst und ich verliere zusehends den Überblick über deutsch-österreichischen Papierkrieg. Nächste Woche erstmal den Termin mit dem Versicherungsfritzen überstehen, ohne zwei Handys und drei Playstations gekauft zu haben und dann auf den Bafög-Bescheid warten, an dessen Ende hoffentlich eine hohe Zahl steht.
Es macht Spaß, alles, auch wenn ich mich frage, wann ich gelernt habe, Beamtendeutsch zu schreiben und charmant am Telefon zu sein. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Leben, was ich mir geschaffen habe, zu groß ist, für mich, für jemanden wie mich. Aber vielleicht ist es auch nur Zeit, sich die Kinderschühchen in die Ecke zu schmeißen und sich endlich mal das zuzutrauen, wofür man doch immer gekämpft hatte. Ich sollte mich einfach trauen. Und nicht so viel nachdenken. Vorallem das nicht.

Ich geh in Flammen auf
Kann auf Wasser gehn
Ich schrei's hinaus
Ich geh in Flammen auf
Kann jetzt fliegen
Über's Meer hinaus.

Rosenstolz



geschrieben von: Schattenlied

When it's time to live and let die
And you can't get another try
Something inside this heart has died
You're in ruins.

Green Day

Ich komme seit Tagen nicht mehr aus dem Weinen heraus und wahrscheinlich ist das alles wunderbar heilsam. Es sollten die Tage der größten Freude sein, aber das sind sie eben nicht. Sie sind einsam, diese Tage und ich bin sicher, dass es so noch eine Weile bleiben wird.
Vielleicht bin ich erwachsen geworden und selbstständig genug. Bin nicht untergegangen, als ich das eben nicht durfte, weil Prüfungen zu schreiben und mein Leben zu regeln war. Habe die Zähne zusammengebissen, als der eine Teil meiner eh nicht wirklich großen Familie plötzlich mich in das Zentrum all des Unglücks gestellt hat und vorallem habe ich versucht, so wenig wie möglich über Dinge zu jammern, die eh niemand ändern kann.
Ich beflanze ihr Grab mit wild duftendem Lavendel. Und frage mich, wieso mir das Herz nicht bricht.
Morgen werden sie alle dort sitzen, mit ihren stolzen Müttern und die Hälfte derer, die sonst noch kommen wollten, hat abgesagt. Ich weiß, dass ich das alles für mich und meine Zukunft getan habe, aber es hätte gut getan, sie einen Tag lang alle beisammen zu haben, einen Tag, an dem es mal um mich gehen würde, einfach nur einmal um mich und nicht fortwährend um sie und wie sie ihr Leben nicht in den Griff bekommen.
Ich vermisse meine Mama. Natürlich war nie alles perfekt und auch diese Wunden werden immer Narben bleiben, aber nichts wiegt so schwer wie der viel zu früher Verlust.
Wie habe ich diese Wochen überlebt, in denen ich an ihrem Bett saß und ihr beim Sterben zusah? Wie konnte ich zur Schule gehen, wie konnte ich die Tränen stoppen und die Klappe halten, bis auf ein paar nüchterne Worte nichts verlieren, was wirklich verraten hätte, wie es in mir aussah.
Als ich sie das letzte Mal sah, hat sich mich kaum noch erkannt. Der Fernseher lief, Viva und sie spielten Polarkreis 18, Allein Allein. Sie lag da und hat sich das Video angesehen. Wirkte zum ersten und für mich letzten Mal so, als würde sie noch mitbekommen, was um sie herum passierte. Ich habe ihre Hand genommen und eingecremt, die Medikamente haben sie so schuppig gemacht.
Miteinander reden war nie unsere Stärke, bis zum Schluss nicht. Sie wurde verlegt, in ein anderen Krankenhaus, weit weg. Ich konnte nicht mehr zu ihr, habe das einfach nicht ausgehalten und heute tut mir das so Leid. Lag drei Tage lang selbst im Bett, mit der Magenkolik meines Lebens und Schmerzen, wie ich sie bis dahin nicht kannte. Mein Körper wusste, dass er mir verbieten musste, zu ihr zu fahren und zu sehen, was mein Herz doch vielleicht gebrochen hätte.
Ich weiß noch, wie sie im November auf der Couch saß und zu ihren Schmerzen nur sagte, dass es bestimmt wieder Krebs sei. Da dachte ich noch, eigentlich bist du unkaputtbar, nach all dem. Dummes Kind. Und als ich dann die Aufnahmen sah, als die Ärztin sagte, vielleicht fünf Jahre noch, da ging eine Welt unter und ich weinte. Mama sagte, wenn es ihre Aufgabe gewesen sei, mich in die Welt zu setzen, dann sei es in Ordnung. Sie würde nichts bereuen und wäre immer zufrieden gewesen.
Wir hatten nur noch drei Monate. Unfair wenig Zeit.
Ich weiß noch, dass sie mich gefragt hat, ob es mich stören würde, wenn sie dann ein schönes Kopftuch zum Abiball tragen müsse und ich habe nur gelacht. Sie hatte sich schon ein Kleid ausgesucht.
Natürlich weiß ich, dass sie immer stolz war und es auch weiter gewesen wäre. Vielleicht erspare ich mir ein Auseinanderleben, Entfremden. Aber nichts wäre so schlimm gewesen, wie das, was passiert ist.
Der Rest der Familie zerfällt, wenn er es nicht schon längst getan hat. Mir bleibt nicht mehr viel und ich bin froh, bald aus dem Epizentrum verschwinden zu können. Vielleicht ist das feige, aber ich habe keine Kraft mehr. Nicht mehr dazu.

Der Tod einer Mutter verändert einen, ob man es nun will oder nicht. Ich will leben und notfalls auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen. Bin kompromissloser geworden und allergisch auf Einmischungen in mein Leben. Ich weine viel, noch heimlicher als sonst, aber ich kann kein Beileid ertragen, keine Meinung und auch kein lieb gemeintes Wort.
Irgendwie werde ich diesen Ball herumkriegen. Irgendwie.

Ich liebe dich, Mami. Und wenn ich jede Nacht von dir träume, dann hast du kein Kopftuch, sondern lange, schöne Haare.



geschrieben von: Schattenlied

Strawberries, cherries and an angel's kiss in spring
My summer wine is really made from all these things
Take off your silver spurs and help me pass the time
And I will give to you summer wine.

Ville Valo & Nathalia Avelon

Der Sommer klopft an. Es ist unser dritter, den wir gemeinsam verbringen. Man hätte mir damals sagen können, dass du auf meinem Abiball noch meine Hand hälst, ich hätte gelacht. Als wir zusammen kamen, war ich in der zehnten Klasse und noch jemand anders. Wir sind verwoben, eins. Vielleicht zu unterschiedlich, aber das in der Regel harmonisch. Du hast keinen Zutritt zu meiner Welt, aber wir haben eine gemeinsame geschaffen. Manchmal will ich zu viel, alles. Ich sollte zufriedener sein. Bald beginnt unser neues Leben. Wir sitzen zusammen und machen Erwachsenendinge, unterschreiben gemeinsam Verträge und ich muss ich wenig lächeln. Ich bin immer noch müde und bräuchte die Karibik unter meinem Hintern, aber es ist ok und ich halte noch zwei Monate aus. Nacher will ich zauberhaft aussehen für dich. Es läuft bisher alles wunderbar glatt und ich hoffe, dass das so bleiben wird. Ob wir in einem Jahr noch zusammen sind, wer weiß das schon. Vielleicht erschlage ich dich mit nicht zusammen gelegten Socken und nicht herunter gebrachten Mülleimern oder nicht geöffneten Biobüchern, die Zeit wird es zeigen. Und auf diese Zeit freue ich mich wahnsinnig.



geschrieben von: Schattenlied

And through it all she offers me protection
A lot of love and affection
Whether I'm right or wrong
And down the waterfall
Wherever it may take me
I know that life won't break me
When I come to call she won't forsake me
I'm loving angels instead

Robbie Williams

Jetzt werde ich immer an diesen Abend denken müssen, wenn sie im Radio dieses Lied spielen. Wenn ich mir überlege, wie fern dieser Ball all die Jahre war und in den letzten Monaten in schier unüberbrückbare ferne gerückt ist, dann ist es wirklich traurig, dass nun alles vorbei ist. Eben habe ich meine letzten Bücher abgegeben, die ich beim Aufräumen fand und morgen werde ich wahrscheinlich zum letzten Mal einen Schritt in diese verhasst-geliebte Schule setzen. Ich bin nach wie vor froh, dort nie wieder auf einem Stuhl sitzen und lernen zu müssen, aber es ist schade um den ein oder anderen Bekannten, den man so schnell nicht wiedersehen wird, um den ein oder anderen Lehrer, der mich neun Jahre begleitet hat. Aber die Vögelchen müssen irgendwann aus dem Nest gestoßen werden, sonst fliegen sie nicht.
Es war ein schöner Abend, trotz Tränenausbrüchen meines Stiefvaters, den ich dann nach Hause schickte, weil ich mir nicht anhören wollte, wie sehr sich meine Mutter doch auf den Abend gefreut hatte. Es war ein schöner Abend mit lauter Musik und aufgemischtem Bier.
Gegen Mitternacht gingen dann die Eltern und Großeltern, wir tantzten alle, auch die, die es nicht konnten und auf einmal wurde schmerzlich bewusst, dass es die letzten Minuten einer wunderbaren Zeit waren. Wir stellten uns in einen großen Kreis von fast hundert Leuten, umarmten uns die Schultern und dann sangen wir Robbie Williams, bis auch dem letzten ach so coolen Typen die Tränen liefen.

And I know that life won't break us...

Die Versicherungen sind praktisch abgeschlossen, heute reist mein Abitur nach Österreich und ich warte jeden Tag auf Bescheid vom Bafög-Amt. Die erste wirklich gute Freundin packt bereits die Koffer und wird bald ein Jahr in Australien sein, in den nächsten Wochen verschwinden noch ein paar Menschen, mit denen man über die Jahre aneinandergewachsen ist, mal mehr, mal weniger. Ein paar bleiben natürlich. Und ich werde eine der letzten sein, die geht, aber auch die letzte sein, die wiederkommen wird, wenn überhaupt. Man wird sehen.
Ich habe meine Lieblingslehrerin gestanden, wie lieb ich sie habe und mit meinem Geschichtslehrer getanzt. Abiball ist toll.



geschrieben von: Schattenlied

Es ist unwirklich, dass ich nun schon fast einen Monat hier bin. Nach den ersten zwei Tagen war die Umzugsaufregung überwunden, seit dem fühlt es sich an, als wäre ich hier groß geworden, von diversen Verständigungsschwierigkeiten mal abgesehen. Ich sehe auf den Innenhof, zwischen den Häusern einige Meter Platz, die mir freie Sicht auf einen der Berge lassen, die mir schon langsam nicht mehr auffallen.
Es erschreckt mich, wie selbstständig ich bin und wie gewöhnlich mir das Alleineleben vorkam, auch wenn allein natürlich relativ ist. Das tägliche Kochen nervt, das Spülen im Bad auch, aber welche Hausfrau hat nicht irgendetwas, über das sie gerne meckert. Wir waren bei Ikea, das Zimmer ist schön, auch wenn eine gewisse Jugendherbergsathmosphäre nicht ausbleibt.
Gestern stand ich geschniegelt im Anzug in der Uni, nicht zum ersten Mal, aber nun endlich als Studentin, mit Sektglas in der Hand und zwei Freundinnen, mit denen man obschon der kurzen Zeit gut zusammengewachsen ist. Der Studiengang ist international, die Österreicher sind zwar in der Mehrheit, aber einige Deutsche haben auch den Weg nach Tirol gewagt. Mein Hochdeutsch ist mir fast peinlich, ich muss mich anstrengen, die paar öcher Phrasen aus meinen Sätzen zu verbannen, die man sich in zwanzig Jahren doch angewöhnt hat. Manchmal gibt es diese Momente im Kreis von Österreichern, in denen man kein Wort versteht und sich seltsam fremd vorkommt, aber mit einem Lächeln und der Bitte, die Wortenden nicht zu vergessen, klappt es meisten.

Man hat uns gewarnt und auf Nervenzusammenbrüche vorbereitet. Die Leute sind nett, allgemein mehr als freundlich, sogar zu uns Piefkes und über meinen Studiengang kann ich auch nur Gutes berichten. Viele sind älter, erfahrener, einige jünger, aber ich glaube nicht, dass ich untergehen werde. Die Lektoren perfekt, freundlich, kommunikativ, motiviert. Es wird bestimmt auch sehr dunkle Tage geben, aber die konstant scheinende Sonne macht mir meinen Enthusiasmus sehr leicht.

Bisher habe ich es keine Sekunde lang bereut. Meine Großeltern fehlen mir, meine Freunde, aber darauf war ich vorbereitet und ich bin einfach nicht der Heimwehtyp. Es ist gut hier, vielleicht wird es noch besser, wenn das Studium erstmal ein paar Wochen läuft.

Soweit alles senkrecht.



geschrieben von: Sternenstaub

Ich bin so stolz auf Dich, das kannst Du Dir gar nicht vorstellen! Und ich wünsche Dir, dass weiterhin alles senkrecht bleibt und läuft. Hoch hinaus.



geschrieben von: Odessa

:) Aber hallo! Da schließe ich mich Sterni mit ganzem Herzen an - was Du geleistet hast in Deinem wirklich zarten Alter, wie Du mit dem Verlust Deiner Mutter umgegangen bist und wie Du, selbst gerade dem Kindesalter entwachsen, die Familie betreust und befürsorgst und gleichzeitig Deinen eigenen schulisch-beruflichen Weg gehst: Respekt und Hochachtung. Und Du weißt ja - Innsbruck ist soweit nicht weg von mir, vielleicht schaffen Marinus und ich es sogar im Oktober, da mal rüberzufahren und Dich zu besuchen. Dann lernen wir Dir den "EingeborenenDialekt" der meinem ja nicht gänzlich unähnlich ist, und schlagen uns den Wanst voll mit österreichischen Spezialitäten.

Mach weiter so, Du bist auf dem absolut richtigen Weg und Deine Mamma sieht Dir von oben zu und freut sich mit Dir, da bin ich mir ganz ganz sicher...



geschrieben von: Schattenlied

Der erste Schnee ist gefallen. Täglich sehe ich der Schneegrenze beim Hinabwandern in das Tal zu und es wird nicht mehr lange dauern, bis ich morgens meine ersten Oktoberschritte in weißes Nass setzen werde. Es gab keinen Herbst, nur einen noch wunderbaren warmen Sommer und jetzt einen plötzlich kalten, glitzernden Winteranfang. Die Wochen verstreichen schnell, ich habe kaum Zeit für etwas, was nicht mit dem Studium zusammenhängt, saß mit Fieber in den Vorlesungen, stotterte heiser im Italienischkurs, tippe und tippe Projektarbeiten herunter, treffe mich fast täglich mit neuen Leuten, um gemeinsam zu arbeiten und Kaffee zu trinken. Ich weiß nicht, ob das das klassische Studentenleben ist. Wahrscheinlich verstand man einmal etwas anderes darunter. Aber ich liebe es. Und auch wenn es mir wahrscheinlich meine Nerven verschleißen wird, werde ich durchhalten, immer im Blick, wofür ich das alles tu und dass es auf anderen Kontinenten so viele Menschen gibt, für die das noch immer ein Grund zum Lachen wäre, die noch viel mehr tun, lernen, arbeiten. Ich bin nur ein kleiner, für mich still stehender Punkt irgendwo im Universum. Ich bin motiviert, engagiert, nächste Woche beginnen die ersten Prüfungen. Die Tränen laufen fast jeden Abend, weil meine Nerven nach zehn Stunden Konzentration nachgeben, aber nicht, weil mich nicht jede dieser Sekunden glücklich macht. Ich bin ein Lernmensch, ein Karrieremensch, ein Wissensjunkie. Und es ist gut, das auch einmal sein zu dürfen, ohne schief angesehen zu werden, ohne das verstecken zu müssen. Der erste Schnee ist gefallen und ich freue mich gleichsam auf Winter und hoffentlich nicht allzu verspäteten Frühling. Es ist heimisch hier, in den wenigen Momenten, in denen ich allein bin. Dann bleibt die Welt stehen. Und dreht sich leise für sich richtig herum.



geschrieben von: Schattenlied

Die Freude verleiht uns Schwingen. In Zeiten der Freude ist unsere Kraft belebter, unser Intellekt geschärfter und unser Begriffsvermögen weniger umzogen. Es fällt uns offenbar leichter, uns mit der Welt zu messen und unser Eignungsgebiet herauszufinden.
Abdu'l-Bahá

Es ist vollbracht. Das sagt man wohl so. Ich habe es geschafft, man frage mich nicht, wie, warum. Dieser dicke Brief heute morgen führt dazu, dass mir nicht nur alle Türen offen stehen, sondern dass ich in jeder bereits einen Fuß habe. Morgen früh werde ich mich vergewissern müssen, dass das wirklich passiert. Dass man manchmal erntet und nicht nur pflanzt. Stipendiatin. Einfach so. Oder auch nicht.
Das Semester begann mit Herzrasen, Alkohol und einer Zeit voller Fragezeichen. Irgendwie habe ich auch das geschafft. Manchmal kommen die Zweifel an mir zurück, statistisch gesehen grenzt es an Unmöglichkeit, dass mein Leben wahr ist. Wahr und greifbar und dass ich vielen Danke sagen muss, aber mir auch alles selbst verdanke.
Es läuft, würde Papa Stromberg sagen. Ein Großteil des Semesters ist um und meine ersten Noten versprechen einen guten Studienerfolg. Das Zweitstudium reizt mich, nach diesem Brief nun noch mehr. Zwei Jahre in Innsbruck werden so schnell vergehen. Es sind andere Jahre. K. hat mich angelächelt, wissend und hat gesagt, dass mein Leben nun anders verlaufen wird. Es war nicht alles schlecht, niemals würde ich das behaupten, aber es ist gut, seine Energie in die richtigen Dinge stecken zu können. Meine Augen leuchten vor Begeisterung, sagte die nette Frau beim Auswahlseminar. Ich bin Feuer. Und diesmal verbrenne ich mich nicht an mir selbst. Ich bin wirbelndes Leben. Und hoffe, dass ich daheim nicht zu sehr erinnert werde, warum ich so dringend gehen wollte.
Alles ist gut. Lasst uns das festhalten. Ich habe zwei wunderbare Freundinnen gefunden, seien sie auch noch so unterschiedlich. Neue Ideen, neue Wege zu mir selbst, seien sie vielleicht noch so irritierend für meine Umwelt. Ich zögere noch und weiß doch, dass ich noch so viel mehr kann. Und will. Vorallem will.
Und ich freue mich, nächste Woche in den Zug zu steigen. Es wartet ein großes Essen und dann zwei Wochen voller Lernerei, aber vorallem voller Wiedersehensfreude. Seltsam, wie die Zeit vergeht.



geschrieben von: Odessa

Du ahnst nicht wie sehr es mich freut, das zu lesen, "Ersatz-Tochter" ;-). Schön daß es so erfolgreich lief und noch schöner, daß Du Dich so gut eingelebt hast. Ich habe die letzten Tage immer wieder mal an Dich gedacht und gehofft, daß Du (wie auch Sterni und Carcas) hier nicht verlorengegangen seid.

"Ich bin wirbelndes Leben" - wunderschön. Fühl Dich gedrückt, iß für mich bitte drei Löffel Salzburger Nockerln mit (die es auch in I. gibt, ganz sicher) und mach weiter so. Hab schöne Feiertage, so Du "feierst", und wirble weiter! Lieben Gruß aus den Nachbarsbergen :)





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