Eine Spur aus drei schwarzen Federn, gelegt von meinen schönen Brüdern der Nacht, an drei Tagen hintereinander, führte mich. Ich wußte, daß es ein Zeichen war, doch ich wußte nicht, wofür. Die ersten beiden Federn waren makellos. Die dritte Feder jedoch war zerzaust und zerfetzt. Jetzt weiß ich, wofür das Zeichen stand.
Wandel. Ende. Neuanfang. Oder, wie es Blixa Bargeld ausdrücken würde, Ende Neu.
Wie ein junger Phoenix erhebe ich meinen Kopf neugierig aus dem Aschehaufen und fühle mich neugeboren. Als ob eine alte, starre Schale von mir abfiele und mich frisch und bunt in ein neues Leben entließe. Ich wundere mich. Vor Tagen noch dachte ich, so niemals leben zu können, dann war es bloßes Bedauern, was ich empfand. Doch nun fühle ich mich plötzlich frei. Frei von Zwängen, Abhängigkeit und einer Krücke, die ich nicht brauchte. Ich vermisse-nichts.
Lange hat die Katze nach dem Vogel geschlagen. Jetzt ist der Vogel auf und davon. Und es gefällt ihm besser als sich mit einem Raubtierfell zu schmücken.
Ich bin nicht vollkommen, doch ich arbeite dran. Es wird immer Momente geben, in denen ich schwach und klein bin. Doch ich weiß, daß ich auch groß und stark sein kann.
Und vor allem ist es gut so, wie ich bin.
geschrieben von: rainraven
Ein Hauch von Sommer
Laß uns annehmen, es wäre Sommer. Etwas, das es dieses Jahr hier nicht gibt. Wer weiß, ob es einen Sommer, wie ich ihn kannte, jemals wieder geben wird. Das Wetter sagt etwas anderes. Doch in mir ist Sommer.
2006 hatte es einen Sommer, Sonne, Staub, Freunde, Wasser, Feiern. Und ich war glücklich, obwohl ich etwas Großes verloren hatte. Ich war stark und stolz auf mich.
Laß es Sommerabend sein. Die letzten Augenblicke Tageslicht, Zwielicht zwischen Tag und Nacht. Gerade vom Baden heimgekommen (hurra, das zweite Mal in diesem Jahr!), dem Versuch, Sommer zu spielen, ein Moorsee statt einem Meer, ein Tannenwald statt einem Strand, gutbürgerliche Küche, Kartoffelkroketten am Uferrestaurant statt Cocktails an der Strandpromenade. Die Sonne geht rosa hinter dem Schilf unter und wirft ihren Abglanz auf den immer kleiner werdenden See, an den ich lange schon Erinnerungen habe, einen kleinen Raben und einen großen Vogel mit grünen Augen betreffend. Nun bin ich mit Dir hier, mein Kleiner Drache.
Später sitze ich im imaginären Schatten meiner bereits zweimal mit mir umgezogenen Kastanie Castor-welch treffender Name!-und lasse ihre Blätter mein Dach sein. Am Viereck des blauen Himmels, das sich über mir aufspannt, ziehen noch immer meine wunderschönen freien Kinder, die Segler, laut und heiser girrend ihre rasanten Kreise, und ich wünschte, ich wäre einer von ihnen, ein Bote des Sommers, ein jubelnder Vogel, der niemals den Boden berühren muß. Ihre Freiheit erfüllt mein Herz mit Freude.
Doch auch ich bin frei. Es fehlt mir an nichts. Es geht mir gut.
Ich habe das Gefühl, zu leben. Warm ist der Kunstrasen unter meinen Füßen, die Mauer unter meinen Zehen. Ich bin zuhause. Stimmen der Nachbarn auf anderen Balkonen, eine Kerze neben einem Laptop, leise Motorengeräusche auf der entfernten Straße, Tschakka! ruft die verdammte Elster, Mörder meiner erstgeborenen Meisenkinder, vom Hof. Ich bin langmütig. Auch sie will leben. Die Landschaft wird langsam krisselig, unscharf und grobkörnig wie ein alter Film aus den Siebzigern, meine Augen folgen den Seglern, bis sie eins werden mit einem verwaschen-blauen Himmel, ein Körnchen unter vielen, lassen sie nur ihre rauhen Schreie zurück.
Drüben im dichten Grün des Parks singt ein einsamer Vogel sein Nachtlied. Eine kleine Nachtmusik. Ich kenne ihn nicht und lausche. Didüdellit. Tschirr tschirr. Düdeli. Wer bist Du? Ich kenne die laute Mönchsgrasmücke am Morgen, den Fitis, weicher auslaufend als der Buchfink. Wenn ich arbeite, singen die Stieglitze in den Bäumen vor dem Fenster, aber auch die sind es nicht. Wer bist Du, kleiner Vogel?
In Leipzig war es die Nachtigall, die mir Schauer über die Haut sandte, früh am Morgen, abseits des allgegenwärtigen infernalischen Lärms. Oder der Sprosser, der mich geleitete, von der Moritzbastei zur Bahn, einsam, mitten in der Nacht, der ganze Park gehörte ihm, die Nacht gehörte mir. Sowas haben wir hier nicht. Ich sitze hier und höre Dir zu, kleiner Vogel, und ich ruhe in mir, habe Sommer in mir und bin froh.
Eine ferne Erinnerung an jemanden, der mir einst nahe war. Erstaunlicherweise tut nichts weh. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, doch es ist so. Alles ist gut. Berührt man eine Seifenblase, platzt sie in einem Farbenregen und sprüht den Regenbogen über einen. Und eine Seifenblase ist geplatzt.
Ich stehe im Regenbogen und leuchte in den Farben eines zu erwartenden Sommers. Und ich bin ganz ich. Ich brauche keine Krücke meines Lebens. Ich folge meinen wilden Kindern auf ihren Flügen und lebe einfach.
Laß es Sommerabend sein.
geschrieben von: rainraven
Eine kleine schwarze Feder auf meinem Weg, leicht blaugrün schillernd. Ich überlege, ob sie einer Elster oder einer Krähe gehört hat. Hebe sie auf, rieche daran, wie ich es automatisch bei allen Corvidenfedern tue. Ich mag den herben, ligusterähnlichen Geruch meiner schwarzen Kinder. Lege sie auf einer Hecke nieder. Sie zeigt mir weiterhin den richtigen Weg.
Résümée. Ich habe meine Augen aufgeschlagen. Eine Ära geht langsam zu Ende, ich habe meinen Zenit überschritten. Die Königin legt die Krone ab und läßt die -würdigen- Nachfolger einander um sie kloppen. Nothing really matters.
Eine große Party, um den Abschied von etwas Altem und den Anfang etwas Neuen zu feiern. Die Zeiten sind im Wandel. Etwas geht, etwas bleibt. Von mehr als nur einem großen Teil meines vergangenen Lebens werde ich mich trennen, werde Altes veräußern, Dinge, von denen ich noch vor Tagen oder Wochen glaubte, nicht ohne sie existieren zu können. Und mit einer fast kindlichen Verwunderung sehe ich mich, wie ich wirklich bin. Auf eine gewisse Weise ist es gut so. Und doch, es ist Verbesserung nötig. Auch wenn es schwer sein wird.
Mir geht es gut. Ich bin auf dem Weg.
Zugvogel.
geschrieben von: rainraven
You're waiting for someone
To perform with
And don't you know that it's just you
Hey jude, you' ll do
The movement you need is on your shoulder
(The Beatles-Hey Jude)
Für einen weiteren kurzen Tag spielt der Sommer wieder "Und es war Sommer". Laßt uns erinnern, wie es früher war.
Wie es damals war.
Sommerfest. Abschlußfest. Wiedersehen mit der Vergangenheit.
Ich stehe vor den mir unbekannten und doch so bekannten Toren meiner alten Schule, meine alte Freundin an meiner Seite. Zusammen waren wir unschlagbar, es gab die eine nicht ohne die andere, die Dunkle nicht ohne die Blonde. Und trug die eine pink, trug die andere blau. Dieselben Jacken, Armbänder, Stiefel, dieselben Hosen, doch ich hatte das kraftvolle Schlagzeug genommen, den treibenden Rhythmus, während Du die melodiöse Leadgitarre wähltest. Die Sänger, die Du liebtest, waren blond, während die meinen stets schwarzhaarig sein mußten. Du warst mein Ein und Alles, die Schule war so nebensächlich, und wir waren so gut. Doch Du warst bekannt, ich nicht. Sucht man Dich im Netz, findet man Deine Verdienste vielerorts. Meine nicht. Und wie alles in meinem Leben, was ich zu sehr liebe, mußte ich auch Dich damals ziehen lassen. Bis wir uns als Freunde wiederfanden.
Andere Freundinnen finde ich ebenfalls wieder auf der Feier, doch wir haben einander zum Glück nie verloren.
Jahre später bereue ich, daß ich damals nicht mehr gelebt habe, daß mir dieser Abschnitt meines Lebens nicht mehr bedeutet hat.
Nun ist meine Schule ein fremder Platz mit fremden Gesichtern, die ihre Prüfungen hinter sich gebracht haben, kaum halb so alt wie ich. Dazwischen Schatten aus der Vergangenheit. Und eine Freundin, die die "Fronten gewechselt" hat, die nun Kollegin der einstigen Lehrer ist. Sie führt uns herum. Neugierige, unsichere Blicke, Tuscheln und Kichern, wie damals. Verschwörerinnen, die abseits der Feiernden auf verbotenen Wegen schleichen.
Wie seltsam mutet es an, die alten Lehrer ergraut zu sehen, wohingegen sich Andere gar nicht verändert haben! Nachdenklich machen mich die Geschichten der Veteranen, traurig das Schicksal meiner einstigen Sportlehrerin, die nun im Rollstuhl sitzt. Damals war ich ein fettes, unbewegliches Kind und sie agil und lebendig wie ein kleiner Affe, und nun bin ich sportlich und stark und sie ist am Vergehen.
Erst wenige Tage zuvor las ich auf einem Marterl den Satz "Gottes Wille kennt kein Warum". Bitter. Wahr. Unbegreifbar.
Was für ein Gefühl ist es, sich zugleich fremd und heimisch zu fühlen auf einer Feier, die nicht die eigene ist, auf der man nichts verloren hat außer Erinnerungen seiner Kindheit, die man wiederzufinden trachtet? Menschen, nichts als Menschen. Zu eng ist der Pausenhof, ohnehin schon beengt durch Gebäude und Asphalt, wo sollen sich junge Leute denn noch bewegen können, wenn eine Mensa auf den spärlichen Auslauf gebaut wird, ein Privatgarten der Hausmeister, die Wiese an den Kindergarten abgetreten wird und die Aula abgerissen und auf dem Resthof die neue gebaut werden soll? Ich fühle mich gefangen und doch frei, denn mich halten keine Hofmauern mehr.
Begegnungen der Dritten Art. Die Lehrkraft, die mich für motorisch gestört hielt. Damit meine Mutter und mich zutiefst kränkte. Heute sehe ich lächelnd drüber weg und bewundere ihre roten Locken. Der Geschichtslehrer, deren Tochter solche Probleme im Leben hat, traurig bedenkt er den Babybauch meiner engen Freundin mit seinen Blicken. Wie wird es wohl ihrem Kind einst ergehen? Ein Mathelehrer, den wir immer "Wurzelsepp" nannten, immer noch der drohende Blick über die Lesebrille. Ein Lächeln einer Sportlehrerin, dem ich ansehe, daß sie mich nicht mehr kennen kann-oder doch? Die Englischlehrerin, die mit uns jetzt, nach Jahren der Strenge, Bruderschaft trinkt und uns ihre eigenen Komplexe gesteht. Ich lache herzlich mit ihr, doch ich werde ihr nie vergessen, daß sie mir Angst machte und meinen Bruder fast von der Schule warf. Jetzt, da alles lange vorbei ist, ist alles nur noch lebendige Erinnerung. "Du bist bildschön geworden", sagt sie zu mir, und mir stehen die Tränen in den Augen, da es so unerwartet und lieb von ihr gemeint ist, auch wenn ich ihr nicht glauben kann.
Ich werde alt, denke ich, stehe mit den Proseccoglas in der Hand und dem Wunsch nach leiserer Musik in der Menge der konzertbegeisterten Fans meines Mathelehrers, der oben auf der Bühne in der Band von Sechzehnjährigen mit Chad-Kroeger-Stimme die E-Gitarre schwingt. Es folgt "Hey Jude". Wie im Skilager damals, und wir liegen einander in den Armen. Wir sind wieder fünfzehn, und über uns funkeln die Sterne einer lauen Sommernacht.
Lady GaGa vom Band löst die Schulband ab und ruft mich in die Wirklichkeit zurück, hinter mein eigenes Pokerface. Langsam löst sich die Party auf, die Jungen können feiern, ihr Abitur liegt hinter ihnen, aber Alte wie wir müssen morgen früh raus und nun ins Bett. Der Trubel bleibt hinter uns zurück, die Freundinnen zerstreuen sich wieder in alle Richtungen.
Doch was bleibt, ist die Erinnerung-und echte Freundschaften.
geschrieben von: rainraven
Though I never thought that we could lose
There's no regret
If I had to do the same again
I would my friend Fernando
(Abba-Fernando)
...
Gleißend in der Mittagshitze spielen blaubunte Schatten auf dem Poolwasser. Lautlos ziehe ich meine Bahnen unter rauschenden Palmenwipfeln, über denen der Himmel ebenso blau steht wie unten das Wasser. Um mich herum die laut girrenden Schreie der wilden Mönchssittiche. Ich atme die Freiheit ein. Ich lebe. Das Wasser trägt mich.
Vor mir treibt sanft eine Feder auf dem Wasser. Eine Taubenfeder, vielleicht von der kleinen Süßen, die uns jeden Morgen beim Frühstück auf der Terrasse besucht, mit einem kehligen Guruh! auf der Laterne landet, sich kurz umsieht und dann schnurstracks auf die Terrasse marschiert, ohne jedoch etwas abhaben zu wollen. Ihre putzigen Augen sehen mich an, die Sonne glänzt darin. Vielleicht sucht sie Gesellschaft.
Und ich folge dem Pfad der Federn, die mich führen.
Der Wiedehopf in den Dünen. Auch ihn hatte ich vorher noch nie gesehen. Ich folge seiner schwarzweißen Feder durch den heißen Sand. Mein Körper saugt die Sonne auf, die er hier nicht bekommt. Und die vielfarbigen lauten Papageien, nicht wegzudenken, wunderschön im Flug, daß mir die Tränen kommen, und Wüstenbussarde, immer wieder Wüstenbussarde. Auf meiner Faust, neben meinem Kopf, mir gegenüber. Ich bin bei meinen Gefährten.
Ein Spruch besagt, Kinder hätten Flügel, wenn sie geboren werden. In meinem Fall stimmt das. Meine Kinder haben Flügel.
Auch wenn sie sie nicht benützen können. Immer hatte ich mich danach gesehnt, eines der "knuffeligen Riesenhühner" streicheln zu können, und nun liegt meine Hand in der krausen Frisur des Emus, die sich ebenso anfühlt wie sie aussieht. Die ausdrucksvollen dunklen Augen auf blauer Haut sehen mich an.
Dieser Urlaub ist so schön wie der auf meiner "schönen Insel", die gleich gegenüber liegt. Ich kann entspannen, ich kann leben, muß nicht frieren, muß keine erdrückende Kleidung tragen und keine Schuhe. Sand unter meinen Füßen. Ich bin frei wie die Vögel. Frei wie meine schönen Segler, die mich auch hier begleiten, so tief, daß sie fast mein Gesicht streifen. Und diesmal tut mir das Zurückkehren nicht weh wie vor drei Jahren, als schon einmal etwas aus meinem Leben fehlte. Doch diesmal ist es in Ordnung. Alles beginnt und endet zur richtigen Zeit am richtigen Ort, heißt es.
Und den Soundtrack zu alldem lieferten Abba, den furchtbaren galoppierenden Junglebeat aus den Hotelkasernen und den Radios übertönend. Thank you for the music. Danke für all die wundervollen Vögel und danke für diesen Urlaub, dessen Kraft ich brauche, um morgen wieder in den Alltag zu starten.
geschrieben von: rainraven
...
Ich bin wieder da, war doch nie weg, und Federn säumen meinen Weg in den Herbst, überall, Wegbegleiter meiner wunderbaren Kinder und Brüder, sind sie mir vorher nicht aufgefallen?
Bei Sonne und bei Regen.
Ich gehe neue Schritte.
Eine Maschine, die atmet und lebt. Die funktioniert. Eine gebrauchte Maschine, die oftmals Dampf ablassen muß, an der ein paar Schrauben nachjustiert werden müssen, aber sie läuft, und ich tue mein Bestes. Lasse die bedrängenden Hormone weg, bin mein eigener Versuch, die letzte Hoffnung, noch etwas zu ändern, wird sich doch mein Lebenswandel nicht ändern.
Ich werde mir die lästigen Dinge aus dem Gesicht brennen lassen und sehen, ob ich dann glücklicher bin, ob der Phoenix sich noch einmal mächtig aus der Asche erheben kann, bevor er ins Dunkel fällt. Der Zenit ist überschritten. Sommersonnwende, jetzt kommt der Herbst. Doch ich werde es einen langen goldenen Herbst sein lassen, so gut ich kann. Und nenne es nicht "Altweiber"sommer.
Der Herbst, Zeit der Veränderung. So vieles wird sich ändern, sovieles bleibt irgendwie.
Kleiner Rabe, Du wirst endlich heiraten, wie lange habe ich das kommen sehen. Wie wird es sich anfühlen, den besten Freund heiraten zu sehen? Ein klein wenig bin ich enttäuscht, daß Du mich nicht auch zum Trauzeugen machst wie meine Freundin. Du wirst wohl jemand anderen dafür haben, und auch ich habe an Wichtigkeit für Dich verloren, seit damals, als wir "Gothic" waren und es sich so anfühlte, als wäre die schwarze Welt nur für uns gemacht worden. Lange ist es her.
Eigentlich wird sich nichts ändern, denke ich. Nur werde ich Probleme haben, einen derart promisken Mann als "verheiratet" anzusehen. Scheine ich doch auf meinen eigenen verworrenen Herzenswegen keine Moral zu kennen-glaubt man einigen Leuten-so denke ich wohl in überaus spießigen Zügen, wenn ich die Institution "Ehe" betrachte. Ich selbst blieb bis dato unverheiratet, da ich nur mein eigenes Eigentum bin und mein einst geteiltes Herz sich nicht an einen Mann zu binden vermochte.
Liebe Freundin, wir warten gespannt auf Dein erstes Kind. Wie befremdlich erscheint es mir, daß Du für Nachwuchs sorgen solltest? Gerade Du, die nie lange an einer Stelle verweilt, die sich beruflich und privat verausgabt, keine Ruhe hat und keine zu brauchen scheint. Umgänglich und weltoffen, im Sinne des Wortes, belastbar und gesellig, im Gegensatz zu mir. Wie werde ich Dir gegenüber fühlen, bist Du nun Mutter? Wirst Du Dich bedauerlicherweise auch ändern oder Du bleiben, wie Du versprochen hast? Jedenfalls wird es nicht dasselbe sein, und ich trauere um die, die ich verliere, immer noch.
Egal, ob an Computerspielsucht, an Familie oder an das Leben.
Kollege Kuckuck erzählt mir von einem Bekannten, der Schiffbruch erlitt und unter mysteriösen Umständen ertrank.
Eine Erinnerung, ein Gefühl für drei Männer, deren Leben meines auf bedeutsame Weise kreuzten. Und ich fühle Bedauern, Angst und Melancholie. Verwirrte Gefühle, weit zurück gehen sie, zum Großen Raben, der angeblich auf dieselbe Art aus meinem Leben gerissen wurde, bevor er die Gelegenheit hatte, es zu teilen. An einen Mann, der mir nie näher war als seine versehentlich an meiner angestoßene Stirn, als seine Hand auf meiner auf einer Computermaus und sein Arm um mich bei einem Scherz, doch in meinem Herzen so nah, daß seine Mutter mich kennenlernen wollte, nachdem sie meinen ergreifenden Nachruf gelesen hatte. Du bist immer noch bei mir, ich ließ mir die erste Wunde stechen für Dich, Großer Rabe, und ich trage sie mit Stolz.
Der zweite Mann hat mein Leben vor kurzem verlassen, zog seiner Wege, die ihn auch irgendwann aufs Meer hinaus führen sollen. Alles, was ich ihm noch wünschen kann, ist, daß er nicht auch Schiffbruch erleidet, und das gemeint auf jede erdenkliche Art, bei der er Schaden nehmen könnte. Ich würde es bedauerlicherweise nicht mehr erfahren. Und ich denke immer noch an Dich, den ich den Tiger nannte, doch es ist ein observatives, nachdenkliches Reflektieren, keine Trauer, kein Bedauern, keine Wut. Ein glatter Schnitt.
Der dritte ist der Überbringer der Nachricht selbst.
Ich darf nicht zu viel mit Dir arbeiten, denke ich. Zuviel denke ich an Dich, denke ich bedenklich, doch es macht Spaß. Überrascht haben mich meine eigenen Gedanken; bei einem Gespräch mit einem Freund über Hände nahestehender Personen und den Wunsch, diese zu berühren, kam mir in den Sinn, wie sich die Kuckuckshände wohl auf meiner Haut anfühlen würden. Künstlerhände, Pianistenhände, Mädchenhände habe ich sie genannt, und erst vor kurzem in den meinen gehalten, als ich Dir fast den Finger abgequetscht hatte bei einem Arbeitsunfall. Ich würde lügen, wenn ich abstreite, daß mich trotz der ernsten Situation kleine, wohlige Schauer durchliefen.
"Hu-ha-ha ist ein Ausdruck milden Entsetzens", hieß es erst kürzlich bei uns. "Mildes Entsetzen, Ausdruck der Erstaunung", solche Wörter bilden wir, und das ist das, was ich fühle, wenn ich Dir nahe bin. Du bist off limits, sage ich mir, was will ich von Dir, doch ich kenne Dich nun schon seit Jahren, und jeden Tag bist Du mir berufsbedingt nah. Näher als sich Kollegen sind.
Ich bewahre diesen Gedanken in mir neben all den anderen, hüte sie wie einen Schatz, denn mehr als Erinnerungen und Träume bleiben einem am Ende nicht.
geschrieben von: rainraven
Wir zwei beschreiben Stille
Die jeden Krach umhüllt
Besitzen ein Bewusstsein
Das jeden Raum erfüllt
Auch Du wirst mich vermissen
Wenn keiner bei dir ist
Denn ich will von dir wissen, wer Du bist
(Thomas D. & Franka Potente- Wish)
...
Herbst. Der Himmel weint meine Tränen, die gefroren zu Boden fallen, dort eine hauchdünne Farce von Schnee bilden. Und die Bäume erstrahlen noch in leuchtend grünen Farben durch das Gestöber. Sie wissen ja noch gar nicht, daß jetzt Herbst ist, denke ich betrübt, sie erfrieren ja alle. Wie ich.
Ich brauch Dich doch auch nicht mehr als Du mich.
Wen brauche ich? Warum brauche ich jemanden? Ich bin alleine, warum muß ich alleine sein, warum kann ich nicht alleine sein? Warum genügt mir nicht, was ich habe? Noch nie habe ich bekommen, was mir genügt hätte.
Ich fühle mich wie eine Schildkröte mit einer Panzerfaust, sagte ich zum Kleinen Drachen, der darüber lachte, doch mir war es ernst, und keiner versteht meine Not. Ich bin unerträglich, sollte Gesellschaft meiden. Fühle mich angegriffen, beleidigt, gedemütigt von allem und jedem, jede kleine Widrigkeit des Lebens ist ein Affront gegen mich. Ich kann nicht anders als mich zu wehren. Schnauze fremde Leute an, die nichts dafür können, bin keinen Deut besser als die Menschen, die mich fertiggemacht haben, weil es ihnen schlecht ging, weiß ich voller Reue, doch ich kann nicht anders. Kaufe Dinge, die ich nicht brauche. Werde wieder beschissen, 30 Euro in den Wind gejagt und kann mich nicht wehren, egal, ob als Käufer oder Verkäufer, immer ist man der Arsch. In der ganzen Stadt gibt es nicht mehr die benötigten Bastelwaren und alle halbwegs vernünftigen Farben sind gesundheitsschädlich. Dazu ein Wetter, das förmlich schreit, "ich mache Dich krank". Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Juckreiz, Übergewicht, kaum mehr Haare auf dem Kopf verglichen mit früher und dazu in einer beschissenen Köterfarbe, die ich nie wieder in meinem Leben sehen wollte. Und alle Leute meinen, mit dem ersten Schneefall schon Weihnachtseinkäufe machen zu müssen und drängen sich wie blöd in den Läden, ich dazwischen mit meinen orthopädischen Beinproblemen und meiner Wut. Ich könnte kotzen. Auf all dieses beschissene, spießige, dröge, konsumorientierte, planlose, gehässige Gewimmel.
Alles in einen Sack und eine Atombombe rein.
Tränen in der vergehenden Sonne, als ich alleine, versetzt worden, zur Mittagspause rausgehen muß. Tränen, die sich mit dem Platzregen mischen, der plötzlich herniedergeht-keine Überraschung-als ich zurückkomme. Ein Müllmann bietet mir eine Zigarette an, als wir gezwungenermaßen dasselbe Vordach teilen, und ich hätte ihn empört schlagen können. Sehe ich etwa aus wie ein Raucher?! Und ich registriere das Absurde, daß auf den blauen Tonnen steht "Nicht zum Verzehr geeignet". Wer frißt schon aus der Mülltonne? -Nun gut, ich kannte da jemanden, der auch an ausgerauchten Kippen irgendwelcher Tussen aus dem Aschenbecher lutschte, obwohl er nicht mal rauchte.
Sowas solls geben. Aber nicht mehr in meinem Leben.
Zum Glück spült der Regen die Tränen weg, ich könnte es nicht ertragen, verheult auf Arbeit aufzutauchen. Wieder dieser ziehende Schmerz im Magen, der mich fast jeden Hunger vergessen läßt, Zorn auf mich, Selbsthaß und unerfüllte Sehnsucht, und doch stopfe ich mich voller Wut voll mit Essen, unnötige Kalorien, die mich noch häßlicher machen. Alles, was mir wichtig ist, was ich so verzweifelt aufrecht erhielt, ist weg, vorbei, hat ein Tiger mitgenommen und ausgelöscht, ein Tiger, der mir nichts mehr bedeutet, ein unauffälliger, stämmiger, unvorteilhaft gekleideter Mann mit unmodischer Brille, denke ich, als ich ihn nach so langer Zeit wieder auf einem Bild sehe, diesmal mit den Augen des Kleinen Drachen oder jedes anderen Passanten. Was hat er mir nur all die Zeit bedeutet, frage ich mich. Was habe ich in ihm gesehen?
Für ihn habe ich geweint in meiner Firma. Für Dich werde ich es nicht tun, schwöre ich und scheiße Dich zusammen, Kuckuck, und im nächsten Moment tut es mir leid. Wie wenn man ein Meerschweinchen schlägt, fühlt es sich an, eine unberechtigte böse Strafe, die auf etwas Unschuldiges, etwas Naives niedergeht, das sich nicht wehren kann und so hilflos ist. Am nächsten Tag entschuldige ich mich bei ihm, ich sage, ich habe so reagiert, weil er mir weh getan hat. Ob er es je verstehen wird oder nicht. Auch ich hätte ihm damit weh getan sagt er, erleichtert, daß ich mich entschuldige, und in mir wird es warm. Weh tun kann einem nur jemand, der einem etwas bedeutet. Doch alle Hoffnungen sind ausweglos. Ich weiß, daß ich nicht Dein Typ bin. Daß vermutlich keine Frau Dein Typ ist. Und ich weiß nicht, welcher Art Deine Zuneigung zu mir ist oder ob Du einfach zu allen Leuten einfach nur so ganz aus Höflichkeit auf diese bisweilen krankmachende Art nett bist.
Ich tue mir weh. Immer wieder. Von einer Abhängigkeit in die nächste, und immer wieder werde ich diesen Schmerz erleben, weil ich meine Freunde mit einer Intensität liebe, die sie nicht zurückgeben. Immer werde ich draufzahlen, immer wieder verlieren und leiden müssen. Die Blätter fallen. Es ist Herbst. Gerade ist meine liebe Freundin Mutter geworden, hat "ein Panz geworfen", wie es bei uns heißt, da meldet sich schon die Nächste schwanger. Ist das ansteckend? Bin ich auf dem Sommerfest auch zu nahe bei ihr gesessen, geht mir zynisch durch den Kopf, hoffentlich erwischt es mich nicht auch noch.
Ich kann es nicht nachvollziehen, was einen Menschen zu diesem Schritt bewegt.
Du schüttest Deine überflüssige Liebe an Deine Freunde aus, die anderen haben ihre Kinder dazu, sagt der Kleine Drache nüchtern und hat vermutlich recht. Und immer wieder wird man enttäuscht von dem, was man liebt. Nicht nur von Menschen.
Manchmal zerreißt es mich schier vor unerfüllter Sehnsucht. Ich bedaure, daß ich auch am Abend noch einen lieben Freund zur Sau gemacht habe, der nichts weiter tat, als zu spät zum Kino zu kommen-ich hasse Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit so sehr, und ich hätte sie früher fast zum Trennungsgrund gemacht-doch ich kann ihm erläutern, daß es mir nicht gut geht. Auch seine Nähe tröstet mich etwas, und zum Abschied umarmt er mich immer fester und länger, als es sein müßte, und es tut mir gut.
Ich möchte so gerne auch Dich umarmen, mein süßer Kuckuck, möchte nur einmal Deinen schmächtigen Körper in meinen Armen halten, Deine Wärme spüren, wenn ich Dich an mich drücke. Möchte meine Hand in den rotblonden Haarschopf, den ich Eichhörnchenpelz nenne, wuscheln, Deine wirren Locken streicheln. Ich möchte die kleine Narbe in Deinem Nacken berühren, Deine langen, schlanken Mädchenhände halten, den meinen nicht unähnlich. Möchte diese schmalen Lippen küssen, auch wenn meine Zuneigung zu Dir im Alltag eine eher kumpelhafte, mütterliche, beschützende ist. In meinen Träumen ist sie jedoch ganz anderer Art, und es erregt mich auf erschreckende Weise und bestürzt mich.
Wenn Du lachst, zeigst Du viele kleine Fältchen um die Augen, zwei Reihen schöner, weißer Zähne, und Deine Augen blitzen wunderbar blau und tief aus dichten Wimpern, immer ein wenig benommen und träumerisch verwirrt, und das zieht mich so sehr an, daß ich Dir den ganzen Tag in die Augen sehen könnte.
Und ich kann Dir nicht einmal sagen, daß ich Dich in all Deiner Skurrilität und Verpeiltheit hübsch finde, wie gern ich Dich habe, muß mit meinen Äußerungen hinter dem Berg halten und mich zügeln. Du bist Freude und Schmerz, und ich weiß nicht, wohin es mich führen wird. Warum habe ich nur immer das Gefühl, unvollständig zu sein? Warum fehlt mir immer etwas?
Und vor allem, was?
geschrieben von: rainraven
I'll try to be strong
Believe me
I'm trying to move on
It's complicated but understand me
(Take That-Patience)
...
Samstagabend. Ruhe nach dem Sturm des Alltags. Zuviel Ruhe. Die Würfel sind gefallen, wir werden heute abend nicht fahren.
Wir trauen der dicken A. nicht, wissen nicht, was an unserem treuen Gefährt kaputt ist, warum sie nicht mehr schneller als 120 km/h fährt und dabei so seltsam kraftlos ist. Kein Mechaniker hat es bisher herausgefunden. Fast erscheint sie mir wie ein Abbild meiner selbst, die geliebte, rostige alte Zicke mit ihren Dellen und Kratzern, aber mit Persönlichkeit, genannt die "Dicke", benamst nach einer- in meinen Augen molligen- dunkelrothaarigen Sängerin und ihren Initialen auf dem Nummernschild, aber eigentlich ein anmutiges Gefährt verglichen mit ihrem Vorgänger, gut in Schuß und immer zuverlässig. Geräumig, eindrucksvoll und immer da, wo wir hin wollten. Treues Schiff, jedes Jahr die Bleifuß-Gewaltstrecke nach Leipzig und zurück, und immer die Ankunft mit Seeeds fettem Beat aus der Baßrolle. Vollwertiges Familienmitglied, das Du vor einigen Jahren Deinen 18. Geburtstag mit mir und meinen eigenen Geburtstagsgästen zusammen gefeiert hast, als wir zusammen mit Dir auf der Straße Sekt auf Dich tranken. Ich will Dich jetzt nicht verlieren und der Kleine Drache will das auch nicht, aber nochmal Geld in Dich stecken, weit mehr als Du dereinst gekostet hast, auf Ebay, wie fast alles andere in meinem Leben, das will er auch nicht mehr.
Ich weiß, daß 180 km weit von mir getrennt, der Fuchs auf mich wartete, gebirgsseeblaue laszive Augen, pechschwarze Mähne und bärige, kräftige Arme, in die ich mich seit Mai voller Wiedersehensfreude werfen wollte, doch er wird vergeblich warten müssen und traurig sein. Wer weiß, wann wir einander wiedersehen. Auf jeden Fall nicht heute.
So habe ich stattdessen einen stillen Abend zuhause gewonnen, gewärmt von einer staubigen Heizung, versunken in meinen Thriller, den ich unbedingt lesen muß, seit ich den Film gesehen habe. Vorher noch schnell einen letzten Blick in mein Postfach.
Ungläubig starre ich auf die auberginefarbene fette Schrift auf meinem Bildschirm, die ich seit Monaten nicht mehr sah und auch nicht vermißte, jedoch insgeheim schon auch immer damit gerechnet hatte, wenn ich ehrlich bin.
Der Tiger ist zurück.
Nach alldem, was er mir gegenüber gebracht hat? Erwartet er offene Türen? Ein Stirnrunzeln.
Und dennoch muß ich lächeln. Nein, er hat sich nicht verändert. Nein, ich gehe heute nicht mit ihm aus. Erst recht nicht, wenn ich stattdessen bei meinem Fuchs sein sollte. Was für ein Ersatz sollte das sein?
Jetzt kann ich außen vor sein, mich betrifft das alles nicht mehr. Sage ich, obwohl mein Herzschlag ganz automatisch ausgesetzt hat, als ich den Absender las. Sage ich, obwohl meinen Mund ein herausforderndes Lächeln umspielt. Immer, wenn es regnet, muß ich an Dich denken, tönt das Radio. Es regnet und es ist kalt draußen. "Ich hole Dich auch ab", schnurrt der Tiger.
Nein danke, heute nicht. Ein andernmal, vielleicht.
Einen Moment lang horche in mich hinein. Wird sich der schwarze Vogel wieder erheben und fliegen?
Doch der Rabe vor meinem geistigen Auge sitzt auf seinem Zaunpfahl in der Ödnis, schaut nur wissend aus seinen dunklen Perlaugen und schüttelt kaum merklich den zwischen die Schultern gezogenen Kopf. Der Rabe bleibt sitzen.
Ich bin gespannt, was noch kommen wird.
geschrieben von: rainraven
Is there anything
I can do for you?
We're never together
I'm dreaming of you
(18 Summers-Dr. Leylend)
...
Der Nebel ist feucht, klamm und kalt, beißend heiß und rauh ist der Glühwein in der Kehle. Gelbe Blätter säumen nun den Boden, wo Tage zuvor noch alles üppig voller Grün hing. Meine Schritte, jeder schmerzhaft von Muskelkater und Gelenkbeschwerden, rascheln schleppend im Laub.
Ich weiß nicht, wo dieses Jahr hingegangen ist, und einen Sommer hatte es erst gar nicht, zumindest nicht in mir drin. Und meine sibirischen Brüder und Schwestern, die Saatkrähen, haben Einzug gehalten ins Land, werden hoffentlich den Anwohnerbeschwerden trotzen und sich nicht vertreiben lassen, meine wunderschönen freien Kinder mit den großen Nasen. Wenigstens einige von uns sollen frei sein und sich niemandem unterwerfen müssen als allein dem Lauf des Lebens selbst.
Ich bin so gebunden, gezwungen, unfrei in meinem Denken und Fühlen. Oft wünschte ich, ich wäre jemand anderes. Wenn ich wieder in einer Ecke kauere, das Gesicht vom Weinen verschwollen, kraftlos an Körper und Seele, hungrig nach Liebe und Verständnis, und immer nur auf kalte Mauern stoße. Ich hasse mich für meine Gefühle, meine Abhängigkeit von Anderen, mein großes, hungriges Herz, das mich so verletzlich macht. Und doch möchte ich nie jemand anderes sein. Möchte nie auf den Gefühlsreichtum einer Hypersensiblen Persönlichkeit verzichten und niemals das Geschenk der Emotionen verlieren, die mir Tränen in die Augen treiben beim Flügelschlag einer Taube oder dem Glitzern eines verschneiten Winterabends.
Heavenly Creatures. We are so beautiful.
Auf meinem Schreibtisch sitzt ein kleiner rot-grüner Papagei aus Plüsch, den mir der Kuckuck unversehens geschenkt hat. Er sieht mich aus vergnügten Augen an und trägt den unwahrscheinlichen Namen "POX!".
"Bei mir steht er nur rum und verstaubt", hat der Kuckuck gesagt, ein wenig linkisch und verlegen kichernd, "vielleicht freust Du Dich darüber, Du magst doch solche Sachen?" Ich bin ihm um den Hals gefallen und er war ganz verblüfft angesichts meines Gefühlsausbruches. Süßer Kuckuck, und wie ich mich freue. Ich besitze nun etwas von Dir, das ich behalten kann. Das ist mehr als ich von manch anderen geliebten Personen behaupten kann.
Ich vergrabe mein Gesicht in dem weichen Plüschgefieder und hoffe, ein Atom Deines vertrauten Geruches in ihm einzufangen. Ich habe keine Orgel und keinen amerikanischen Kühlschrank mit Eiswürfelbereiter zuhause, besitze auch keine Villa in einem gutsituierten Viertel, und ich bin mir nicht mal sicher, ob Du mich als "Freundin" aufführen würdest. Aber ich darf jeden Tag zumindest für eine Weile an Deiner Seite sein und Dein Lachen hören, Deine funkelnden Augen sehen.
Und das ist bei weitem gut genug.
Halloween. Das Stelldichein der Szene.
An Dich denke ich gerade, an die rohe Ziegelmauer der vertrauten Location gelehnt, das kalte Glas in der Hand, den Adlerblick schweifen und viele grausig maskierte Gestalten an mir vorüberziehen lassend. Ein satter Beat wummert jenseits meiner Ohrstöpsel, und mein Outfit ist eine unnahbare, geschmeidige Rüstung, die meinen Schritt fest und zugleich leicht macht und mich die Menge teilen läßt. Kuckuck, Du würdest vergehen in meiner Welt. Ein zarter Charakter wie Du, der es keine Minute in dieser "Hölle" aushält.
Plötzlich spricht mich der Schwarze Earl an, den Namen haben wir ihm scherzhaft gegeben. Noch nie ist mir ein Mensch mit solcher Penetranz nachgestiegen und dann auch noch jemand, den ich nicht kenne und auch nicht unbedingt kennenlernen will. Er mag ja nett sein, liegt vielleicht auch gut im Arm, aber er trägt so dick auf, daß es unglaublich ist. Mein Kontingent an Gefühlswirren ist derzeit wirklich ausgeschöpft.
Denke ich. Ich wechsle ein paar Worte mit einem wirklich süßen Jungen, der leider schon fast mein Sohn sein könnte, als mich eine Hand am Arm festhält. Einige Sekunden lang blicke ich verständnis-und erkenntnislos in ein Paar tiefliegende, bernsteindunkle Augen hinter einer randlosen Brille, bis der Groschen endlich fällt. Du? Hier?
Und zwei lang vergessene Tigerpranken drücken mich an sich, länger und herzlicher, als es Bekannte tun.
"Darfst Du das?" scherze ich halbherzig zur Begrüßung, auf Deine Freundin, die Tigerin, anspielend, der zuliebe Du sechs Jahre Freundschaft mit mir (oder das, was wir einander unter diesem Vorwand vormachten) in die Tonne klopptest.
"Sie wird Schluß machen oder mich umbringen, aber das ist mir scheißegal!" sagst Du, strahlend angesichts meiner Gegenwart, und ich weiß, werde bestätigt, Du hast Dich nicht verändert, wirst Dich nie verändern. Ist das gut oder schlecht? Ich weiß nicht, was ich denke, fühle, fühlen soll. Nach Monaten der Funkstille sehe ich Dich wieder, ganz unvorbereitet. Weißes Rauschen.
Es ist schön, Dich wiederzusehen, so ganz unverhofft, ich spüre meine Knie zittern, aber es haut mich nicht um. Auch nicht, als Deine Fingerknöchel meine Wange streicheln wie früher. Als Du mich "bezaubernd" findest und es "wundervoll" ist, mein Gesicht zu sehen. Ich hatte so recht, und ich kenne Dich so gut. Doch die Mauer der Abwehr, die ich mir aufgebaut habe, hält.
Zugegeben, es ist ein eigenartiges Gefühl, Dich etwas entfernt in der Menge tanzen zu sehen, nicht an meiner Seite, doch es fühlt sich auch vertraut an, und ich bin mir sicher, Du weißt, daß ich da bin, das ist genug. Das Lächeln auf meinem Gesicht ist echt, es geht mir gut. Ich weiß, ich bin nicht alleine, und ich lebe.
Die Gedanken kommen nur viel später, als ich diesen Traum habe, die Tigerin eingefroren in einem Eisblock im Kühlraum einer Villa, die mir gehört, und Dein unbekümmert-lachendes Gesicht. Sie wird toben, wenn sie da rauskommt, und Dich stört es nicht, ich aber habe Angst und drücke immer wieder die Türe zu, gegen die eiskalte Hand, die sie nach außen schiebt.
Ich erwache mit Melancholie in meinem Herzen.
Warum kann es kein Ende geben. Warum kann ich nicht bekommen, was ich liebe, warum muß ich lieben, was ich bekomme, und warum bin ich so undankbar?
Mein Herz ist ein Jäger, ein Tiger. Und ein Zugvogel.
Für immer auf dem Weg, und niemals zuhause angekommen.
geschrieben von: rainraven
Mit meinem Herz so rein und hold
Spann ich dein Stroh zu purem Gold
Denn niemand ist so doll verliebt
In einen Prinzen
Den es nicht gibt
(Welle Erdball-8-Bit Märchenland)
...
Tropf. Tropf. Tropf. Meine Augen folgen tumb den fallenden Tropfen. Diese Mischbatterie macht mich wahnsinnig. Wo auch immer man sie hindreht, früher oder später tropft sie wieder, in manchen Positionen läuft auch gleich ein Wasserstrahl. Wie mein Leben. An so vielen Ecken und Enden schadhaft, hinfällig, ausbesserungsbedürftig, ich lasse es geschehen, kann mich nicht drum kümmern, arrangiere mich mit Schikanen. Wie mit dem Jucken der Tetanus/Diphterieimpfung. Wenigstens schmerzt nicht mehr der ganze Arm, kann ich den Muskel wieder benützen. "Adverse Events" nennt man das bei uns. Klar, daß ich wieder die ganze Palette haben muß. Alles, was Schmerz bereitet, landet bei mir. Und klar, daß ich wieder nicht mit der Mode gehe. Alles schreit nach Schweinegrippe, und ich lasse mich ganz herkömmlich gegen Wundstarrkrampf impfen. Bei jemandem, der sich andauernd unfreiwillig verletzt, weil er ein Bewegungsdepp ist, nicht ganz so abwegig.
Samstag. Welle Erdball. Ich bin hier nicht zuhause, aber immer gerne Gast. Auch mit kürzeren Haaren, meiner Pracht beraubt. Nicht wirklich "ich". Aber anwesend. Eine schöne Location wirklich, ich beneide Euch darum, daß wir sowas hier nicht haben. Immer wieder komme ich gerne, und immer wieder hat es was mit Elektronik oder Minimal zu tun. Du stehst neben mir, flüchtiger Freund, der mich so an den Kleinen Raben erinnert. Für mich bist Du immer der Inbegriff von Minimal und Synthipop gewesen. Und ein Relikt meiner alten Heimat.
Wenn das Licht in einem bestimmten Winkel fällt, sehe ich die Narben in Deinem Meckihaar schimmern, und ich erinnere mich an den Abend, als ich sie ertasten durfte, und die Gänsehaut, die ich bekam. Du bist so zerbrechlich, ruhig, jünger als ich, aber Du siehst aus, als hättest Du schon alles miterlebt, von Anfang an.
Ich bin in der vertrauten Musik versunken, schwebe, träume, lebe. 8-Bit-Märchenland. Schon immer sang ich selbstironisch mit, aber noch nie fiel mir diese Zeile auf, bei der unsere Blicke einander begegnen, Kleiner Drache, Mann an meiner Seite. Sechs Jahre lang spann ich das Stroh des Tigers zu meinem persönlichen Gold, und wir beide müssen lachen. Für einen Prinzen, den es nicht gibt, nie gab, und die ganze Zeit wußte ich es. Wie bittersüß. Märchenland. Doch an Märchen glaube ich nicht. Nicht mehr.
Niemand ist so doll verliebt. Es gibt keine Prinzen. Nur mehr oder weniger Frösche. Was ist eine Froschrolle? Eine Prinzenrolle, bevor man sie küßt. Montagmorgen. Der Bus fährt durch den Nebel an. Im letzten Moment, bevor sich die Türen schließen, springt der Kuckuck herein, unerwartet und unvorhergesehen, aber umso erfreulicher. Süßer Kuckuck, naß-zerzaustes Haar vom Novembernebel, Du trägst diese schwarze Filzjacke, die ich so gerne an Dir sehe und ein Baseball-Cap, und Deine strahlend blauen Augen erhellen meinen Montagmorgen.
Ich bin noch nicht ganz zurück nach den Tagen der Abwesenheit, und auch Du bist noch nicht bei der Sache, hast viel auf dem Herzen, zuviel, was Dich beschäftigt. Gefährlich ist es, ein Gespräch über psychische Probleme und Persönlichkeiten zu beginnen, das beide nicht verlassen wollen, dessen Fäden sich enger und enger um uns legen, das den Arbeitsalltag und alles andere verdrängt. Verlustängste. Das unser Leben bestimmende Thema. Wie zwei Magneten rasen die Gedanken aufeinander zu, voneinander angezogen, wie ein Vogel in irrsinniger Geschwindigkeit auf eine schimmernde Kirchturmspitze, die ihn erdolchen wird, unabwendbar. Deine stahlblauen Augen sehen mich an, das Gespräch kommt meinem Herzen so nah, immer näher, zieht mich hinein in einen Strudel. Du zögerst, windest Dich verlegen, etwas Persönliches zu sagen. Ich will es wissen, dränge Dich. Stehe neben Dir. Meine Hände krampfen sich um die Ecke einer Arbeitsbank. Meine Schutzmauer bröckelt. Ich bin Deinem Inneren so nah. Du rührst mich so sehr an, ich will Dich beschützen, ich fühle Schmerz, Bedauern, Zuneigung, was sonst noch? Sag, was Du nicht sagen kannst. Niemand will Dich so, wie Du bist, sagst Du, darum bist Du alleine. Du bist wie ich, und Du lachst. Ich könnte weinen. Meine Hände zittern. Niemals wollte ich Dich mehr umarmen, trösten, lieb haben als in diesem Moment, und doch hält mich etwas zurück. Ich kann nicht. Ich würde alles zerstören. Ich bin so unglücklich. Der Vogel rast auf die todbringende Spitze zu, unabwendbar.
Nur ein Satz, aus dem Zusammenhang gerissen, ein zynisches, spöttisches Lachen. Ich höre nur: "Ich verliebe mich doch nicht in der Arbeit!"
Und der Vogel verfehlt die stählerne Spitze nur um Haaresbreite, schießt hinauf in den Himmel, so tiefblau wie diese Augen, befreit und voller Energie, doch sein Herz ist getroffen, als hätte der Kirchturm ihn durchbohrt. Weißes Rauschen in meinem Kopf. Der Vogel ist schon kilometerweit weg. Dein eisblauer Blick und das verlegene Lachen, und meine Unfähigkeit, Deine Worte in Einklang damit zu bringen, was Deine Taten, Dein Tun jeden Tag, Deine ganze Persönlichkeit sagt. Sekundenlange Atempause. Und die irrationale Hoffnung, alles nur falsch verstanden zu haben, falsch zu interpretieren. Wie durch einen Nebel erwidere ich irgendetwas Nüchternes, sicher, daß Du bemerkt hast, mich drausgebracht zu haben. Habe ich mich zu weit vorgewagt? War meine harmlose Unterstützung ein Geständnis? Ich fühle mich durchleuchtet, schutzlos, nackt, durchschaut. Und der Vogel gewinnt an Höhe, an Weite, verwirrt und mit dem Leben davongekommen.
Ich irre durch meinen eigenen persönlichen Nebel. Nichts ist anders zwischen uns. Ich muß mir einreden, Dich falsch verstanden zu haben. Es hat nichts mit uns zu tun. Was habe ich erwartet? Aber ich werde nie wieder so tief in Dich dringen. Deine letzten Worte klingen noch in meinen Ohren. "Deine Freunde werden Dich umso mehr lieben, wenn Du Dich rar machst und ihnen nicht hinterher läufst. Du wirst sehen!" Ein harmloser Rat oder steht mehr zwischen den Zeilen? Du bist nicht dumm. Sprechen wir in kryptischen Rätseln zueinander oder ist alles wirklich nur so gemeint, wie es scheint? Ich werde vorsichtig sein müssen. Sechs Jahre zuvor sagte ein Mann bei unserer ersten Begegnung zu mir zu mir:"Halte Dein Herz ganz fest. Du bist nicht die Richtige für mich, weil ich nicht der Richtige für Dich bin. Ich tue Dir nur weh. "
Und er hatte recht.
Bin ich richtig für irgendetwas?
Ich halte einen Diamanten in den Händen. Überwältigt von seinem Glanz. Und ich habe Angst, ihn zu zerstören.
geschrieben von: rainraven
I want somebody who cares
For me passionately
With every thought and
With every breath
Someone who'll help me see things
In a different light
...
I want somebody
In dem Moment, in dem ich diese Zeilen lese, erkenne ich das Lied, das wir gebeten wurden, meinem besten Freund zu seiner Hochzeit zu singen. Am Samstag ist es soweit. Und ich werde mit einer Kerze oder einer Wunderkerze unter all den anderen Gästen stehen und für meinen lieben Kleinen Raben singen, der sich entschlossen hat, mit seiner Partnerin den nun schon über zehn Jahre währenden unwahrscheinlichsten Bund zu besiegeln, den je zwei Menschen miteinander beschlossen.
Aber es funktioniert.
Besser als bei manch anderen Leuten.
Ich werde in Deine dunkelbraunen Künstleraugen sehen, dort Deine und meine Vergangenheit erkennen, und unsere Gegenwart, und es wird mir die Tränen in die Augen treiben, vor Glück für Euch und vor Bedauern für mich. Nein, Kleiner Rabe, mehr als jedem anderen gönne ich Euch Euer Glück und Du wärst niemals der Mann für mich gewesen. Auch wenn manch jemand aus meiner Familie dies liebend gern gesehen hätte. "Kommt Dich der hübsche junge Mann noch besuchen?" "Was, er ist Arzt?" hörte ich meine Großeltern schwärmen. Meine eigene Mutter hätte Dich sicher insgeheim gerne zum Schwiegersohn gehabt, sie, die immer schon ein Faible für Dich hegte. Doch uns hat stets die Freundschaft inniger verbunden als die Liebe.
Dich habe ich auch niemals verloren.
Doch ich fühle stets Bedauern in der Tatsache, daß ich niemanden so heiß liebe, daß ich ihn heiraten würde, und wenn ich so in jemanden verliebt wäre, daß ich es auf der Stelle wollen würde, wäre es sicher falsch. Den "schönsten Tag des Lebens" werde ich nie erleben. Oder er wäre mit Sicherheit nicht ebendieser.
Wir müssen nicht heiraten um zu wissen, daß wir einander lieben und nie verlieren werden, sagt der Kleine Drache, zehn Jahre an meiner Seite, so selbstverständlich und gewohnt wie ein Körperteil von mir, so bodenständig und bedingungslos wie der Sommer, der auf den Frühling folgt. Was würde eine Heirat in meinem Leben schon ändern? Meinen Namen, den außer meiner Familie keiner hier trägt, ohnehin nicht. Und ich werde niemals ein Papier unterschreiben, um einem Mann zu gehören.
Die Liebe ist eine süße Droge, eine schaffende Kraft, ein wundersames Geschenk des Glücks und ein grausamer Feind, eine schlimme Krankheit, die einen Menschen ins Leben holen und wieder vernichten kann. Wer sie nicht hat, der sehnt sich danach, wer sie hat, der verschenkt sie meist vergebens, wer sie nicht bekommt, der leidet, und wer sie verliert, der stirbt.
Sie ist das Feuer, das den Vogel im Fluge hält, der Motor in meinem Inneren, der mich alles ertragen läßt. Die Mauer, die Rüstung, der Glaube. Ich lebe nur um zu lieben, und ich liebe, um zu leben. Das ist alles, was ich kann.
Zuviel und zuwenig zugleich.
Menschen und Tiere, Orte und Situationen, Gefühle und Gedanken, die ich nicht festhalten kann, die mir genommen werden. Sie teilen mein Leben nur für eine kurze Zeitspanne und sind dann wieder verschwunden wie ein Komet im dunklen All. Und niemals werde ich lernen, mit Abschieden zurechtzukommen.
Geduldig höre ich Dir zu, Kuckuck, wie Du mir erzählst, was Du Dir beibringen und für Dich selbst erkennen mußtest, was Dich in Deinem Leben weiterbringt, was mir helfen soll, und ich fühle Zuneigung, Scham, Dank und eine verzweifelte Energie, die Dich im Gegenzug verstehen lassen soll, wie ich denke. Nicht einmal in Worte fassen kann ich, was ich für Dich fühle. Einmal bist Du der alberne Clown, über den ich lache, das verlassene Kind, das ich trösten, beschützen und aufbauen will, dann bist Du wieder so sehr viel weiser und verständiger als ich und mein Lehrer, mein Fels, mein Stern. Manchmal sehe ich auch einen attraktiven Mann in Dir, und es tut mir so sehr weh, wenn Du mir wieder lächelnd ins Gesicht sagst, Dich wolle ja niemand.
Kuckuck, vielleicht würde Dich jemand am meisten wollen, von dem Du es am wenigsten erwartest.
Zwischen uns ist soviel Wärme, Nähe und Vertrauen, und ich hoffe so sehr, daß es nicht nur von meiner Seite kommt. Du hast mir soviel mitgegeben, und ich werde an mir arbeiten. Wie einst ein Tiger und ein Drache mir halfen, stark zu werden. So stark, daß ich eines Tages vielleicht auch für Dich die Schulter sein kann, an die Du Dich lehnen kannst. Die Arme, die Dich auffangen und die Kraft, die Dich am Fliegen erhält.
But when I'm asleep
I want somebody
Who will put their arms around me
And kiss me
Tenderly
(Depeche Mode-Somebody)
geschrieben von: rainraven
The world turns too fast
Feel love before it's gone
(Editors-Papillon)
...
Geräuschvoll und holpernd braust der Linienbus die kurze Strecke durch den Wald. Draußen vor den schlierigen Fenstern fliegen die schwarzen Umrisse von Bäumen und Gesträuch vorbei, der nicht mehr ganz neue Bus gibt Gas, und unter meinen Füßen spüre ich den Motor röhren und die Vibrationen von Metall. Neben der Verkehrsinsel, um die sich manchmal zwei Busse im selben Augenblick begegnen und wie zwei tanzende Lindwürmer aneinander in einem grünorangeblauweißen Tetris vorbeigleiten, ist dies mein Lieblingsteil der Strecke. Denken können. Träumen können. Musik aufdrehen und einfach keine Umgebung sehen müssen, sondern die Bilder in meinem Kopf.
Der Doppelsitz ist eng, besonders im Winter, wo sich dicke Jacke an dicke Jacke schmiegt, und besonders, wenn ich in der Mitte weiter so aus dem Leim gehe, denke ich zynisch. Der Kuckuck sitzt neben mir. Ich habe von meinem Krimi hochgesehen, in dessen letzten Zügen ich lag, und Ihr seid gerade noch zugestiegen, obwohl vor Minuten in Eurem Büro noch das Licht brannte. Während ich sonst die Anwesenheit meiner Mitpassagiere krampfhaft ausblende, spüre ich nun ganz bewußt die Wärme seines Oberschenkels an meinem. Die schwarze Filzjacke kuschelt sich in meinen abgetragenen Flokati, und ich versuche, von diesen wenigen Momenten eine Art emotionales Foto zu machen, damit ich sie nicht wieder vergesse. Zu flüchtig sind sie, wie der Meine-Wange-an-stoppelige-Stacheldrahtwange-Abschiedskuß, die ungelenke Umarmung mit Tüten und Taschen in den Händen, der Schönes-Wochenende-Gruß. Zurück bleiben nur in meiner Erinnerung Deine leuchtenden blauen Augen, die so verschmitzt und neugierig aus den vielen Mimikfältchen schmunzeln. Verdammt, ich habe viel zuviel Zeit, Dich verstohlen zu betrachten, und erst jetzt, nach fast drei Jahren, fällt mir auf, wie hübsch Du eigentlich bist. Manches dauert halt etwas länger. Wenn Du die Brille absetzt und nicht frisch rasiert bist, wie heute, quält mich der Wunsch, Dein kantiges Jungengesicht zwischen meine Hände zu nehmen. Deine rauhen Wangen unter meinen Handflächen zu spüren und diese breit lächelnden, schmalen Lippen zu küssen. Wie alt muß ich zum Teufel nochmal werden, um nicht mehr wie ein Teenager verzweifelt und vergebens hinter jemandem herzuschwärmen, der für mich nie in Frage kommt? Mit dem ich vielleicht zusammen arbeiten muß? Meine Seelenwirren versüßen und erschweren mir den Tag in gleichem Maß. Und nie gehen mir Deine Worte aus dem Kopf, daß Du single bist, weil Du Dich immer in die Falschen verliebst und nicht mehr enttäuscht werden willst. Wie ich.
Die Momente, in denen Du auf meiner Schreibtischkante sitzt, so verlegen und nervös, Deine Finger mit irgendwelchen meiner Büroutensilien spielen und ich zu Dir hochsehe, in meinem Stuhl zurückgelehnt. Manchmal klopfe ich Dir aufs Knie, wenn wir uns zur Arbeit aufraffen müssen, "los gehts", manchmal mache ich Deine Hände mit Nachdruck von meinen Schreibwaren los, weil Du wieder irgendeinen Unsinn damit anstellst. Manchmal spüre ich so etwas wie ein Kribbeln dabei. Doch Du spürst es vermutlich nicht. Ich bin mir nicht sicher, was Du überhaupt spürst.
Besser nicht drüber nachdenken. Einfach mitnehmen.
Als ob mein zerrüttetes Gemüt noch nicht genug hätte. Ein allzu bekannter Tiger schleicht um mein Leben, als wäre nichts gewesen, will mich sehen, heute abend, schmeichelt mir. Der Kleine Drache, der eigentliche Mann an meiner Seite, bläst sich auf und faucht. Rotes Tuch! "Ich werde zum Alphamännchen und gebe ihm eins auf die Schnauze, wenn er was von Dir will!" Solche Töne hörte ich noch nie von ihm. Doch sie sind überflüssig. Seinen Zauber hat der Tiger selbst zerstört, und ich werde ihm nicht wieder ins Netz gehen. Vor allem nicht, wenn ein Kuckuck immer wieder um mein schmählich untreues Herz flattert.
Warum habe ich das Tiger-und Regenvogel-Foto wieder ausgedruckt und aufgehängt, über meinem Schreibtisch? Wenn ich es vor Monaten noch wutentbrannt zerriß und mit nicht jugendfreien Schimpftiraden auf einen Mann, der mein Ego mit Füßen trat, in eine Ecke pfefferte. Ich, die sonst keine Gewalt gegen Dinge anwenden kann?
Weil mir das Bild von mir gefällt, sage ich. Ich sah darauf so aus, wie ich mich an seiner Seite fühlte. Cool, sexy, unwiderstehlich, ein Draufgänger. Ich mag das Bild. Doch mag ich den Tiger auch noch? Hat jemand wie er das verdient? Und wird es ihm wieder gelingen, sich in meine Gefühle zu schleichen? Tomorrow never comes.
Ich schiebe meine Gedanken beiseite, versuche nach vorne zu denken und bin gespannt, was der Abend bringen wird.
geschrieben von: rainraven
Heaven help us
We've lost control
This should be our finest hour
(VNV Nation-Tomorrow never comes)
...
Als wäre nie etwas gewesen. Als hätte es die Monate von Mai bis Oktober nie gegeben. Als wäre alles wie immer geblieben.
Ich sitze vor meinem flackernden Monitor und starre auf Deine großgeschriebenen Zeilen in aubergine. Zwei, drei Mails pro Tag. Zusammenhangslos, oft mit einem Lachen begonnen. Diesem oberflächlich klingenden Auflachen, dem ein Haare-in-den-Nacken-Werfen folgt. Oft nur wenige Zeilen, endend in drei Pünktchen. Aber Du bist zurück, kein Zweifel.
Der gestrige Abend. Schon geraume Zeit lang beobachte ich Deine mürrische Miene von meiner Position hinter der Säule aus, wo Du mich nicht sofort sehen kannst. Das alte Katz-und-Maus-Spiel. Catch me if you can. Als ich tanze, stehst Du plötzlich neben mir, und Du lächelst wieder dieses strahlende Lächeln, das den Raum erhellt. Hast Du Grund dazu, meinst Du? Ohne es zu wollen, lächle ich mit. Meine Nase erkennt Deinen vertrauten Duft. Und vor allem erkennen meine Augen das Shirt, das ich für Dich einst machte, das ich schon weggeworfen wähnte, vernichtet, wie alles, was Dich an mich erinnert. Doch da kenne ich Dich schlecht, und es ist so, wie ich es erhoffte. Wie ich es eigentlich weiß. Ich bin für immer in Deinem Herzen. Du machst das Zeichen für "Du und ich für immer zusammen". Und ich nicke. Irgendwie habe ich es immer gewußt. Du machst mir nichts mehr vor, und ich kenne Dein Herz besser als Du. Trotz aller Zweifel.
Ganz so einfach wird es jedoch nicht werden. Wir haben über vieles zu reden. Ich strecke Dir die Hand hin zur Freundschaft, doch ich werde vorsichtig sein. Du wirst nicht mehr die Welt für mich bedeuten. Wer oder was auch immer das sein soll. Aber Du bist dennoch willkommen, Du großer, zerknirschter, reumütiger Idiot, der an seinem eigenen Schicksal genug zu tragen hat. Doch es tut auch mir irgendwie gut, daß Du wieder da bist. Es tut mir gut, zu hören, was Dir dieses Shirt bedeutet und daß Du es auch nicht für "sie" weggeworfen hast, obwohl es von Dir erwartet wurde, und ich es ahnte. Es ist eine gewisse Befriedigung, zu hören, wie sehr es Dir im Herzen schmerzte, mich an Halloween unerwartet wiederzusehen. Ich will nicht der Schwächere sein.
Gefährliche Momente, in denen ich ein Déja Vu erlebe, in denen Dein animalischer Bann mich fängt, wenn Du zu bestimmten Liedern tanzt, so hemmungslos, so sinnlich und so natürlich. Momente, in denen es mir immer weh tat, diesen Mann nicht zu besitzen. Dein sanftes Gesicht hinter dem wilden Lockenvorhang, jedesmal schöner als zuvor. Meine Freunde verstehen Dich nicht, mögen Dich nicht, sie haben nun auch Grund dazu. Doch sie müssen Dich nicht verstehen. Sie müssen nicht mit meiner Achterbahn von Emotionen leben.
Ich ganz alleine muß das. Und ich ganz alleine muß auf mich aufpassen. Doch diesmal kann ich es. Diesmal werde ich stark sein. Der Tiger ist gezähmt und der Vogel frei.
geschrieben von: rainraven
Don't fight your reflex
Embrace the instinct
You can feel your way
(IAMX-Spit it out)
...
Und auf einmal schneit es. Dicke Schneeflocken wirbeln um das Gebäude, über das Industriegebiet. Der Winter ist angekommen, und mein Kollege Bärenjunge dreht sich abrupt um, mitten im Meeting, starrt ungläubig zum Fenster hinaus und stößt ein hörbares "What the fuck-?" aus. Ich muß lachen. Das nennt man "Schnee", denke ich spöttisch. Du bist wohl noch zu jung, um miterlebt zu haben, daß dieses weiße kalte Zeug früher bei uns in jedem Winter vom Himmel fiel...
Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Mein alljährlicher Winterurlaub und die Weihnachtsfeier meiner Abteilung stehen an. Kurz vor dem Weihnachtsmarktbummel wollt Ihr dann alle kneifen. Nix gibts. Wir fahren trotzdem, sagt der Bärenjunge, und es ist ein Weihnachtsmarktbummel wie aus einem Kitschfilm, eiskalt, überall Schnee, den heißen Glühwein wärmend in den Händen, darüber lauter rote Nasen und Pudelmützen meiner lieben Kollegen. Eine einmalige Gelegenheit, mich im langen Grufti-Glöckchen-Samtrock zu sehen. Die Blasmusikkapelle schmettert Weihnachtsweisen von oben zwischen den vielen goldenen Lichtern herab; schaut noch einmal genau hin, in absehbarer Zeit wird es das, was man "Glühbirne" nennt, auch nicht mehr geben, und es wird auf einem Weihnachtsmarkt aussehen wie in einer TBM-Disco zwischen all den Knicklichtern. Freue Dich, Bärenjunge, daß Du wenigstens das noch miterleben durftest, schmunzle ich.
Und ich freue mich, daß ich dann in der exklusiven Wärme des guten Restaurants neben meinem geliebten Kollegen Kuckuck in der Südkurve der langen Tafel sitzen darf, mein Arm bald blaugebufft von seinen kumpelhaften Knuffern, jedesmal, wenn es etwas zu lachen gibt. Und es gibt viel zu lachen mit Dir. Die blitzblauen Augen funkeln vergnügt, ich liebe sie so sehr, ich möchte Deine Gesellschaft nie mehr missen, wie Du so frierend mit Deiner Jacke am Schoß und der heißen Schokolade in der Hand dasitzt, für die der Koch extra für Dich noch einmal die Maschine aufgeheizt hat. Ente mit Extra, Mousse mit Extra und Schokolade mit Apfelschorle, aber bitte getrennt und nicht zusammengemischt. Dir hätte ich es ohne weiteres zugetraut.
Ich mag den Jahres-Endspurt. In keiner Zeit kann ich Dich so oft knuddeln wie jetzt, zum Dank für unerwartete Geschenke, mit frohen Weihnachtswünschen, zum Abschied am U-Bahnsteig. Die letzten Tage des Jahres vergehen wie im Zeitraffer. Und ich sehe viele liebe Gesichter wieder, ich freue mich auch auf nächste Woche, wo ich wieder exakt unter einen ganz bestimmten lieben Arm passen werde, der mir so vertraut ist und mich an seine große, schützende Seite nehmen wird, und inzwischen tut mir gar nichts mehr weh dabei, in mir ist Ruhe.
Leider werden wir auch diesmal liebe Erinnerungen im alten Jahr zurücklassen und das neue ohne sie beginnen. Schicksalsträchtig schneidet mir eine MTRA meine Erinnerungsbändel vom Arm, wegen der den Kernspin störenden Aluplomben. Es tut mir weh, sie nicht mehr zu spüren, ich fühle mich seltsam nackt und schutzlos. Zeitzeugen meines persönlichen Sieges und des schönsten WGT meines Lebens, aber vielleicht wiederbringbar. Man soll ja niemals nie sagen.
Die dicke, alte A. gibt auch endlich auf und bleibt nur wenige Meter vor der Haustüre liegen. Wie ich mich mit meinem kaputten Bein seit langem plage, so haben wir das schwerfällige Vehikel ebenfalls lange mit seinem kaputten Antrieb gequält. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Wenn es an der Zeit ist, daß etwas gehen soll, dann muß man es gehen lassen, es wird immer wieder passieren, und ich werde es immer wieder nicht verkraften können. Doch ich hatte lange Zeit, mich an den Gedanken zu gewöhnen, deswegen trifft es mich nicht mehr so plötzlich. Umso mehr der Kleine Drache, der auf allen Wegen versucht, mich zu erreichen. "Ich möchte ein Auto kaufen! Ich habe schon eines in Aussicht, ich muß bis heute nachmittag Bescheid sagen!"
Wie meine Vögel alles Neue, sehe ich es skeptisch mit schiefem Kopf an, da steht der noch namenlose Fremde vor dem Haus, dunkel glänzend, glatt und wortlos, eindrucksvoll, und ich denke nur "Aha." Wird er auch eine "Seele" haben wie die dicke A.? Und was ist sein Name? Wird er ihn uns verraten? Wir werden sehen.
Nicht nur die dicke A. wird uns verlassen. Haben wir noch kurz zuvor Witze gemacht, daß wir jedes Jahr einen Club "totfeiern", da- traurig aber wahr- die letzten Silvester immer mit Abschlußveranstaltungen zwangsweise aufgegebener Lieblings-Locations einhergingen, werden wir diesmal wieder eine Heimstatt verlieren. Wir wurden in dem Moment zu Zugvögeln, als man uns unseres ersten Zuhauses beraubte. Doch der Blick geht nach vorne. Vielleicht findet sich eine neue Bleibe.
Auch ich habe meinen Boden nicht verloren, stehe immer noch aufrecht, kämpfe und gehe voran, im Herzen all das, was ich liebe und wen ich liebe, und all das ist meine Heimat.
geschrieben von: rainraven
Einmal Himmel und zurück
Ich weiß, es wird mir niemals
Besser gehen
(Rosenfels-Zeit mit Dir)
...
Der Winter hat nur ein kurzes Gastspiel gegeben.
Unwirklich warm strahlt eine Frühlingssonne über eine endlos weite Schneefläche, die Krähen, meine schwarzen Gefährten, begleiten uns hindurch, ihre Augen und Gefieder glänzend wie der Schnee, der sich verzweifelt gegen die Wärme wehrt. In zwei Tagen ist Weihnachten, man glaubt es kaum. Hätte mich noch vor kurzem jemand gefragt, wie mein 22. Dezember 2009 aussehen würde, hätte ich auch nicht geglaubt, daß ich wieder mit Dir hier sitzen würde, auf einer trotzigen, betonernen Halfpipe wie auf einer Insel im weißen Meer, die Sonne und der leichte Wind in Deinem wunderbar weichen Haar, der Blick nach Süden und die Gedanken bei Griechenland, dem Meer und Zelturlauben, während vor uns der Weihnachtsmarkt öffnet. Dein Arm um mich, wie selbstverständlich, niemals war es anders. Niemals soll es anders sein. Ich sehe Dich an. I see you.
Junge Hunde tollen verspielt vor uns herum, und der Anblick verschmilzt mit dem eines anderen jungen Hundes, der in einem Video mit seinem Ball herumtollt, um so viel gewachsen seit ich ihn zuletzt sah, und ich muß schmunzeln, denn ich weiß, wem der junge Hund gehört. Liebe Menschen, die mich begleiten, die so selbstverständlich zu meinem Leben gehören. Alles in mir ist im Gleichgewicht, zum ersten Mal seit langer Zeit verspüre ich trotz aller Widrigkeiten keinen Schmerz, keine Angst, keine Besorgnis, sondern lasse einfach den Tag und das Leben geschehen.
Was auch immer sich ändern mag, vieles bleibt gleich, und es ist Zeit, endlich darauf zu vertrauen, Zeit zu lernen, daß ich nicht alleine bin.
Heiligabend. Weihnachtstag. Grau in grau, die Weiße Weihnacht war mir nicht vergönnt, aber ich hatte mit Euch Weihnachtsmärkte im Regen, im Schnee, im bitteren Frost und in der Sonne, alle Jahreszeiten zusammen. Jetzt sind sie alle auf dem Weg zu ihren Familien, meine Lieben, ich auch bald zu der meinen, und ich sehe Dich, meinen dunkeläugigen Raben, mit Deiner nun-Ehefrau bei ihrer Familie unter dem Baum sitzen, sehe meinen geliebten wundersamen Kuckuck, wie er mein Geschenk auspackt und sich vermutlich sehr darüber amüsieren wird-ich bin gespannt, ob er es tragen wird. Ich sehe meinen Kleinen Drachen im schmucken, fremden neuen Auto, das sich sehr anstrengen muß, um die alte A. zu verdrängen (und ich wette, daß wir am Ende doch sie behalten werden, wenn die Reparatur glückt; schicker PT, in meinen Gefühlen bist Du chancenlos), und ich sehe meinen Tiger bei seiner Familie, doch meinem Herzen gleichfalls niemals fern, auch wenn ich nicht mehr ständig an ihn denke.
Doch heute denke ich an Euch alle, die eine kostbare Zeit meines Lebens mit mir teilten oder noch teilen und die für immer ihren Platz in mir haben. Wo auch immer Ihr sein mögt, ich hoffe, es geht Euch gut. Ich bin bei Euch.
Frohe Weihnachten.
geschrieben von: rainraven
Stuck in a hole
Enslaved by emptiness
Fist clenched tight
Though I'm not alone
(Combichrist-All Pain Is Gone)
...
Die unnützen Schranken sind wieder geöffnet. Mein Weg ist frei, wie er es immer war. Und man tut gut daran, mir nichts in den Weg zu stellen. Ich bin eine alte, häßliche, wütende Maschine, angeschlagen, aber immer noch kraftvoll. Ein vernarbtes Schlachtschiff, träge, aber lauernd, in seinem dicken Rumpf schreckliche Zerstörung tragend, wenn man unachtsam ist.
Träge aber kraftvoll, wie ich, stehst Du immer noch auf der Pole Position neben der Einfahrt vor dem Haus, lange treu geschätzt und geliebt und plötzlich achtlos weggelegt. Lauernd, ruhend, beleidigt und abgelegt, wohl wissend, daß Deine Tage gezählt sind und Du nichts dagegen machen kannst. Der Schneematsch verkrustet grau Deine Seiten, matt und dunkel sind Deine Scheiben und voller Kratzer und Dellen Deine einst glatte Oberfläche. Jedesmal, wenn ich an Dir vorüberkomme, empfinde ich Bedauern und sehe nach, ob Du noch stolz Deinen Stern trägst. Laß Dir Deine Würde nicht nehmen, so wie ich sie mir nicht nehmen lasse.
Man kann mir meine Zuhause nehmen, aber man kann mir nicht mein Ego nehmen. Pißt mir ein weiteres Mal ans Bein und sagt mir ins Gesicht, daß ich nicht erwünscht bin, nach all den Jahren.
Ich habe verstanden.
Der Tiger ist ein widerlicher kleiner dummer Hund, unterwürfig und gefällig, er wird Euch nachlaufen und sagen, "es ist toll", auch wenn er einst strenger klang als ich. Prinzipien? Kennt er nicht. Ich habe nichts anderes erwartet und ärgere mich am meisten darüber, daß es mir überhaupt etwas ausmacht, was er tut. Angesichts der Tatsache, daß ich mein Leben bereits ohne ihn führte, dürfte mir das nicht so wichtig sein. Vielleicht ist es ohnehin besser, wir gingen nicht mehr zusammen aus.
Du hast Deinen Stern noch, alte A., doch meiner ist gefallen. Ich bin eine kontinuierliche Baustelle, der das Geld ausgegangen ist und die Architekten davongelaufen sind. Ich habe nicht mehr die Kraft, mich zu behaupten und ich habe die Lust nicht mehr, wenn es an allen Ecken und Enden bröselt und man zuletzt alleine dasteht. Wir werden Dich weggeben wie man auch mich weggab, als mein Lack bröselte, und man wird nach vorne sehen und das Neue, Schöne, Glatte, Junge bevorzugen, was keine Probleme macht und keinen Charakter hat. Wie überall.
Das alte Jahr liegt in den letzten Zügen und ich tue das auch.
Beschwerden an Körper und Seele, und nur die Zeit und die Kraft, oberflächliche Reparaturen vorzunehmen, wie wir es bei Dir gemacht haben, liebe A. Niemand weiß, wie weit Du es bei uns noch schaffen wirst, doch auch Dich treibt ein unverändert starker Motor an. Es ist nur die Frage, wohin und wie lang noch.
geschrieben von: rainraven
On with the show
...
Hier stehe ich an der sturmumbrausten Klippe in der Kälte, spüre den Wind des Lebens, wie er mich biegt, aber nicht bricht. Spüre Gischt-oder Regen oder Tränen?- feucht auf meinem Gesicht.
Sag mir, wie weit wirst Du gehn?
Ich habe das Buch weggelegt, das mich die letzten Tage gefangen hielt, in einer Zeit, die lange hinter mir liegt, in der es mich schon gab, die ich auf meine Weise miterlebte. Ich erkenne vieles wieder. Eine Band, der ich heute längst fern bin, schreibt über ihre bewegte Vergangenheit, und ich mußte mit ihnen lachen, weinen, war entsetzt und erleichtert und bedaure, daß ich nicht im Sommer 2009 einen Abstecher in meine Vergangenheit machte und nach ihnen sah, was aus ihnen geworden war, nachdem ich sie seit 1989 nicht mehr gesehen hatte, obwohl ich sie buchstäblich vor der Nase gehabt hätte.
Nachdenklich betrachte ich das Werk. Wer schreibt über mein weniger berühmtes, doch nichtsdestotrotz bewegtes Leben, wenn nicht ich selbst? Was bleibt schon außer Erinnerungen?
Wir verlassen ein Jahrzehnt, kommt es mir in den Kopf, wir brechen auf in die Einserjahre, nach der Ära der "Nuller". Was werden sie bringen? Am Anfang steht der blaue Mond, mein Zeichen? Ein Zeichen für was?
Ich verlasse dieses Jahr in der Ruhe nach dem Sturm, in Ungewißheit in manchen Fragen, während andere Antworten klarer denn je vor mir liegen. Ein Fels, der stetig steht, doch an dem der Zahn der Zeit nagt. Ein Raumschiff, das eine weitere Antriebsstufe absprengt und zurückläßt, um den Kern weiterzutreiben.
Noch immer schlagen gigantische Flügel aus Stahl ihren schweren, kraftvollen Schlag, noch immer pulsiert das Herz aus Feuer, geschürt von Erinnerungen und Hoffnung, denn in aller Verzweiflung ist doch immer der Mut zum Vorwärtsgehen, ohne den ich nie so weit gekommen wäre.
Laß uns den Schritt in ein neues Jahrzehnt wagen.
Weiter, immer weiter, denn ein Zurück gibt es nicht.
geschrieben von: rainraven
Come on night
Take me home
Come on love
Sing alone
To this Raven chant
(Of The Wand And The Moon-Raven Chant)
...
Eisregen, seit Tagen schon. Die Silhouetten meiner Welt verschwimmen im nebligen Grau. Der Morgen ist ein zeitloser Nachmittag an einem meiner letzten Tage ohne Struktur. Ich bin auf dem Weg zu meinem kleinen Bruder in seiner neuen Wohnung in der alten Heimat. Er hat sich ein Stadtviertel ausgesucht, das ich freiwillig nicht betreten würde, in dem ich nichts zu tun habe. Zu viele schlechte Erinnerungen sind damit verbunden. Qualvolle Erinnerungen an einen Job, der mich kaputtmachte, mich zerstörte.
Zuerst bin ich ein Fremder im kalt-nebligen Mordor, als ich aus dem Untergrund trete und mich orientiere, dann aber kommt die Erinnerung mit einem Schlag zurück und jagt mir auch heute noch Angst ein, mehr als fünf Jahre danach. Ich sehe das obere Ende des arrogant aufragenden, häßlichen Turmes im Nebel verschwinden. Die Kälte raubt mir den Atem.
Das Joch der Vergangenheit liegt schwer auf meinen Schultern, als ich langsam meinen ehemaligen Arbeitsweg entlang gehe, unterwürfig geduckt wie damals, bis ich mich entsinne, daß ich heute ein starker freier Mensch bin, der sich nicht der Tyrannei einer Vorgesetzten beugen muß und in allem versagt. Im Gegenteil. Ich straffe meine Schultern im körnigen Eiswind und nehme den Weg über den nahen Friedhof.
Lange war ich nicht mehr hier. Ich nehme mir den Besuch zum Anlaß, um bei Dir vorbeizuschauen. Auch wenn ich niemals glauben werde, daß der schönste Mann, dem je mein Herz gehörte (mein Tiger, ich bedauere, aber Du folgst nur knapp danach) hier unter der Erde ruhen sollte. Viele Jahre ist es her, und zumindest ich habe meinen Frieden gefunden und suche Deine Gedenkstätte nun mit Ruhe in mir.
Eiseskälte umweht mich, meine Füße brechen krachend durch den angefrorenen Harsch, folgen kleinen Vogelspuren. Aus einem Baumwipfel im Nebel fliegt eine Krähe auf und vom federnden Ast stäubt Schnee. Eisregentropfen pieksen in mein Gesicht. Noch ist es auszuhalten. Ich bin fast allein auf dem Friedhof, in einiger Entfernung steht eine junge Frau vor einem Grab, in Andacht, von der Außenwelt entfernt. Nur kurz sieht sie auf. Leise hört man die Geräusche ferner Autos draußen im Nebel.
Ich will mich auch gar nicht lange aufhalten, denke ich, ich bin unterwegs, ich weiß, wo das Grab liegt. Doch Reihe um Reihe schreite ich ab und finde es nicht mehr. Dicke Schneelasten auf immergrünen Büschen, dazwischen rote Kerzen, manche erleuchtet. Vieles kann gewachsen sein, seit ich zuletzt hier war, alles sieht so anders aus. Damals war es Sommer, und ich folgte dem jungen Eichelhäher, der so ulkige Geräusche machte und eine Haselnuß davontrug. Er hat mich damals zu Deinem Grab geführt, Großer Rabe.
Hin und zurück laufe ich, immer wieder. Entnervte Unruhe. Ich irre mich doch nicht?! Verunsicherung. Mein Atem als weiße Wolken, meine Füße bis zum Knöchel im Schnee, allmählich werden meine Zehen taub. Ich finde Dich nicht, ich bin verirrt.
In die Nebelstille ertönt plötzlich die russisch anmutende Tetris-Melodie. Ich brauche einige Sekunden, bis ich realisiere, daß es mein Telefon ist. Mein Bruder. Wo ich denn wäre?
Gleich, sage ich. Ich bin ganz in der Nähe. Ich komme bald.
Und ich stecke das Handy weg.
Stille. Kälte. Leere. Der Abend hängt verhalten in den Bäumen. Ein Eiswind umweht mich mit hart brennender Hand. Es ist Zeit, zu gehen, flüstert es um mich. Ich bin nicht da, wo Du mich suchst.
Ich weiß, Großer Rabe. Dennoch hätte ich gerne "Hallo" gesagt, wenn ich schon da bin. Doch Deine dunklen Augen sehe ich auch zuhause ohnehin jeden Tag vor mir, wie so viele von uns.
Mein Gesicht und meine Beine sind starr vor Kälte, ich trage eine unbewegliche Maske aus Eis, die Haut an den Wangen spannt, die Beine fühlen sich an wie Eisenplatten. Rauher Wind um meinen Körper, der mich zum Aufbruch drängt. Es ist nicht mehr weit bis zur Wärme, und ich nehme unverrichteter Dinge Abschied von diesem Ort für heute.
Die Krähe sitzt reglos über mir und beobachtet mich schweigend. Ich weiß, man erwartet mich. Und ich gehe meines Weges.
Leb wohl, Großer Rabe.
Ich werde wiederkommen, wenn es wieder Sommer ist.
geschrieben von: rainraven
So close to finding glory
Or just another story
(State of the Union-Radio Man)
...
Ein Wintermärchen
Der Winter spielt mir ein zweites Weihnachten vor, schöner als das erste. Unter meinen Sohlen in der Innenstadt liegt eine glatte, weiße Schneedecke, meine Füße machen weiße Tigerpfotenschritte, lautlos, kraftvoll, stetig. Das bin ich, ich lebe und hier komme ich. Nicht viele Menschen sind um mich herum, nicht wie vor Weihnachten, niemand beengt meine Freiheit, und aus dem dunkelblaufastschwarzen (wäre das nicht auch ein passender Name für unser neues Gefährt, mein Kleiner Drache?) Abendhimmel fallen weiche Plastikfusselflocken, die aussehen wie das, was man in Kaufhausschaufenster streut, um Schnee zu simulieren, Folienflocken, die in allen Regebogenfarben irisieren und so weich wie die Federchen meines kleinen weißen Vogels sind.
Ich sehe lächelnd zum Himmel. Die Menschen hasten vorbei. Am liebsten würde ich fliegen, dorthin, wo die glitzernden Flocken herkommen. Ich bin der Winter und die Nacht, und ich bin Feuer in der Kälte. Lebensfeuer, das in mir brennt. Und immer noch und wieder habe ich Motoren, die mich weitertragen, Tag für Tag, in mir drin. Gedanken an die Menschen, die mir nahe sind.
Wo auch immer ich gehe, folgt mir ein großer goldener Schatten, ein Geruch nach Freiheit und Geborgenheit und ein fröhliches, aufgewecktes Lachen, ein Singen wie von Nachtigallen und ein Schmunzeln aus blauen Bergseeaugen. So nah und doch unerreichbar. Doch näher als manch anderem. Grund genug, immer wieder aufzustehen.
Vorbei führt mein Weg mich auch an Geschäften, die nach so vielen Jahren schließen müssen, ein Teil meiner Vergangenheit, ich spüre Trauer in aller Freude, ich habe Angst vor Vergänglichkeit. Vorbei gehe ich an Schlagzeilen neuerlicher Aggression, die mich wütend macht. Ich muß nichts zu befürchten haben in meiner Heimat. Ich will es nicht müssen. Ich habe Angst, und ich habe Wut. Auf diese tumbe, hohle, dumme Welt voller Gewalt, Konsum und Zerstreuung. Und mittendrin ich, ein ulkiger Panzer, ein fröhliches Schlachtschiff, ein Anachronismus zwischen Nächstenliebe und Soziopathie. Meine Freunde sollen mich lieben, meine Feinde fürchten. Doch ich möchte keine Feinde haben.
Was ich möchte, ist ein Zuhause für mein Herz. Einen Hafen für dieses rastlose Organ, das mich mit seinen Verlustängsten plagt. Einen Ort, an dem ich lieben darf. Das Einzige, was ich kann, und die, die es verdienen. Not necessarily useful, but unique. Wie die verbogene Gabel unter lauter geraden. Wie wir alle.
Diese Gedanken sind für Euch. Fühlt Euch umarmt.
geschrieben von: rainraven
Du tust mir nicht gut
Tust mir nur weh
Trittst in mein Herz bis es schreit
Du tust mir nicht gut
Machst mich kaputt
Es tut mir leid
(Rosenstolz-Nichts von alledem)
...
Warum muß ich aus der Nacht in eine kalte, dunkle Wohnung heimkommen, in der das Chaos herrscht. An einen Ort, an dem ich mich wohl und geborgen fühlen sollte. Achtlos aufgerissene Vorhänge, Steine auf dem Teppich, Teeflecken auf dem Küchenfußboden, Besteck liegt herum, daneben Krümel und Reste, und der Wasserkocher steckt seit heute morgen am Strom, obwohl ich hundert-nein, schon tausendmal gebeten habe, ihn abzuziehen, weil mir das Angst macht, wenn er an ist. Warum auch auf das achten, um was ich bitte? "Paranoia" sagt der Drache. "Panikstörungen, lächerlich."
Im Zimmer brennt seit dem Morgen eine einsame Funzel vor sich hin, eine Kerzenbirne von fünf, vier sind kaputt. Relikt aus einer Vergangenheit, in der noch alles funktioniert hat, wie es soll und alles seine Ordnung hatte. Wer braucht noch Glühlampen, wenn wir doch auf dem schönen Weg zurück zur Barbarei sind und alle wieder mit Feuer ihre Höhlen heizen und beleuchten wollen?
Man sieht nicht, daß die Lampe an ist, deswegen fällt sie auch nicht auf und muß nicht ausgemacht werden, so die Logik des Drachen. Man sieht nicht extra deswegen noch mal nach, gerade WEIL man weiß, die ist so funzelig und man sieht sie nicht. Ich habe Angst, wenn den ganzen Tag das Licht hier brennt. "Affentheater", sagt der Drache. "Du bist hysterisch." Und schaltet seine idiotischen englischen Schwachsinnssketche an und knallt die Türe zu. Ende der Diskussion. Zurück bleibe ich, und es tut weh.
Die saubere Wäsche, die ich abgenommen habe, wird wohl noch eine Woche auf seinem Tisch liegen bleiben, zwischen Autoteilen, schmutziger Wäsche, Eßtellern, Pappverpackungen, Flyern und wichtigen Dokumenten, bis sie wieder staubig ist. Manchmal habe ich das Gefühl, mit einem begriffsstutzigen, schwererziehbaren Kind zusammenzuwohnen. Und es wird schlimmer mit dem Alter.
Mein Magen krampft sich schmerzhaft zusammen. Ich kann heute nicht mal etwas essen, und bei mir heißt das schon etwas. Verlange ich zuviel, wenn ich Respekt von meinem Partner erbitte? Putzsüchtig, muß ich mich nennen lassen, hysterisch, fordernd, egoistisch. Weil ich allmählich nicht mehr das Gefühl haben will, in einer assigen WG zu wohnen, sondern eine saubere, ordentliche Wohnung haben möchte, in der ich mich wohlfühle. Respektiert von einem Partner, der die Kompromisse des Zusammenlebens eingeht. Der sich nicht von mir "eingeengt und unterdrückt" vorkommt, wenn ich ihn um etwas bitte.
Mein Zimmer kotzt mich so an. Seit Ewigkeiten stinkt es nahe dem Bett wie nach Urin oder Fäulnis, doch ich sehe keinen Schimmel, die Matratze ist in Ordnung, die Wand auch. Seit Wochen überkommt mich Ekel, wenn ich auf meinem Bett sitze. Ich weiß nicht, seit wann ich den Umbau dieser ungünstig verstellten 16 Quadratmeter geplant habe und doch tut sich nie etwas, weil ich keine Möglichkeit habe, das alles anders unterzubringen, hier drin. Doch mehr Platz habe ich nicht. Nun reicht es mir. Verzweifelt reiße ich die Styroportapete herab, die ich eigenhändig geklebt habe, vor vielen Jahren. Die kalte, klamme Wand geht mit ab, häßliche Narben entstehen, wie gerade in meinem Gesicht, das sich (hoffentlich) von einer kosmetischen Korrektur erholt. Putz bröckelt. Ich finde die Ursache nicht, schmeiße seltsam gefärbte Lederhausschuhe weg; alles müßte weg, die Polster stinken, wenn man vorübergeht, ich weiß nicht, wonach, sie sind einwandfrei. Hält man inne, ist der Geruch vorüber. Und die Vorstellung, alles modere hier, wo ich lebe, macht mich wahnsinnig. Ich ackere, schwitze, stinke, wie meine vier Wände, niemand hilft mir, ich werde nur angemotzt, weil ich Lärm und Dreck mache, und ich habe keinen Erfolg. Das ist der Moment, wo mir die Kraft schwindet und die Tränen kommen.
Der Augenblick, in dem ich mich frage, inmitten meines baustellenartigen Chaos, in dem ich heute nacht nicht schlafen können werde, warum mein Herz diesen Weg ging, was uns bitteschön verbindet und warum ich immer wieder so verletzt werde.
Ich darf auch gar nicht dran denken, daß in mir seit geraumer Zeit die kritische Frage an meinem Lieblingskollegen, den Kuckuck, an die Oberfläche drängt, warum er tagtäglich an mir klebt, als würde er ohne mich vergehen, meinen Einladungen aber beharrlich ausweicht und ich in Gegenwart seiner Bürogefährtin plötzlich Luft für ihn bin, folgte er mir doch wochenlang auf den Fuß. Irgendwann platzt es aus mir heraus, entnervt und schonungslos, ob er mit Frauen allgemein nichts anfangen kann oder ob es alleine an mir liegt, ich sehe es kommen. Dabei halte ich noch die Anleitung zur Selbsterkenntnis und zum gestärkten Selbstbewußtsein in der Hand, das Buch, das er mir geschenkt hat. Das er selber liest, ein verkorkstes Spiegelbild meiner selbst in so vielen Punkten. Diese Frage wird unsere Freundschaft zerstören. Und ich will die Antwort vielleicht gar nicht wissen.
Mir ist zum Heulen. Für die Welt bist Du irgendjemand, geht es mir im Kopf herum, aber für wen bist Du die Welt?
Und ich weiß es in dem Moment, in dem ich Deine Mail öffne, großes, fernes Raubtier, nur zwei Zeilen, aber sie treffen mitten in mein Herz. Du bist so entwaffnend ehrlich, Du schmilzt immer wieder den sichernden Eispanzer um mein Herz, und Du zweifelst keine Sekunde daran, daß ich im Sommer mit Dir komme, auch wenn ich dem Drachen noch mit keinem Wort Bescheid gegeben habe. Er wird es nicht billigen, er haßt Dich. Ich weiß es. Doch ganz wie er, lasse ich mich auch nicht in meiner Freiheit beschneiden. Ich ging durch seine Schule, um an seiner Seite bestehen zu können. Die Hammerschläge derer, die mein Herz liebt, formten mich, die bittere Kampfmaschine voller Entbehrungen, die nimmt, was sie bekommen kann, die sich vor verletzenden Gefühlen verschließen möchte und doch nicht ohne Liebe sein kann, für immer nach einer unerreichbaren Sehnsucht strebend.
Auge um Auge und Zahn um Zahn.
Ich nannte es einmal Partnerschaft.
Wohin sind wir nur gekommen?
Weiter gehts, die Wand muß ab. Durch einen Tränenschleier sehe ich die Fetzen fallen, und mein Werk wird ewig dauern.
geschrieben von: rainraven
Heavenly creatures
We are so beautiful
This is the future
This is your very very short life
Heavenly creatures
We are so dangerous
This is the end
Remember me
(18 Summers-Heavenly Creatures)
...
Weißt Du, daß dies Dein Lied ist, das ich jedesmal im Kopf habe, wenn ich Dich sehe? Heavenly Creatures, Geschöpfe, die nicht für diese Welt gemacht sind, zu zart, zu empfindsam, zu wundersam, so zerbrechen wir an der Realität des Alltages und ecken an den normalen Menschen an. Auf Vogelschwingen gleiten wir, fröhliche Gesänge begleiten uns und färben den Alltag in Regenbogenfarben. Wenn nur jemand für einen kurzen Moment einen Blick für das Besondere hat, sieht er hinter die Fassade und entdeckt die einzigartigen, leuchtenden Wesen, die wir sind.
Mein Herz ist gefangen. Ein dritter Teil wurde besetzt und vergeben. An jemanden, der jeden Tag so selbstverständlich in meiner Nähe ist, der sie sucht wie der kleine Hund die seines Herrn, wie die Pflanze das Licht, wie ein Tropfen Wasser, der mit einem anderen zusammenfließt. Wirf mir noch einmal so einen Blick über den Rand Deiner schwarzen Brille zu, und meine Beine versagen mir ihren Dienst. Nach all den Jahren passiert es mir immer noch, wieder und wieder, und ich präge mir jede kleine Falte Deines vergnügt lachenden Gesichtes ein, lasse Deine sonore Stimme an mein Ohr plätschern wie das angenehme Geräusch eines kleinen Baches, nehme jede Einzelheit an Dir in mir auf, wie ich es immer tue, wenn ich weiß, ich werde etwas Kostbares nicht lange besitzen dürfen und muß jede Erinnerung daran festhalten, so gut es geht. Denn irgendwann werde ich auch von Dir nur noch Bilder und Erinnerungen festhalten können.
Wie es auch in einem "Deiner" zwei Lieder heißt, werde ich im Gegensatz zu Anderen, die ihre Liebe und Leidenschaften völlig hingegeben ausleben können, niemals das besitzen können, was ich begehre, weder in der einen Richtung noch in der anderen.
Meine schmerzvollen Sehnsüchte nähren sich wohl davon, immer unerreichbar zu sein. Meine Brücken am Fluß.
Umso leerer ist mein Zuhause.
Wie auf einer kleinen Insel sitze ich in einem fast leeren Raum (immerhin, die Akustik ist genial, und ich pfeife laut mit meinen kleinen Vögeln um die Wette) inmitten meiner verbleibenden Besitztümer, die nicht ausgelagert sind. So nah und beengend scheint plötzlich die leere, putzbröckelnde Außenwand, die mir nackt entgegenkommt. So plötzlich sind nun die Möbel weg, die 25 Jahre mein Leben und zwei Umzüge geteilt haben. Zumindest noch das, was beim zweiten nicht ohnehin schon auseinanderfiel. Von meinem Riesenbett Atlantis, erst gehaßt und nur wegen des Kleinen Drachen angeschafft, dann sehr gemocht und geschätzt, habe ich nicht einmal mehr Abschied nehmen können. Aber wer nimmt schon im Guten Abschied von etwas, das wie eine Hundedecke, die jahrelang auf dem Speicher vergessen wurde, stinkt? Der Schimmel raffte sie alle dahin, und ich werde noch eine geraume Zeit damit verbringen müssen, auszusortieren, was ich von meinen Habseligkeiten noch behalten kann und was ich wegwerfen muß. Vielleicht ist das der längst überfällige Wink mit dem ganzen Zaun.
Die Dinge sind im Wandel.
2010, das Jahr der Veränderung. Erst der Club, dann das Gesicht, dann die Wohnung und hoffentlich auch mein Gewicht, auch wenn ich nicht weiß, wie. Und die Haare, wenn ich keine Wahl habe. Ich werde älter, doch ich gehe dem Strom entgegen und steige die Treppen hinauf, solange es noch geht.
Zunächst bin ich, wie so oft in meinem Leben, planlos, doch ich bahne mir einen Weg in eine Richtung. Drei Tage Resturlaub, wie geschaffen für meine Renovierung. Alles beginnt und endet zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich weiß nicht, was ich fühle. Ich nenne es Übergangszustand, will es nicht ewig so haben und hoffe, wie auch bei vielem anderen in meinem Leben, daß sich zur richtigen Zeit schon das Richtige ergibt, und das möglichst bald. Jemand wie ich kann nicht auf einer Baustelle leben.
Jemand wie ich kann keine Baustelle sein.
Ich hoffe ich komme da wieder raus. Möglichst bald. Ich kremple die Ärmel hoch und packe an. Wieder einmal. Mal sehen, was dabei rauskommt. Die Maschine läuft.
geschrieben von: rainraven
Ohne dich zähl ich die Stunden
Ohne dich
Mit dir stehen die Sekunden
Lohnen nicht
(Rammstein-Ohne Dich)
...
"Ich halte das nicht aus!"
wimmerst Du, theatralisch gespielt, aber dennoch ernst gemeint, kommst gehetzt in mein Büro gelaufen mit verzerrtem, rot angelaufenem Gesicht; die Haare gerauft, die Brille schief, verkriechst Du Dich unter meiner Jacke an der Garderobe, strampelst mit den Füßen, daß ich dich fast in den Arm nehmen, den Kopf tätscheln und Dich trösten will, eigentlich im Scherz, aber doch so ernst gemeint. Daß ich meine Hände auf die zerrissene, geblümt unterlegte Jeans über Deinen Knien legen und Dich zur Ruhe zwingen will. Doch ich fasse Dich nicht an.
Eine Woche Training unter der Fuchtel der hysterischen Kollegin, bei der jedes Wort zuviel sein kann, drei ernste Auseinandersetzungen in drei Tagen, und die schlimmste-heute- steht noch bevor. Ein banaler Mausklick und der Wunsch, parallel zu den Anweisungen der anleitenden Kollegin doch lieber auch noch das Protokoll lesen zu wollen, löste erst einen Disput zwischen Euch und dann ihrerseits Heulkrämpfe, Wutgeschrei und das hilflose Sich-am-Boden-Wälzen aus. Jeglicher Versuch, irgendetwas schlichten zu wollen, versagt. Erst recht von mir, die es auch nur WAGT, die Kollegin "überempfindlich" zu nennen. Seit ich mich als hypersensibel geoutet habe, ist mir das Recht versagt, Andere so zu klassifizieren. Doch so eine Tutorin macht das Training zur Qual. Und es wird noch Wochen so weitergehen. Ich bin gespannt, wer von uns zuerst reif für die Klapse ist oder ob Du, mein lieber Kuckuck, sie letztendlich völlig wahnsinnig machst, Du, der ja "abartig respektlos" ist, wie sie empfand.
Und ich mag das an Dir, denke ich. Hemmungslos hyperaktiv und grobmotorisch wie Mr. Bean, etwas anstrengend fürwahr, selbst für mich, aber so goldig wie die Hamster, die Deine Lieblingstiere sind. Wenigstens ich habe alle Geduld der Welt mit Dir.
Noch immer sind meine Gedanken nachdenklicherweise bei meiner derzeit unguten Arbeitsatmosphäre, als ich an der nächtlichen Kreuzung stehe, den Wind um die Nase und ein leises angstvolles Ziehen im Magen, als ein Pärchen übermütig umschlungen vorüberwankt, ein junges Mädchen und ein ebensolcher Mann, den ich von fern in einem Anflug von Paranoia für Dich hielt. Für Dich, der es sich im letzten Moment vielleicht doch noch anders überlegt hätte und nicht mit mir ausgehen wollte. Gebranntes Kind scheut das Feuer.
Das alles geht mir durch den Kopf, als ich auf einen zweiten unkonventionellen, "respektlosen" Mann warte, der einer der Trittsteine meines Lebens war. War? Oder ist? In dem Augenblick, als aus dem Nichts der Wagen vor mir hält, quer zur Fahrtrichtung, mitten auf der Kreuzung, und sich eine Tür auftut, weiß ich, daß sich einiges nie anders anfühlen wird.
Die letzte tief verschneite Nacht, orangenebelig-einsam liegen die Straßen des Viertels um uns herum, die Häuser sind hier niedrig und klein, einladend leuchtet das Türlicht einer kleinen Pizzeria ein paar Meter weiter. Glühbirnen, die im Wind schaukeln. Zwei Schatten, die miteinander verschmelzen, immer sind dicke Winterjacken und Kapuzenpullis zwischen uns, ungeschickt halten Dich meine Handschuhpfoten, unbeholfen kuschelt sich der kleine Vogel in das dicke Fell des Bären -oder besser- des Sibirischen Tigers. Die letzten Schneeflocken begleiten uns auf dem Weg zur Türe, zum Platz an einer bullig warmen Heizung und zu einem gemütlichen Abend. Wir sind später die einzigen Gäste, von der Wirtsfamilie abgesehen, und alles ist so normal, so ohne übernatürlichen Glanz, aber wie ein Zuhause, es ist, wie zwei Freunde sein sollten. Freunde. Im Herzen verbunden.
Ich lache mit Dir so sehr, Du tust mir nicht mehr weh, nicht mit überheblichen Äußerungen, nicht mit dreisten Aktionen. Ich kenne Dich zu lange schon. Deine Augen sind bernsteinfarbener Honig, sie glitzern in ihren Höhlen im trüben Licht der Trattoria, und da ist Wärme, auch in meinem Herzen.
Machs gut, mein Freund, verabschiede ich Dich mit einem Kuß, als die Lichter ausgehen und ich die lange Straße alleine hinaufgehen muß, durch den knöchelhohen Schnee meines Zuhauses und die glitzernde letzte Winternacht vor dem Regen. Machs gut. Aus einer Laune heraus zeichne ich kindisch-romantisch ein Herz in Deine trüb-beschlagene Scheibe, morgen wird es dort immer noch zu sehen sein. Solange Du das Auto nicht wäschst. Du wirfst mir eine Kußhand zu, und ich zwinkere, dann drehe ich mich nicht mehr um wie früher, sondern bin schon wieder auf meinem Weg alleine.
Warum hinterläßt mich ein Treffen mit Dir immer noch stets nachdenklich und einen Hauch melancholisch? Warum habe ich immer noch ein wenig das Gefühl, von etwas getrennt zu werden, was nicht getrennt werden sollte? Von etwas nie genug zu bekommen, obwohl es zugleich zuviel werden kann.
Knirschende Fußspuren hinterlasse ich, die ganze Straße hinauf, in der Stille und der Einsamkeit meiner schlafenden Heimat.
Morgen wird der Regen meine Spuren weggewaschen haben.
geschrieben von: rainraven
On the day the storm has just begun
I will still hope there are better days to come
(VNV Nation-Sentinel)
...
Vor vielen Jahren befand ich mich auf einer Reise zum Timmendorfer Strand und fuhr über Lübeck, wo ich in der kurzen Wartezeit auf meinen Anschlußzug das berühmte Holstentor sehen wollte, das in meiner Jugend noch einem deutschen Geldschein zierte und allbekannt war, denn ja, es gab eine Zeit vor dem Euro, in der es noch richtiges Geld in Deutschland gab, das noch etwas wert war.
Ich hastete damals mit klopfendem Herzen, froher Erwartung und dem Bammel, in Lübeck festzusitzen, sollte ich meinen Zug nicht erwischen, vom Bahnhof zu dem Platz, wo ich das Tor vermutete. "Es ist nicht weit", sagte meine ortsansässige Freundin, und dann kam ich atemlos um die Ecke gebogen, -um als Belohnung für all meine Mühen nur ein Baugerüst und eine Plane im Wind flattern zu sehen.
Werden touristisch bedeutsame Monumente renoviert, verbirgt man sie gerne unter einer Fotoplane, die das Bauwerk in Lebensgröße realitätsnah und farbecht wiedergibt und dem Betrachter bis auf wenige Meter Nähe vorgaukelt, das echte Bauwerk zu sehen. Die kleinsten Details der Fassade strahlen wie zum Hohn makellos von der Fototapete, während drunter gnadenlos der Verfall wütet, das Monument bis auf die Grundmauern abgetragen wird und nur noch aus Schutt und Asche besteht.
Und genau so wie mit diesen Scheinbauwerken verhält es sich mit mir, genau so fühlt sich mein Leben an. Die Fassade eine Farce, aufgemalt, künstlich, wie erwartet, für alle Anderen scheinbar wie immer, doch darunter schierer Zerfall ins Haltlose.
Morgen werden wir Abschied nehmen von meinem Großvater, der nach langer Krankheit nun seinen Weg in eine hoffentlich bessere Welt angetreten hat. Ich habe es kommen sehen seit letztem Herbst. Und als er letztendlich trotz aller Qualen friedlich ging, schien die Sonne und trotzte für einen Tag dem Winter. Er starb mit einem Lächeln auf den Lippen nach fünfundneunzig Jahren erfüllten Lebens. Die Hundert hat er nicht mehr ganz erreicht.
Was bleibt, ist die Angst um meine Oma, die nach siebenundsechzig Ehejahren und jahrelanger Pflege ihres Mannes nun alleine ist. Die Erinnerung an einen griesgrämig wirkenden und mitunter cholerischen, jedoch kindlich harmlosen alten Mann, der mir immer etwas unheimlich war, der mich wegen meiner künstlich aufgehellten Haarfarbe jedes Mal, wenn wir uns sahen, "häßlich" nannte und mir damit so weh tat, daß mir die Tränen kamen. Der so enttäuscht war, daß er nicht die "Frau Doktor" zur Enkelin bekam, weil ich meine Karriere mutwillig abbrach, da ich nicht den Erwartungen entsprach. Ein gebeugter Mann, der im Alter immer mehr verfiel, zuletzt pflegebedürftig war und mich in seiner Gegenwart stets befangen machte, jedoch im Inneren immer noch einen wachen Geist und den Schalk im Nacken besaß. Was noch bleibt, ist eine Zukunft, in der wir immer weniger werden, bei jedem Familienfest stumme Tränen fließen und ein Sessel mehr leer bleiben wird. One by one. Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem ich meine eigenen Eltern verliere.
Und mit mir endet die Kette, da ich meine Gene nicht weitergeben werde. Wer wird mich einst zu Grabe tragen?
Ein bitterer Gedanke, den ich nicht zu Ende denke.
Eigentlich ist in meinem Alter bereits jeder Tag ein kleiner Abschied, denke ich traurig. Abschied von Freunden, von Partnern, von geliebten Menschen, von Zielen, die man nie erreicht hat und nicht mehr erreichen wird. Von verpaßten Chancen. Abschied von der alten Heimat, von netten Kollegen, von den Eltern und alten Verwandten, den geliebten Tieren, von Orten, die man liebte, von Gesundheit und Ausdauer, von Attraktivität und Unschuld. Von der Unbeschwertheit des Lebens. Von Dingen, die sich ständig ändern und nicht mehr so sind wie immer, nie mehr so wie früher. Und mich verunsichert es zutiefst.
Alles geht in Stücke, wie Eisschollen treiben die Einzelteile meines Lebens auseinander, und ein Festland ist nicht in Sicht. Tag für Tag bin ich eine wenigstens halbwegs funktionierende Maschine, die ihr Soll und ihren Plan erfüllt. Ich kann das Ufer nicht mehr sehen. Wie lange wird es noch so weitergehen?
Ab und zu halte ich kurz inne in meinem Trab und blicke auf zum Horizont, weil mich ein Sonnenstrahl abgelenkt hat oder die rasche Bewegung eines kleinen Vogels, der im Geäst herumturnt und bereits ein leises Frühlingslied anstimmt. Dann huscht für einen Moment ein Lächeln über meine graue Maske, das den Betrachter erahnen läßt, was einmal unter der Plane steckte.
Doch dann senkt sich wieder das Grau über meine Züge, ich schultere meine Last erneut, und weiter geht es.
Morgen werde ich eine Last mehr auf meine Schultern nehmen und stark sein müssen, um Andere zu stützen. Wie ich es immer tue. Wie ich es immer tat.
Ich denke an alles, was ich hatte, was ich verloren habe. An das, was ich nie hatte und nicht haben kann.
Und an das, was mir noch bleibt.
Wo ist die Schulter, die mich trägt?
So much I thought
I'd have to say
Though I try to speak
My meaning strays
We can't avoid the facts that brought us here
I have come to say goodbye
(VNV Nation-From my hands)
...
geschrieben von: rainraven
I can't accept and won't concede
That this is who we are
(VNV Nation-Sentinel)
...
Ein Frühlingsabend, der sich nicht entscheiden kann, ein solcher zu sein. Und ein Winter, der nicht gehen will. Der sich verbissen dagegen wehrt und nicht einsieht, daß seine guten Tage vorüber sind. Wie ich.
Auf dem Weg, eine alte Freundin zu treffen. Auf dem Weg in meine Vergangenheit. Wir sehen einander viel zu selten, dafür, daß wir einander einst so nahe standen.
Die Straßen sind mir bekannt, und doch sind sie fremd. Ich fühle mich fremd zwischen all den neuen Bauten, fühle mich geblendet von der neuen U-Bahn-Station, deren Architekt wohl früher Technoveranstaltungen ausgerüstet hat. An sich nicht schlecht, das neue Outfit, doch es ist spät, Berufsverkehr, eilende Passanten, ich bin erschöpft und die Lichter sind zu grell, die Farben zu schreiend. Einzig die blauen Lampen gefallen mir. Sie haben etwas von Zuhause, von Geborgenheit.
An der Oberfläche ist es nicht besser. Über den neugestalteten Straßenbahnhof läßt sich streiten. Viele finden ihn zeitgemäß, andere zu progressiv, gar zu aggressiv. Ich bin dagegen nur damit beschäftigt, völlig reizüberflutet meinen Weg über die Gleise zu finden, ohne überfahren zu werden.
Vorbei an kubischen Häusern, die ich nicht kenne, Läden suchend, die es in meiner Jugend noch gab, über straßbesetzte, graffitybemalte Chucks und ebenso schrille Taschen in Schaufenstern staunend wie ein Alien. Andere Läden wiederum haben noch exakt dasselbe Sortiment wie vor 18 Jahren, und ich wette, es sind tatsächlich die Dinge, die ich damals schon nicht kaufen wollte. Matt gewordene Silberringe, brüchiges, verfärbtes Leder und im Fenster vergilbende Dankschreiben irgendwelcher C-Promis, die einmal eine Kette dort gekauft haben. Manches ändert sich nicht, doch es sind nicht die positiv auffallenden Dinge. Ich fühle mich fremd in meiner eigenen Stadt und habe immer mehr das Gefühl, überholt zu sein, nicht mehr erwünscht zu sein. Meine Erinnerungen werden Stück für Stück ausgelöscht.
Doch manche wehren sich dagegen. Ich suche eine geeignete Location, um in wenigen Minuten dort meine Freundin zu treffen. Ich finde ein gemütliches, schummeriges Café. Zurück zur Bahn haste ich, an einem unauffälligen Imbißladen vorbei. Ein Déjà Vu durchfährt mich hell und klar, hier saß ich schon einmal in einem kalten Frühjahr, vor sieben Jahren, mit Dir, dem Tiger, der damals noch kein solcher war. Und jetzt keiner mehr ist. Unser erstes Treffen, an diesem nüchternen, kalten Ort. Das erste und letzte Mal, daß ich Dich U-Bahn fahren sah. "Halt Dein Herz ganz fest" sagtest Du unverwandt, "ich bin nicht der Richtige für Dich." Der Richtige für was? Niemals hatte ich die Absicht, Dich an mich zu binden, niemals besaß einer von uns den anderen, und doch waren wir gebunden, gefangen von einander, niemals getrennt. Ein Band wie Feuer und Stahl. Und jetzt, im verflixten siebten Jahr, wird es wohl ganz leise und ganz gewöhnlich zu Ende gehen, wie die Welle, die im Sand des Ufers ausrollt.
Das Feuer ist erloschen. Ich bemühe mich nicht mehr darum, es am Leben zu erhalten. Zuviele Tiefs haben es gelöscht, Du ahnst vermutlich nicht einmal etwas davon, und so werden aus einstigen Seelenverwandten ganz banale Kumpels. Trauriger Lauf der Dinge. Doch so vieles kann ich nicht aufhalten, so vieles gleitet mir aus den Händen und bleibt nicht bestehen.
Zuviel ist geschehen, zuviel kann nicht wieder hergebracht werden. Ich habe mich verändert und kann nicht mehr zurück.
Ich sehe in das ausgezehrte, schmale Gesicht meiner Freundin von damals, noch ganz in Gedanken, und erkenne auch sie kaum wieder. Sie hat ein Leben auf der ganzen Welt, hat viele Freunde, doch auch für sie war der "Richtige" bisher nicht dabei. Ich wünsche es ihr so sehr. Einst waren wir beide unschlagbar, untrennbar und unvergleichlich. Heute sitzen auch wir nur noch als gute Freunde zusammen, die sich seit letztem Sommer nicht gesehen haben. Dunkles Kastanienhaar, einst lang bis zum Steiß, nun brav auf Schulterlänge, wird am Ansatz grau, keiner von uns trägt mehr Sicherheitsnadeln auf angemalten Jeansjacken, keiner hört mehr Heavy Metal oder klimpert mit kiloschwerem Silberschmuck. Ein müdes Lächeln umspielt meine Lippen. Wie weit sind wir zusammen gekommen, und plötzlich trennten sich unsere Wege, einfach so.
Wir werden einander nicht verlieren. Doch es wird niemals wieder so sein wie einst. Nicht für Dich und nicht für mich.
Freundinnen werden Ehefrauen und Mütter. Bands lösen sich auf. Clubs schließen. Eltern werden krank. Verwandte sterben und Freunde gehen verloren. Krankheiten und Probleme werfen uns aus der Bahn, das Leben holt uns ein. Wir waren doch so weit voraus und bleiben letztendlich doch auf der Strecke.
Einfach so.
Du nimmst die Bahn in die eine Richtung, ich in die andere. Aus den Fenstern winken wir einander noch zu, dann bin ich wieder alleine mit der Nacht. Nur folgt mir diesmal nicht ein warmer, beschützender Schatten in meinem Herzen. Diesmal bin ich wirklich allein. Ich weiß es, schon seit einiger Zeit.
Es ist besser so.
Und dennoch bedauere ich es.
Hush now
Let it go now
I know it's time to go
Time to let this fall from my hands
(VNV Nation-From my hands)
geschrieben von: rainraven
Ich hab aufgehört
Mir Deine Liebe zu denken
Ich hab aufgehört
Mir meine Liebe zu schenken
(Rosenstolz-Verändert)
...
Ganz plötzlich treffen mich die Zeilen aus meinen Kopfhörern mitten ins Herz, auf einem Heimweg durch den Sturm, der meine Ponyhaare, die letztendlich doch ihre Farbe verlieren und bald wieder schrecklich köterschlammblond sein werden, zaust und sie mir stechend in die Augen spuckt. "Du hast wahr", würde mein geliebter Kollege Kuckuck sagen, und noch viel mehr, daß ich mich selbst annehmen solle, weil ich gut so sei, wie ich wäre, doch der Kuckuck ist in seinem wohlverdienten Urlaub, vielleicht irgendwo auf den schönen Inseln, die ich so brauche wie ihn; es ist so still um mich seit einer Woche, und ich arbeite stur meine Pflicht ab, überschattet von einem tragischen Unglücksfall, der unserem Betrieb eine Mitarbeiterin nahm und uns alle betroffen zurückließ.
Was hat mir dieses Jahr bisher gebracht außer Todesfällen, Abschieden, Krankheit, Verbitterung, Hoffnungslosigkeit und Rückschritten? Was habe ich noch verloren? In einer E-Mail kämpfe ich mir gerade einen weiteren vermeintlichen Freund aus meinem Leben, der meine kompromißlose Einstellung zum Nichtraucherschutz nicht akzeptieren kann. Und ich kann vermutlich keine "Schönwetterfreunde" akzeptieren, die ich mir nur wegen ihres Charmes in meiner Nähe halte. Weg damit.
Ein Sturm geht durch die Reihen, nicht nur hier auf der Straße, sondern auch in meinem Herzen und in meinem Umfeld, und alles, was mich belastet, alles, was überflüssig ist, wird auf der Strecke bleiben. Tabula rasa wie in meinem Zimmer, ein neuer Schrank, wo alles neu eingeräumt wird und vieles weichen muß. Zuviel belastet mich, zuviel hat mir weh getan, zuviel ertrage ich nun nicht mehr. So weh mancher Abschied tut, so teilnahmslos läßt mich ein anderer verbleiben.
Es hat wieder angefangen zu schneien, auch wenn es vor wenigen Tagen noch 20 Grad hatte und erste Helden schon im Stadtfluß baden gingen. Wie gerne wäre ich unter ihnen gewesen. Es gibt ein Foto von einem anderen Karfreitag, lange her, als ich jünger und ansehnlicher war, wo ich zwischen Schneeresten im Sonnenschein lachend einem Gebirgsbach entsteige, frei, nackt und unbeschwert. Lange ist es her, daß ich all das war.
Ich gehe meinen Weg nun alleine.
Woche für Woche rechne ich mit einem Anruf des "Unbekannten Teilnehmers", der mich immer noch so sehr aufzurühren vermag, so sehr ich ihm doch fern bin, doch der schweigt beharrlich. Keiner von uns mag wohl die klärenden Worte "Lassen wir's" aussprechen, er, weil er nicht daran denkt, daß es nötig wäre und ich nicht aus Stolz. So schleppe ich unnötigen Seelenballast mit mir herum, der mich dennoch einsam macht.
Was bleibt von meinem einstigen Gefüge? Ein Kleiner Drache, der mich liebt, so unscheinbar, so eigensinnig, doch der liebende Mann in meinem Leben. Ein Kleiner Rabe, der mich mitnimmt zum Schwimmen, auch wenn es kein Gebirgsbach ist. Der mich all die Jahre nicht verloren hat, trotz Heirat und allen anderen, die er kennt. Ein Kuckuck, den nichts mit mir verbindet außer der Arbeit und gemeinsamen Traumata der Vergangenheit, doch viel mehr als nur ein Kollege. Und ein paar Freunde, die echte sind. Und das ist viel, sagt man mir. Sei zufrieden damit.
Freunde.
Wie die Sterne am Himmel, nicht immer zu sehen, doch immer da.
Mein Bus naht. Alleine werde ich diesmal einsteigen, alleine meine lange Fahrt antreten und alleine daheim ankommen.
Und auf den Sommer warten. Es kann nicht immer schneien.
geschrieben von: rainraven
Don't look so sad
I know it's over
But life goes on
And this world keeps on turning
Let's just be glad
We had this time to spend together
There is no need to watch the bridges
That we're burning
(Kris Kristofferson-For the good times)
...
Wie das Wetter sich ändert, so fühle ich mich. Ein bitterkalter Winter, der immer wieder verzweifelt versucht, ein Frühling zu sein. Der verheißungsvolle Sonnenstrahlen aussendet, den Menschen Wärme spendet, jedoch schon abends jäh durch eine Wetterwand erstickt wird, die einen Temperatursturz um 15 Grad und weiteren Frost mit sich bringt.
Immer wieder versuche ich, aus dem Nichts Freude zu generieren. Worauf soll ich mich freuen, schwerfällig gefangen in meinem schmerzenden Körper, das Gesicht voller entzündeter roter Punkte, die mich aussätzig aussehen lassen. Suche nach den Ursachen, ein Teufelskreis, aus dem ich nicht entkommen kann. Die Symptome werden ausgelöst und sind die Auslöser. Ich bin nicht mehr ich. Und mit dieser Person, als diese Person, möchte ich nicht leben, kann und will aber auch nicht entfliehen.
"Man ist immer alleine. Du hast niemanden", sagte ein Mann einst, den ich den Tiger nannte. Jetzt ist es wirklich so. Ich habe nichts mehr, wonach ich mich sehne. Das, was ich hatte, hat Liebe zu Schmerz gewandelt, Anziehung zu Ablehnung, und nun ist es sang-und klanglos verschwunden. Der, der mit mir spielte, hat nun keine Lust mehr. Schade. Unwichtig. Weg damit. Das, was mich fasziniert, kann und darf ich nicht haben. Befremdlich nennt mich der, zu dem ich mich hingezogen fühle. Vom Näherkommen spricht er, jedoch nicht vom Mir-Näherkommen. Bohre ich weiter, stoße ich auf eine Glasscheibe. Ich treibe meine Gefühle in einen Kokon, verschließe sie und lasse sie dort liegen für die Ewigkeit. Und bereite mich drauf vor, ohne sie zu leben. So schwer es auch ist, tagtäglich an seiner Seite. Immer nur Nummer Zwei. Ich lebe von hingeworfenen Almosen, nie war es anders, und ich habe mir eine kurze Zeit lang eingebildet, etwas Besonderes zu sein. Spielte "Ich bin wer". Doch jetzt bin ich wieder nur irgendjemand für die Welt statt die Welt für irgendjemanden.
Bitter auch der Gedanke, daß es jetzt ein Jahr her ist, seit eine andere Person, der ich einst sehr nahe stand, verschwunden ist. Sowas scheint in meinem Umfeld öfters zu passieren. Des Drachen Worte gehen mir durch den Kopf "Du ziehst halt komische Leute an, weil Du Dich von ihnen angezogen fühlst. Deswegen gerätst Du immer an sie."
Ich dachte schon, es läge an mir. Dennoch ist es nicht tröstlicher, wenn man darüber nachdenkt, daß ein teurer Freund vermutlich nicht mehr unter uns weilt und der Exfreund seit einem Jahr vermißt wird.
Ich scheine Bestätigung zu brauchen, einen Beweis, noch zu leben. Habe mir in den Kopf gesetzt, den Sportwettkampf zu bestehen. Der Drache lacht mich aus, er traut es mir nicht zu und rügt mich. Ich bin verletzt. Wer traut mir denn noch etwas zu? Ablehnung, überall.
Beim Training gehe ich an meine Grenzen, fast über mich hinaus und nur mein Stolz hält mich vom Zusammenbruch ab. Morgen wird mir alles weh tun. Ich muß es aber schaffen. Fragt mich nicht, für was. Bin ich glücklich, wenn ich in die Zielgerade laufe, meine Family anfeuernd am Wegesrand? Mache ich jemanden glücklich damit? Oder werde ich kläglich versagen, wie nicht zum ersten Mal in meinem Leben? Wie oft werde ich noch mühsam lächelnd der Schmach entsteigen und hinter verschlossenen Türen weinen?
Wenn sich eine Türe schließt, öffnet sich anderswo ein Fenster. Das hatte ich auch auf das Banner zum Abschied von unserem schwarzen Zuhause geschrieben. Kopf hoch mit dreckigem Hals. Das Lächeln neuer Freunde, eine geborgene, gemütliche Wohnung mit fantastischem Ausblick, die mich abends empfängt. Warme Umarmungen und freundliche Gesichter. Hier bin ich willkommen. Ich wünschte, mein Leben wäre auch so harmonisch und unkompliziert. Nicht zynisch wie Messerstiche in mein Herz. Die netten Worte einer Freundin, die sich auf mich freut. Eine Einladung. Am anderen Tag auch das Lächeln, die Nachrichten, die Gesellschaft des Kuckucks. Kleine Tropfen auf einem brennend heißen Stein. Wie lange werde ich noch so weitermachen können? Und werde ich je wieder werden, was ich war?
I've been a rover
I have walked alone
Hiked a hundred highways
Never found a home
Still in all I'm happy
The reason is, you see
Once in a while along the way
Love's been good to me
(Johnny Cash-Love's been good to me)
geschrieben von: rainraven
Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt
Sagt die Welt, daß er zu früh geht
Wenn ein Mensch lange Zeit lebt
Sagt die Welt, es ist Zeit
(Puhdys-Wenn ein Mensch lebt)
...
Vielleicht sollte man nicht mitten in der Nacht mit schweren Augen und Geist auf Halbmast seine Gedankenzüge ins Weltnetz werfen, wenn ein falscher Klick stundenlange Arbeit zunichte machen kann. Nun ist das Erdachte dahin, unwiederbringlich verloren, und gibt nur ein weiteres Beispiel ab für die Vergänglichkeit, deren Gegenwart mir gerade diese Tage wieder so verdammt bewußt ist.
Die Bilder der letzten Tage, die in meinem Kopf herumgehen und sich nicht verdrängen lassen. Ein Tsunami, die Riesenwelle, unaufhaltsam, erbarmungslos. Hinterläßt eine Schneise der Verwüstung und löscht alles aus, was war. Wie die Zeit und das Leben. Alte Häuser, Monumente aus Stein, vielen Menschen lange eine Heimat, gesprengt, zu Schutt zerfallen, müssen dem Fortschritt weichen wie ich, werden nicht mehr gebraucht, man lacht, vergißt und geht froh und arglos hinein in die neue Wegwerf-Plastikwelt.
In einem kalten, entfernten Erdwinkel bricht ein Vulkan aus und zieht die ganze Erde in Mitleidenschaft. Wärst Du nicht so oft auf dieser Insel herumgetrampelt, Kleiner Drache, denke ich spöttisch, dann wäre sie vielleicht noch heil geblieben...Großes Gejammere bei der ach so geschädigten Wirtschaft. Menschen sitzen fest im 21. Jahrhundert in diesem Endzeitszenario einer Schönen Neuen Welt, die Wesen wie uns, die Cybergoths, hervorbrachte, wenn überhaupt irgendetwas dazu nötig war. Jetzt erst sehen wir, wie verdammt abhängig wir geworden sind. Abhängig von Technik, Technologie, Wirtschaft, vom Funktionieren unserer Krücken, ohne die wir niemals die Erde beherrschen könnten. Und wie verdammt schnell alles vorbei sein kann.
Vergänglichkeit. Vor vielen Jahren, es mögen an die fünfzehn gewesen sein, erbettelte das Mädchen, damals noch Metal-Fan, ein Plakat, das bereits jemandem versprochen war, doch es hatte nur auf sie gewartet, hatte sie gerufen, und sie bekam es. Stolz trug sie es heim und besitzt es noch heute. Ein Plakat in Grün-Weiß, darauf das Antlitz eines Mannes, dunkel und männlich, eine weiße Lilie haltend, der seine Augen so weit verdrehen kann, daß nur noch das Weiße sichtbar ist. Heute ist auch er Vergangenheit. Warum gehen immer die Besten zuerst? Immer wieder Unglauben, daß etwas so Vollkommenes so vollständig und unwiderruflich von dieser Erde oder aus meinem Leben genommen werden kann, wie auch der Große Rabe, der schönste Mann, der je in mein Leben trat oder mein wundervoller Vogel, der kleine Sonnenschein. Und nun auch dieser Mann wie ein Baum, gefällt vom Leben, wie die Robinie vor meiner Haustüre, deren Verlust mich heute morgen erschütterte. Relikte meiner Erinnerung, traurige Erinnerung zugleich auch an einen Mann, den ich Bär rief, der in mir seine Zukunft sah, eine Zukunft wie Zuckerwatte, rosaweich und pappensüß, die ich ihm niemals geben konnte.
Kürzlich las ich ein Buch, in dem sich ein junges Mädchen in einem Urlaub, einer Flucht von der gescheiterten Arbeitsstelle und dem Leben in einer Sackgasse, in einen jungen Mann verliebt, einen Aussteiger, der sich der Gesellschaft entsagt und der Zukunft verweigert. Kämpfen lohnt nicht mehr, sagt er, er sei kein Kämpfer, und die einzige Möglichkeit, davonzukommen, sei Verweigerung. Das Mädchen jedoch hat nicht aufgegeben zu kämpfen gegen all die Hoffnungslosigkeit. Der Weg ist steinig und ungewiß, doch es ist ein Weg, immerhin. Und manchmal kann Stillstand auch den Tod bedeuten. Was weh tut, lebt immerhin noch. Und wer nicht kämpft für das, was ihm wichtig ist, dem kann nichts wichtig sein. Auch wenn Wege sich dadurch trennen mögen. Ich weiß nicht, wohin mein Weg führt, doch ich weiß, daß ich ihn gehen muß. Und trotz aller Widrigkeiten werde ich das noch lange tun und noch eine Weile lang froh sein, wenn ich diese Welt nicht verlassen muß, denn mir war dieses Leben immer etwas wert, für das es sich zu kämpfen lohnte.
Ich erkenne uns wieder. Einen Mann, der frei zugab, ein Weichei zu sein, das nicht kämpfen kann. Der nichts braucht und nichts hat. Nichts in seinem Herzen trägt, glaubt man seinen Worten, die mich so verletzten. Ein Mann, den ich einst den Tiger nannte. Und mich, die nie aufgehört hat, zu kämpfen, so hoffnungslos auch alles scheint, wo auch immer sie die Kraft hernimmt, ich weiß es nicht. Die in ihrem Herzen diejenigen trägt, für die sie lebt. Ganz gleich, ob diese sie verstehen oder nicht. Ob diese sie ebenso lieben oder nicht. Sie kann nicht anders.
Und um die Trümmer herum ist Frühling. Die Welt dreht sich weiter, unerbittlich, blüht, wächst, steht auf, jeden Tag. Kleine Vögel trotzen der Kälte und brüten unermüdlich ihre Jungen aus, ob die Brut verloren sein mag oder nicht, ob die Kindermörderin Elster, der Sperber, der sich plötzlich im Hof blicken ließ oder die Kälte den Kampf gewinnt oder zuletzt doch das Leben. Jedes Jahr aufs Neue. Ich sollte mir ein Beispiel an diesen zerbrechlichen kleinen Vögeln nehmen, die sich auch nicht geschlagen geben und wie durch ein Wunder jedes Frühjahr wiederkommen. Solange ich lebe, werde ich kämpfen.
There ain't no grave gonna hold my body down.
(Johnny Cash-Ain't no grave)
geschrieben von: rainraven
Take it easy baby
Take it as it comes
Don't move too fast
If you want your love to last
(The Doors-Take it as it comes)
...
Aus vollem Halse singe ich mit der CD mit, während wir in dem distanziert anmutenden Dunkelblaufastschwarz (für mich immer noch "Paul") über die Autobahn brettern. Take it as it comes. Noch so ein wunderschöner Mann, der leider schon vor meiner Geburt diese Welt verließ, mit einer noch schöneren Stimme unterlegt mit diesen alten Orgelklängen, was mir heute noch Gänsehaut macht. Ein Rebell in Lockenmähne und Leder, der mich immer ein bißchen an jemanden Lebendigen denken läßt, der auch Teil meines Lebens ist. Take it as it comes. Wie wahr. Inzwischen darf man nichts mehr erwarten und muß sich freuen über das, was man hat. Ich singe für meine Vergangenheit, für meine Zukunft und für ein wenig Frühling auch in meinem Leben, und der Kleine Drache sitzt neben mir und freut sich, daß es mir gut geht, und er weiß nicht, warum, weiß ich es doch selbst kaum.
Auf der Bergwanderung bin ich schneller als er- ich, die Wandern für gewöhnlich haßt, weil es ein sinnloses Auf und Ab ist, wo man nirgends ankommt, sich keuchend und schwitzend vor den Ausdauernderen blamiert und einem danach alles weh tut, erst recht, wenn man Rücken-und Muskelprobleme hat. Auf der überfüllten Hütte stehe ich für des Kleinen Drachen Radlerhalbe frohen Mutes eine halbe Stunde lang in der Sonne an und habe keine verdrießlichen Worte wie sonst, sondern noch Mitleid mit einem kleinen Rauhaardackel, der ganz verwirrt an jeder einzelnen Wandererwade schnüffelt, da von dort unten alle Leute wie Frauchen aussehen oder riechen, und der sich dann erschöpft auf dem Betonboden niederläßt. Ich spüre nicht Zorn, sondern Amüsement, als ich endlich die winzige Stube betreten kann, wo der völlig überforderte Wirt auf einem antiquierten Herd in drei Töpfen Erbsensuppe kocht, während die minderjährigen Kinder ohne Unterlaß Getränke aus dem Nebenraum holen und kassieren und die alte Oma in der Kittelschürze pausenlos Geschirr spült. In einem unbewachten Moment muß ich mit meinen über 5 Litern Lungenvolumen sogar selbst heftig auf die Töpfe pusten, bis mir schwindelig wird, da die Suppe überzukochen droht. Bis endlich die Oma alarmiert herbeigehumpelt kommt und den Wirt, vermutlich ihren Sohn, der jetzt auch wieder auf der Bildfläche erscheint, keifend rügt.
Die Sonne scheint zum ersten Mal in diesem Jahr auf meine nackten Unterarme, und ich fange wieder Erdkröten im Tümpel wie damals als Kind, sehe in ihre schönen rotgoldenen Augen und erkläre dem Kleinen Drachen ernsthaft die Systematik der Froschlurche. Finde ein graues Gewölle, zerlege es, versuche, den Mäuseunterkiefer heil für meine biologische Sammlung mitzunehmen und rätsle den ganzen Weg lang, welcher Vogel es wohl da oben auf den Berg hingespien haben mag, neben den Wegweiser und das "Eiserne Kreuz", wie ich die Kuhschranke, die da einsam und nutzlos ohne ihren einstigen Zaun quietschend im Wind herumeiert, tituliere.
Das Leben ist schön. Die Sushi-Abend-Vorbereitungen mit meinem großen kleinen Bruder in seiner niedlichen, gemütlichen Wohnung, viel Reis und Gelächter, und gleich zur Begrüßung die Frage: "Was möchtest Du trinken?" Er hat extra bestellte Klebreis-Preßformen (leider mit Anleitung in Japanisch, aber schön bunt) und Plastikfregatten zum Fisch-Drauf-Anrichten und eine Reihe weiterer solcher Spielereien; wenn nicht, wäre er nicht mein Bruder. Doch ich bin sicher besser im Essen als im Zubereiten von Sushi. Die Makis werden schief und krumm, mit dem Finger zurechtgedatscht, überall muß Wasabi rein, viel hilft viel, und der japanische Küchenmeister würde vor Gram Harakiri betreiben, würde er dies sehen müssen. Die Hälfte der Zutaten landet mangels Platz zum Hantieren auf dem 0,5 qm-Boden von Bruders Miniküche, deren Hauptbestandteil eine messingfarbene Samowar-Retro-Kaffeemaschine mit "Reichsadler" auf dem Deckel ist. Vielleicht eher Steampunk-Kaffee statt Sushi?
Doch wir werden noch rechtzeitig fertig, bevor der Kleine Drache zu uns stößt und lassen den Rest Abendsonne auf dem Balkon ausklingen, die nackten Füße in der Sonne, den Short-oder Longdrink in der Hand, ich hochgradig amüsiert über die kleinbürgerliche Nachbarin von ganz unten, die so unglaublich subtil ist, daß sie ihm einen frischen Eimer Wasser die vier Treppen hochschleppt mit der süffisanten Frage, ob es denn "sein Wasser" sei, was von der Traufe seines Balkons auf ihre Terrasse herabliefe. Worauf er nüchtern konterte, nein, seines sei schmutzig gewesen. Guten Tag! Türe zu. *LOL*
Kleiner Bruder, wir kommen gerne wieder vorbei. Auch wenn man bei Dir Yellow Submarine oder Addams Family gucken muß, weil sich Deine Leinwand und der Beamer ja rentieren müssen. Du hast eine grandiose Aussicht auf Bäume voller Krähen, Falken umrunden die hohen gläsernen Bürogebäude und den imposanten Vierkantbolzenturm in der Nähe, und im lauschigen Hof turnen wiederum die Eichelhäher und Grünspechte herum. Ich mag diesen Kontrast zwischen Moderne und Natur. Mir gefällt Dein Zuhause. Und es ist so nahe bei dem Ort, wo angeblich der Große Rabe ruht...
Zwei Tage zuvor gab jemand wieder ein Stelldichein in meinem Dasein, der mich wie in alten Zeiten ausführte und-so sehr ich mich auch belügen werde-für immer in mein Herz gebrannt ist, auch wenn es jetzt nicht mehr schmerzt. Immer, wenn ich denke, ich kann ohne Dich, kommst Du wie ein Wirbelwind vorbei und weckst Sehnsüchte und Erinnerungen, Feuertiger, Kometenschweif. Es sind nur Augenblicke, nur Bruchteile von Situationen, die ich nie vergessen werde.
Ein Anruf, Du, noch meilenweit von meiner Heimstatt entfernt: "Ich seh Dich!" Du KANNST mich noch gar nicht sehen, doch ich weiß, was das Zitat bedeutet. Du trägst immer noch mein T-Shirt, das ich einst für Dich gemacht habe. Gebrandmarkt vom Regenraben, keiner außer uns erkennt das Zeichen. Du machst Dich fertig für die Party. Ein weiterer Augenblick. Zwischen Schutzbrille und düsterer Atemmaske blitzen Deine Bernsteinaugen hervor, wie ein durchgeknallter Jägerpilot aus einem Endzeitfilm siehst Du in diesem Moment aus, für mich zum Niederknien. Wenn es jemals einen Mann gibt, der diesen umstrittenen Cyber-Future/No-Future-Casual-Look tragen kann, dann bist Du es. Ein Mad Max, Outsider, Mariner und Renegade, und dabei doch so natürlich und schlicht. In diesen Momenten fällt es mir schwer, meine Fassung zu wahren, nach all den Jahren noch, und ich bedaure es so sehr, daß ich nicht alles haben kann, was ich begehre. Doch das Leben hat mich genügsamer werden lassen. Take it as it comes.
Meine Meisen haben vier Kinder ausgebrütet, was aus den anderen Eiern geworden ist, weiß ich nicht. Unermüdlich füttern sie, wie jedes Jahr, und ich bin froh, daß ich diese zähen kleinen Leben nun seit vier Jahren bei mir haben darf. Ich wünsche ihnen, sie mögen ihre vier Jungen durchbringen und keines an eine Elster oder einen Sperber verlieren. Ich sehne mich nach Sommer, nach schönem Wetter, daß auch ich mein Geburtstagsgeschenk vom Vorjahr einlösen kann und einen Tag mit meinen wunderschönen freien Brüdern, den großen Vögeln, verbringen kann. Ich wünsche mir noch viele schöne Tage (ohne Regen) auf historischen Märkten mit meinen Freunden in gemütlicher Runde, wünsche mir Flammbrot, Met und Sonne in Deiner Nähe im HeiDo in wenigen Wochen, denn jetzt halte ich die Karten für das WGT in meinen Händen, und egal, wo Du bist, wie nah oder fern, es wird wieder schön werden. Ich alleine habe die Gabe dazu.
Take it as it comes.
Und dann sehen wir weiter.
geschrieben von: rainraven
Despair and Deception
Love's ugly little twins
Came a-knocking on my door
I let them in
(Nick Cave-Let Love In)
...
Ein Frühling, der keiner ist. Wieder einmal. Wieder ein Jahr, das so hoffnungsvoll begann, manch einen auf verheißungsvolle Wege lockte und sich dann als Mogelpackung entpuppte.
Kalter, grauer Stillstand. Ich sitze hier und warte.
Wann hört es endlich auf zu regnen. Meine Meisenjungen werden erfrieren oder verhungern, wenn es so weitergeht, wie damals vor drei Jahren, als für mich um diese Zeit das Leben weiterging und ihres viel zu früh endete. Drei Jahre schon in diesem Job, länger, als alles andere, was ich je tat. Und jedes Jahr wieder tapfere, neue Meisenkinder.
Ich widme meine Gedanken heute nicht dem, was ich habe. Einem ungeheizten Zuhause, einem nach Gesellschaft drängenden Drachen, einem Noch-Immer-Tiger, der in typischer Tradition nach einer kurzen Begebenheit des Liebevollseins wieder seine gewohnten provokativ-naiven Fragen stellt und mich ärgert, einem Lieblingskollegen, der heute bedauernd wortkarg ist, was mir weh tut.
Heute hast auch Du Geburtstag, mein Igelhaar, mein Träumer, von dem ich nicht einmal weiß, ob Du noch lebst oder wo auf der Welt Du bist. Seit über einem Jahr hat keiner ein Lebenszeichen von Dir bekommen. Man sucht Dich immer noch. Und man befürchtet das Schlimmste. Noch schlimmer ist, daß man anfängt, sich daran zu gewöhnen, daß es so ist, wie es ist. "Wen ich einmal treffen möchte" heißt eine Rubrik auf Deinem Profil. "Den lieben Gott" hast Du geschrieben. In diesem Zusammenhang erscheint der Scherz bitter. Ich hoffe so sehr, daß Du ihn noch nicht getroffen hast. Auch wenn ich seit elf Jahren das Leben eines Anderen teile, ich werde Dich nie vergessen.
Noch viel länger her ist es, als ich das Leben eines anderen Mannes teilte, ein Leben, in dem ich noch nicht viel vom "Leben" wußte und doch so viel mehr lebte als nun. Du bist nicht verschwunden, Bär, doch ich weiß traurig, daß die Waagschale des Lebens sich auf meiner Seite hob und auf Deiner senkte. Und ich bin nicht ganz unschuldig daran, wenn ich dies für immer glauben möchte. Wenn überhaupt jemand daran Schuld haben kann, wenn eine große Liebe stirbt.
Umso präsenter wird mir die schöne Zeit aus einer fernen, unwirklichen Vergangenheit, da ich plötzlich den Kontakt zu deiner "kleinen" Schwester wiedergefunden habe, die mit mir nicht nur Lieblingsfarbe und -tier, sondern auch den Namen gemeinsam hat und die ich damals immer bewundert habe. Wie melancholisch klingt es aus ihrem Munde, wenn sie über damals spricht. Ich wäre Deine große Liebe gewesen, und ich konnte Dir nicht das geben, was Du für uns wolltest. So, wie ich heute bin, würdest Du mich aber auch nicht wollen, sagt eine Stimme in mir. Und ich habe damals schon aufgehört, Dich genug lieben zu können. Die Zeit, die Entfernung, das Leben trennte mich von Dir. Zurück bleibt Bedauern und Dankbarkeit.
Während ich den Einen wohl niemals wiedersehen werde, habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, den Anderen und seine Schwester einst wiederzusehen, ich habe es sogar vor, irgendwann. Immerhin befinden wir uns im selben großen Land.
Regentropfen trocknen an meiner Fensterscheibe. Es kommt die Nacht, und es kommt ein neuer Morgen. Vielleicht auch für Dich, irgendwann, bald. Ich wünsche es Dir so sehr.
geschrieben von: rainraven
Se dice:
El tiempo sana todas las heridas
Pero las heridas son muy hondas
Y las cicatrices no sanan
Sólo destiñen
(Xotox-Verlust)
...
Wieder fällt eine Feder im Strudel der Zeit.
Eine Gänsehaut läuft mir über den Rücken, mein Magen zieht sich zusammen. Kalt fährt der Wind mir ins Gesicht. Ich fühle mich wie ein einsamer Krieger, der letzte Überlebende nach dem Sturm, in einem stillen Schlachtfeld voller Pulverdampf. Noch habe ich überlebt, doch um mich herum wird es leerer und kälter. Und ich frage mich, wie hoch der Preis ist, den wir fürs Überleben zahlen.
Wie Kalenderblätter abgerissen und weggeworfen, verlassen uns einer nach dem anderen unsere alten Weggefährten. Noch sind wir am Leben, doch die Einschläge kommen näher. Immer näher.
Ungläubig starre ich auf die Schlagzeile am Montagmorgen und kann nicht fassen, was meine gewittergrauen Augen lesen. Es fällt mir schwer, jemanden gehen zu lassen, der Vorbild stand für einen Charakter in den Fantasien meiner -und Deiner- Jugend, meine treue Freundin und Schwester Ritchie "Itch". Um nicht alleine zu sein, schufen wir ein Universum, in dem vier unerschrockene, ebenso komische wie tugendhafte Helden die Welt retten konnten. In einer Zeit, in dem es noch Airwolf, Mc Gyver, das A-Team und Knight Rider gab, in dem wir in guter Gesellschaft waren, sozusagen. Ein Micky-und ein Goofy-Typ an der Seite zweier flotter Mädels, Charaktere entliehen aus der Welt der Rockmusik, hineingesetzt in eine Actionkomödie voller Gefühl, deren Regie wir voller Inbrunst führten.
Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, als wir beide die Zukunft schufen, Nachmittage lang mit Kladden, Tinte und Tee, dabei ist es inzwischen gut mein halbes Leben lang her, und Du hast Dein eigenes fern von mir. Letztendlich wurde das unzertrennliche Gespann doch geteilt, zuerst auf dem Papier, dann in der Realität und nun durch den Tod eines der Protagonisten. Und ich höre die Uhr ticken. Wann wird der nächste fallen?
Trauer. Bedauern. Niemals hätte ich gedacht, daß ich Abschied nehmen muß von Ikonen meiner Jugend, einer nach dem anderen, Schritt auf Schritt. Mit ihnen stirbt meine Jugend, meine Vergangenheit, die unwiederbringlich vorbei ist.
Auf einem Grab verwelken Blumen. Ein Altstar jagt seinen besten Zeiten hinterher. Eine Mutter geht in ihrer Familie auf.
Und zurück bleibe ich, ein verbitterter, einsamer Kämpfer, der nicht einsehen will, daß der Krieg längst aus und verloren ist.
...
Kriege, die ich nicht kämpfe. Gewinne, die keine sind.
In meine Zerrissenheit kommt eine eigentlich frohe Kunde, die mich einer unangenehmen Konfrontation enthebt. Die mir jedoch auch Bedauern und mulmige Gefühle macht. Manchmal ist es vielleicht besser, eine Chance nicht zu haben. Gewohnte Wege nicht zu verlassen. Wie soll man sich freuen, wenn man trotz Unschuld immer als Feind gesehen wird? Wie war das, meine Freunde sollen mich lieben, meine Feinde fürchten, aber noch lieber wäre es mir, wenn ich keine Feinde hätte.
Ich würde so gern in Frieden leben.
Manchmal aber fallen Opfer zu beiden Seiten des Weges, den man um seinetwillen gehen muß, und einige Menschen, die ich kenne, können ein Lied davon singen, daß das Paradies von einer Dornenhecke umgeben ist.
Ich weiß nicht, was ich fühlen sollte. Ich sollte mich freuen, doch ich kann es nicht. Ich bin nicht grausam, auch wenn es mich mit gewisser Genugtuung erfüllt, zu hören, daß manch einer mich fürchtet. Es macht auch traurig. Und einsam. Und ich fürchte mich auch, vor Rache und vor Sühne.
Für Schuld, die nicht meine ist.
Jemand wollte Frieden, wo kein Krieg war. Jetzt fürchte ich Krieg, wo keiner sein müßte. Dabei sehne ich mich nur nach Ruhe. Und endlich Frieden. Doch manche Narben heilen nicht.
Sie verblassen nur.
geschrieben von: rainraven
She dreams in digital
'Cause it's better than nothing
Now that control is gone
It seems unreal
(Orgy-Fiction/Dreams in Digital)
...
Warm liegt mein Rücken auf dem Sandsack, auf dem ich liege. Zwanzig Minuten Ruhe in meinem hektischen Alltag. Starr blicke ich zur weißen Raumdecke meiner Kabine des Rehacenters empor, eigentlich nur eine hohe, rauhverputzte Garage, denke ich, grob aufgetragene, weiße Farbe über derben Klüften und Löchern, die sich vor meinen erschöpften Augen langsam verzerren, drehen, pulsieren, bis mir die Tränen kommen.
Und dies nicht nur von der illusorischen Raumdecke.
In den überheblich anmutenden Worten meines stets gut gelaunten, plakativ mit strahlend weißen Zähnen grinsenden und sich sicher (-im Gegensatz zu mir-) korrekt ernährenden Physiotherapeuten höre ich auch Dich, mein immerwährender Tiger, und es ist mir längst kein Geheimnis, daß mein Leben von vorne bis hinten eine verkorkste Last ist, der ich nicht entfliehen kann. Meint Ihr, ich wüßte es nicht? Es gibt nur keine Möglichkeit, es zu ändern. Manche Dinge müssen einfach getan werden, und es fragt keiner, ob man will oder nicht, Tag für Tag. Nicht für jeden ist das Leben leicht, und, um es mit den süßen Worten meines Drachen zu sagen, wäre ich eine Blaumeise, würde ich jedem die Augen auspicken, der dies behauptet.
I always long for creation and crucifixion
The sky would tear like paper when we speak face to face
(Din A Tod-Creation Crucifixion)
Juni-Nachmittag. (Denke ich. Gefühlter Novemberabend.) Regenschlieren laufen seit Tagen in runden, schlangenartigen Formen die Fensterscheiben herab, unwirklich grau in grau ist der Sommer, der es nicht verdient, ein solcher zu sein, die wenigen warmen Tage bisher nur eine Einbildung, ein netter Traum ohne Bedeutung, ohne Tiefgang, der bisher lediglich juckende, rote Brandspuren auf meinem Rücken hinterlassen hat. Aus unerklärlichem Grund sehe ich Dein Gesicht vor mir, mein Fuchs, und ich erinnere mich, daß ich letzte Nacht vage von Dir geträumt habe. Noch unerklärlicher ist die plötzliche Sehnsucht nach Dir, der Wunsch, in Deinen Armen zu liegen, unter einem Sternenhimmel zu den Klängen von Clan of Xymox. Warum ausgerechnet dazu, frage ich mich, aber der Gedanke an Deine warmen Bärenarme, Deinen stämmigen Körper an meinem und ein Konzert vor einigen Jahren wärmt mich von innen, und ich muß schmunzeln, als ich mir vorstelle, auf dem mir noch bevorstehenden Event aus heiterem Himmel eine SMS an Dich abzuschicken mit dem Inhalt "Ich wünschte, Du wärst hier mit mir". Vermutlich wirst Du Dich totlachen, mit Deinem breiten lasziven Grinsen und wieder in Deinem "dreckigen" Schwäbisch, das mir immer ein Kribbeln im Magen macht, einen Spruch parat haben, mit diesem amüsierten, heiteren Auflachen. Aber ich werde Dich dabei nicht hören und kann es mir nur vorstellen.
Das Event rückt näher, hoffe ich, und ich werde, wenn, nicht mir Dir dort sein. Verrückte, verdammte sieben Jahre habe ich auf eine Unternehmung wie diese gewartet, und jetzt wirft sie sich ganz einfach vor meine Füße-wenn nicht im letzten Moment noch etwas dazwischenkommt- und ich weiß nicht, ob ich aufgeregt, genervt oder gestreßt sein soll. Ich werde mich überraschen lassen.
One day, we will find
No way to cross this line
It's where our worlds collide
(Clan of Xymox-This World)
Derselbe Ort, derselbe Platz, auf dem ich saß, dieselben Augen, die sich in die meinen senken, und meine, die zum hunderttausendsten Mal jedes Detail an Dir wahrnehmen, während wir sprechen, und doch ist es ganz anders als beim letzten Mal. Wir sitzen hier als Freunde, verdammt noch mal, immer noch.
Viel tiefer als je zuvor, dringe ich in Dich mit meinen analytischen Fragen, meinen Worten, meinen Aussagen, Erklärungen, wie ich die Welt sehe. Und endlich verstehst Du. Verblüfft, bestürzt bist Du von meiner Wahrheit, nachdenklich, doch erleichtert. Näher könnte ich Dir niemals kommen. Und endlich finden wir zusammen, wenigstens ansatzweise verstehen wir einander.
I see you.
Und hoffentlich bald wieder.
Dieser alten, kaputten Maschine, die sich ständig verzweifelt über ihre Leistungsgrenzen quält und es mit Schmerzen bezahlt, fehlt die Party, das ausgelassene Tanzen, das Rampenlicht, die fünf Minuten Traum in Digital, die Illusion, wenn das Licht ausgeht und die Scheinwerfer an. Das Gefühl, unbesiegbar zu sein und eine unnahbare Welt zu besitzen. Sich von den Klängen tragen zu lassen, die Haare und die Gliedmaßen in den Beats wirbeln zu lassen, mit der Melodie zu fliegen, Deine Anmut und Sinnlichkeit zu erleben, wenn Du tanzt. Und dann ab, davon in die Nacht. Gänsehaut.
Hold your head up high
For there is no greater love
Think of the faces of the people you defend
You defend
And promise me
They will never see the tears within our eyes
My eyes are closed
(Crüxshadows-Winterborn)
Abend. Heimwärts durch den Regen. Bin ich wirklich nicht im Besitz eines einzigen, nicht kaputten Schirmes? Sprühregen, der sich trotz allen Schutzes auf meine zu dünne Kleidung legt, in mein Gesicht, mich, noch nicht von der traditionellen WGT-Erkältung genesen, frieren läßt. Ich will endlich daheim sein, wo es warm und trocken ist, bevor mir Kiemen wachsen. Oder Algen wie dem lebenden Haus neben mir. Im Sommer (also in einem echten Sommer) kann ich seine Wärme spüren, wenn ich an ihm vorübergehe. Häuser sind wie Menschen. Ich gehe an einer alten Hofeinfahrt vorbei, und ein übelriechender kalter Wind weht mir entgegen, wie ein schaler Mundgeruch. Aus einem Kellerfenster atmet es Fahrradreifengeruch, aus einem anderen modrigen Muff, den ich nur zu gut von meiner verschimmelten Zimmereinrichtung kenne. Weiter gehe ich. Ein anderes Haus atmet mich mit schrecklich überwältigendem kalten Nikotingestank an, ein Raucherhaus, und ich halte die Luft an, bis ich vorüber bin. Und bei dem Haus gegenüber meiner Firma bleibe ich sekundenlang stehen, denn es duftet himmlisch nach frischer Wäsche, so gut hat meine noch nie gerochen. Vorzugsweise mittwochs riecht es so gut, und ich schnuppere immer im Vorbeigehen nach dem Geruch frisch gewaschener Waschkeller.
Doch am allerbesten riecht mein eigenes Haus, nicht auffällig, nicht gut, nicht schlecht, sondern einfach nach Zuhause.
Ich bin daheim.
geschrieben von: rainraven
I wish that I could be that bird
And fly away from here
I wish I had the wings to fly away from here
(Annie Lennox -Little Bird)
...
Ein kleiner, magerer, zerzauster Bahnhofsspatz blickt neugierig von meinen Füßen zu mir auf, und ich habe nicht einmal die Kraft, ihm zuzuzwitschern. Bitterkeit erfüllt mein Herz, Bedauern, und die Gewißheit, alles genau so kommen gesehen zu haben und dennoch alle schlechten Omen mißachtet zu haben. Mein Kopf mag schier zerspringen nach einer mühevoll durchwachten, mit Herumwälzen verbrachten Nacht, die Augen verschwollen von Tränen der Wut, mein Kreislauf ist am Boden, die Hände zittern. Alleine sitze ich hier und blicke düster in die beginnende Mittagssonne hinaus. Fail. Wieder einmal. Aber komplett.
Gleich kommt der Zug, der mich nach Hause bringt, umso bitterer, daß zur gleichen Zeit ganz unerwartet der Fuchs auf dem Weg hierher ist, alles was ich mir gewünscht hatte, und ich werde die Tage nicht mit ihm teilen können. Sand, der mir durch die Hände rinnt. Warum muß immer Feuer auf Wasser treffen, warum gibt es stets Streit, wenn wir zusammen sind, und warum muß immer ich der Sündenbock sein? Ich habe genug und ich ertrage heute nicht mehr, zumindest damit hattest Du recht. Einst warst Du so unglaublich, jetzt bist Du nur noch unglaublich verletzend.
Was habe ich verloren? Meine Würde, meine Beherrschung, ein schönes Wochenende an Deiner Seite, kostbare Zeit und eigentlich nichts mehr hier. Nichts. Das ist es, was ich erwartete, und was ich erwarten kann.
Einen Tag habe ich gewonnen, den ich benötige, von der Welt abzuschalten und mich zu erholen. Einen Tag weit weg von Dir, wieder einmal ein Tag, an dem ich wünschte, Dich nicht zu kennen, Dir niemals begegnet zu sein. Doch hatten wir vielleicht gar keine Wahl? Wer weiß.
Sonntagmorgen. Ich erwache gestärkt, erholt, aus einem seltsamen Traum. Ein freundlicher, bunter Fisch, der mir einen Giftstachel in die Hand treibt, an dem ich sterben könnte, den ich aber ruhig herausziehe und überlebe. Ein Bagger, der meine Heimstatt verwüstet, mir alles Alte und Vertraute nimmt, um es mir dann umso schöner wieder herzustellen.
Ich weiß, was ich zu tun habe. Und ich werde gerufen, mitzukommen. Der Phönix steht aus der Asche auf. I'll be back.
Ich habe meine Mission erfüllt. Einen schönen Tag mit lieben Menschen verbracht. Gelacht, bis wir am Boden lagen. Sanitärhumor nannte ich es, und mir kommen heute noch die Tränen über die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten von André Rieus Geigenbogen oder einem Mülleimer, wenn Not am Mann ist. Und ja, ich denke immer noch über ein Synonym für "potent" nach, das man sich auch getrost auf ein T-Shirt schreiben kann. Auch wenn Du das nicht nötig hast, lieber Freund.
Den Fuchs und die Füchsin habe ich getroffen, eisblaue Augen funkeln über dem roten Bart, den Du jetzt trägst. Liebe, vertraute Augen, eine Mauer im Sturm. Das Schicksal schickt Dich mir immer dann, wenn ich haltlos in einem ganz bestimmten, altbekannten Strudel aus Kummer und Verzweiflung treibe.
Und ich kann stolz auf mich sein, über meinen eigenen Schatten gesprungen zu sein und wieder einmal die bisher gröbste Suppe ausgelöffelt zu haben, die Du immer einbrockst, fernes großes Raubtier. Ich habe die Pantherin umarmt. Klein, schlank, schwarz, geschmeidig und nicht gefährlicher als ich. Denn die wahre Tigerin bin ich. Das große, goldene, gutmütige Feuer, das nur verbrennt, was ihm schaden will.
Im Versuch, Frieden zu bringen, gebe ich immer mehr von dem auf, was mir teuer ist, gebe sogar Dich, weil Du mir teuer bist, warum auch immer, weil ich verteufelt nochmal nicht loskomme, irgendein verdammter Stachel steckt noch tief verhornt im Fleisch und wird niemals weichen. Ich kann mich nicht belügen, im Gegensatz zu Dir. Und ich werde niemals wissen, was uns noch zusammen hält. Doch es ist da, und es wird niemals enden.
Ich will es nicht wissen, was es ist und warum. Mit schwerem Herzen, das zugleich so leicht ist, blicke ich hinauf zu einem Flecken makellosen Sommerhimmels zwischen grünen Baumkronen, folge dem Flug einer Ringeltaube, und ich bin in diesem Moment ebenso frei wie diese. Ich kann das Schicksal nicht aufhalten. Sicher hat alles irgendwo seinen Sinn, und die Dinge, die geschehen sollen, fügen sich ineinander. Ich weiß nicht, wohin der Weg führen wird, doch einen anderen gibt es nicht.
Für mich sei alles einfach, weil mein Leben schon so kompliziert wäre, sagte der Tiger. Doch für ihn wäre alles kompliziert, weil sein Leben einfach wäre. Du irrst Dich. Deines ist viel komplizierter. Doch vielleicht habe ich es zumindest für Euch nun etwas einfacher gemacht.
Das Leben geht weiter, und ich versuche, mit den Erinnerungen zu leben, wie ich es immer tat. Ich sollte dankbar sein für das, was ich habe, ich weiß. Doch immer trage ich auch die Sehnsucht in mir drin. Ich werde lachen und ich werde weinen. Doch das ist das Leben und ich nehme es an, wie es ist.
Here somewhere in the heart of me
There is still a part of me
That cares
And I'll, I'll still take the best you've got
Even though I'm sure it's not
The best for me
(Depeche Mode-Goodbye Lovers)
geschrieben von: rainraven
La pluie, le vent et les orages
N'entacheront pas mon courage
Je reste assis contre le vent
Je marche librement sur le printemps
(Dernière Volonté-Douce hirondelle)
...
Wieder einmal stehe ich an der Schwelle zu einem neuen Lebensjahr, unaufhaltsam, die Spuren der Zeit im Gesicht und am Körper wie das stolze, aber verblichene Mahnmal des unbekannten Kriegers, der unaufhörlich dem Sonnenuntergang zustrebt. Längst ist schon zweimal das "Verfallsdatum" überschritten, doch ich gebe mich nicht geschlagen, gebe verzweifelt meinen Platz nicht ab, und durch den Club wandle ich inzwischen unerkannt. Ich hänge so sehr am Leben, so beschissen es sich meist auch gibt, und ich könnte dennoch nichts anders machen. Hinfallen und immer wieder aufstehen, an die Wand fahren und mit zerdellter Fresse weiter. Denn Liegenbleiben ist auch blöd.
Doch es ist ein schöner Tag, den ich mir diesmal zum Älterwerden ausgesucht habe. Nicht immer ist es so, meist ist Anfang Juli grauenvolles Wetter, wie mir zum Hohn, und deswegen habe ich seit Jahren keine Grillparty mehr ausgerufen, wie ich es immer gerne getan hätte, wie es in meiner Jugend üblich war. Doch heute ist ein Wetter, wie es sein soll, in einer Jahreszeit, die sich Sommer nennt, die anscheinend keiner hier mehr kennt und die den Leuten absonderlicherweise befremdlich vorkommt, kaum daß es mal annehmbare Temperaturen hat.
So soll ein Sommer sein. So und nicht anders. So warm, daß man nicht frieren muß, daß man so wenig wie möglich anziehen muß, daß das Wasser ruft, ein Himmel für diejenigen, die nicht fliegen können. Das perfekte Wetter zum Grillen, Baden und Relaxen im Schatten, zum Nachts-Draußensein, das perfekte Wetter für einen Sieg der Nationalmannschaft über Argentinien (den ich vorhergesagt hatte, wie damals vor vier Jahren, ich tat das sogar auf derselben Stelle im selben Staub am selben Festival), und überhaupt gehört sich das so für meinen Geburtstag.
Den ich genaugenommen erst morgen begehe, aber wen kümmert das schon. Gefeiert wird heute.
Und ich lasse das "Horn von Afrika" schallen über den gesamten Park, mit meinen fünfeinhalb Litern Lungenvolumen, laut und kräftig, "Hat einer das Schiff gesehen, das hier eben vorbeikam?", und ich darf das. Ich lebe. Ich bin bunt, und ich bin laut. Verdammt nochmal, ich lebe!
Am Himmel ziehen meine Seglerkinder ihre weiten Kreise und reißen mich mit mit ihren heiseren Schreien. Ich liebe die Natur und ich hasse Menschenmengen, doch ich bin hier zuhause, und ich bin in der Stadt geboren und aufgewachsen, ich bin ein Kämpfer, brauche die Infrastruktur, die Nähe, Höhe, Geborgenheit, doch auch meinen Platz unter alldem. Freien Blick ins Grüne, Ruhe um mich rum, wenn ich sie wünsche, doch ganze fünf Minuten öffentliche Fahrzeit in die City. Die Stadt ist nicht staubig und stickig im Sommer, sie ist oftmals zu kalt, doch heute nicht. Warm ist der Beton unter meiner Haut und der Sommer riecht nach Freisein und nach Holzkohlegrillung am Fluß. Manchmal fühlt man sich selbst hier ein bißchen wie im Süden.
Auf meinem Balkon bin ich umgeben von einem roten Ahorn, einer Kastanie, Tomaten, Basilikum, Paprika, Chilies, Schnittlauch, Currykraut und Marokkominze, und es duftet herrlich. Bis vor kurzen hat auch noch meine Meisenfamilie hier gewohnt, nur gehört der Balkon wieder uns. Mein eigenes Nest.
Allen zum Trotz, die hier nicht sein wollen, weiß ich doch, ich will genau hier sein, lieber vielleicht nur noch an einem See, doch das geht heute nicht, ich erwarte meine Lieben, die Menschen, die mich auf dem langen Weg noch nicht alleine gelassen haben, die ich zu meinen wahren Freunden zählen kann. Ich will feiern. Ich will mich freuen. Ich will glücklich sein, für diese kurzen Momente meines Lebens. Und morgen will ich ein dickes fettes JA auf den Stimmzetteln erleben, und dann bin ich auch schon off zu neuen Abenteuern.
Mal sehen, was das neue, "alte" Lebensjahr noch zu bieten hat.
geschrieben von: rainraven
Und der Haifisch der hat Tränen
Und die laufen vom Gesicht
Doch der Haifisch lebt im Wasser
So die Tränen sieht man nicht
In der Tiefe ist es einsam
Und so manche Träne fließt
Und so kommt es
Daß das Wasser
In den Meeren salzig ist
(Rammstein-Haifisch)
...
Ich sagte einmal, ich bin ein Schlachtschiff, ein Panzer. Eine alte Maschine, groß, laut, unverwüstlich, ihren eigenen Niedergang nicht wahrhaben wollend, ein Anachronismus wie einer der vielen, die uns in der letzten Woche begegneten und uns gleichermaßen mit Schönheit und Vergänglichkeit konfrontierten. Schönheit liegt auch in der Vergänglichkeit. Mein Talisman, den ich niemals abnehme (es sei denn, mir wird deswegen wieder ein Kernspin verweigert) erinnert mich jeden Tag daran.
Ich selbst, die nicht mal ein Auto fährt, am Steuer eines Panzers, ich lebe das Rasseln der Ketten und das Dröhnen der schweren Maschine, ich bin eins mit der Power, dem Lärm, der Wucht, dem schwerfälligen und doch respekteinflößenden Gerät. Unbeirrbar macht es seinen Weg über das zerfurchte Land, und ich lenke es.
Altes, kaputtes, ehrgebietendes Gerät. Schaufelrad-und Abraumbagger, die größten stählernen Ungeheuer, die je die Erde umgewälzt haben und dennoch noch nicht einmal die größten ihrer Art. Jetzt stolz vor sich hin rostende und immer noch wunderschöne Landmarken, die ihren bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Zumindest bei mir.
Wie auch die verwundert-verträumten, einsamen Augen der Schwanenboote, die vergessen im Wald langsam in die Umgebung einwachsen, ein Teil der Natur werden, verloren vergehen. Dinosaurier, gefällt, kopflos, verstümmelt, der Niedergang der Giganten, wirklicher denn je, und so wie sie vergehe ich ein kleines Bißchen mehr, jeden Tag, Tag für Tag.
Auf dem Heimweg durch die ausgestorbene Stadt liegen die Flaggen schlaff und schief geneigt bewegungslos in der Sonnenglut. Es hat sich ausgefeiert im Staub des Vergessens. Und wie immer sind wir nur Dritte geworden, zum Ersten reicht es nie so ganz, der Ruhm ist ein müder Abglanz dessen, was man hätte erreichen können. Das Gefühl, das ich schon mein ganzes Leben lang kenne. Zufrieden sein zu müssen über das, was man hat, da das, was man ersehnt, eh unerreichbar ist.
In der selbst für mich allmählich unerträglich heißen Mittagshitze (wenn man sich nicht in und an einem Gewässer aufhalten kann) liegt der Tiger schwer atmend im Schatten, den ich mit ihm teile, nur auf der anderen Seite eines verhältnismäßig dünn anmutenden Gitters. Nur Zentimeter trennen mich von der riesigen Katze, es scheint unwirklich, so nahe zu sein. Es reizt mich, diese Vibrissen zu berühren, die sich durch das Lochmetall schieben. Nur ein winziges Tigerhaar zu berühren. Es zieht mich an. Und doch blickt mich die ganze Zeit schon ein großes hellgrünes Auge warnend, starr und doch auch unsicher an. So nah, daß ich den Tiger atmen höre. Komm mir nicht zu nahe, sagt der Blick. Oder hat er auch Angst, vor mir, der Unbekannten?
Ich zögere eine Sekunde zu lang. Ein tiefes, kehliges Grollen, dem Panzermotor nicht unähnlich, sagt mir, die Grenze ist überschritten. Ich ziehe mich zurück und habe meine Chance vertan. Vielleicht auch besser so, ich fühle mich peinlich berührt und schwach, doch später werde ich es dennoch bereuen.
Nachdenklich macht mich dies. Der echte Tiger gab mir ein Zeichen. Laß es gut sein. Du bist nicht dazu berufen, noch näher zu kommen. Vielleicht gibt es eine Tigerin, eine Pantherin, die meine Aufgabe zu Ende führen soll, weil es nicht die meine ist. Vielleicht soll auch ich mich einfach nur in den Schatten legen und mich von einem Teil meines Lebens trennen, der ohnehin Schritt für Schritt von mir abfällt, und morgen ist man bereits viele Kilometer weit weg von dem, wo man heute war, wie auf der Fahrt, und man fragt sich, ist das alles wirklich passiert?
Was ist denn noch wichtig? Was hält mich zusammen? Welche Rolle spiele ich im Ganzen? frage ich mich, während mir gerade anderseits die Frage durch den Kopf geht, ob mir ein Konzern lebenslang den monatlichen Unterhalt dafür zahlen würde, wenn ich mir ihren Produktnamen auf den Leib tätowieren ließe. Und ob man diesen dann ständig gut sichtbar tragen müßte? Ob ich denn eher mit "Jägermeister" auf dem Rücken leben wollen würde oder mit "Coca Cola" auf der Stirn? Wie zum Teufel komme ich überhaupt auf solche Gedanken?
Es muß zu heiß sein zum rationalen Denken. Die Dusche hört auch noch minutenlang nicht auf, als ich schon angezogen und fast zur Türe raus bin, und auf der Straße knallt völlig unmotiviert ein Auto in ein anderes und verstummt in einer unglaublich großen Rauch- oder Staubwolke, als ich kurz nicht hinsehe. Als nur Minuten später ein Rettungswagen in die Straße einbiegt, meinem Bus begegnend, der sich gerade mit mir drin aus dieser herauslindwurmt, bin ich betrübt, weil ich mich nicht nach eventuell nötiger Hilfe umgesehen habe. Die Leute dort wirkten nicht in Not, gingen ruhig um das Auto herum, und doch, ich konnte es nicht einschätzen. Andererseits wird ihnen doch eben geholfen, wenn der Sanka zu dem Unfall will. Ist das alles wirklich mein Leben? In wessen Film bin ich?
Ich habe Angst vor dem Aldi-Markt, da sind die Menschen so echt, heißt es in einem Lied (Ascii Disko, Aldimarkt), und die habe ich, Angst vor den echten Menschen im Aldimarkt meines Lebens. Angst vor dem, was echt ist. Wenn die Hülle abfällt und das neue Leben grauer und blasser ist als das, was zuvor war und dieses nun so unwirklich ist, so unwiederbringlich. Ein Rummelplatz, der in Trümmern liegt. Tote, leere Fensterhöhlen. Stille, stumme Maschinen. Nur der Wind, der noch in verlassenen Seilen heult.
geschrieben von: rainraven
Thunder inside
(The Prodigy-Thunder)
...
Der Sommer, den ich bisher kaum am Wasser in Ruhe genießen durfte, legt eine Pause ein, die mich wieder schwermütig werden läßt. 19 Grad und "heiter" sagt die aktuelle Wetteransage für meine Region, doch wenn ich aus dem Fenster schaue, wird sie Lügen gestraft; dort sehe ich den Regen stetig grau in grau fallen, hinterlegt von grollendem Donner und Flächenblitzen.
Es hat sich eingeregnet, in der Außenwand des leeren Kleinen-Drachen-Zimmers höre ich kryptisches Wassergurgeln und hoffe, daß sich dort draußen nur ein Regenrinnenfallrohr befindet. Ich erinnere mich an das nie zu ortende Dunk-dunk-dunk in meiner alten Wohnung dort drüben unter dem Dach, das bei jedem schwereren Regen auftrat und nur irgendwo oben zu lokalisieren war wie die hektischen, hopsenden Fußtritte der Elstern auf dem leicht schrägen Kupferdach über mir. Das Dunk-dunk-dunk, später mutmaßlich fallenden Tropfen im Belüftungsschacht zugeordnet, war wie das Ticken meiner stets verstellten Küchenuhr über der Türe und das so nett in der Gebrauchsanweisung illustrierte "Klick" und "Schnurr" meines Kühlschrankes TinkyWinky ein Geräusch, das "Zuhause" signalisierte.
Zuhause. Das muß jetzt das Rauschen meines Rechnerlüfters sein, der sich bei der relativen Hitze schwerer tut als sonst. Das ist das in der Wand ratternde Geräusch des kaputten Wasserzulaufes meiner sanft rumpelnden Waschmaschine, ab und zu ein fragendes Quieken oder lautes Rufen meiner Vögel, die in ihrem Zimmer Freiflug haben, sich aber im Gegensatz zu Wellensittichen ("Vögel, die klingen wie kleine kaputte Fahrradklingeln, und das den ganzen Tag") still beschäftigen können. Wobei sie wahrscheinlich wieder fröhlich irgendetwas kaputt machen.
Samstagabend. Ich bin allein. Der Kleine Drache hilft seiner Ex, der ominösen MC, beim Umzug und Aufstellen irgendwelcher unhandlicher Monsterschränke, und das schon den ganzen Tag. Da ihre Beziehung überraschend in die Brüche ging, wird er sicher später auch die Schulter zum Ausheulen sein und ich sitze alleine hier. Die Mailbox ist leer. Keine neuen Nachrichten. Was auch immer meine Freunde Samstagabend bei Regen treiben.
Thunder inside. Die Beziehung vom MC ist nicht die Einzige, die auf diese Weise zu Ende ging. Die letzten Tage traf ich eine Freundin nach der anderen, der es ebenso ging, Weggefährtinnen, die, heute noch glücklich verliebt, morgen fassungslos vor den Scherben ihres Glückes standen, und der Kerl, offenbar nicht auf Dauer dieselben innigen Gefühle erwidernd, die er noch vor Monaten hatte, war fein aus dem Schneider. Mich, der dann nach meinem kläglichen Versuch, zu trösten, voller Häme an den Kopf geworfen wird, ich könnte leicht reden, ich HÄTTE ja eine glückliche Beziehung, macht sowas zutiefst unglücklich.
"Glückliche" Beziehungen sind auch nicht alles.
Ihr seht auch nicht die Schmerzen, mit denen ich lebe, Tag für Tag. Das Unerreichbare, Unabänderliche, die Ungewißheit, die Verzweiflung. Die derzeit wieder aufkommenden Existenzängste, die wir befürchten müssen. Den Verlust anderer geliebter Menschen, auch wenn es nicht unbedingt der Partner sein muß.
Die Abendsonne stand tief und blutrot über dem warmen Staub des Festivals und beleuchtete unsere kleine Gruppe. Du hattest jemanden verloren, sie hatte jemanden verloren, und ich konnte jemanden nicht bekommen. So vieles nicht. Zudem schlummert in meinem Herzen ein Verlust, der vor langer Zeit schon begann und sich weigert, zu akzeptieren, daß er ein solcher ist.
Draußen rollt der Donner in der Ferne. Thunder inside.
geschrieben von: rainraven
I've waited all day in the pouring rain
But nobody came
No, nobody came
(Crüxshadows-Winterborn)
...
Wahrhaftig der Vogel mit gebrochenen Flügeln bin ich nun, eine böse Entzündung aus heiterem Himmel lähmt meinen "guten" Arm und zwingt mich zur unerträglichen Ruhe. Untröstlich war ich, schon alleine deswegen, daß ich den Wettkampf, für den ich monatelang meiner wehen Beingelenke zum Trotz trainiert hatte, nun nicht bestreiten konnte. Wie meist war aller Aufwand am Ende vergebens.
Wenigstens bin ich den quälenden, erniedrigenden Gips los, der mir die Haut aufscheuerte, blaue Flecken drückte und seinerseits wohl noch mehr Entzündung verursachte als ohnehin schon vorhanden ist. Doch immer noch muß ich untätig sein, auf meinen so wichtigen Sport verzichten und spüren, wie der Rest meines Körpers durch die erzwungene Trägheit ebenfalls wieder Beschwerden bekommt. Befremdlich ist das Befinden und Aussehen meiner sonst so vertrauten, eigenen Gelenke nun, und zusätzlich zum Schmerz macht es mich höchst unglücklich, diesem Zustand hilflos ausgeliefert zu sein. Ich hoffe, um eine Operation herumzukommen und bald wieder einsatzbereit zu sein. Nichts frustriert mich mehr, als meinen Körper nicht ordnungsgemäß benützen zu können.
Belastend ist es für mich, nicht beschäftigt zu sein. Gedanken, Gefühle und Bilder drängen sich mir nutzlosem Gegenstand in erschreckender Weise auf, Bilder, denen ich nicht entkommen kann, und draußen verweigert sich mir erst wie zur Häme die schönste Zeit des Jahres und schließt mich ein weiteres Mal von Badeseen und Parties aus und dann geht in der Kälte unaufhörlich der Regen nieder, um mir zu sagen, "es ist Herbst, Du hast alles verpaßt."
Manchmal ist alles zuviel, um es zu ertragen, und ich finde mich sinnloserweise und in Tränen aufgelöst auf den gefühlten fünfeinhalb Quadratmetern Auslauf wieder, die mich mit der freien Natur verbinden und dennoch nicht entkommen lassen.
Die Angst, nicht mehr vollständig zu genesen. Die Angst um meinen geliebten kleinen Vogel, dessen Gesundheitszustand ich vielleicht seit Jahren nicht richtig erkannt habe und ihm so momentan auch nicht helfen kann, mir aber ein schlechtes Gewissen einreden lassen muß. Nicht auszudenken, wenn eines meiner gefiederten Kinder nicht mehr wäre.
Die Angst vor dem Existenzverlust, die zumindest zum Teil wieder über uns schwebt. Hatte ich es damals schon schwer, etwas zu finden, weil angeblich "überqualifiziert" und dennoch unfähig für vieles, was Andere problemlos machen können, so wird es vermutlich der Kleine Drache mit seiner speziellen Ausbildung noch schwerer haben. Doch wohin mit meinen Vogelkindern, wohin mit all den Dingen einer hoffnungslos überfüllten Dreizimmerwohnung, die immer noch zu klein ist, wenn man sie uns unmenschlicherweise nicht zugestände? Ich darf gar nicht daran denken. Nur mit den Füßen voran würde ich mein Heim und meine Vogelkinder aufgeben.
Frust über mein Befinden, meine relative Bewegungslosigkeit und die daraus und aus dem Frustfressen resultierende Gewichtszunahme. Schrecklich für mich, die einst ein fettes Kind war, dies niemals wieder werden will und tagtäglich einen bitteren Kampf dagegen ausfechten muß.
Die Angst, etwas zu versäumen, in der Firma, wo Dinge liegenbleiben müssen und ich in Entscheidungen übergangen werde. Wo liebe Kollegen uns verlassen, die ich vielleicht nicht einmal mehr verabschieden kann. Aus den Augen, aus dem Sinn, nein, mir kann man nichts mehr vormachen.
Und die schmerzliche Erkenntnis, daß ich wertvollen Anderen genauso wenig wichtig bin, wie ich es immer befürchte.
Ich hätte mir gewünscht, daß mein Kuckuckskollege anriefe, so wie ich es mir voller Sorge selbst überlegte, als er wochenlang krank war. Seine Kollegin tat es damals. Und ich beschloß, nicht um ihren Platz zu kämpfen, sondern mich zurückzuziehen. Grausam, daß Gefühle nicht automatisch beiderseits vorhanden sind, und ich werde es nie akzeptieren können.
In meinem Hinterkopf schmerzt eine Erinnerung an Dinge, die ich längst abgelegt haben sollte. Auch Du wirst Dich nicht melden, spüre ich, und diesmal könnte es das wirklich für immer gewesen sein. Ich habe alles gegeben, ich hatte nichts mehr zu verlieren. Es ist gut so, sagt die Vernunft, aber "du warst es nicht wert" sagt das Herz. Wie immer. Ein gelbgrünes Auge und ein tiefes Donnergrollen erinnert mich: "Laß ihn ziehen. ER ist es nicht wert."
Und mit meinen eigenen inneren Trümmern im Herzen blicke ich zur selben Zeit sprachlos auf andere Bilder, verdammt reale Bilder einer Tragödie, die all dies noch überschattet. Und es nimmt kein Ende. Meine eigene Vergangenheit verzeichnet ebenfalls den Verlust geliebter Personen auf einem Festival oder gerade dort, wo man am glücklichsten war, und doch muß das Leben weitergehen, auch ohne die Antwort auf ein "Warum", auf so viele "Warums", die auch ich vermutlich niemals bekommen werde.
geschrieben von: rainraven
Wishing you well
We say our last goodbye
This is farewell
So good luck and goodbye
(Stanfour-Wishing you well)
...
"Servus"
steht in reflektierenden Lettern groß und breit auf einem noch größeren und breiteren T-Shirt in modischer Schlammfarbe (Designer nennen es wohl gerne "khaki" und haben damit onomatopoetisch nicht allzu unrecht), das ich mit kritischem Blick vor mir hochhalte, mit einem heilen und einem wehen Arm, während ich versuche, abzuschätzen, ob Du, lieber Kollege Bärenjunge, hineinpassen wirst. Eigentlich hätten wir ein T-Shirt mit einem Motiv aus unserer Heimatstadt gesucht, das Du von uns zum Abschied bekommen hättest. Doch es gab keines in Deiner Bärengröße, und ich mußte die Entscheidung treffen.
"Servus" kann auch "Lebewohl" heißen, denke ich traurig und weiß, daß Du mir fehlen wirst nach diesen dreieinhalb Jahren. Wenigstens ist die Schrift reflektierend, das heißt, vielleicht wirst Du mit diesem Shirt weniger wahrscheinlich von einem Jeep oder einem Road Train überfahren, wenn Du nachts per Anhalter fahren solltest, dort, am anderen Ende der Welt, kommt mir absurderweise in den Sinn. Wenn es Dir denn paßt. Ein Essen mit der Abteilung, eine warme Umarmung, dann wirst Du diese Türe verlassen, durch die ich Dich als das Erste wahrnahm, was ich damals von meiner neuen Arbeitsstelle kennenlernte. Ein Abschied bleibt immer ein Abschied, ein Wiedersehen ist ungewiß.
Wie die Blätter fallen sie. Manche treibt der Frust um. Manche brechen auf zu neuen Zielen. Manche zieht es in die Ferne. Und eine nach der anderen ist fruchtbar und vermehrt sich. Jeden Tag trudeln neue "Wir gratulieren"- Mails ein. Ich habe kaum mehr den Überblick, wessen Kind wann kam, wer in Mutterschutz ist, wen es denn überhaupt noch gibt. Das Rad dreht sich so schnell, daß ich nicht mitkomme. Und für meinen lieben Kuckuck ist dies ein Zeichen, daß es mit der ganzen Firma im Argen liegt. Woher er diese These nimmt, ist mir ein Rätsel, ebenso sehr wie er selbst, nichtsdestotrotz macht sie mir Angst. Was soll aus uns werden, wenn er recht hat? Wenn ich die einzige Stütze bin, die uns beide halten muß? Wenn diese Stelle die beste ist, die ich je bekam? Wo soll jemand wie ich denn hin, ohne meinen Kuckuck, ohne meinen Bärenjungen?
Und wieder einmal die Frage, warum mir alles genommen wird, an dem mein Herz hängt. Warum meine vertraute Sicherheit immer dann zerstört wird, wenn ich mich darin eingelebt habe. Warum kann ich mich nie ausruhen, nie den Kampf einfach niederlegen? Und warum bin ich immer der Letzte, der verzweifelt steht, wenn alle anderen gefallen sind?
Einsam ist es um mich geworden, gewöhnlich, kalt und grau, alltäglich grau. Ich wende mich ab von alldem, was nicht zu besiegen ist, was Schmerz bereitet wie ein Dorn, der nicht gezogen werden kann. Das blaue Telefon mit dem verstaubten Display schweigt. Und ich gehe meine allabendlichen Wege heimwärts allein, durch Regen und Wind, durch Kälte und Gewitter. Nur die leiseste Ahnung eines einst allzu vertrauten Schattens weht immer noch an meiner Seite, ganz schwach, der Hauch eines großen, beschützenden Schattens mit weich wehendem Mantel, dunkelgoldenen Sonnenlocken und warmen Augen, die mir überallhin folgten. Immer noch folgen mir auch die Tritte locker gebundener, ausgetretener Stiefel, das Klingeln silberner Ketten und ein sorgloses, nachlässiges Lachen. Doch der Schatten ist nur noch Erinnerung, wie ein Leben, das ich einst hatte, das sich anfühlt, als hätte ich es lange zuvor irgendwo zurückgelassen.
geschrieben von: rainraven
What will become of us
If there's no one to watch over us
There'll be no laughter, there'll be no tears
When tomorrow never comes
(VNV Nation-Tomorrow never comes)
...
Wie erschreckend schnell dreht sich das Rad der Zeit. Fast schon wieder ist ein sommerloser Sommer vorüber, stelle ich fest, als ich wenige Einträge zurückspringe und mich bereits 2009 in einem zu kalten, zu sonnenarmen Sommer wiederfinde, einem Sommer, dem noch viele solche folgen werden, wie ich fürchte, wie ich weiß. Zu kalt, zu kurz, zu trostlos. Summer's almost gone.
Lautlos haben mich die freien Segler verlassen, einsam zieht noch ein Nachzügler seine verlorenen Kreise. Die Touristen in der Sommerfrische, die sich in dem kleinen Voralpendörfchen vor dem Café in der Sonne aalen, können mich nicht täuschen. Schwülheiß ist es, die Mücken fressen mich auf, es tut so, als wäre es Sommer, doch in mir lauert bereits der Herbst.
Erinnerung zieht an mir vorbei in diesem wunderschönen Ort, der meine Vergangenheit ist, die mich nicht mehr kennen will. Ich habe die Badestelle anders in Erinnerung, einsamer, größer, da war Wiese, nicht Wald, und doch erinnere ich mich an die kleine Bank, auf der unsere Sachen lagen. Dein sehniger, magerer Körper verschämt und vorwitzig hinter einem großen, bunten, längsgestreiften Handtuch verborgen, so habe ich Dich "kalt" erwischt mit der Kamera im Anschlag in der Nacht, als ich mit den Jungs baden war, während der Rest beim Feiern war. Du, der noch in diesem Herbst vor vielen Jahren mein geliebter Freund werden sollte, der mich stilecht mit einem braunen Lieferwagen abholen sollte, mir seine Lebensgeschichte erzählte, während ich auf einer fetten Baßbox saß, in einem Tunnel aus Plastikfolie, und dessen erster Kuß so stürmisch war wie der eines Mähdreschers und nach verkohltem Chicorée schmeckte. Erinnerungsfetzen, Bruchstücke, die ich so fest in mir drin behalten muß, da es alles ist, was ich von Dir behielt, alles, was noch existiert, da Du seit zehn oder mehr Jahren mein Leben verlassen hast und seit über einem Jahr als vermißt giltst.
Andere Erinnerungen. Die sehnsüchtige Hoffnung, eine Rohrdommel zu hören. Ein Vogel, wie ich ihn später aus Ton modellierte und meinen Lieblingsdozenten zum Jubiläum schenkte, in der Hoffnung, er stünde heute noch in ihrem Büro, weil auch ich Bleibendes schaffen wollte, Erinnerungen schenken wollte, einem Ort, den ich so liebte, meinem Zuhause. Sanfter, rauschender Regen. Die ewig lange, nicht endende Runde um die Seen, wir beide klatschnaß, das schwarze Rabenhaar hing Dir ins Gesicht, die seegrünen Augen leuchteten, Deine große Hand um meine, und ich riskierte Ärger zuhause und ich fror, doch ich war glücklich, denn ich war bei Dir. Dein orangener VW Käfer, das fröhliche Lachen, Du großer, schlaksiger Vogel, der mir letztendlich entflog, der Mann meiner Träume, der mir nicht vergönnt war, doch einen Sommer, der noch ein Sommer war, hattest Du mit mir geteilt.
Das Haus, die Insel, alles scheint mir seltsam fremd, und doch erkenne ich die kleine Brücke, unter der die Hechte standen, die Wirtschaft, an der wir die Strophen für das Team-Lied für unsere Schnitzeljagd austüftelten. Die kleinen Seen, wie sie so malerisch und wunderschön im Schilf liegen. Der Rohrsänger sägt seinen charakteristischen Gesang. Die Dorfstraße entlang, links der Kuhstall, rechts die Wiese, Stare ziehen drüber hinweg. Und in den Balkonkästen der Häuser stehen immer noch üppig die Geranien. Nichts hat sich verändert. Nur ich bin nun fremd hier.
Noch spielen wir Sommer. Der Bus trägt mich heimwärts, weil das Wetter so schön ist, fahre ich oberirdisch. Hier bin ich zuhause. Das imposante Kraftwerk, immer noch seit Kindertagen "Salz und Pfeffer" genannt, grüßt mich jeden Tag. Über den Fluß geht es, ich rieche Grillgeruch, so riecht bei uns der Sommer. Und doch leuchtet schon das Abendrot, das Gewitter droht. Summer's almost gone. Auch Du, fällt mir plötzlich ein. Auch Ihr. So sehr ich es auch verdränge, so sehr ich frei von Schmerz bin, kann ich mich manchmal doch nicht wehren, und es tut weh, daß ich nicht haben kann, wonach ich mich sehne, was ich vermisse, was ich ...liebe?
Lieber Kuckuck, nun habe ich die Gewißheit, die ich immer ahnte, und sie beruhigt und schmerzt mich zugleich. Es schmerzt auch, Dich unglücklich zu wissen, von jemandem, der Dir nah ist, kaum anders verletzt, als es mir selbst erging. Wir sind einander ähnlicher als Du vielleicht denkst, und deshalb habe ich Dich so verdammt gern. Nur wirst Du mich-wenn überhaupt-immer auf eine andere Weise gern haben als ich Dich.
Ferne große Raubkatze, unsere Wege trennen sich, das untrennbare Band wird immer dünner. Sage ich zumindest. Es ist gut so, daß Du fern bist, ich vermisse Dich nicht, und doch gibt es Momente, da fehlt mir nichts als Deine Nähe. Einfach so, um das Bild komplett zu machen. Wie dem auch sei, ich schlucke die mich würgenden Tränen runter und ermahne mich, daß ich bald zuhause bin, wo mich mehr erwartet, als anderen vergönnt war. Ich darf nicht undankbar sein. Der Sommer ist vorbei, und vorbei sind auch meine Gefühle, ich habe mich damit abgefunden, daß mein Leben normal und grau ist, daß ich normal und grau bin, daß auch mein Sommer vorbei ist.
I don't hurt anymore.
(Johnny Cash-I don't hurt anymore)
geschrieben von: rainraven
At the end of days at the end of time
When the sun burns out will any of this matter?
Who will be there to remember who we were?
Who will be there to know that any of this had meaning for us?
And in retrospect I'll say we've done no wrong
Who are we to judge what's right and what has purpose for us?
(VNV Nation-Further)
...
Herbstanfang.
Um mich herum ist Vergänglichkeit.
Deutlicher denn je wird mir bewußt, daß alles viel zu schnell vergeht, und kaum gelebt, schon vergessen ist.
Meine Freundin hat ein wundervolles Haustier verloren, das so lang so tapfer gegen seine Krankheit gekämpft hat. Untröstlich bleiben wir zurück, und ich muß um mein eigenes wie ein Kind geliebtes Tier bangen, das vielleicht auch bereits Anzeichen einer solchen Krankheit zeigt. Wenn das so sein sollte, habe ich es schon viel zu lange ignoriert.
Ich bin allein. Auf eine Krankheit folgte die nächste, zäh, langwierig und quälend, und als ich endlich am Genesen bin, mich bereits ständig rechtfertigen müssend, warum ich "andauernd krank sei", kommt die Kunde von der Familie des Kleinen Drachen, daß seine Großtante diese Welt verlassen hat.
Ich erinnere mich vage an einen windschiefen Bauernhof im schmutzigen Schnee eines lichtlosen, grauen Nachmittages, ein uraltes Haus, die Stube kaum hoch genug, daß ich aufrecht drin stehen konnte, mit einer Zinkbadewanne in der Kellerküche. Ich erinnere mich an die leeren Hasenställe, die Du mir zeigtest, geliebter Drache, wo Du als Kind noch mit den Hasen spieltest, die Dein Onkel später zum Braten auserkor. Für Euch Kinder war das ganz normal. Hühner gab es noch, doch die konnte man nur hören, sicher im Stall verwahrt. Auch Kühe hattet Ihr, sagtest Du. Und Schweine. Und da hinten bist Du immer Schlitten gefahren, wenn der Schnee so hoch lag, daß er das Dach erreichen konnte.
Und nun ist das alles Vergangenheit, die Kinder haben das Haus ausgebaut, es wird kein Hof mehr bewirtschaftet und die Tante, deren badischen Dialekt ich schon fast nicht mehr verstand, ist nicht mehr bei uns. Der Kleine Drache zu seinen Eltern gefahren, um ihr zusammen mit diesen Lebewohl zu sagen, und ich bin alleine hier mit der Stille und dem Abend.
Die leuchtende Farbe meiner Haare ist bereits am Verblassen, wie mein langsam aber stetig sinkender Stern. Im dunklen Zwielicht des Abends schiebt sich die träge Masse des großen Gelenkbusses um die vielen Kurven meiner Heimatstraßen. Aus einem Augenwinkel sehe ich Licht. Im Hochparterre neben mir eine schummerige Studentenbude, gegen das Fenster hebt sich eine am Rechner sitzende Person ab, den Kopf mit den straff zum Pferdeschwanz zusammengebundenen Haar gebeugt, auf die Arbeit konzentriert. Schmerzlich durchfährt es mich, ich kenne dieses Bild, es ist Jahre her, doch ich habe es nicht vergessen. Großer Vogel, mein Taucher, Groß F, Besitzer dieser olivingrünen Bachforellenaugen mit den dunklen und goldenen Sprenkeln, Rabenhaar, wo immer Du auch nun sein magst. Mein Leben hast Du verlassen, aber Dein Schatten nicht mein Herz, ein Schatten, zu dem sich nun ein zweiter gesellt.
geschrieben von: rainraven
The summer sun is fading as the year grows old
And darker days are drawing near
The winter winds will be much colder
Now you're not here
I watch the birds fly south across the autumn sky
And one by one they disappear
I wish that I was flying with them
Now you're not here
(Justin Hayward-Forever Autumn)
...
Für immer Herbst.
Die Sonne scheint mit aller ihr verbliebenen Macht auf die bunten Farben der sterbenden Blätter nieder und bemüht sich, den Eindruck einer heilen Welt aufrecht zu erhalten. Eigentlich sollte es warm sein in der Sonne, doch auf meiner Haut liegt Gänsehaut, ich friere. Mehr von innen heraus als von der äußeren Temperatur. Ich sehe die Farbenvielfalt. Das Rot des Weines, so rot wie mein Haar, als ich noch nennenswertes hatte. Das Kupfergold der Ahornbäume, die ich so mag. Das letzte Grün, das mit der Bachforellenaugenfarbe eines geliebten Menschen zu einer letzten Erinnerung verschmolz. Erinnerungen, die jedes Jahr im Herbst wiederkommen, an das große F, eingebrannt in mein Herz und meine Haut.
Wie oft habe ich schon den Herbst erlebt. Jedes Jahr wieder kommt er vorbei und vergeht, und es wird auch wieder einen Frühling geben. Doch manchmal dauert es verdammt lange, bis es so weit ist, und manchmal ist für immer Herbst.
Ich habe das Gefühl, etwas wiederholt sich, was ich vor langer Zeit erlebte, als ich eine andere war. Eine zweite Narbe legt sich über die erste, Spuren großer, goldener Tigerpranken, auch wenn ich es nicht wahrhaben will, es verdränge, verleugne, dagegen kämpfe, wütend bin und mich abzulenken versuche.
Ich will weinen, doch ich kann nicht, ich bin jemand anderes geworden, ein Kämpfer, eine Maschine aus Stahl, die Gefühle weggeschlossen im Inneren, außen knallbunt prunkend wie der Herbst, doch ebenso offensichtlich am Verfallen. Und mein krankes Denken säuselt, vielleicht ist es Deine Schuld, daß die Dinge nicht mehr sind, wie sie waren. Vielleicht hat nicht der Tiger Dich kaputtgemacht, sondern Du hast den Tiger vergrault, weil Du so geworden bist. Eine bittere Wahrheit.
Man verliert Freunde, weil man sich ihnen davon entwickelt, während sie stehen bleiben, sagt der Kuckuck tröstend. Weil man sich selbst zum Positiven entwickelt, was ihnen vielleicht nicht gefällt. Seine himmelblauen Augen leuchten voller Überzeugung. Ich weiß, er kämpft seinen ganz eigenen Kampf, der dem meinen so ähnlich ist und doch so verschieden. Ich trage sein Shirt, das er mir geschenkt hat, weich und schwarz umhüllt es meinen Körper, für ihn ist es ein zu großes Kleidungsstück, das er nicht gebrauchen kann, für mich ist es ein Teil von ihm, der bei mir bleibt. Und wieder einmal wird mir bitter bewußt, daß von einem Anderen gar nichts bleibt außer Fotos, Erinnerungen und ein bitterer Nachgeschmack.
Zu Deinem Geburtstag schicke ich Dir einen Glückwunsch, ich weiß nicht, warum. Ist es Anstand, Güte, Verpflichtung, Höflichkeit, der Wunsch nach Kontakt? Warum schäme ich mich zugleich dafür, in dem Moment, als die Nachricht abgesendet ist? Freunden gegenüber sollte man nicht so empfinden. Die Schmach, verloren zu haben? Doch habe ich überhaupt gekämpft? Habe ich verloren? Ist es gar ein Sieg, dessen ich mir nicht bewußt bin?
Das blaue Telefon schweigt. Blitze sind darauf zu sehen, die eine Tigersilhouette formen. Alles hat eine Bedeutung, zumindest hatte es diese einmal. Und vielleicht erwarte ich gar keine Antwort. Ich wüßte nicht, was ich sagen soll.
Die Segler haben mich verlassen. Es wird kalt und still draußen. Die Letzten von Euch sah ich im September, unerwartet spät, an einem schlimmen Regentag an einer Steilküste in Wales. So nah, daß Ihr fast mein Gesicht streiftet, winktet Ihr mir zum Abschied, lautlos, Eure rauhen Schreie waren verstummt. In meinen Gedanken und gemalt auf meinem Fensterglas, kreist ein Schwarm blaugrauer Papageien, der Letzten ihrer Art, deren Anblick mich zugleich traurig und fröhlich macht.
Wunderschöne Kinder, einsame Kämpfer, verloren und doch nicht aufgegeben, verzweifelt zäh wehrt Ihr Euch gegen den Untergang und habt noch nicht verloren. Vielleicht wird Eure Schönheit dereinst wie der Phönix aus der Asche in Freiheit wiederauferstehen.
Vielleicht wird dem letzten Herbst auch wieder ein Frühling folgen. Ich folge den Aras, ich kämpfe und ich warte.
geschrieben von: rainraven
Wenn das jetzt alles war
Der letzte Morgen war
Wär das der letzte Herbst
Mein letztes Jahr
Und müsst ich gehn
Nehm von dir was mit
Und lass ein kleines Stück
Von mir bei dir
Und ich pass sehr gut auf
Damit es nie zerbricht
Halt ichs fest
(Rosenstolz-Augenblick)
...
Winter. Verfall. Ein Blitzschlag aus der Vergangenheit, eine Wunde reißt wieder auf, als wären die Jahre nie vergangen. Ein Abschied wiederholt sich auf traurige Weise, denn heute ist es endgültig so weit. Unser Zuhause, vergessen und vergangen, Moos über grauen Steinen, leere Hülle, die wir einst mit Leben füllten, Du existierst nicht mehr. Und ich wiederhole mein letztes Lied für Dich, das schon den Winter 2006 für mich bestimmte.
Kaum nehme ich die grünorangen Lindwürmer der Linienbusse wahr, die sich vor meinen Augen im Tanz aneinander vorbeischieben, regennaß im ersten traurigen Schnee des Jahres. In meinem Magen sitzt dumpf ein altbekannter, rumorender Schmerz, vergleichbar mit dem, wenn ein Partner mit jemandem Schluß macht. Nach der Arbeit in den bereits stockdunklen Abend hinein, ans andere Ende der Stadt, ich kann an nichts anderes mehr denken, seit ich das Bild von heute mittag sah. Schneller, schneller, denke ich, und komme doch nicht schnell genug voran. Die altbekannte Strecke, ich kenne sie so gut, und doch kenne ich sie nicht mehr. Bauzäune überall, häßliche neue Gebäude, kubisch, praktisch, identisch. Traurig. Entsetzlich. Meine Spuren sind verwischt.
Und dann kommen wir an unserem einstigen Heim vorüber, doch es existiert nicht mehr. Wir kommen zu spät. Der Bagger ruht selbstzufrieden auf einer Halde Schutt, und dort, wo eine Legende ihren Ursprung nahm, klafft eine große leere Lücke vor den toten Baumgerippen.
Ich stürze aus dem Auto in die Dunkelheit. Ich hätte mir gewünscht, daß es die dicke A. gewesen wäre, die uns dorthin gebracht hätte, doch bei diesem Wetter muß es der Blaue tun, der Dein Kürzel auf dem Nummernschild trägt und den wir deswegen erwählten. Die letzten Tage war mir immer ein Abbruchhaus im Traum erschienen, warst das Du?
Ein Zeichen?
Ich finde eine Lücke im Bauzaun, gerade groß genug für mich. Du hast mich zu Dir gerufen. Wäre sie nicht dagewesen, hätte ich sie mir gemacht. Ohne nachzudenken, ohne zu zögern, wie es sonst der Fall wäre. Der Kleine Drache folgt mir auf das klamme Hausgrab, kniehoch liegt das Laub im Garten, und dann stehe ich vor kalten, staubigen Trümmern im Dunkeln, auf denen feucht der schmelzende Schnee liegt, den der Himmel an diesem Abend für uns weint.
Und ich weine mit Dir, mein Zuhause.
Obwohl schon vor Jahren den Abschied genommen, nicht zum ersten Mal, überfällt es mich alles wieder, Erinnerungen, Verzweiflung, daß ich nichts behalten kann. Dir verdanke ich alles, was ich bin. Alles, was ich habe, was ich liebe.
Alles, was ich war. Und alles, was war.
Denn von dem einstigen Wundertier ist nicht viel übrig. Gewöhnlich in jeder Hinsicht, vergangen ist die anmutige Figur, das wallende Haar, die Gesundheit, die Kraft, die Selbstsicherheit, die Familie. Vorbei ist der Auftritt, der letzte Vorhang fällt. Ich erkenne mich nicht wieder, erkenne Dich nicht wieder, und ich frage mich, erkennst Du mich? Weißt Du noch?
Bitter sticht die Kälte, verbrennt mir die tauben Finger, die einen letzten Steinbrocken festhalten, den ich mitnehmen werde. Ich schließe die tränenfeuchten Augen und sehe immer noch den letzten Abend vor mir, als ich auf der Empore stand, die Arme weit ausgestreckt, um Dich zu umarmen, Tränen standen in meinen Augen, als ich mit Euch allen zusammen Alphaville sang, mir verzweifelt die Frage stellte, warum alles gehen muß und nicht jung bleiben kann. Und am allerwenigsten ich.
Weißt Du noch? frage ich Dich, zärtlich streichen meine rauhen Hände über brüchiges Gestein, verbogenes Metall, alles stinkt feucht nach Staub, es kommt mir alles so klein vor, war das wirklich alles? Die Frage, die mein Leben beherrscht.
Ich weine, witzle, gedenke, suche, alles zugleich. Eile treibt uns an, dieses Leben hat keine Zeit für Abschiede, die schon Jahre zurückliegen. Es geht kein Weg zurück.
Ich muß weiter. Ohne Haare, ohne Namen, ohne Würde, ohne etwas zu sein. Ohne Dich. Noch einmal kniee ich mich in den Staub, küsse Deine kalte Mauer, sage mein letztes Lebewohl zu Dir. Wir sehen uns wieder in einem anderen Leben. Und in unseren Herzen wirst Du immerzu sein. Wir sind die Family.
Der Schnee ist in Regen übergegangen und die Szene hat nichts Geheimnisvolles mehr. Eine Baustelle, wo eine Ruine stand, blinkende rote Baulaternen, Feierabendverkehr. Der Kleine Drache drängt zum Aufbruch, er hat morgen Geburtstag, er wird "alt", wie er sagt. Wäre er eine Frau, würde ich ihm zustimmen. Aber was ist schon "alt", wenn ohnehin nichts mehr ist, wie es war, wenn nichts mehr ist?
Noch einmal sehe ich zu Dir zurück, zu dem Ort, an dem Du warst, und wie auch bei meinem letzten Blick in Dich hinein, wünsche ich, ich hätte Dich nie so gesehen, und doch ist es gut so, damit ich damit abschließen kann. Noch öfters verlieren kann ich Dich nicht. Und Du wirst ohnehin immer bei uns sein, wo wir sind.
Mach es gut. Ruhe sanft, mein einstiges Zuhause. Sleep well.
geschrieben von: rainraven
Still night
Nothing for miles
White curtain come down
Kill the lights in the middle of the road
And take, take a look around
It don't help to be one of the chosen
One of the few, to be sure
When the wheels are spinning around
And the ground is frozen through
And you're
Driven like the snow
(The Sisters of Mercy-Driven like the snow)
...
Nun hat es richtig geschneit, ein ordentlicher Winter hält Einzug, ein Winter mit der Hoffnung auf weiße Weihnacht. Die Welt bedeckt sich mit einer tröstenden, kristallenen Schneedecke, die alles Schlimme unter sich begräbt und für einen Augenblick aus dem Gesichtsfeld nimmt, den Schmerz lindert, wie es der Schnee schon seit Anbeginn meiner Zeit tat.
Kaum eine Woche ist es her, als wir Deine irdischen Überreste verabschiedeten, geliebtes Zuhause, düstere, muffige Trutzburg weitab von hier, und doch immer präsent. Drei bunte Steine sind alles, was mir geblieben ist, drei Mauersteine auf meinem Balkon, auf denen nun der Schnee liegt wie auf der leeren Baugrube, wie auf der Ebene inmitten der dunklen, abendlichen Stadt, die ich ein weiteres Mal durchschreite, gegen die kalten Stiche des Windes gebeugt, in einer weiten Oase der relativen Stille inmitten des Lichter-und Häusermeeres.
Drei Steine. Einst waren es drei Säulen, die mich aufrecht erhielten, bis eine nach der anderen fiel. Familien kommen mir in der Dunkelheit entgegen, Mütter, die ihre Kinder auf Schlitten heimwärts ziehen, Paare, die sich übermütig umarmen, Menschen, die dem Feierabend zustreben und ihre Hunde im Schnee laufen lassen. Einsam fühle ich mich. Ich gehe in die andere Richtung, zum Weihnachtsmarkt, dorthin, wo sie herkommen, und ich verspüre plötzlich den Wunsch, einen großen, zottigen, schwarzen Hund neben mir zu haben, einen warmen, treuen Begleiter, in dessen Rückenfell ich meine kalte Hand wärmen könnte, mich beschützend, mir treu ergeben und beruhigend durch seine Gegenwart.
Einen großen Hund. Oder einen...Tiger?
Ein Jahr liegt zwischen unserer letzten Begegnung hier und heute, und ein halbes Jahr verging seit dem Tag, als ich Dich zuletzt sah. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht damit gerechnet, Dich jemals wiederzusehen. Und inzwischen hätte ich es auch so hingenommen. Gleichgültig, wie so vieles.
Ich sehe Dich nun von außen, ich bin befreit. Ich habe meinen Frieden gemacht, mich von Dir befreit und allem, was dazugehörte. Inzwischen könnte ich auch ohne Dich sein. Wenn Du dennoch ab und zu auftauchst, nur umso besser. Und dann stehst Du vor mir, und Du lächelst mich einfach so an.
Vieles ist, als wäre manches nie gewesen. Deine große warme Hand mit den vielen Narben ergreift die meine so selbstverständlich wie eh und je, Deine überragende Gestalt in der dicken Winterkleidung nimmt den Platz an meiner Seite ein. Mein großer, warmer, schwarzer, beschützender Zottelhund mit den Bernsteinaugen. Noch immer bist Du in meinen Augen so hübsch wie eh und je, das Alter und das Leben hat Dir nicht zugesetzt, im Gegensatz zu mir, die nicht nur unscheinbar und häßlich, sondern auch wieder-oder immernoch-krank ist. Seit über drei Monaten schon. Ein Ende ist nicht in Sicht. Doch Dich stört es nicht, Du gibst mir Rat, willst mir helfen. Du freust Dich sogar über meine mausgraue Haarfarbe, als hättest Du sie noch nie gesehen, als hättest Du mich nicht auch vor dem Blond gekannt. Für Dich ist mein Spülwasserbeige Deine eigene Farbe, und Du findest es toll. Vielleicht bekomme ich auch eines Tages wieder so schöne Locken wie Du. Doch wenn, wird es nicht Dir zuliebe sein. Ich fühle mich frei, unbefangen, unbeschwert von allem Alten. Aus Deinen Worten höre ich immer noch beiläufig heraus, daß auch Du vieles verlierst, doch seltsamerweise nicht mich. Irgendetwas verbindet uns, wenn auch nun auf eine andere, eine bessere Weise. Und es beruhigt mich.
Der Abend ist kalt und die Zeit vergeht. Doch nicht für mich. Bei Dir ist es warm, die Zeit hält an, für diese Augenblicke vergesse ich Krankheit und äußeren Schein und bin einfach nur noch. So, wie Du mich schon immer gesehen hast. Manches vergeht vielleicht einfach auch nicht, und es ist gut so.
Unser Weihnachtsmarktbummel neigt sich dem Ende zu. Nicht aber unsere Freundschaft. Oder was auch immer es ist. Nicht alles, was einmal war, mußte gehen. Wenn sich eine Türe schließt, tut sich eine andere auf.
Ich frage mich, wohin sie führen wird.
geschrieben von: rainraven
All you've been to me
People would be happy to be
I love you to the end
Tell me tell me
Who`s the man on your side
Who`s your light now
Since the old club
Fell into the past
Its shiny bright
Still fades to fast
(And One-Love you to the end)
...
Vielleicht sollte ich einfach aufhören zu lieben, zu begehren, mich nach etwas zu sehnen, was ich nicht bekommen kann. Was man nicht hat, kann man auch nicht verlieren, heißt es. Warum tut es dennoch so weh, wenn man wieder einmal das Gefühl hat, daß einem alles aus den Händen gleitet?
Wenn man schon nicht mehr hübsch sein kann, niemand mehr sein kann, wenn man nicht mehr lieben kann, aus Angst, wieder und wieder verletzt zu werden, wäre man wenigstens gerne hart, stolz, unverwundbar, unangreifbar und kalt wie die eiskalte, eisklare Winternacht. Ein Kristall der Ewigkeit und eine silberne Sternschnuppe mit feurigem Schweif in der pechschwarzen Nacht. Wie das ewige Feuerglimmen meines verschlossenen, ruhelosen, sehnsüchtigen Herzens.
Ich hätte mich nicht in der Gewißheit wähnen sollen, geborgen und geliebt zu sein, wenn ich gleich darauf wieder das Gefühl haben muß, nur geduldet zu werden und überflüssig zu sein. Du bildest Dir das nur ein, sagt der Kleine Drache, aber Sehnsucht, Verlangen, Liebe, Glück, Erfüllung, das sind für ihn Worte, die etwas mit Berggipfeln zu tun haben, mit Kälte, Einöde, Anstrengung und Biwak, und nicht mit Menschen und deren Nähe. Er wird mich nie verstehen. Nicht mich und nicht die Magenschmerzen, die mich wieder plagen, weil ich mich so ärgern muß über jemanden, der Freud und Leid zugleich ist-immer war- und über mich und meine verdammten dummen Gefühle.
Und ich wünsche mir Harmonie und Unbeschwertheit wie meine liebe Freundin, die trotz Unperfektion so unglaublich sonnig ist, so vernünftig und beseelt, so hübsch und wandelbar, und deren Freund so treu ergeben ist, so weich und dennoch so hart, daß der Schnee auf seiner nackten Haut schmilzt, wenn er bei Minusgraden in Hemdsärmeln rausgeht, weil ihn die Kälte nicht stört. Ich wäre auch gerne so hart und cool und dabei so verdammt gelassen und gutmütig. Ich beneide Euch um Eure Welt, da die meine untergegangen ist.
Der Fuchs und die Füchsin haben den weiten Weg zu mir trotz der Witterung in Kauf genommen und umgeben mich mit ihrer Wärme. Auch hier ist nichts mehr, wie es war, aller Geborgenheit zum Trotz. Der laszive Fuchs im Winterfell hat sich in einen gemütlichen Wikinger verwandelt, und über seinem struppigen rotblonden Bart blitzen mich die blauen Eisaugen vergnügt an. Immer noch würde ich mich sofort an diese breite Bärenbrust werfen, doch nun gibt es eine Füchsin, die ich respektiere, denn sie ist stark, und sie ist gut zu mir.
Gemeinsam begehen wir den Weg in meine Vergangenheit durch die klirrende Kälte, und ein alter Wunsch erfüllt sich, der lang vergangene Wunsch, mit dem Fuchs zusammen in dieser Halle meiner einstigen Wirkungsstätte zu stehen, hoch über die Menge hinwegsehend unter den abertausend Lichtpunkten, während vor dem blauen Licht die Silhouette des Tigers tanzt, attraktiv und kraftvoll, doch mein Herz sehnte sich damals nur den Fuchs herbei, und ich lächelte.
Damals, als ich noch jemand war, als die Musik nur für mich spielte und wir diesen grauen Betonboden zusammen betraten, ich diejenige war, die mit Dir kommen und gehen durfte.
Und jetzt bist Du mir so fremd und fern, mein Leben ist mir so fremd und fern, ein Leben, wo nichts besonders ist, wo man sonntags in die Kirche geht statt von der Afterhour heim und auf dem Sofa Silvester verpennt statt bei seinen Freunden ist. Ich habe meine Welt verloren, ich habe meine Schönheit verloren, meine Gesundheit, mein Ich, und wenn es so weitergeht, werde ich auch meine Freunde verlieren oder die, die ich noch so nenne.
Kann man fröhlich und traurig zugleich sein, wenn einem die Erinnerungen die Kehle zuschnüren, Erinnerungen an Euch beide, an Berührungen, an Gesten, Worte, Momente, Situationen und Orte, und vor allem an mich.
Es ist nicht mehr, wie es war. Die Kälte malt Sterne auf die Fenster und dampft meinen Atem zu Wolken ein, als ich nach dem kurzen Abschied meinen Weg nach Hause alleine fortsetze. Ich bin die Einzige, die hier die Bahn verläßt, wo sich Fuchs und Hase "gute Nacht" sagen, im Sinne des Wortes. Meine Schritte verhallen im Sperrengeschoß, und endlich weiß ich auch, wo die zwei Tauben wohnen, die sich tagtäglich hier im U-Bahnhof herumtreiben. Ein Blick zwischen die Deckenlamellen hat sie verraten, und ich schmunzle mit Liebe im Herzen das müde, skeptische Taubenauge an, das mich zwischen den grauen Federn hervor anlugt. Für Vögel habe ich stets nur Liebe empfunden. Die haben mich bisher noch nicht verletzt.
"Freunde sind wie Sterne. Sie sind immer da, man kann sie nur nicht immer sehen", lautet ein Sprichwort. Doch die Sterne sind auch unerreichbar fern und unerreichbar schön, und was habe ich davon? Sehnsucht, nichts als Sehnsucht.
geschrieben von: rainraven
And you, you can be mean
And I, I'll drink all the time
'Cause we're lovers
And that is a fact
Yes, we're lovers
And that is that
Though nothing
Will keep us together
We could steal time
Just for one day
We can be heroes
For ever and ever
What d'you say
(David Bowie-Heroes)
...
Auf meinem Schreibtisch steht eine größere Tasse. Darauf ist in gelb-rot-blauen Farbtönen ein dilettantisch hingekritzeltes Huhn zu sehen. Ich hänge irgendwie an der häßlichen Tasse. Nun, jemand mag behaupten, ich hinge an all meinen Besitztümern, und er würde recht haben. Aber diese Tasse bedeutet mir etwas Besonderes, ich habe sie damals, noch bevor ich jemand war, auf dem verlassenen Zeltareal des Festivals gefunden, und sie war sogar noch heil. Sie wollte zu mir, um mich bis heute daran zu erinnern.
Gefunden habe ich sie dort. Ebenso wie mein Sonnenbrillenetui, das farblich gut zu der Tasse paßt, eine Kassette mit den "Ärzten" und Nena drauf und einen Schlüsselbund (den wir aber bei der Geländepforte abgegeben haben).
Heute abend ist in der Tasse Glühwein. Rote Tropfenspuren laufen außen an der Tasse herunter und lassen das häßliche Huhn blutige Tränen weinen, Tränen aus Nürnberger Christkindlesmarkt-Glühwein von Gerstacker, weil ich nur diese Marke mag, und auch nur mit Zucker, alles andere ist inakzeptabel und zu bitter. Ich mag ohnehin keinen normalen Glühwein, es muß schon Met mit Whisky sein, weißer Glühwein mit Kokos, Amarettopunsch mit Schuß, heißer Amaretto mit Sahne, mindestens Feuerzangenbowle oder Kirsch-Apfel-Glühwein mit Rum und Amaretto oder was das war. Gerne hätte ich heute auch zum zweiten Mal einen solchen mit Dir geteilt, liebster Tiger, aber Du mußtest mich ja wieder mal mit einer fadenscheinigen Ausrede versetzen.
Sie ist so fadenscheinig, daß ich sie fast schon für wahr halten kann. Dir passieren solche Dinge tatsächlich. Das Bittere ist nur, daß ich mich leider immer noch auf Dich freue und es mir immer noch weh tut, wenn Du mir unverhofft absagst. Auch, wenn ich insgeheim erleichtert bin, weil ich noch so viel anderes zu tun hätte.
Heute vor einem Jahr saßen wir auch dort an jenem Platz, ich konnte es damals schon gar nicht glauben, daß wir uns noch nicht entzweit hatten. Damals hatte es gefühlte 20 Grad und die Sonne brannte hernieder auf uns, ich habe Fotos von Dir mit halblangen Hosen im Schnee. Heuer hätte ich wenigstens mit weißer Weihnacht gerechnet, aber irgendein Dreckskerl hat mir das auch nicht gegönnt und seine diebische Freude daran, mir diese nach Wochen des Schneechaos (wie lächerlich! Schnee gehört zu einem normalen mitteleuropäischen Winter, und wir sind als Kinder schon damit aufgewachsen.) just ein paar Tage vorher wieder zu nehmen. Immerhin hatte ich dieses Jahr zwei oder drei wunderschöne Momente, die so waren, wie ein Winter sein sollte, der Schnee stob in dicken Flocken um uns herum, während wir dick vermummt auf einem Weihnachtsmarkt oder durch eine abendliche Stadt stapften, durch wadentiefen Schnee, und die Lichterketten und Dekorationsobjekte leuchteten heimelig durch das Gestöber.
Es war kalt, aber es war schön.
Heute stapfe ich alleine durch die abendliche und bereits stockfinstere Stadt heimwärts, vergebens hatte ich mich bemüht um ein Geschenk für meinen geliebten Kuckuck, zu spät kam ich für die Fahrt mit der Weihnachtsmarkt-Straßenbahn. So wird es wohl auch dieses Jahr nicht damit klappen. Vorbei an einer weiteren Ruine, schrecklich ist es, sie reißen Löcher in meine Heimat wie man faule Zähne zieht, ersetzt sie durch Glaspaläste, die keiner anmietet, ja, macht meine Heimat teurer, ich erkenne mein einstiges Zuhause nicht mehr. Schrecklich anzusehen ist dieses Warenhausgerippe, das jeden Tag weniger wird. Wie ich diesen staubigen, nassen Geruch nach totem Haus hasse! Zuviel habe ich davon bereits gerochen.
Und meine Heimat existiert nicht mehr.
Ich existiere auch nicht mehr.
Wenn ich meiner Depression nachgäbe, würde es mir klar, warum Du mich nicht sehen wolltest. Ich bin weg vom Markt, habe durchschnittliche Maße, durchschnittliches Äußeres und durchschnittliche Haare. Und Du bist leider immer noch wunderschön. Leider auch immer noch ein A**.
Doch ich bin geneigt, einfach Deinen Worten zu glauben. Heute und für dieses Jahr muß ich mich mit einmal Treffen begnügen. Das ist mehr als erhofft. Da ich nicht diejenige bin, die Dir Dein einsames Weihnachten versüßt, werden wir uns erst wieder zu einer Veranstaltung treffen. Wenn überhaupt.
Ich hebe das häßliche Huhn an, mache den inzwischen kalten Glühwein leer, schmecke einen bitteren Nachgeschmack am Gaumen, trotz des Zuckers. Es ist schon spät.
Zeit, zu Bett zu gehen. Aber zuvor werde ich das Tassenhuhn abwaschen, damit es keine blutigen Tränen mehr weinen muß.
geschrieben von: rainraven
Once I thought I saw you in a crowded hazy bar
Dancing on the light from star to star
Far across the moon beam, I see just who you are
I saw your brown eyes turn and watch the fire
(The Mission-Like A Hurricane)
...
Heimwärts tragen mich meine Schritte, wieder einmal. Zum letzten Mal in diesem Jahr. In diesem Jahrzehnt.
Wie schnell sind zehn Jahre vergangen, die mir durch die Finger gelaufen sind und die ich nicht festhalten konnte. Hätte ich gewußt, daß die Zeit so kostbar ist, hätte ich vieles vielleicht unterlassen, und nun ist es zu spät.
Und doch hätte ich vieles auch nicht anders gemacht. Das Leben ist dazu da, gelebt zu werden.
Der Schnee von Weihnachten, der mich so glücklich gemacht hat, ist vergangen zu einem ekligen, schmutzigen, eisglatten Matsch, mit Tonnen von Streusand bedeckt. Morgen bei Tageslicht wird alles noch viel häßlicher sein, wenn die Fetzen der Knallkörper und die Reste der Raketen sich mit Glasscherben und Hundedreck vereinigen. Ich hasse diese Tage.
Allmählich kehrt Ruhe ein im Viertel. Von meinen vielen versendeten Nachrichten ist keine beantwortet worden, alle sind verschwunden im grauen Nichts, haben mich alleine gelassen wie das Jahr, das sich nun klammheimlich davonmacht. Auf meinem Handy sind noch immer Nachrichten gespeichert, die schon so lange zurückliegen, und es hat seine Gründe, warum ich sie aufhebe. Nachrichten von einem Tag wie diesem.
Nachrichten von Dir. Daß Du es kaum erwarten kannst, mich zu sehen, kaum vier Stunden vor unserem Jahreswechsel. "Liebste Gefährtin" nennst Du mich in einer dieser Nachrichten und wünschst mir alles Gute im Neuen Jahr. Eine Gefährtin war ich Dir nie, außer im Herzen. Und lagen doch auch Zeiten des Streits und der Trennung zwischen uns, am Jahresende waren wir einander zumindest offensichtlich immer wieder nah. Doch diesmal erhalte ich nicht einmal eine Antwort von Dir und ich weiß, Du bist weit weg, irgendwo.
Einen Moment lang tut mir diese alte Nachricht, so oft gelesen, weh, und meine Augen schwimmen in Tränen, das Plakat in der U-Bahn, in der ich gerade sitze, wird unscharf. Und dennoch denke ich, bitte ruf jetzt nicht etwa an. Es war einmal.
Du rufst nicht an. Den ganzen Nachmittag nicht. Der Tag ist grau, und mich friert. Meine Haare sind inzwischen grüngrau-silbern und obwohl sie gemessen am Ansatz ganze 15 cm in diesem Jahr gewachsen sein müssen, sind sie unten nicht länger geworden und ich fühle mich immer noch nackt, häßlich.
Doch wen interessiert es schon noch. Ich bin nur ein Schatten von vielen, die im feuchten Nebel heimwärts streben.
Auf meinem Schreibtisch liegt eine CD-Hülle, verstaubt, drauf eine Kathedrale im roten Licht, die Musik eines Anfanges. Traurige, ruhige Musik. Warum kann es nicht mehr wie damals sein? Damals, als mir genügte, was ich war. Was wir waren oder zu sein glaubten. Warum mußte alles fortschreiten, es wurde lauter, bunter, schneller, erbarmungsloser, und vieles, was einst so wichtig war, blieb auf der Strecke.
Ich will nicht mehr an Dich denken. Ich weiß, daß ich den Rest meines Lebens führen werde mit einer unerfüllten Sehnsucht in meinem Herzen, mit einer weiteren Narbe, die vielleicht ebenso lang braucht wie die erste, um zu verheilen.
Eine alte Melodie erklingt in meinem Ohr, alt wie die nach Rauch, Staub und Moder stinkenden Wände, die nun nicht mehr sind, alt wie Samt und Spitze, wie Gedichte auf braunem Pergamentpapier, geschrieben in Kalligraphieschrift mit schwarzer Tinte, in einer Zeit, in der es noch nicht schmerzte, zu lieben.
Lebe wohl, altes Jahr. Willkommen Zukunft.
Was auch immer aus mir wird.
You are like a hurricane
There's calm in your eye
And I'm getting blown away
Somewhere safer where the feelings stay
I wanna love you but I'm getting blown away
(The Mission-Like A Hurricane)
geschrieben von: rainraven
It's harder starting over
Than never to have changed
With blackbirds following me
I'm digging out my grave
They close in swallowing me
The pain it comes in waves
I'm getting back what I gave
(Linkin Park-Blackbirds)
...
Was ist das für ein Omen für ein neues Jahr, wenn meine wundervollen Gefährten, die Vögel, lautlos sterbend vom Himmel fallen und die Landschaft mit einem schwarzen Teppich aus verlorenen Hoffnungen bedecken? Nicht eine Feder, sondern ganze Vogelkörper weisen einen scheinbar unheilvollen Weg.
Und dennoch beschreite ich wieder einmal einen Pfad voller Hoffnungsreste, die mich nur vorwärts führen können, da der Rückweg abgeschnitten ist. Aus dem grauen, wolkenverhangenen Himmel bricht eine frühe Platinsonne, gleißend und grell, eher störend als wärmend, und ich kneife die Augen zusammen und versuche, die schwarze Gestalt hoch oben auf dem Hausdach auszumachen, während ich unten an der Kreuzung stehe. Entweder ein Ninja oder ein Kaminkehrer, denke ich, die letzteres seit Jahren nicht mehr gesehen hat. Die schwarz vermummte Gestalt hat meine eigene dort unten erkannt und winkt freundlich zu mir herab. Bringt das Glück? Ich lächle und winke zurück. Ein Glücksbote auf dem Dach einer Deiner Arbeitsstätten, mein großer Tiger, und was soll ich sagen, wieder einmal habe ich mich in Dir geirrt, denn mit zwei Tagen Verspätung kam auch Dein Neujahrsgruß, sogar angerufen hast Du mich, und es war schön, Deine Stimme zu hören, die immer noch unsere Pläne zusammen vorhatte und die mich nicht vergessen wird.
Nur ich scheine stets zu vergessen, daß ich geliebt werde.
Es wird schwer werden, mich mir selbst zu stellen und der Zerstörung meiner selbst entgegenzuwirken. Was wird mich trösten, was wird mich umarmen, wenn es die Genußmittel auch nicht mehr tun dürfen? Worauf werde ich mich freuen, mit was mich belohnen können? Werde ich mein Leben lang eine Umstellung meiner Lebensweise schaffen können? Und wenn ja, um welchen Preis?
Es ist so schwer, das schützende Bett zu verlassen, ich fühle mich so müde und so kalt, so einsam. Ich habe keine Lust, Kontakt zu suchen, Kontakte zu pflegen, und dennoch sehne ich mich danach. Ich werde geliebt und kann es nicht im selben Maß erwidern. Alles ist so schwer für mich. Und vor allem bin ich, werde ich nicht mehr "ich".
Von Angesicht zu Angesicht treffe ich Menschen, die einst einen Abschnitt meines Lebens begleiteten. Was habe ich damals in ihnen gesehen, als ich sie beneidete? Alt, fertig, arbeitslos, aus dem Leim gegangen, ebenso ihr Ich kaschierend wie ich, sitzen sie da und erzählen aberwitzige Geschichten. Sie haben wenigstens noch das Glück, noch nicht an einem Herzanfall gestorben zu sein wie gar andere der Mitschüler. In unserem biologisch noch nicht der Rede werten Alter. Und wie sagte eine weitere Bekannte, "ich kann mich meinen Schwiegereltern noch nicht vorstellen, ich sehe noch nicht jung genug aus."
Auf den Tag, an dem ich "jung genug aussehe", weiterzuleben, warte ich auch noch. Bis dahin existiere ich.
Und hoffe, daß keine weiteren Vögel von ihrem Himmel stürzen, bevor ich es tue.
geschrieben von: rainraven
Welcome to my life
You see it is not easy
But I'm doing all right
Welcome to my dream
It's the only one who needs me
And stays right by my side
(Sunrise Avenue-Welcome to my life)
...
Schwer zu sagen, ob es noch Winter ist. Kälte kriecht und Frost beißt. Ich vermisse den Schnee. Aber da liegt er doch, sagt der Kleine Drache, Du mußt nur nach draußen sehen. Mir ist nicht aufgefallen, daß dort noch Schnee liegt, dieses schmutzige Bißchen ist kein Schnee für mich, kein schöner Winter. Nur Kälte und Nässe. Nur alles Traurige des Winters ist übrig geblieben.
Wie auch von mir. Fast mechanisch vollführt mein Körper die Bewegungen der täglichen Arbeitsroutine, bemüht sich voller Frust, bessere Ergebnisse zu liefern, nachdem ich stets hinterher hinke. Gut genug war ich anscheinend, um Wochen vor Weihnachten noch die Drecksarbeit für eine andere Abteilung zu machen, um mich Stunden früher als sonst durch die Dunkelheit zu quälen, um stressig-volle Schülerbusse nehmen und spät heimkommen zu müssen. Aber jetzt arbeite ich angeblich zu schlecht, zumindest nicht gut genug, eigentlich immer schon mieser als die anderen, und ich sitze im Exil, oben, im lauten, großen Raum, teile einen winzigen Arbeitsplatz mit einem anderen Kollegen, und der Kuckuck vermißt mich unten im Erdgeschoß, beschwert sich, daß er alleine arbeiten muß und mich den ganzen Tag über nicht zu Gesicht bekommt. Süßer Kuckuck, ich bedaure es doch ebenso sehr. Während meine Hände arbeiten und an mein Ohr aus dem immerwährenden Radio die vertraute, rauhe Stimme eines Sängers aus meiner Jugend dringt, die mir überraschend immer noch -oder wieder- Gänsehaut macht und eine süße Sehnsucht in mir hervorruft.
Dieser Mann ist mit den Jahren nur noch anziehender geworden, denke ich, die Stimme tiefer und voller, sanft und zugleich schnurrend aus tiefer Kehle wie die eines Tigers. Und auch das Lachen war das eines Tigers, das überhebliche Kopf-Zurückwerfen, der Schwung der vollen Lockenmähne im Sonnenlicht. Es mag kein Zufall sein, daß dieser Mann dem Tiger ähnelt oder anders herum. Vielleicht bin ich für alle Zeiten geprägt, und dies ist die Lösung.
Alles ist wie immer, und doch ist nichts wie früher, als wir den brechend vollen Club betreten, nach langer Zeit wieder einmal. Ich nehme es Dir auch nicht mehr übel, daß Du unangekündigt in Begleitung erschienen bist, nur ein ganz kleiner, verdutzter Blick auf die besetzte Rückbank, ein Gruß, ein Lächeln. Und dann wird mir bewußt, daß ich vorne sitze. Ein unwichtiges Detail, doch für mich hat es Bedeutung.
Ich helfe höflich beim Aussteigen, und als Du sie führst, legst Du ihr ganz selbstverständlich die Hand auf den Rücken, ich registriere es, doch es tut mir nicht weh. Und sogleich führt Deine Hand auch mich. Ich kenne eine Zeit, da wäre ich bereits vorher umgekehrt.
Seltsamerweise habe ich nun die Kraft, mich über meine eigene Unzulänglichkeit zu amüsieren, als man Fotos von uns macht. Ich lache über Falten, die mich sonst bitter treffen, und als mich ein junger Mann anspricht, fühle ich mich geschmeichelt, weil er von mir gehört hat. Ich bin wieder hier. Auch wenn ich inzwischen eine alte Krähe geworden bin, verbittert und finster, und das Feuer in meinem Herzen schwach, nimmt man mich auf, nimmt man mich an, ich spüre Bewunderung, Freude, Sympathie. Und teile am Ende meinen Drink und meine Gedanken mit einem lustigen Fremden, freundliche Augen unter einer struppigen Frisur, irrwitziges Outfit, während der einzige Mann, der mich hier je interessiert hat, weltentrückt tanzt und ich nicht mehr jede seiner Bewegungen mit den Augen aufsauge. Der Tiger kommt mir schon nicht abhanden, weiß ich. Bald acht lange Jahre hat es gedauert, um so weit zu kommen. Und ich habe Spaß, auch ohne, an seiner Seite zu kleben, ich weiß, er ist hier bei mir, ich bin noch immer wer, und ich bin noch immer da, ich mache noch die Party, und es fühlt sich gut an, immer noch, immer wieder.
Alles ist gut, denke ich. Alles ist gut so, wie es ist.
Bis zu diesem Traum, der mich tief im Innersten trifft und nicht von meiner Seite weicht. Du und ich auf dieser kleinen Insel inmitten von allem anderen, Du an meiner Seite, so eng, daß wir fast eins sind, und Dein Kuß, den ich seit Ewigkeiten schmerzlich vermißt habe. Mit einem Schlag bin ich wach und weiß, daß ich mir nichts vormachen kann. Tief in meinem Innersten ist immer noch etwas, das Dich liebt, und so wird es immer sein.
Ich warte auf unser Treffen, unsere Abmachung und unser Vorhaben von meinem Besuch bei Dir, und ich werde immer wieder warten, auch wenn es vielleicht lediglich ein Traum bleiben wird wie so vieles, was Du einst versprochen hast.
You can always sell any dream to me.
Und noch viel mehr als Dich sollte ich dabei den Mann lieben, der dies alles mit einer Selbstverständlichkeit hinnimmt und mich zum Zentrum seines Lebens gemacht hat, mein kleines Drachenohr, mein Winterhund und Morgenlöwe, all diese süßen Namen hatte ich einst für Dich, der mich so liebt wie ich bin, mit Falten und kurzen Haaren undefinierbarer Farbe, mit etlichen Kilo zuviel und all meinen körperlichen Beschwerden, die mich nun auf Schritt und Tritt verfolgen. Mit allem Klagen und aller Depression.
Danke Dir, Kleiner Drache. Für immer.
We will not back down
We are not afraid
Not a drop of doubt
Hand in hand across this land
No apologies
(Bon Jovi-No Apologies)
geschrieben von: rainraven
In this dirty old part of the city
Where the sun refused to shine
People tell me there ain't no use in trying
(The Animals-We gotta get out of this place)
...
Weiße Federn. Eine Anzahl weißer Federn verstreut auf schmutziggrauem Asphalt, im Baugrubendreck und Schneematsch, in der bitteren feuchten Kälte. Verlorene Federn, rein und unbefleckt, und ich wundere mich, was diese makellosen Zeichen an diesem Ort der Zerstörung zu suchen haben.
Unweit meiner Heimat klafft der zerschundene Boden, wie eine riesige rohe Wunde nassen Sandes, eine Wüste Gobi mit Reifenspuren, angeblich verseucht von jahrelanger Industrie, während Bagger mit unglaublich langen Hälsen, Dinosauriern gleich, unermüdlich und hungrig große Brocken aus den vertrauten Betonmauern reißen, und jeden Tag werden es weniger. Jeden Tag stirbt ein weiteres Stück vertraute Heimat, füttert die grausamen Saurier mit ihren Greifzangenmäulern.
Ich bin untröstlich. Ich stehe vor den roten Ziegelmauern, die an so vielen Sommerabenden, an denen ich mit meinem Fahrrad die Straße hochgejagt kam, den Endspurt markierten, mich willkommen hießen und mit ihren milchverglasten Fenstern und dreieckigen Dachgiebeln stets ein Geheimnis bargen, was wohl in ihnen vorging, wo es eigenartig chemisch roch und mich neugierig machte, lange, bevor ich meine Leidenschaft für schwere Industrie und Fabriken entdeckte. Später dann ein jahrelanger Lost Place direkt vor meiner Haustüre, und keinen kümmerte es. Und wenn ich jetzt endlich erfahren werde, wie es in Dir aussieht, wird es zu spät sein, weil die Dinosaurier Deine rostroten Mauern brechen, Deine blechernen Rohre zerreißen und Deine Fenster herausschlagen und an Deine Stelle herz-und seelenlose Reißbrettwohnungen stellen, die noch mehr Leute, noch mehr Unruhe in mein verschlafenes Viertel bringen und meine Heimat auslöschen, wie ich sie kannte.
In letzter Zeit verlor ich bereits einige solcher Landmarken, die mein Leben begleiteten, die ich für selbstverständlich hielt, und es tat stets so weh, als verlöre ich Freunde. Was geschieht nur mit meiner Stadt, wo sind die Orte meiner Erinnerung, in denen ich eine Kindheit hatte, eine Jugend, ein Leben? Ich vermisse die staubigen, bemoosten Mauern in der Sonntagnachmittagshitze, die vergilbten, schief hängenden Schilder an kleinen Kiosken, wo man Eis bekam. Die Schrebergartensiedlung und den verwilderten Park, den Acker, an dessen anderem Ende meine Schule stand. Ich vermisse meine fünf Blaufichten, die mit mir aufgewachsen sind, den Tante-Emmaladen unten an der Ecke, vor dem ich mein Meerschweinchen zum Warten absetzte, wenn ich Süßigkeiten kaufen ging. Einsam stehen vergilbte, verstaubte Riesen von vor meiner Zeit auch anderswo und erwarten resigniert ihren Abriß. Wem außer mir bedeuten sie schon etwas? Was ist das für eine Welt, in der nicht mal mehr das Bestand hat, was aus Stein und Beton fest und unbeugsam für so viele Jahre stand? Mir wird genommen, was mir Sicherheit gab.
Ich werde auch Dich verlieren, großer schlafender Drache mit Deinem geschuppten Rücken, und mit Dir die Erinnerung an den netten Mann mit dem Werkzeugkasten, der unversehens zu Hilfe eilte, als ich eine unerklärliche Fahrradpanne hatte. Ich werde Dich gehen lassen müssen, wie ich bereits den Rest von Dir verlor und unser Wahrzeichen, das uns stets das Wetter ankündigte. Mehr und mehr dringen die scharfzahnigen Saurier in meinem Zuhause vor, und es gibt nichts, was ich noch tun kann.
Ruhe in Frieden, rote Halle. Leb wohl, alte Heimat.
Die ich schon lange nicht mehr habe.
geschrieben von: rainraven
All day long
I can hear people talking out loud
But when you hold me near
You drown out the crowd
Try as they may they could never define
What's been said between your heart and mine
(Ronan Keating-When you say nothing at all)
...
Viel muß geschehen, daß einmal selbst mir die Worte fehlen, das auszudrücken, was in mir vorgeht. Wenn ich so in mich horche die letzten Wochen, weiß ich tatsächlich nicht, was ich dort fühle, innendrin, in einem schmutzigbunten Strudel der Gefühle, der selbst in meinen Träumen nicht versiegt und mich bereits Tage vor dem großen Unglück weinend erwachen läßt, weil ich die Zukunft meiner Heimat gesehen habe, eine Zukunft, die mich nun an ein Land erinnert, das augenscheinlich keine Zukunft hat.
Jeden Tag muß ich die Zerstörung meiner Heimstatt mitansehen, jeden Tag stirbt ein Stück mehr, der Bus nach Hause hält auf die Querstraße zu, und meine Augen können nun den halben Kilometer bis hinter zu uns sehen, weil dort nichts mehr ist, was den Blick versperrt, wo noch am Morgen ein Turm trotzte, dessen schöne Balustrade ich gerne mal erklommen hätte. So gerne, wie es mich nun angesichts der grimmig mahlenden Baggerzahnkiefer jeden Tag drängt, wenigstens eine Scherbe vom roten Drachenzackenhaus aufzuheben und mitzunehmen, wie ich es von einem anderen Turm getan habe, dessen Scherben nun in drei Farben auf meinem Balkon ruhen, denn viel anderes als dies ist mir nicht geblieben von etwas, was mir einst Heimat war.
Wie banal muß mein Nachruf auf meine vertraute Umgebung erst auf diejenigen am anderen Ende der Welt wirken, die wirklich alles verloren haben, was ihnen eine Heimat war, denke ich reumütig, und kann nicht in Worte fassen, worüber ich mir angesichts dessen Gedanken mache. Ratlos bin ich, sprachlos, wie über die geliebte, schwere, mannshohe Glasvitrine, die ich geborsten vorfand, als ich heimkam, obwohl niemand in der Wohnung war und nichts sie berührt hat. Spürte sie bereits das Beben am anderen Ende der Welt oder waren es die bösartigen Baggerraupen, deren Infraschallgebrumme bei mir das Glas bersten ließ? Glassplitter in meinem ganzen Zimmer erinnern mich daran, daß nichts beständig ist, auch noch Wochen danach.
Kaum ist das Herz erleichtert, daß dem Bärenkollegen in Neuseeland nichts zugestoßen ist, erreicht mich nach ungewissem Bangen die Kunde, daß die Freunde aus Tokio heil in Deutschland angekommen sind. Wie nah rückt plötzlich die Katastrophe. Und sagt: Sei froh, daß es nicht DEIN Haus ist, was abgerissen wird. Sei froh, daß Du wohnen bleiben darfst, an Deinem geliebten Rand einer womöglich auch mit Giften verseuchten Baugrube. Lächelnd posierst Du vor dem Plakat der "Kampfmittelbeseitigung", mit Deinem schwachen Lächeln, das nicht Du selbst bist, ebenso wie Du mit geteilten-"gespaltenen"-wie es der Kuckuck sagte-Gefühlen im Regen zwischen all diesen entschlossenen Leuten stehst und gegen Atomkraft läufst, wenn Du auch nicht weißt, woher Dein Strom der Zukunft kommen soll, die Energie, die Dich am Leben hält.
Die Energie, die mich am Leben hält.
Zumindest in wenigen Momenten ist sie plötzlich wieder da.
Wenn ich durch die Türe ins dröhnende Dunkel trete und selbst die Bardame mit mir flirtet. Wenn mich Freunde herzlich und warm umarmen, mich mit so lieben Worten bedenken, Bekannte und Unbekannte mich begrüßen und ich im Spiegel ganz kurz den Blick auf mein stolzes Ebenbild erhasche, wie es einmal war, vor vielen Jahren, in einer ähnlichen Welt.
Wenn an mein Ohr ganz unerwartet die Musik meiner Vergangenheit dringt, die einige unter den Gästen hier zum ersten Mal hören. Wenn der schöne, große Tiger neben mir tanzt, sein Lächeln mein Herz erfüllt und er dies ebenso von dem meinen behauptet. Wenn ich spüre, daß es mir nicht weh tut, wie er mir von seinen Liebschaften erzählt und mir dabei immer noch das Gefühl gibt, daß ich sein fester Halt bin.
"An Dir kommt keine vorbei" sagt er, und es macht mich stark, macht mich in meinem Empfinden zu dem, als was ich mich einst sah. Ein Turm fällt zu Boden, doch ein Vogel breitet die Schwingen aus, entkommt und fliegt.
Tanz mit mir. Spiel mit mir. Hab Spaß mit mir. Schulter an Schulter. Du hast mir gefehlt, und es wird immer, immer so sein und nie anders, wenn sich der Magnetismus unserer Lächeln wiedertrifft. Ich rieche Dich, atme Dich, küsse Dich, ich lebe.
Für endlose Momente dem Untergang entkommen.
geschrieben von: rainraven
Nobody said it was easy
No-one ever said it would be this hard
Oh take me back to the start
(Coldplay-The Scientist)
...
Federn lassen müssen. Schwarze Federn. Eine nach der anderen.
Wer hat gesagt, daß es einfach sein würde, zu leben?
In meinem Leben geht es drunter und drüber wie in meinen Träumen, die nur noch aus unzusammenhängenden, meist beängstigenden Fragmenten bestehen; ein Suchhund, der erschossen werden soll, weil er keine Verschütteten mehr findet und deshalb bei mir Zuflucht sucht, ein Zimmer mit Loch im Boden unter dem Bett, vor dem ich mich fürchte, man könnte ja Nadeln und Messer durchs Bett in meinen Rücken stoßen. Beengte, kleine Wohnungen, fremde Zimmer, fremde Menschen, und immer wieder Baustellen, Bagger, das Abreißen von geliebten, vertrauten Umgebungen und Gebäuden. Dazwischen flüchtige Blicke auf längst verlorene liebe Menschen. Nackte Flucht vor den drohenden Maschinen. Angst, betrogen zu werden. Schützen zu müssen, was man noch hat. Wann hört es endlich auf?
Und wenn ich wach bin, blicke ich derzeit, hoffentlich bald von einer schlimmen Augenerkrankung genesen, durch diese schreckliche, mich einengende Brille, eine Krücke, die meinen Lebensraum einzwängt in diesen winzigen Rahmen sichtbare Umwelt, und drumherum ist Nebel. Furchtbar erscheint die Vorstellung, nie wieder Linsen tragen zu können, noch viel furchtbarer die Angst vor einer Operation. Was wird die Zukunft bringen? Nicht mehr ich selbst sein zu dürfen, doch immer noch funktionieren zu müssen. Meinen Körper stählen zu müssen für die erneute Herausforderung im Sommer, an der ich hoffentlich dieses Mal teilnehmen kann. Meine Gelenke verhöhnen mich jetzt schon und schmerzen drohend. Verzweiflung macht sich breit. Biologisch gesehen, bin ich doch noch viel zu jung, um bereits diese Beschwerden zu haben.
Psychisch gesehen, bin ich vermutlich bereits hundert Jahre alt.
Ich schwimme in einer aufgewühlten Gewittersee, dunkel in der Farbe meiner Augen, klammere mich an eine Planke und hoffe auf Land in Sicht hinter der nächsten oder übernächsten Welle. Ich kann mich nicht mehr lange halten und weiß doch nicht, wo ich die Kraft her habe, immer weiter zu schwimmen. Von einer Insel zur nächsten. Kurze Rast auf einer solchen.
Nebel umhüllt mich. Das Dröhnen der Klänge aus der Tiefe durchdringt meinen Körper, als ich mich nur seltsam halb der Gegenwart des unheimlichen Fremden bewußt bin, der hoch neben mir aufragt und mich vereinnahmt. Heute spiele ich Tiger, denke ich, aus Langweile oder Bestätigung? Öffne mich jemandem, von dem ich nichts weiß, den ich nicht kenne, spiele mit im Spiel mit zwischen Angst und Neugier. Vielleicht werden wir einander wieder begegnen, ich lasse es drauf ankommen. Ich weiß nicht, was ich will, was ich soll. Alles ist Nebel. Und wenn ich mit dem vertrauten Tiger spreche, ist es, als spräche ich zu einer Freundin. Wo ist das Kribbeln? Wo ist der Zauber, der auch von mir ausging? Wo ist der fliegende Vogel? Im Moment sitze ich lieber nur geborgen bei meinen Freunden und höre ihnen zu.
Ich habe auch ein Ohr für diejenigen, denen es schlechter geht als mir. Lieber Freund Fuchs, abrupt erfuhr ich von Deinem schmerzvollen Verlust, und glaube mir, ich kann ihn fühlen, stärker, als Du vielleicht ahnst. In Gedanken war ich oft bei Dir diese Tage. Vielleicht nahm ich Dir ein wenig von Deinem Leid und trug es mit Dir. Ich bin Dir nahe.
Unbarmherzig spült die See mich fort vom rettenden Land. Weiter geht die Reise ins Ungewisse, und zwischen den Wellenkronen taucht immer wieder in der Ferne Hoffnung auf. Auch für Dich, auch wenn Du es jetzt noch nicht sehen kannst.
Ich will stark sein. Ich will, daß es weitergeht.
Ich wünschte so sehr, ich könnte zuversichtlich sein.