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Das Denken eines Fieslings

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geschrieben von: Silas

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Das Denken eines Fieslings



Dieses Denken beginnt mit dem Tod. Und ganz gleich was wir über diesen Tod alles nicht wissen, so ist doch relativ gewiss, dass das Leben in der Form, in der wir es kennen, vorbei sein wird. Das Fleisch wird sich zersetzen, genauso wie Dein Ich und Deine Persönlichkeit. Es ist das absolute Ende für Dich als Individuum. Diese Annahme ist gleichwohl Prämisse und Ausgangspunkt des fiesen Denkens; bei dem Tod als das absolutes Ende eines Menschen ist der Anfang zu finden.

Verleit der Tod dem Leben nicht erst seinen Wert?
Ja, das tut er. Weil es immer mehr Tote als Lebende gibt, weil man den „Großteil der Zeit“ als Mensch tot ist oder gar nicht existiert, erscheint dieser kurze Abschnitt, in dem man atmet, denkt, lacht und weint unwahrscheinlich selten und kostbar. Von diesem Standpunkt aus wäre es auch fatal, diese Zeit irgendwie zu vertrödeln, sie zu verschwenden und zu verpennen. Und das Bedürfnis wächst, möglichst viel zu erleben, möglichst viel zu genießen, viel zu lachen, viel zu lieben, lang und intensiv zu leben. Ja, das Leben soll mit mir tanzen! Tanzen soll es! Tanzen! Was also tun?, denkt sich der Fiesling. Und während er über diese Frage nachsinnt, wird ihm plötzlich klar, dass der Tod das Leben auf der einen Seite zwar kostbar macht, auf der anderen aber vollkommen sinnlos, ja, absurd geradezu! Auf einmal erscheint alles relativ wertlos. Wozu denn die Strapazen des Lebens auf mich nehmen, wenn doch sowieso alles ein Ende und ein Vergessen hat? Wozu etwas anfangen, wenn es einfach beendet wird? Und ich weiß noch nicht einmal wann! Die Tragik des Seins ist meine Tragik; ich wurde um mein Leben betrogen, denkt und fühlt der Fiesling. Und das ist in der Tat wichtig. Denn ohne dieses Gefühl, wäre der Fiesling kein Fiesling.

Ich glaube gar nichts.
Sagt der Fiesling. Er hat ein tiefes Bedürfnis nach Wahrheit, nach Nüchternheit, denn er ist ernüchtert. Er möchte Fakten und er weiß nur, was er empfindet. Aus Furcht in einen primitiven Glauben zu flüchten, käme dem Fiesling nie in den Sinn. Ohnehin trägt er eine tiefe Abneigung gegen die monotheistischen Religionen in seinem Innern. Die Religionen der Schwachen, wie er sie zu nennen pflegt. Gleichwohl die größten Anachronismen unserer Zeit!

Ist das Leben es wert gelebt zu werden?
An dieser Stelle antwortet der Fiesling erstaunlicherweise mit einem kategorischen „Ja“, ohne dies weiter auszuführen. Schade.
In ihm wächst ein quälendes Gefühl der Einsamkeit. Er fühlt sich isoliert von seinen Mitmenschen und verstoßen. Keiner kommt und empfindet so wie er. Ja, es interessiert ja gar niemanden, wie ich empfinde, denkt der Fiesling bitter. Und selbst wenn ihn einige tatsächlich mögen, er kann nicht verstehen, wie sie einfach so leben können, als wäre nichts, als wüssten sie gar nichts von ihrem Tod. Das ist alles sehr schwierig und allmählich wird der Fiesling zu dem, was landläufig unter einem Fiesling verstanden wird. Er wird gemein und bösartig und verletzend. Er wertet seine Mitmenschen ab, um seinen eigenen Wert vor sich selbst nicht verlieren zu müssen. Und in seiner Unverschämtheit und Boshaftigkeit fühlt er sich auch noch erhaben!

Und nun muss sich der Fiesling schrittweise transformieren ohne dabei seine Identität als Fiesling zu verlieren.
Er ist auf dem richtigen Weg. Wir fragen ihn: Lässt sich dieser Zustand des Absurden überhaupt überwinden? Und er schreit: Nein! Man vergisst ihn höchstens in diesem ganzen Trubel! Verachtung ist das Zauberwort! Verachtung! Es hat noch nie etwas gegeben, was nicht durch die Verachtung hätte besiegt werden können. Egoist muss man sein! Und das bedeutet, Mut zu haben, zu sein, wie man ist. Ich bin ein Fiesling! Und wenn ich mich auch selbst nicht töte, so lehne ich den Selbstmord doch niemals ab! Und vor lauter Wut und Zorn wird es um den Fiesling immer dunkler und schwärzer. Und ich erkenne, sagt er, dass auch die Dunkelheit geliebt werden will. Und wie! Sie scheint mir noch viel leidenschaftlicher als das Licht zu sein! Viel anhänglicher! Eifersüchtiger! Und sobald Du Dich in ihr aufgehoben und geborgen fühlst, hast Du das Licht gefunden! Er grinst und sagt: Das Sinnlose hat doch nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.













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geschrieben von: Philon

Die Spielwiese ist wo anderes hier, du hast das falsche Forum ausgesucht!



geschrieben von: Silas

Wer bist Du schon...



geschrieben von: StandAloneKmplx

Witzig geschrieben.
Der Philosoph wird Misanthrop, wird Philosoph...
der Philosoph ist der Fiesling...

aehnlich wie es dem Fiesling geht, kann sich der Philosoph nicht selbst ernennen, sondern wird ernannt. Das passt nur tragischer Weise nicht in den Denkprozess des Philosophen, da Wahrheit erkannt werden muss, um wahr zu sein...(Logikprozess)
Soll heissen, egal, welche Antworten du findest und in wie weit du dich damit abfindest, haben sie keinen Wert, solange sie keiner mit dir teilt...

mhh...wie weit liege ich daneben?? :D
Aber falls nicht, warum das Ganze?



geschrieben von: Seperaude

Zunächst mal mag ich deinen Schreibstil. ;)
Wahrscheinlich werd ich dir wenig neues sagen können. Du bist klüger/erfahrener als ich.

Vorab - Meinst du nicht, dass du erwähnen solltest, dass du von Albert Camus redest und ihn ständig zitierst? Mir stellte sich vorallem die Frage, warum du es nötig haben solltest es zu verschweigen.

Zur Sache...
Mir scheint das eine beschränkte Sichtweise auf seine Person. Für wen war er denn unverschämt und böse? Ich kann mir Camus im alltäglichen Umgang nur als einen aufrichtigen Charakter vorstellen, der Klartext redet. Sicher verletzt das manche. Aber nicht, um ihnen zu schaden. Kann man jemanden, der so viel geistigen Kampf durchlebt, um sich vom Wahnsinn, Selbstverrat und Mord seiner Umgebung zu distanzieren, dagegen anzukämpfen, sollte man diesem Vorwürfe machen, so er auch mal ein bisschen fiese Freude empfindet, wenn er die Illusionen derer bespuckt, die sich desillusioniert glauben?

Nun die anderer Seite der Medaille: Welcher echte Fiesling behauptet von sich, ein Herz ohne Bitterkeit zu besitzen? Und das er im tiefsten Winter bemerkte, dass in ihm ein unzerstörbarer Sommer herrscht? Glaubhaft, wohlgemerkt.
Ist jemand ein Misanthrop, wenn er sagt, dass die einzige Pflicht, die er akzeptiert, die Liebe ist? (und die höchste Tugend, angemerkt, die Aufrichtigkeit) - kann ein solcher Mensch ein Egoist sein? Doch höchstens, indem er die geheuchelte Nächstenliebe verwirft und zu wirklicher Liebe zu finden sucht.

Ich bin jedenfalls gern eine solche Art von Fiesling und liebe die Gegenwart all solcher Fieslinge. Ich respektiere und achte Camus. Worin besteht deine eigentliche Kritik, denn ein Angriff scheints ja zu sein? Bzw. siehst du Alternativen, die nicht auf Terror und Mord hinauslaufen, bessere Alternativen als ein stupides, langweiliges Leben - eingerahmt von einem System, das auf Vereinsamung, Lieblosigkeit und an den Außengrenzen Terror hinausläuft?

Denn indem du so lasch die Person denunzierst hast du noch lange keinen Ausweg gefunden. Mir scheint, du versuchst die Anspannung, die eine konsequente Reaktion auf den Mythos des Sisyhpos erfordern würde, von dir zu schmeißen. Und zwar auf so lächerlich absurde Weise, dass du Camus einfach versuchst, als trotziges Kind oder nüchternen Fiesling zu sehen, um ihn nicht ernst nehmen zu müssen. Menschen reagieren gern so, wenn sie sich angeklagt und verletzt fühlen. Bloß den Ankläger auseinander nehmen.
Vielleicht also, ich vermute das rein intellektuell, vielleicht bist du das Kind, das gescholten wird und zurückbrüllt: Du bist fies. Du bist "gemein und bösartig und verletzend".

Da frage ich mich, psychologisch gesehen, wofür der Thread wohl gut ist. Korrigiere mich, wenn ich mich irre, aber meine erste Ahnung sieht so aus: Du bastelst dir aus deiner verzerrten Sicht auf die Anklage, der du entgehen willst, eine Geschichte zusammen, die Andere dir möglichst abkaufen und bestätigen sollen. Schlechtes Gewissen lässt sich immer am einfachsten bekämpfen, wenn man sich Zuspruch sucht, dass man garnichts falsch machen würde. Zugespitzt formuliert. Du lügst uns in der Hoffnung an, dass wir dir die Lüge zurückerzählen und du sie dann als wahr glauben kannst. Deshalb unterlässt du auch die Erwähnung des Namens jenes berüchtigten Fieslings: Um Nachprüfungen über die konkrete Person und ihre Philosophie zu meiden, die nur im Lichte deiner Darstellung bewertet werden sollen. Nämlich negativ.

P.S. Da fällt mir noch was auf:
Zitat:
In ihm wächst ein quälendes Gefühl der Einsamkeit. Er fühlt sich isoliert von seinen Mitmenschen und verstoßen. Keiner kommt und empfindet so wie er. Ja, es interessiert ja gar niemanden, wie ich empfinde, denkt der Fiesling bitter. Und selbst wenn ihn einige tatsächlich mögen, er kann nicht verstehen, wie sie einfach so leben können, als wäre nichts, als wüssten sie gar nichts von ihrem Tod.


Mir geht es zwar selbst genauso und es gibt eine zeitunabhängige Perspektive auf seine Philosophie, die gewiss ihre Berechtigung hat, aber man darf Camus Werk auch nicht losgelöst von der Zeit sehen: Im Angesicht der Weltkriege, der mörderischen Ideologien, die alle auf den Straßen hinausbrüllen, ja da empört sich das Herz vielleicht schon ein wenig stärker darüber, wie unbekümmert doch die Menschen auf den Leichenbergen herumtänzeln und die Parolen der Zerstörung in Dur singen. Bei Hesses Steppenwolf taucht das gleiche auf und da gilt auch das gleiche. War Hesse auch ein Fiesling?

Heute ist der Tod bloß etwas subtiler geworden, trägt andere Masken, ist noch absurder, noch versteckter hinter den Dingen eingenistet, die die Menschen unbekümmert treiben. Die Welt wird unaufhaltsam komplexer. Ist das der richtige Zeitpunkt, Leute wie Camus als fies zu bezeichnen?

Ich sehe in dieser qualvollen, strengen Philosophie des Absurden eine Stufe, die der Intellekt mit gesammelten Muskeln zu erklimmen nichts falsches tut. Und jedem ist von dort oben ein Sprung in fernere Glücke möglich, in unbekannte Erfahrungen, auf die ein natürliches Anrecht herrscht, dass uns tatsächlich genommen wurde. Das man uns um das Leben betrog, ist dies Grund zur Verbitterung? Wo wir doch selbst das willige Werkzeug dieses Betrugs sind. Nein, denke ich, denn gerade die Einsicht ist die einzige Möglichkeit, sich die Tore zur Glückseligkeit offenzuhalten. Wie sagte Goethe? "Niemand ist hoffnungsloser verklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein." Versuchst du das Gefängnis zu leugnen, um Freiheit zu erspielen? Wenn man es sich so leicht macht, wird man es später schwer haben. Da grinst der Fiesling: "Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben."

Der Fiesling spricht nicht von einsamer Verbitterung, sondern von "Liebe, Kraft und Tod im Zeichen der Eroberung". Ich sehe ihn lächelnd am Straßenrand, mit revoltierenden Augen. Seine Schmerzen sind heilig, offenbaren seinen hohen Rang, seine Freude ist tief.

P.P.S. : Ich las deinen Thread im Nebelpfad. Danke! Wunderbar. Jetzt kommt mir die andere Vermutung, dass dies gar kein Angriff auf Camus ist, sondern du selbst der Fiesling (der, der sich für einen Fiesling hält), der sich nur Anleihen bei der Philosophie Camus macht, vielleicht auch sehr zur Identifikation neigt mit dem, was er gerade so liest. Kommt das vielleicht der Wahrheit näher? Oder sind alle meine Perspektiven ins Leere gerichtet?



geschrieben von: Silas

Erstmal vielen Dank für eure Antworten; ich bin positiv überrascht.

Also, ja, das Denken des Fieslings ist existentialistisch, somit ist Barbusse mit drin, Sartre und natürlich auch Camus. An Camus hast Du gedacht, weil ich das „Absurde“ benutzt habe, nicht wahr? Zitiert habe ich ihn eigentlich nicht bewusst.

Vielleicht seid ihr etwas enttäuscht, weil ihr fragt, warum das ganze. Der Text ist im Camus’schen Sinne absurd. Mehr oder weniger sollte mir das Schreiben dazu dienen, den Romantiker und den Existentialisten in mir zu verbrüdern, doch leider recht erfolglos. Aber vielleicht habt ihr eine Idee. Und möglicherweise kennt ihr das Dilemma sogar selbst, zwischen „nichts ist“ und „alles ist beseelt“ zu stecken…



geschrieben von: Seperaude

Man braucht noch Täuschungen, um enttäuscht zu werden. Schön, wenn wenigstens mal jemand einsieht, dass er nicht restlos beantworten kann, warum er einen Thread eröffnet.

An Camus dachte ich schon im ersten Satz und bei "Ist das Leben es wert gelebt zu werden?", was wohl wörtlich die Hauptfrage seines philosophischen Hauptwerks ist. Aber naja, von Sartre las ich nur einige Romane und Kurzgeschichten, von Barbusse garnichts - also wer weiß, ob die Parallelen so groß sind. Ich hatte nicht das Gefühl und dein Text schmeckte mir einfach deutlich nach Camus.

Was das Dilemma angeht: Ich denke mal, ich fühle da ähnlich. Bei mir war Alkohol immer recht wirksam, um mit mir einig zu sein :) Ansonsten: Surrealismus im praktischen Leben. Das macht frei. Ich habe erst einmal den Mut gehabt absurd zu leben - wirklich rauszugehen unter die Menschen, mit Posaunen - zu tun, was ich wollte, zu sagen, was ich dachte: ohne Rechtfertigungen. Das war die Erlösung - ich habe nie wieder so romantisch geschrieben und so klar gedacht, war nie so aktiv und glücklich, nie so naiv, hab das Leben nie mehr geliebt - ohne jeden paralysierenden Zweifel, ohne Angst, Skrupel, Hoffnung, Zwang, Trennung. Nichts war schwer, nichts war leer. Die Hormone! Die Männer hatten Angst, die Frauen lagen mir zu Füßen. Naja, ich wurde im romantisch-absurden Flug, glücklich und voll Sperma wie ich war, bald von einer Frau eingefangen und lief irgendwann in einer ihrer zahlreichen Fallen. Im Augenblick versuche ich mich noch von ihrem betäubenden Gift zu erholen.

Doch bin ich voller Zuversicht, dass mir neue Flügel wachsen werden.

Das wird dir allerdings genausowenig helfen wie mir. Begonnen hat meine Erlösung nicht durch Denken, sondern nach einigen Reisen quer durch die Alpen, ein paar Transgressionen und die Lektüre William Blakes - sowie vorallem nicht durch Ideen, sondern Malerei, die immer religiös ist. Egon Schiele pumpte mir vorallem wieder Leben in die Adern, die Symbolisten - ah, und Ulver. Seither brauche ich kein Koka mehr.

Jedenfalls scheints mir wahrscheinlich, dass ich in einem Zustand war, der Sartre, Camus usw. unbekannt ist. Ich las nochmal Rimbaud: Genau dort war ich angelangt. Alles war illuminiert: Der entfesselte Mensch, der Geist, der sich gegen sich selbst wandte und in seinem Brüllen die Ketten voller Verzweiflung sprengte. Die Wahrheit kommt aus dem Körper. Vielleicht ist die Trennung, das Dilemma, das du beschreibst, der Trennung zwischen Körper und Geist verwandt. In dem Sinne hilft Tanz mehr als Schreiben und Grübeln. Die elende Selbstanalyse führt zu nichts, wenn man nur sich und seine Gedanken und ein paar Bücher benutzt - die Welt und alle Menschen müssen Werkzeug sein. Es genügt zu wissen, was man ablehnt, so dass man sich nicht unterkriegen lässt. Im übrigen Raum entscheidet die Intuition, was zu tun ist -. und all die Sophismen des Wahnsinns.



geschrieben von: Silas

Aber ist das bewusst absurd leben nicht ein bisschen mehr als rauszugehen und zu sagen, was man denkt? Verstehe mich nicht falsch, ich finde es großartig, jedoch würde mir das in dieser Form und ohne Alkohol und ohne Drogen nicht gelingen. War es keine Anstrengung für Dich? Musstest Du Dich dazu nicht überwinden, so „aus der Haut zu fahren“?

In einem anderen Sinne bin ich die letzten Monate und Jahre ständig aus der Haut gefahren, weil ich in mir mehrere Konflikte mit mir herumschleppe. Mittlerweile sehne ich mich nach innerem Frieden und nach Ruhe. Und ja, ich möchte leben und ich möchte auch ekstatisch leben aber nicht mehr selbstzerstörerisch!



geschrieben von: Seperaude

Die Anstrengung besteht darin, die Konflikte in sich zu tragen und das äußere Leben damit zu verschonen - sozusagen die Anstrengung eines Damms, hinter dem sich die Wassermassen auftürmen. Der Druck wird um so größer, je weniger Illusionen im Innern das wirkliche Leben zurückhalten. Von daher leidet man mehr, je weniger Illusionen man hat. Ich denke, diese Anspannung ist es, die Camus meinte, als er davon sprach, dass einen das Absurde dazu zwinge, in ständiger Anspannung zu leben - gegen die Unendlichkeit geöffnet, im Leben aber verdammt, keine Partei zu ergreifen.

Ich gab nicht jede Kontrolle auf und sprengte den Damm. Das wäre in der Tat wahnsinnig und selbstzerstörerisch. Aber ich fing irgendwann an, die Wassermassen rauszulassen, was befreiend, belebend war - und mir den einzigen Frieden brachte, der akzeptabel ist: Die Übereinstimmung meines inneren mit meinem äußeren Leben.

Es war z.B. keine Anstrengung mehr für mich, öffentlich meine Meinung zu sagen, gegen Autoritäten klar zu argumentieren, mich aufzulehnen, wo ich es als nötig empfand - oder das Gegenteil, Leute zu unterstützen, die ich gut fand. Genauso wie es einfach war, Frauen auf der Straße anzusprechen. Ich brauchte weniger Schlaf, vertrug mehr Gift, war gesünder, sportlicher - konnte auf einmal fast den Marathon laufen. Es gibt unzählige Beispiele, den Kern des Ganzen kann ich intellektuell noch garnicht erfassen. Anstrengend, im Sinne von erschöpfend, müde machend, ist nur die Hemmung, die einen hindert, zu tun, was man will. Und in Verzweiflung über diese Hemmung neigt man dann eher zu destruktiven, selbstzerstörerischen Handlungen (eben weil man aus der Haut fährt, was keineswegs die richtige Beschreibung für das ist, was ich meine, sondern eher ein Dammbruch).

Ich bemühe mich um nichts so sehr, seit einem halben Jahr von früh bis spät, diesem Zustand auf die Schliche zu kommen, ihn psychologisch zu erfassen, um ihn wiederzuerlangen und teilen zu können. Die unendliche Zuversicht, der Friede darin, die Energie und Leichtigkeit für jede Handlung sind unbeschreiblich. Ich konnte endlich den erleichternden Ausruf Novalis teilen: Wer hätte das gedacht, das Herz seufzt nie umsonst. Wissen, nicht ahnen, dass ich mit jedem Schmerz, mit jeder verquerten Überlegung richtig lag - und falsch, wenn ich in Zweifel über meinen Weg war.

Damit ist das Problem des Absurden formell nicht gelöst, aber das Problem des unmittelbaren Lebens, das durch intellektuelle Konflikte in Paralyse liegt.
Das ich dazu die Möglichkeit des Todes in Kauf nehmen musste machte mir nichts aus, strengte mich nicht an, da ich endlich das Leben liebte, nicht mehr nur lebte, weil ich den Selbstmord verabscheue und hoffe, es würde irgendwann besser, sondern weil ich lebte, wirklich lebendig war. Im Sinne, dass man besser verbrennt als verblasst.

Also: Es braucht weder Alkohol noch Drogen noch selbstzerstörerisches Verhalten jedweder Art, noch Resignation, um in der Erkenntnis der Aporie glücklich zu werden. Leider kann ich nicht sagen, was es genau braucht (deshalb sind meine Beiträge so lang). Vielleicht muss man einfach lernen, die Konflikte, das Absurde, zu akzeptieren, um es zu leben. Natürlich nicht, in dem man sich damit abfindet, sondern in dem man es offen, wo es zutage tritt, bekämpft, statt nur davor zurückzuschrecken und zu erstarren.



geschrieben von: Seperaude

Wenn ich je wieder die Qualen eines Grigorij Alexandrowitsch Petschorin, eines Moravagine überwinde, dann spielt dieser Unsinn keine Rolle mehr.
Ja, vielleicht solltest du sehen, dass auch andere diese Konflikte in sich haben. Es ist befriedigend, mit poetischen Worten eben sie auszulösen, um sich gemeinsam das Leid daran zu teilen. Doch ist selbst das eine heftige Transgression. Ich habe viel Tränen bei den Menschn gesehen, mit denen ich anfing, über solche Dinge zu sprechen, statt sie in mich zu fressen. Und erst seit dieser Zeit kann ich sie richtig lieben. Es braucht dazu keine Bildung. In jedem Schädel vollzieht sich eine natürliche Entwicklung und wie begegnen alle den gleichen Erfahrungen. Wenn das Leid daran, die Konflikte bewusst zu halten und mit ihnen die ganze elende Tragik und Absurdität des Lebens, wenn dieses Leid irgendeinen Sinn hat, dann, in dem man es mit anderen zusammen leidet. Es braucht nur einen, der geschickt im Sprechen ist, die Macht der Worte nutzt, um die Menschen aus ihrer Fassade zu reißen und in die Mitte ihres Lebens zu stellen, wo sie wieder sehen, statt nur wegzusehen. Die Situationen, die dann folgen, sind äußerst absurd, aber sie sind wenigstens echt.



geschrieben von: Cagliostro

Blubb?

Inwieweit dieses pseudointellektuelle Geschwurbel mir dereinst einen Platz in einem Altersheim für frustrierte Missverstandene finanzieren wird, sei dahingestellt...



geschrieben von: Seperaude

Wie schaffe ich es, richtig intellektuell zu sein, Cagliostro?





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