[Magnolia in bloom] - German Gothic Board

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Magnolia in bloom

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geschrieben von: Adore

Le Début de la fin

„Je crois que je ne t'aime plus.
Elle m'a dit ça hier,
Ça a claqué dans l'air
Comme un coup de revolver.

Je crois que je ne t'aime plus.
Elle a jeté ça hier,
Entre le fromage et le dessert
Comme mon cadavre à la mer.
Je crois que je ne t'aime plus.
Ta peau est du papier de verre
Sous mes doigts... sous mes doigts.
[...]

Tu n'as plus d'odeur,
Tes lèvres sont le marbre
De la tombe de notre amour,
[...]

Je crois que je ne t'aime plus.
Elle m'a dit ça hier,
Ça a pété dans l'air
Comme un vieux coup de tonnerre.

Je crois que je ne t'aime plus.
Je te regarde et je ne vois rien.
Tes pas ne laissent plus de traces
A coté des miens.

Je ne t'en veux pas,
Je ne t'en veux plus,
Je n'ai juste plus d'incendie
Au fond du ventre c'est comme ça“1

Es schlug ein, wie eine Granate, die man mitten ins Gesicht wirft. Doch es war unvermeidbar.

- coupe -

Nach nur einem dreiviertel Jahr war der Zauber vorüber. Einseitiger Zauber. Fauler Zauber, vielleicht. Du hast das Tuch gelüftet unter dessen Schatten du die weißen Kaninchen versteckt hattest. Unter dem du all deine wahren Gedanken versteckt hattest, die meinen Ohren, meinen Augen hätten fern bleiben sollen. Aber ich habe es herausgefordert, alles sabotiert. Wie immer.
J'aurais dû me les couper. Longtemps avant de faire ta connaissance, juste pour être sûre de ne plus gâcher tout. Je n'ai pas pu le faire. Ce sont les seuls outils que j'ai à la suite pour me consoler où me jeter entièrement dans le deuil. Sans mes doigts je ne saurais pas vivre.
Le premier cliquetis-clac d'eux t'as pour toujours réveillé; arraché de ton sommeil si doux. Je suis désolée. Un peux pour toi, mais égoïste que je suis, surtout pour moi.2

- coupe -

Die Endphase war eingeleitet, ohne dass ich es gemerkt habe, als die verdeckten Guérilla-Krieger sich durch Worte verrieten und zu echten Soldaten verwandelten. Kein Zaubertrick diesmal. Eher Ungeschicktheit. Selbstsabotage vom Feinsten.
Jetzt ist es raus. Schwarz auf weiß, aber ohne Ton. Du willst mir nichts vorspielen. Du kannst meine Gefühle nicht erwidern. Du willst nichts vorgeben, was nicht da ist. War da je irgendetwas, außer Gedankenlosigkeit, außer Spielerei? War da je ein Fünkchen, oder sind die klitzekleinen Flämmchen, die vermeintlich in deinen Augen züngelten nur Abglanz von Neonröhren gewesen?
Ich fühle mich wie jemand, dem man die zugewachsenen Lider ohne jegliche Vorwarnung brutal mit einem rostigen Skalpell aufschlitzt, um eine schmerzliche Wahrheit zu erblicken, deren Licht sich zu stark bricht. Es brennt in meinen Augen. Aber vielleicht sind das auch nur die Tränen, die einfach nicht verstehen; die immer noch versuchen, den Brand zu löschen, die Verwüstung zu überfluten, das Blut auf der Straße in die Gräben zu spülen.
Meine Worte sind völlig verkrüppelt und verstümmelt immer wieder zu mir zurück gekommen. Wieder heraus gespien von deinen Fingern. Sie irrten verloren auf dem kokelnden Schlachtfeld umher, nicht wissend, wie sie verstanden werden sollen. Nicht fordernd. Nicht hart. Nicht bewaffnet. Je mehr ich von ihnen losschickte, um die großen Löcher im Boden zu kitten, zu stopfen, desto mehr Stacheldrähte hast du aufgezogen. Ich versuche sie zurück zu holen, diese meine gebrochenen und gebrandmarkten Krieger; werde sie vielleicht für immer in meinen Reihen, hier in ihrer Heimat im Dunkeln und Verborgenen lassen. Sie richten zu viel Schaden an. In dir, in ihm damals. Obwohl sie nur den Auftrag haben die Festigkeit und Beständigkeit der Dinge zu testen, zerstören sie. Weil nichts standhalten kann. Ihre Kraft ist zu stark, zu unkontrollierbar. Und wen die Worte nicht auf Anhieb brachen, den zerfetzte das Schweigen in alle Einzelteile.
Darum sagt man mir, dass man mich nicht liebt. Darum sagt man mir, dass man meine Gefühle nicht erwidern kann. Weil sie eine zu starke Schwäche sind. Weil sie ambivalent sind. Weil Kopf und Bauch mit in der Mitte spalten, regelrecht abtrennen.
Jedes Mal, wenn der Bauch entscheidet, brüllt der Kopf in schrillem Schrei im Stakkato. Hallt am Marmor der Schädeldecke wieder, dreht sich im Kreis und bohrt ein Loch in den Boden, durch das ich früher oder später falle. Lande immer wieder mit dem Arsch im Gesicht; mit der Faust im Mund. Möchte sie immer wieder abbeißen, diese verdammten Finger, die alles und nichts sind. Die Stifte führen und Tasten drücken. Die Haut befühlen und den Wind hindurch säuseln lassen.

Danke. Trotzdem. Auch wenn ich nicht weiß, wie ich weitermachen soll. Nicht weiß, ob ich dich ansehen kann, ohne dich an- und voll erfassen zu wollen.
Danke, dass du mir durch den Winter geholfen hast. Mich wach gehalten hast. Mir eine zuckersüße Schlaflosigkeit eingehaucht hast. Mich vorm Grau bewahrt hast, für ein paar Momente. Mich hast im Schnee blühen lassen, indem du mir zumindest das Gefühl von Zuneigung gegeben hast, auch wenn ich nicht mehr weiß, ob es echt oder gespielt war. Es ist egal. Es war Balsam.
Doch jetzt ist wohl die Zeit gekommen, die Blätter braun werden zu lassen und abzuwerfen, den Duft versiegen zu lassen und mich in mein knorriges verbittertes Selbst zurück zu ziehen. Winterschlaf mitten im Frühlingsregen zu halten. Ich bin müde. Ich möchte schlafen immerzu. Man sagt, der Schlaf bringe Vergessen. Ich glaube nicht. Ich kann dir verzeihen, aber vergessen werde ich dich nicht. Dein Gesicht ist wie tausende in meine Gehirnmasse gemeißelt. Für immer.
Bonne nuit. Réveille-moi quand il est l'heure pour la magnolia to bloom again.3 Die Zweige hast du mir ja bereits gestutzt ...

1 Cali – Elle m'a dit
2Ich hätte sie mir abschneiden sollen. Lange bevor ich deine Bekanntschaft machte, nur um sicher zu sein nicht mehr alles zu verderben. Ich konnte es nicht tun. Das sind die Werkzeuge, die ich habe um mich im Anschluss zu trösten oder in die Trauer zu werfen. Ohne meine Finger wüsste ich nicht zu leben.
Ihr erstes Geklapper hat dich für immer geweckt; aus dem so honigsüßen Schlaf gerissen. Es tut mir leid. Ein bisschen für dich, aber Egoistin die ich bin, vor allem für mich.
3 Gute Nacht. Wecke mich auf, wenn es für die Magnolien an der Zeit ist, wieder zu blühen.



geschrieben von: Adore

Les puces dans le poches

Samedi matin dix heures. Je me retrouve dans une foule. Jeder schiebt sich an jedem vorbei. Ein Mann zieht sein Rollwägelchen hinter sich her, direkt über meinen Fuß, ohne sich umzudrehen.
Noch nie habe ich es geschafft so früh hier zu sein. Normalerweise kann ich samstags nicht, weil ich arbeite, aber sobald ich einen davon frei habe, kann man mich vormittags hier finden – au marché aux puces. Es ist eine Leidenschaft, die einmal begonnen, nie mehr aufhört. Ja, ich weiß, es ist schmuddelig, die Sachen zum Teil versifft und der Verkäufer spricht eine völlig andere Muttersprache als ich.
Meine Finger wühlen sich durch Knopfkisten, fühlen die glatte changierende Oberfläche von Perlmutt und gleich darauf die unregelmäßig strukturierte von gefälschten Hornknöpfen in braun und beige, die allesamt Schmutz hinterlassen. Feine Staubkörnchen, die sich in jeder Rille der Haut absetzen. Hände, über die hauchzarte Chantilly-Spitze fließt, wie eine Frühlingsbrise im Bois de Boulogne, wo Familien sonntags mit ihren Kindern spazieren gehen. Lachend. Geeint.
Ich streife durch die engen Gänge vorbei an den provisorisch aufgebauten Verkaufsflächen. Berühre die reglosen Frauenköpfe der Gemmen und lasse Perlenketten sich immer wieder durch meine Finger schlängeln.
Dieses lebende Kuriositätenmuseum, das geschäftig ist, wie ein Ameisenstaat, atmet, pulsiert durch die Anwesenheit jedes einzigen Gestalt. Langhaarige zottelige alte Männer, in Karo-Hemden und Jeansjacken, die ihre breiten groben Hände immer wieder die Oberflächen der Tische gleiten lassen, um die Unordnung wieder übersichtlich zu machen. Währenddessen bieten sie Madame die Brosche aus der Biedermeierzeit an und feilschen mit einem jungen Hornbrillenträger um den Preis einer ledernen Arzttasche. Er ist nichtmal Medizinstudent ...
Jedes Stück dort hat sein Stück Geschichte in sich, so wie jeder Mensch. Manchen sieht man es mehr an, sie haben Gebrauchsspuren, wirken abgenutzt. Manche sind wieder neu aufgeputzt. Auch wir Menschen können das selbe mit uns selbst machen. Können uns wieder neu zurechtmachen, so tun, als seien wir immer noch wie neu. Als hätte die Zeit und das Leben keine tiefen Furchen auf unserer Seele hinterlassen. Als wäre nicht jeder Gedanke in uns hinein geritzt. Bei manchen sieht man es sogar auf der Haut, wenn man genauer hinsieht. Des einen Arme sind von oben bis unten vernarbt, des anderen Gesicht übersäht mit Lachfalten. Manchmal sehe ich mit meinen Zweiundzwanzig Jahren so abgespannt aus, dass ich es kaum glauben kann. Dabei arbeite ich nicht schwer. Ich habe zu Essen und kann schlafen. Dennoch ist da immer wieder etwas, das an mir nagt. Unsere Dämonen werden wir nicht los. Sie schleichen sich abends auf Zehenspitzen in die Zimmer und erschrecken uns aus Schattenecken zu Tode, sodass wir kreidebleich einschlafen.
Doch jetzt ist die Nacht noch nicht gekommen. Noch kann ich die sich mischenden und doch eindeutig zu unterscheidenden Düfte in langen Atemzügen einsaugen. Frische Gewürze von der einen Seite und der süßliche Duft reifer Melonen kreuzt wehend von der anderen Seite meinen Weg. Ich tauche meine Finger in einen Sack voll ungeknackter Walnüsse. Ohne Schale sehen sie aus wir nackte Gehirne – als hätte man sie direkt aus Embryo-Köpfen herausgezogen. Lieber nicht an so etwas denken und eine mit Käse gefüllte Peperoni kosten. Die Milde und Würze vereinen sich im Mund, umflossen von Speichel. Die malmenden Zähnen verbinden die Konsistenzen immer fester und fester, machen sie zu einem homogenen Brei, der irgendwann in Richtung Speiseröhre befördert wird, bevor man daran erstickt oder wieder alles erbricht.
Ich sehe Leute Leckereien kaufen. Obst, Gemüse, türkischen Honig und kleine Pistaziensäckchen. Sehe eine Mutter, die ihren Sohn an der Hand durch die Menge aus Erwachsenen geleitet. Ihm eine Eskorte ist, die vollbepackt mit Einkaufstüten aus Papier und weißem Plastik, Richtung heimwärts strebt.
Ich versinke knietief in Zukunftswünschen. Ich wäre auch gerne komplett. Mann, Kind, Haus und Hof. Bilderbuch. Eine ganz normale Existenz. Blumen und Dominosteine auf dem Frühstückstisch. Abends bei schwachem Lichtschein Märchen lesen. Im Park eine Schaukel anstoßen.
Ich weiß, ich bin noch jung. Ich kann noch alles erleben, was ich mir wünsche. Ich frage mich nur, wann das alles beginnt. Ob ich anhalten kann bis dahin. Ob ich irgendetwas tun kann, um es tatsächlich Realität werden zu lassen, oder ob ich aufhören sollte diese Träume zu träumen.



geschrieben von: Adore

Répétitif

[…]

I can't remember how this got started, oh.
But I can tell you
Exactly how it will end.

Every day is exactly the same.
Every day is exactly the same.
There is no love here,
And there is no pain.
Every day is exactly the same.

I'm writing on a little piece of paper
I'm hoping some day you might find.
Well I'll hide it behind something
They won't look behind.

[...]
1
Je ne suis pas sûr si chaque jour sera comme celui d'avant, mais je sais que presque rien n'a change depuis qu'on se voit plus; depuis qu'il n'y a plus de rencontres. J'aspire. J'expire. Je respire. Tous les jours.2
Ich glaube wir haben einander schon gut zwei Monate nicht mehr gesehen. Manchmal kommt es mir wie eine Ewigkeit vor, vor allem, wenn ich bedenke, dass es bald ein Jahr sein werden, die wir einander kennen. Aber eigentlich kenne ich dich immer noch nicht, also sagen wir lieber, ich habe vor gut einem Jahr deine Bekanntschaft gemacht. Ich glaube immer noch, dass der Zufall dabei nicht das geringste Zutun hatte, aber ich glaube auch nicht an Schicksal, also was soll's?
Seit fast zwei Wochen habe ich nicht einmal mehr diese hastig in deiner Mittagspause getippten Worte in schwarzer Typewriter-Schrift auf weißem Grund. Nichts. Kein Lebenszeichen und auch nichts Gegenteiliges.
War es zu hart dir zu sagen, dass ich weiß, dass du stets vermieden hast in nähere Beziehung mit mir „erwischt“ zu werden; dass ich glaube, dass dir unser Intermezzo peinlich war? War es falsch dich vor die Realität zu stellen, indem ich dir schrieb, dass es nahezu unmöglich sei, dass wir einander durch Zufall wieder begegnen?
Ich denke nicht, denn ich glaube, dass du in dir ganz genau weißt, dass es wahr ist, aber nicht vermutet hättest, dass ich es auch weiß. Ich habe es die ganze Zeit über gespürt und gekonnt verdrängt, weggeleugnet, einfach in eine Hosentasche gesteckt und bei 90 °C gewaschen, um keimfrei meine Zeit mit dir zu verbringen.
Bedeutet deine Stille das endgültige Aus jeglicher Kommunikation zwischen dir und mir?
Wenn dem so sei, könnte ich es nicht verstehen, denn ich habe dir eindeutig mitgeteilt, dass ich dich, auch wenn ich all das spüre, deshalb nicht für einen schlechteren Menschen halte, oder dich anders sehe, als vorher, geschweige denn, andere Gefühle in Bezug auf dich haben werde.
Rage – Orage – Decourage: Zum ersten Mal in der Zeit in der ich intime Beziehungen führe, hat es nicht so geendet.
Das Leben läuft weiter. Ich habe heute die zweite meiner vier Diplomprüfungen abgelegt, werde am Montag, sofern alles gut geht, den Vertrag für einen Monat Hospitanz am Theater unterschreiben und mich weiterhin durch die Tage bis zu meinem endgültigen Abschluss Ende Juni kämpfen. Werde jeden Tag wieder den Asphalt mit meinen Füßen streicheln. Werde jeden Tag wieder versuchen, die Narkolepsie, die ich mir scheinbar bei dir eingefangen habe, zu überwinden. Ich werde weiter im Wachzustand in der Luft strampeln und mich nachts allein in dieses Bett legen. Werde weiter in dieser sozialen Wüste leben und den Sand einatmen, bis mir die Lungen brennen und die Augen tränen. Werde weiter schlafen, arbeiten und essen. Werde überleben, nicht leben.
Die Lebefrau zu spielen kann ich mir im Moment einfach in jeder Hinsicht nicht leisten.
Es ist dumpf. Es fühlt sich an, wie weicher Druck am Schädel, der gewisse Denkregionen einfach einmuldet und zusammenpresst, damit sie ihre Bedeutung verlieren. Das Emotionszentrum wird auf ein Winzigstes komprimiert.
Ich habe einfach nicht die Kraft mich in einen Schmerz hinein zu steigern, von dem ich nichteinmal mehr weiß, ob er je real existiert hat. Vielleicht was das alles, was ich in Bezug auf dich zu fühlen geglaubt habe, reiner Selbstbetrug. Vielleicht habe ich es als letzte Flucht aus Sehnsucht, Einsamkeit und Unberührtheit/-barkeit gesehen. Aber was, wenn ich für all diese himmlisch-idyllische Harmonie einfach nicht gemacht bin? Wer kann das schon wissen?
Ja, vielleicht war das alles mit dir wirklich nur eine Schnapsidee um ihn zu verdrängen; um ihn in die reine Freundschaft, ohne jeden Anklang von Beziehung zu abzudrängen. Vielleicht haben wir einander nur gegenseitig benutzt. Wie schäbig.
Ich fühle mich stumpf, schlecht durchgespült. Als hingen da noch tausend zu entfachende Emotionen in mir herum, die weder einen Mucks von sich geben, noch loslassen wollen. All der Frost im mir, kann sie nicht vor Kälte zerspringen lassen und wegsprengen. Wie Eisblumen sitzen sie an der Schutzwand meiner Seele aus Plexiglas und wollen mich doch nicht lassen. Stumm-schreiende Sehnsucht nach Zweisamkeit kratz an ihr entlang und scheuert sich die Fingerkuppen wund, in der Hoffnung endlich wieder voll ausbrechen zu dürfen.
In Tränenwut um mich schlagen. Ein wenig die Haut zerreißen. Ein wenig Salz in alte und neue Wunden streuen. Sich ein wenig mit Selbstmitleid besudeln.
So ganz habe ich dich glaube ich noch nicht hinter mit. Auch wenn es mich nicht mehr bricht, die Magen- und Heulkrämpfe in kürzester Zeit ausgestanden waren, weil ich keine Zeit dafür haben durfte, so kann ich dich nicht einfach aus meinem Kopf werfen. Am liebsten würde ich die Vorstellung an dich und das Wenige das ich von dir weiß, packen, in einen Käfig stecken und über Bord ins marineblaue Meer werfen und auf immer versenken. Aber ich kann es nicht. Immer noch, stelle ich mir die Frage, ob ich dich nicht einfach mal einladen sollte, wieder mal was gemeinsam zu unternehmen. Doch ich tue es nicht, weil noch nicht genug Zeit verstrichen ist, damit du dich in Sicherheit vor meiner Zuneigung wägen könntest und weil ich Angst davor habe, dass du einfach nicht reagierst; dass ich einfach gestrichen und gestorben bin.
Immerhin hat man mir gesagt, für die Richtige würdest du schon über deinen Schatten springen. Das war ganz offensichtlich nicht ich. Ich hoffe nur, ich muss der Frau, die das irgendwann schafft niemals begegnen. Meine Sehnsucht würde wohl durch die Glaswand mitten in ihr Gesicht springen und ihr mir nix dir nix die Augen auskratzen. Wilde Tiere schlafen nicht. Sie lauern lediglich.



geschrieben von: Adore

À un moment donné ...1

… non plutôt jamais2. Nichts wird plötzlich geschehen. Nichts wird sich plötzlich ändern. Du wirst dich weder nach elf, achtzehn oder dreißig Monaten in mich verlieben. Dieser Zug ist ohne Warnzeichen schon abgefahren. Kein Pfeifen, kein Tülülü, kein Schaffner, der mir diese seltsame runde Scheibe mit der roten Seite mitten auf meine sowieso schon leicht verbeulte Nase klatscht. Ich liege auf den Schienen und höre nur das Rattern über den geradlinigen Stahl. An Schmerz gewöhnt sich jeder Körper und jede Psyche.

- coupe -

Zuerst hast du dich gleich mal gedrückt. Dann bist du zurück gekommen und hast dich mit Blicken weiterhin gedrückt. Ich habe dir gesagt, ich würde dir keine verächtlichen Blicke zuwerfen, also habe ich dich gar nicht angesehen, weil ich es nicht konnte. Kurzzeitig bist du dann wieder gegangen, um dann ganz unbemerkt und leise schräg hinter mir Platz zu nehmen.
Ich bin gekommen, weil ich dich mag, weil sie mich unwissend gebeten hat zu kommen und weil ich dir unbedingt zeigen wollte, dass ich vor einer Konfrontation mit dir nicht weglaufen würde. Ich bin kein Schisser.
Wir haben auf feuchten Strohballen, die du als Heu identifiziert hattest – typisch für jemanden, der noch nie wirklich auf dem Land gelebt hat – diskutiert. Die alten Standpunkte erneut vertreten und verfestigt. Ich habe auf meinem Platz gestanden und den Boden unter mit immer fester gestampft und du auf deinem. Manches hat mich erschüttert. Du hältst es für unmöglich. Weil ich dir zu unähnlich bin, weil ich keine „böse“ Frau bin, weil ich angeblich zu rational denke und weil du nicht gewillt bist aus deinem Leben heraus zu kommen. Du willst „weiterschwimmen“. Ja dann, ich hoffe auf einen dicken fetten brausenden Wasserfall mit reichlich scharfen Kanten und Ecken zu. Ich wünschte du ersäufst in deiner präpubertären Dummheit. Ja, geh und fick' deine Ex, wenn du sie noch so liebst. Sauf' dich mit ihr um euer beider letztes Fitzelchen Verstand, wenn du das brauchst. Ich habe damals nicht anders gehandelt. Habe mich so lange damit gequält, bis es mich zerrissen hat. Bis ich alles brechen musste. Habe mich von dem Menschen, den ich liebte in den tiefsten Staub drücken lassen, nur um ihm nahe zu sein.
Ahh, da ist sie endlich, diese einzigartige Wut, die nur Frustration hervorrufen kann. Am liebsten hätte ich gekotzt, so sehr hat mich manches schockiert. So sehr hat es mich in dem Magen geschlagen, so sehr war es wie eine in der Speiseröhre steckende geballte Faust. Es war als kitzelten deine hübschen Finger permanent mein Gaumenzäpfchen.
Aber ich bin da durch gegangen. Mitten durch diese Verwirrung. Mitten durch diese Unglaublichkeiten. Du wehrst mich ab und beteuerst, du habest mich verdammt gerne. Wie zur Hölle soll das denn gehen? Wieso musst du dich dreimal die Woche mit deiner Ex treffen, wenn du nicht mehr an ihr hängst – erklär' mir das bitte mal, denn ich verstehe es nicht? Wieso ist sie ein Problem für eine Beziehung mit einer anderen Frau, wenn du sie nicht mehr liebst? Wieso hättest du Angst davor, ihr eine andere vorzustellen?
Ich scheiß' auf dein Schwarz-oder-Weiß-ganz-oder-garnicht-Gequatsche. Solange du nicht kapierst, dass es im Leben Nuancierungen gibt, hat es keinen Sinn mit dir ein Gespräch führen zu wollen. Solange du deine unreife zwei-Dimensionen-Lehre, die unbedingt die totalitäre Verliebtheit braucht, nicht widerrufst, ist alles verloren.
Ich weiß, ich bin in Punkto Sturheit um keinen Deut besser als du. Heute habe ich Standpunkte vertreten und auf so manchen beharrt, die ich eigentlich gar nicht habe – nur um nicht deiner Meinung zu sein. Nur um nicht zugeben zu müssen, dass du wohl recht hast. Ich habe dir gesagt, ich bräuchte keine Verliebtheit, aber das ist Blödsinn. Natürlich brauche ich sie. Ich brauche sie, wie die Tatsache mich über dich ärgern zu können, um dich überhaupt zu mögen. Einen Mann, der nicht manchmal einfach unmöglich ist, kann ich nicht gebrauchen. Ja, ich will einen kindischen Trottel, der mich manchmal einfach bloß in den Arm nimmt und in einer Beziehung völlig aufgeht. Ja, ich würde all das wollen, wovon du mir vorschwärmst, du könntest es mit mir nicht. Und ja, scheiße nochmal, es tut verdammt weh, das akzeptieren zu müssen. Es akzeptieren zu müssen, während ich dir in die Augen sehe. Und das, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich muss dir doch weismachen, ich stünde da drüber, weil ich sonst mein Gesicht verliere. Ich muss erwachsen sein, weil ich es immer sein musste. Weil mir diese Rolle mein ganzes verschissenes Leben lang zugeschanzt wurde. Ich war immer die sarkastische reife Frau, die an ihrer Vernunft zerplatzt und den Dreck der am Boden zurück bleibt mit ihren Emotionen versucht aufzuwischen. Ich weiß, dass Männer das hassen. Wie die Pest oder die Cholera. Es tut mir leid, dass ich nicht die verrückte Kumpelfrau bin. Es tut mir leid, dass ich so schnell gealtert bin.
Soverän habe ich jedes Wort aus deinem Mund absorbiert. Mit Fassung. In völliger Starre, gleich einer halbseitigen, also innerseitigen Teilzeitlähmung.
Et ne m'appelle plus jamais chérie, sinon il faut que3 ich dir mit einem Vorschlaghammer nicht nur die Fresse blutig, sondern gleich den ganzen Schädel einschlagen. Et ne mentionne plus jamais les mots „en ce moment“ puisque je sais trop bien, que cela signifie „jamais“. Parle clairement à moi.4 Denn ich glaube nicht an Wunder; nicht daran, dass aus uns jemals etwas werden kann, solange du diese deine Einstellungen nicht zumindest teils revidierst. Ich glaube an das Absolute, an den Moment, an den Urknall, und sonst nichts. Doch davon brauchst du nichts zu wissen. Es hat gehörig bei mir geknallt. Erst alle Sicherungen und dann wie die flache Hand auf der Wange. Sie ist immer noch rot, hört nicht auf zu brennen. Sag nicht, du tätest das alles, weil es das Beste für mich sei, sondern sei ehrlich zu dir und mir. Du tust es, weil du dich damit wohler fühlst, weil du keinen Bock darauf hast, auch nur irgendetwas an deiner Situation zu ändern, geschweige denn überhaupt über sie zu reflektieren. Schließlich könnte es ja im Gehirn oder gar im Herzen weh tun den Gegebenheiten ins Auge zu sehen … Lieber blind sein. Lieber an ohne Augenlicht an ihrer Seite schwimmen. Lieber sich selbst blockieren, statt sich wieder auf Gefühle einzulassen. Früher war alles besser, ich weiß. Nur zu gut.
Dennoch bin ich so wütend, dass ich mir gerne jedes Haar einzeln vom Kopf reißen würde. Fein säuberlich mit der goldfarbenen Pinzette aus meinem Schminkschrank (und sie dir dann per Post in kleinen Zöpfchen schicken). Wütend auf dich, weil ich nicht verstehe, wie du mich angeblich so mögen, aber einfach nicht mal den Versuch starten kannst, mich zu lieben geschweige denn, mich kennen zu lernen, in allen meinen Facetten. Auf mich, weil ich ich bin. Weil ich eine vernunftdurchtriebene Langweilerin mit tausend verborgenen romantischen Träumen bin, die ich gekonnt vor der ganzen Welt wegsperre. Auf dass sie ja nie das Tageslicht erblicken. Sie könnten ja zu Staub zerfallen.
Du hast so viel Angst. Du glaubst, du könntest mit mir nicht weggehen und Spaß haben. Du glaubst unsere Freundeskreise passen nicht zusammen. Du glaubst einfach ganz genau zu wissen, wie ich bin, denke und reagiere. Du glaubst ich halte dich für ein Arschloch, weil du nicht weißt, dass ich längst den Unterschied zwischen Versehen und Absicht begriffen und gespürt habe. Du weißt nicht, wie es ist, wenn einem bewusst weh getan wird und man gezwungen ist an diesen Erfahrungen zu „wachsen“. Du weißt nichts von Einsamkeit. Ich könnte dir tausend Lieder darüber schreiben, wenn ich doch bloß zumindest eine einzige Melodie auf die Reihe bekommen würde. Da streikt leider meine Kreativität und der analytische Verstand legt sich wieder quer.
Alles was ich höre ist das leicht glitschige Rattern der Räder über meinen Schädel; über das völlig leer gepumpte Herz.



geschrieben von: Adore

Changement du domaine de la lutte
où: Frère Jacques, Frère Jacques1

Eigentlich bin ich nur da hin, um mir selbst zu beweisen, dass ich mich nicht mein ganzes Leben lang vor Menschen, insbesondere Ansammlungen derer, drücken kann. Man hat es gut mit mir gemeint, als man mich einlud. Immerhin, war es mein Briefekritzler. Wenn er nicht gerade auf mich vergisst, möchte er glaube ich schon, dass ich auch mal glücklich bin.
Da stand ich also, pitschnass bis auf die Socken, mit in zweierlei Hinsicht kalten Füßen und umklammerte meine blaue Tasse Darjeeling-Tee. Ich habe mich dann einfach irgendwo auf dem Parkett fallen lassen und mit ihm geplaudert, weil ich diese ganze Fassungslosigkeit loswerden musste. Doch egal, wie oft ich darüber spreche, an der Auswegslosigkeit der Situation ändert das rein gar nicht. Ich muss das alles wegwischen, oder besser noch aus mir raus ätzen. Ich dachte, das ginge mit ein wenig Bowle vielleicht ganz gut. Teils gesellschaftsfähiger Mensch der ich bin, habe ich doch tatsächlich mit Mädels geredet, die ich gar nicht kenne. Wir haben sogar gelacht. Der Abend verstrich langsam auf eine sehr oberflächlich-schwappende unberührende Art und Weise.
Dann tauchte diese fürchterliche Person auf. Fette schwarze Krankenkassenbrille, Blümchenjacke zu Streifenstrumpfi und eine hässlich caramellfarbene Lededrhandtasche auf Bauchhöhe schräg um den Körper geschnallt. Ich weiß nicht wieso, ich kenne sie eigentlich zu wenig um mir ein Urteil erlauben zu dürfen, aber ich verabscheue diese Frau. C'est pas très souvent que ressens une antipathie aussi forte.2 Egal. Wir wechselten ein paar Worte und dann verpisste sie sich, um lieber mit den coolen Leuten abzuhängen. Eigentlich ist es unter Halberwachsenen nicht anders als in der zweiten Klasse auf dem Pausenhof.
Neben mir blieb ihre Theaterbegleitung in Jackett mit Spitzrevers und hässlich grün-bedrucktem Hemd sitzen. Die vom Regen feuchten hellen Haare hingen ihm strähnig quer über die Stirn. Als sich der Mund öffnete blitzen, wie um nur ganz kurz heraus zu blinzeln, ein paar Mausezähnchen hervor. Bis heute verstehe ich nicht, wie es Menschen geben kann, deren Zähne scheinbar alle gleich groß sind. Erfüllen die ihren Auftrag zur Zerkleinerung der Nahrung vollständig, oder gilt das irgendwie als Behinderung des Kauapparts? Aber eigentlich geht es nicht darum, was der Kerl in seinem Mund hatte, sondern was da heraus kam. Eine Menge Fragen, eine Menge Lachen, eine Menge, die die Zeit einfach so vergehen ließ, ohne dass mein leise und ein wenig unregelmäßig tickendes Taschenührchen davon Notiz genommen hatte. Es war einfach okay. Es war nicht übertrieben. Es war nicht zu viel, nicht zu wenig. Es war Balance. Außer, dass ich recht wenig wissen wollte. Ich finde aber man muss die Menschen langsam entdecken.
Als wäre er ein männliches Aschenbrödel ohne Schuhe an beiden Füßen, sagte mir der converse-analytische Soziologe, die Pflicht rufe, er müsse gehen. Ein Küsschen hier, ein Küsschen da und zurück blieb ein leerer Fleck auf dem honigbraunen Fußboden. Das war mir dann zu blöd. Ich blieb noch ein wenig und trieb mich dann durch die störrisch-stürmenden Tropfen Richtung heimwärts.
Ich musste schmunzeln und den Kopf schütteln, als ich mich zu Hause wiedermal nicht an seine Augenfarbe erinnern konnte.
Warum denke ich eigentlich darüber nach? Was kümmert mich die Farbe dieser unbekannten Seelenfenster? Warum wieder an dieses verschmitzte Lächeln denken, das den schmalen Mund von einem Ohr bis zum anderen in die Breite zog?
Fand ich es nett, dass man sich zur Abwechslung mal für mich interessierte? Oder fand ich es nett, dass mich jemand mal nicht permanent anschweigt, sondern einfach redet, als ginge es um sein Leben? Ist das wieder eine verzwickte Flucht nach vorne, weil alle sagen, ich solle endlich ablassen, weil die Halbwertszeit so unendliche Weiten ins sich birgt?
Die Vorstellung an nur irgendeine Möglichkeit war einfach zu verlockend. Was soll schon passieren? Johnny wird mir deswegen nicht um den Hals fallen. Er wird nicht eifersüchtig sein. Er wird nichts fühlen. Weil er so verrannt ist, dass er nichteinmal irgendetwas sieht.
Aber ich. Werde ich etwas fühlen. Werde ich mich wieder rosarot in etwas hineinsteigern, nur, weil ich es eventuell kann?
Liegt es an der Endgültigkeit des Eingefahrenen, dass mich plötzlich auch etwas anderes reizt, oder war die Endgültigkeit eigentlich nur dazu nütze, mich dorthin zu treiben. So wie damals. Als das Schweigen mich an Johnnys Seite stieß. Eine Liane löst die nächste ab. Affenprinzip, so wahr und perfektioniert, wie nie zuvor. Wenn das Genie nur wüsste …
Tja, Mausezähnchen, jetzt sind wir nach einem Tag schon so weit, dass du mir nächste Woche ein Buch nach Hause bringst. Du kommst in meine Wohnung. Dringst in einen Bereich ein, den ich ihm nur mit Widerwillen zugestanden hätte. Mal sehen, wie lange es dauert, bis du bemerkst, dass du meine Adresse gar nicht kennst.
Gott, ich fass' es nicht. Was tue ich da eigentlich? Wieso hole ich mir einen Quatschkopf wie dich mitten unter der Woche in mein Zimmer, in mein Allerheiligstes, dorthin, wovor ich meist weglaufen muss, weil es mich erdrückt? Wieso lasse ich das zu?
Und vor allem, wieso willst du das?
Neue Waffen, neue Opfer, neue Jagd, neues Spiel. Les dés sont jetés. On recommencera dès zéro.3 Eigentlich habe ich den Kampf nach dem ewigen Glück mächtig satt; und bin doch so hungrig danach, dass mir nicht nur der Bauch, sondern auch die Glieder krachen.



geschrieben von: Adore

Tagesanbruch ist vor dem Ende der Nacht

„Dabei suche ich nicht das Glück, sondern nur ein wenig Harmonie und ab und zu Ekstase.“1

Es war ein Vorwand. Es war zwar nicht der perfekte Vorwand, aber immerhin einer, der nicht völlig an den Haaren herbei gezogen war. Schließlich ist es kein Verbrechen sich Bücher leihen zu wollen, bevor man sie teuer ersteht und es ist auch keines, sich vergewissern zu wollen, ob es denn tatsächlich Mausezähnchen waren, oder nicht.
Nein, waren sie nicht. Optische Täuschung. Ich könnte es auf die permanente Abwesenheit meiner Brille schieben, aber das nützt doch nichts – ich brauche mich vor mir selbst nicht zu rechtfertigen. Und auch vor niemandem sonst.
Ich war nicht sicher, ob du auf diesen Vorwand überhaupt einsteigen wirst und schon gar nicht darauf gefasst, dass du so darauf einsteigen würdest, wie du es getan hast. Ich war und bin auch ganz und gar nicht sicher, wieso ich das eigentlich getan habe und doch, ich habe dem Tag entgegen gefiebert, wie übermotivierte, völlig gestörte Streberkinder (wie ich!) dem Ende der Sommerferien. Ich wusste einfach, nach deinen ersten Worten, dass du nicht nur vorbei kommen und mir dieses Stück französischer Gegenwartsliteratur hineinknallen würdest. Und ich wusste auch, dass du aus dem Fahrstuhl aussteigen und instinktiv in den falschen der drei Gänge in meiner Etage laufen würdest, darum lief ich barfuß in den Flur, um es dir ein wenig leichter zu machen. Deine Schuhe stelltest du mitten ins Vorzimmer, nicht einmal nebeneinander, sondern irgendwie hinein, in diese so gehegte Ordnung im Schuhparadies dreier Frauen. Und wie das nun mal so ist, war natürlich keine Kleiderbügel für dein Jackett übrig. Scheinbar hat es dich nicht gekümmert, denn im Nu war dein Zeug ganz nach oben auf die Ablage geschleudert – lässig, als würdest du schon ewig hier ein und aus gehen. Ich musste in mich hinein Lächeln, als ich daran dachte, dass wir beide zu klein sind, um das Ding von da oben wieder herunter zu fischen.
Ich gebe zu, es war ziemlich unsensibel und wohl auch viel zu offensichtlich, das Buch gerade mal kurz mit den Augen zu streifen und auf meinen Nachttisch zu legen. Ich hatte Mühe mir den Titel zu merken. Doch das lag nicht daran, dass ich kein ernsthaftest Interesse an diesen fast noch jungfräulichen Seiten hatte – aber schmökern, kann man auch später …
Du und ich, die Füße über die Bettkante hinaus gestreckt, da saßen wir, und redeten geschlagene vier Stunden lang. Über alles und gleichzeitig nichts. Ich musste sogar an der einen oder anderen Stelle herzhaft lachen. Ich habe es nie bemerkt, aber mit Johnny hätte ich das nie gekonnt. Es war zu ernst. Es war zu verzwickt. Es war unpassend, dabei glaube ich, dass das manchmal vielleicht ganz gut war. Doch mehr als eine unsicheres oder zufriedenes Lächeln habe ich einfach nicht zu Wege gebracht, woran er wohl nicht ganz unschuldig war. Er mit seinem superoptimistischen völlig undurchsichtigen Dauergrinsen. Ja, ich vergöttere es. Irgendwie immer noch. Er ist und bleibt ein schöner, zärtlicher, beruhigender Mann und dennoch bringt es mich zur Weißglut wenn iczh daran denke, was er mir alles verschwiegen hat. Was er alles nicht gefühlt hat, ohne es mich wissen zu lassen.

„Männer stehen immer zwischen einer Ex und einer Zukünftigen, weil die Gegenwart sie nicht interessiert. Sie schwanken lieber zwischen Nostalgie und Hoffnung, zwischen Verlust und Traum. Wir stecken immer zwischen zwei Abwesenden.“2

Eingestreut in dieses oberflächlich scheinende Leben des Oscar Dufresne, finde ich immer wieder Sätze, die passen, als wären sie die fehlende Faust auf meinem Auge, das blau ist und schmerzt. Diese Worte aus dem Buch eines eventuell Zukünftigen, die mich in Überlegungen an den, nicht als Ex titulierbaren, Verflossenen, verwickeln. Wie Drahtseile, zieht es sich um meine Lunge, hindert mich am Atmen, hindert die Luft daran, bis zum Gehirn zu dringen, und ich balanciere ohne Verstand in Lüften zwischen zwei Hochhäusern, die beide glatt und uneindringbar im Morgenlicht die weichen Sonnenstrahlen stechend zurückwerfen. Einer, der nicht mehr vor mir steht, wie vergangen seiner eigenen Vergangenheit nachtrauert und es nicht zu gibt und ein anderer, der die Neugier wieder weckt; den Sprung ins kalte Wasser regelrecht provoziert. An Herzinfarktgefahr glaube ich nicht mehr, dafür habe ich es zu oft überlebt. Aber er sollte sich nicht zu viel Zeit lassen, bis zum Stoß, sonst wir das zu einer reinen Freundschaft verkümmern und ad acta gelegt.
Es ist verrückt und eine schwerstens gestörte Überlegung, aber da sind schon so viele Worte gefallen, dass ich gar nicht weiß, ob sie nicht einer Körperlichkeit im Weg stehen würden. Dabei hatte ich immer die Vorstellung eines Partners, der gleichzeitig bester Freund ist. Aber da ich soetwas nie hatte, erscheint es mir die Vereinigung der beiden relativ unwahrscheinlich.
Doch egal wie unwahrscheinlich es scheint, warum sollte es wirklich so sein. Wieso sollte es nicht möglich sein, Dinge langsam anzugehen, wie der Rest der Welt es tut? Wieso immer alles gleich ans Limit treiben und die Worte anschieben, wenn es zu spät dafür ist; wenn man lieber lautlos nebeneinander liegen möchte?

Du saßt ganz dicht neben mir. Fast hätten sich die Ärmel unserer Shirts berührt. Fast unsere Oberarme einander gestreift. Maximal ein Blatt Papiert hätte dazwischen Platz gehabt, aber es war absolut berührungslos, aber nicht unangenehm. Es hat sich natürlich angefühlt, einfach so da zu sitzen und gemeinsam während dem Sprechen auf die gegenüberliegende Wand mit der überfüllten Pinwand zu schauen. Ab und an, wenn du was von dir erzählt hast, sah ich dir in die Augen. Seltsames Blau, wenn ich mich recht erinnere – viel zu dunkel für Blau. Ich hätte noch Stunden so verharren können, hätte ich nicht am nächsten Tag aufstehen müssen. Am liebsten hätte ich dich hier behalten. Nur neben dir schlafen. Hätte gereicht. Weil es das ist, was ich brauche; weil es das ist, was mich beruhigt.
Doch für den Anfang musste es wohl noch reichen, dass dein Geruch noch im ganzen Zimmer hing, als ich, nachdem ich dich unten zur Tür gebracht hatte, wieder eintrat und meine Lungen damit aufpumpte. Es gibt Menschen, die kann man nicht riechen. Du gehörst offensichtlich nicht dazu. Und ich mag deine Hände. Wie seine Hände: Männerhände, nicht zu breit, nicht knotig, nicht filigran. Einfach Männerhände mit kurzen Fingernägeln.
Oberflächlich betrachtet haben du und ich mehr gemeinsam als er und ich, aber ich befürchte, dass da irgendetwas nicht stimmt. Es ist doch immer so. Vielleicht merkst du auch nach zwei Monaten, dass ich gar nicht so bezaubernd bin, wie du dir eingebildet hattest. Ich weiß nicht, ob ich mich schon wieder in etwas hinein steigern soll, das mich möglicherweise bricht. Doch irgendwie ist es egal. So lange dieses Herz schlagen kann, muss mit der Option rechnen zu brechen. Immer und immer wieder. Immer und immer wieder die Scherben aufheben, den Kopf erhaben und weiter gehen. Irgendwohin, nur weg von der Vergangenheit, die mich verfolgt. Die überall um mich herum und in mir ist. Immer noch Johnnys Hände auf meinem Rücken und in meinem Haar; immer noch der Duft des Sommers von damals mit meinem alten Herzen in der Nase; immer noch so viele Augen, die mich nie wieder angesehen haben, nachdem sich der Blick gedreht und geklärt hatte.
Sag Johnny, wirst du mich gleich vergessen? Wirst du dein Versprechen halten mit mir befreundet zu bleiben? Wirst du mir jemals zeigen, dass deine Worte nicht nur Belanglosigkeiten irgendwo im Kosmos sondern aufrichtig waren? Will you? I can't believe it. She has already made you forget me before you could recognize my face and what's behind it.3



geschrieben von: Adore

Il y a un hic

Es gibt immer einen, weil Perfektion nun einmal nicht von dieser, oder irgendeiner anderen Welt ist. Vielleicht würde sie uns in Erstaunen erstarren lassen, aber vielleicht würde sie uns auch einfach nur so fürchterlich langweilen, dass wir am Fließband gähnten. Wer würde so etwas schon wollen? Was uns wirklich am Leben hält ist das Kämpfen, das Anrennen gegen die erst zwei Sekunden vor dem Aufprall sichtbaren Hindernisse, die die ganze Sicht verändern können, weil man nach dem Knock-Down von unten nach oben in den Himmel schaut, der voll ungelöster Rätsel steckt und doch immer das gleichförmig-beruhigende Blau hat.
Perfektion kann vielleicht nur dort existieren, wo nicht so genau hingesehen wird. Aber manchmal ist die Imperfektion so unübersichtlich, dass selbst ein Blinder kopfschüttelnd von dannen zöge.
Es geht nicht um die Nasen-Smileys. Glaub mir Frère, die sind mit ziemlich egal, auch wenn ich sie seltsam finde, weil die im Cyberspace sowieso nichts riechen können. Es ist sehr viel konkreter, greifbarer. Als sich deine Lippen fest auf meinen Hals pressten, sodass ich dachte sie würde mir gleich die Luftröhre zerdrücken, da fragte ich mich, wo dein Feingefühl abgeblieben war. Deine ruppigen Bewegungen, deine schroffen, festen Küsse und deine Zunge, die mein Gesicht von oben bis unten einnässte, haben mir die Augen mitten in der Finsternis des Morgens aufgerissen und kurz die Lidwinkel zucken lassen, wie immer, wenn ich von schreienden Kindern in der Straßenbahn aus meinen Gedankenströmen gezogen werde. Ich will manchmal keine Rettungsäste, die mich irgendwohin fischen. Manchmal würde ich mich gerne ein wenig treiben lassen. Im Strudel der Zeit, im Strudel der Leidenschaft. Doch leider Fehlanzeige.
Ich weiß nicht, was es ist, aber irgendwie ist da nicht viel. Wie schon einmal erwähnt, du bist eigentlich ein hübscher Kerl, trägst knallenge Hosen – man könnte meinen, dass würde ausreichen, um mich anzuziehen, aber scheinbar nicht. Vielleicht verstehen wir uns zu gut, vielleicht reden wir zu viel miteinander, sodass das Physische eher in den Hintergrund rutscht. Natürlich hätte ich dich gerne unter mir, einfach nur um zu wissen, wie es ist. Wie du berührst, wie du dich bewegst, wie sich alle Muskeln deines Körpers sich spannen und der Leib erschlafft.
Aber so weit kam es nicht, weil ich mich in der roten Phase befinde, wo es einfach unklug wäre. In meinem Alter kann ich auf die Sauerei und die Unsicherheit verzichten und warten. Du läufst mir bestimmt nicht davon.
Als deine Finger und dein Mund sich zerstreut und eine Spur zu wenig gleitend über meine Brust bewegten, war ich mit meinem Kopf ganz wo anders. Ich wollte wieder zurück ins Nest. Ich habe seine Tendresse vermisst. Seine langsamen fließenden Bewegungen über die Blässe meines Körpers. Ich wollte diese mich völlig infizierende ungekünstelte Leidenschaft zurück an meiner Seite und in mir. Wollte mich einfach fallen lassen können.
Ihr beide zusammen wärt die Perfektion; wärt Körper und Geist; wärt Besinnung und Berührung.
Irgendwie hat es mir weh getan, dass ich mich in der Realität nicht so für dich begeistern kann. Zumindest nur auf geistiger Ebene. Ich bin verrückt danach stundenlang über den (Un-)Sinn dieser Welt zu sprechen, mit dir zu lachen und dir dabei in die Augen sehen zu können, wann ich es will. Ich mochte auch deine schüchterne Berührung, deinen Kopf auf meiner Schulter, aber es ist schwer, als der jüngere Part gleichzeitig der erfahrenere zu sein. Ich glaube ich habe mich noch nie so ohne Begierde halbnackt neben einen Mann gelegt. Nur dort, wo bereits ein Lüftchen weht, kann ein Sturm entstehen. Ich habe keine Brise in meinem Haar fühlen können, obwohl ich es mir gewünscht hätte. Ich hätte dich gerne umschlungen, angefallen wie ein wildes Tier, hätte dich gerne mit meinen Augen aufgefressen und meine Fingerkuppen auf jeden Zentimeter deiner Haut gedrückt, aber es hat nicht in den Spitzen gejuckt.
Und dein ganzer Körper war gleichzeitig schwermütig und hastig; hat sich gegen mich gedrückt und doch alles unbeeindruckt gelassen. Es tut mir leid, dass die Erinnerung immer noch auf meiner Haut brennt, wie bittersüße Wundmale, die ich nicht heilen lassen will, indem ich sie immer wieder im Vergleich aufreiße. Es tut mir leid, dass ich wohl zu streng zwischen Lovers and Friends differenziere. Es tut mir leid, dass ich immer noch von seinem schüchtern-flammenden Charme von damals besessen bin.
Dennoch, es war wundervoll neben dir zu schlafen, deinen leicht kratzigen Bart an meinem nackten Schulterblatt zu spüren. Es war zauberhaft aufzuwachen und jemandem in die Augen sehen zu können, aber ich frage mich, ob dir das reichen kann. Ob es mir reichen kann. Ob deine Regeln eine Ausnahmeregelung zuließen. Ehrlich gesagt scheinst du mir zu zart dafür. Ich möchte dich nicht wegen etwas, für das du nichts kannst, vor den Kopf stoßen. Trotzdem, weiß ich nicht, ob ich mich darauf einlassen sollte, dass Übung den Meister macht. Es gibt Dinge, die man nicht lernen kann, weil man sie im Gefühl zu haben hat.
Vielleicht fehlt die Begierde, weil du in so vielen Dingen bist wie ich. Ich mag dein Faible für das geschriebene Wort. Deine kecke Art. Deine Begabung dafür einfach nicht ernst bleiben zu können. Deine Art und Weise dich niemals zu weit hinaus zu lehnen. Dein fein säuberlich gewählter Wortwitz.
Aber wer geht schon mit seinem Hofnarren zu Bett?
Da mögen wir doch lieber die Herzensritter, die sich mit Schleimereien oder Taten unser Verlangen erkaufen.
Naja, es wird sich bei einem erneuten Anlauf auf diese Hürde zeigen, ob es nur Unerfahrenheit oder bewusste Ignoranz ist. Wir alle haben ganz unten mit verkrampften Fingern und einem Klumpen im Mund begonnen.



geschrieben von: Adore

Bonnie's red lips

„Wir könnten Eis essen. Auf einer Parkbank sitzen. Durch die Stadt laufen. Ein Kunstwerk anschauen. Menschen beobachten. Den Sinn des Lebens diskutieren. Wie Teenager wild herumknutschen. Radfahren. Einfach die Sonne genießen. Oder so was ähnliches. Oder was ganz anderes.“

Ich weiß, ich kenne dich eigentlich nicht, aber ich glaube ich liebe deine Worte. All die Silben, die zusammenhangslos völlig sinnentleert wären, erhalten von dir zu einem Ganzen zusammengefügt eine ganz besondere Eleganz des Alltags. Mal simpel, mal hochintellektuell. Mal forsch, mal schwer sensibel. Allein die Art, wie du sie ganz langsam und gemächlich auf den Tag verteilst. Nur nicht zu viel. Nur nicht zu schnell. Ein wenig Geduld. Ein wenig Ausgewogenheit.
Du hast gedacht, ich hätte genug von den Feinfühligen, die oder bei denen ich stets Mist baue(n); hätte es satt mich mit den Gefühlen anderer herumzuschlagen. Vielleicht bist du nicht so gut im kombinieren, weil du ein Träumer bist.
Würde ich sie nicht so sehr mögen, diese elenden Sensibelchen, die mich immer wieder wie mit einem Brett vor dem Kopf stehen lassen, würde ich mich nicht jedes mal wieder in diesen Strudel ziehen lassen. Mit all seinem weiß-göttlichen Schaum von Unschuldigkeit, seiner reißenden unwiderstehlichen Kraft und seinen tiefblauen wogenden Fingern der Neugier, die mich jedes mal aufs Neue locken.
Natürlich, ich hätte mir sagen können, dass es ohne diese Anziehung nicht geht; dass ich dich einfach abschieben werde wie einen dreckigen kleinkriminellen Asylanten aus dem Balkan. Aber warum hätte ich mich dazu entscheiden sollen?
Du bringst mich aufrichtig zum Lächeln, egal, ob du anwesend bist, oder ich dich nur schwarz auf grell leuchtendem Displayweiß vor mir habe. Da rutscht die Tatsache, dass du nicht schmeckst, wie ich gerne angefasst werde, glatt ins Abseits und bekommt zumindest die gelbe Karte aufgedrückt. Egal wie unbeholfen, deine Berührung sein mag, sie ist zumindest eines: ehrlich. Wie ein aufgeregter Schuljunge kneten deine nervösen, leicht feuchten Hände meine Haut, sodass die Adern leicht hervor treten. Dennoch möchte ich nicht, dass du aufhörst.

- coupe -

Als du bei mir klingeltest lief ich Zähne putzend durch die halbe Wohnung und hörte das feine Geräusch der Glocke gar nicht richtig. Gott sei Dank hat man noch andere Leute im Wohnzimmer sitzen, die die Tür öffnen, sonst wärst du da wohl noch ein Weilchen herum gestanden.
Ich hatte keinen blassen Schimmer was wir eigentlich vorhatten, außer einander wiederzusehen. Es hätte alles sein können. Es hätte aber genauso gut nichts sein können. Und als ich erfuhr, dass es auch genau das war, da musste ich schon wieder losprusten. In dem Moment wusste ich nicht, ob ich dich für einen Schussel, einen Banausen, oder einen Vollidioten halten sollte. Wie gewieft mir erst schmackhaft zu machen, dass es mit Sicherheit ein großartiger, wohlüberlegter Abend werden würde und dann völlig unvorbereitet mit fragendem Blick, der von mir wissen wollte, wohin die nächtliche Reise ginge, in der Tür zu stehen. Zumindest an Wein hattest du gedacht. Lieblich. Mit Holundernote. Wiedereinmal musste ich zugeben, dass du verdammt gut zuhörst, auch, wenn man dir das nicht anmerkt.
Mit der U-Bahn ins Nirgendwo. Du mir gegenüber, weil dir schlecht wird, wenn du gegen die Fahrtrichtung sitzt, und ich genau das Gegenteil anbetungswürdig finde. Und mein Lesezeichen wolltest du auch nicht rausrücken. Nachts über die mehrspurige ringförmige Straße tänzeln, dann sprinten, mitten durchs orange Kunstlicht, während die bedrohlichen Scheinwerfer, begleitet von irrem Motorensausen, knapp an unseren Ärschen vorbei zogen. Das Geklapper meiner Absätze und die Lautlosigkeit deiner Gummisohlen auf sommerlauem Asphalt. Dein neugieriger Blick tief in meinen gebohrt, sich damit verschlungen und darin festgehakt. Ein Haufen Narreteien kichernd ins Dunkel geflüstert und gelacht. Und dann kam der Regen.
Wir flüchteten uns zwischen den Tropfen nach Hause in wohlige Trockenheit. In mein Zimmer ohne Vorhänge aber mit kleinem Bett.
Während du die rosa Karte von Paris aus dem Jahre 1995 aufmerksam studiertest konnte ich nur meine Arme von hinten an dir vorbei schlängeln, um dir den Sitz von Berthillon auf der Île-Saint-Louis zu zeigen, und musste meinen Kopf auf deiner Schulter abstützen.
Meine Hände unter deinem dunkelblauen matt-schimmernden Jackett und meine Zunge in Umarmung mit der deinen.Nie zuvor waren meine ungeschminkten Lippen so gerötet. Ein satter fast kirschiger Ton ohne Geruch und Geschmack. Gut durchblutet pulsierte noch die Erregung in diesem Körperteil, durch das uns Geständnisse, Stoßgebete und Seufzer entwischen. Ich kann noch den sanften Druck darauf spüren.
Es wird besser, weil du scheinbar deine Angst vor meinen Erwartungen zu verlieren scheinst. Es kommt mir so vor, als würdest du langsam begreifen, dass ich keinen großen, starken, wilden Mann ohne Schwächen an meiner Seite brauche. Du brauchst mir nichts zu beweisen. Und du musst niemand sein, der du nicht bist. Ich weiß bereits, dass (sich) hinter den schalkhaften Schelmen oft die Verletzbaren (ver-)stecken. Ich mag es, weil es eine Schüchternheit ist, die in ihrer Verdecktheit einen ganz besonderen Reiz hat. Ja, vielleicht ist es dieses mal eine andere Art von Reiz. Der Reiz, dich hinzuführen zu dem, was ich gerne habe; zu etwas, das du vielleicht noch nicht kennst. Natürlich, es wird immer eine gewisse Stumpfsinnigkeit in der Körperlichkeit liegen, aber bis dorthin, haben wir noch ein wenig Zeit.
Und zwischendurch schwere und leichte Gespräche entlang der Laken gehaucht. Die Frage danach, warum du nie von deiner Mutter sprichst, war dir sichtlich zu viel. Es grenzte an Sprachlosigkeit und ich hätte das bei dir nicht für möglich gehalten, wo dein breites Mundwerk doch ständig auf und zu geht. Vielleicht sollten wir erstmal ein wenig in der Gegenwart schwelgen, bevor wir uns mit schmerzlichen Vergangenheiten gegenseitig überfallen. Meine Finger lieber noch ein wenig sinnentleert und gedankenverloren durch dein unterschiedlich langes blondes Haar graben und dir austreiben nicht mit Wäsche in meinem Bett zu pennen. Lieber noch ein wenig über deine kleinen Brustwarzen streichen und kratzen und dir nebenbei beibringen wie man Houellebecq richtig ausspricht. Lieber noch ein paar schlafreduzierte Nächte und verpatzten Morgensex. Lieber noch ein wenig wie ein ätzendes verliebtes Pärchen in der Tram umgeben von einem Ausflugstrupp des Seniorenheims herumschmusen und uns gegenseitig eigene Räubergeschichten über gestohlene Plakate erzählen. Lieber noch ein wenig den Spleen vergessen und über Sonnenaufgänge an der Côte-d'Azur beobachtet aus dem Fenster eines TGV schwärmen. Lieber das eigene Leben ungehindert weiterdrehen und Cannes verteufeln.



geschrieben von: Adore

Symbiose

„Je me souviens exactement. C'était le 15 mai, le printemps tardait, la pluie menacait [...]
Je t'ai montré notre quartier, les bars, mon école,
Je t'ai présentée à mes amis, à mes parents,
j'ai écouté tout ce que tu répétais, tes chants, tes espoirs, tes désirs, ta musique, tu écoutais la mienne.

Le temps passait, le temps filait,
Et tout paraissait si facile, si simple, libre, si nouveau et si unique.
On allait au cinéma, on allait danser, faire des courses, on riait, tu pleurais, on nageait [...] on se rasait,
De temps à autre, on criait, sans aucune raison,
Ou avec raison parfois. Oui, avec raison parfois.

Je t'accompagnais au conservatoire, je révisais mes examens,
j'écoutais tes exercices de chant, tes espoirs, tes désirs, ta musique, tu écoutais la mienne.
Nous étions proches, si proches, toujours plus proches.
Nous allions au cinema, nous allions nager, riions ensemble,
tu criais, avec une raison parfois, et parfois sans.
Le temps passait, le temps filait.“1

Ja, im Moment ist es beflügelnd, ohne jene bedrückende Schwere, die bei Johnny immer mitschwang, wie ein paralleles Pendel der Unruhe neben meinem vor Angst und Glück gleichzeitig pochenden Herzen. Es ist die Leichtigkeit des Beginnenden, dessen Ende unabsehbar in weiter Ferne, oder gar der Welt des Unmöglichen liegt.
Ich bin bereit meinen Lebensraum, mein Leben mit dir zu teilen, dich nicht außen vor zu halten, wie ich es bei ihm tat, weil ich wusste, dass es ihn auch nicht interessiert. Ich muss das Leben, das zu mir gehört nicht mehr irgendwo einkapseln und die abendliche Konkubine spielen. In deinen Augen darf ich der vollwertige Mensch sein, als der ich mich fühlen möchte.
Wir streunen eingehakt durch die Straßen und kugeln und am fein säuberlich gehegten Rasen der städtischen Gärten, während ein blödsinniges Gespräch das nächste jagt. Ich bin nur im Übergang von Wachen und Schlafen kitzelig und du bekommst keinen geraden Satz heraus, wenn du mich ansiehst. Wir vertonen falsche Franzosen neu und ich zerstöre, über deine seltsam gemusterten Hemden lachend, deine in Schwerstarbeit erstellte Fönwelle, sodass du am Ende des Tages, gegen die untergehende Sonne blickend wieder aussiehst, wie frisch aus dem Bett gekrochen.
Unter deiner erdfarbenen Jacke tarnen wir uns auf dem Gras liegend, damit niemand uns in der öffentlichen Zweisamtkeit stört. Wir sind wie eines der ätzenden Pärchen, auch wenn ich gar keine Lust darauf habe, das zu benennen, was wir sind. Wir sind. Das muss reichen. Ohne weitere Nomen, Adjektive oder sonstigen Schnickschnack. Wir sind Demoiselle Sunshine und Herr Wonneproppen., die Rainer Calmunds zweite Identität an der Oper aufgespürt haben. Wir pennen zweimal die Woche in diesem Ein-Mann-Bett mit Bärenbettwäsche und schlafen dennoch nur ungefähr vier Stunde darin.
Nach einem unerträglich langen Winter, kommt endlich wieder die Sonne hinter den Wolken hervor. Vorsichtig und doch in den Augen stechend, bahnt sie sich mit ihren feinen, samtenen Strahlen, den Weg in mein Zimmer, auf deine nackte Haut und spiegelt sich in deinen Augen wider. Der Himmel ist voll von rosa Zuckerwatte-Wölkchen, die der Wind sanft weitertreibt, damit alle sie sehen können.
Du siehst mir mitten beim Ficken in die Augen und sagst mir, du seist in mich verknallt. Du spinnst. Du bist unerfahren und vielleicht leicht zu begeistern, aber ich liebe diese Unschuld. Vielleicht lieben Männer es deshalb Frauen zu entjungfern. Irgendwie macht es wohl zufrieden, die Überraschung, die Sensation der völligen Novität zu sehen. Doch diese kleinen, völlig unnötigen und unwichtigen Schritte, die ich dir voraus bin, habe ich alles teuer bezahlt. Ohne Verhandlungen mit Splittern meines Herzens bezahlt.
Aber du entjungferst mich auf eine profunde andere Art und Weise. Mit dir kann ich meine absurden Teenie-Träumereien aus längst vergangenen Zeiten nachholen, all das, was ich in meiner Bitternis für völlig unrealistisch abgestempelt hatte und gleichzeitig in diese strahlende Welt zurückkehren, die mich umgibt; von der ich längst vergessen hatte, dass sie stets da ist. Ist es möglich mit 22 bereits den zweiten Frühling zu erleben? Wie lange hat dieser Winterschlaf tatsächlich schon angedauert?
Du. Du zitierst mir beim Warten auf die Tram einen etwas lückenhaften Osterspaziergang und weißt nicht, wie man die Velvets von Strumpfhaltern aufmacht.
Ich. Ich falte in meiner Freizeit gerne Kinder wie Origamis und weiß nicht, was eigentlich mit den bösen Hamas los ist.
Du. Du wandelst überall.
Ich. Ich bin nur in mir.



geschrieben von: Adore

Fruchtikus, das Mäuschen war nie dort

„Paris passions, Paris la fête, Paris chansons, Paris émotions, ah, mais aussi Paris boulot, Paris métro, Paris culture, Paris du luxe, Paris misère, Paris canaille, oui, Paris à travers ses mille visages, Paris, mais qui es-tu vraiment?“1

In den letzten Wochen hat es kaum einen Morgen gegeben an dem ich nicht nach dem Aufschlagen der zusammengekniffenen Augen in dein breit lächelndes Gesicht sehen konnte. Es macht süchtig. Es macht bettlägrig. Es entpuppt sich, wie ein Schmetterling. Langsam. Es braucht viel Zeit, um alles Mögliche heraus zu winden und dem sanften Flügelschlag zu lauschen, der die ganze Welt in einen Orkan tauchen könnte. Wie Puder fällt der goldene Schlaf von den Wimpern, bestäubt meine Oberarme, meinen Bauch, meinen flachen Rist. Wir haben drei Stunden in den „Kontrovesen“ verbracht und uns im Donau einen Gin-Fizz hinter die Binde gekippt, anlässlich meiner Diplomierung zur Nix-Gesellin, sprich dem verrückten Schneiderlein.
Alles ist frisch wie Morgentau. Für dich zum ersten Mal und für mich auf ein Neues. Am nähesten sind wir uns beim Sprechen, beim Flüstern, beim Lachen, beim Schreiben, statt beim Atmen und Stöhnen.
Ein Sprühfunke Angst tänzelt dennoch in meinem Hinterkopf herum. Die Angst Fehler zu wiederholen, ohne es zu wollen. Unterwirf dich nicht. Gib mir nicht stets recht. Lass mich bitte ab und an gegen eine Mauer knallen. Fest. Ganz fest. Damit ich nach dem Rausch der Domianz wieder zu Sinnen komme. Ich will dich nicht be.herrschen, aber sobald du mich derart in diese Rolle drängst, wird es passieren. Fais gaffe! J' t'en prie2. Ich kenne mich lange genug und weiß, dass ich mir früher oder später immer mehr herausnehmen werde, auch wenn nichts mehr in der Schublade ist. Ich werde immer tiefer hinein greifen. Irgendwann sollte ich dich darüber aufklären, damit du nicht nach Monaten völlig ausgenommen und ausgeweidet dastehst.
Darum ist es gut, wenn ich gehe. Zurück zu meiner Liebe. Der einzigen, die nie aufhört mich zu rufen. Lautlos. In einer Sprache, die mein Herz bewegt.
Meine Koffer sind bereits halb gepackt. Die andere Hälfte ist für den Bücherimport freigehalten. Egal wie sehr ich mich abschleppe. Eine Tonne dieser wunderbaren Gegenwartsliteratur muss ich einfach mitnehmen, zerlesen, anhäufen und mich darin verlieren.
Eine Woche ohne dich. Es wird seltsam sein, in einem großen Bett alleine zu liegen und gedankenverloren ohne dein Lachen durch die Straßen zu schlendern. Wie wird es sein, wieder zurück zu kehren, für diese wenigen Atemzüge, die wieder viel zu schnell verbraucht sein werden? Wird diese Stadt mich wieder so umfangen und umschließen, wie sie es damals tat, oder werde ich nichts als ein weiterer Fremdkörper sein? Ich würde dir das alles so gerne zeigen, es mit dir erleben und doch bin ich froh, das alles für mich allein und meine Gedanken zu haben; mir meine Wege ohne Rücksicht selbst aussuchen oder mich planlos geleiten lassen zu können. Ich bin immer noch ein eigenständiges Individuum und ich muss aufpassen, das nicht wieder zu vergessen und zu verlernen mich so zu benehmen. Ich bin nicht in dir. Ich bin nicht mit dir verschmolzen. Ich bin ein Baumstumpf in Wind und Regen, der nur seine eigenen Wurzeln braucht, um Stand zu halten. Ich möchte wieder diesen saumäßig dreckigen, stinkenden Boden unter meinen Füßen spüren. Möchte mich wieder in den Labyrinthen halb zu Tode laufen. Möchte stundenlang in Parks auf grünen Sesselchen sitzen und jede Fnac der Stadt abklappern. Ich möchte im Centre eine exposition temporaire besuchen und am Flohmarkt Knopfkisten mit meinen Fingern durchwühlen. Ich möchte dir an der Seine einen kitschigen Liebesbrief schreiben und den Tour Eiffel ignorieren. Ich möchte die Schaufenster von Dior ablecken und mir danach den Mund mit Baguette spülen.
Und irgendwann möchte ich wieder zu dir zurück kommen und in deinen Armen schwärmen dürfen. Du wirst nicht so eifersüchtig auf diese Stadt sein wie er, weil du weißt, dass du kein Vorrecht hast. Sie war da. Sie wird immer da sein, tief in mir verankert, selbst wenn irre Touristen sie überrennen und mit ihren Blicken vollends verbrauchen und abnützen. In mir wird sie nie aufhören zu glänzen. Diese vier Buchstaben, die Äonen von Worten bedeuten wirst du nie auslöschen oder überschreiben können. Sie sind ein Teil von mir. Sie sind mein Blick für's Schöne inmitten vom Hässlichen. Du bist meine Alltagspoesie. Irgendwann tänzeln wird im Haldunkel des Abendhimmels von Lutetia am 14. Juli zu einer Kakophonie oder klischeehaften Akkordeonklängen bei der Bastille und hoffen, dass die Revolte der Herzen nie stirbt; immer wieder (ent-)flammt und alles was war niederbrennt und köpft.



geschrieben von: Adore

Die Revolution friss ihre Kinder

Es war genau das Nach-Hause-Kommen, das ich mir gewünscht hatte. Alles vertraut. Sprache, die zwar holprig meinem Mund entwich, aber wie Honig goldgelb eindringlich ins Ohr ging, als sei es nie anders gewesen. Es war ein permanentes Raunen der Erinnerung. Es war ein wandeln auf neuen Wegen inmitten des Vertrauten. Es war Couscous an des Quais und Büchersturm im Sonnenuntergang, der durch die verschmierten Plexiglasscheiben des Vorstadtbusses klopfte. Es war ein Küsschen für Oscar und der 351 in einem minzfarbenen Kleid für die Mairie de Montreuil. Weg aus meinem Land, weg von meiner Zerrissenheit zwischen lieblicher Ferienstimmung und monetären Zwängen. Ich trug dich in meinem Herzen von Nord nach Süd, von West nach Ost und im Querschnitt und ellipsenförmig mitten durch die ganze Lichterstadt.
Dennoch, es hat mich nicht mehr derart geschmerzt, mich in den Flieger ostwärts zu setzen. Aber vielleicht auch nur, weil ich noch nicht wieder vollständig Blut geleckt hatte, oder weil mir der Alltag noch nicht vertraut genug war. Wer weiß. Es gab keinen Tränen für die Wahlheimat. Pas de pluie parisienne. Ich war froh, habe mich regelrecht gefreut zurück zu dir zu kehren, selbst wenn die Sprache, die Häuser und die Menschen hier eine banale Hässlichkeit besitzen, die mich selbst oft übermannt und einlullt, mich wieder wie die Faust ins Gesicht trafen. Doch eigentlich war da kein Schlag zu spüren. Nur ein leichtes anschwellen der blauen Augen. Nicht vor schock, sondern weil die Augen sich weiten, sich nicht satt sehen könnten, an deinem Gesicht. Dich zu umfangen ist bereits vertraut und doch immer noch reizvoll. Es birgt immer wieder Neues, dich zu spüren, dich sprechen zu hören, in dein Leben und deine Sinne einzutauchen, wie in frisches klares Wasser in dem man erst sehen kann, wenn man mittendrin die Augen aufmacht, nachdem man den Kopf ganz tief hinein gesteckt hat.
Jeden Tag aufs Neue kann ich mich nicht von dir lösen; kann mich deiner beschirmenden Hand einfach nicht entziehen, auch wenn ich doch eigentlich keinen Schutz benötige. Du hältst sie über mich und stärkst mir den Rücken, der sich in den Monaten vor dir immer stärker gekrümmt hat, weil etwas immer hinkte. Ich bin mein Klotz am Bein, doch du setzt mich vollständig frei. Deine Zauber binden unschuldig in vollem Bewusstsein. An deiner Seite steht meine Welt, die sich rasend doppelt und dreifach überschlägt still, obwohl ich die in einander verlaufenden Farben sehen kann, die die Geschwindigkeit des Laufes der Dinge erzeugt.
Doch glaub mir, kein Nest, kein Fels ist perfekt. Die Wirklichkeit kommt mit großen Schritten auf uns zu, zwingt mich, dich nach und nach zu desillusionieren und dein Glück zu trüben. Mit nur einem Satz, schaffe ich es, ohne es beabsichtigt zu haben, dich in tiefe Nachdenklichkeit, in Zweifel zu stürzen.
Seit zwei Wochen bin ich wieder hier, wohl wissend, dass Veränderung in der Luft, in jedem einzelnen Partikelchen liegt. Ich atme in vollen Zügen, um zu erraten, was passiert, doch kann ich nichts erahnen.
Du und ich, bald fürnf von sieben Tagen räumlich völlig abgetrennt. Kilometer um Kilometer zwischen uns. Hügel, Städte, Wiesen und Wälder türmen sich zwischen uns auf, sind aneinander gereiht, wie eine Reihe Grenzsoldaten, die nichts durchdringen kann. Aber so ist es. Ich musste auf diesen Zug springen, weil es die einzige Möglichkeit war. Ich habe schon mal einen Mann für meine Wünsche hinten an gestellt, aber dieser hatte zwölf Monate Zeit sich darauf vor zu bereiten. Dir blieben une quinzaine de jours. Natürlich habe ich Angst dich an diese Herausforderung zu verlieren. Weil ich nicht weiß, ob du dem gewachsen bist, ob du dir nicht die Nähe zu jemand anderem suchst. Ich habe Angst, dich zurück zu lassen, weil ich weiß, dass es nicht vorübergehend ist. Völliges Fehlen von Endlichkeit. Wie ist das zu überbrücken? Was sollte dich halten? Wieso solltest du weiterhin mein sommerlicher Rückenwind sein?
Und dann raube ich dir auch noch jede Möglichkeit auf rosarot. Ich sagte dir, warum was war zerbracht, vor mehr als 400 Tagen. Es hat dir die Furcht in die Augen getrieben. Es hat dich schweigen gemacht. Ich wünschte, das Schweigen hätte sich zuvor über mich gesenkt. Ich habe dir unverblümt eine Möglichkeit an den Kopf geworfen, die du nicht als solche gesehen hättest.
Alles was ich sagen kann ist dass ich nicht weiß, wie es sein wird. Ob es endet. Ob es anders endet, weil es doch so anders begonnen hat. Ob das Fehlen von Hassliebe nicht doch die Voraussetzung ist, die ich brauche, um etwas stabiles von Dauer zu schaffen.
Im Moment weiß ich nur, dass ich nicht gewillt bin, dich an deine oder meine Ängste zu verlieren. Ich will mir keinen Kopf darum machen, ob es irgendwann schief laufen könnte. Ich fühle zu dir eine Nähe, die ich nicht ausdrücken kann. Doch meine Augen, die beim Sprechen ganz tief in die deinen schauen, anstatt unruhig immer wieder den gesamten Raum zu überfliegen und abzutasten, sprechen für mich Bände. Ich vertraue dir. Also vielleicht sollte ich zur Abwechslung auch mir selbst vertrauen; mir zutrauen, das Richtige zu leben. Ich möchte bei dir sein, weil mein Magen nicht rebelliert, sondern sich ganz vergisst. So satt machst du mich. Ton dévouement m'étonnes jour après jour und deine nachdenklichen Augen heute morgen gaben mir das Gefühl ein Stückchen von mir in dir wider zu finden. Diese Reglosigkeit im Beisein des anderen, aus der man nicht ausbrechen kann, weil der Kopf unaufhörlich weiterrattert – ich war nie Beobachter dieses seltsamen Schauspiels, sondern immer nur wehrloser Akteur. Und obwohl ich mich in dir oder durch dich erkenne, so bist du doch immer noch du, mit all deinen dir eigenen Facetten, die der Einzigartigkeit unendlich nahe kommen. Du und ich sind zwei, sind eins, sind tausend Gesichter. Du und ich sind manchmal wir.



geschrieben von: Adore

Limit

Seit ich hier bin lief alles so dahin. Ich zog in eine komplett möblierte Wohnung, übersäht mit Bildern eines toten Hundes und einer blonden lächelnden Dame. Ich frühstückte und dinierte im Bett und der Fernseher lief heiß, vom Moment in dem die Tür ins Schloss krachte, bis zu jenem, wo ich die Augen schloss und mich in die fluffige Decke einrollte. Jedes mal, wenn ich nach der Arbeit hier her kam, schlug mir ein Duft entgegen, der nicht meiner war, nicht deiner, nicht irgendeiner, den ich kannte und ich trat ein, durchschritt ihn und ließ mich umhüllen, bis er nicht mehr da zu sein schien. Aber er war immer hier. Es war der Duft eines fremden Lebens, eines Menschen, dessen Essenzen sich in den Mauern, in den Kissen, im Geschirr abgelagert hatte und pochend wie Pulsschlag in der Luft lag, und mir gegen die vom Wind leicht geröteten Wangen drückte.
Ich sollte längst von hier verschwunden sein, aber die Umstände und Abhängigkeiten von anderen zwingen mich dazu, hier zu verweilen.
Ich sitze in einem Zimmer, in dem sich vereinzelte Umzugskartons, ein paar flüchtig gestapelte Bücher, ein Receiver ohne Fernseher befinden und aus dem man mir fast jegliche Lichtquellen entwendet hat. Es gibt hier außer einem Kasten kaum noch Möbel. Heute haben sie das Bett mitgenommen und mein Nachtlager ist ein alter, zuvor gut staubgesaugter beiger, stellenweise ein wenig verfärbter Fransenteppich, über den ich behelfsmäßig eine Decke, einen Matratzenschoner und ein Spannbetttuch gezogen habe. Von meinem Platz so nah am Boden, sehen die kahlen, kalkigen Wände noch höher und vereinsamender aus. In meine Decke und einen Schal gewickelt sitze ich schniefend vor meinem Bildschirm und hacke sinnlos aneinander gereihte Buchstaben in den Blechtrottel um diese Situation erfassen zu können. Ich bin nicht hier und nicht da. Ich bin nirgends zu Hause. Meine Wohnungsschlüssel in der großen Stadt habe ich vor einer Woche abgegeben – ab jetzt bin ich zwischen diesen Lichtern und dem Straßenbahngedonner um halb zwölf nur noch Gast. Ich fühle mich am Limit, nur weil ich mit dem Kopf nah am Boden pennen muss, dabei ist das doch überhaupt kein Limit. Andere schlafen mit dem Kopf in Dreck und Schlamm. Doch für mich fühle ich mich, als hätte ich den Kopf im Dreck, irgendwo am Ende der Welt. Zum ersten Mal fühle ich mich so weit weg. Zum ersten Mal seit sechs Wochen. Weil in diesen vier Wänden nichts an mein Leben erinnert. An mich erinnert. An irgendetwas erinnert, das mir wichtig wäre. Alle meine Bücher sind in den Wäldern, mein Herz ist in der Stadt geblieben und meine Familie in alle vier Himmelsrichtungen zerstreut und verweht. Nur der Wind schickt mir ab und an ein Wispern. Alles, was ich hier habe, sind ein Buch, eine Kiste weniger Habseligkeiten, ein Koffer voll Arbeitsklamotten und der hell flackernde Bildschirm, der röhrend Radiohead zwischen den zusammengebissenen Tasten hervorpresst.
Alles hier sieht nach ankommen aus. Doch in Wahrheit komme ich einfach nicht an. Der Zug fährt blind immer weiter. Alles ist nur Übergangslösung. Übergang, bis zum nächsten Wochenende, an dem ich dein Gesicht streicheln kann. Übergang, bis zu deinem Geburtstag, an dem wir um einen Tag mehr als sonst haben. Übergang, bis zu den Feiertagen, an denen du meine Wurzeln kennen lernst. Übergang, bis ich jeden Tag neben dir aufwachen kann. Wie lang können zwölf Monate sein?
Ich lebe immer auf einem ratternden Zug, von Bahnsteig zu Bahnsteig. Aber ich möchte das nicht mehr allein. Ich möchte nicht mehr allein durch die Nacht fahren. Mit so vielen Zielen, tausend Straßenkarten und Fahrplänen, aber ohne Papiere. Mit dir möchte ich die sieben Weltmeere besegeln, weil ich weiß, dass ich nicht an den Tropfen-Tränen der See ertrinke. Mit dir möchte ich von Hochhaus zu Hochhaus über Drahtseile balancieren und meine Nase an deine stupsen lassen.
Mit dir möchte ich über sämtliche Kontinente reisen, während wir doch eigentlich nie das leere, frisch bezogene Zimmer voller Umzugskisten, in dem wir angekommen sind, verlassen. Es gibt keinen Ort, wo ich lieber sein möchte, als bei dir.
Es ist so viele Tage her, seit ich mich das letzte mal so weit von zu Hause entfernt gefühlt habe.



geschrieben von: Adore

Hommage à toi

Ich wünsche dir alles Liebe zum Geburtstag. Ich, dich ich nicht Francine bin; dir, der du nicht Thomas bist. Ich bin keine Schauspielerin und du nicht blind. Diese Geschichte schreibt das Leben.
Es ist nicht der 15., der Spätsommer ist längst vorbei und kein Regentropfen in Sichtweite. All dem zum Trotz fühlt es sich noch so frisch nach Frühling, nach den ersten Sonnenstrahlen am Rücken, nach wachsen und aufblühen an.
Alles was du siehst und spürst ist echt; jeder Augenaufschlag, jeder Blick und jede Berührung kommen aus meinem Herzen, nicht aus meinem Kopf. Kaum in Worte fassbar, wie großartig es ist, dass es dich gibt und wie unglaublich, dass du über mich gestolpert bist.
Genau du, mein politisch interessiertes fru-fru-fruchtiges Romantikusmäuschen in 14. Generation, halb Träumer, halb Realist, das die Menschen eingehend beobachtet und dessen Lächeln nicht nur auf den Lippen sondern auch tief in den Augen liegt, strahlend, als gäbe es nichts Natürlicheres.
Du bist verlässlich, aber nicht berechenbar, bist leiste zornig und schallend glücklich, bis still, aber nicht ohne etwas zu sagen. Du hörst mit deinen kleinen Öhrchen feinfühlig so gut zu ohne dich bemühen zu müssen aufmerksam zu sein. Deine Hände und Gesten berühren selbst da, wo keine Haut mehr ist.
Du bist wunderschön. Innen wie Außen.



geschrieben von: Adore

Herz.ver.sagen

„I believe I can see the future
Cause I repeat the same routine
I think I used to have a purpose
But then again
That might have been a dream
I think I used to have a voice
Now I never make a sound
I just do what I've been told
[...]

Every day is exactly the same
Every day is exactly the same
There is no love here and there is no pain
Every day is exactly the same

Sometimes I think I'm happy here
Sometimes, yet I still pretend
I can't remember how this got started
But I can tell you exactly how it will end

[...]

I'm still inside here
A little bit comes bleeding through
I wish this could have been any other way
But I just don't know, I don't know what else I can do“1

Was, wenn es dieses Gefühl irgendwann durch die Arterien pumpt, ohne ein au-revoir, bevor der letzte Schlag in der Stille nachhallt? De battre mon coeur se sera arrêté un jour, j'en suis sûre.2

Es kam nicht unbedingt plötzlich und doch irgendwie. Sie ahnte es. Es war nur eine Frage der Zeit. Der Stunden oder der Tage. Sie kam wie so oft nach dem Telefonieren durch die Tür, doch diesmal sagte sie etwas. Sie sagte er sei gestorben. Sein Herz hätte aufgegeben. Wir kennen einander kaum, gerade so viel, dass wir uns am Schreibtisch hinter zwei Bildschirmen gegenüber sitzen. Ich gehe selten mit, wenn sie Mittag macht. Ich kenne weder sie, noch den Menschen, um den sie morgen und auch noch die nächsten Wochen trauern wird. Er sei eine Perle gewesen, murmelte Sie leise vor sich hin, während sie versuchte die Contenance zu bewahren. Eine Perle; man merkt schon an ihrer Ausdrucksweise, dass einige Jährchen zwischen uns liegen. Dennoch, egal wie viele Jahre man am Buckel hat, manche Dinge treffen einen, als sei man ein verletzliches Neugeborenes, das gerade erst aus dem geschützten Mutterleib gekrochen ist. Alles was ich weiß und spüre, ist, dass sein Herz müde gewesen sein muss.

Doch wovon werden Sie müde, diese tapferen Herzen? Sie haben Kriege miterlebt, haben geliebt und bestimmt auch ab und an über ihre Grenzen gelebt. Ist es das zu viel oder das zu wenig? Wie findet man das Mittelmaß zwischen einem erfüllten Leben, das einen nicht so schnell mitreißt, dass es einen eigentlich eher wegreißt und jenem, das in einer gewissen Ordnung, in einem immer wieder kehrenden Zyklus aus Gewohnheiten und Gezwungenheiten besteht? Gibt es überhaupt einen goldenen Weg, oder sind unsere Herzen dazu verdammt einfach stillzustehen? Die einen trifft der Infarkt, weil alles sie überflutet, weil ihre Lebensabschnitte so kurzlebig und grell sind, wie Blitze in der tief dunklen Nacht und andere versagen, weil sie die Eintönigkeit leid sind. Wenn das physische Herz beginnt Inne zu halten, wie lange vorher hat das imaginäre Herz, jenes, das uns wirklich am Leben hält aufgehört zu schlagen? Sind wir nicht oft schon viel früher oder zwischendurch innerlich tot und bemerken es nicht einmal? Was bedeutet Herz.ver.sagen denn wirklich?

Nicht das Herz versagt mir etwas, sondern ich versage dem Herzen etwas.

Manchmal hege ich die Befürchtung auch wieder zu versagen; einfach nachzulassen; Dinge zur Selbstverständlichkeit zu erklären, die keine sind; dich langsam und schleichend mit jedem Tag, an dem wir miteinander leben, wieder ein Stückchen mehr als „irgendjemanden“ zu betrachten. Wird mein Herz noch atmen, wenn du inmitten der Luft um mich herum Zug um Zug an allem um mich herum teilhast? Muss es lautlos mit sich selbst um die Wette springen, wenn die kleinen Freuden über Dinge, die nur mir gehören, meinen Blick kreuzen und meine Gedanken durchfluten?
Wird es dich jeden Tag so lieben können, wie jetzt? Wie in diesem Augenblick und all den winzig kleinen Augenblicken davor? Und was mindestens genauso wichtig ist, ist die Frage danach, ob ich auch dein Herz weiterhin ernähren und zum schlagen anhalten kann; anstatt es nur anzuhalten? Wie wird es sein, in einigen Monaten, in denen wir beide zum ersten Mal wagen, einander physisch permanent nahe zu sein? Dich immer um mich haben. Ständig den Lärm der Stadt, des Büros und deiner Gegenwart in meinen Gehörgängen. Serai-je obligée de les boucher comme je le fais tous les nuits?3 Dabei gehen mir deine Worte, ja selbst nur die Stimme, die sie von Gedanken zu Tönen transformiert nahe. Ich hoffe ich entferne mich dir nicht, wenn ich dir näher komme. Immerhin hast du mir bis dato, und tust es nach wie vor, das Gefühl einer Freiheit gegeben, die ich bislang nicht hatte. Du lässt mich meinen Weg gehen, ohne dabei meine Hand los zu lassen. Du wärmst mir jedes einzelne Fingerglied, damit ich meine Träume besser greifen kann und stärkst mir das Handgelenk, damit ich beim Kopfstand nicht kippe. Du bist in dieser Hinsicht wie meine Mutter, die auch immer nur Flügel gab, wissend, dass Fußfesseln aus Menschen nichts als leere Krüppel machen. Du bist der Tritt in meinen Arsch, all die Dinge von denen ich spreche in die Tat umzusetzen. Wenn dein Wind in meinen Segeln bläst, kann nichts mehr passieren. Ich bin der Steuermann und gleichzeitig dein Fels in der Brandung. Wenn die Stürme deiner Zukunft vorbei sind, werde ich immer noch hier sein. Wenn du weißt, wohin du gehen willst, werden wir einen Weg genau in der Mitte unserer Vorstellungen finden oder mal hier ein Stückchen gehen, mal da ein Stückchen und dann ein wenig tea time zum Entspannen. Die Welt liegt uns zu Füßen. Deine Begeisterungsfähigkeit öffnet mir die Türen zu allem, wozu ich mich allein nicht aufraffen kann. Wir marschieren durch die halbe Stadt, durch Ausstellungsräume, lassen uns in den Zuschauerreihen der Oper auf den samtig roten Klappsesseln nieder oder beobachten das Geschehen auf einem Laufsteg. Von Picasso bis Pugh und rundherum quer durch das Alphabeet ernten wir die Früchte dessen, was die großen Geister aller Arten von (Lebens-)Künstlern unseren Augen zum Festmahl bescheren, während wir nebenbei selbst gebackene Weihnachtskekse mit Zimt und Nüssen knabbern, deren Brösel wie Sternenstaub auf unseren Kleidern hänge bleiben und vom Wind in die verwinkeltsten Ecken dieser Erde verstreut werden. Jeder unserer Sinne wird dem Herz Impulse geben, damit es immer fortan weiterschlägt. Für dieses Leben. Für dich. Für mich. Für uns.

Ich glaube ich möchte mir dir über die Grenzen der plateforme hinaus leben. Es wird nicht versagen, dieses Herz, solange es für dich zu schlagen weiß. Im gleichmäßigen warmen Takt, der die Fingerspitzen elektrisiert. Ich möchte ich jedes Mal wie das erste Mal berühren können. Möchte dir in Gedanken so nahe sein, wie an so manchem trüben Nachmittag mitten im Sommer. Möchte dir immer wieder beweisen, wie ernst es mir mit dir ist. Alles was ich schrieb ist wahr und ich wünsche es wird auf immer so bleiben. Doch die Frage bleibt: Was, wenn einer von uns beiden aufhört zu lieben? Ich weiß, dass es das gibt. Es passiert mir nicht zum ersten Mal.



geschrieben von: Adore

Cadeau

Wer lange zögert kann nur verlieren. Alles was er hatte und auch all jenes, was er an Wünschen in seinem Herzen vergraben hat. Was einmal gedacht wurde kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, selbst, wenn du kein einziges dieser Worte vernommen hast, weil sie unausgesprochen auf den weichen feuchten Innenseiten meiner Lippen schlummerten, nie dafür vorgesehen, meinen Mund zu verlassen. Aber meine Finger konnten nicht ruhig halten. Haben sie ins Weiße geschrieben. Einfach so. All die Zweifel, die doch von den Wünschen haushoch überragt waren.

Und plötzlich zweifelst du. Nicht an uns. Sondern an allem, was du als deinen sicheren Lebensweg gesehen hattest. Du hast das Gefühl dich auf deinem Weg verloren zu haben. Du weißt nicht was der Kopf für deine Zukunft will. Oder zumindest hast du wochenlang nicht gewusst, was er will. Alles was ich dir sagen konnte, war, keine Rücksicht auf unsere Pläne zu nehmen, nur um unsere Beziehung nicht zu gefährden, weil deine spätere Unzufriedenheit sie viel schneller lahm legen könnte, als man denkt. Es läge allein bei dir zu entscheiden, da ich auch immer so verfahren habe und dir nichts anderes zu raten weiß. Jeder ist seines Glückes Schmied und ich möchte nicht, dass du einfach die Hand ins Feuer legst und darauf wartest, dass jemand sie für dich heraus zieht, oder dass du hoffst, sie würde irgendwann aufhören zu brennen. Nur du kannst dafür sorgen, dass es von innen statt von außen warm wird und du dich in dir selbst zufrieden fühlst.

Für dich ist die Entscheidung gefallen. Wenn dein Vater und deine Mutter dich unterstützen wirst du es durchziehen. Mit mir an deiner Wochenendseite.

Durchzuhalten schien mir all die Monate hier nur mit dem Gedanken dich in einem Jahr bei mir zu haben im Hinterkopf möglich. Was sind schon 12 Monate. Es ist ein Hauch im Leben. Und jetzt, wo ich noch nicht einmal die Hälfte dieser Zeit durchgebracht habe, muss ich mich wahrscheinlich mit der Tatsache abfinden, dass es noch weitere drei Jahre so weitergehen wird. Ja, verdammt, ich hatte Angst mein ganzes Leben mit dir zu teilen, aber es macht mir weit mehr Sorgen, es nicht tun zu können. Weiterhin jedes Wochenende meine Koffer packen zu müssen und nicht einen Abend nach der Arbeit in deine Arme nach Hause kommen zu können. Mir wird das Herz von Sonntag zu Sonntag schwerer, wenn ich deine Finger loslassen muss, und du am Bahnsteig weggehst, nachdem wir den ganzen Tag nebeneinander liegen, erzählend, lachend, küssend oder nachdenkend, während uns der 2. Adventsonntag heimlich am Arsch vorbei ging. Wir zünden keine Kerzen an. Wir sind einander Zimt und Zucker. Die Schienen dieses Zugs brechen mich immer wieder entzwei wir hart gewordenen Lebkuchen mit rosaroter Punschglasur. Deine Nähe für mehr als drei Tage, nur um dem näher zu rücken, öffne ich jeden Tag ein Türchen und sage mir „Nur noch so oft schlafen ...“ wie die Knirpse es tun und frage mich dabei lautlos und wie es möglich ist, dass ich so lange ohne dich gelebt habe.
Deine Gegenwart ersetzt jene einer ganzen Armee, füllt mir Bauch und Herz mehr als jedes Schlemmermenü. Du bist mir ami und amant zur gleichen Zeit. Bevor ich dich kannte, dachte ich bereits ich würde die Liebe kennen. Ich dachte ich hätte verstanden was Verbundenheit ist. Aber eigentlich wusste ich gar nichts. War blind, war verkrüppelt, war gehörlos und fühlte immer nur halb.

Was ich dir an diesem Weihnachtsfest schenken will, ist mein Vertrauen in uns beide mit diesem einfachen Satz. Dieser Satz, der alles und nichts heißen kann. Jener, der die Abgedroschenheit in Person ist und doch so bedeutungsschwanger sein kann.

Ich liebe dich.

Ich möchte, dass du glücklich bist. Ich möchte, dass wir zusammen glücklich sein können, auch wenn das im Moment nichts als Warten für uns bedeutet. Warten. Jede Woche aufs Neue. Warten. Immer und immer wieder. Für die nächsten 176 Wochen.
Warten um irgendwann jeden Tag vor dem Einschlafen deinen Atem in meinem Nacken spüren zu können. Warten, um irgendwann jeden Tag meine Geschichten und meine Freude mit dir teilen zu können.
Warten, um dir irgendwann auch meine Traurigkeit anvertrauen zu können.
Warten und dazwischen stark sein, um sich irgendwann ins Nest fallen lassen zu können, und nie wieder daraus hervor kriechen zu müssen.



geschrieben von: Adore

Von Eisblumen

Sie blühen am Fenster, aus unerfindlichen Gründen, wachsen, breiten sich quer über die leicht verschmierten Scheiben aus, sodass man beim Hindurchblicken in ein zerstückelt-entrücktes Wunderland eintritt, dabei wissend, es ist nur, was man schon ewig in allen erdenklichen Farbstellungen von Herbst bis Frühling kennt.
Dich kenne ich nun schon von Frühling bis Winter, bis tief in sein Weiß, sein Blau, seine dunkle Nachtschwärze hinein.
Nein, es ist nicht, wie sie behauptete, man muss dich nicht einfach gerne haben, weil du wie ein Golden Retriver Baby bist. Man muss dich gar nicht gerne haben. Man tut es einfach. Ich tue es einfach, aus einer Summe aus Gründen, die mir uneröffnet bleibt, selbst wenn ich einen Solar-Taschenrechner zu Hilfe nehmen würde. Es wird sich immer addieren, vielleicht sogar multiplizieren.
Es bedeutet mir eine Menge, dass du nicht nur meine Flügel, sondern auch meine Wurzeln kennst. Jene, die in nährendem, wie auch jene die in kargem Boden steckten. Ich teile mit dir mein altes Leben, bestehend aus so vielen Teilen, die zu den unterschiedlichsten Puzzles gehören, damit wir weit abseits davon ein gemeinsames bauen können. Stück für Stück, mit Pausen zum Verschnaufen, und den Blick wieder auf das Wesentliche zu lenken, weg von den kleinen Details, die den Tod bedeuten können, sofern man sich zu verbissen und stumm hineinsteigert.

- coupe -

Mein Husten und Röcheln erfüllt den schlecht geheizten Raum, kriecht unter die Decken der Liebenden, schlängelt sich schneidend in die Gehörgänge zu beiden Seiten.
Ich wälze mich von links über oben nach rechts und über unten wieder zurück. Ich drehe mich im Bett unzählige Male um die eigene Achse wobei das Bett nach jeder Rotation aufächzt. Die Luft brennt in meinen Lungen und die heißen Tränen auf meinen Wangen. Ich ziehe die Decken bis zur Nasenspitze – die Zehen ragen unten wieder hinaus in die frische Luft. Wo verkriechen? Wie drehen? Am besten im Stehen schlafen …
Deine Handfläche, die über meinen Rücken streicht. Kontinuierlich und beruhigend. Du machst aus Hasen Elefanten und ich tue so, als wären sie überhaupt nicht da – in manchen Dingen sind wir doch sehr verschieden.
Während du glaubst, von Luft und Liebe satt werden zu können, glaube ich, dass deine Zuneigung mich heilen und beschützen wird.
Nichts davon ist vollkommen wahr, aber es wird uns helfen. In all den schweren Zeiten, die auf uns warten und sich dann bösartig ins Fäustchen lachen, wenn sie uns erst gefasst haben.
Wir beide dürfen nie die Fäuste ballen, sondern sollten unsere Finger ineinander verschränken, sie gegenseitig leicht umranken. Damit die Kleinigkeiten nicht zwischen uns kommen und von einander wegdrücken. Ich liebe dich und möchte dich weder an Alltag noch an Entfremdung verlieren. Lieber mit dir gemeinsam irgendwo völlig fremd sein, wie du es mit mir versuchen möchtest. J'adorerai, tu sais, mais toi aussi?1
Ich bewundere dich dafür, dass du es dir vorstellen kannst, aber diese Zukunft liegt noch so weit von uns entfernt, dass sie noch nicht einmal an den Straßenschildern der großen Knoten angeschrieben steht. Aber jene, die noch beschwerlich vor uns liegt, siehst du sie ebenso klar vor dir? Mit dem gleichen Optimismus?
Natürlich ist es einfach jetzt zu sagen, ich möchte mit dir da durch, durch diese Jahre, die so wichtig für dich sind, aber wir beide müssen uns bemühen aus den bisherigen acht Monaten ein Vielfaches zu zaubern, das die Multiplikation mit 10 übersteigt und immer weiter geht – in Liebe und Respekt, nicht in Gewohnheit.
Es geht nicht darum, sich zu wünschen, der Zauber möge nie aufhören, sondern darum, dass er nicht verloren geht, selbst wenn die Manege geschlossen ist; wenn in den Zirkuswagons zwischen Tierkäfigen mit schlafenden, dressierten Bestien, die Akteure ihre blaue, rote oder grüne Schminke herunter schaben, lösen und einander in Nüchternheit in die Augen blicken, wissend, wem dieses gegenüberliegende Gesicht wirklich gehört; zu welchen Geschichten, zu welchen Emotionen, zu welchen Eigenheiten, zu welchen Liebenswürdigkeiten;
Ich möchte mir dir gemeinsam auf diesem Seil tanzen, mich auf das Trapez schwingen und durch Löwenkäfige wandern als seien sie voll von getigerten Schmusekätzchen, ohne zu fallen, ohne zerfetzt zu werden. Und ich möchte dir immer wieder im ärgsten Sturm in die Augen sehen und diese Vertrautheit lesen dürfen. Wir selbst sind die Magier, die alles blühen lassen, selbst Eisblumen in der Wüste.



geschrieben von: Adore

De Florazion

Nach einem Breakfast-out-of-Bed und den überraschenden Verliebtheitsgeschichten des Briefekritzlers von einer bezaubernden Philipo-Christin, marschierten wir umschlungen durch diese kleine Schwester der Stadt der Herzen. Als wir einen Moment in einem gepflasterten Gässchen stehenblieben, riss die Sonne die Wolken auf, ließ ein paar goldene Fäden auf uns herunter fallen. Auf dein weiches Gesicht, deine glatten Haare, deinen dunklen Wintermantel. Wir spazierten durch die Bezirke, ließen Häuserblock nach Häuserblock hinter uns, bis zum Bahnhof, der in die Prärie hinaus fährt, und noch weiter hinaus. Hinauf auf über die Dächer und von dort die grauen Schornsteine und steil abfallenden Fassaden beobachten. Nach dem wir uns eine halbe Tonne Natur-Joghurts aus dem französichen Griechenland aufschwatzen ließen, liefen wir den tief hängenden Gewitterwolken davon, oder mitten in die Arme. Sie zogen so schnell auf diesem in Abendstimmung angepinselten Horizont, dass wir nicht mehr wussten, wohin sie zu gehen gedenken. Irgendwo zwischen Tellern mit pakistanischer Süßspeise aus Mandeln, Gries und allerhand anderer Geschmacksnuancen, einem Kinofilm über die Zahl Drei in zwischenmenschlichen Beziehungsmustern und immer tieferem Graben in den Geschehnissen deiner und meiner Vergangenheit, in der Hoffnung uns selbst, gegenseitig oder einfach bloß die vorherrschenden Gegenwartssituation verstehen zu können, entlockte ich es dir, obwohl ich dachte dieses kleine Detail bereits aus deinem Mund vernommen, aber wieder vergessen zu haben. Doch nein, nichts wusste ich davon. Vor allem nicht über den Zeitpunkt. Dabei spielt es doch keine Rolle. Oder doch? Wahrscheinlich schon. Auch wenn ich mich frage, wie alles gelaufen wäre, wenn es bei mir ein anderer Zeitpunkt, ein anderer Mann gewesen wäre, bin ich froh, dass alles so ist wie es ist und auch darüber, dass du die Körperlichkeit erst später als die Norm entdecken durftest. Wahrscheinlich fällt es dir deshalb so einfach dich an mich zu binden, du liebst mich einfach so, wie du immer gewünscht hättest, jemand liebe dich. Du bist in meinem Herzen und in meinen Lenden.

Dieses Gespräch lässt manche Dinge in einem neuen Licht erscheinen, ändert aber nichts an dem, wie es ist. Es lässt mich besser verstehen, wieso deine Hände zu Beginn so abrupt, so ruppig waren. Wieso eine Bewegungen soviel Zögern und zugleich so viel Lust in sich trugen. Wieso du nicht einmal gewagt hattest meine Hand zu nehmen.
Ich bin so froh nicht gezögert zu haben; mir gesagt zu haben, dass in dir wohl mehr steckt. Mir geht das Herz auf, bei der Vorstellung, dass all deine Sensibilität, die Begierde, die Zuneigung nur darauf gewartet hat, aus dem Sand, der mit der Zeit darüber gerieselt ist, freigelegt und herausgerissen zu werden.



geschrieben von: Adore

Feenmaer: Lamprechtsfelden und Lenghausen oder
Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Manchmal erscheint mir das alles immer noch wie ein riesengroßer Witz, über den ich nicht so recht zu lachen weiß.
Ich frage mich, wozu das alles – Modeindustrie hat etwas absurdes, wenn man sich erst einmal ausmalt, wie eine so nebensächliche Sache, wie die Einhüllung in Kleidung, die den Menschen bedecken und wärmen soll, so aufgebauscht werden kann. Ein kleiner Tippfehler in einer grün auf schwarzem Grund getippten Liste kann „verheerende“ Folgen haben. Und wir Schnittmäuschen und Bienchen sind mittendrin, hasten jeden Tag in dieses Imperium, dessen Kopf sich ständig in den Schwanz beißt und alle anderen für den Schmerz verantwortlich macht. Liebe Katze, hör doch endlich damit auf, du bist so lächerlich, wenn man das haarige Fell zwischen deinen Zähnen hängen sieht, während du mit einem sprichst und dich aufplusterst, als wärst du eine ausgefressene Edelpute vom Hinterland irgendeines Bauernhofes. Allein die Vorstellung daran mein halbes Leben lang kostbare 9 Stunden täglich dem zu widmen, dass du einen fetten Wagen fahren und dein Firmengebäude als Schloss ausgeben kannst, lässt mich aufstoßen. Das zu schlucken ist nur möglich, wenn ich dem allen eine Endlichkeit setze, auch wenn ich mich so oft frage, was danach, so scheint es mir unausweichlich, diese zwar gut geölte, aber dennoch nicht wirklich einwandfrei funktionierende Maschinerie mit meiner Mühe und meinem Angstschweiß zu versagen, zu nähren. Hätte ich nicht immer noch Träume in meinem verflixten Kopf eines mittelalterlichen Einsiedlers im Computerzeitalter, so würde ich wohl an keinem Tag mehr aufstehen.
Ich liebe es, oder besser gesagt, ich liebe es zu glauben, dass dies nur mein Anfang, mein Sprung ist, von dem ich noch nicht genau weiß, wann er mit einer Landung in der Perfektion endet. Ich weiß, es ist illusorisch vom Großen zu schwärmen, vom Althergebrachten gepaart mit Innovation und neuen Techniken, aber ich hoffe immer noch irgendwann die Möglichkeit zu bekommen, nicht immer das selbe tun zu müssen, nicht immer den gleichen Regeln folgen zu müssen, mit geringfügigen der Mode unterworfenen Änderungen.
Nicht, dass ich die anderen Mäuschen schlecht machen will, aber das hier ist nicht meine Welt. Ich bin noch im lernen, aber ich weiß, dass ich an meine Grenzen stoßen und mich langweilen werde, weil dieser Brei von starren Mauern gehalten und jede Saison nur ein wenig umgerührt wird – neue Formen sind eine Unmöglichkeit in dieser Sparte. Wie viele Jahreszeiten wird es brauchen, alles Wissen aus meiner Position gezehrt zu haben?
Oder werde ich eines Tages in die gleiche Idiotie abdriften? Mich damit zufrieden geben, in gewohnten Bahnen vor mich hin zu arbeiten? Werde ich eines Tages auch ein mieses Klatschmaul in leitender Position sein, das nur meckert und E-Mails schickt, während sich alle Untergebenen fragen, was ich an meinem großen Schreibtisch überhaupt arbeite? Werde den gleichen Opportunismus an den Tag legen und stets kuschen, wo es nötig ist?
Aber vielleicht ist das nötig, um nebenbei die Kraft aufzubringen eine Familie zu gründen. Sehe ich mich um, so stelle ich fest, dass nur die kinderlosen einen Vollzeitposten belegen können. Wie, wie verdammt werde ich das anstellen? Muss die Wahl stattfinden? Oder kann ich einfach für „weiß“ plädieren, wie die Unentschlossenen und Ratlosen das nun mal tun? Werde ich glauben ein Leben zu haben, wenn ich einfach bloß meinen Job mache? Oder werde ich mich trauen, die Hand zu beißen, die mich im Moment füttert, aber jeden fertig macht, der droht sie zu verlassen? Werde ich sie regelrecht ab.beißen und ihm vor die Füße werfen können? Werde ich jemals wieder einen Vorgesetzten wie damals finden, mit dem ich gemeinsam auf kargen Alustühlen mein mitgebrachtes Essen verzehrte und bei dem ich nicht das Gefühl hatte für, sondern mit ihm zu arbeiten? Kann ich mir leisten, in kleinere Strukturen, die am Anfang stehen, einzutauchen und mit dabei zu sein, wenn etwas wächst, das noch keine Geschwüre an allen Ecken und Enden hat? Werde ich meinen Beruf mein ganzes Leben lang liebe können, wie ich dich im Moment liebe?



geschrieben von: Adore

Comme un sac à main

La semaine dernière je me suis réveillé au milieu d'un rêve porter sur la liaison avec un autre homme. Un homme étant d'un côté réel et d'un autre côté très loin de ma réalité. Je me suis retrouvé dans ses bras en dehors de son atelier, dans un jardin d'été dont le pré était parsemé de pâquerettes. Il me chuchotait dans l'oreille que j'étais une super modélliste et qu'il était très heureux de m'avoir à ces côtés. Après cela nous sommes allés en intérieur pour prendre le diner avec quelques amis. Tout au début du repas tu m'appelais sur mon portable et j' te racontais n'importe quoi et que j'allais rentrer tard ce soir.1

Sollte mir diese Episode Sorgen machen, habe ich mich gefragt, als ich mich umdrehte und deine wachen Augen in die meinen blickten, weil du meist vor mir erwachst. Doch wenn ich dich vor mir sehe, brauche ich die Antwort gar nicht gedanklich auszusprechen, ich fühle sie in mir und auf jedem Zentimeter meiner Oberfläche. Es ist egal. Das ist mein Körper, der sich manchmal neben jemand anderen träumt. Für eine Umarmung, oder einen Höhepunkt. Und das ist mein Geist, der zur gleichen Zeit bei dir sein will. Ich bin mit dir verbrüdert, verbandelt. Mein Herz liebt deines mehr, als jedes andere Stück Fleisch, das mir über den Weg läuft. Weil du mir mehr gibst, als dieses saftig-rosige Gefühl, das seinen Geschmack so schnell verliert. Du kennst mich. Du weißt, dass in mir etwas unstillbares brodelt; dass ich oft an Vergangene denke. An die Schönen, an die Unerreichten, an die Zerflossenen und die Nymphchen. Dennoch, so sehr du auch weißt, dass es nichts tiefes bedeutet, ist die Angst irgendwie tief in deinen Knochen. Kann sie nicht herausziehen, wie einen Splitter. Es würde trotzdem bluten. So kann ich nichts tun, als zu versuchen, deine Angst zu besänftigen, den Schmerz zu dämpfen, den sie hervorbringt. Kann dich nur immer und immer wieder beruhigen und dir zeigen, welch wunderbar wertvoller Mensch du für mich bist. Die anderen sind nur etwas für meine Stärke. Doch in dir finde ich auch meine Schwäche wieder. Du bringst mich zum blühen, wenn die Noten der anderen bereits verwelken und vergilben.

Heute morgen wachte ich ohne dich auf. An Wochenende kommt das selten vor. Eigentlich so gut wie nie, weil es die einzigen Tage sind, die wir haben. Es war dennoch zauberhaft. Ich habe an dich gedacht. Daran, dass es ein großartiges Gefühl ist, alleine zu erwachen und zu wissen, man ist es nicht; alleine zu erwachen und sich nicht elend und überflüssig auf dieser Welt zu fühlen. Deine Absenz beflügelt mich. Bringt mich meiner Liebe zur Arbeit wieder näher. Früher hat mich nur das Unglücklich-Sein zur Arbeit getrieben, um im Wahn zu vergessen. Doch jetzt, kann ich den Moment vor dem Wahn genießen. Kann aus den geöffneten Fenstern blicken und langsam gerade aus schauend frühstücken, während neben mir der weiche Dampf des heißen Teetasse aufsteigt. Wie lange ist es her, dass ich das letzte mal einfach nur mit mir allein dagesessen und mich gefühlt habe? Meine Haut? Das was meine Augen sehen? Meine eigenen Gedanken, die nicht dauernd fremdverloren sind? Wie lange habe ich nicht mehr daran gedacht einen Gedanken aufzuschreiben?
Ich bin so sehr in meinem Alltag, dass mir keine Zeit bleibt ihn zu verarbeiten, oder über etwas anderes als ihn nachzudenken. Ist es das, was es ausmacht erwachsen zu sein? Dass sich das Leben verselbstständigt und man sich nicht mehr nebenbei beim Leben sehen kann? Ich vermisse die Selbstreflexion, die wahre Empathie. Wenn ich allein die Zeit, in der ich jede Mittagspause sinnlos während 30 Minuten mein Essen in mich hineinschiebe und dabei stumm meine gegenüber sitzenden Kollegen beobachte, dazu verwenden würde wieder Stille in mein Leben zu bringen, wäre ich dann wieder mehr, die die ich einmal war? Ich war nie ein Rebell, habe nur immer die anderen beim Rebellieren beobachtet und darüber nachgedacht. Die Stille war immer meine Heimat. Die Stille im winterlichen Wald genauso wie in der frühlingshaften Großstadthektik. Immer blieben Augenblicke zum Verweilen. Wo sind sie geblieben?

Auch mit dir, so sehr ich sie liebe, unser beider Leben pressen uns so in Schemata, dass wir nicht ausbrechen können. Freitag, Samstag, Sonntag lieben wir uns und die restliche Woche verrinnt mit warten. Nicht auf Godot. Der kann uns gestohlen bleiben. Freitag und Sonntag heißt es wieder „Ich packe meinen Koffer und gebe … hinein ...“. Ich bin es leid ständig zu packen. Ich möchte einfach nur mit einer Handtasche mit dir weggehen. Wohin auch immer. Arbeit, Wohnung, Familie, das alles ist Gepäck, das man mitschleppt. Und doch, meine Arbeit macht mir Freude, in meiner Wohnung fühle ich mich wohl, weil sie mich widerspiegelt und ohne meine Familie würde mir der Halt fehlen. Alles ist ein Geben und Nehmen. Wer gegen Taschenkontrollen ist, darf sich nicht wundern bei einem Selbstmordattentat umzukommen.



geschrieben von: Adore

Pages arrachées tombant au sol1

„Encore une fois, encore une fois,
Mêle ton corps à mon corps comme un cobra,
Enivre toi du parfum de notr ébat,
[...]

Libère toi de ce désir carnivore,
[...]

De ton amour tu me perfores,
[…]

Ton incandescent corps
Comme indecent sort
M'incendie, me dévore
Et mes sens crient „encore““
2

Toujours pas. Toujours pas. La muette est non seulement une station de métro, mais moi. Carrelée tout blanc en intérieur. Même pas de pub sur les murs. L'âme vidée et toute nue. Sans réponses mais surtout sans questions.[/i]3

Zu Beginn dieses neuen Jahres hatte ich mir ausnahmsweise einen Vorsatz gemacht. Mehr zu hören. Mehr zuhören. Mehr mir selbst zu zu hören, um zu erfahren, ob ich denn überhaupt noch etwas zu sagen habe, oder ob meine Gedanken völlig ausgeblutet sind, ob ich vor lauter bonheur4 schon ganz ausgetrocknet bin.
Was ist bloß los? Wo ist die Zeit und die Muse für die Worte hin? Warum lasse ich meine besten Freunde im Stich, die einzigen, die sich nie geweigert haben hervor zu treten, auch wenn ich mich noch so tief in der letzten Ecke meines Zimmers verkrochen hatte. Jene fleischlosen Freunde, vor denen es kein Verstecken, kein Davonlaufen, ja nicht einmal ein Übertönen gab. Immer waren sie da, im Kopf, auf eine Serviette gekritzelt, in meinem Notizbuch oder oder lautlos ganz weit draußen in die unendliche Weite der Anonymität gebrüllt. Wo sind die Spielerein, die grenzenlosen haushohen Phantasiegebilde die sie ermöglichten? Wo sind die Farben?

Meine Sprache war immer der Schmerz, das Problem. Ohne Problem, kein Wort. Immer noch plagt es mich, dass es mir unmöglich scheint diese Gleichmäßigkeit auszuhalten. Aber ich tue es. Jeden Tag.
Ich liebe dich und alles andere kann mir deshalb anscheinend nicht an. Und wenn ich alles verliere bleibe ich immer noch stark mit dir. Der einzige Schmerz ist Menschen zu verlieren. Doch ohne Schmerz kann man sie nicht halten. Weil man nichts zu sagen hat und sich wortlos immer weiter von allen entfernt, die einem wichtig waren. Was soll uns verbünden, wenn wir keine Probleme haben? Womit soll ich meine Freundschaften erhalten, wenn ich nicht mehr mit meinen Freunden rede, weil es nichts zu reden gibt. Ich fühle mich am Ende der Welt, doch die ganze dreht sich Welt einfach so weiter, als wäre nichts. Als würde nicht alles bröckeln und innerlich verfaulen. Aber vielleicht ist das auch nur meine Welt, die so verkümmert.

Je sens que je raffole d'excitation. Il me faut quelquechose de nouveau. Et les voilà, deux p'tites choses arrivant pour exciter encore un peu mon âme. Toi, nymphchen et le lui, un vrai français, un peu comme Arsène à l'époque. Sauf qu'il était réel, même si ce n'était que pour deux soirées et trois sourires. De temps en temps je me demande ce qu'il est devenu. Il se pourrait qu'il a épousé sa copine d'autrefois.
J'adore écouter ta voix à la radio – ce français jeune et si purement prononcé me fait rêver à nouveau. Non seulement mes oreilles voudraient gôuter ta langue. T'es pas vraiment en beau gosse, mais on s'en fout, ce qui compte c'est que je me sens bien en t'écoutant.
5
Und auf der anderen Seite das Nymphchen. Ein weiteres unter vielen. Ein junger Kerl, der noch nicht mal so richtig in die Welt gespuckt ist. Auch nicht unbedingt ein beau gosse6, aber trotzdem, irgendetwas liegt für mich in der Luft. Ce visage pale et immaculé m'attire. Je me demande bien, comment je dois imaginer le reste de ton corps …7

Aber es hilft alles nichts, all diese Jugendlichkeit und Frische wird mir nicht dazu verhelfen wieder jung zu sein. In meinem Kopf war ich nie jung. Höchtens unreif. Aber alt habe ich mich immer gefühlt und niemand wird dieses Gefühl je aus mir herausreißen können, wie ein paar lose Seiten in einem vergilbten Buch. Zwar bin ich noch nicht so abgegriffen, aber doch schon an den Ecken abgestumpft.
Ich werde in einigen Monaten 24 und jeder sieht mir mein Alter an; dass ich noch ein Jungspund bin. Und dennoch, ich habe das Gefühl nichts mehr erwarten zu können. Meine Mittelmäßigkeit bringt mich an den Rande der Verzweiflung. Warum kann ich nicht mehr aus mir machen? Warum verdamme ich mich selbst zu diesem geregelten unspektakuläeren Leben. Pouquoi suis-je sans la plus petite sensation?8
Warum kriege ich meinen Arsch nicht hoch, um ihn aus diesem verdammten, völlig schalldurchlässigen Zimmer in die Welt hinaus zu jagen? Was bringt mich dazu mit selbst beim verrotten zu zusehen und mich dabei „zufrieden“ zu fühlen?
Ich weiß, dass mir eigentlich nichts fehlt, weil ich gewisse Dinge und Erlebnisse nie hatte, aber es ist ein Schmerz, der an einer Stelle ist, wo eigentlich nichts sein dürfte. Er ist wie eingespritzt, dringt in alle meine Blutgefäße und vergiftet mich, weil ich es nicht verkraften kann.

„Träufel Gift in mein Glas.
Lass mich dann allein.
Du müsstest nur mutiger sein.
Glaubst du wirklich, du bist
mit deinem Hass allein?
Soll ich dir meinen
ungeschminkt entgegenschrein?

Nein,
Ich bin die Ruhe selbst!
Schau' mich an,
Ich bin die Ruhe selbst!“
9

Ja, Mäuschen, ich habe Angst, du wirst mir eines Tages überdrüssig. Meiner Ruhe, meiner Gleichförmigkeit und meinem ungestillen Verlangen nach jenen, die ich nicht haben kann.
Es tut mir Leid, ich kann dir nicht etwas bieten, das ich selbst verzweifelt suche. Ich bin die Resignation, die sich selbst nicht wahrhaben will und sich daher so weit wie möglich die Arme aller anderen träumt.

1 Herausgerissene Seiten, die zu Boden fallen
2 INA-ICH – Ton Incandescent Corps
3 Immer noch nicht. Immer noch nicht. Die Stumme ist nicht nur eine Metrostation, sondern auch ich. Im Inneren ganz weiß gefliest. Nicht einmal Werbung an den Wänden. Leerer Geist und splitterfasernackt. Ohne Antworten aber vor allem ohne Fragen.
4 Glück
5 Ich fühle, dass auf Er-/Aufregung versessen bin. Ich brauche etwas Neues. Und da sind sie, zwei kleine Dinge, kommen, um mein Gemüt noch ein wenig zu erregen. Du, Nymphchen und er, ein echter Franzose, wie Arsène damals. Außer, dass er real war, auch, wenn es nur für zwei Abende und drei Lächeln war. Von Zeit zu Zeit frage ich mich, was aus ihm geworden ist. Es könnte sein, dass er seine Freundin von damals geheiratet hat.
Ich liebe es, deine Stimme im Radio zu hören – dieses junge Französisch, so sauber gesprochen bringt mich wieder zum träumen. Nicht nur meine Ohren würden gerne deine Zunge/Sprache kosten. Du bist kein Sunnyboy, aber was soll's, was zählt, ist, dass ich mich wohl fühle, wenn ich dich höre.
6 Sunnyboy
7 Dieses blasse und makellose Gesicht zieht mich an. Ich frage mich, wie ich mir den Rest deines Körpers vorstellen darf ...
8 Warum bin ich ohne die kleinste Empfindung?
9 Janus – Die Ruhe selbst






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