[alte vs. modere Romantik] - German Gothic Board

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alte vs. modere Romantik

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geschrieben von: rosenkind

Ich fand gestern einmal wieder die Bestätigung dafür, dass sich meine Auffassung von Romantik und das, was wohl die Mehrheit darunter versteht, doch sehr voneinander unterscheiden. Damit meine ich nun weniger die Frage danach, was nun konkret romantisch oder nicht romantisch ist, sondern viel mehr die Definition dieser Begriffe selbst. Der erste und größte Unterschied ist wohl, dass diese Mehrheit den Begriff Romantik nur im Bezug auf Liebesthemen verwendet. Jenseits des Dunstkreises der schwarzen Szene kenne ich nur einen Menschen, der mir gegenüber eine Landschaft als romantisch beschrieb, zum Beispiel. Romantik ist für den Großteil eine bestimmte Art und Weise des Umgangs mit Liebesthemen. Für mich hingegen reduziert sich Romantik keineswegs nur darauf. Ihr Gegenstand kann die Liebe sein, aber auch die Freundschaft, die Natur, die Kunst und noch vieles mehr, je nachdem aus welchem Blickwinkel man die Dinge betrachtet. Romantik also in erster Linie eine bestimmte Sichtweise auf die Welt für mich, ganz im Sinne der Epoche der Romantik. Und damit wäre ich beim nächsten Punkt. Wenn ich durchgehe, was viele Menschen antworten, wenn man sie fragt, was Romantik/romantisch sei, so habe ich oft den Eindruck, dass Romantik für sie in erster Linie eine Eigenschaft bestimmter Dinge ist und weniger der Blickwinkel auf diese Dinge. Meist erschöpft sich die Antworten unabhängig davon, ob sie das, was sie aufzählen, mögen oder nicht, in einer Reihe von Nennungen a la Ein Strauß Rosen ist romantisch, Sex bei Kerzenlicht ist romantisch, ein Liebesbrief ist romantisch,… Ich erlebe es selten, dass hinterfragt wird, was daran romantisch ist oder was „Romantik“ denn überhaupt sei. Sicher würde ich auf die Frage „was findest du romantisch“ auch nicht sofort eine Definition meines Romantikbegriffs abgeben, sondern sagen „alte, verfallende Friedhöfe, Ruinen und Kerzenlicht“ o.ä., aber ich habe eben den Eindruck, dass für die meisten „Romantik“ nicht darüber hinausgeht, während ich erklären könnte, dass Romantik sich für mich in erster Linie als Weltauffassung definiert und erst an zweiter Stelle die Dinge stehen. Mir scheint es grade, was grade, was den Begriff der Romantik angeht, dass hier, wie heutzutage so oft, der Inhalt verloren und vergessen wurde, während die Form noch weitergetragen wird und letztendlich als einzige Definition zurückbleibt. Der moderne Begriff von Romantik scheint mir also in Wirklichkeit nicht mehr zu sein, als die sinnentleerte Hülle der eigentlichen Romantik. Ich habe schon viele Menschen erlebt, die meinten, dass sie mit Romantik nichts anfangen könnten und dann Dinge aufzählten wie Valentinstag oder Plüschherzen. Ich denke, dass viele dieser Menschen mit „Romantik“ auch deshalb nichts anfangen können, weil diese moderne„Romantik“ nichts mehr von der ursprünglichen, der wahren Romantik enthält. Wo der Sinn sich verloren hat, findet der Mensch auch keinen Sinn mehr für sich, es sei denn man steht auf Sinnlosigkeiten. Einen Strauß Rosen zu verschenken aus einer Auffassung heraus, in der eine Rose einen hohen symbolischen Wert hat (z.B.), hat eine völlig andere Qualität als einen Strauß Rosen zu verschenken, weil ein paar Blumenhändler einen „Liebestag“ erfunden haben, an dem man halt eben solche Dinge tut. Hüllen der Romantik ohne ihren Sinn, das wäre meine Definition von Kitsch. Und demnach ist vieles, was heute als romantisch gilt, Kitsch. Kitsch fehlt die Authentizität, die Romantik hat. Romantik ist nicht unbedingt realistisch, aber sie ist echt, im Sinne von Wahrhaftigkeit. Dass doch nicht wenige Menschen die Hochzeit nach 3 Tagen in irgendeiner Hollywood-Schnulze kitschig finden, beispielsweise, liegt in meinen Augen nicht oder nicht nur daran, dass die Geschichte unrealistisch ist, sondern (auch) daran, dass diese oft nicht authentisch wirkt. Wie seht ihr die Sache?



geschrieben von: Marzipan

Hallo Rosenkind!
Dass der Begriff "Romantik" heutzutage völlig falsch definiert wird, damit hast du vollkommen recht! Es gibt eigentlich auch keine direkte Definition für Romantik oder was romantisch ist. Ich denke, romantisch ist all das, was einen Menschen im Herzen berührt... Und das ist nun mal für jeden etwas anderes... Alles, was so eine gewisse Wärme in die Herzen bringt... das kann auch einfach ein Lächeln sein oder der Anblick eines Feldweges, wenn die Sonne auf die Ernte strahlt...
Wie du schon sagst... es muss nichts mit Liebe an sich zu tun haben... aber mit "Liebe" lässt sich nun mal das meiste Geld machen... und deswegen ist Romantik leider zu dem geworden, was es heute ist... (bei vielen).

Für mich ist Romantik, wenn ich durch irgendeine Situation, den Alltag und alles andere um mich herum, vergessen kann.

Liebe Grüße,
Marzipan.



geschrieben von: rosenkind

Zitat:
Wie du schon sagst... es muss nichts mit Liebe an sich zu tun haben... aber mit "Liebe" lässt sich nun mal das meiste Geld machen... und deswegen ist Romantik leider zu dem geworden, was es heute ist... (bei vielen).


Den Gedanken bzw. einen ähnlichen hatte ich auch, wollte die Diskussion aber erst einmal abwarten. Ich denke auch, dass die Reduzierung von Romantik auf "Romantik" eindeutig mit der Vermarktbarkeit zusammenhängt. Wie erwähnt, sehe ich selbst Romantik ehr im Sinne der Epoche der Romantik. Dazu mal ein schönes Zitat:

Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn gebe, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es (Novalis)

Wenn ich diese Aussage ernst nehme, so kann eine kurzes Lächeln zum kostbarsten Schatz und eine kleine Blume am Wegrand zum Heiligtum werden. Diese Genügsamkeit mit den kleinen Dingen der Welt und die Unabhängigkeit des Gefühls, erfüllt bzw. ausgefüllt zu sein von großen Events und/oder großen materiellen Werten, läuft natürlich kapitalistischen Intressen grob zuwider. Dinge sind vermarktbar, auch ein gewisses Image ist vermarktbar, Innigkeit, Selbstgenügsamkeit und echter Sinn jedoch nicht, denn all diese Dinge wenden sich ja grade vom Kaufen und verkauft werden ab. (Was im übrigen nicht bedeutet, dass nicht auch PseudoInnigkeit-, - Selbstgenügsamkeit oder - Sinn versucht wird zu verkaufen).

btw: ich glaube, ich habe das Thema im falschem Forum eröffnet, vielleicht würde es in Dunkelheit&Licht besser passen?



geschrieben von: Odessa

Ich war mir ob des Verschreibers im Titel nicht sicher, ob es "moderne" oder "modernde" Romantik heißen soll ;-)...

Romantik ist natürlich etwas, was zuvorderst mit eigenen Gefühlen und damit verbundenen Handlungsweisen zu tun hat, die sich so individuell verschieden äußern wie der Mensch an sich in seinem Empfinden und Erleben verschieden ist. Eine Landschaft bezeichne ich nun zwar auch als romantisch, aber eigentlich kann eine Landschaft das ja gar nicht sein weil sie "ist" wie sie ist, also ohne ihr eigenes Zutun. "Romantisch sein" setzt aber imho immer auch aktives "Tun" voraus, was nur Lebewesen vorbehalten ist. Eine Landschaft kann man auch als "öde", "trostlos", "bedrückend" oder "gastlich" beschreiben, aber auch das sind dann nur die Emotionen die man selbst in sich empfindet und auf die jeweilige Landschaft überträgt. Und was ich als "trostlos" empfinde (zum Beispiel Glas- und Betonbunker oder Fabrikhallen), empfinden nicht wenige - gerade Goten - als "ganz tolle inspirierende Gebäude" und empfinden sie kein Stück weit als "trostlos".

Ähnlich ist es, denke ich, mit der Romantik, wie Rosie schon ansprach... die gängige Vorstellung vom "romantischen Abend bei Kerzenlicht" graust mir allein schon deswegen, weil ich echt nicht wüßte was daran "romantisch" per se sein soll, und WIESO ein Abend zu zweit überhaupt dadurch romantisch wird WEIL er bei Kerzenlicht stattfindet...? Kerzenlicht habe ich phasenweise Tag und Nacht an bei völlig profanen Dingen wie Bügeln oder Kochen, und zwar schlicht deswegen weil hier auf dem Land in den Bergen, bei unserem "Sauwetter" mit täglichen Gewittern und Hagelschauern, öfters der Strom für Stunden ausfällt dank umgefallener Masten oder herabstürzender Felsbrocken etc. und ich anders dann, bei unseren 8 Monate dauernden dunklen Wintern, keinerlich Sonnenlicht tagsüber habe. Logik also für mich: Stromausfall causes Candlelight-Dinner zwangsweise, somit sind Kerzen normaler Alltagsbestandteil bei meinem "zu 80%-Aussteigerleben" fern der naturfernen wetterunabhängigen Stadtbetonbunker (Internet und Rechner gibts dann natürlich auch nicht, also noch nicht mal romantische Forenbeiträge kann man dann lesen/verfassen) :D. Gleiches gilt für das sog. "romantische" Verführungsritual mit Klaviermusik oder Schmusesongs. Geh mir fort - Klaviermusik höre ich ab und an sehr gerne, aber dann widme ich mich auch der Kunst des Pianisten und versinke in der Musik, da steht mir also der Kopf nach was ganz Anderem als Sex, und "Schmusesongs" sind für mich als Hardrock/HeavyMetal-Braut mit Faible für schwere Wagner-Klassik so ungefähr das beste Einschlafmittel gleich hinter "Privatfernsehen". Keines der gängigen "Romantik-Raster" scheint mir persönlich also zu entsprechen, und Rosen liebe ich generell aber am allermeisten wenn sie noch an ihrem Busch/Strauch sind und sich um meinen verwunschen-verzauberten Bauerngartenzaun ranken;-)

Was jeder von uns also mit Romantik verbindet, ist so individuell wie der Mensch an sich es ist in seinem Er.leben und Empfinden; eine Frau, die bisher nur Typen hatte die ihr ein "Hey baby, geiler Arsch, ich steh auf Dich" hinrotzten, wird es vermutlich als "hochromantisch" verklären wenn ihr ein Mann einen Liebesbrief schreibt worin er ihre Schönheit und Anmut rühmt. Für eine Frau wiederum, die ihr ganzes Leben aufs "Schreiben" ausgerichtet hat und alle ihre Männer dadurch kennenlernte DASS diese ihr erst mal ne Zeitlang schrieben, die ganze Kommunikation also durch Worte und ihre Spielereien stattfand, wird einen Liebesbrief als völlig selbstverständlichen Ausdruck der emotionalen Kommunikation werten.

Mehr fällt mir dazu grad auch nicht ein, aber das Thema an sich finde ich sehr schön und auch, welch verschiedene Sichtweisen es da geben mag/wird :). Und zum Rest, Rosie: "gerne, am besten heute mittag"!



geschrieben von: rainraven

also ich z.B. finde alte Bunker und Fabrikhallen und große rostige Maschinen SEHR romantisch...:)


Wkipedia meint dazu:


Im heutigen, allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff Romantik mit dem Adjektiv romantisch die Eigenschaft einer Sache oder eines Ereignisses, Menschen mit Liebe und Sehnsucht zu erfüllen, so etwa in den Wortverbindungen „romantische Liebe“, „romantische Musik“ oder „ein romantischer Brief“.



geschrieben von: Selene71

In erster Linie hat Romantik für mich auch mit Liebe und Gefühlen zu tun.

Aber auch eine Landschaft oder ein Sonnenuntergang ist für mich romantisch. Oder ein Bild.
Victoria Frances Werke haben für mich sehr viel Romantik, und zwar eine düster-schöne.

Mittelaltermärkte besonders zu Weihnachten finde ich sehr romantisch.

Kleidung im Stil früherer Jahrhunderte.



geschrieben von: Demon17

Du hast völli recht Rosenkind. Romantik ist in erster Linie eine Geisteshaltung, die der rationalistischen, aufgeklärten Welt, die Sicht des Mittelalters mit seinen Märchen und Sagen, seiner Magie, seienen Geheimnissen und Abgründen entgegenstellt. Natürlich aus der relativen Sicherheit der eigenen Wohnstube. Romantiker sind totalitär, sie verachten "vernünftige" Kompromisse und stellen dem allgemeinen Materialismus die Welt des Gefühls und der Sehnsucht entgegen. Oft mit einer leichten Melancholie, die aus dem Wissen um die Vergänglichkeit dieser Welt herrührt. Die Romantik iszt die Welt der Phantasie und des phantastischen, jenseits der Grenzen von Rationalität und Vernunft. Sie zerlegt und analysiert nicht, sondern begreift aus einem spirituellem Verständnis heraus eine Welt voller Wunder und sinnlicher Träume.



geschrieben von: rosenkind

Huhu Odessa, danke für den Hinweis, soll natürlich moderne heißen, wobei "modernde Romantik hätte auch was". *g*.

Natürlich existiert "romantisch" nicht einfach aus sich selbst heraus, sondern ist immer die Interpretation eines betrachtenden Auges. Eine Landschaft, um bei diesem Beispiel mal zu bleiben, ist vielleicht hügelig oder dicht bewachsen aus sich selbst heraus, nicht jedoch "trostlos", "romantisch" oder was auch immer. Diese Begriffe bezeichnen immer eine Emotion, die ein Mensch einer Landschaft entgegenbringt. Sie finden im Menschen statt. Wobei sich da für mich die Frage anschließt, ob der Ursprung dieser Gefühle alleine im Menschen zu verorten ist, also der Mensch den Dingen all dieses wesenhafte zu 100% nur zuschreibt, es auf sie projiziert, oder ob viel mehr, die verschiedenen Empfindungen unterschiedlicher Menschen unterschiedliche Spiegelbilder eines vielschichtigen „Charakters“ sind, der den Dingen tatsächlich als Eigenart innewohnt. Wie man in dieser Frage steht, macht in meinen Augen einen großen Unterschied für die Frage aus, welchen Platz man der Romantik (im alten Sinne) einräumt. Geht man vom Ersten aus, so sind romantische Gefühle lediglich Träumerei für die Psyche des Menschen, dem eine „kalte“, rein materialistische Dingwelt gegenübersteht. Romantik wäre in diesem Fall also nicht Wirklichkeit, sondern nur ein Spiel für die menschliche Psyche (wir wissen, dass es nicht stimmt, doch wir träumen uns, es wäre anders). Im zweiten Fall ist diese Dingwelt selbst in irgendeiner Weise wesenhaft, führt ein gewisses Eigenleben und der Mensch wird zum Wahrnehmer und Sichtbarmacher dieser immanenten Eigenart der Dinge selbst. Romantik wäre hier also keine Spielerei, sondern Wirklichkeit und der romantische Mensch ein Vermittler zwischen der Wesenhaftigkeit der Dingwelt und dem Menschen. Für mich persönlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Ich glaube an keine kalte, rein materialistische Dingwelt, jedoch glaube ich auch, dass jede Wahrnehmung der Welt, die ein Mensch macht, immer auch durch sein eigenes Selbst gefärbt ist. Tendenziell würde ich mich aber ehr zur Zeiten Gruppe zählen, weil ich die Frage, ist die Dingwelt kalt oder wesenahaft für die entscheidendere halte, als inwiefern unsere Wahrnehmung rein oder getrübt ist. (Um Missverständnissen vorzubeugen: mit wesenhaft meine ich nicht (nur) den Glauben an Naturgeister, sondern etwas, was generell über das rein materielle Sein der Dinge hinausgeht, das kann z.B. auch die pantheistische Vorstellung des allen Dingen innewohnenden göttlichen Funkens sein und vieles andere mehr)

Ich glaube aber, ich bin grade ziemlich weit vom Thema abgewichen, kann das sein? Hach, es ist schon schlimm, wenn man mal so ins Reden kommt, besonders um die Uhrzeit, wenn ich müde bin *g*

Was du über Liebesbriefe und Kerzenlicht schreibst, finde ich übrigens sehr interessant, weil dort der Aspekt der Alltäglichkeit bzw. Gewohnheit (grade beim Liebesbrief) eine große Rolle spielt. Ich selbst habe hier zuhause, vornehmlich in der dunklen Jahreszeit, auch sehr oft Kerzen brennen, aus dem schlichten Grund, weil es für meinen Geschmack im Winter und den Abendstunden im Zimmer schnell mal zu dunkel wird und ich mich nicht zur Kinoleinwand für die Nachbarschaft machen will, indem ich das große Licht einschalte. Trotzdem empfinde ich jetzt diese Atmosphäre nicht als unromantisch, nur weil es etwas (fast) Alltäglich ist und einen banalen und überhaupt nicht romantischen Grund dafür gibt. Genauso würde ich selbst auch einen Brief in einem länger währendem Briefkontakt als unromantisch empfinden, weil er selbstverständlich ist. Ich persönlich sehe Romantik nicht unbedingt an Besonderheiten geknüpft, im Gegenteil, denke ich ehr, dass Romantik etwas ist, das man sehr (oder eben auch sehr wenig) in den Alltag integrieren kann. Aber das zeigt nur mal wieder, wie unterschiedlich die Sichtweisen dazu sind.

PS: mit dem „heute Mittag“ hat es ja nicht geklappt, nächste Woche habe ich wieder Zeit, wenn es auch Nachmittags/Abends bei dir passen würde. Kannst ja noch mal mailen ;).

An Demon17:
Ich wollte es zwar ausführlicher schreiben, aber die Müdigkeit schlägt mir fast die Augen zu, deswegen versuche ich mich kurz zu fassen: Ratio und Romantik mögen Gegensätze darstellen, da gebe ich dir Recht. Ich finde aber, dass sie im Bezug auf Menschen keinen Widerspruch darstellen müssen, will heißen, dass ich denke, dass ein Mensch durchaus beide Seiten in sich verbinden kann. In meinen Augen ist die Frage, welchen Stellenwert ich was beimesse und welchen Platz ich ihm gebe. Für mich persönlich bedeutet Romantik kein „sondern“, sondern ehr ein „mehr als das“. Dass ich mit beispielsweise ein Blatt unter dem Mikroskop anschaue und die Zellstruktur von Pflanzen erforsche, schließt ja auch keinesfalls aus, dass ich die Natur mit Ehrfurcht betrachte, ganz im Gegenteil, soll es sogar schon Menschen gegeben haben, die ein Blatt erst mal unter dem Mikroskop betrachten mussten, um in Ehrfurcht zu erstarren. Das Entscheidende ist in meinen Augen nicht, ob ich die Welt analysiere oder nicht, sondern welche Schlüsse ich daraus ziehe. Die Auffassung, dass die Welt nur aus Materie besteht und das Leben eine Matheformel ist, ist ein Schluss, den ich ziehen kann. Die Auffassung, dass jene materielle Seite nur eine Seite der Medaille ist und dass es noch eine Welt jenseits logischer Überlegungen gibt, eine andere. Ich finde, nicht das Analysieren der Welt ist das Gefährliche, das Gefährliche ist die reduktionistische Sichtweise, die Menschen aus den Ergebnissen einer Analyse nur allzu leicht ziehen. Aus dem, was der Mensch über dem Mikroskop für Zellstrukturen in den Blättern sieht, wird dann geschlossen, dass jenseits von Zellstrukturen nichts über Bäume zu sagen, zu wissen und zu denken gäbe, selbst dann, wenn der Mensch, der ursprünglich durch das Mikroskop blickte, in dem, was er sah, das wunderbare Werk eines allmächtigen Gottes, heidnischen Baumgeistes oder den allen Dingen innewohnenden göttlichen Funken erblickte. Leider ist die Tendenz, die Welt auf eben jene Dinge, die man „unter dem Mikroskop“ sieht zu reduzieren, stärker als je. Mehr dazu evtl. morgen noch. Aber ich hoffe, es ist einigermaßen klar, was ich sagen möchte.



geschrieben von: Odessa

Rosie :) - sh. pn. Und stimmt, nur weil es "alltäglich" ist, ist es deswegen nicht per se unromantisch, keine Frage. Kerzenlicht gefällt mir zum Beispiel generell besser als Neonlicht und ich schätze Liebesbriefe unendlich, weil sie etwas sind was ich noch nach Jahren nachlesen kann, was Erinnerungen wieder NOCH lebendiger macht als sie es ohnehin immer sind. Es deckt sich bei mir in etwa mit Deinen Ansichten dahingehend, daß "Romantik" nichts ist was man an solchen Dingen festmachen könnte oder was für Alle gleich ist, wie gesagt - das Beispiel mit den Gebäuden und was rainraven dazu ergänzte.

Mir fiel, angeregt durch diesen thread, neulich beim Durchblättern eines Katalogs auf, wie sehr der Begriff "Romantik" derzeit auch inflationär gebraucht wird. Da wird auf 10 Seiten eines Möbelkatalogs jedes Möbelstück als romantisch bezeichnet, das NICHT aus Plastik, Blech/Edelstahl-Spanplatten-Kombi oder sonstigem "Arztpraxis"-Material ist. Eine ganz normale Vollholz-Kommode in Nußbaum und eine schöne, auf "alt" gemachte Anrichte (Vertiko) wird als "new romantic" angepriesen. Ein Kleiderschrank, bäuerlich bemalt, wird als "Landhaus-Romantik" verkauft. Und ich fragte mich dabei, was genau an einem bemalten Schrank "per se" romantisch sein könne? Nichts natürlich - es ist nur die Erinnerung oder das "Bild" im Kopf des Betrachters, welches ihn dann als "romantisch" erscheinen lassen. Weil man z. B. in einem urigen tirolerischen oder bayerischen Bergdorf Ferien machte, beim Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang auf einem Bänkchen oder dem Balkon seiner Ferienwohnung in rotroseglühende Berglandschaften blickte, möglichst noch mit einem Adler oder Bussard über einem kreisend, während im Hintergrund das Holzscheit im Kamin oder Kachelofen knisterte und Kühe oder/und Pferde keine 4 Meter entfernt von einem friedlich weideten; dazu dann noch der Geruch von meinethalben frischgebackenem Kümmel- und Kartoffel-Bauernbrot aus dem Steinofen, der Geschmack eines süffigen Starkbiers oder feinen Kräuterlikörs aus den Alpen auf den Lippen und vom Dorf herauf leise Töne einer alten wehmütigen Melodie, gespielt auf Zither oder Harfe... und wenn DANN noch - und das wird in 99 von 100 Fällen so sein wie ich aus Erfahrung weiß *g* - der Kleiderschrank in der FeWo ein klassisch "bäuerlicher" ist aus massivem Holz und mit schönen Motiven aus den "vier Jahreszeiten" oder sonstigem "romantisch verklärtem" Bauernleben verziert, dann wird dieser Mensch - wieder heimgekommen in seine "trostlose" Betonburgenstadt - für immer das warme heimelige "romantische" Gefühl binnen Sekunden "abrufen" (bzw. es wird sich gemäß "Pavlovschen Hund" von ganz allein einstellen), sobald er nur einen bäuerlich bemalten Schrank, ein Bild von einer Berglandschaft oder ein Abendessenszenario mit Kaminfeuer vor sich hat.

Was ich mit diesem "sinnenfreudigen" Beispiel sagen will und Dich darin bestätigen: Romantik ist immer eine Art "Prägung" und Fantasie, vielfach auch "un/erfüllter Traum" in einem selbst, entstanden wodurch auch immer. Und smarte Werbefachleute können damit gut spielen (was überhaupt nicht verwerflich ist) und nutzen gewisse Schlagworte und emotionsbehaftete Begriffe dann auch entsprechend :-).


PS zum Katalog: "Romantische Kleider" - meist sind es mit kleinen Streu-Blümchen bedruckte ("mille fleurs" - liebe ich sehr btw.) weitschwingende lange Kleider, zu denen man auch gut Strohhüte mit langen Bändern tragen kann... das Bild von Frauen vergangener Zeiten, die mit im Wind wehenden leichten Kleidchen und flatternden Bändern am Hut an Meeresklippen standen oder über mit Sonnenblumen und Mohn bewachsene Wiesen und Felder spazierten... RomantikIdyll des Landlebens, "reloaded" ;)



geschrieben von: WhiteRabbit

Romantik ist zeitlos.

Die Eine hats, der Andere nicht.

Unser Zeitalter ist halt eine postfaschistische Kostenstelle, besetzt von lauter BWLern und Juristen, das mag natürlich vordergründig dafür verantwortlich sein, dass Romantik im Alltag belächelt wird.
Aber egal.
Die Burberryschals, Halskettchen und weissen Blusen werden auch eines Tages Geschichte sein.



geschrieben von: Demon17

Hallo Rosenkond,

ich denke auch, dass wir alle eine rationale Seite haben und brauchen. Das Problem ist bloß, wenn die rationale Welt das romantische Empfinden praktisch erdrückt. Romantik braucht ein gewisses Maß an Muße, eine gewisse Anregung. Gerade was die Schwarzromantik angeht, so sehe ich da einen gewissen Niedergang in den letzten Jahren. Irgendwie wird es weniger, vielleicht liegt es ja auch am Alter. Irgendwie muss ich verdammt lange suchen um wirklich romantische Texte zu finden, die mir zugänglich sind. Hölderlin, Hyperion, Novalis Hymnen an die Nacht, ein paar Gedichte hier und da. Das war es auch schon. Du siehst, es ist gar nicht so einfach mit der Romantik.





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