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Nachtschattengewächse... ^v^

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geschrieben von: nostromo

Die Tiefe

Ich stehe hier oben und der kalte Wind streicht mir durch die Haare. Ich sehe über die Lichter der Stadt, die langsam so nach und nach verlöschen. Lichtpunkte wandern über den nächtlichen Himmel. Flugzeuge die in Warteschleife über der Stadt kreisen. Scheinwerfer schieben sich durch die Straßenschluchten.
Ich greife in meine Manteltasche und hole meinen Tabak hervor. Ein wenig Tabak in ein Blättchen einrollend sehe ich über die Lichter. Mit ziehmlich trockner Zunge feuchte ich den Klebestreifen an und rolle die Zigarette zusammen. Das Feuerzeug zündend sehe ich versonnen in die Flamme, die die Zigarette in Brant setzt. Sie ist so warm und schön und doch kann das Feuer so vernichtend sein. Es erinnert mich an das innerliche Brennen, welches mich zu vernichten versucht. Der ewige Hunger auf Seelenkraft. Ich bin ein Vampyr der kein Blut mag. Es ist seltsam, aber es ist so. Blut ist ja auch nur Träger der Seelenkraft. Ich sehne mich danach eine geliebte Seele zu durchdringen. Einfach hindurch zu gehen, wie durch einen sehr warmen Wasserfall. Es tut gut, wenn Fragmente an mir hängen bleiben.
Kräftig ziehe ich an meiner Zigarette und sehe in die endlos scheinende Tiefe. Mich fröstelt es, trotz des Feuers, das in meinem inneren brennt und mich zu verzehren sucht. Ich halte den inneren Schmerz kaum noch stand. Die aufgerauchte Kippe lasse ich in die Tiefe fallen. Sie sieht aus wie ein glühendes Auge das mich anstarrt und in der Dunkelheit immer kleiner wird, bis es verschwunden ist.
Eine Träne läuft mir warm die Wange herunter, hinterlässt aber eine eisige Spur in meinem Gesicht. Es ist Zeit. Zeit zu Gehen.
Ich mache einen Schritt nach vorn ins Nichts. Mein Mantel möchte mir die Arme hoch reißen, aber das lsse ich nicht zu. Ich falle. Falle in die Tiefe. Der Wind raubt mir fast die Luft und mein Herz rast wie nie zu vor. Gedanken kommen mir. Gedanken an früher. Immer weiter in die Vergangenheit. Es tut weh an die Vergangenheit zu denken. Ich habe das Gefühl schwerelos in einem Surm zu sein. Ja, SEIN, was ist das. Was sind wir. Woher kommen wir und wohin gehen wir? Fragen die ich für mich schon beantwortet habe. Geheimnisse die entteuschend wirken, weil sie so einfach sind. Aber in der Einfachheit steckt das Deteil. Wenn man tiefer geht, dann tauchen neue Geheimnisse auf. Universen, Galaxien, Sonnensysteme, Atome...
Ich scheine immer schneller zu fallen und immer schneller zu denken, aber ich möchte ja gar nicht denken. Immer schneller kommt der Boden auf mich zu, der gerade aus der Dunkelheit auftauchte. Wie in Zeitlupe kommt der Boden auf mich zu. Wie eine große undurchdringliche Wand baut sich der Boden vor mir auf. Das Brennen in meinem Körper spüre ich nicht mehr. Er ist für diesen kurzen Augenblick vergessen. Ist alles gleich zu Ende? Immer noch denke ich. Ich denke an Senseless, die mich festhalten könnte. Wird sie es tun? Nein, nicht in diesen Moment.
Nur noch ein paar Meter trennen mich vom Astphalt, der unhaufhörlich auf mich zu rast. Ich sehe meine Zigarettenkippe auf der Straße liegen. Sie glimmt immer noch und diesmal rast das glühende Auge auf mich zu...

Nein, Vampyre können sich nicht umbringen! Es wird alles wieder von vorn beginnen. Für eine Nanosekunde habe ich Frieden gefunden. Und ich werde immer wiederkehren.


nostromo – 16. September 2002



geschrieben von: nostromo

Die Tiefe II

Ich stehe wieder hier oben und der kalte Wind streicht mir auch diesmal durch die Haare. Ich sehe auch heute die Lichter der Stadt. Lichtpunkte funkeln am nächtlichen Himmel. Es ist eine klare Herbstnacht. Es ist bald Helloween. Leise dringt der Straßenlärm zu mir hinauf.
Ich greife wie immer in meine Manteltasche und hole meinen Tabak hervor. Ein wenig Tabak in ein Blättchen einrollend sehe ich über die beleuchteten Häuser. Mit der Zunge feuchte ich den Klebestreifen an und rolle die Zigarette zusammen. Das Feuerzeug zündend sehe ich versonnen in die Flamme, die die Zigarette in Brant setzt. Ich denke an das brennende Rom, das Nero in Flammen setzte. Es ist wie das innerliche Brennen, das immer noch in mir lodert und mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Immer noch der Hunger auf Seelenkraft. Werde ich irgendwann auch Blut mögen? Im Grunde ja, aber es bringt mir nicht so viel. Ich sehne mich noch immer danach eine geliebte Seele zu durchdringen. Einfach hindurch zu gehen, wie durch einen warmen Nebel aus Gefühlen. Es tut gut, wenn einige Gefühle an mir hängen bleiben.
Kräftig ziehe ich an meiner Zigarette und sehe in die endlose Tiefe. Ich stehe mal wieder hier oben und sehe frierend in die Nacht hinaus. Der Himmel scheint so nah und doch sind die Sterne viele, viele Lichtjahre entfernt. Ich halte den inneren Schmerz kaum noch aus. Die aufgerauchte Kippe schnippse ich in die Tiefe. Eine warme Glut in der Kälte der Nacht.
Tränen laufen mir warm über die Wange, hinterlassen aber eisige Spuren in meinem Gesicht. Es fühlt sich an, als wolle sich Eis in meinem Gesicht bilden. Dafür ist es aber nicht kalt genug. Nun ist es wieder so weit. Ich ziehe meinen Ledermantel aus und lasse in hinter mich fallen.
Ich mache einen Schritt nach vorn in die Leere. Ich falle. Falle wieder in die Tiefe. Der Wind schneidet mir in´s Gesicht und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Wieder kommen mir Gedanken. Gedanken an früher. Immer weiter in die Vergangenheit. Es tut weh an die Vergangenheit zu denken. Warum denke ich dann immer wieder an früher?
Ich falle immer schneller zu Boden und immer schneller denke ich, aber ich möchte ja gar nichts mehr denken. Immer schneller kommt der Boden auf mich zu, der gerade aus der Dunkelheit auftauchte. Wie in Zeitlupe kommt der Boden auf mich zu. Wie eine große undurchdringliche Wand baut sich der Boden vor mir auf. Das Brennen in meinem Körper spüre ich diesmal so stark wie nie zuvor. Noch wenige Meter trennen mich vom harten Aufschlag.
Ich breite meine schwingen aus und sie zerren ganz kräftig an meinen Schulterblättern. Schlagartig wird mein Fall gebremst und nun segle ich dicht über den Astphalt. Ein paar kräftige Flügelschläge bringen mich in den Aufwind. Es ist immer noch kalt, aber die Freiheit durch die Nacht zu fliegen mildert das Kältegefühl. Immer höher tragen mich meine Schwingen in den Himmel. Die Lichter unter mir verschmelzen zu einem Leuchtenden Muster. Wie Weihnachtslichterketten funkelt die Stadt unter mir und über mir leucten die Sterne des Herbsthimmels.
Immer weiter tragen mich meine Flügel. Über Bäume, Felder, Vorstadthäuser und Staßen. Über einem Wäldchen hat sich Nebel gebildet und ich muß an Höhe gewinnen, um nicht die Orientierung zu verlieren. Durch den Nebel kann ich einen Teich sehen. Spiegelblank liegt die Wasseroberfläche unter mir.
Ich drehe eine Schleife und fliege die gesamte Strecke zurück. Es ist die Sucht, die mich zurück treibt. Viel länger als 90 Minuten halte ich es kaum aus.
Es ist ein schönes Gefühl der Freiheit sich ind die Lüfte erheben zu können wie ein Vogel oder eine Fledermaus.
Am Ausgangspunkt angekommen, lasse ich mich neben meinem Mantel nieder und streife ihn mir wieder über. Ein Griff in die Tasche und mein Tabak kommt wieder zum Vorschein. Ich drehe mir nervös eine Zigarette und zünde sie an. Heftig nehme ich ein paar kräftige Züge. Der Rauch verteilt sich vor meinem Gesicht. Das sind die Momente, in denen es schön ist ein Vampyr zu sein. Hinunter werde ich den herkömmlichen Weg nehmen, denn unten an der Straße steht mein Wagen.
Am Auto angekommen, schließe ich die Tür auf und setze mich hinter das Lenkrad. Ich schiebe die CD von Deine Lakaien das Album Kosmodiah in den Player. Der Motor heult auf und mit quietschenden Reifen fahre ich an, um dann ganz gesittet durch die Stadt zu fahren. Und nun freue ich mich auf die Gründung eines Clans. Möge die Nacht (und die Zeit) mit mir sein!

Ja, Vampyre können fliegen! Es wird alles wieder von vorn beginnen. Für eine Stunde habe ich Frieden gefunden. Und ich werde wiederkehren.

nostromo 22. September 2002



geschrieben von: nostromo

Die Tiefe III

Wieder stehe ich hier oben und sehe über die Stadt.
Der Himmel ist in ein tiefes grau gehüllt. Ich ziehe kräftig an meiner Zigarette und überlege mir, wozu bin ich eigentlich noch hier. Ich könnte wieder springen, aber wo zu? Ich werde niemals unten aufschlagen. Nur einmal diesen dumpfen Aufprall erleben dürfen. Zeit? Ich möchte keine Zeit. Meine Zeit ist mir weggelaufen. So stehe ich wieder hier oben mit meiner Gedankenschleife: senseless. Ist es so? Sicher nicht, aber ich fühle so. Wenn nicht, wozu bin ich dann hier? Um zu leiden? Ist es das? Ich will nicht leiden, ich will fliegen, aber einer meiner Flügel ist verstaucht.

Mein Ledermantel flattert im Wind. Es ist kalt, sehr kalt. Hab ich nicht auch ein wenig Wärme verdient? Vereinzelte Nieseltropfen benetzen mein Gesicht. Mit feuchten Händen drehe ich mir eine weitere Zigarette und zünde mir sie an. Eine kleine Haarsträhne wischt durch die Flamme. Es ist mir so egal.

Magisch zieht mich die Tiefe an. Nur ein Schritt trennt mich vom Sprung ins bodenlose. So viele Menschen laufen dort unten herum. Hat jeder einen anderen Menschen zum in den Arm nehmen? Sicher nicht, aber die Chance jemanden zu finden. Es sind keine Vampyre, die verflucht sind. Verflucht zur Einsamkeit. Niemanden intensiv in den Arm nehmen können, ohne dass dieser Schaden nimmt.

Mir wird leicht übel bei diesen Gedanken. So mache ich zum dritten male diesen einen Schritt über den Abgrund. Mir fliegt meine Kippe aus dem Mund. Der eisige Wind schneidet mir ins Gesicht. Ich sehe in die Glasscheiben, sehe aber kein Spiegelbild. Existiere ich überhaupt? Gibt es mich überhaupt, oder bin ich nur ein böser Traum. Die Straße rast auf mich zu. Unter mir taucht ein Lastwagen mit gelben Müllsäcken auf. Der grüne Punkt schnellt auf mich zu und es ist alles andere als ein dumpfer aufprall.

Wie bezeichnend, dass ich in den Recycling-Müll falle. Alle meine Knochen sind heil und ich bin schon wieder zurück gekommen. Es macht keinen Spaß wenn man voher weiss, dass es einen nicht erwischen kann. Warum steige ich immer wieder dort hinauf? Die Hoffnung, einmal aufzuschlagen und nicht wieder zu kommen. Es ist mir nicht vergönnt.

Ach senseless, warum machst Du nicht mal einen Schritt auf mich zu...

nostromo - 15. Oktober 2002



geschrieben von: nostromo

Nur noch schlafen


Ich sitze vor meinem Rechner und schreibe, dass ich nicht mehr mag und nicht mehr kann. Neben mir die Flasche Genever. Eine Freundin versucht mich aufzurichten, aber es hilft nicht in diesen Stunden. Ich stecke mir eine Zigarette an und mache das Päckchen mit den Schlaftabletten auf. Ich poste weiter ins Forum, dabei nehme ich die ersten zehn Tabletten aus dem Blister und schlucke sie mit dem Genever herunter. Wie ein dicker Kloß gleiten die Tabletten die Speiseröhre hinab in den Magen. Mir fällt ein, dass ich schon den ganzen Tag nichts gegessen habe. Ich habe mich die ganze Zeit vom Kaffee und den Zigaretten ernährt.

Immer wieder antworte ich auf die Postings meiner Freundin, die nach so langer Zeit unter ihrem richtigen Nick wieder im Forum erschienen ist. Hat sie es nur wegen mir getan? Ich mache das zweite Blister mit den nächsten zehn Tabletten lehr. Wieder ein kräftiger Schluck vom Alkohol und es ist nichts mehr zu ändern. Ich möchte nur noch meinen Frieden finden. Ich poste, dass ich aus dem Netz gehe und trenne die Verbindung. Zum Schluss nehme ich noch einige Antidepressiva, die ja auch noch einschläfernd wirken.

Ich lege mich auf das Sofa. Der Genever ist ausgetrunken und ich merke, wie in mir eine Leere aufsteigt. Ich schalte den Fernseher ein und beachte ihn nicht weiter. Meine Gedanken kreisen. Ich überlege, ob meine Exfrau wohl meine Katze aufnimmt. Ja, das wird sie sicher machen. Dort ist sie gut aufgehoben.

Das Telefon reißt mich aus meinen Gedanken. Im ersten Moment habe ich gar nicht erfassen können, dass es meine Freundin aus dem Forum ist. Ich versuche mir nicht zu viel anmerken zu lassen, damit sie nicht auf die Idee kommt den Notruf zu alarmieren. Ich merke beim Telefonat wie mir leicht übel wird. Damit ich die Tabletten in mir behalte, beschließe ich mir ein paar Pommes zu machen. Ich gehe mit dem Telefon in die Küche und mache mir, während ich telefoniere, das Essen.

Auch beim essen telefonieren wir weiter. Danach legte ich mich auf das Bett, denn meine Glieder werden schwer wie Blei. Meine Übelkeit ist vorbei. Eine kurze Weile telefonieren wir noch, dann beende ich das Gespräch. Mir fallen die Augen immer wieder zu. Langsam merke ich, dass ich völlig benommen bin. Wirken die Tabletten diesmal? Es sieht so aus. Ich werde also das letzte mal zu Bett gegangen sein. Endlich meine Ruhe zu finden befriedigt mich.

Wie in Watte gepackt entgleite ich dem Bewustsein. Endlich ist es vollbracht...

Der Wecker klingelt am nächsten morgen und ich bin sofort wach. Kann es denn angehen? So viele Tabletten, die einen Elefanten flach legen würden und ich wache auf, als ob der letzte Abend nie stattgefunden hätte? Was ist es, das mich nicht sterben lässt. Bin ich wirklich ein untotes Wesen, dass nicht mehr sterben kann? Der Fluch des Vampyrs. Ich kehre immer wieder, obwohl ich es nicht will. Endlich Ruhe finden, das will ich, doch es ist mir nicht vergönnt. So wandle ich weiter unter den lebenden und leide weiter.

nostromo - 29. Oktober 2002



geschrieben von: nostromo

Endstation

Langsam gehe ich durch die nächtlichen Straßen. Ich fühle mich einsam, sogar sehr einsam. Alle scheinen eine Familie zu haben, ich hatte auch mal eine. Nichts ist davon geblieben, außer bittere Erinnerungen an die Zeit, als meine Familie zerbrochen wurde.
Keine Menschenseele ist zu Fuß zu sehen. Vereinzelnd fährt ein Auto mit grellen Lichtern an mir vorbei. Die Scheinwerfer bohren sich wie Lichtfinger in die Dunkelheit.
Meine Gedanken kreisen nur noch um senseless. Eine Getränkedose, die auf dem Gehsteig liegt, schieße ich mit dem Füß auf die Straße. Scheppernd bleibt sie an der Mittellinie liegen. Es ist kalt in dieser Nacht und es stürmt, so daß die gelb-braunen Blätter von den Ästen gerissen werden.
Wie lange muß ich noch warten bis ich senseless treffen kann? Werde ich sie überhaupt treffen? Ich hoffe, daß sie bald den Mut und die Zeit findet, um mich zu treffen, aber ich glaube nicht mehr daran. Dabei hab ich nicht viel weniger Angst vor einem Treffen als sie.
Am Bahnübergang biege ich ab und wandere auf den Schienen weiter. Wenn der Zug kommt, werde ich nicht ausweichen. Nichts lieber würde ich erwarten als den Tod, doch ich kann nicht sterben. Es hält mich hier etwas fest. Nur wenn einsamkeit töten könnte, würde ich sterben, aber Einsamkeit tötet nicht direkt. Gerade zieht sich der Schienenstrang vor mir bis in die Dunkelheit. Ich zünde mir eine Zigarette an und das Feuerzeug blendet mich für ein paar Sekunden. In der Nacht fühle ich mich geborgener. Das schlimmste für mich ist, allein durch die Fußgängerzone zu gehen und dann noch beim Arzt im vollen Wartezimmer zu sitzen.
Mir scheint, jeder Mensch hat jemanden, der ihn in den Arm nimmt. Ich habe niemanden. Ich habe das Gefühl niemand will mich. Immer wieder werde ich weggestoßen. Ich möchte diesen Körper und diesen Planeten endlich verlassen, aber ich komme hier nicht weg. Was ich auch anstelle, ich bleibe...
Ich möchte doch auch nur geliebt, in den Arm genommen und festgehalten werden. Warum gibt es für mich niemanden? Ich bleibe der einsame Vampyr, der auch noch seine Seele verlieren wird, weil er verhungert.
Es ist still auf der Bahnstrecke, nur ab und zu hört man einen Lastwagen auf der Bundesstraße. Sonst ist nur der Wind zu hören. Blätter und kleine Zweige fliegen durch die Luft und gelegentlich treffen sie mich.
Warum kann ich nicht so sein wie andere? Ich bin verletzbar und das wird ausgenutzt. Ich werde verletzt, immer wieder. Nein, ich möchte nicht mehr hier bleiben. Endlich frieden finden. Wenn schon einsam, dann ganz allein durch das Universum ziehen. Es schmerzt, wie der schneidende Wind in den Ohren. Es ist ein Brennen, das im Sonnengeflecht, hinter dem Magen, beginnt und sich durch den ganzen Körper ausbreitet. Bis das die Haut und das Fleisch darunter brennt. Es ist ein realer Schmerz, der nicht mit Schmerzmittel behandelt werden kann.
Ich möchte hier und jetzt einen Schlußstrich ziehen. Jetzt fehlt nur noch der Zug der mir den Todekuss versetzt. Es ist seltsam, denn seit etwa eineinhalb Stunden wandere ich auf den Gleisen und immer noch kein Zug, der diese Strecke fährt.

Es ist mir nur zu klar, daß kein Zug kommt. Zu Haus höre ich im Radio, daß die Bahnstrecke komplett, wegen eines umgestürzten Baumes, gesperrt wurde.
Meinen Körper kann ich einfach nicht umbringen. Züge fahren nicht, Tabletten wirken nicht, Messer zerspringen und so weiter. Es ist ein Schutzengel, der mich hier fest hält. Manchmal glaube ich, er verhöhnt mich.
Für mich ist hier die Endstation. Meinem Körper kann ich nichts anhaben, aber meine Seele kann ich töten. Es wird eine kleine Weile brauchen, aber es geht. Dann bin ich nicht mehr verletzbar und funktioniere nur noch. Keine Gefühle mehr spüren und auch nicht mehr die Gefühle anderer fühlen. Wenn die Seele bricht, wird dann der Körper auch brechen können.
Hier und jetzt beginnt für mich die Endstation. Ich bin am Ende angekommen, im Nichts.

nostromo – 7. November 2002



geschrieben von: nostromo

Mein Schneeengel


Weihnachten ist vorüber und das ist gut so, denn die Weihnachtstage hatten mir wieder mal gezeigt, wie einsam ich im Herzen war.

Es ist kalt und der Schnee, der hier im Norden nicht so oft fällt, rieselt still vom Himmel. Alles ist im weißen Mantel aus Eiskristallen eingehüllt. Leise knirschend sind meine Schritte zu hören, denn ich habe mich hinaus gewagt. Hinaus unter die Menschen, die geschäftig durch die Straßen eilen.

Plötzlich stand sie vor mir, mit einem warmen lächeln, dass mein angefrohrenes Herz auftauen ließ. Sie war mein Schneeengel und ist gekommen, um mir einige Tage ihres Lebens und eine herzliche Umarmung zu schenken.

Aus unerfindlichen Gründen fiel ich später in ein tiefes Loch und drohte zu verbrennen. Ich war ganz allein, denn mein Schneeengel war unterwegs. Meine Seele und meine Haut brannten wie Feuer. Es war kaum aus zu halten. Doch unerwartet stand sie wieder vor mir, nahm mich in den Arm und erstickte sofort alle Flammen in mir. Liebevolle Wärme durchflutete mich. Nicht nur ihren Körper, nein auch ihre Seele hatte ich im Arm.

Das erste mal seit langer Zeit traute ich mich, mich völlig fallen zu lassen. Auch mein Schneeengel ließ sich in meine Arme fallen. Es war keine normale Umarmung mehr, zwei Seelen waren eng umschlungen und verschmolzen zu einer Einheit. Alles wurde bedeutungslos, die Materie weichte auf, die Zeit blieb stehen und unsere Seelen bekamen Flügel.

Unsere Seelen blieben aneinander kleben, auch wenn sich unsere Körper zum Schlafen, Essen und TV sehen voneinander lösten. Die Umarmungen wurden immer intensiver, alle Grenzen überschreitend, bis auf eine Grenze, die wir beide respektierten, damit die Umarmungen und das Rückenkraulen nicht zerstört werden. Zeit und Raum verloren ihre Existenz. Unsere Seelen durchdrangen einander und machten sich auf, in die Unendlichkeit. Keine Sorgen und Nöte waren noch vorhanden. Es kam uns vor, als wären wir frei von allem. Schwerelos schwebten wir durch das Universum. Ungeheure Energieströme durchflutete uns. Es waren unsere eigenen Energien, die wir mit jeder Berührung tauschten. Nur sanfte Berührungen von Rücken und Nacken gab es auf materieller Seite, doch seelisch war es die größte Nähe, die man sich vorstellen kann. Nein falsch, es sprengt alle Vorstellungskraft. Es gibt keine Worte für das Erlebte.

Die letzte Nacht war gekommen und wieder hielten wir uns im Arm, bewusst dass am nächsten Morgen die Trennung bevor stand, noch enger und intensiver. Jede Sekunde des Seins aufnehmend wie ein trockener Schwamm. Eine unglaubliche Flut an Wärme, Liebe und Freundschaft umgab uns. Jeder hat einen Teil des Anderen in seinem Herzen aufgenommen.

Mein Schneeengel erstrahlte in all ihrer Schönheit. Seither habe ich eine andere Sicht der Dinge. Das Leben ist schön.

Als der Zeitpunkt der Trennung da war, blieb mir fast die Luft weg, doch ich hatte einen Teil meines Schneeengels im Herzen, was mich sehr tröstete.

Überwältigt und etwas verwirrt von den Dingen die geschähen sind, musste ich nun wieder zum Altag zurück kehren. Doch es war etwas anders als sonst, nun fing es an, dass sich meine Probleme lösen. Alles klappt auf anhieb. Mein Schneeengel hat mir Glück gebracht.

Voller Freude lief ich am Abend im T-Shirt und barfuß durch den Schnee. Die Kälte kann mir nichts mehr anhaben.



nostromo - 4. Januar 2003



geschrieben von: nostromo

Stille im Schnee

Stille umgibt mich. Die Bäume erstarrt unter der Schneelast. Hier auf dem alten Friedhof, wo schon Jahrzehnte niemand begraben wurde, ist der Schnee noch unberührt. Einzig meine Fußspuren sind hinter mir zu sehen. Mitten in der Stadt ist dies hier ein einsamer Ort. Nur selten kommt hier jemand nach Einbruch der Dunkelheit vorbei.
Ich lege mich auf den weichen Schnee, der unter mir nachgibt. Umrahmt von Gabsteinen liege ich da und nehme die Kälte in mir auf. Eine Leere umgibt mich, lässt alle Gedanken aus mir entweichen. Über mir der dunkelgraue Himmel, der sich nun langsam tief schwarz färbt.
Die Kälte, die in mir aufstieg, verflüchtigt sich und macht einer Müdigkeit platz. Mein Atem lässt kleine Nebelschwaden über meinem Gesicht entstehen, die langsam fort ziehen wie meine Gedanken. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, ich liege in einer lauen Sommernacht auf einer Wiese. Es ist ein schöner Gedanke. Die Müdigkeit lähmt meinen Körper und füllt meinen Kopf mit Träume. Der Traum vom Fliegen durch das Universum. Ich merke nichts mehr von meinem Körper, nur mein Geist hat sich auf die große Reise durch Zeit und Raum gemacht. Sterne, kosmische Nebel und ganze Galaxien ziehen an mir vorüber. Es ist so viel Licht im Dunkel. Ich fühle, wie ich eins werde mit dem Universum.
Eine stahlend helle Wand aus Licht kommt auf mich zu. Ist es der Rand des Universums? Oder fängt hier der Himmel an? Vielleicht ist es das leuchtende Nichts...

nostromo - 8. Januar 2003





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