[Archaisches Wahlverhalten] - German Gothic Board

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Archaisches Wahlverhalten

(Klicke hier, um das Thema mit vollen Farben / Abbildungen zu betrachten)



geschrieben von: Menedemos

Ich möchte (mal wieder) eine gewagte These aufstellen:

Der Anteil der Leute, die sich bei ihrer Wahlentscheidung hauptsächlich von sachlichen, bewußt ausgewogenen Überlegungen leiten lassen, ist hierzulande (und vermutlich auch anderwo) sehr, sehr gering!

Der Rest wählt entweder das, was die Eltern gewählt haben - oder bewußt das Gegenteil -, oder er wählt danach, wie es seinem persönlichen Umfeld (Arbeit, Szene) am besten entspricht.

Irgendwie scheint mir das wie eine Stammeszugehörigkeit zu sein, rationale Begründungen der Wahlentscheidung werden allenfalls vorgetäuscht (auch sich selbst gegenüber).

Es gibt mehrere Anzeichen, woran man dies merkt. In erster Linie wird es deutlich, wenn jemand in der Diskussion stets nur die Vorzüge einer bestimmten Partei oder Koalition herausstellt, aber niemals (notwendigerweise vorhandene) Mißerfolge.
Wenn hier die "Guten" und da die "Bösen" sind und keinerlei Relativierung erfolgt.
Das ist um so erstaunlicher, als wir doch in einer (zumindest vordergründig) pluralistischen Gesellschaft aufgewachsen sind und jedenfalls bei Zeiten gelehrt bekommen haben, daß Schwarz-Weiß-Denken selten angebracht ist...

Folglich komme ich zu dem Schluß, daß es sehr archaische Motive sind, die hinsichtlich der Parteizugehörigkeit greifen. Ein irrationales Stammes-, ein Freund-Feind-Denken.

Ja, viele Menschen definieren geradezu ihre Persönlichkeit über ihre politische Orientierung, oder werden - noch schlimmer - von anderen so definiert: "Das IST ein 'Sozi'..." etc.

Sollten wir darüber nicht hinwegkommen? Ist das nicht archaisch vom Archetypus und zugleich überholt von der Geschichte? Geht es heute in der Politik nicht viel mehr um Sachfragen als um ideologische Richtungsentscheidungen?



geschrieben von: Feuervogel

Stimme ich dir ziemlich zu. Falls man mal feststellen möchte, wen man nach seinem persönlichen Standpunkt eigentlich wählen sollte, der kann sich mal den Wahlomat anschauen - hoffentlich bleibt er auch nach der Wahl noch etwas online.

Feuervogel



geschrieben von: decay73

ich sehe es ähnlich.
das eigentliche problem ist doch die "parteiendemokratie" (die ich übrigens nicht für sehr demokratisch halte).
in den diskussionen zwischen den parteien geht es immer weniger um das finden der besten lösung als um profilierung.

wenn man an die diskussionen der letzten zeit denkt, ist mir sehr häufig aufgefallen, dass über das ziel und den weg dahin oft weitestgehende einigkeit herrschte, aber aufgrund der profilneurosen der parteien eine einigkeit nicht gefunden werden konnte. anscheinend blockieren sie sich lieber gegenseitig, als gute lösungen zu präsentieren...

und was das wahlverhalten betrifft: es hat sich dieser situation völlig angepasst. viele entscheiden sich für die eine oder andere partei und lassen dann gute ideen anderer nicht mehr gelten.

in diskussionen mit bekannten ist es mir mal aufgefallen: sobald man die idee einer partei gut findet, wird man automatisch der entsprechenden "gegenpartei" zugerechnet. ich hab dann unendllich viel mühe den leuten klar zu machen, dass es mit nicht auf die partei, sondern auf die idee angekommen ist.

~decay~



geschrieben von: Nightsurfer

HI @ all!

Schoen, dass das nicht nur mir aufgefallen ist....
Ich glaube, dass Problem ist die Oberflaechlichkeit der Gesellschaft. Wenn man sich ueberlegt, dass die meisten Erstwaehler am liebsten Guenther Jauch als Bundeskanzler haetten. Ich meine, der hat keine Partei, kein Programm, der will noch nicht mal BK sein, aber er ist einfach beliebt. Deshalb fand ich auch diese TV-Duelle voelligen Schwachsinn. Da hatte niemand Zeit in die Tiefe zu gehen, die Themen wurden nur oberflaechlich angeschnitten und da man beim Fernsehen nicht viel Zeit zum nachdenken oder gar noch einmal nachschlagen hat, bewerteten viele Menschen die simplere Antwort als die richtige oder sinnvollere von den beiden. Dabei wurde meiner Meinung nach vergessen, dass die Politik meist nicht simpel ist, sondern sehr komplex. Gerade in unserer Pluralistischen Gesellschaft, wo wir es mit vielen Interessengruppen zu tun haben, wird Politik komplex. Warum also waehlt man fuer so eine Diskussion ein Medium, dass Komplexitaet quasi ausschliesst?

Ausserdem beeinflusst die Berichterstattung und die Wahlprognosen auch die Meinungsbildung der Bevoelkerung. UND: Viele Menschen trauen sich nicht, gegen die in ihrer Bezugsgruppe vorherrschende Meinung anzugehen. Sicher ist es schwer, wenn die Freunde alle zu einer Partei gehoeren oder sie gut finden, fuer eine andere Einzutreten, aber es sollte nicht schwer sein. Dieses Uniformitaetsdenken ist auch weit verbreitet und nicht gut. Unsere Gesellschaft tut immer so offen, aber mal ehrlich: Sobald man anders rumlaeuft oder anderes sagt als der Durchschnittsnormalo gilt man als Aussenseiter und wird ueberall doof angeguckt.

Soviel bis hierher. Bin auf eure Antworten gespannt.
DG



geschrieben von: Nightsurfer

Oh, mir ist gerade noch etwas eingefallen:

Nachtrag:
Wisst ihr, was ich doof finde? Das man Parteien waehlen muss. Ich bin nunmal jemand, der eine eigene Meinung und eigene Ansichten hat. Wahrscheinlich genau wie ihr. Und viele andere mit uns.
Meine Ueberlegung ist nun:
Warum soll man sich in die Richtung einer Partei zwingen lassen? Wenn ich nun (nur ein Beispiel) Die Aussenpolitik der FDP, die Umweltpolitik der Gruenen, die Innenpolitik der CDU und die Familienpolitik der SPD gutfinde? Was soll ich denn dann waehlen??? Wieso kann ich dann nicht sagen:
Ich moechte einen FDP Aussenminister, einen Gruenen Umweltminister, einen CDU Innenminister und einen SPD Familienminister (oder Ministerinnen)?
Wieso laesst sich das nicht machen? Ist unser Wahlsystem im Zeitalter des Pluralismus vielleicht ueberholt? Sollte man ein neues an den Start bringen? Gibt es bestehende bessere Systeme?
Ich denke da schon lange drueber nach. Vielleicht wuerde sich dann auch die Akzeptanz von verschiedenen Meinungen und die Diskussion in der Bevoelkerung verbessern.

See you



geschrieben von: Seneca

@ Menedemos

Natürlioch ist unser Verhalten, nicht nur im Bezug auf Wahlen archaisch...
Wie könnte es auch anders sein, den die Gesamte Menschheit steckt doch intellektuell noch immer im Neolithikum.
Das zeigt sichh besonders, wenn die schöne heile Welt um uns mal zusammbricht, wie es uns im Balkan gezeigt worden ist.
Jeder der vor dem Krieg mal da unten war, konnte sich schwer vorstellen, das die gleichen Leuter plötzlich ein solch archaisches Verhalten ann den Tag gelegt haben.
Die Verhaltesnmuster unserer Spezies sind seit vielleicht 30.000 Jahren die gleichen geblieben, das gilt eben auch für die Wahl des Häuptlings, genau wie bei den Revierkämpfen der Männchen um die Weibchen, und deren Art und Weise der Partnerwahl.

Es ist immer der Platzhirsch, der gewinnt, und der Gerd hat eben am besten geröhrt.



geschrieben von: decay73

@ Menedemos
Zitat:
dass Problem ist die Oberflaechlichkeit der Gesellschaft


Ich frage mich nur, warum das so ist? Ich habe vor ein paar Tagen mal eine Diskussionsrunde aus den 80er Jahren (mit Schmitt und Kohl, u.a.) gesehen.
In dieser Diskussion ging es nicht darum möglichst laut und in kurzen Sätzen dem Gegenüber in Wort zu fallen, sondern tatsächlich noch um Inhalte, und die Redner hatten "sogar" noch Zeit, Ihren Standpunkt ausführlich zu erläutern. Und jemanden mit einer Uhr im Hintergrund, der die Redezeit des Einzelnen misst, gab es auch nicht.

Oder ist es letztendlich nicht doch so, dass wir nur das bekommen, was wir verdienen??

~decay~



geschrieben von: Menedemos

@ Seneca

Ja, da hast du wohl recht... :(

Der Vergleich mit röhrenden Hirschen ist sehr gelungen.



geschrieben von: Demon17

Ich denke auch, vieles ist unreflektiert. Ich habe mal eine Parteitagsrede von Oskar Lafontaine gesehen in der sich nicht zwei Sätze logisch aufeinander bezogen. Das Auditorium war begeistert. Da wird mehr gefühlt als gedacht. Entsprechend war die Politik der letzten Regierung. Erst nach links und dann.... ja also die FDP wäre ans Kreuz genagelt worden, hätte das aber besser gekonnt, von wegen Jobs und so. Bei der CDU findet sich ja gar keiner der Reden kann. Das Programm hat dann auch mit der Politik nicht viel zu tun, dominiert ja wohl auch die Tradition das Wahlverhalten. Das Problem ist, das immer mehr Wähler nachdenken. Wenn dieser Prozess ersteinmal eingesetzt hat, kommt es häufig zur Wahlerhaltung. Wir haben schon über ein Drittel Nichtwähler bei den Bundestagswahlen. Ist ja aiuch logisch man findet bei genauer Analyse bei jeder Partei mehr Punkte, die gegen sie sprechen als für sie sprechen. Insofern erspart man dem Staat doch gern die Wahlkampfkostenerstattung von 5€, die er für jede Stimme ausbezahlt.

never surrender

demon17



geschrieben von: schattenlichter

Zitat:
Wisst ihr, was ich doof finde? Das man Parteien waehlen muss. Ich bin nunmal jemand, der eine eigene Meinung und eigene Ansichten hat. Wahrscheinlich genau wie ihr. Und viele andere mit uns.
Meine Ueberlegung ist nun:
Warum soll man sich in die Richtung einer Partei zwingen lassen? Wenn ich nun (nur ein Beispiel) Die Aussenpolitik der FDP, die Umweltpolitik der Gruenen, die Innenpolitik der CDU und die Familienpolitik der SPD gutfinde? Was soll ich denn dann waehlen??? Wieso kann ich dann nicht sagen:
Ich moechte einen FDP Aussenminister, einen Gruenen Umweltminister, einen CDU Innenminister und einen SPD Familienminister (oder Ministerinnen)?
Wieso laesst sich das nicht machen? Ist unser Wahlsystem im Zeitalter des Pluralismus vielleicht ueberholt? Sollte man ein neues an den Start bringen? Gibt es bestehende bessere Systeme?
Ich denke da schon lange drueber nach. Vielleicht wuerde sich dann auch die Akzeptanz von verschiedenen Meinungen und die Diskussion in der Bevoelkerung verbessern.

Der vorschlag wär doch mal was. dann hätten wir auch weniger das dilemma, das demon angesprochen hat.

grüße sarah



geschrieben von: Arimahn

Zitat:
Original geschrieben von Nightsurfer
Oh, mir ist gerade noch etwas eingefallen:

Nachtrag:
Wisst ihr, was ich doof finde? Das man Parteien waehlen muss. Ich bin nunmal jemand, der eine eigene Meinung und eigene Ansichten hat. Wahrscheinlich genau wie ihr. Und viele andere mit uns.
Meine Ueberlegung ist nun:
Warum soll man sich in die Richtung einer Partei zwingen lassen? Wenn ich nun (nur ein Beispiel) Die Aussenpolitik der FDP, die Umweltpolitik der Gruenen, die Innenpolitik der CDU und die Familienpolitik der SPD gutfinde? Was soll ich denn dann waehlen??? Wieso kann ich dann nicht sagen:
Ich moechte einen FDP Aussenminister, einen Gruenen Umweltminister, einen CDU Innenminister und einen SPD Familienminister (oder Ministerinnen)?
Wieso laesst sich das nicht machen? Ist unser Wahlsystem im Zeitalter des Pluralismus vielleicht ueberholt? Sollte man ein neues an den Start bringen? Gibt es bestehende bessere Systeme?
Ich denke da schon lange drueber nach. Vielleicht wuerde sich dann auch die Akzeptanz von verschiedenen Meinungen und die Diskussion in der Bevoelkerung verbessern.

See you



Ich denke dann würde sich noch verstärken was sowieso schon vorherrscht: Gegenseitiges blockieren, durchsetzen der eigenen Partei"interessen" um jeden Preis. Dann geht ja am Ende gar nichts mehr...



geschrieben von: Demon17

Man muß da zwischen Parteiinteressen und Wählerinteressen unterscheiden. Vielleicht sollte man die Stimmenzahl eines Wähler mit dem politischen Know How multiplizieren. Das wäre dann auch gut für die Auflage einiger Zeitungen.



geschrieben von: Seneca

Das Verhalten vor und nach der Wahl auf Politikerseite ist ebenso archaisch wie das vieler Wähler...das Ganze erscheint mir daher als schlüssiges Konzept.



geschrieben von: Solstice

Das eine beeinflusst und steuert immerhin das jeweils andere, insofern hast Du Recht.
Es ist ja auch schwierig, bei den Programmen der Parteien die Sachfragen kompetent zu beurteilen. Ich jedenfalls kann das nicht Ich bin weder Experte für Wirtschaftsfragen, noch für Familienpolitik. Letztlich sind es tatsächlich die Dinge, die Menedemos eingangs aufgelistet hat, die die politische Grundrichtung festlegen. Da ergeben sich allenfalls noch Änderungen durch persönliche Betroffenheit bei bestimmten politischen Entscheidungen ("Denkzettelwahl") oder durch den Wechsel des Umfelds (eine Freundin meiner Schwester war als Studentin im MSB-Spartakus, sie sitzt inzwischen im Vorstand einer Elektronikfirma und ist auch politisch ins Unternehmerlager gewechselt :D).

Ich vergleiche das Wahlverhalten gerne mit dem Kauf eines Autos: 90% Bauchentscheidung und 10% Kopfentscheidung. Und die auch nur, weil es für Autos Vergleichstests und Pannenstatistiken gibt. Das täte der Politik vielleicht auch ganz gut... ;)



geschrieben von: Seneca

Die Politik ist wie ein Schweinestall...sobald mal eine Sau außer der Reihe zu laut quiekt, wir sie geschlachtet.



geschrieben von: Demon17

Einerweits darf sich der archaische Wähler über die Pareien nicht wundern, andererseits setzen diese immer seltener ihre Wahlversprechen um. Man wundert sich sowieso wie Organisationen bei denen Vitamin-B alles ist es dann schaffen Stellen nach Qualifikation zu besetzen...;) :rolleyes:





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