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Der dystopische Staat

(Klicke hier, um das Thema mit vollen Farben / Abbildungen zu betrachten)



geschrieben von: Ronin76

Viele Staaten, darunter auch Großbritannien, Japan, die BRD und die USA, nehmen immer mehr dystopische Grundzüge an. Dystopie ist die Negativform der positiven Utopie. Morus´ Utopia hatte allerdings durchaus auch negative Züge, der Begriff ist jedoch positiv besetzt.

Mal zum Vergleich die Grundzüge einer dystopischen Gesellschaft. Es müssen nicht alle Zustände zusammen vorhanden sein:
Zitat:



Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Dystopie


Die meisten genannten Grundzüge sind, zumindest teilweise, in vielen Staaten vorhanden und scheinen sich zu verstärken. Auch sind viele Parallelen zum Faschismus vorhanden. Zu den einzelnen Punkten dürfen gerne Beispiele genannt werden. Besonders interessant fand ich zB Diesen:

"ein übergreifender, langsamer Zerfall aller Systeme (politisch, ökonomisch, religiös, infrastrukturell …), der der Entfremdung des Einzelnen von der Natur, dem Staat, der Gesellschaft, der Familie sowie sich selbst geschuldet ist."



geschrieben von: daimos

Die Erosion vieler Säulen unserer Gesellschaftsordnung (Demokratie, Rechts- und Sozialstaat) bleibt ja nicht ganz unbeachtet. Interessanterweise ist in letzter Zeit gerade die FAZ eine wichtige Institution, die auf die Missstände und die gefährliche Tendenz regelmäßig aufmerksam macht. Ich war ganz erstaunt, was der Schirrmacher in letzter Zeit raushaut, sei es Staatstrojaner ("Code ist Gesetz", "Außer Kontrolle") oder EU/Griechenland ("Demokratie ist Ramsch"). Seitdem lese ich wieder FAZ. ;) Bei "Alternativlos", dem Podcast von Fefe und Frank Rieger (beide CCC), redet Schirrmacher ganz offen darüber, was er von der Malaise hält und was uns wohl noch erwartet (dazu, auch von der FAZ ;), "Eine Verteilungsfrage: Die nächste Stufe der Finanzkrise"). Sehr zu empfehlen.

Ansonsten fehlen natürlich kritische Medien. Im Printbereich bauen immer mehr ab. Solche, die ich früher als wirklich gute Informationsmultiplikatoren angesehen habe, begeben sich zunehmend in boulevardeskes Milieu à la BLÖD/Bunte. Das ehemalige Nachrichtenmagazin aus Hamburg allen voran, aber in letzter Zeit (leider) auch die Süddeutsche, wenn man Prantls gewohnt guten Kommentare mal beiseite lässt. Und vom Rundfunk darf man ja auch nichts mehr erwarten. Scheiß auf den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag von ARD und ZDF. Die nähern sich immer mehr den Privaten an. 3sat und arte können da nur als Feigenblätter gewertet werden. Besonders schlimm ist diese Polittalk-Woche, in der jeden Tag Politiker beinah kritiklos ihre Botschaften runterplappern können. Jauch ist dabei nur die Krönung. Mir fehlt die Einblendung als Dauerwerbesendung. Und die halbwegs investigativen Formate schiebt man schön gen Mitternacht, damit das bloß keiner ansieht.

Am meisten schockiert mich aber die völlige Teilnahmslosigkeit der breiten Bevölkerung. Bis auf ein dumpfes "Irgendwas geht hier gerade mächtig schief" kommt da nix. Und die deutsche Occupy-Bewegung ist ja wohl ein Witz. Oder hört man davon noch was? Die politischen Eliten haben sich jedenfalls vollkommen von der Gesellschaft abgekoppelt. Ist es pures Kalkül oder "nur" glänzendes Nichtwissen der Eliten, was sie gerade so verzimmern? Die europäische Idee (letztlich auch in Art. 23 GG wiederzufinden) ist gerade am Verrecken und Merkel & Co. treten noch schön nach. Ich befürchte, dass die netten Jahre erst mal dahin sind und wir es mit einer Phase der Re-Nationalisierung zu tun bekommen werden. Und was Nationalismus in Europa alles schon angerichtet hat, muss ich ja nicht erwähnen.



geschrieben von: Changeling II

Ein Kriterium dystopischer Gesellschaften ist ein übergreifender und allumfassender Geschichtsrevisionismus, so wie er z.b. in "1984" vom "Ministerium für Wahrheit" betrieben wird, dem Propagandainstrument der "Inner Party", und wie wir ihn ebenso z.b. auch in den USA, in China, in Russland, in Israel und auch in der BRD vorfinden:

...dem herrschenden Regime wird dabei ein eigenständiger Gründungsmythos als ideologischer Überbau untergeschoben, der seine Existenz zur "historischen Notwendigkeit" und im Gegenzug alle konkurrierenden Staatsformen und Ideologien zum absolut Bösen erklärt (vgl. G.W. Bush;"War on Terror", "Achse des Bösen", "Schurkenstaaten", etc.)...das BRD-Regime klammert sich hartnäckig an das Märchen vom BRD-Grundgesetz als "Verfassung",die nie eine gewesen ist, sondern ein von den Besatzern, den wahren Gründern der BRD, geschaffenes Konstrukt zur Kontrolle der Bevölkerung...ebenso verhält es sich mit der "Demokratie" in diesem Land insgesamt...ähnlich wie im Neusprech enthält jeder Begriff auch hier immer schon sein Gegenteil:verkünden die Machthaber "Frieden", so kann man das als Kriegsdrohung auffassen, schwafeln sie von "Massnahmen zum Schutze der "Freiheit", so ist von umfassenden neuen Plänen zur Überwachung und Kontrolle ihrer Untertanen die Rede...

Ein weiteres Merkmal - das eigentlich alle übrigen erklärt - ist ihr Mangel an anderen Zielen als Konformismus und Angepasstheit für die breite Masse und dumpfen, dekadentem Wohlstand für ein paar wenige zu schaffen (vgl. Orwell, "Inner Party") - und um diesen Umstand möglichst wirksam zu kaschieren, dass die Existenz des Einzelnen eigentlich völlig sinnlos und Missliebige jederzeit ersetzbar sind - wird ein gigantisches ideologisches Lügengebäude benötigt, das dem Einzlnen einen übergreifenden historischen oder gar transzendenten Sinn hinter seiner erbärmlichen und schäbigen Existenz vorspiegeln soll: sei es nun der hier vorherrschende Arbeitswahn, bzw. Wohlstandsmythos, der Mythos vom "Auserwähltsein", oder was auch immer...damit der Laden weiterläuft, muss jeder mit allen Mitteln zum Mitmachen animiert und Verweigerer möglichst effektiv isoliert und ausgegrenzt werden...



geschrieben von: Lazerta

Zitat:
Original geschrieben von Ronin76
Die meisten genannten Grundzüge sind, zumindest teilweise, in vielen Staaten vorhanden und scheinen sich zu verstärken.
Verstärken ja! Viel interessanter aber ist die Frage nach dem WIESO! Bereits der alte Newton wusste, dass etwas nicht konstant beschleunigt werden kann, wenn nicht zugleich eine Kraft proportional zur Beschleunigung auf sie einwirkt. Welche Kraft könnte also deiner Meinung nach verantwortlich sein, welche Staatenlenker zunehmend dazu nötigt, für so manchem unangenehm empfundene Reformen zur Stabilisierung des Systems durchzusetzen?

Man könnte es einerseits mit der zunehmenden finanziellen Ungleichverteilungen erklären. Andererseits bleibt dann die Frage offen, weshalb neben den kapitalistischen auch alle bisherigen sozialistischen und kommunistischen Staaten auf jene genannten dystopischen Elemente zurückgreifen mussten und noch heute müssen (Nordkorea, Venezuela, Kuba, DDR). Welche Kraft kann das also sein, welche unabhängig vom politischen System die Regierungen dieser Welt dazu zwingt, ihre Bürger den Bedürfnissen des Systems anzupassen und nicht umgekehrt (und wenn, dann auch nur soweit, wie es der Stabilisierung des System nützt! Stichwort: Sozialsysteme etc.)?

Ich kenne nur eine Kraft, welche in seiner Gesamtheit in den letzten 200 Jahren so tiefgreifend und schnell ungefragt in das Leben der Gesellschaft eingegriffen hat, mit solch fatalen Folgen auf Familien, Umwelt, Psyche und Moral, dass solche Maßnahmen mit dystopischen Charakter nötig geworden sind: Die technologisch-industrielle Entwicklung!

Mein Fazit lautet: Der dytopische Staat ist nicht mehr aufzuhalten. Im Gegenteil! Einerseits ist eine bereits entwickelte Technologie nicht mehr rückgängig zu machen, andererseits werden Gesellschaften der Zukunft nicht ohne sie leben wollen. Wer möchte denn schon die Abschaffung der Videoüberwachung in Bussen, Bahnen und der Öffentlichkeit in Zeiten der zunehmenden Aggressivität und Häufung psychologischer Krankheiten? Der nächste Schritt wird also sein müssen: Biometrische Datenerfassung, Onlineüberwachung, Gesichtserkennungssoftware. Heute schon möglich und morgen Realität. Entweder die Bedürfnisse des Menschen oder des Systems. Dazwischen sehe ich wenig Spielraum für Kompromisse.



geschrieben von: Shredder

Zitat:
Original geschrieben von Lazerta
... auch alle bisherigen sozialistischen und kommunistischen Staaten


Nocheinmal: Auch wenn Dir die Systempresse etwas anders vorgaukelt. Es gab weltweit noch keinen sozialistischen/kommunistischen Staat.

Orwell war übrigens überzeugter Sozialist, eben weil Sozialismus mit Totalitarismus unvereinbar ist.

George Orwell war Sozialist. Seine Erfahrungen in Burma, die eine starke Abneigung gegen den Imperialismus zur Folge hatten, und sein zeitweiliges Leben in finanzieller Not prägten ihn sehr stark. In seinem Essay Why I Write (1947) stellt er alle seine Werke ab 1936 in direkten Zusammenhang mit seiner Überzeugung für den Sozialismus und seinen Kampf gegen Totalitarismus. Die Art von Sozialismus, die George Orwell dabei unterstützt, unterscheidet sich grundlegend von den damals gängigen realsozialistischen Regimen wie der UdSSR, die er in seinen Werken verurteilt. Der „demokratische Sozialismus“ ist laut Orwell die einzig zukunftsträchtige Staatsform. Wichtig sind für ihn hierbei der Gedanke eines geeinten Europas und ein Ende des Imperialismus.

http://de.wikipedia.org/wiki/George_Orwell



geschrieben von: Lazerta

Zitat:
Original geschrieben von Shredder
Nocheinmal: Auch wenn Dir die Systempresse etwas anders vorgaukelt. Es gab weltweit noch keinen sozialistischen/kommunistischen Staat.
Weltweit gab es also in der Geschichte keinen sozialistischen Staat. Meinetwegen. Dann gab es dieser Prämisse folgend auch insgesamt 40 (!) gescheiterte Versuche einen solchen utopischen Sozialismus einzuführen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_...tischer_Staaten
Wie nennt man einen Menschen, welcher trotz zahlreicher Fehlschläge und systematisch begangener Fehler, trotzig in dem Glauben an einer Ideologie festhält, der einundvierzigste Versuch würde gelingen? Eventuell intelligent? Begeht ein intelligenter Mensch 40 mal in Folge immer wieder die selben Fehler?



geschrieben von: Shredder

Zitat:
Original geschrieben von Lazerta
Dann gab es dieser Prämisse zufolge in der jüngeren Geschichte aber auch insgesamt 40 (!) gescheiterte Versuche einen solchen utopischen Sozialismus einzuführen.
}

*gähn*

1. fehlen da noch die USA als sozialistischer Staat ab 2008 unter Führung des "Sozialisten" Barack Obama. Ich hoffe die Botschaft kommt bei Dir an.

2. gilt es erst einmal zu überprüfen, inwieweit jene Länder überhaupt auf Grund irgendeiner Staatsform gescheitert sind oder ob sie sich überhaupt als solche einreihen lassen. In Venezuela und Kuba beispielsweise ist nicht alles perfekt, aber unabhängig davon, dass auch dort (noch) kein Sozialismus herrscht, gibt es dort viele positive Errungenschaften, die man in den Nachbarländern vergeblich sucht. Es wären auf jeden Fall keine Negativbeispiele wie die USA.

Zitat:
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_...tischer_Staaten
Wie nennt man ein Verhalten, welches trotz zahlreicher Fehlschläge trotzig an einer Idee festhält und daran glaubt, der einundvierzigste Versuch würde gelingen? Eventuell intelligent?


Woher willst Du, der sich mit Sozialismus ganz offensichtlich noch nie ernsthaft beschäftigt hat und hier mit Wikipedia-Halbwissen glänzt, eigentlich wissen, ob jemals ein Versuch unternommen wurde?? Viel plausibler ist: Genauso wie "niemand die Absicht hatte eine Mauer zu bauen" hatte niemand eine Absicht, Sozialismus zu verwirklichen. Warum auch, wenn es doch nur dem eigenen Vorteil und Machterhalt diente?

Und ja, ich behaupte Orwell ist intelligent genug und der Autor der folgenden Analyse, ebenso Sozialist, ebenso und alles andere als verblendet:

Die Marxsche Utopie und der Realsozialismus -
Übereinstimmung oder Widerspruch? (1998)

Im folgenden will ich mich mit der Marxschen Utopie bezüglich der Voraussetzungen einer sozialistischen Revolution und des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft beschäftigen - und diese Vorstellung mit dem "real existierenden Sozialismus" zwischen 1917 und 1990 in den Ländern des ehemaligen Ostblocks konfrontieren. Es gibt ja die These, daß vieles in diesen Ländern real existiert habe, nur nicht der Sozialismus, wie ihn Marx sich vorgestellt habe. Ist also das Scheitern der sozialistischen Systeme gleichzeitig ein Scheitern der Marxschen Theorie, oder haben sich diese Systeme zu Unrecht immer wieder auf Marx berufen und seine Lehren womöglich ins Gegenteil dessen gewendet, was ihm selbst vorschwebte?
Es wäre schließlich nicht das erste Mal in der Geschichte, daß sich große Organisationen auf ihre Ideenstifter berufen, ihre eigene Rolle damit legitimieren und doch die ursprünglichen Ideen bis zur Unkenntlichkeit entstellt oder gar ins Gegenteil verkehrt haben. Die katholische Kirche, die durch die Geschichte hindurch im Gewand von christlicher Nächstenliebe gemordet und mit ihrer Sexualmoral die Liebesfähigkeit von Milliarden von Menschen zerstört hat, ist dabei nur ein drastisches Beispiel, aber bei weitem nicht das einzige.2 Wird also Marx vielleicht Unrecht angetan, wenn man das Scheitern der sozialistischen Systeme sozusagen auf sein Konto bucht und ihn dafür mit verantwortlich macht? Es ist wohl klar, daß im Rahmen dieses kurzen Artikels darauf keine Antwort gefunden werden kann, aber mindestens sollen einige Anregungen gegeben werden, die Jahrzehnte lange Legitimierung des real existierenden Sozialismus unter Berufung auf Marx zu hinterfragen.

1. Entfremdung des Menschen – auch im „Sozialismus“
Allein wenn man die Frühschriften von Marx über "Entfremdung" und "entfremdete Arbeit" zugrundelegt, wäre die darin entwickelte Sichtweise genügend Stoff für eine radikale Kritik an den sozialistischen Systemen gewesen. Denn die Überwindung der inhumanen Strukturen innerbetrieblicher Arbeitsteilung, die durch den Taylorismus noch auf die Spitze getrieben wurden, ist von diesen Systemen nie wirklich angestrebt worden. Im Gegenteil: Der Taylorismus wurde - beginnend mit Lenin - sogar als Vorbild für die Arbeitsorganisation in sozialistischen Betrieben betrachtet. Und das Thema "entfremdete Arbeit" wurde schlicht und einfach verdrängt. Nicht von ungefähr wurden die Frühschriften von Marx in der DDR-Ausgabe der Marx-Engels-Werke (MEW) nicht als Erstes veröffentlicht, sondern erst sehr spät im Ergänzungsband I3, und zu der Zeit hat sie in der DDR kaum noch jemand diskutiert.

2. Diktatur über das Proletariat – anstatt Selbstbestimmung
Noch unter einem anderen Gesichtspunkt wäre die Marxsche Theorie Grundlage für eine radikale Kritik am Realsozialismus gewesen: Was Marx mit dem Begriff "Diktatur des Proletariats" vorschwebte, war nämlich die Vision, daß unter sozialistischen Bedingungen die arbeitenden Menschen selbst darüber bestimmten sollten, was mit welchen Methoden produziert und wie das Sozialprodukt verteilt werden sollte. Sie sollten - im Unterschied zum Kapitalismus - selbst die Verfügung über die Produktionsmittel haben. Das Wort "Diktatur" leitet sich aus dem lateinischen "dicere" ab, und das heißt wörtlich übersetzt "sagen". Es hatte damals nicht die Bedeutung wie in unserem heutigen Sprachgebrauch, nämlich die von brutaler Unterdrückung. Das Proletariat, das heißt die arbeitenden Menschen, sollten vielmehr "das Sagen" haben. Was in den Ländern des Realsozialismus daraus wurde, war im Gegensatz dazu eine Diktatur (im heutigen Sinne) der Parteibürokratie über das Proletariat - eine vollkommene Perversion der ursprünglichen Idee.
Die Frage ist allerdings, ob Marx mit seiner Theorie - oder auch mit dem Stil seiner Auseinandersetzung - nicht selbst mit dazu beigetragen hat, daß es zu einer solchen Verdrehung kommen konnte. Christel Neusüß hat ja in ihrer Marx-Kritik bereits in diese Richtung gewiesen und dabei die patriarachalische Ausrichtung sowohl der Marxschen Theorie wie der sozialistischen Bewegung hervorgehoben4. Ich will im folgenden noch auf einige andere Aspekte in diesem Zusammenhang eingehen.
Die Marxsche Vision beinhaltete ja die Vorstellung, daß die Bedingungen für eine sozialistische Revolution allmählich im Schoße des kapitalistischen Systems heranreifen würden, und dies am ehesten in industriell hoch entwickelten kapitalistischen Ländern (wie seinerzeit England). Indem der Kapitalismus immer mehr Menschen in die Lohnabhängigkeit hineintreibt und die industrielle Produktion sich in den Industriegebieten konzentriert, würde das Proletariat nicht nur zahlenmäßig anwachsen, sondern sich auch durch die räumliche Zusammenballung in den Städten zunehmend besser als Arbeiterbewegung organisieren können. Mit sich verschärfenden Krisen würde die Arbeiterklasse zur führenden revolutionären Kraft, die sich - wie schon erwähnt - in einer sozialistischen Revolution gegen die kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse und gegen die Kapitalistenklasse auflehnen würde, um sich selbst die Verfügung über die Produktionsmittel anzueignen.
Für eine gewisse Phase nach erfolgter Revolution sah Marx die Gefahr, daß die enteigneten und politisch entmachteten Kapitalisten versuchen würden, die Verhältnisse durch eine Konterrevolution zu kippen und wieder an die Macht zu kommen. Auf diese Gefahr müßten die Führer der Arbeiterklasse gefaßt sein und zu ihrer Verhinderung einen starken Staats- und Militärapparat aufbauen. Je mehr diese Gefahr gebannt sei, um so mehr würde der Staat in den Hintergrund treten und sich langfristig von selbst auflösen oder seine Funktionen auf ein Minimum reduzieren. Im gleichen Zuge würden die arbeitenden Menschen ihre Geschicke zunehmend selbst in die Hand nehmen.



geschrieben von: Shredder

4. Staatskapitalismus statt Sozialismus in Rußland

Kommen wir zurück auf die Marxsche These, daß die Bedingungen für eine sozialistische Revolution am ehesten in hochindustrialisierten kapitalistischen Ländern heranreifen würden. Wie waren denn die diesbezüglichen Bedingungen in Rußland zur Zeit der Oktoberrevolution 1917? Rußland entsprach in keiner Weise den von Marx formulierten Voraussetzungen. Es war ein ökonomisch weitgehend unterentwickeltes Land, der größte Teil der Bevölkerung waren Bauern, die sich in Abhängigkeit von feudalen Großgrundbesitzern befanden, und nur in wenigen Städten gab es eine Industrie - mit kapitalistischem Privateigentum an Produktionsmitteln und mit Lohnarbeit; wobei diese Industrialisierung wesentlich von Auslandskapital (und nicht von einem Prozeß der inneren Kapitalbildung) getragen war und einen relativ hohen Grad an technologischer Entwicklung aufwies.
Mit dem zahlenmäßig kleinen Proletariat allein war keine Revolution zu machen, und also brauchte es Verbündete, die den Sturz des Zarismus mittrugen: die Bauern. Um ihre Unterstützung für die Revolution zu gewinnen, wurde ihnen allerdings erst einmal die Befreiung aus der Feudalherrschaft und ein Stück Land als Privateigentum versprochen - alles andere als eine sozialistische Revolution! Mit diesem Widerspruch war Rußland bzw. bald danach die Sowjetunion von Anfang an konfrontiert: Verstaatlichung der Produktionsmittel im Bereich der Industrie, bei gleichzeitiger Privatisierung im Bereich der Landwirtschaft, in der der größte Teil der Bevölkerung lebte.
Mit dem privaten Bodeneigentum entwickelten sich alsbald Ungleichheiten zwischen den Bauern. Während die einen Überschüsse erzielten, mußten sich die anderen mit den weniger ertragreichen Böden verschulden, dafür ihr Land an die Gläubiger verpfänden und verloren schließlich (wenn sie die Schulden nicht bedienen konnten) ihr Bodeneigentum. Auf der anderen Seite konzentrierte sich immer mehr Boden in immer weniger Händen, und es entstand in den 20er Jahren eine neue Klasse von Großgrundeigentümern, die Kulaken, was mit sozialistischen Zielen kaum vereinbar war.
Die Regierung unter Lenin hatte aber nicht nur mit inneren Widerständen, die sich im Bürgerkrieg zuspitzten, zu kämpfen, sondern auch noch gegen ausländische militärische Interventionen von Seiten kapitalistischer Länder. Während es anfänglich eine Reihe sozialrevolutionärer und vielfach auch basisdemokratisch orientierter Bewegungen in Rußland gab, setzten Lenin und Trotzki6 mit Hinweis auf die innere und äußere Bedrohung der Revolution zunehmend autoritäre Strukturen und eiserne Disziplin in allen gesellschaftlichen Bereichen durch. Trotzki, der eigentlich Führer der Oktoberrevolution und spätere Führer der Roten Armee, verfolgte gar die Strategie der "Militarisierung der Arbeit" und schlug zum Beispiel den basisdemokratisch orientierten Arbeiteraufstand von Kronstadt mit militärischer Gewalt nieder.

Unter diesen Belastungen geriet Rußland Anfang der 20er Jahre in schwere Versorgungskrisen, und das Experiment einer sozialistischen Revolution auf höchst fragwürdigen Grundlagen war im Grunde schon gescheitert. In dieser Situation vollzog Lenin einen Kurswechsel und verkündete eine "Neue Ökonomische Politik" (NEP), die darin bestehen sollte, erst einmal die Bedingungen für einen späteren Übergang zum Sozialismus zu schaffen, allen voran eine beschleunigte Kapitalakkumulation und Industrialisierung, organisiert durch den Staat: Staatskapitalismus!
Was sich in den privatkapitalistischen Ländern über Jahrzehnte oder Jahrhunderte an Kapitalakkumulation entwickelt hatte, sollte in der Sowjetunion in wenigen Jahren nachgeholt werden, möglichst mit modernster kapitalistischer Technologie und Arbeitsorganisation. Der Taylorismus, die Zersplitterung der Arbeit in kleinste Teile, Fließbandarbeit, Akkordarbeit, Stücklohnsysteme, all das, was Marx in seinen Frühschriften als zutiefst inhuman angeprangert hatte und was inzwischen noch viel weiter auf die Spitze getrieben worden war, wurde nun auf einmal zum notwendigen Mittel beschleunigter Industrialisierung erklärt. Aber mindestens war Lenin so ehrlich, diese Maßnahmen als Notprogramm zu deklarieren - in einer Phase des Staatskapitalismus, der erst einmal die Voraussetzungen für einen späteren Übergang zum Sozialismus schaffen sollte. Später, etwa in der DDR-Ideologie, aber auch in anderen sozialistischen Ländern, wurden diese Mittel demgegenüber als Inbegriff sozialistischer Arbeitsorganisation gefeiert und mit aus dem Zusammenhang gerissenen Lenin-Zitaten begründet - eine komplette Geschichtsfälschung.

5. Stalinismus als „roter Faschismus“

Unter Stalin wurde der Prozeß der forcierten Industrialisierung unter ungeheuren Opfern weiter vorangetrieben, und aller Widerstand dagegen wurde mit brutaler Gewalt gebrochen. Trotzki hatte sich inzwischen zum schärfsten Kritiker des Stalinismus und seiner autoritären Strukturen gewandelt und wurde - wie die meisten anderen aus der revolutionären Garde der Oktoberrevolution - von Stalins Schergen umgebracht. Das "Kulaken-Problem", die Konzentrierung von Bodeneigentum in relativ wenigen Händen, wurde 1929 gewaltsam durch die Zwangskollektivierung "gelöst", bei der ein Großteil der sich widersetzenden Großbauern ermordet oder in Zwangsarbeitslager gesteckt und grausamen Mißhandlungen ausgesetzt wurde.7 Weil nun auch das Privateigentum an Boden abgeschafft war, galt der Sozialismus unter Stalin auf einmal offiziell als verwirklicht. Und über die "Kommunistische Internationale" wurden kommunistische Parteien in anderen Ländern, auch in Deutschland, mehr und mehr auf die stalinistische Linie gezwungen, bzw. haben sich ihr von selbst unterworfen. Daß unter solchen Bedingungen keine Offenheit mehr gegenüber konstruktiver Kritik an Marx oder gar am sogenannten Sozialismus (der in Wirklichkeit Staatskapitalismus und Staatsterrorismus war) existierte, ist verständlich, aber nicht zu entschuldigen.
Wilhelm Reich, der in den 20er Jahren noch viel Hoffnung in den Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion gesetzt hatte, wandte sich viel früher als andere Linke mit Entsetzen vom Stalinismus (nicht von Marx) ab und nannte ihn "roten Faschismus". In seinem Buch "Die Sexuelle Revolution" 8 hat er später versucht, das Umkippen der russischen Revolution von einer anfänglichen Befreiungsbewegung (auch in sexueller Hinsicht) in extrem autoritäre, sexualfeindliche und faschistische Strukturen massenpsychologisch zu deuten. Und auch hier wieder spielten - neben den genannten ökonomischen und politischen Bedingungen - die noch unter dem Zarismus patriarchalisch geprägten emotionalen Strukturen der Menschenmassen in Rußland eine wesentliche Rolle, und der darin angelegte Widerspruch zwischen Freiheitssehnsucht und Freiheitsangst.
Die vielversprechenden Ansätze von anfänglicher Demokratisierung (in der Rätebewegung) und sexueller Liberalisierung seien nicht nur von oben niedergeschlagen worden, sondern hätten darüber hinaus bei den autoritär strukturierten Menschenmassen Freiheitsängste und das Bedürfnis nach autoritärer Führung geweckt, die sie nicht nur zu Opfern, sondern auch zu Mittätern des Stalinismus habe werden lassen: "Massenpsychologie des Stalinismus". Neben vielem anderen erscheint mir für ein Verständnis des Scheiterns des Sozialismus dieser massenpsychologische Aspekt von großer Bedeutung.

6. Die Niederschlagung emanzipatorischer Bewegungen unter Lenin und Stalin

Indem unter Lenin und Stalin die sozialemanzipatorischen Ansätze in Rußland und der Sowjetunion niedergeschlagen bzw. brutal unterdrückt wurden, entwickelte sich eine extrem autoritäre, zentralistische Variante des angeblichen Sozialismus, die schließlich an ihrer immer weiter um sich greifenden bürokratischen Erstarrung und Unproduktivität historisch scheiterte und zum Zusammenbruch der meisten sozialistischen Systeme Anfang der 90er Jahre führte.9 Die ursprüngliche Idee des Sozialismus als eine Befreiung der arbeitenden Menschen aus den Zwängen von Herrschaft und Ausbeutung ist damit auf unabsehbare Zeit weltweit diskreditiert, und ebenso der Name Karl Marx.
Von einigen wird ja die These vertreten, diese Entwicklung sei von kapitalistischer Seite strategisch geplant gewesen. Lenin und die Bolschewiki seinen von einigen Großkapitalisten finanziert worden, weil man ihnen aufgrund ihrer straffen Organisation, Disziplin und autoritären Struktur am ehesten zutraute, die aus kapitalistischer Sicht bedrohlichen sozialrevolutionären, basisdemokratischen und emanzipatorischen Bewegungen in Rußland niederzuschlagen und so von Anfang an die Entwicklung hoffnungsvoller Alternativen zum Kapitalismus zu verhindern. Wenn sich erst einmal unter dem Namen "Sozialismus" ein abschreckendes System entwickeln würde, würde langfristig der Kapitalismus gestärkt daraus hervorgehen.
Ich weiß nicht, was von dieser These zu halten ist, aber es ist unverkennbar, daß mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme die Bedingungen für soziale Bewegungen, die auf eine Überwindung des Kapitalismus gerichtet sind, erst einmal ungeheuer erschwert sind. Weil die eine Alternative gescheitert ist, scheint es überhaupt keine Alternative mehr zu geben; und man braucht auch gar nicht erst nach ihr zu suchen. Natürlich handelt es sich dabei um einen Trugschluß der Verallgemeinerung. Denn es sind ganz andere Alternativen zum Kapitalismus denkbar als die gescheiterte autoritäre und zentralistische Variante des Sozialismus, der in Wirklichkeit nie einer war.

http://www.berndsenf.de/pdf/ Die%20...s
mus.pdf


Fazit: Sozialismus bleibt als Utopie das Gegenstück zu der hier angesprochenen Dystopie. Es sind daher nicht ohne Grund allen voran Linke oder undogmatische Bewegungen, die linke Kernthesen vertreten, die sich gegen oben aufgeführte Missstände auflehnen. Was dank Massenmanipulation noch nicht bei jedem angekommen ist: Es handelt sich um eine Systemfrage.



geschrieben von: Lazerta

Zitat:
Original geschrieben von Shredder


1. fehlen da noch die USA als sozialistischer Staat ab 2008 unter Führung des "Sozialisten" Barack Obama. Ich hoffe die Botschaft kommt bei Dir an.
Ist Barack Obama vom Selbstverständnis her ein Sozialist? Ich denke nicht. Das aber müsste er zumindest sein, damit deine Botschaft bei mir ankäme.

Zitat:
2. gilt es erst einmal zu überprüfen, inwieweit jene Länder überhaupt auf Grund irgendeiner Staatsform gescheitert sind oder ob sie sich überhaupt als solche einreihen lassen. In Venezuela und Kuba beispielsweise ist nicht alles perfekt, aber unabhängig davon, dass auch dort (noch) kein Sozialismus herrscht, gibt es dort viele positive Errungenschaften, die man in den Nachbarländern vergeblich sucht. Es wären auf jeden Fall keine Negativbeispiele wie die USA.
Wenn in Kuba kein Sozialismus herrscht. Was dann? Kapitalismus? Ich bin gespannt was dir nun hierauf einfallen wird. Du hast ein sehr großes Talent dir die Wahrheit so zurecht zu biegen, dass sie in dein Weltbild passt. Schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf: Dass der Sozialismus nicht funktioniert! Du hältst am Sozialismus fest, wie ich als Katholik am Glauben. Hey Das macht dich zu meinem Glaubensbruder!


Zitat:
Woher willst Du, der sich mit Sozialismus ganz offensichtlich noch nie ernsthaft beschäftigt hat und hier mit Wikipedia-Halbwissen glänzt, eigentlich wissen, ob jemals ein Versuch unternommen wurde??
Ich bin mir sicher, mit deinen fundierten volkswirtschaftlichen Kenntnissen würdest du nach 40 gescheiterten Versuchen den ersten funktionierenden Sozialismus einführen können. Ganz sicher!

Zitat:
Viel plausibler ist: Genauso wie "niemand die Absicht hatte eine Mauer zu bauen" hatte niemand eine Absicht, Sozialismus zu verwirklichen. Warum auch, wenn es doch nur dem eigenen Vorteil und Machterhalt diente?
Ist das der argumentative Strohalm, an den du dich klammerst und deinen Glauben an den "wahren" Sozialismus retten soll?

Zitat:
Und ja, ich behaupte Orwell ist intelligent genug
Orwell ist 1903 geboren und 1950 gestorben. Abgesehen vom Nationalsozialismus hat er wie viele Versuche miterlebt? Viele dürften es zu seiner Zeit nicht gewesen sein. Ihm sei deswegen seine Verblendung verziehen.

Zitat:
und der Autor der folgenden Analyse, ebenso Sozialist, ebenso und alles andere als verblendet:
das lese ich jetzt zu dieser Stunde nicht. fasse es mir bitte zusammen wenn du es für wichtig hältst.



geschrieben von: Shredder

Zitat:
Original geschrieben von Lazerta
Ist Barack Obama vom Selbstverständnis her ein Sozialist?


Nein, aber er wird wie viele andere Massenmörder auch als "Sozialist" hochstilisiert, um diesen Begriff nachhaltig zu diskreditieren, die Republikaner beispielsweise meinen das ja nicht positiv.

Zitat:
Ich denke nicht. Das aber müsste er zumindest sein, damit deine Botschaft bei mir ankäme.


Die Kernbotschaft lautet: Deine wissenschaftlich höchst fundierte Wiki-Liste für Noobs und Bildzeitungs-Antikommunisten ist salopp gesagt für'n Arsch.

Zitat:
Wenn in Kuba kein Sozialismus herrscht. Was dann?


Such dir ein passendes Etikett aus - das machst Du doch sonst auch immer warum hinterfragen?

Zitat:
Du hast ein sehr großes Talent dir die Wahrheit so zurecht zu biegen, dass sie in dein Weltbild passt.


Im Gegenteil ich versuche auf "rechte" als auch auf vermeintlich "linke" Geschichtsklitterung aufmerksam zu machen.

Zitat:
Schließlich kann nicht sein, was nicht sein darf: Dass der Sozialismus nicht funktioniert!


"Der Stalinismus hat nicht die Unmöglichkeit des Sozialismus bewiesen. Er hat nur bestätigt, was MarxistInnen immer gesagt haben: Sozialismus ist international und demokratisch oder gar nicht."

http://www.sozialismus.info/?sid=2172

Zitat:
das lese ich jetzt zu dieser Stunde nicht.


Du musst Dich schon auf freiwilliger und selbsständiger Basis bilden. Sozialismus bedeutet zwar Bildung für alle aber ohne jeglichen Zwang. Im jetzigen System wird ganz offensichtlich auf aktive Verdummung gesetzt.

In diesem Sinne:

Krieg ist Frieden
Freiheit ist Sklaverei
Unwissenheit ist Stärke


George Orwell, Sozialist

Zitat:
fasse es mir bitte zusammen wenn du es für wichtig hältst.


Fazit: Sozialismus bleibt als Utopie das Gegenstück zu der hier angesprochenen Dystopie. Es sind daher nicht ohne Grund allen voran Linke oder undogmatische Bewegungen, die linke Kernthesen vertreten, die sich gegen oben aufgeführte Missstände auflehnen. Was dank Massenmanipulation noch nicht bei jedem angekommen ist: Es handelt sich um eine Systemfrage. Denn jeder, der aktuell z.B. gegen obige Kriterien eines dystopischen Staates demonstriert vertritt indirekt - und meist ohne es sich dem bewusst zu sein - sozialistische Standpunkte und findet sich sogar im Grundsatzprogramm der Linkspartei wieder. "Wir sind 99%" ist nichts anderes was schon vor Generationen von Sozialisten propagiert wurde. Logisch, dass die Elite mit allen Mitteln versucht, den Sozialismus-Begriff als Alternative zu Nichte zu machen, denn er steht für die Interessen der Mehrheit der Menschen auf dieser Welt.



geschrieben von: Lazerta

Zitat:
Original geschrieben von Shredder
Fazit: Sozialismus bleibt als Utopie das Gegenstück zu der hier angesprochenen Dystopie. Es sind daher nicht ohne Grund allen voran Linke oder undogmatische Bewegungen, die linke Kernthesen vertreten, die sich gegen oben aufgeführte Missstände auflehnen. Was dank Massenmanipulation noch nicht bei jedem angekommen ist: Es handelt sich um eine Systemfrage.

Der Sozialismus ist doch nur die Kehrseite derselben Medaille. Dem Sozialismus ist beispielsweise das Prinzip der Subsidiarität nahezu fremd. Auch lehnen sich linke nur gegen Missstände auf, welche das System gefährden. Nicht? Ja, welche Missstände wären das denn? Die Linken sind Systemgläubiger als sie es selbst zu glauben vermögen. Sie sind für Zuwanderung, Internationalität, Berufstätigkeit der Frauen, für mehr Krippenplätze, gegen soziale Ungleichheit, für mehr Bildung. Betreffen diese Missstände etwa nicht die Bedürfnisse des Systems?

Der Anarchismus ist der wahre Gegenentwurf zur Dystopie. Ein freies, selbstbestimmtes, zwangloses Leben mit realen Zielen, frei von Manipulation und Fremdbestimmung, frei von modernen Zivilisationskrankheiten, frei von Lärm und Geschwindigkeit. Das schönste ist, dass ich dieses Ziel für mich selbst verwirklichen kann und nicht auf die Gesellschaft und die Politik zu warten brauche. Ich will mich weder vom Kapitalismus hetzen, noch vom Sozialismus totalitär bemuttern lassen. Ich gehe meinen dritten Weg.



geschrieben von: Shredder

Zitat:
Original geschrieben von Lazerta
[B]Der Sozialismus ist doch nur die Kehrseite derselben Medaille. Der Anarchismus ist der wahre Gegenentwurf zur Dystopie. Ein freies, selbstbestimmtes, zwangloses Leben mit realen Zielen, frei von Manipulation und Fremdbestimmung, frei von modernen Zivilisationskrankheiten, frei von Lärm und Geschwindigkeit.


Anarchismus und Sozialismus verfolgen beide das gleiche Ziel, nur der Weg dorthin ist ein anderer, und genau auf jenen basieren z.B. die Differenzen zwischen Marx und Bakunin. Anarchismus entbehrt für mich zudem jeglichen realpolitischen Ansatz, daher halte ich ihn zwar für erstrebenswert aber unbrauchbar.

Zitat:
Das schönste ist, dass ich dieses Ziel für mich selbst verwirklichen kann und nicht auf die Gesellschaft und die Politik zu warten brauche.


Schon Goethe pflegte zu sagen: Niemand ist mehr Sklave, als der sich für frei hält, ohne es zu sein. Aber ich möchte Dir Dein Freiheitsgefühl selbstverständlich nicht nehmen, ich habe dafür Verständnis, denn es wurde Dir ja vermutlich so beigebracht.

Zitat:
Ich will mich weder vom Kapitalismus hetzen, noch vom Sozialismus totalitär bemuttern lassen.


Ob Du die Vorzüge des Sozialismus in Anspruch nehmen würdest oder nicht läge gänzlich bei Dir, um dem Kapitalismus zu entfliehen müsstest du hingegen schon gänzlich aussteigen.

Zitat:
Ich gehe meinen dritten Weg.


Ich empfehle Dir die "Sozialdemokratie"



geschrieben von: Demon17

Wer Dystopie als Abwesenheit der Utopie formuliert, vergisst dabei, das die Utopien immer von einem interessegeleiteten definierten Ist-Zustand zu einem oft diffus beschriebenem Soll-Zustand gelangen wollen. Die Beschreibung des Ist-Zustandes ist notwendigerweise unvollkommen, da kein Mensch die Gegenwart in der er lebt vollständig und zutreffend beschreiben kann. Es gibt keinen neutralen, objektiven Standpunkt der Erkenntnis, sondern immer nur an die internen Strukturen eines Beobachters gebundene Perspektiven. Das Paradoxon der marxschen Theorie ist eklatant. Als sozietale Evolutionstheorie versucht sie Verlauf und Resultat der sozialen Evolution vorherzusagen und gibt damit ihren Anspruch Evolutionstheorie zu sein gleich wieder auf. Mehr noch, der Versuch einer Self Fulfilling Prophecy verleitet zu einem unhaltbarem A Priori, der Behauptung, der ursprünglich in einer gerechten Urgesellschaft lebende Mensch, sei sich selbst durch Ausbeutung entfremdet worden. Inzwischen wissen wir, dass diese Gesellschaft nie existierte und es ein langer, mühevoller Weg war, vom Raubtierfutter an die Spitze der Nahrungskette zu gelangen.

Die Geschichte der Revolutionen im 19. und 20 Jahrhundert zeigt, dass die großen Utopien an den zentralen Forderungen des Naturrechtes scheiterten und die Vernunft sich der eigenen ethischen Grundlagen beraubte, welche politisch umzusetzen, die Revolutionäre ursprünglich angetreten waren. Interne Radikalisierungsprozesse, die sozialpsychologisch höchst interessante Phänomene darstellen, verweisen auf mein Eingangsargument, der eingeschränkten, interessegeleiteten Wahrnehmung der Realität durch Einzelne, die in diesen Radikalisierungsprozessen durch den Auschluss von Widerspruch kollektiv verbindlich wurden. Bedenkt man, dass durch Widerspruch soziale Intelligenz entsteht, da zusätzliche Informationen prozessiert werden müssen, so haben wir es mit mit denselben gesellschaftlichen Ignoranzprozessen zu tun, gegen die sich die Revolutionen ursprünglich wandten. Es wurde lediglich eine zentralisierte Perspektive gegen eine andere ausgetauscht. Erst im Zusammenspiel multipler Wahrnehmungen der Realität kann es zu realen Verbesserungen im Sinne des Gemeinwohls kommen, wobei hier der Auschluß von Minderheiten durch Koalitionen, die Mehrheiten bilden offenbar programmatisch unvermeidbar ist. Offenbar ist bisher der Konsens der Mehrheit zu Lasten der Minderheiten das Non Plus Ultra der Staatskunst. Das Gegenteil, die Diktatur einer Minderheit über die Mehrheit ist jedenfalls keine fortschrittliche Alternative.



geschrieben von: Creobotra

in den Filosofen besser aufgehoben, daher verschoben.





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