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-- linientreue und sturheit (http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?threadid=55944)


Geschrieben von Darkpoem112 am 12-01-2006 um 19:34:

Aber wenn er/sie sagt sie wird auch weiterhin alles um sich herrum anzweifeln dann fährt er/sie damit auf gut deutsch doch "eine ganz klare linie". Oder sehe ich das falsch? Wie würdest du denn Linie definieren?

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Leise schwebt die Nacht hernieder,
In ihrem Schatten verschwinden alle Lügen,
Nur die Wahrheit bleibt zurück,
Klar wie ein Sternenhimmel


Geschrieben von Odessa am 07-07-2011 um 19:30:

Ich für meinen teil halte es für sehr wichtig, dass man seinen überzeugungen bis zu einem gewissen grad die treue hält. ABER dieses hat für mich auch immer den ruch von (partei)linientreue und verbohrter sturheit. Für mich ein philosphisches dilemma. Wie findet dieser <kampf der systeme> in euren köpfen statt ?
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Interessantes Thema, grab ich doch gerne aus via Suchmaschine angesichts eines Zeitungsartikels zum Thema, den ich heute las.

Wie ich damit umgehe? Eigentlich mittlerweile recht simpel - der Kampf findet nicht statt, weil ich meine "Linie" für mich dahingehend längst gefunden habe. Sich selbst, also eigenen Überzeugungen, treu bleiben, heißt bei mir allerdings auch nicht daß ich borniert, selbstgerecht oberlehrerhaft oder sonstwie anmaßend fordern würde, daß Andere die Dinge auch so zu sehen oder verstehen hätten wie ich selbst. Das erleichtert das tägliche Leben und den zwischenmenschlichen Alltag schon mal grundlegend - ich kann tolerant anderer Menschen Ansichten und Lebensmodelle akzeptieren, muß sie deswegen aber noch lange nicht "gut" finden oder gar selbst annehmen, ganz im Gegenteil. Wenn das Gegenüber wiederum genauso geistig offen und nicht narzisstisch-größenwahnsinnig von seiner vermeintlich natürlich einzig wahren und richtigen Sichtweise der Dinge überzeugt ist, wird es mit mir und meinen Ansichten genauso verfahren, und siehe da - schon können wir Beide leben, ohne einander an die Gurgel zu gehen (verbal oder physisch), und jeder von uns darf nach seiner Facon glücklich werden.

Im engeren Sinne, also was Linientreue mit Systemen angeht: gibt es bei mir nicht. Ich konnte mich schon immer nur mit etwas anfreunden, ideologisch, was NICHT an eine bestimmte Partei, eine Religion oder ein sonstiges starres Korsett einer Institution gebunden ist. Also meinethalben gegen Sklaverei, für Tierschutz und gegen Kinderarbeit zu sein, hat für mich nichts mit einer Parteizugehörigkeit oder Religion zu tun, sondern entspringt ausschließlich meiner eigenen Ethik und meinem Gewissen, und entsprechend bleibe ich bei Beidem auch unnachgiebig meiner Meinung treu - schließlich gibt es nichts und niemand, der mir erklären könnte was an Sklaverei, Tierquälerei oder Kinderausbeutung "positiv" sein könnte, und so sehe ich hier keinerlei Kompromißbereitschaft meinerseits von Nöten.

Wiederum kann ich ohne Probleme Kompromisse machen, geht es um eher belanglose Dinge und darum, auf rein privater Ebene mit mir wichtigen Menschen zu interagieren. Will mein Mann beispielsweise an einem Tag lieber zum Schwimmen gehen als zum Wandern, während ich diesen Tag fest einplante fürs Wandern, dann ist das für mich keinerlei Drama oder Verrat meiner Prinzipien ("sich selbst treu bleiben"), wenn ich ihm zuliebe aufs Wandern verzichte, wir Schwimmen gehen, und dafür er aber in der nächsten Woche mit mir Wandern geht, obwohl er vorhatte, an diesem Tag wieder Ausdauertraining zu machen. Liebt man sich oder ist man sich menschlich sonstwie nahe, ist sowas eigentlich, denke ich, selbstverständlich - das eigene Ego wird gerne und freudig zurückgenommen, für das größere "Wir" und die gemeinsamen Ziele oder Wünsche.

Sturheit: da gibt es die mir sympathische, gerade bei uns Berglern, und die mir unsympathische, die in Rechthaberei, Arroganz, Ignoranz und vor allem Intoleranz (fast immer gleichbedeutend mit Faschismus, Rassismus, Sexismus, meiner Erfahrung nach) ausartet. "Stur" sein in seiner Aversion gegenüber Schwulen. "Stur" sein in seinem intoleranten Weltbild gegenüber allen Leuten, die anders gekleidet sind oder andere Dinge essen als man selbst, und dadurch grenz-faschistoid sein. "Stur" sein gegenüber Wahrheiten, die man nicht hören will ("Ich werde in 100 Jahren nicht glauben, daß mein Kollege ein korrupter Verbrecher ist der sich schmieren läßt, also verschließe ich meine Augen und Ohren vor sämtlichen Beweisen auch weiterhin").

Positiv Stursein: sich "stur" dem Zwang, jeden Trend mitmachen zu müssen, der einem heute aufgezwungen wird an jeder Straßenecke und in jedem Fernseh/Zeitungsartikel, verweigern. Daß man also immer selbstbestimmt und frei entscheidet, von Fall zu Fall, WARUM man diesen Trend nicht mitmachen möchte, also nicht alles Neue gleich pauschal ablehnt, sondern dahingehend "stur" ist, daß man sich das Recht herausnimmt, immer von Fall zu Fall für sich selbst zu entscheiden, was man an sich heranläßt. Dafür als "konservativ", "störrisch" oder "hinterwäldlerisch" beschimpft zu werden, nur weil man z. B. gewisse alte Werte auch heute noch vertritt und für sie einsteht, gehört da mit zum täglichen Leben - aber ich für meinen Teil kann damit sehr gut leben, denn solche Sprüche von "Pauschal-Schubladenaufziehern" lasse ich mir längst am eher südlichen Teil meines Rückens entlanggehen;-)


edit - grammatische Verwechslung Schwimmen/Wandern korrigiert beim nochmaligen Lesen *G*

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Wahre Freunde unterwegs


Geschrieben von Seidenspinner am 07-07-2011 um 21:03:

Also ich bleibe meiner flexiblen Moral treu.

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Trotzdem danke!


Geschrieben von bradóg am 09-07-2011 um 07:10:

Odessa, sehe ich sehr ähnlich wie Du. Meine Linie habe ich mir im Laufe meines Lebens hart erarbeitet. Sie besteht nicht aus dem, wie man angeblich zu sein hat, sondern daraus, was ich kennengelernt habe, wo ich durchgegangen bin, einschließlich der kritischen Betrachtung meiner bisherigen Einstellung und eigenen Verhaltensweisen und den zig Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe. Die Linie ist das Resümee. Für mich ist diese Linie nichts Absolutes/Erstarrtes, sondern flexibel, insofern, als daß ich Neues/Anderes mit einbeziehe und nach gründlichem durchkauen ggf. meine bisherige Linie überdenke/ändere oder möglicherweise, wie bisher beibehalte.

Linientreue, kann jedoch auch was mit Verbortheit zu tun haben, im Sinne von Starrköpfigkeit, Verbissenheit und zwar insofern, als daß man durch Vorverurteilung und null Selbstreflektion - ohne daß man Neues/Anderes überhaupt ansehen oder darüber nachdenken mag - sich verschließt wie ein Panzer, alles beschießt, was drumherum und anders ist und nicht bereit ist, mal die Luke zu öffnen, um Frischluft reinzulassen, einen Blick nach draußen zu werfen, dazuzulernen/aufzunehmen.

Sturheit halte ich in gewisser Hinsicht auch für wichtig und zwar im positiven Sinne, wie Du es auch beschrieben hast. Vielleicht kann man diese Art von Sturheit auch als (gesunden) Menschenverstand bezeichnen.

Auch in Sachen Kompromisse kann ich mich Deiner Ansicht nur anschließen. Kompromiss = Ausgleich und dies bietet auch die Chance, mal unbekannte Wege zu gehen, Neuland zu betreten und somit dazuzulernen. Ich würde sogar sagen, daß dies der einzig mögliche Weg zum größeren "Wir" ist, zum miteinander/aneinander wachsen, der jedoch nur funktioniert, wenn's auf Gegenseitigkeit beruht.

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~ Wann war eigentlich heute? ~


Geschrieben von Odessa am 09-07-2011 um 09:10:

Bradog, ich sah gerade beim Nachlesen meines Beitrags, daß ich rein grammatisch geschlampt habe - habe im Schwimmen/Wandern-Beispiel die die Zuordnung durcheinandergebracht und es jetzt edit-korrigiert. Aber Du hast mich trotzdem verstanden, freut mich. Und ja, die eigene Linie - ihr treu zu bleiben ist sicher nicht leicht, aber es zahlt sich letzten Endes aus. Kompromißbereitschaft wird leider häufig verwechselt mit "Wischi waschi" oder "Unterwürfigkeit", meiner Erfahrung nach. Für mich nicht ganz nachvollziehbar, sehe ich persönlich darin eher eine völlige Gegensätzlichkeit - meiner Meinung nach kann sich nur ein selbstsicherer und autarker Charakter darauf einlassen, auf einen anderen Charakter/ein anderes Wesen einzugehen, kann sich hingeben ohne sich dabei aufzugeben... was für Kompromisse gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen nötig ist. Ein wirklicher Wischi-waschi-Mensch ohne eigene Standpunkte und Bedürfnisse, die er vertritt, oder ein unterwürfiger Mensch der sein Ego gänzlich verleugnet, HAT aber von vornherein imho nichts, was er für einen Kompromiß müßte/würde "verhandeln" wollen (mir mangelt es an einem treffenderen Wort hier)

Seidi - Fleximoralist .

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Wahre Freunde unterwegs


Geschrieben von bradóg am 09-07-2011 um 11:32:

Zitat:
Original geschrieben von Odessa Kompromißbereitschaft wird leider häufig verwechselt mit "Wischi waschi" oder "Unterwürfigkeit" ... meiner Meinung nach kann sich nur ein selbstsicherer und autarker Charakter darauf einlassen, auf einen anderen Charakter/ein anderes Wesen einzugehen, kann sich hingeben ohne sich dabei aufzugeben... was für Kompromisse gerade in zwischenmenschlichen Beziehungen nötig ist.


Kompromißbereitschaft wird oft auch mit Unterlegenheit, Zwang und Niederlage in Verbindung gebracht. Ein Kompromiß ist kein Kampf, bei dem einer als Sieger hervorgeht und der andere das Nachsehen hat. Ein echter Kompromiß beruht auf gegenseitigem Einverständnis bzw. Ausgleich, so daß keiner der Beteiligten Verlierer ist. Es gibt den Ausdruck "Win-Win-Situation", der das ganz gut bezeichnet, was ich damit meine.

Dadurch, daß mit Kompromissen Verzicht, Verlust usw. in Verbindung gebracht wird, wird die Chance verkannt, die in Kompromissen steckt, so es echte Kompromisse sind. Interessant ist auch, daß viele Kompromisse nur mit "entweder - oder" in Verbindung bringen und meinen, sich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden zu müssen. Ich sehe es eher so, daß sich durch das Schließen eines Kompromisses auch ungeahnte Wege auftun können. Um mal Dein Beispiel mit dem Schwimmen und Wandern gehen aufzugreifen ... es gibt u. a. auch die Möglichkeit, was völlig anderes zusammen zu unternehmen, was, wozu an dem Tag beide Lust haben, anstatt daß jeder stur an seiner Linie festhält und der eine tun soll, was der andere möchte. Kreativität ist gefragt.

"Hingeben ohne sich dabei aufzugeben" ... das ist m. E. der springende Punkt (irgendwie lustig, habe vor ner 1/4 Stunde ein Kapitel in einem meiner Lieblingsbücher gelesen, da ging es um Mut und der Punkt mit der Hingabe stand genau so drinnen). Hingabe hat was von "mit Leib und Seele dabei sein", wer sich aufgibt, der geht einen faulen Kompromiß ein und leidet früher oder später.

Zitat:
Ein wirklicher Wischi-waschi-Mensch ohne eigene Standpunkte und Bedürfnisse, die er vertritt, oder ein unterwürfiger Mensch der sein Ego gänzlich verleugnet, HAT aber von vornherein imho nichts, was er für einen Kompromiß müßte/würde "verhandeln" wollen (mir mangelt es an einem treffenderen Wort hier)


Jemand ohne eigenen Standpunkt oder dem Hang zur Selbstaufgabe wird in die Situation, einen Kompromiß zu schließen, garnicht erst kommen, er paßt sich an.

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Geschrieben von Odessa am 09-07-2011 um 12:58:

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Jemand ohne eigenen Standpunkt oder dem Hang zur Selbstaufgabe wird in die Situation, einen Kompromiß zu schließen, garnicht erst kommen, er paßt sich an.
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Mit einem Satz prägnant das ausgedrückt, was so zu formulieren mir wieder mal nicht gelang .

Das mit der Hingabe sehe ich auch so - in gewissem erweitertem Sinne trifft es der Satz "Nur wer stark ist, kann sich erlauben, auch mal schwach zu sein" da auch recht gut, finde ich. Und es ist wie Du schreibst: Kompromisse zu schließen im Bereich Partnerschaft/Liebe/Freundschaft, bereichert für gewöhnlich und wenn beide Seiten dabei gleichwertig und ebenbürtig sind in ihren Fähigkeiten, auch Beide. Ich habe so viel neue Dinge und Sichtweisen kennengelernt dadurch, daß ich mich nicht "linientreu" in irgendwelche "ICH sehe das so und deswegen HAST DU ES AUCH so zu sehen"-Borniertheiten verrannte, sondern immer sagte "Ich sehe es so, Du siehst es so - lass uns doch schauen, wo wir was gemeinsam haben auf dem wir aufbauen (= uns beide als auch weiterbringen) können", oder sagte "Du siehst es so, ich sehe es ganz anders, aber das ändert nichts daran daß jeder von uns seine guten Gründe hat, es so zu sehen wie er es tut"... und diese Gründe zu verstehen, bringt zumindest mich persönlich ja auch immer schon etwas weiter"

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Wahre Freunde unterwegs


Geschrieben von bradóg am 09-07-2011 um 15:14:

Die Frage, die mich schon seit längerem beschäftigt ist, was in jemandem wohl vorgehen mag, der starrsinnig/verbohrt ist, im "negativen" Sinne. Derjenige sperrt sich, doch warum? Ist es die Angst vor Veränderungen, die Angst sich untreu zu werden, Bequemlichkeit, das Gefühl den Neuerungen nicht gewachsen zu sein, überrollt zu werden, die Kontrolle zu verlieren, Mißtrauen? Was verspricht sich ein Starrköpfiger von seiner Verhaltensweise?

Starrsinn macht vermutlich auch sehr einsam, denn so jemand läßt nichts und niemand anderen gelten, außer sich selbst und sein eigenes Ding. So gestaltet sich jegliches Miteinander schwierig, sofern man es dann überhaupt Miteinander nennen kann.

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~ Wann war eigentlich heute? ~


Geschrieben von Elementarsatz am 09-07-2011 um 17:51:

Was ist schon Starrsinn? Manchen Menschen gilt man schon als starrsinnig, wenn man nicht bereit ist, ihren Absurditäten zuzustimmen.

Was Kompromissbereitschaft angeht, so ist sie eine Tugend, wenn es darum geht, verschiedene Interessen zu versöhnen. Wo es aber nicht um Interessen, sondern um Sachfragen geht, sollte man nicht den Kompromiss, sondern die Wahrheit suchen, die keineswegs in der Mitte liegen muss. Hier kommt es nicht auf Harmoniestreben an, sondern auf Vernunft und die Bereitschaft, seine Ansichten durch Gründe bestimmen zu lassen, und nicht durch Wunschdenken, Gewohnheit oder Eigensinn. Wenn jemand zum Beispiel behauptet, dass Homöopathie funktioniert und ich bestreite das, dann sollten wir keinen "Kompromiss" suchen, sondern er sollte seine falsche Meinung aufgeben und damit hat sich die Sache.

Um noch mal auf die Versöhnung von Interessen durch Kompromisse zu sprechen zu kommen: Das funktioniert natürlich nur da, wo die Interessen nicht zu weit auseinanderliegen. Andernfalls sollte man sich besser aus dem Weg gehen, statt faule Kompromisse zu suchen, die zur Selbstaufgabe führen.


Geschrieben von bradóg am 10-07-2011 um 09:45:

@Odessa

Vielleicht ist ja Starrsinn u. a. Ausdruck von mangelndem Selbstvertrauen? Wenn man sich selbst vertraut, dann hat man Konstanten außerhalb seiner selbst möglicherweise nicht nötig, sondern ist sich selbst die Konstante, der Halt, die Heimat, wohnt in sich. Sich selbst hat man immer und überall dabei, egal an welchem Ort man sich befindet.

@ Lord F.

In bestimmten Dingen bist Du ja scheinbar sehr flexibel und offen, wobei Du da auch Neues kennenlernen und Gefallen daran finden kannst.
Nehmen wir mal an, Dir würde die Sicherheit genommen werden, z. B. könntest Du nicht nach Hause zurückkehren oder Dir würde jemand Deinen Besitz nehmen und Du hättest nur noch Dich selbst, was wäre dann? Würdest Du Dich orientierungslos, hilflos, heimatlos fühlen? Ist nicht wertend gemeint, mich interessiert das. Mir kam einst mal der Gedanke, daß man in der Unsicherheit auch Sicherheit finden kann ... Unsicherheit als Konstante.

@ Elementarsatz

Wenn man etwas als Absurdität sieht, muß man dem ja nicht zustimmen, jeder hat halt nunmal seine Ansichten und man kann da z. B. auch insofern tugendhaft und kompromissbereit sein, indem jeder seine Ansicht behalten darf und keiner versucht, auf biegen und brechen den anderen zu überzeugen. Das ist Toleranz.

Sachfragen und die Wahrheit ... Sachfragen sind auch Interessen. Suchen halte ich für sehr wichtig, nur wird eben jeder sein Ding (vielleicht nur zunächst) für die Wahrheit halten und wehement verteidigen, genau das halte ich für Starrsinn. Verteidigen = schützen. Von suchen keine Spur. Suchen = Abenteuer, Risikobereitschaft. Zum Suchen gehört Offenheit. Wenn man mit Scheuklappen sucht, den Blick nicht umherschweifen lässt, ist das kein echtes Suchen, sondern ein Ausgerichtet und Voreingenommen sein, da man von vornherein Bestimmtes herausfiltert. Man wird auf dem üblichen Pfad bleiben und keinen Blick und Sinn für Andersartiges haben. Offen wäre, sich z. B. unvoreingenommen die Wahrheit des anderen genauer anzusehen und nicht prinzipiell abzulehnen, weil se nicht ins eigene Konzept passt.

Zitat:
Wenn jemand zum Beispiel behauptet, dass Homöopathie funktioniert und ich bestreite das, dann sollten wir keinen "Kompromiss" suchen, sondern er sollte seine falsche Meinung aufgeben und damit hat sich die Sache.


So hättest Du's wohl gerne, hmmm ? Es ist Deiner Meinung nach die falsche Meinung. Woher nimmst Du die Sicherheit, daß Deine Meinung das Non plus Ultra ist? Gründe sind nicht automatisch Wahrheit, jeder hat seine Gründe und somit seine Wahrheit. Deine Gründe sind gründlicher?
Ein Kompromiss könnte z. B. so aussehen, daß beide Seiten anerkennen, daß die Kombination aus Homöopathie und Schulmedizin der Wahrheit am nächsten kommt oder daß in beiden Richtungen längst nicht alles erforscht ist, so daß beide Meinungen noch ein gutes Stück weit von der Wahrheit entfernt liegen. Oder daß beide Seiten locker lassen, statt felsenfest ihr Ding zu verteidigen und sich gemeinsam offen auf Suche begeben und Puzzleteile für das Gesamtbild sammeln.

Zitat:
Versöhnung von Interessen durch Kompromisse ... Das funktioniert natürlich nur da, wo die Interessen nicht zu weit auseinanderliegen. Andernfalls sollte man sich besser aus dem Weg gehen, statt faule Kompromisse zu suchen, die zur Selbstaufgabe führen.


Wobei das m. E. wengier eine Frage dessen ist, wie weit die Interessen auseinanderliegen, sondern eher wie offen die Beteiligen sind.

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~ Wann war eigentlich heute? ~


Geschrieben von JohnSteed am 10-07-2011 um 10:18:

Zitat:
Original geschrieben von schlafundtod
Eine frage die mich immer wieder beschäftigt ist die, nach der linientreue und der überzeugungen( auch auf die gefahr hin wieder einmal <geschlossen> zu werden ) .
Ich für meinen teil halte es für sehr wichtig, dass man seinen überzeugungen bis zu einem gewissen grad die treue hält.

ABER dieses hat für mich auch immer den ruch von (partei)linientreue und verbohrter sturheit. Für mich ein philosphisches dilemma.
Wie findet dieser <kampf der systeme> in euren köpfen statt ?

Dank für eure meinungen.



Totale Linientreue ist auch Unsinn.
Man muss immer genug Exit-Strategien kennen.
Aber zwischen Schwarz und Weiss gibt es viele Stufen.
Wenn ich etwas nicht leiden kann, dann ist das so etwas wie eine pathologische Illoyalität.
Solchen Menschen fehlt oft der Lebenskern.
Gelegentlich sollte man ein Extremist sein, wenn es die Haltung erfordert, rechfertigt und auch wert ist.
Menschen ohne Bekenntnis zu irgendeiner Sache, egal welcher langweilen mich.

__________________
"Herr Berger!....... da stimmt etwas mit Hasi nicht!".......
"Egal, ich hab ja die Quittung!"


Geschrieben von Kinch am 10-07-2011 um 10:52:

1. Odessa

Nur ein kurzer Einwand zur Homöopathie von mir:

Zitat:
Zitat von Odessa
Nein im Ernst - hier werden wir nie zusammenkommen, weil ich z. B. das so
sehe, daß Homöopathie der VORLÄUFER der heutigen modernen Schulmedizin war.
Denn früher, vor Tausenden von Jahren und in den alten Hochkulturen (ob nun
Ägypten, Griechenland, Rom, die Mayas oder China), gab es logischerweise ja
"nur" die Heilmittel aus Pflanzen, also aus Kräutern, Blüten,
Baumrinden/wurzeln usw.



Das stimmt so nicht. Homöopathie gibt es erst seit ungefähr 1800 und ist von
einem Arzt „entwickelt“ (eher ausgedacht) worden. Also ist die Medizin wenn
überhaupt ein Vorgänger der Homöopathie.

In anderen Kulturen ist mir so etwas die Homöopathie nicht bekannt. Kann mir
auch kaum vorstellen, dass die etwas haben, weil das Ganze doch recht
„abstrakt“ ist.

Homöopathie wird häufiger in Verbindung gebracht mit Naturheilkunde, aber ist
meilenweit davon entfernt. Naturheilkunde ist im eigentliche Sinne
„Schlumzedizin”, also klassische Medizin. Immerhin geht es darum, wirksame
Arzneimittel zu finden und die Wechselwirkungen des menschlichen Organismus mit
diversen Stoffen zu erforschen.

Die Homöopathie versucht aber, durch einige physikalisch und medizinisch nicht
haltbare Prinzipien zu heilen. Nämlich durch die Hypothese, dass Wasser ein
Gedächtnis hat und dass Beschwerden mit Stoffen geheilt werden können, die
ähnliches Beschweren hervorrufen. Es gibt in der Homöopathie (an sich) weder
ein wirksames Arzneimittel noch ein tieferes Verständnis über den menschlichen
Organismus. Das ist nichts, was sich ein Schamane im Naturvolk oder eine
Hildegard von Bingen ausdenkt, sondern allenfalls etwas, was ein verkopfter
Europäer aus der Oberschicht (um einige Feindbilder zu bemühen) mit einem
lückenhaften wissenschaftlichen Verständnis am Reißbrett entwickelt.


2. bradóg

Zitat:
Zitat von bradóg
Die Frage, die mich schon seit längerem beschäftigt ist, was in jemandem wohl
vorgehen mag, der starrsinnig/verbohrt ist, im "negativen" Sinne.[…]
Was verspricht sich ein Starrköpfiger von seiner Verhaltensweise?



Das impliziert, dass es eine rationale Abwägung gibt, am Ende derer sich ein
ein Mensch für oder gegen eine Starrsinnigkeit entscheidet. Aber ich denke, die
Annahme ist in den meisten Fällen unzutreffend. Darüber zu sprechen ist etwas
schwer, weil du für meinen Geschmack nicht exakt definiert hast, welche
Verhaltensweisen du jetzt genau unter Starrsinnigkeit subsumierst.

Aber nehmen wir mal Lord_Fallertons Eigendarstellung seiner Starrsinnigkeit: Er
sagt, er sei starrsinnig, weil er konstanten braucht. Dass heißt doch im
Grunde, dass das eine Form der Wahrnehmung ist und ich denke, diese hat man
sich im Allgemeinen nicht ausgesucht. Geistige Flexibilität oder Inflexibilität
halte ich im wesentlichen für eine angeborene und keine Selbst erwählte
Eigenschaft.

Aber Bezugnehmend auf folgende Definition:

Zitat:
Zitat von bradóg
daß man durch Vorverurteilung und null Selbstreflektion - ohne daß man
Neues/Anderes überhaupt ansehen oder darüber nachdenken mag - sich
verschließt wie ein Panzer,



Das ist sehr typisch menschlich und meiner Beobachtung nach, sind derartige
Geisteshaltungen insbesondere ein kulturelles und gruppendynamisches Problem.
Derartige „Starrsinnigkeit“, wird von den Betroffenden nicht als solche
wahrgenommen, sondern sie haben lediglich ein Weltbild („Das ist gut”, „Das ist
schlecht”) von deren Gültigkeit sie überzeugt sind. Menschen bringen sich
sehr schnell in die Position, dass sie ein einmal entwickeltes Weltbild
pflegen, indem sie es schaffen durch eine unbewusst selektive Wahrnehmung alles
als Bestätigung ihres Weltbildes heranzuziehen. Dadurch kristallisieren sie
geistig zusehends, weil die Möglichkeit des eigenen Irrtums ihrer Wahrnehmung
nach immer unwahrscheinlicher bis unmöglich wird.

Pathologische Formen davon sind Paranoia, aber auch ohne psychotische Defekte
können sich Menschen leicht in einem Weltbild verrennen; man kann das gut bei
Verschwörungstheoretikern, Sekten und Esoteriken sehen. Aber auch bei solchen
Gruppen wie „Politically Incorrenct“, bzw. allgemein bei politischen Themen und
schließlich auch hier im Forum.

2.1 Homöopathie

Zitat:
Zitat von bradóg
Ein Kompromiss könnte z. B. so aussehen, daß beide Seiten anerkennen, daß die
Kombination aus Homöopathie und Schulmedizin der Wahrheit am nächsten kommt



Medizin und Homöopathie schließen sich nach derzeitigen Stand der
wissenschaftlichen Erkenntnis aus. Zumindest die Medizin die Homöopathie. „Die
Wahrheit“ ist aller Wahrscheinlichkeit nach, dass Homöopathie per se lediglich
ein Placebo ist und daher höchstens im Kontext der Placebo-Forschung (die man
meiner Meinung nach durchaus intensivieren könnte) interessant ist. Vielleicht
ist sie auch für die Psychologie interessant, im Hinblick auf die Frage, warum
Menschen ein solches Bedürfnis nach Esoterik haben. Allein über die
Begrifflichkeit „Schulmedizin“ deren Intention es ja alleinig ist, Medizin zu
diskreditieren, könnte man einiges über die Wahrnehmung von Menschen
feststellen.

Für mich besonders interessant ist die Frage, warum für viele Menschen etwas
sobald es nicht mehr vernünftig nachvollziehbar ist, unmittelbar glaubhafter
wird. Neben dem Placebo-Effekt wirkt die Homöopathie noch (höchstens) dadurch,
dass sie die Menschen dazu bringt, besser Ratschläge des Homöopathen zu
befolgen.

Es ist allgemein bekannt, welche Verhaltensweisen (in den meisten Fällen) der
Gesundheit dienen: Ausreichend Bewegung, eine gesunde Ernährung, wenig Gifte a
la Alkohol, Nikotin, etc pp. Viele Menschen interessiert das aber wenig. Ich
glaube, weil sie wissen (oder zu wissen glauben), warum diese
Verhaltensweisen angeraten sind. Durch das Wissen wird es beherrschbar und
damit abwägbar. Gefahren die man sich selbst bewusst aussetzt, werden
automatisch als weniger schlimm empfunden.

Erzählt ein Homöopath aber seinem Patienten das Gleiche, dann ist das für den
Patienten etwas nicht nachvollziehbares und avanciert damit zu einem Art
Ritual, das er befolgen muss. Ich denke, dem liegt eine gewisse Aversion
gegenüber der Eigenverantwortung zu Grunde.

Ja, alles interessante Themen.

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Neu, neu, neu, neu: Kinch jetzt mit geschlossenem PN-Fach. (Emails sind leider noch möglich, aber daran wird gearbeitet)

Haftungsauschluss: Beiträge können Spuren von Sarkasmus enthalten. Außer Reichweite von Kinder, Schwangeren und Menschen mit sensiblem Gemüt aufbewahren. Gerüchte, dass Kinch auf freundliche und sachliche Worte entsprechend reagiert, entbehren jeder Grundlage. Kommentieren auf eigene Gefahr. Psychiater haften für ihre Patienten.


Geschrieben von Elementarsatz am 10-07-2011 um 15:08:

Zitat:
Original geschrieben von Odessa

Ich liebe Deine Dominanz . Nein im Ernst - hier werden wir nie zusammenkommen, weil ich z. B. das so sehe, daß Homöopathie der VORLÄUFER der heutigen modernen Schulmedizin war. Denn früher, vor Tausenden von Jahren und in den alten Hochkulturen (ob nun Ägypten, Griechenland, Rom, die Mayas oder China), gab es logischerweise ja "nur" die Heilmittel aus Pflanzen, also aus Kräutern, Blüten, Baumrinden/wurzeln usw.



Homöopathie ist nicht identisch mit Pflanzenheilkunde. Homöopathie ist eine Methode, bei der Wirkstoffe zum Teil so stark verdünnt ("potenziert") werden, dass kein einziges Molekül des Wirkstoffs mehr vorhanden ist. Das heißt: Wo Belladonna D30 draufsteht, ist kein Belladonna drin. Homöopathie ist daher keine alternative Heilmethode, sondern systematische Volksverarschung. Die Menschen bezahlen Geld für buchstäblich nichts. Du kannst dein Geld ebenso gut für Pariser Luft oder Wireless-Lan-Kabel ausgeben.

Es handelt sich auch nicht um eine altehrwürdige Tradition, sondern um Scharlatanerie aus dem 19. Jahrhundert. Aber ich sehe, dass Kinch schon einiges dazu geschrieben hat. *zurücklehn*


Geschrieben von Odessa am 10-07-2011 um 17:09:

Nur kurz - gebt mir ein bisserl Zeit, darauf zu antworten, hier steppt grad der Bär im negativsten Sinn. Vielleicht morgen oder Dienstag, wenn ich wieder etwas Luft habe. Danke vorab schon mal für die Rückmeldungen/Definitionen Eurerseits, was Homöopathie angeht :-).

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Wahre Freunde unterwegs


Geschrieben von decay73 am 10-07-2011 um 21:24:

@Homöopathie:

Ich habe kürzlich gute Erfahrungen damit gemacht.
Ich hatte relativ kurz hintereinander 3 ähnliche/gleiche Krankheitsschübe. Bei einem gabs wie üblich Kortison, der andere wurde homöopathisch behandelt und beim dritten habe ich nichts gemacht.
Letztlich hat es bei allen dreien ähnlich lange gedauert, bis sich der Schub zurückgebildet hat, wobei davon auszugehen ist, daß der mit Kortison behandelte (bekanntermaßen und kortisonbedingt) schlechter abgeheilt ist.

Letztlich ist es ja so, daß der Körper selbst sich wieder gesund macht. Viele Ärzte gehen ja schon dazu über, Placebos zu verordnen. Nur sagen tun sie das natürlich dem Patienten nicht. Medikamente sollen diesen Prozess jedenfalls unterstützen und in schwierigen Fällen ist das auch notwendig (weshalb ein guter Homöopath dies auch nicht grundsätzlich ablehnen würde). Und natürlich bringen homöopathische Mittel auch nichts bei einem Knochenbruch oder so.

Daß in einer hohen Potenz kaum noch was vom Wirkstoff drin steckt, mag sein, ist mir aber relativ egal, denn ich denke, daß der Wirkstoff eh nur einen kleinen Teil des Heilungsprozesses ausmacht. Viel wichtiger (und das nutzen Ärzte mittlerweile auch) ist die Art und Weise, wie der Arzt mit dem Patienten umgeht, ob er den Patienten ernst nimmt, und seine Medikamente entsprechend wohlwollend anpreist. Wenn er sagen würde, er verschreibe jetzt was, von dem es heißt, daß es hilft, er aber seiner eigenen Skepsis mit Nachruck Ausdruck verleiht, hilft es sicher schlechter, als wenn er sich auf die Vorteile beschränkt.
Bei einem guten Homöopathen und auch einem guten Arzt ist man halt besser aufgehoben und die Wahrscheinlichkeit, daß das Mittel gut anschlägt steigt.
Also meine Naturheilpraktikerin und Homöopathin schafft das ganz gut. Und deshalb ist die Behandlung imho auch erfolgreich.

Interessant fand ich in dem Zusammenhang auch den Bericht auf Arte, wo es um die Wirkung von Substanzen ging, die auf das endokrine System wirken. Hier braucht es eben auch nicht viele Moleküle für eine Wirkung. In dem Versuch, der auch von einem anderen Institut nachvollzogen wurde, reichte eine Verdünnung von 1:1Billion aus, damit die Spermienanzahl beim Versuchstier um die Hälfte verringert war und es quasi nicht mehr zeugungsfähig war. Beim Menschen hat man festgestellt, daß heute die Spermienanzahl beim Mann in den letzten 50 Jahren um etwa die Hälfte abgenommen hat. Sieht also nicht gut aus für Nachwuchs, wenn das so weiter geht.

Wie auch immer: meine Erfahrung mit Homöopathie und dergleichen ist eine gute...und allzu teuer ist es auch nicht

__________________


"Während der Ebbe schrieb ich eine Zeile auf den Sand,
in die ich alles legte, was mein Verstand und Geist enthält.
Während der Flut kehrte ich zurück, um die Worte zu lesen,
und ich fand am Ufer nichts als meine Unwissenheit."
(Khalil Gibran, Sämtliche Werke)


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