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-- Vorhang die Zweite (http://www.nachtwelten.de/vB/showthread.php?threadid=71348)


Geschrieben von Kildare am 05-10-2007 um 18:59:

Vorhang die Zweite

Auf Wiederholung:

12 Monate fast...und nichts ist anders geworden. Gar nichts. „Täglich grüßt das Murmeltier“ ist doch keine Fiktion. Es ist wahr. Manche Dinge kann man nicht ändern. Kurse belegt, Dinge geschrieben, Kämpfe ausgefochten, Schlachten verloren. Alles wie vorher. Einige Namen haben sich geändert, auch nur neue Schauspieler in dem alten Stück. Wiederaufführung. Ich könnte den Regisseur lynchen. Ich wollte keine Wiederaufführung, Ich wollte eine glamouröse Premiere. Moment, Regie, Hauptrolle, Organisation – das bin wohl ich. Mist. Zitat eines ganz großen, anderen Zynikers – Bernd, das Brot.
Alles von vorn, der Vorhang, die männliche Hauptrolle in neuer Besetzung, der Text bleibt wie gehabt, die Kulisse irgendwie auch. Wenigstens Chor und Regieassistenz funktionieren reibungslos. Ohne diese ständige Stütze wäre das Stück schon lange abgesetzt worden, denn die zentralen Darsteller sind meist doch ehr langweilig und berechenbar. Sie sagt – er sagt. Und am Ende wird’s ein tränennasser Abschied oder ein noch durchweichteres Fiasko, weil mal wieder jemand nicht den richtigen Text gelernt hat. Ohne Regieassistenz wäre man hier verloren. Aber die ist zuverlässiger als die schweizer Eisenbahn und hält die Aufführung am Leben und die neurotische Regie zumindest so weit bei Laune, dass die Herren in den weißen Jacken nicht gerufen werden müssen. Obwohl Intendanten und Regisseure ja schon allein wegen der Schauspieler immer am Rande des Wahnsinns balancieren. Die tun ja nie, was man will.
Und dann das Stück selbst. Allein das wäre schon Anlass für die Einnahme von drei Librium-Tabletten. Was soll man denn daraus machen? Hat keine Höhen, keine Tiefen, keine Dramatik und die Hauptrolle schleppt sich eigentlich auch nur von Szene zu Szene und bröselt am Bühnenrand vor sich hin. Langweilig. Bewegende Szenen von Liebe und Verrat? Nicht vorgesehen. Das trübäugige Zentrum zeigt zwar manchmal das Aufflackern einer amourösen Regung, aber das wird postwendend von der Vorlage im Keim erstickt. Trockener Stoff. Und was soll denn hier verraten werden? Staatsgeheimnisse trägt niemand mit sich herum. Die Regie fragt sich manchmal angeekelt, wie dieses Machwerk überhaupt auf den Spielplan gekommen ist. Das muss ein Versehen gewesen sein. Unerträglich. Es könnte um Moral gehen, um Tugend, aber auch daran fehlt es. Nur keine Extreme. Der Schriftsteller hat sich wahrscheinlich mit dieser Ausgeburt mittelmäßiger Darstellung an einem sehr undankbaren Publikum gerächt. Ihr wolltet Mäßigung und Realität? Da habt ihr! Das einzige, was er wohl noch mit Zuneigung behandelt hat, waren die Nebenrollen. Die haben Witz und Temperament. Und manchmal würde sich die Regie wünschen, das ganze Stück bestände nur aus Hintergrund. Der ist das eigentlich wichtige daran. Aber nein, das sitzt sie im Bühnenzentrum, die ungeliebte, so genannte Hauptrolle und verdirbt das Bild.

Noch einen Kaffee bitte, alles auf Anfang, Vorhang und los.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 08-10-2007 um 21:22:

Nebenrollen und Regieassistenz - ein Dank am Rande:

Es ist ja immer viel von Liebe die Rede auf der Bühne. Und meistens sind damit ehr zwei gegengeschlechtliche Rollen gemeint, die irgendwann glücklich zueinander finden - oder seit das "Happy End" als verkitscht aus der Mode gekommen ist, eben auch nicht.
Da gibt es aber noch ein anderes, klasisches Paar - die Hauptperson und ihre gute Freundin. Und diese Bühne ist voll von dieser tragenden "Neben-" rolle, die
eigentlich ein heimlicher Star ist. Denn ohne sie geht gar nichts, würde sich die Heldin des Stücks schon nach dem ersten Akt vom Bühnenrand stürzen oder einfach nur in der Mitte sitzen bleiben und sich von allen Seiten anstarren lassen. Es ist die tragende Zweite, die hier keine langen Monologe hält, sondern vom Abgrund weg und wieder auf die Füße zerrt. Die Stichworte murmelt, wenn ihre Divahaftigkeit mal wieder den Text vergisst. Die dafür sorgt, dass der Laden läuft.
Meistens bekommt diese Nebenrolle nicht die Aufmerksamkeit von Publikum und Regie, die sie verdient. Aber der Autor, der weiß schon, was wichtig ist im Leben wie im Theater. Und deshalb sagt sie die klügeren Dinge und tut das, was die Hauptperson eigentlich tun sollte.

Das Tollhaus dankt und hofft, auch in den Häusern aus denen diese begabten ausgeliehen sind, ein Gastspiel retour geben zu können. Damit unsere Diva mal was Vernünftiges sagt.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 31-10-2007 um 02:41:

Bühne - ein Sofa - zwei Menschen.

Er: " Wir könnten es uns auch einfach machen und uns in einader verlieben."
Sie: "Wer macht es sich schon einfach."

Er: "So selbstlos wärst du?"
Sie: "Wenn dann zwei Menschen, die ich mag, glücklich sind, hat sich's gelohnt."



Er sagt - sie sagt. Und der Author? Was denkt sich der Author dabei? Was ist denn das hier? Ein Drama? Ein Lustspiel? Na irgendwas dazwischen. Vielleicht auch nur eine Kommödie. Die Dialoge sind filmreif. So könnte man das abdrehen, mit diesen beiden Menschen, die dasselbe wollen und aneinander vorbei stolpern, weil sie es eben nicht miteinander wollen. Bleibt nur die Frage ob wir in Hollywood drehen oder ehr einen Film noir draus machen.
Oder ein indisches Spekatakel? Da gabe es doch diesen einen Streifen, in dem der totkranke beste Freund seiner Freundin, die ihn immer geliebt hat, einen Mann verschafft.

Das Leben ist ein zynischer Schriftsteller. Bitter. Das also?! Das muss ein Scherz sein. Aber so richtig lachen kann nicht mal das Publikum. Tragikomisch diese beiden Blödsinnigen, die nichts Besseres als einander gefunden haben und nun wie betäubt durch die Kulisse stapfen und den Paravant in die Bühnenmitte zerren. Wir sind eigenständig! Wir tun nur rein zufällig dasselbe.

Müsste hübsch aussehen, so synchron im Ablauf. Kaffee kochen, los hechten, lesen, Tee trinken, Filme gucken, auf den Bildschirm starren. Alles parallel in zwei Wohnungen. Macht sich auch in Filmsequenzen gut, so was. Aber irgendwas fehlt. Die Aufführung ist lauwarm.


Anderes Stück – andere Aufführung

Er sagt- sie sagt. Heiß – kalt. So hatten wir uns das vorgestellt. Ganz großes Kino. Mit Happy End? Wer braucht denn das? Hier tobt die Inszenierung, hier wird aus den Vollen improvisiert. Wir haben alles, mitternächtliche Herzensbekenntnisse, schier unüberwindliche Hindernisse – mit etwas Glück organisieren wir uns so gar noch den enttäuschten Liebhaber. Aber das sind die Bretter, die die Welt bedeuten. Oder eben nur diesen einen Moment im Rampenlicht. Und es leuchtet.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 06-11-2007 um 01:56:

-Pause-

Erstmal eine Tasse Kaffee. Erstmal eine Zigarette. Ja, eine Zigarette. Eine mit weißem Filter, weil man nur auf weiß roten Lippenstift so gut sehen kann. Nuttenrot.

"....nur Liebe und etwas, was nicht immer gleich entzweigeht."
Das kunstseidene Mädchen, Irmgard Keun

Kunstseiden. Nylons. Raschelnde, seidige Strümpfe. Taftunterröcke. Eitle Verzweiflung, verzweifelte Eitelkeit. Die Diva altert. Da wird bald eine andere das Gretchen mimem, das Kätchen - Kätchen, Mädchen, Kätchen warum darf ich dich nicht mein nennen? - und für die Dame mit dem angehenden zweiten Kinn, den drei Kilo zuviel und der verlebten Stimme bleibt dann vielleicht noch die Lady MacBeath. Oder die Hexen. Das kann sie. Konnte sie schon immer. Wird sie immer können. Das ist ihr eigentliches Element, diese Unglücksfrauen. Und vielleicht werden es nicht einmal mehr die sein, sondern nur noch Statistenparts. Immer brav am Bühnenrand.
Die Hand mit dem Glimmstengel zittert."Angst, Miststück? Ja. Schreckliche." Aber vor allem ist da die Wut. Diese schreckliche. unbenannte, unbeugsame Wut, der Zorn auf den Visagisten, der sie nicht jünger machen kann und auf die Kritiker, die ihr nicht mehr so verzeihen, wie noch vor fünf Jahren.

Die Zigarette wird im Aschenbecher zerdrückt. Ausgedrückt würde diesem Gewaltakt nicht gerecht werden. Sie denkt zurück an die Intendanten, die Regisseure, die Autoren, die sagten, sie würden ihr eine Rolle auf den Leib schreiben und dabei wollten sie ganz andere Dinge auf und mit diesem leib machen - nur schreiben ganz bestimmt nicht.
Hübsch reden konnten sie alle. Und was sie verspochen haben. Den Broadway, mindestens. Es hat nicht mal zu Frankfurt am Main gereicht.

In ihrem Kopf vermischen sich Text und Realität. Das kommt manchmal, wenn der Abend zu spät geworden ist und der Barkeeper zu großzügig war.

"...komm schwarze Nacht... damit er nicht die Wunde sieht, die er geschlagen."

Manche Säzte brennen sich ins Gedächtnis. "Das einzige, was an uns jemals wirklich echt war, waren die Kämpfe." Bühnenleidenschaften taugen nicht für Tageslicht.
Und dann geht es zurück hinter den Vorhang, der sich sowieso bald wieder heben wird. Da draußen wartet ein Publikum, das was sehen will. Die Diva grinst noch einmal in den Probenspiegel. Medea statt Luise. Sei's drum. Eigentlich gefällt ihr der Part eh besser.

"Was ist der Erde Ruhm? Ein Schatten.
Was ist der Erde Glück? Ein Traum.
Du armer der von Schatten du geträumt. Der Traum ist aus, allein die Nacht nocht nicht."~ Medea, Franz Grillparzer


Text in Himmelblau -Das Käthchen von Heilbronn, Heinrich von Kleist
MacBeth, William Shakespeare

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Geschrieben von Kildare am 16-11-2007 um 02:22:

Dazwischen, die wahrscheinlich klassische Form der Bühnenbeziehung, die gern mehr als Zwei auf den Brettern, die die Welt bedeuten, hat, weil das doch viel interessanter ist, als trautes Glück, das gewaltsam von außen gestört wird. Innere Kämpfe zählen. Gespräche mit den Wänden der eigenen Seele - und für Schauspieler sind diese Wände immer in Richtung Publikum. Gut hinschauen, ein Teil davon könnte echt sein. Nur welches Lächeln? Und zu wem?

Diva - die Göttliche. Eigentlich fühlt sie sich ja gar nicht so, aber es schmeichelt doch ungemein, so genannt zu werden. La Divinissima. Gorgeous. In solchen Worten kann man besser baden als in Anti-Falten-Creme. Das ist so gar noch schöner als Alkohol und Schokolade. Prickeld mehr als Premierenchampagner. Weibliche Hauptrollen mögen kleine Schmeicheleien. Unser fallender Stern ist nicht anders. Nicht ein bisschen anders.
Man kann satt werden an "Du wärest es wert, einen ganzen Kontinent zu überbrücken." "Sie ist nicht ein Viertel von dir - und ich habe sie verdammt gern gehabt.". Satt werden, glänzen, strahlen, aber nur nicht glauben. Das ist wie mit Romeos Liebesschwüren. Die wirken nur im Scheinwerferlicht. Und dann verblassen sie. Das ist Kunst. Keine Realität. Das darf man nicht verwechseln. Und wer sollte das besser wissen, als unsere Möchtegern-Marlene?
"Es ist nicht wahr." murmelt es also in ihrem Hinterkopf. Neigt sich hierhin, dort hinüber, immer dem Stichwort zu. Wer's eben gerade gibt.
Es gleicht fast einem Tanz. Tango mit mehreren. Wie viele das wirklich sind, kann man bei der Beleuchtung nicht ausmachen. und sie hasst Tanzszenen. Zu viel Körper - zu wenig Text. Mit Worten kann man arbeiten, mit dem Körper ist es etwas anders. Das balanciert auf der Grenze, schwebt immer ein bisschen über der Linie, die zwischen ihr und den anderen Darstellern ist. Körperliche Nähe ist irgendwie immer gleich, einnehmend, erdrückend, beengend, präsent. Man kann sie nicht weglügen. Man kann sie nur absprechen. Aber das macht den fremden Geruch auf der eigenen Haut nicht besser.
Es ist nur ein Stück. Wir spielen unseren Part. Und später legt man die Kostüme ab, holt die Schminke vom Gesicht und verlässt das Theater. Allein.


Synthetic Generation

I play hell, you play heaven
I'm deaths own little star...
Can you trace the sins that haunt you,
And play the devil's cards as I do?

I am all that you see,
I am all that you want me to be!

I am god, and so the Antichrist
I'm blessed, yet damned
I'm fallen, yet resurrected
I'm all of nothing!

I play death, you play life, triple sixes to rise...
Can you see the visions I brought you,
And the devilish games that I taught you?

I am all that you see,
I am all that you want me to be!

I am god, and so the Antichrist
I'm blessed, yet damned
I'm fallen, yet resurrected
I'm all of nothing!

Synthetic generation...
Stop not, it's indifference high you must know...

I am all that you see,
I am all that you want me to be!

I am god, and so the Antichrist
I'm blessed, yet damned
I'm fallen, yet resurrected
I'm all of nothing!
~ Deathstars

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Geschrieben von Kildare am 18-11-2007 um 05:35:

Revue - Insomnia

Spärliche Beleuchtung. Perlmutt-Einpersonen-Spot. Tanzen. Wiegen. Die Augen geschlossen - so als würde gar niemand zusehen. Kreisen, mit Armen und Beinen Arabesken formen und eine Luftgestalt, die nicht da ist. Abwesender zweiter Darsteller. Aber das macht es ja gerade spannend. In diese Rolle kann man jeden denken, an dessen Körperlinien sich die einsame Bühnenfigur entlangatmet. Zu dessen Füßen sie zusammenfällt. Dem sie sich entgegenbiegt, entgegenschmiegt wie eine Katze die Glieder dehnend. Hüften wiegend, Röcke schleifend in weiten Schritten. Sehnsucht hat Zeit. Es gilt ja nicht, einen Kopf zu erringen oder mit wildem Stampfen einen Krieg zu gewinnen. Kein Duell wirbelnder Füße, nur ein langsames Drehen und Beugen. Ein Mensch und ein Phantom, zwei in einer Szene.
Schattenspiel. Eine Frau. Ein schwarzer Flecken, der ihr folgt. Ein Abglanz von Verlangen den beide umspielen.
Die Maske hat sich mit dem Gesicht keine Mühe gegeben. Auch hier nur weiße Flächen und Schatten. Aber es reicht schon. Im fahlen Scheinwerferlicht wirken die spröden, blassen Lippen fast zerbrechlich. Die tiefen Schatten unter den Augen sind nur Verlängerung der Wimpern. Was später erbärmlich aussehen wird, passt irgendwie zu dieser Inszenierung einer Lücke.
Es fehlt: an Schminke, an Tempo, an Darstellern. Nur nicht an Gefühl.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 26-11-2007 um 05:59:

Linkin Park - Leave out all the rest

I dreamed I was missing
you were so scared
but no one would listen
cause no one else cared
after my dreaming
I woke with this fear
what am I leaving
when I'm done here
so if you're asking me I want you to know

When my time comes
forget the wrong that I've done
help me leave behind some
reasons to be missed
don't resent me
and when you're feeling empty
keep me in your memory
leave out all the rest
leave out all the rest

Don't be afraid
I've taken my beating
I've shared what I made
I'm strong on the surface
not all the way through
I've never been perfect
but neither have you
so if you're aksing me I want you to know


Forgetting ~ all the hurt inside you have learned to hide so well
Pretending ~ someone else can come and save me from myself
I can't be who you are

Ob sie das wohl tun, wenn sie die Kritiken schreiben? Den Rest weg lassen? Den nicht so hübschen Rest.

"Wie ernst meintest Du das eben?" Die Diva ist wohl doch eine gute Schauspielerin. Zwei Monate. Tisch und Bett und gemeinsames Wunden Lecken und dieser kleine Schönheitsfehler wurde nicht bemerkt?
Ich hätte "toternst" antworten sollen. Die meisten Dinge, die ich an Sonntagnachmittagen über einer Kaffeetasse sage, meine ich auch so. Genau so.
Konnte ich wirklich irgendjemandem weiß machen, ich sei heil? Geistig gesund? Grenzweise glücklich? Das ist so lächerlich, das reicht zur Tragikomik. So gut war ich zu meinen besten Zeiten nicht, als ich mir den Kopfschuß noch in einem Spot setzte, direkt am Bühnenrand. "Seinen Uri sieht er nimmermehr." -Die Räuber, Schiller - .
Nun ja, zur Bühnenlegende fehlt noch ein bisschen. Und irgendetwas muss ja ürbig bleiben, wenn die Lampen ausgehen. Also - Scheinwerfer bitte. Mehr Licht.

"Jeder Mensch ist ein Abgrund - es schwindelt einen, wenn man hinein sieht."
Woycek, Büchner

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Geschrieben von Kildare am 01-12-2007 um 03:39:

Weißer Tigerstern - femme fatale

"Du bist mein weißer Tigerstern." So kann man in den Weiten des Ostens jemanden benennen, der einem Unglück gebracht hat. An dessen Händen und Taten wie dunkle Erde an Raubkatzentatzen die eigene Zuversicht haftet.

Und nicht zu selten ist so ein weißer Tigerstern eine Frau. Eine von jenen Frauen, die einen Mann mit Leib und Seele verschlingt und von ihm nichts übrig lässt, als blasse Haut über brüchigen Knochen.

In diesem Moment erkannte er die Frau, die genauso schön und rätselhaft war, wie bei ihrer ersten Begegnung. Sie trug bloß eine Tunika aus grüner Seide. Sie hatte langes, schwarzes Haar. Riesige. grüne Augen.
Und sie rauchte eine Opiumpfeife.

"Wer sind Sie?", fragte er."Erinnern Sie sich nicht mehr an mich?"
Charles Stowe richtete sich auf seiner Liege auf:
"Opium!"
Die Frau begann zu lachen. Sie hatte eine weiße Mohnblume auf die Schulter tätowiert.
"Ich möchte, dass sie mich Loan nennen."

Vom Delirium geplagt, hielt er die lange Opiumpfeife, die von nun an seine ständige Begleiterin war, in der Hand. Sodann näherte sich Loan und schmiegte sich an ihn.

Er hatte ihr versprochen, dass er zu ihr zurückkehren würde. Er würde nicht zurückkehren." M. Fermine, Opium


Gebrochene Versprechen. Worte, die sich ins Gedächtnis kerben. Momente, die wie Gift ins Bewusstsein sickern.
"Ich werde Dich retten." "Als ich gesagt habe, dass ich Dich liebe, da meinte ich doch nicht für immer." "Wir waren beide blind vor Liebe. Du hättest das auch erkennen müssen.""Meine Gefühle für Dich sind abgeebbt." "Ich weiß nicht wie, aber Du wirst immer ein Teil von mir sein."

Alltagsdämon. Besessen. In jedem unbeobachteten Moment, in den Sekunden dazwischen, in denen ich zum Fenster hinaus starre.
Warwara - Andreijewna - ihren eigenen Bruder nimmt sie zum Mann. - Kuckuck- tu dich auf Erde - kuckuck - versinke Schwester.
Eine Märchenzeile aus einer russischen Sage. Versinke, geh' unter, verschwinde.

Geisterfrau. "Ich hatte mich entschieden und ich war bereit, den preis zu zahlen." "Ich werde Dir nicht sagen, dass es nicht weh tut, denn das wäre gelogen." Einfach verschwinden vom Angesicht der Welt. Nicht mehr da sein. Für niemanden mehr da sein. Sich auflösen in Nebel und Wind, bis man Schwüre nur noch murmeln kann gegen die Felsen. Aufprall, ertrinken - Spuren an der französischen Küste. Das wäre doch auch hübscher Titel, für ein Theaterstück.
Ich kann nicht. Dabei wäre es so praktisch.

Der andere Mann - zweifach.
"Du hast was besseres verdient." "Du behandelst mich auch besser als alle anderen Frauen vorher." Vielleicht, weil wir uns nie geliebt haben, nicht lieben und wohl auch nicht lieben werden. Kein Sog, keine Gefühle, nur Bedürfnisse.
Was ist denn wichtig für Dich? "Du." "Und wenn es anders gekommen wäre, wäre ich dieser Mann."
Kann nicht.
Es gibt den Kaffee wohl entweder mit Milch oder mit Zucker. Beides wäre zu viel verlangt. Also entweder mild aber nicht süß oder aber süß aber auch bitter.

Du bist mein weißer Tigerstern. Ich bin Dein weißer Tigerstern. Und wir alle sind einander Hafen und Sturm und Felsen und Schiff zugleich.

Schiffbruch mit voller Besatzung.

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Geschrieben von Kildare am 20-01-2008 um 08:42:

Noh - Masken

Was siehst Du? Was? Welches von den ganzen Gesichtern? Die Frau? Den Dämon? Die Hexe? Das Mädchen?

Ich habe sie alle getragen. Sie sind mir eigen. Welche willst Du? Ja - das alles bin ich. Und noch ein bisschen mehr. Und ein ganzes Stück weniger.

Käfigfrau - eine Kinderweise, ein altes Spiel, ein Lied aus einem fremden Land.

Käfigfrau - eingesperrt in sich selbst.

Käfigfrau - ich will gerne...Flügel ausbreiten. Schwingen. Fittiche, unter die man kriechen könnte. Aber der Phönix hat Angst vor dem Brennen.

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Geschrieben von Kildare am 26-01-2008 um 15:57:

....Es zieht uns näher zur Sonne,
doch wir fürchten das Licht,
wir glauben nur Lügen, verachten Verzicht,
was wir nicht hassen - das lieben wir nicht."
Gott ist tot, Tanz der Vampire


Funken schlagen. Den Zirkustrick mit dem gezähmten Tiger beherrschen wir wohl noch nicht. Katzenmenschen. Goldene Augen die Löcher in die Dunkelheit brennen, schnurrende Laute - lautes Fauchen. Zähne blecken. Krallen fahren aus. Das Rund einer Manege, ein Ring, ein Tanz.

Vor-zurück, wie ein Fluss aus einstudierten Schritten, von denen jeder seinen eigenen Zauber birgt, gerade weil es gefährlich ist. Kein Netz, kein doppelter Boden.
Lebensecht. "Menschen, Tiere, Sensationen". Dieses Biest ist verdammt wirklich und beängstigend menschlich.

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Geschrieben von Kildare am 19-02-2008 um 13:23:

Ungehaltener Monolog vor einem Ein-Mann-Publikum

"Das machst du nicht!"
-auf voller Lautstärke, mit aller Kraft, die eine Stimme, die darauf trainiert wurde, ohne Mikrofon bis in den letzten Winkel der Aula eines ehemaligen Mädchengymnasiums zu dringen, 8 Jahre später noch hergibt. Mit allem Zorn und aller Leidenschaft, die 25 Jahre noch übrig gelassen haben.
"Das tust du mir nicht an. Und ja, ich weiß, dass es selbstsüchtig ist von mir, jetzt, wo es dir so schlecht geht, daran zu denken, wie dreckig es mir später gehen wird, wenn du nicht mehr da bist, Idiot."
Pause.
"Aber ich kann nicht anders. Ich kann's ja nicht verhindern. Ich möchte schon, aber du glaubst mir ja nicht, wenn ich dir sage, dass es Unsinn ist, was du da vorhast. Und ich kann dir nicht versprechen, dass das Leben besser und schöner wird. Ich glaube, dass es Unsinn ist. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das, was wir haben und halten können besser ist als ein ungewisses Jenseits. Ich will einfach niemanden mehr auf der anderen Seite haben, den ich am liebsten umarmen würde, nach dem ich mich sehne.
Ich...ich...du. Wenn man sich über eine weite Distanz nahe sein kann, sind wir das. Die gleichen Filme, dieselben Gedanken. Diesselben Lieder. Derselbe Zynismus.
Und leider ein Ozean dazwischen, der mich daran hindert, einfach vor deiner Tür zu stehen, dich an den Strand zu zerren und dich wirklich anzubrüllen, bis dir die Ohren klingen.
Ich hätte es ja wissen können. So sehr kann ein normaler Mensch mir gar nicht ähnlich sein. So weit verstehen kann mich niemand mit einem hübschen, schmerzbefreiten Leben auf der sonnigen Seite von Fortunas Rad. Ich hatte mir nur so sehr gewünscht, es wäre so, du wärst so. Glücklich, ein bisschen sorglos, ein Sonnenkind. Wir glauen gern, was wir wünschen oder fürchten.

Trotzdem! Jetzt nimm gefälligst den Rücken gerade. Und dann machst du weiter. Und es ist mir vollkommen egal, wie bescheiden du dich dabei fühlst. Wir wurden nicht zum Aufgeben gemacht und wir sind viel zu gierig, um irgendetwas loszulassen, was uns gehört. Und dein Leben gehört dir. Wenn's dir nicht passt, wie es ist, such' dir einen anderen Job. Zieh aus und sag deiner Familie, sie können dich kreuzweise gern haben, wenn sie sich wirklich so wenig um dich scheren, wie du meinst. Füll' diesen blöden Schein aus und geh' auf ein Collegue in Canada. Mach' was!
Ich weiß, das klingt komisch aus dem Mund der offiziellen Miss Stagnation, der Frau, die seit Jahren auf der Stelle tritt, die "auf Wiederholung" lebt. Andererseits - ich bin noch da. Wenn ich das schaffe - dann kannst Du das - verdammt noch mal- auch!.

~Niemand wird mich vermissen. Das Leben wird einfach weiter gehen.~ Natürlich wird das Leben weitergehen, Dummerchen. Aber das niemand dich vermissen wird, das ist nicht wahr. Und wenn es nur ich bin. Ich bin nicht niemand, weisst du, auch wenn ich für dich nur Buchstaben auf einem Bildschirm bin. Diese Buchstaben würden dich schrecklich vermissen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es da noch einige andere geben dürfte."
Pause.
"Und jetzt komm. Da draußen wartet was auf uns. Und Kneifen zählt nicht."

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Geschrieben von Kildare am 07-03-2008 um 20:29:

Spiegelbilder

Da ist ein Abdruck von dir in mir. Von viel zu vielen Menschen, die sich mir im Laufe der Zeit aufgeprägt und eingebrannt haben. Manche willkommen, andere ungebeten.
Ob ich auf Dir auch Muster gelassen habe? Tiefe, schartige Muster, brandige Stellen im Seelengefüge, wo funkenstiebend ein Geist einen anderen berührte. Wohl kaum. Du bist nicht brennbar, Du glühst für nichts - und niemand macht Dich warm. So ist das eben.
In unserem kleinen Parrallel-Universum bist Du in jedem Fall die größere Diva. Und, ich mag es kaum glauben, wohl auch der größere Masochist. Je mehr Du getreten wirst, desto mehr Zuneigung zeigst Du. Das ist nicht meine Schule. Oder doch? Denn ich bin ja genauso mit Dir. Tritt mich - und ich werde trotzdem für Dich da sein. Trotzdem - nicht deswegen.
Trotzdem...trotz allem... Trotz, die Füße in den Boden und die Hände in die Hüften stemmen. Nicht zurückweichen. Das ist uns gemeinsam. Sturr und stolz, wie es nur Hauptrollen und passionierte Nebendarsteller sein können. Niemand trägt eine Vase so auf die Bühne wie ich. Niemand stellt sich absichtlich dermaßen ins Rampenlicht wie Du.
Bühnenjunkie. Brauchst Du die Aufmerksamkeit? So wie ich das dankbare Lächeln brauche? Das "Hast Du gut gemacht."? Brauchst Du die Bewunderung und den Hass?
Ich habe schon damals gesagt, dass "wir" nicht gut gehen würden. Es zeichnete sich ab, dass für zwei in einer Rolle kein Platz war. Schon gar nicht, wenn wir über deren Gestaltung so unterschiedliche Ansichten haben.

Ich hasse es, recht zu haben. Ich kenne das Stück, ich kenne den Text. Schade eigentlich. Mir hätte eine freie Improvisiation mit glücklichem Ende besser gefallen.

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Geschrieben von Kildare am 22-04-2008 um 03:43:

"...und daraus schließe ich, was du Liebe nennst, sei ein Pfropfreis, ein Ableger." Othello, Shakespeare

Wiederaufgelegtes Stück im Dramenkreis um Eifersucht und blühende Wüstenlandschaften. Mittlerweile nicht mehr zwischen Zweien sondern mit reichlich Nebenbesetzung und frischer Regie.
Ich dachte, den letzten Vorhang hätten wir bereits gehabt. Manchmal also doch eine Überraschung. Oder nicht?

Was sagst Du nicht, wenn Du mit Worten um mich herum schleichst? Wovor schreckst Du denn so zurück, wenn ich ehrlich bin? Die von uns beiden so geliebte Ehrlichkeit.

"Es fallen eure Gründ auf euch zurück wie Hunde, die den eigenen Herrn zerfleischen." Heinrich IV, Shakespeare

Was hast Du mir nicht an den Kopf geworfen. Nun bist Du zurück und ich freue mich so gar noch darüber. Aber ob Du das immer noch meinst, natürlich will ich das wissen. Natürlich will ich das hören. So etwas vergebe ich vielleicht, vergeben, ja, das ist meins - aber vergessen? Und wenn Du Deine Meinung von damals immer noch hast, dann fahr meinethalben gleich wieder zur Hölle. Dann will ich nicht mal über das Wetter mit Dir reden.
Natürlich hast Du sie nicht mehr. Hattest sie nie? Warum dann? Warum? Warum musstest Du mir so weh tun?
Weil ich Dich gelassen habe? Ich wusste, dass ich mich verbrennen konnte and den Funken. Aber ich mochte die Wärme. ich mochte die wachen Momente. Nach mehr habe ich nie gefragt. Und trotzdem hast Du mir irgendwann die Maßstabskeule über den Schädel gezogen. Mich mit dem Meterband stranguliert. Mich "diese Sorte Frau" genannt, diese Sorte Frau, mit der Du nichts zu tun haben willst. Wolltest? Nun gut, ich habe das akzeptiert. Zähne knirschend, verletzt, betroffen, aber ich erkannte diese Betrachtungskluft als unüberbrückbar.
Und nun bist Du zurück? Anscheinend. Und mit denselben Worten. Liebling. Aber ohne Erklärungen.
Ohne Erklärungen wird dieser Akt aber leider nicht abgehen, Minchoro. Man tigert nicht einfach in und aus meinem Leben, versetzt mir noch ein paar Tatzenhiebe und wundert sich dann, wenn die Sahneschüssel nicht mehr auf dem Boden steht.
Den ersten Schritt haben wir hinter uns. Die magischen Zeilen sind gefallen. "Es tut mir leid." Bleibt nur die Frage - warum?

"Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur."
Die lustigen Weiber von Windsor, Shakespeare

Ich hoffe immer noch, dass es eine Erklärung gibt, die es mir ermöglicht, Dich wieder mit so dumpfer Hundetreue zu lieben wie zuvor. Wie das mit allen meinen Freunden ist. Aber derzeit weiß ich nicht wie. Komm, ich habe Dir den Einsatz gegeben - sag' Deinen Text.

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Geschrieben von Kildare am 27-04-2008 um 16:08:

“My heart is true as steel.”
William Shakespeare

...und Stahl blutet nicht. Stahl rostet nicht. Stahl wird nicht müde.

Ob man solche Sätze als autogenes Training benutzen kann? Bei einem Managerseminar? Im Alltag?
Die Diva möchte die Tür der Umkleidekammer zuschlagen, dass noch mehr goldener Flitter von diesem einen, schäbigen Stern abplatzt. Kritiker sind wie eine Meute Terrier, allein nur laut und agressiv aber im Rudel tödlich. Von dieser Rotte hat sie jeden einzelnen gefüttert und gehegt, aber es ist gute Sitte, die Hand, die einen füttert, zu beißen. Die nächste Aufführung findet dann wohl mit Handschuhen statt.

Auf Wiederholung - ist das so eine Publikums- und Kritikerbegabung einen erst auf die Bühne hinaus zu klatschen und dann auszubuhen?

Na gut - bringen wir wieder "Was Ihr wollt" auf den Spielplan. Wortwörtlich.

"Und was sie mich nennen, das werde ich sein müssen." Goethe, Faust

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Geschrieben von Kildare am 27-05-2008 um 16:52:

Seit wann dient eine Sklavin der andern?

Oder eine Sklavin einem Sklaven? Komm, bind mir die Hände zusammen, wenn Du kannst. Schnür' mir die Glieder mit Worten fest. Sieh' es ein, Herzliebchen, manche Zauberformel wirkt nur begrenzte Zeit. Es gibt ein Ende für jeden Bann. Du singst mich nicht mehr wach. Ich schlafe wieder.

Es blieb dir also und du vergrubst es
Und so ist's abgetan und aus!
Weggehaucht die Vergangenheit,
Alles Gegenwart, ohne Zukunft.
Kein Kolchis gab's und keine Götter sind,
Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht:
Weil du's nicht denkest mehr, ist's nie gewesen!
So denk denn auch, du seist nicht elend, denk
Dein Gatte, der Verräter, liebte dich;
Vielleicht geschieht es!


Was redet man sich nicht alles ein um guter Liebe willen? Was glaubt man nicht alles, wenn's nur schön klingt. Und wer gesteht sich schon gern ein, dass das, was man Lüge dachte, Wahrheit war und die hässlichen Tratschgeschichten - wahr? Es war so hübsch für eine Weile. Es war ein Märchen, Aschenputtel und das Biest, aber am Ende blieb jeder von uns doch, was er immer gewesen war. Die Hexe und der Zauberer.


Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen?
Von selbst erinnert es sich schon genug!


Und solche Erinnerungen streift man nicht ab wie eine Ballrobe, einen gläsernen Schuh. Mein Narbenkleid und ich sind eins. Die Summe meiner Erfahrungen, nicht nur die paar schönen, weißen Stellen Haut im Nacken und die schmalen Handgelenke, nein, auch der ganze Rest, die Wunden, die Schürfungen, die dunklen Flecken, die Risse im Gewebe. Erinnerungen, eingewebt in eine Persönlichkeit. Wenn man sie heraus schnitte - da bliebe nur ein Flickkenteppich, der so gar noch unansehnlicher wäre mit seinen Löchern als der Quilt aus Erlebtem und Erlentem, den wir jetzt haben.


Zuletzt verbanden sie als Gattin dir
Ein gräßlich Weib, giftmischend, vatermörd'risch.
Wie hieß sie?--Ein Barbarenname war's--

Medea!
Ich bin's!


Und so muss es auch bleiben. Ich bin's. Und keine andere. Nicht glatt und schön, nicht weiß und gold - rot und schwarz, gekerbt und rauh. Unwandelbar "diese Sorte Frau", die unter jeder Schicht Seide, jeder Lage Schminke doch immer bleibt, was sie war. Da hilft kein Korsett, kein Sockelschuch, kein Lippenstift und keine Säuselstimme - unter dem allem bleibe ich "diese Sorte Frau", die, die immer ein bisschen zu viel will und nie ganz so klug ist, wie sie sein sollte.
Ganz ehrlich?
Non, je ne regrette rien

Medea - Franz Grillparzer Edith Piaf

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 11-06-2008 um 00:09:

"Wenn Du mich nur nicht schlägst, mein hoher Herr."
H. v. Kleist, die Feuerprobe


Mach' nur. Wenn ich nicht wüsste, dass es noch verdammt tief hinab geht, würde ich am liebsten fragen, was denn schon noch passieren kann. Ich verliere den Verstand, wenn's da noch was zu verlieren gibt. Ansonsten geht alles seinen gewohnten gang, stetig wie ein Flusslauf. Am morgen hinauf und des nachts hinab und dazwischen ist ein bisschen Tag, das sich leicht füllt mit Papier.

Du fehlst mir. Du fehlst mir so unsäglich, dass ich es dir tatsächlich noch nicht gesagt habe. Warum auch? Du vergisst mich. Heute hast du wirklich nicht gewusst, ob ich Animes kenne. Und gemeint, Metallica sei wahrscheinlich nicht mein Ding. Wenn ich mir das ansehe, frage ich mich, in wie weit du mich überhaupt gekannt hast. Und wieviel von dem, was du gesagt hast, hübsches Geschwätz war. 70 Prozent? Und 30 Prozent Beschimpfungen?
Und trotzdem. Wenn ich zurückblicke, warst du mein letzter Prometheusfunken. Einer der Menschen, für die man brennt. Man liebt seine Freunde und seine Familie, das ändert sich nicht. Nur Zwischendurch streift so ein Komet dieses stabile Gefühlsgefüge. Morgenstern, der gefallene.
Deine Divaallüren fehlen mir, deine mürrische Art, deine Ausbrüche, die guten und gerade nähme ich auch einen schlechten. Und wahrscheinlich bin ich selbst nicht mal unschuldig. Tango. Wenn du vorkamst, bin ich zurück gegangen. Und umgekehrt? Oder habe ich das nur so gesehen?
Es geht hier alles seinen Gang, mach' dir keine Gedanken. und irgendwann, Tag umd Tag und Stück um Stück, bist auch du nur noch Vergangenheit, ein wehmütiges "Es war einmal.....".
Jetzt - jetzt möchte ich wie eine große Katze zu dir schlurfen, mich neben deinen Füßen fallen lassen und schnurren, damit du weisst, dass ich da bin. Schwarze Katze. Weißer Kater.
(Schöner Film übrigens, schade, dass du die europäischen nicht so magst.)

Das Leben geht weiter, Morgenstern. Du nennst mich schon lange nicht mehr deine und ich habe aufgehört, dich Minchoro zu schimpfen. Du bist nicht mehr meine Liebeslaune, du bist nur noch eine Erinnerung an ein Empfinden irgendwann bei Sonnenaufgang.

Du fehlst mir. Vielleicht stehe ich morgen früher auf, mache mir einen Kaffee, schlürfe das Zeug schwarz und denke an dich. Morgens war immer "unsere" Zeit und es gibt verdamt wenige Menschen, für die ich gern früh aufgestanden bin.

"Sticks and stones may break my bones, but whips and chains excite me, So... throw me down, and tie me up and show me that you like me...."

Quelle mir unbekannt, aber es geht mir nicht aus dem Kopf. Komm, schattenliebster Morgenstern, zeig mir, dass du mich magst. Und wenn du mir weh tust.
Morgenstern, Tigerstern - und der Himmel steht voller Lichter.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 20-06-2008 um 02:19:

Fehlender Text

Schlimmer noch, als die ständigen Wiederholungen, sind die Lücken im Text. Oder diese peinlichen Momente, wo man ihn vergessen hat. Stichwort. Kann bitte jemand mir mein Stichwort geben? Das Publikum glotzt, alles wartet und die Worte wollen einfach nicht kommen. Der Kopf ist leer gefegt. Dabei hatte bei der Generalprobe noch alles geklappt.

Ungesagter Text verschwendete Worte

Also gut - räuspern - und los: Ich liebe dich noch immer.

Geht doch.

Seit der ganzen Zeit, die wir nicht mehr miteinander reden und in der ich mir klar mache, dass wir überhaupt gar nicht zusammengehören und brav wiederhole, was für ein verdammter, bornierter, sturer, egoistischer, egozentrischer Trottel du bist, hat sich im Grunde nichts geändert. Du bist noch immer mein Quecksilbermond, mein Komet und ich würde dich noch immer beschützen, wie eine Löwin ihr Junges. Ich möchte deine Narben noch immer mit meinen bedecken, dir Hafen und Segel zugleich sein. Wie damals.

Widerlich schwülstig. Kein Wunder, dass ich das nie über die Lippen gebracht habe. Das ist nicht mein Text. Das ist so eklig klebrig übersüßt wie künstlicher Honig. Das konnte man nicht einmal einem dramasüchtigen Publikum wie dir zumuten. Auch der letzte Laienschauspieler hat seinen Stolz. Selbst ich.

Ging nicht. Geht nicht. Das weiß ich ja auch. Wenn die Katze die Maus endlich eingefangen hat, lässt sie sie halt halbtot liegen oder frisst sie. Für Mäuse gibt's kein glückliches Ende, wenn sie sich mit Katzen einlassen. Ich vergleiche mich so ungern mit einem Nagetier. Und von welcher Maus hätte man je gehört, dass sie sich, nachdem sie noch einmal glücklich davongekrochen ist, nach der Katze sehnt? Emotionaler Masochismus. Es gibt kein Tier im Tierreich, das so grundlegend dämlich wäre.

Ich träume immer noch von dir, wenn ich nicht aufpasse, denke ich an dich. "Sweet home Alabama"....von Südstaatenmelodien direkt ins Asyl für Mondsüchtige. Nichts funktioniert, wie es könnte, weil du mich wie meine hausgemachte Nemesis begleitest, eine Erinnerung, die so vieles andere dagegen abgeglichen blass erscheinen lässt.
Was ist an dir? Nichts. So wie ich nicht außergewöhnlich bin, bist du es eigentlich, näher betrachtet, auch nicht. Außergewöhnlich unhöflich vielleicht. Aber irgendwas an deinen ganzen Kanten und Macken muss zu meinen Kanten und Macken passen. Oder zumindest bilde ich mir das verdammt erfolgreich ein.

Also, zurück zur Kernaussage: Ich liebe dich noch immer. oder zumindest bin ich auf eine Weise besessen von dir, die einer ernsthaften Verliebtheit nahe kommt. Denn Liebe, das wissen wir ja beide, ist nur das, was auch hält. Bei uns war immer alles brüchig, Drahtseilakt, eine Menge doppelter Boden und leider kein Netz weit und breit. Bringen wir's zu Ende. Lass mich meinen Text sagen und dann sagst du deinen, das Licht geht aus und es ist vorbei.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 22-06-2008 um 00:40:

Denk an mich zärtlich wie an einen Traum
Erinn're dich, keine Macht trennt uns
Außer Zeit und Raum
An dem Tag, wann er auch kommen mag
An dem du Abschied nimmst von mir
Lass das gestern weiterleben
Schließ es ein in dir

Natürlich war an allem Anfang klar
Dass ich dich irgendwann verlier
Aber wenn du dich zurücksehnst
Such mein Bild in dir

Phantom der Oper, A. Lloyd Webber



Vorhang. Schwerer Samt, der fällt. Scheinwerfer, die ausgehen. Und eine ungeschminkte Gestalt, die aus dem Hinterausgang schleicht. Ich hätte für Dich auch noch eine Zugabe gegeben, vor leerem Saal bei schlechter Beleuchtung. Ohne Mikrofon und Verstärker. Aber Du hast den Saal verlassen, schon in der Pause. Ich habe die zweite Hälfte noch brav absolviert. Vielleicht nur, um zu beweisen, dass ich auch spielen kann, wenn Du mir nicht zusiehst. Aber Deinen Blick spüre ich doch im Nacken. Oder ehr weiter unten, mehr links, er brennt ein bisschen.
Wie auch immer, jetzt also runter von der Bühne, raus aus dem Kostüm, das mir eh nie richtig passte und nach Hause.
Bis zur nächsten Premiere.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 01-07-2008 um 02:43:

Weißer Tigerstern II - Totenbeschwörung


~ Ach, Gift und Schwert, sie fanden mich verächtlich und sprachen:
" Du verdienst nicht, daß man deiner verfluchten Knechtschaft dich entreißt,

-Du Narr! - wenn es uns auch gelänge, dich ihrer Herrschaft zu entledigen, -
deine Küsse riefen doch den Leichnahm deines Vampirs zurück ins Leben!"~
C. Beaudelaire


Und so hatte ich meinem Blutsauger den Pflock durch's Herz gerammt, den Sargdeckel zugeschlagen und ihn sechs Fuß tief in die Grube hinab getreten. Ruhe sanft.
Aber das Biest schläft nicht bei den Toten. Kein Wunder, wenn du es auch beharrlich rufen musst. Du weisst doch, den Namen nennt man nicht, damit sie die Augen nicht öffnen. Dummer Junge.

"Du warst das alles und ich war nichts davon" "Vielleicht in unserem nächsten Leben..." "Wir haben immer noch einen Funken Hoffnung."

Nein.
Kein wir. Keine Hoffnung. Nur ein Wiedergänger, der nicht in seinem Grab bleiben will, ein allzu willkommener Geist aus glücklichen Tagen. Aber solche Küsse sind kalt und auf die Dauer bringt einen das Leichengift um.

Es ist eine klassische Geschichte, in der die Liebste aus dem Totenreich zurückkehrt. Blas die Kerzen aus. Ich bin noch nicht so weit. Ich will mich nicht in Blut und Tränen an dich ketten. Die Schattenexistenz, in der ich keine lebenden Wünsche haben kann, ist nichts für mich.

"Wissen Sie, Monsieur, ich glaube, sie wünschte sich mehr als alles auf der Welt, jene Frau zu sein . Sie können das nicht verstehen. Doch ich habe gehört, wie sie diesen Brief gelesen hat. ich weiß, das es so ist."
A. Baricco, Seide


Gehofft - oh ja, brennend gehofft auf diese eine Rolle. Aber die sollte eine andere bekommen.
Nun, wir haben besetzt, das Stück spielt und jetzt kann man dem Publikum keine Änderungen mehr vorsetzen. Und teilen kann man den Text auch nicht.

Weißer Tigerstern. Sehnsucht nach einem Gestirn. Einem Fixpunkt vor dunklem Himmel. Zweifach.

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Geschrieben von Kildare am 09-07-2008 um 19:11:

Mehrseitiger Monolog

"Wohin wirst du gehen, Miststück?" "Ich weiß es doch auch noch nicht. Irgendwohin, irgendwann." "Du bist ein Schiff ohne Anker." "Ja."

"Wem gehörst du Streuner?" "Mir." "Und?" "Nur mir." "Sollte dich das nicht glücklich machen, Wolfsweib?" "Sollte es wohl."

"Was haben sie dich genannt?" "Löwin, Tiger, Drache, Dämon." "Warum bist du das dann nicht?" "Weil auch alte Götter irgendwann schlafen." "Nimm den Rücken gerade." "Ich bin zu müde dafür, soll St. Georg doch endlich seine Arbeit machen. Schlag zu, Junge. Soll Perseus sich das Gorgonenhaupt holen, ich bin das nicht mehr, ich kann das nicht mehr. Ich will mein Bett. Oder meinen Sarg. Macht das einen Unterschied?" "Du hast Pflichten." "Pflichten schaffen keine Legenden." "Aber sie retten die Welt." "Manchmal." "Du hast doch nur Angst am Ende nicht mal mehr für die Hexe getaugt zu haben. Du fürchtest dich vor der Normalität und davor, ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein." "Ja. Wer ist schon gerne Massenware?" "Und warum hast du dir dann keinen schönen Tod gesucht, als du noch einzigartig warst?" "Feigheit und Pflicht, euer Ehren, siebzig zu dreißig oder fünfzig zu vierzig. Und vielleicht diese zehn Prozent Hoffnung. Die wird man ja nie los." "Oh doch, Miststück, aber so weit bist du noch nicht."

Manche Leute sind klar definiert in ihrer Rolle. Die ist so gradlinig angelegt, dass kein Zweifel besteht. Jugendlicher Liebhaber, weiser Berater, verräterischer Wesir.
Und manche Leute haben gar keine. Sie stehen einfach nur im Hintergrund herum. Lebendes Bühnenbild.

Finden Sie sich seblst.

"Du bist nicht dein Job, du bist nicht das Geld auf deinem Konto, nicht das Auto, das du fährst, nicht der Inhalt deiner Brieftasche und nicht deine blöde Cargo-Hose."
C. Palahniuk, Fight Club


Sicher. Aber was zur Hölle bin ich denn dann?

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Hepftpflastermentalität

Also gut. Da ein bisschen mehr Schminke, dort ein wenig mehr Rouge und die Ringe under den Augen kriegt man auch noch weg. Sieht kein Mensch. Baustelle. Der Putz bröckelt, aber was stört das? Putz kann man neu auftragen. Schicht um Schicht und irgendwann ist der alte Panzer wieder da, die Maske, der unbewegte Schild. Eine ausgehärtete Abgrenzung gegen jedes "außen". Was nach innen blutet stört nicht. Das bleibt ja unter uns.

"Unter uns beiden, Miststück." "Ja." "Du fällst. Und die Geschwindigkeit ist beeindruckend." "Ja." "Warum schreist du dann nicht?" "Weil es nichts zu schreien gibt. Weil man das hier nicht reparieren kann. Und das weisst du auch." "Was versuchst du eigentlich?" "Die Füße auf dem heißen Blechdach zu halten, so lange ich kann." "Du bist nicht Liz Taylor, Schätzchen." "Nein." "Was tust du denn nun? Verbrennen? Ertrinken? Vergraben und ersticken? Hast du dich entschieden?" "Nein." "Du liebst das Wort, oder?" "Ja. War mein erstes. Wird auch mein letztes sein." "Katzen haben neun Leben. Im Gegensatz zu Dir. Glaubst Du, es wird wieder besser, wenn du nur zäh genug bist." "Vielleicht." "Und wenn nicht?" "Dann bin ich wenigstens beim Versuch gestorben." "So wie's gerade ist, stirbst Du im Bett. Schlafend. Hör auf, vor deinen Tagen weg zu laufen." "So überleben Bären." "Du bist aber kein Bär. Du bist nur ein Mensch, der Zeit verliert." "Wahrscheinlich. Ich denke nach." "Das machst du schon ziemlich lange ohne Ergebnis." "Gib mir die Heftpflaster und halt da mal kurz den Daumen drauf." "Du weisst, das hält nicht ewig?" "Du weisst, das hier wird auch nicht ewig dauern."

"Zahlen lügen nicht

Die grundlosen Depressionen nehmen weltweit zu. Und zwar um jährlich durchschnittlich 100%! Und kein Aas (0,00 Prozent) weiß warum. Zwei Drittel aller Befragten haben Angst. Über 90% von ihnen wissen aber nicht genau wovor. Dennoch will die erdrückende Mehrheit (88%) weiterleben. Von ihnen wissen allerdings 39% nicht, wovon. Auf die Frage nach dem Sinn des ungeborenen Lebens zuckten 98% aller Befragten die Schultern. 2% wußten auf diese Frage gar keine Antwort."
~Wolfgang Mocker



"Er feht dir noch immer, nicht wahr?" "Ja." "Trauriger Tiger?" "Ja." "Wo bleibt das nein?" "Als hätte ich zu dem je nein sagen können." "Hepftplaster?" "Kompresse bitte." "Du tropfst auf den Teppich." "Ich weiß." "Und was machen wir jetzt?" "Warten und hoffen, dass Dornenreich recht hat." "~Wunden werden Narben und Narben bleiben hässlich?~?" "Exakt. hat bis jetzt jedes Mal geklappt." "Wirklich?" "Nein." "Übertreiben wir nicht ein bisschen?" "Ja. Gegenfrage, was machen wir dagegen?" "Was wir immer gemacht haben, Miststück. Mehr Rouge gegen den bleichen Teint, den Kopf hoch und tapfer weiter gesündigt." "Siehst du."



I still recall the taste of your tears.
Echoing your voice just like the ringing in my ears.
My favorite dreams of you still wash ashore.
Scraping through my head 'till I don't want to sleep anymore...

...You make this all go away.
You make this all go away.
I'm down to just one thing.
And I'm starting to scare myself.
You make this all go away.
You make this all go away.
I just want something.
I just want something I can never have...

In this place it seems like such a shame.
Though it all looks different now,
I know it's still the same
Everywhere I look you're all I see.
Just a fading fucking reminder of who I used to be...

I just want something I can never have
~ Nine Inch Nails, Something I can never have

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 01-08-2008 um 01:45:

Fünf Zeilen - Literaturkritik

Diven fürchten Kritiker. Und wir lieben sie. Sie lassen uns aufblühen oder verfallen.
Und selbst sind solche kapriziösen Sterne auch keine schlechten Ratgeber. Außer in eigener Sache.

Nur ein paar Zeilen - fünf vielleicht? - aber ich habe nicht richtig gelesen. Wie sonst hätte ich annehmen können, ich sei nicht der Mittelpunkt Deines Stücks gewesen.
"Es hat keinen Sinn, darüber zu reden." "Ich mag dich- sehr." "Du warst für mich die einzige, die real war." "Ich sollte mich besser an die schlechten Sachen erinnern, ich werde krank davon, verrückt nach dir zu sein."
Es tut mir leid. Ich war ein schlechter Star, ich habe nicht mal bemerkt, wie der Spot sich auf mich gelegt hat. Ich hab einfach gedacht, der Beleuchter spinnt.

Nein, perfekt warst Du nicht. Bestimmt nicht. Wetterwendisch. Unzuverlässig. Kompliziert. Zu wortkarg.
Aber dass ich tatsächlich geglaubt habe, Dir nichts zu bedeuten, war ungerecht von mir. Ich habe es geschafft, mir einzureden, Du würdest mir nur schmeicheln wollen. Sicher war es auch das. Und die Schuldgefühle. 11 Monate hast Du mich im Nichts sitzen lassen. Nein, eine Kleinigkeit war es wohl nicht - und doch. Wo ist der ganze Divenstolz, wenn er einmal angebracht wäre? Wieso kann ich gute Kritik noch weniger vertragen als schlechte und brauche über ein halbes Jahr, um sie zu realisieren. Warum soll jedes bittere Wort wahr sein und jedes nette gelogen?

Das ist vorbei, diese Aufführung wurde vor Ewigkeiten abgesetzt, aber vielleicht lerne ich ja doch noch daraus. Manchmal versteht man Dinge erst später. Vielleicht zu spät. Und das nächste Mal, wenn die Kritik gut ausfällt, werde ich versuchen, nicht zu widersprechen. Einmal in zwei Jahren.
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Andere Baustelle

Werde ich? Ihre Divahaftigkeit mag ja gute Vorsätze haben, aber so richtig zutraulich ist sie nicht. man spezialisiert sich nicht auf "Medea" und nimmt den Leuten ab, dass man auch ein gute "Julia" gibt.

"In fünf Jahren leben wir zusammen - oder ich träume schon wieder."
Nun gut, manche Dinge glaubt man wohl wirklich besser nicht. In fünf Jahren - schattenliebstes Katertier, Tigerstern - wirst Du das kleine Mädchen um seine Hand bitten. Passt so auch. Sie ist eine hervorragende "Julia" - und eine wahrscheinlich unterdurchschnittliche "Medea".
Ich bin ja einiges - aber die Nebendarstellerin so wie Du Dir das vorstellt - verdammt nochmal nein. Ich habe schon eine Menge gespielt, aber für Geliebte habe ich gar kein Talent. Glaub es mir einfach. Und hör auf, mich davon überzeugen zu wollen, dass eine Doppelbesetzung funktionieren könnte. Denn wir erinnern uns:

~ l'enfer ce sont les autres~

Vertrau mir, so wenig mir "Julia" und "Grete" liegen, ich gebe eine hervorragende Höllenfürstin ab. Und das möchtest Du nicht. Die Szenen könnten realer werden, als Dir lieb ist.


Geschrieben von Kildare am 18-09-2008 um 00:32:

Und dann hast du mir geglaubt.

Vorhang.

Was macht man eigentlich, wenn sich die männliche Hauptrolle in Luft aufgelöst hat? Wenn nicht mal mehr Worte bleiben?

Monologe.

Und weisst du was, Tigerstern? Diese Solonummer wird besser, als jeder Auftritt mir dir. Wenigstens weiß ich so, was gespielt wird.

Viel Glück mit deiner Tournee durch Herzen und Häuser. Von der Position der alternden Diva herab, aus der Loge der Gehässigkeit:
Du wirst es brauchen.

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Geschrieben von Kildare am 27-09-2008 um 01:34:

Ein Post Scriptum
~ Mascha Kaléko ~

Von meinem alten Anwalt kam ein Brief.
Er schreibt wie immer.
Sachlich, fachlich. Ihr ergebener.

Da übersah ich beinah
das Post Scriptum.

"Nun, da mein Leben sich dem Abend zuneigt
und jenes dunklen Engels Flügelschlagen
schon manche Nacht den Herzschlag übertönt,
will ich, Verehrteste, es einmal sagen:
Ich habe dreißig Jahre Sie geliebt.

Nun liegt ein Weltmeer zwischen mir und Ihnen.
Und immer warte ich, daß noch ein Brief,
kein Liebesbrief und doch ein Schmetterling,
in mein mit Akten tapeziertes Leben
flattert.

Wir sitzen auf der Veranda und im Garten spielen Hunde und Kinder. Ich halte Seidenblumen in Kübeln, weil mir die richtigen eingehen und arbeite nur halbtags, irgendwo in einem Vorortbüro. Damals am Flughafen hast du mich festgehalten und ich bin geblieben und habe Flug und Karriere in den Wind geschrieben.
-
Ich streiche hingebungsvoll Staub von einem Exponat und stelle es in seine Vitrine. Das letzte Stück. Ich habe hart gearbeitet für diese Ausstellung, aber es hat sich gelohnt.
-
Die Glocke von St. Johannes schlägt um Mitternacht und träge fallen St. Miachelis und St. Nickolai mit ein. Der Flieder blüht vor dem Balkongeländer und malt weiße Punkte unter den Sternenhimmel. Und es riecht nach Heimat.


Hätte sein können. jetzt, wo ich langsam älter werde, gibt es eine ganze Menge, das "hätte sein können". Und nicht ist. Weil ich mich anders entschieden habe. Weil es eben nicht so passiert ist. Weil ich an einem bestimmten Ort nicht geblieben bin.

Auf Tournee.
Überall zu Hause, nirgendwo daheim. Emotional aus dem Koffer lebend. Und tatsächlich auch "irgendwo dazwischen". Hier und da ein Gastspiel, aber keine eigene Bühne.

Es sind die langen Nächte, in denen man sich fragen kann, ob man etwas bereut. Die Antwort ist nein. Immer noch nicht. Mein anfänglich so gerader Lebensweg hat sich gekrümmt und manchmal stört mich das. Und natürlich hätte - hätte- hätte und immer wieder hätte ich einiges besser machen können und sollen. Aber ich bereue nichts.

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Geschrieben von Kildare am 03-11-2008 um 12:37:

"You used to dream yourself away each night
To places that you've never been
On wings made of wishes that you whispered to yourself
Back when every night the moon and you would sweep away
To places that you knew you would never get the blues

Now whiskey gives you wings to carry each one of your dreams
And the moon does not belong to you
But I believe that your heart keeps young dreams
Well, I've been told to keep from ever growing old
And a heart that has been broken will be stronger when it mends

Don't let the blues stop your singing
Darling, you only got a broken wing
Hey, you just hang on to my rainbow
Hang on to my rainbow
Hang on to my rainbow sleeves"

~Rainbow Sleves, written by Tom Waits


Tango, die langsame, traurige Variante, bei der die Liebenden schon lange keinen Liebenden mehr sind und man Abschiede anstelle von Eroberungen tanzt.
Eine Tasse Kaffee, um den Kater von den Schultern zu vertreiben und die Küsse vom Mund zu spülen.
Man wird erwachsen mit den Jahren, dieselben Dinge geschehen noch einmal und noch einmal. Wiederaufführung. Wenigstens ist der Himmel so höflich, grau verhangen zu bleiben und mir nicht in meine Melancholie zu pfuschen.

Wird schon werden.

"Warum wirfst Du mich nicht endlich raus?" "Weil andere schon viel schlimmere Dinge zu mir gesagt haben."

Wieder eine Rolle. Wieder ein Manuskript. Wieder eine Begrenzung. Und wieder Kostümwechsel von einem Tag zum anderen. Können Sie das, Fräulein M.? Aber sicher doch. Und irgendwann weiß ich selbst nicht mehr, was davon noch gespielt ist und was wahr.

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Geschrieben von Kildare am 04-11-2008 um 19:51:

Schöne Frauen und schöne Katzen - eine Homage


© Galérie Obsis, Paris

Vergöttert und verflucht, das ist beiden Fraktionen gemeinsam. Schöne Frauen und schöne Katzen, es ist eine Einheit, ein samtiges Schnurren, ein Knistern und Prickeln unter den Fingerspitzen. Sie zeichnen sich in ihrer Treue nicht dadurch aus, einem nicht von der Seite zu weichen - nein, sie kommen zurück. Und in dieser Rückkehr liegt bereits eine Auszeichnung. Überschäumende Zuneigungsbekundungen kann man nicht erwarten, der träge Blick, der den eigenen Schritten folgt, muss als Liebesbeweis genügen. So ein geschöpf ist sehr zahm und zutrauchlich, wenn es das denn will. Dann besteht es nur aus rauher Zunge und seidigem Leib. Und wenn es nicht will, dann sind es Klauen und Zähne.

Ich mag Frauen mit Klauen und Zähnen, denen der Schalk und Eigensinn schon aus den Augen sprüht, die gerne am Rand balancieren - an welchem Rand ist gleichgültig, der Norm, der Katastrophe, mit einer Zehe steht man in der Luft und lacht über furchtsamere Gemüter und Höhenangst.

Katzen haben neun Leben sagt die Legende. Und sie bringen Schicksale.

Schöne Frauen sind genauso, immer dabei von einer Haut in die nächste zu schlüpfen und nebenbei ihre Umgebung zu verändern, bis sich am Ende die Welt um sie dreht. Schmeichelnde Königinnen.
Nicht umsonst spricht man bewundernd von "Katzenaugen". Jadespiegel, Bernsteinfunken. Solche Augen können befehlen, ohne das ein Wort gesagt wird und bezwingen, ohne das ein Schlag getan wird. Sie sind genauso sehr Symbol wie Realität, werden mit Vorstellungen gefüllt und in Wünsche gekleidet.

Man kann sie lieben, für ihre sanften Pfoten und die leisen Laute, für ihre Ruhe und ihre Grazie.
Man kann sie hassen für ihren unbewegten Blick und ihre Launen.
Aber gleichgültig bleiben, das gelingt den wenigsten.

In verwunderter Bewunderung für zwei der letzten magischen Wesen.

K. (geboren 1982 im Jahr des Hundes)

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Geschrieben von Kildare am 18-11-2008 um 00:58:

"...die nicht sehr beliebte bei Onkel und Tante,
sie fürchten ich könnt' den behüteten Neffen
im Spielsalon oder im Himmelbett treffen,
ich könnt' sie verführen mit tausenden Listen
zu etwas, was sie vielleicht doch noch nicht wüssten...

...die tausenden, kleinen, pikanten Histörchen,
die leise geraunten Alkovenmärchen,
die sind nicht umsonst mir angedichtet,
denn auch ein schlechter Ruf verpflichtet....

~Yes Sir~, Zarah Leander


Ein Ruf - hat man nur einen? Manchmal habe ich das Gefühl, mir wispern genügend Dinge nach, um Bücher zu füllen. Und das Lieschen Müller unter der Schminke weiß gar nicht, was da geschieht. Aber die andere Seite, das Bühnenbiest, erkennt sehr gut, was da passiert.
Ein schlechter Ruf verplichtet und so wird man, was man genannt wird. Verlässliche Freundin, humoristische Trunksüchtige, philosophische Gefährtin oder eben die berühmte Katzengeliebte. Man kommt bei Nacht und geht vor Morgengrauen, man streift durch die Hintertür, aber man bleibt nie. Wenn man seinen part gespielt hat, tritt man ab und es ist egal, ob der nun im Dialog, in der Handreichung oder im Liebesakt lag. Man kennt sein Stichwort.

War das einmal so geplant? Nein. Ist es schlimm? Nein. Manchmal, ja manchmal da würde auch ich mir meine Paraderolle wünschen, einen festen Rahmen in dem ich verharren kann. Aber dann wiederum bin ich frei nach Lust und Laune das Fach zu wechseln - und würde ich das wirklich aufgeben wollen?

"....was Du berührst zerbricht in Deiner Hand...

Wenn ich tanz, tanz ich wie's mir gefällt,
wie sich die Welt verhält,
ist mir egal.

Wenn ich tanz, tanz ich wie ich es will
zu Musik, die ich bezahl.

Wenn ich tanz, tanz ich auf meine Art
und wenn's mir Spaß macht auch mit dir.

Sie raunen, sie staunen
und wissen nichts von mir"

~Wenn ich tanz~, Elisabeth (Alternativversion zu "Wenn ich Tanzen will")


Ich muss lächeln, wenn man mir die Lebedame unterstellt. Ich liebe diesen Part, die dekadent hohen Schuhe, das anzügliche Grinsen, den Lippenstift, Samt und Seide. Aber ich bin das nicht. Oder zumindest nicht so sehr, wie man mir das nachsagt.
Fama. Fame. Es liegt nahe beieinander. Gerücht und Ruhm. Und beides begründet Erwartungen, denen man nicht immer gerecht werden kann. Oder will.
Ich entscheide noch immer selbst, wann ich tanzen will - und im Zweifel auch mit wem. Und am Ende bleiben sowieso nur wir zwei übrig, der Pianist und ich. Mit einer Federboa.

"Ich bin verrückt nach jedem neuen Pianisten,
wenn Du Klavier spieln kannst, nimm' Dich in Acht vor mir....

Der Dritte hat mir dann beinah' das Herz gebrochen
und ohne Gnade nahm das Schicksal seinen Lauf.
Mein Gott im Flügel hat er sich vor mir verkrochen.
Bis heut bekam kein Mensch den Deckel wieder auf.

Jetzt brauch ich dringend einen neuen Pianisten..."

~Ich bin verrückt nach jedem neuen Pianisten~, Tim Fischer


Nehmen wir es brav mit Humor, einem schiefen Grinsen, einer dunklen Flüssigkeit in einem kleinen Glas - bei der man nicht erwähnt, dass es sich nur um Johannisbeersaft handelt. Theater - so lange es gut aussieht.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 29-11-2008 um 00:09:

Bruchstücke- fremde Lichter

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"Wenn wir mit 30 noch allein sind, dann heiraten wir."

Diese Abrede wurde vor vielen Jahren getroffen, als wir beide noch glaubten, in der ganzen Zeit, die kommen würde, würden wir uns schon zu jemandem sortieren. Wir haben nicht angenommen, dass dieses Wahnsinnsgelübde, wo wir beide doch sind wie Nitro und Glyzerin, jemals in greifbare Nähe rücken könnte.
Jetzt ist 30 näher als 20. Noch immer ein Stück bis dahin, aber kein gar so langes mehr.
Und wir sind beide - spiegelbildlich - noch immer allein. Wir mussten lachen, als wir nach einem halben Jahr wieder telefonierten. So gleich, zu gleich.
"Ich muss dich gar nicht fragen, wie's dir geht. Wie mir. Wie immer."

Damals haben wir zwei noch gehofft und geglaubt. Mittlerweile dünnt sich diese Selbstsicherheit aus. Zumindest bei mir. Und das hängt ,egozentrisch wie ich bin, natürlich auch nur mit mir zusammen. Einsam aus Wahl. Würde ich meine geliebte Melancholie aufgeben? Oder schlimmer noch, meine Streunerfreiheit? Was müsste das für ein Wundertier sein, dass die schlechten Erfahrungen durchbricht und mich zahm macht, wie ich es einmal war?
Ich mime die Drosselbartprinzessin recht erfolgreich. Mir passt niemand, am liebsten bin ich immer noch mit mir allein. Und so wähle ich mit gelassener Sicherheit nur solche männlichen Hauptdarsteller, von denen ich weiß, dass sie nur ein Saisonengagement sind. Oder besser noch ein Gastspiel.
Rechtfertigung? Ich bin ja gar nicht allein. Da ist das restliche feste Ensemble - was brauchen wir da einen Hansel mehr als stetigen Bühnenbesatz? Wir sind so eingespielt aufeinander, dass wir seit Jahren zurecht kommen.
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Fremde Menschen, die keine fremden Menschen sind. Die Freunde von Freunden. Glückliche, heile Personen, die sich in das eigene Leben schieben und einem mit jedem Atemzug, mit jedem Lachen bewusst machen, wie kaputt man eigentlich doch ist. Wie kaputt ich bin. Ich kann es auch beim Namen nennen.
Angeschlagenes Porzelan. Zweite Wahl. Mangelhafte Ware.
Wo fangen die neuen Schmisse an, wo hören die alten Narben auf. Bin ich neidisch oder einfach nur misstrauisch?
Im Zweifel beides.
Da sitzen sie mit ihren geordneten Leben, ihren Zielen, ihren großen, hellen Träumen, den Auslandserfahrungen, den Gaben - und mittendrin ich. Die ich das alles so gar nicht bin. Und wenn ich das zugebe, heisst es "Ach komm, red' nicht."

So ein Familienessen hatten wir seit 19 Jahren nicht mehr. Wenn man das krampfhaft positiv sehen möchte, habe ich nur schon hinter mir, was für sie noch kommt. Ich freue mich für sie, wirklich, aber mir wird auch mit jeder Minute bewusster, wie sehr er mir immer noch fehlt. Es geht auf Weihnachten zu, Papa.
Und dann die Komplimente und Umarmungen. Bei jedem davon denke ich "Komm' mir nicht zu nahe. Du kennst mich doch gar nicht. Geh weg, Goldkind. Du bekommst rußige Finger." Und ich frage mich, warum sie so nett zu mir sind. Mitleid? Ich vertrage kein Mitleid. Ich will kein Mitleid. Ich bin immer noch ich. Stolz und sturr. Sehr, sehr sturr. Oder Spott? Nein, wohl kaum. Dafür sind
solche viel zu nobel.

Solche, sie - Menschen mit Zielen im Leben, mit einem Weg, der nicht so verkrümmt und knorrig ist wie meiner. Ich bin furchtbar ungerecht gegen diese Freunde meiner Freunde, die mir überhaupt gar nichts getan haben, außer ausgesprochen freundlich mit mir zu sein. Und mir vor Augen zu führen, was ich alles nicht geschafft habe und nicht bin. All das, was ich mir nicht verzeihen kann. Und teilweise in einem bitteren, unterdrückten Aufbegehren auch dem sogenannten Schicksal nicht verzeihen kann.
Ich wäre doch auch gern gesund und sorglos. Manchmal. Ich wäre auch gern schlank und hübsch und unbeschwert. Manchmal. Wäre - konjunktiv. Es passt schon so, wie es ist, denn wenn die alten Narben gerade nicht schmerzen und die neuen kratzer nicht jucken, weiß ich, dass niemand vollkommen ist. Ich nicht - und sie auch nicht. Dass diese Menschen eben auch nur Menschen sind, die ihre Sorgen und Nöte haben. Das keiner von ihnen auf mich heruntersieht und dass ich sie genauso irritiere wie sie mich, wenn ich ihre Freundlichkeiten abwiegele.

Und ja, ich mag sie - trotzdem. Trotz des Neides, trotz des Zwickens, weil ich nie in nur einer Welt leben wollte. Weil sie meinen verkrusteten Horizont mit Möglichkeiten überziehen. Weil sie so vollkommen anders sind als ich. Sind sie das? Ich sehe es so.

Aber dann sitzt man doch wieder auf der Terrasse, starrt in die Sterne, lächelt vor sich hin. Ich weiß wieder, wie ich da gelandet bin. Die Leute, mit denen man nachts den Kopf in den Nacken legen und den Himmel schweigend anstarren kann, ohne sich unwohl zu fühlen - die zählen.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 19-12-2008 um 00:30:

Nur eine klitzekleine Frage am Rande: Was macht Sie bloss so unsicher? Sie sind doch eine ganz tolle Frau!

Zitat aus den Zeilen eines Fremden. Eine klitzekleine Frage. Hundert Antworten. Auch aus anderen Ecken fallen Worte wie "verbittert" und "verbissen". Das ist nicht einmal böse gemeint und das ich das weiß, macht es fast noch schlimmer. Denn wenn hinter solchen Bemerkungen keine verletzende Absicht steckt sondern nur Bersorgnis und Anteilnahme, fragt man sich doch, wie kaputt man mittlerweile ist.

Fast 26, zwei Tage noch. Und alles geht seinen Gang. Nichts, gar nichts ist in die Brüche gegangen. Außer mir? Nein, eigentlich nicht. Nur ein paar Träume, ein paar Glaubenssätze haben sich verabschiedet. Und ich werde den nächsten Menschen, der mir mit einem guten Ratschlag kommt, wahrscheinlich zerfleischen. Ich kann keine guten Ratschläge mehr hören. Mach dieses, mach jenes, lass dieses, lass jenes und vor allem verkrampf dich nicht. Wie die Anweisung, nicht an lila Fledermäsue zu denken. Fröhliches Flattern im Hirn.

26, ich wollte so viel weiter sein. Ich wollte die Welt besitzen. Ich wollte....und macht es was? Ja, mir, ständig. Aber der Erdball, den ich zu erobern gedachte, dreht sich munter weiter.

Die Erkenntnis, nicht der Mittelpunkt des Universums zu sein. Vielleicht ist das dieses berühmte Erwachsen werden. Es schmeckt ein wenig bitter - aber an Kaffee und Spinat habe ich mich ja auch erst gewöhnen müssen.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 04-01-2009 um 01:54:

Verlorene Seelen

Silvester ist vorüber. Es war ein wunderschönes, rauschendes Fest. Auf dieser Feier waren bestimmt 10 Personen, die mir nahe stehen. 10 Personen, von denen 8 nicht dort gewesen wären, wenn ich nicht auf genau dieser Party hätte sein wollen. Komplimente hagelte es sowieso. Und für einen Abend war ich tatsächlich glücklich, ein Rudeltier inmitten eines Rudels. Obwohl ich mich ja immer ehr als einsame Wölfin sehe. An solchen Abenden wirkt diese Selbstwahrnehmung mehr als lachhaft. Und das tut verdammt gut.

Aber beim Köpfe zählen haben mir natürlich wieder viele gefehlt. Und einige davon sind endgültig verschwunden, nicht etwa aus der Welt sondern aus der Liste jener Menschen, die mir nahe stehen. Natrlich gebe ich das ungern zu, aber die Lücken, die sie hinterlassen haben, sind immer noch spürbar. Der Gedanke "Das würde ich gern ... erzählen." und dann die Realisation, dass ich das nie wieder tun werde. Nicht einmal im Geiste. Weil X/Y leider nicht der Mensch war, für den ich sie oder ihn gehalten habe. Oder weil ich nicht diejenige war, für die X/y mich gehalten hat. Und an dieser Stelle muss ich mich dann fragen, woran es eigentlich liegt:
Meiner eigenen Dummheit?
Den Verstellungskünsten anderer?
Ausgleichende Gerechtigkeit, weil ich für je drei wundervolle Menschen eben auch mindestens einen treffen muss, der mir weh tut?
Und warum kann ich diese Leute dann nicht wenigstens loslassen?

Eine zweite Stimme, irgendwo hinten im Chor meiner vielen Stimmen, murmelt immerzu : "Weil du nicht gut genug warst." Und obwohl sie nie wirklich laut wird, obwohl sie von außen übertönt wird, bleibt sie doch bestehen.
"Weil du nicht gut genug warst - und weil du es deshalb auch nicht besser verdienst."
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Andere Baustelle - emotionaler Masochismus

... so kill me with the love that you won't give to me
and pack the wound with salt i want to feel it bleed
you wanted me to crawl so now i'm on my knees

why's it always have to be me
that's always left out to burn and
i'll never learn...
smile empty soul - for you


Oder vielleicht auch genau diesselbe? Gefrierbrand. Genauso muss sich Gefriebrand anfühlen, wenn man dasitzt und es nicht mal mehr weh tut, weil man über die Schmerzen einfach schon hinaus ist. Oder weil man so daran gewöhnt ist, das man nichts mehr wahrnimmt.
2009 undterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von 2008.
Die Frage, die sich mir immer wieder stellt, bleibt, warum ich mich verbal ins Gesicht schlagen lasse und diese Person dann auch noch in Schutz nehme. Warum ich vor meinen Freunden, die am Ende ja doch alles ausbaden müssen, weil sie mit mir leben, so lange sie es aushalten, zumindest die andere Person verteidige.
Irgendwo ist es wahrscheinlich auch die Rechtfertigung meiner eigenen Schwäche, nicht einfach einen weiteren Strich auf der Liste zu machen und einen weiteren Menschen verloren zu geben. Und so wiegele ich auf der einen Seite brav ab und halte auf der anderen auch noch die linke Wange hin und weiß selbst nicht so richtig, warum.

Aber dann erhebt sich die Stimme im Hinterkopf wieder und erklärt mir die Dinge:
"Weil du nicht gut genug bist - und du es dehalb auch nicht besser verdienst"

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 07-01-2009 um 18:31:



Ein Foto, zwei Menschen. Die beiden kenne ich gar nicht, ich habe sie irgendwann an einem kristallkalten Herbsttag heimtückisch von hinten fotografiert. Und da kann mir auch das Recht am eigenen Bild nichts denn erstens werde ich es nicht vermarkten und zweitens erkennt man in dieser Rückenansicht nichts.

Zwei Menschen, ein Foto. Auf einem anderen Bild, das ich nicht verwenden kann, sieht man uns zusammen. Als ich die Neujahrsbilder gesichtet habe, ist es mir sofort aufgefallen. Strahlend und ginselig lehnen wir aneinander, mein Kopf auf deiner Schulter, so als würden wir uns tatsächlich mögen. Bilder lügen.
2009 begann wie 2008 geendet hatte. Mit einem schönen, dicken, emotionalten Kater. Es war nicht der Alkohol, der mir Kopfschmerzen bereitete, sondern die Frage danach, warum ich immer denselben Fehler wiederhole. Wider besseren Wissens.
Am Ende komme ich zu der Erklärung, dass ich das aus der einfachen Logik heraus mache, das wenn ich mir weh tun lasse, ich der anderen Partei nicht weh tue. Oder wenn doch, dann hat sie es wenigstens verdient.
Meine etwaige Hingabe, die sich immer mal wieder einstellt, wie eben der berühmte Kater und auch genauso langsam wie eine leichte Vergiftung wieder ausschleicht, darf eben keine Erwiderung fordern. Das hier ist schließlich kein Geschäftsabschluss, obwohl wir vieles genauso handhaben, weil wir wenigstens die Bedingungen von vornherein ausgehandelt haben. Der Text sagt deutlich "Keine Bindungen - alle Risiken tragen die Beteiligten für sich allein". Klingt traurig? Ja, aber wenigstens ist es ehrlich und wenn ich dabei ein paar Schrammen abbekomme ist mir das immer noch dreimal lieber, als wenn ich im Duett mit jemand anderem zusammen lüge.
So betrüge ich ersteinmal mich und dann so gut ich kann den Rest der Welt, aber ich halte mich an meine Abmachung.
Pacta sunt servanda.
Es gibt kein wir. Es gibt keine Verpflichtungen. Du bist ein mäkliges Miststück. Du wirst dich erst dann wieder melden, wenn es dir in den Kram passt und mich, so lange ich mir das gefallen lasse, behandeln wie Dreck.
Dein Teil des Handels.
Es gibt kein wir. Ich bin dir zu gar nichts verpflichtet. Wenn ich dich beschädige, ist das dein Problem. Ich werde dir nicht nachlaufen.
Mein Teil des Handels.
Trocken, auf das Wesentliche reduziert, aber funktional.

"Weil sich wohl begründet, doch nichts besseres findet."
C. Waldorf

Nur in einem Punkt habe ich mich nicht ganz an unsere Vereinbahrung halten können. Manchmal....nur manchmal...denke ich noch an dich. Aber keine Sorge, genauso, wie die Erkältung und der Kater von Silvester vorbei gegangen sind, wird auch das enden. Ich würde ja gern schreiben "in aller Freundschaft" - aber das wäre so massiv gelogen, dass es lächerlich wäre. Wir sind definitiv keine Freunde. Und nach den regeln des Übereinkommens kann ich dir das auch nicht mehr anbieten - denn meinen Freunden laufe ich nach.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 24-03-2009 um 22:22:

"Ich will nicht ohne Narben sterben."
~ Fight Club, Chuck Palahniuk


Und so wurde mir reichlich gegeben.

Schnitt

Du kannst das eine nicht mit dem anderen haben, also entscheide dich.
- und ich entschied.

Schnitt

Ganz gleich, wie sehr man etwas will, wie sehr man etwas begeht, wie sehr man jemandem Platz in seinem Leben macht, am Ende steht es ihm frei zu gehen und diese schreckliche Lücke zu hinterlassen, die davon kündet, dass das eigene Beste einfach nicht gut genug war. Einfach nicht gut genug. Und natürlich ist niemand schuld und natürlich ist nichts falsch und natürlich meint es niemand böse. Das ist ja das Schlimme, es ist niemand schuld. Niemand da, dem man sie zuwesien könnte. Man soll wie Wasser akzeptieren. Das wäre das Beste. Nimm', was Du bekommst, und lass gehen, was fort strebt.

Es gibt kein richtig und kein falsch. Es gibt keine Gebrauchsanweisung. Die wurde nicht mitgeliefert und ich verfluche das immer wieder. Kuchen backen, Lammrücken spicken, kein Problem, es gibt ein Rezeptbuch, nach dem man kochen kann.
Das Leben hat so eine Patentlösung leider nicht mitgeliefert bekommen und die wirklich wichtigen Dinge merkt man oft viel zu spät.

Schnitt

Manche Dinge bleiben hängen. Sie verheddern sich in den Gedanken, sie nisten in der Magengegend, sie stehen in hellen und dunklen Linien auf der Haut.
Sie prägen.

Fehlprägungen sind bei Münzen oft besonders wertvoll.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 25-03-2009 um 23:12:

Countryabend.

Es gibt doch noch seltsame Wendungen im Leben. Hätte man mir vor zwei Jahren gesagt. dass ich irgendwann unter irgendwelchen Umständen einmal Countrymusik hören würde, ich hätte gelacht. Laut. Und lange.

"True blood" heisst die Serie; die erste Folge ist niedlich, nichts Welten verrückendes aber die Art von Vorabendunterhaltung, für die ich mich durchaus begeistern kann. Ich tarne meien Sucht als Englischübung. Und das ist es wirklich, sprechen die Beteiligten doch mit starkem Südstaatenakzent.

Und ich mag es. Es klingt warm. Nach Mücken auf der Terrasse. Ich durfte einige von diesen Südstaatenschönheiten kennen lernen, die "Belle" sind und mich auch so genannt haben, obwohl keine von uns irgendeinem Schönheitsideal entsprochen hat.
Genauso klingt die Titelmusik. Jace Everett. "I want to do bad things with you.". Eine rauhere Art von Zauber, eine kratzige Stimme, in der sich Zigarillos und Whiskey spiegeln. Und sehr viel melancholische Lebensfreude. Nach langsamen Tänzen und nach zappelnden Füßen. Nach knarzendem Holz.

Natürlich ist das ein verkitschtes Merchandise-Ideal, dass genauso in den Medien vermittelt wird. So stellen wir uns "die Südstaaten" vor, in Krokodilleder und Pracht unter blätternder Holzfarbe.
Na gut, dann ist es eben Kitsch. Heute Abend mag ich Kitsch. Und die vibrierenden Worte von Jace.

"I don't know what you've done to me but I know as much is true...I want to do bad things with you..."

Man kann sich weg träumen zu dieser Stimme. Oder hin träumen. Wie man eben mag. Und auch solche Träume müssen es nicht bis in die Realität schaffen. Aber für einige Minuten, ein paar gestohlene Augenblicke, in denen man nicht man selbst sein muss und so gar ein Blümchenkleid nicht außerhalb der Vorstellungskraft liegt - fühlen sie sich gar nicht schlecht an.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 29-03-2009 um 19:25:


Seestück

Auf unserem Meer
treiben
als zerbrochene Schiffe
die halben Wahrheiten
hilflos
dahin
und dorthin

Treiben ab
von einander
und außer Sicht
oder eine stößt krachend
zusammen mit irgendeiner

Oder eine
von beiden Hälften
derselben Wahrheit
rammt ihre andere Hälfte
und beide kentern

Und manchmal läuft nur die eine
voll und geht unter
und die andere treibt hinaus
auf die offene See

~ Erich Fried


Es lügt sich nicht leicht. Aber wer muss schon lügen, wenn er verschweigen kann? Du fragst nicht und ich sage nichts. Dazwischen liegt ein Meer aus Schweigen. Und ich sehne mich nach der offenen See und den Wellen - um irgendwann vielleicht doch irgendwo Land zu sehen? Diesen einen Streifen hellen Sand oder kieselgraue Wassergrenze, die einem anzeigt, das man angekommen ist.
Jetzt ist flaute auf ruhigem Ozean. Windstille. Nichts bewegt sich. Nur die Wogen murmeln vor sich hin, erzählen gurgelnd von vergangenen Stürmen und von dem Wind, der sie nicht mehr peitscht und streichelt, ein dunkelbblaues Gedächtnis versunkener Wünsche.

Ich werde es nicht sagen - aber ich vermisse Dich.

Schnitt

Es ist seltsam, wie sehr einen der eigene Verstand einen bezwingen kann. Wie sehr er, der so lange Schwingen und Fluchtweg war, plötzlich zum Gefängnis wird. Mein eigener Stolz schnürt mir die Luft ab. Und meine Ängste wenden meinen geliebten, gepflegten Intelekt gegen mich. Irgendwo wispert wie Brandung ein Stimmchen gegen diesen Deich aus Vernunft, macht Versprechungen von weißen Segeln und roten Sonnenaufgängen am Horizont. Ich nehme noch einen Sandsack und werfe ihn hinter die Aufbauten - heute Nacht bin ich nicht wetterfest, heute Nacht fürchte ich mich vor dem Ertrinken. Heute Nacht, bleibe ich an Land.

Anker

Ich habe das T-Shirt an. Es riecht natürlich nicht mehr nach Dir, ich habe es zusammen mit der Bettwäsche erbarmungslos in die Waschmaschine gestopft. Jetzt duftet es nur noch nach Persil und Hautcreme und müffelt ein wenig nach mir.
Aber ich weiß immer noch, dass Du es getragen hast.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 04-04-2009 um 23:54:

Nicht Julia.

"Is love a tender thing? It is too rough, too rude, too boisterous; and it pricks like thorn."
~ Romeo and Juliet, Shakespeare


Ich habe so einige Rollen bekommen, ja, aber nie Julia. Oder irgendeine andere schöne, junge, verliebte Frau. Warum eigentlich nie? Was hat man mir gegeben? Die Gouvernanten, die Hexen, die alten Damen. Ja. Und ich war gut darin. Ich bin bis heute gut darin.

Jedes Mal, wenn jemand mir nahe kommt, bei dem ich nicht weiß, wo ich die seelische Grenzen ziehen können werde, bin ich krank vor Angst. Ich fürchte mich vor diesem Menschen, der mir grundlos etwas bedeutet und vor all den unbeherrschbaren, großen Wünschen, die er mit sich bringt.
Freunde sind etwas anderes. Da habe ich Zutrauen, ein seltsames Verständnis, mich auf sie verlassen zu dürfen und bis jetzt wurde ich selten enttäuscht. Mit ihnen kann ich nachsichtig sein und bin es damit dann auch mit mir. Sie geben mir Halt, manchmal leihen sie mir ihre Flügel. Aber sie wecken nicht diesen schrecklichen, Besitz fordernden Hunger. Diese beängstigende Sehnsucht danach, bei ihnen zu Hause zu sein. Zu ihnen zu gehören.
Ich tue es, instinktiv, sie sind mein und ich bin ihres. In dieser archaischen Weise funktioniert "mein Rudel" (dreist geklaute Bezeichnung aus Hrefnadis Nebelpfaden) hervorragend. Rudel beschreibt es sehr gut. Ich kenne sie, ich kenne ihren Geruch, ihre Stimmen, ich weiß, dass ich ihnen vertrauen kann. Aber mir ist auch klar, dass ihre Leben und meines zwar verknüpft aber nicht verwoben sind. Ich kann zu ihnen kommen - aber ich kann dort nicht bleiben.

Ich würde Dir so gern anbieten, einzuziehen. in mein Herz, in mein Leben - Du bist sowieso hier. Täglich. Ich kann Dir nicht weg laufen, ich kann Dich nicht fort tanzen, aber ich habe Angst. Ich kann nichts sagen, ich fürchte mich sonst selten, nicht einmal vor Spinnen, aber ich habe Angst vor Dir. Weil ich mich nicht verstehe, wenn Du da bist. Weil ich Dich nicht verstehe. Und weil ich keinem von uns vertraue.

Irgendwann wird es aufhören zu brennen. Leuchttürme brennen aus, wenn man sie nicht pflegt und betreut. Und wahrscheinlich fühle ich mich auf offener See sowieso wohler.

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Geschrieben von Kildare am 08-04-2009 um 23:41:



Revue mit Tiger - Bollywood

Es ist alles ein bisschen zu laut, zu bunt, zu hell, bis auf die schwarzen Linien um die Augen. Blicke bedeuten Welten, Worte sind überflüssig.
Genauso ist dieser Abend vielfarbig und mit geschäftigem Hintergrundrauschen. Nur für ein paar Augenblicke, diese berühmten Momente, in denen auf der Bühne die Musik einspielt und die Protagonisten für kurze Zeit die Realität verlassen.
Herzklopfen in Technicolor, für einen gestohlenen Wimpernschlag, bevor die Melodie ausklingt und alles wieder seinen Gang geht. Stetig.

Du hast mich einmal Tiger genannt, ein seltsamer Kosename für eine Frau. Aber er gefällt mir, er gefällt mir und heute mag ich wie eine große Katze dösen, Smaragdblicke aus schmalen Augenschlitzen werfen und schnurren.
Tiger sind Einzelgänger. Aber manchmal sieht man auch zwei zusammen. Für eine Weile.

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Geschrieben von Kildare am 27-04-2009 um 00:13:

.... Ich möchte Purpurdecken spannen
und füllen möcht ich rings im Land
mit Balsamöl aus goldnen Kannen
die Blumenlampen bis zum Rand.

Sie sollen alle lange brennen,
bis wir, vom roten Tage blind,
uns in der blassen Nacht erkennen
und unsere Seelen - Sterne sind.
~
Rainer M. Rilke

Soloauftritt mit Zweitstimme /Lange Nacht der Theater

Eine so schöne Nacht hatte ich lange nicht mehr. Die Lichter brachen sich auf dem Wasser, wie ein Nomade konnte man von Theater zu Theater ziehen und weil ich das Programm erstellt hatte, war es Kabarett. Jüdisches Kabarett, Wiener Kabarett. Man sang Liebeslieder auf Mehlspeisen und Kinderweisen aus galizischen Dörfern.
Ich wanderte an den Glasgebäuden um den Reichstag vorbei, leicht wehmütig daran erinnert, dass diese Räume, diese Dächer tatsächlich Teil einer Vergangenheit sind, die ich selbst und freien Willens hinter mir gelassen hatte.
Neben mir, hinter mir, um mich einige der Menschen, die geblieben sind, in allem Fernweh und Heimatjammer mein Hafen und Fixpunkt. Sie freuen sich und sind zufrieden. Und für einen Moment bin ich es auch, geborgen zwischen den Meinen.
Zum Abschluss der Admiralspalast mit seinem Goldflitter, den riesigen, überdimensionalen Kronleuchtern.
Popmusik und bonbonfarbene Spots. Die Welt ist rosarot und himmelblau.


Der junge Mann in der Reihe vor uns ist silberblond. Genauso hell und beinahe weiß wie du, selbst seine Haare sind ähnlich geschnitten. Er hat eine Frau im Arm. Für eine Schrecksekunde wünsche ich mir, du wärest auch da. Aber dann wird mir klar, dass dieser Abend, an dem ich glücklich bin, dann nur in eine weitere Nacht münden würde, in der du mich verletzt.

Es ist gut. Es ist genug. Glücks genug.

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Geschrieben von Kildare am 04-05-2009 um 15:03:

"Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinabsieht."

G. Büchner, Woyzeck


Höhenangst. Man steht am Rand des eigenen Verstandes und sieht es hinunter gehn. Tief, tief hinunter.
Der schwarze Zaubertrank bleibt Kaffee, eine Tasse zum fest halten, ein vertrauter Geschmack, bitter und deshalb gerade umso besser. Blut fließt, ein Herz schlägt.

Kaffee und Zigaretten, Gevatter Tod auf Raten und man begleicht seine Schulden Stück für Stück.
Frontlinie, irgendwann einmal gezogen in einem privaten Krieg um Selbsterhaltung und Eigenentscheidungen. Mittlerweile hält man sie nur noch aufrecht, weil man das schon immer so gemacht hat. Auch Militär ist ein Stück weit Verwaltung.
Camouflage. Tarnfarben. Auf Nebenpfaden laviert man sich durch den Alltag und es passt irgendwie, so wie Feldküche auch auf wundersame Weise funktioniert, so wie ein Gaskocher einen Herd ersetzt und ein Zelt ein Haus.
Flickwerk und Behelf. Wo man hinsieht nichts als Übergangslösungen. Das Hauptquartier meldet sich schon lange nicht mehr und so hält man sich an alte Befehle, die längst überholt sein sollten und zündet mit zitternden Händen die nächste an.

Seiltänzerin ohne Netz

mein Leben war ein Auf-dem-Seile-Schweben,
Doch war es um zwei Pfähle fest gespannt,
Nun aber ist das starke Seil gerissen:
Und meine Brücke ragt ins Niemansland,

Und dennoch tanz ich und will gar nichts wissen,
Teils aus Gewohnheit, teils aus stolzem Zorn.
Die Menge starrt gebannt und hingerissen.
Doch gnade Gott mir, blicke ich nach vorn.

M. Kaléko


Stolz. Stolz ist nicht Selbstachtung. Stolzer Zorn, das Aufbegehren gegen den Untergang, die Weigerung, zu scheitern, egal woran, weil man den ganzen anderen Kram doch auch erlebt und überlebt hat.
Auch diesmal. Nach vorne. Durch Nacht und Nebel und wenn es sein muss eben blind.

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Geschrieben von Kildare am 09-05-2009 um 12:43:

And I'd give up forever to touch you
Cause I know that you feel me somehow
You're the closest to heaven that I'll ever be
And I don't want to go home right now
...
And you can't fight the tears that ain't coming
Or the moment of truth in your lies
When everything feels like the movies
And you bleed just to know you're alive

And I don't want the world to see me
Cause I don't think that they'd understand
When everything's made to be broken
I just want you to know who I am
...
~ Iris, the Goo Goo Dolls


Emotionaler Kater. Eine Art wiederkehrendes, selbstgewähltes Leiden, in dem Versuch, Dich zu vergessen. Vielleicht, wenn ich nur lang genug wach bleibe, tanze und mich küssen lasse, bis die Lippen bluten, funktioniert es irgendwann.
Natürlich nicht.
Irgendwo weiß ich, dass Du mir fehlst. Noch immer. Und alles andere ist nur der Versuch, weiter zu schwimmen, wenn man kein Land mehr sieht.
Ich rede mir ein, dass es besser geworden ist. Es tut kaum noch weh, fühlt sich solide taub an und in manchen Momenten denke ich nicht mal mehr an Dich.
Vier Wochen Funkstille. Vier Wochen, in denen ich mich bewegt habe, weil ich mich bewegen musste, obwohl ich lieber stehen geblieben wäre und auf Dich gewartet hätte. Lachhaft. Du bist wie Tide, die immer mal wieder in mein Leben spült, aber bleiben wirst Du nicht. Zumindest nicht zu meinen Konditionen und zu anderen arbeite ich nicht, denn das haben wir besprochen.

"Warum behandelst Du mich eigentlich so mies?"
"Weil Du es brauchst."


Nein. Ich brauche das nicht. Ich brauche niemanden, der noch einmal nachtritt, wenn ich am Boden liege. Der mich auf Abruf benutzt wie ein Möbelstück oder einen bequemen, alten Pullover, den man eben überzieht, wenn einem kalt ist und den man wieder in den Schrank wirft, wenn man seiner überdrüssig ist. Der mit mir nicht gesehen werden will.
Aber das andere, die langen Nächte auf der Piste, die Jungs mit den schnellen Autos und den harten Drinks - die will ich auch nicht mehr. Ja, es macht Spaß für ein paar Stunden, aber das nach Hause kommen ist schon weniger lustig. Und die Erkenntnis am nächsten Morgen ist noch bitterer:
Keiner von ihnen ist Du.
Unfairerweise würde ich jeden von ihnen, jede laute Nacht, jedes buntes Licht für einen Abend am Wasser mit Dir eintauschen. Streich das Wasser - egal wo, wenn Du nur da bist.

Du fehlst mir. Du fehlst mir. Du fehlst mir.

Oder besser, die Person, die Du einen Abend lang warst, fehlt mir. Eigentlich bin ich selbst schuld. In jeglicher Hinsicht. Ich habe Dir nicht gesagt, wie ich fühle, als es an der Zeit dafür war. Wenn es jemals Zeit dafür war.
Und jetzt heule ich wie ein einsamer Köter den Mond an. Ich müsste furchtbar wütend auf Dich sein. Gründe gibt es zu genüge. De facto weiß ich, was ich tun würde, stündest Du heute Abend vor meiner Tür. Dich herein bitten, Dir einen Tee kochen und Dich anstarren.
Aber Du wirst nicht da sein.
Ich möchte Dir so gern beweisen, dass ich mehr wert bin. Ich will, dass Du mich besitzt, ich will mit dem Gedanken an Dich einschlafen und ich will, dass Du mit dem Gedanken an mich aufstehst. Ich will eine Schleife um die Welt binden und sie Dir schenken. Meine gehört Dir sowieso.
Kitschig? Ja. Übertrieben? Auch.
Wahrscheinlich wird mir meine Therapeutin irgendwann erklären, dass Du eine Art verspätetes Stockholmsyndrom bist. Man verbindet sich mit dem, was einen verletzt.
Die paar Nächte können doch gar nicht ausreichen, um jemanden so sehr zu wollen.
So sehr? Wie weit lüge ich mich da eigentlich selbst an? Wie viel kann ich für jemanden empfinden, dem ich das nicht gesagt habe?
Denn ja, auch diesmal, wie immer, habe ich niemals mehr gesagt als "Ich mag dich.". Für mich praktisch eine Liebeserklärung. Aber wirklich ausgesprochen habe ich es nie. Ich denke, man sieht es.
Allerdings denke ich auch, dass Demokratie eine feine Sache ist und die meisten Menschen einen guten Kern haben. Ich gehöre zu den Leuten, die bei den Ständen von Hilforganisationen panisch weiter rennen müssen, weil sie sonst mit einer Patenschaft für Robbenbabies, Gorillas und unbekannte Kinder in afrikanischen Ländern beglückt werden.

"In was schneide ich Deinen Namen...in mich und immer tiefer in mich." ~ E. Fried

Manchmal frage ich mich, was schlimmer wäre. Von Dir ins Gesicht gesagt zu bekommen, dass ich Dir nichts bedeute oder diese Vorwegnahme der Antwort, bei der ich gegen meine eigene Hoffnung ankämpfe.
Irgendwann wird auch dieser Schnitt vernarben, wird eine weitere Schwiele bilden, eine Erinnerung. Auf ein glückliches Ende wage ich kaum zu hoffen.

"Es gibt kein glückliches Ende, denn es endet nichts."
L. Carrol

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Geschrieben von Kildare am 19-05-2009 um 14:47:

Verdreht

“Dead as dead can be,” my doctor tells me
But I just can’t believe him.....
Wake up and face me, don’t play dead
cause maybe Someday I will walk away and say,
“You disappoint me,”
Maybe you’re better off this way
Leaning over you here,
cold and catatonic
I catch a brief reflection
of what you could and might have been
It's your right and your ability To become
…my perfect enemy…
Wake up (we'll catch you) and face me (come one now),
Don’t play dead (don't play dead)
~ Passive, A perfect circle


Mein bester Feind. Ich selbst. Immer. Irgendwann habe ich angefangen, andere darin zu übertreffen, mir weh zu tun. Wann eigentlich?
Was man Durchhaltevermögen nennt, nenne ich Trotz. Was für andere Liebe und Aufopferung sind, ist für mich Dummheit und Unfähigkeit, allein zu sein, Aufdringlichkeit. Wo Außenstehende gutmütig abnicken, brennen mir Makel unter der Haut.
Wie kämpft man gegen sich selbst? Ich lege mich einfach schlafen. Schlaf heilt. Oder zumindest reisst er keine Wunden auf.

Zwei Dinge haben mich zum Nachdenken gebracht. Michas Nebelpfade und der Ausspruch einer Freundin:
"Wir funktionieren bei Rot und Orrange. Hast Du Dich je gefragt, ob wir mit Grün einfach nicht zu recht kommen?"
Habe ich mir diesen ganzen, verworrenen Haufen gesponnenen Ziegendung etwa wirklich selbst ausgesucht? Weil ich damit zu recht komme?
Und wenn ja - warum enttäusche ich mich in meiner eigenen Geschichte immer noch?

Palas Athene und der Silberschild - Schmerzen überdecken Schmerzen und wenn ich mich selbst nur gut genug verletzte, dann können es andere vielleicht nicht mehr.

"Sag, ich habe nicht geweint." ~ Die gebundenen Füße, K. Harryson

Tränen war immer das, was aus mir herausgeprügelt wurde. Das, was die Meute sehen wollte. Wein, Mädchen.
Irgendwann weinte ich nicht mehr. Lachte ich nicht mehr. Und noch heute verleugne ich Schmerzen. Noch während mir die Tränen die Wangen herunter laufen, das Blut aus der Nase sprudelt, murmele ich "Es ist nicht so schlimm." Ich entwickelte Möglichkeiten, nicht mehr verletzt zu werden. Erst hielt ich mich von Menschen fern, dann ließ ich sie irgendwann wieder näher heran. Näher - aber nicht zu nah. Nur nicht zu nah.
Jeder bekommt ein Stück, einen Teil des Ganzen, aber ich hüte mich, jemandem den ganzen Satz zu geben. Ausnahmen bestätigen die Regel und selbst da fällt es mir schwer, Dinge zuzugeben. Ich mag es nicht, wenn Personen, die ich schätze, nachgerade als Teil meines Rudels betrachte, besorgt sind. Und warum auch? Ich werde es schaffen - ich habe es immer geschafft.
Hilfe? Aber mir wird doch geholfen. Die Briefe, die Anrufe - ich verlange nicht mehr. Brauche ich mehr? Muss ich nicht von allein auf den Füßen bleiben?

Über-leben. Leben? Ja, auch. Ich bin nicht unglücklich. Nicht immer. Ich bin glücklich. Manchmal.

Selbstwert. Einer der Werte, die ich nicht schätzen kann. Ich schwanke zwischen der maßlosen Arroganz jener, die geprüft, verbrannt und aufgestanden sind und dem Selbsthass derer, die sich nicht lieben. Alles, was ich kann, sind kleine Talente. Alles was ich nicht kann, wiegt dreifach.
Menschen wie ich dürfen nicht als Lehrer arbeiten. Wir verstehen eigenes Versagen nicht. Wir begreifen es bei anderen auch nicht, denn wenn wir, die wir ja nichts können, etwas zu Wege bringen, dann muss es doch für den anderen noch viel leichter sein, für den besseren Menschen.
Tritt mich, schlag mich - ich habe es nicht besser verdient.

Verzeifelte Worte einer anderen Frau: "Aber ich bin nicht Du!"

Die andere Seite, der Stolz, der giftige Zynismus: Was kannst Du mir antun? Was mir nicht schon angetan wurde? Was ich mir nicht selbst bereits angetan habe?
Der Parcour, der einen zu etwas besonderem macht, weil man ihn durchgestanden hat. Und der einen den Rücken gerade nehmen lässt.
Ich bin damals nicht liegen geblieben - ich werde hieran auch nicht zu Grunde gehen.
Der Hass, der einen damals dazu getrieben hat, nicht aufzugeben, weil das bedeutet hätte, die anderen, die Welt, hätte gewonnen.
An diesem Zeitpunkt wurde die Welt zum Feind.

Und ganz gleich, wie freundlich sie sich später gezeigt hat, wie lieb man vieles gewonnen hat, ein Rest Misstrauen bleibt. Man gibt sich nur stückweise Preis, mit Sicherheitsleine und Netz. Immer nur eine Fassette auf einmal, dann langsam eine zweite, vielleicht eine Dritte. Es braucht lange, bis man den ganzen Schliff offenbahrt.

Angst und Liebe. Es ist nicht Hass, was Zuneigung entgegensteht. ich habe in meinem Leben einige Leute gehasst, aber das hat mich selten daran gehindert, es entweder gründlich zu tun oder sie trotzdem zu lieben.
Was mich von Menschen trennt ist die Angst. Immer wieder die Angst, man könnte mich "so wie ich bin" als Komplettpaket mit allen Makeln nicht annehmen. Rationell ist sie vollkommen unbegründet. Ich bin nicht allein. Einige Menschen haben es bis hinter den Silberschild geschafft und sind immer noch dort - seit über 10 Jahren. Warum sollten ausgerechnet meine Freunde, die ich schätze, nun im Unrecht sein mit der Beurteilung meiner Person und jene, die mich ablehnen, im Recht?
Warum wiegen Zurückweisungen so unglaublich schwer?
Weil es mir sehr leicht fällt, die Schuld bei mir zu suchen. Weil ich bei jeder Verletzung einen Schnitt setzen muss, der tiefer geht, um die Kontrolle zu behalten. Und manchmal ist das nicht so einfach. Bis auf den Knochen - bis ins Mark.
Deshalb nähere ich mich lieber Menschen, bei denen ich das Risiko abschätzen kann. Immer so weit, wie ich glaube, gehen zu können, ohne abzustürzen.
Seiltanz.
Aber es gibt einige, bei denen ich das nicht beurteilen kann, die mich anziehen, wie Flammen Motten und bei denen ich mich fürchte, verbrannt zu werden.
Gebranntes Kind scheut das Feuer.
Es ist ungerecht, dass ich meine Brandwunden besser in Erinnerung behalte als die unzähligen Male, in denen es gut gegangen ist. Undankbar, könnte man sagen, gegenüber all diesen Menschen, die mich nicht enttäuscht haben. Irrational in jedem Fall. Die Welt ist gleichermaßen gegen jeden. Sie hasst mich nicht mehr oder weniger als andere.

"You know, I used to think that it was awful that life was so unfair. But then I thaught, wouldn't it be much worse, if life was fair and all the terrible things that happen to us come because we acctually deserve them? So now I take great comfort in the general hostility and unfairness of the universe."
~ M. Cole


Oder sie ist gleichermaßen für jeden. Die Sonne geht jeden Abend unter. jeder von uns hat seine Segnungen und seine Flüche. Jeder einzelne.

Das Verlangen etwas besonderes zu sein. Will ich das? Ja. Will das nicht jeder? Wohl schon. Ist das nicht jeder? Auch ja.

Und nun wieder auf Anfang. Zirkelschluss. Und vielleicht, irgendwann, komme ich auch mit meinem besten Feind zurecht.

"Irgendwo steht doch geschrieben, Du sollst Deine Feinde lieben, sie umarmen und verführen öffne Deine Türn....komm her und verbeug Dich vor Dir selbst...Du leidest viel zu gerne...denn Dein schlimmster Feind...bist Du."
~ Bester Feind, Rosenstolz

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von ArrogantNick am 19-05-2009 um 20:59:

Ich möchte Dir eine kleine Geschichte aus meinem Leben erzählen. Ich muss so ungefähr neun Jahre alt gewesen sein. Wir lebten in einem Reihenhaus in einem kleinen Dorf am Niederrhein, für das meine Mutter und mein Stiefvater sich hoffnungslos überschuldet hatten. Meine Mutter trug mir in aller Regel, jeden Morgen bevor sie zur Arbeit fuhr, das Pensum für den Tag auf. Meistens war das Spülen, Treppe/Böden wischen und die Vögel zu versorgen, so ich aus der Schule kam. Die Vögel waren es auch, die dann abends mit großem, liebevollem Hallo begrüßt wurden, während ich nur gefragt wurde, ob ich alles Aufgetragene erledigt hätte. Meistens hatte ich.

Am Wochenende war dann Großputz und ich war eigentlich nie in der Lage, meine Mutter zufrieden zu stellen. Nichts war ordentlich genug, alles ging zu langsam und eigentlich wurde in mir, während ich hektisch herumwuselte um vielleicht doch endlich einmal alles richtig zu machen, das Gefühl immer stärker, dass ich chancenlos war. Das führte eines schönen Samstags dazu, dass ich mich weigerte. Mein Stiefvater, der im Hof vor der Garage sein Auto wusch, wurde herbeigerufen, um nun seiner Aufgabe als Erziehungsberechtigter nach zu kommen, was er auch tat.

Unsere Küche war recht klein und so klemmte ich mich, während mein Aushilfsvater mich immer weiter mit voller Wucht rechts und links ohrfeigte, zwischen Regal und Küchentisch in die Nische an der Wand. So gefangen, mit diesem mich schlagenden Wesen vor der Nase, was immer härter zu zu schlagen schien, mit jedem Mal wo es mich anbrüllte: "Schrei!" - war dies der Beginn meines Sieges über den Schmerz; und damit der einzigen Möglichkeit zu siegen, denn es kam kein Laut über meine Lippen.

Ich starrte ihn stur an, mit vor Tränen brennenden Augen und zusammengepressten Lippen und hätte mir eher die Zunge abgebissen, als dass ich auch nur einen Mucks von mir gegeben hätte. Und auf eine seltsame Art, bereitete es mir Genugtuung, ihn zu beobachten, wie er immer hysterischer brüllte, weiter schlug, die Kraft in seinem Arm nachzulassen schien und er irgendwann keuchend seine Niederlage einsehen musste.

Wir spielten dieses Spiel noch oft und ich gewann, immer. Es war der Sieg eines verlorenen Kindes.

****

Wir sind uns ähnlich.

Du wirst es schaffen. Eines Tages wirst Du anders siegen lernen. Wenn ich das kann, dann Du auch.

Mischa

(Wenn es Dich hier stört, gib Bescheid, dann lösche ich es wieder.)


Geschrieben von Kildare am 20-05-2009 um 01:03:

Danke.

Und ja, manchmal gibt's Lorbeeren auch im Gulasch. Wesentlich verträglicher als diese Kränze, die einem über den Kopf gehalten werden während jemand murmelt "Vergiss nicht, dass Du sterblich bist." - Als würde man das je vergessen können - oder wollen.

Der Gedankenstrich als Ausdruck all dessen, was in einem arbeitet. Die Unterteilung. Die Pause und das Durchatmen vor dem nächsten Schritt.
Vögelchen flieg - Phoenix vor dem Brennen.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 21-05-2009 um 03:43:

Roter Mond - Palas Athene ohne Schild

Nein, es gibt kein glückliches Ende. Aber es gibt auch kein Zurückweichen. Ich war ehrlich, einmal, und Athen steht noch. Nichts ist bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
Gut, ich habe auch keinen trojanischen Krieg gewonnen, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es nichts schlimmer gemacht hat. Es gab kein Lachen, es gab nicht einmal Ablehnung im eigentlichen Sinne - natürlich gab es auch keine anderen Liebesgeständnisse außer diesem einen. Selbstverständlich bin ich weiterhin allein.
Aber das nächste Mal, wenn Du mir entsetzlich fehlst, werde ich zum Hörer greifen und anrufen können.
Fortschritt? Manche würde sagen nein. Manche könnten anführen, Du hieltest mich hin. Manche würden meinen, heute wäre die Nacht gewesen, in der ich Dich hätte zum Teufel jagen sollen.
Manche mögen recht haben - aber nun ja, ich bin, für diese wenigen Stunden, glücklich und zufrieden damit, überhaupt den Mund aufbekommen zu haben. Einmal. Der Rest wird sich finden, aber heute Nacht gehört mir.
Furchtlos. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Odessa am 21-05-2009 um 08:17:

Das klingt gut, meine "Berta". Du bist auch so eine Magnolie aus Stahl... so zerbrechlich, empfindsam und tiefgründig, und nach außen in einen Panzer gehüllt den nur die zu durchbrechen wissen, die wissen welcher Schatz sich dahinter verbirgt. Ich weiß es. Wie teuer und kostbar Deine Freundschaft ist und wie unglaublich loyal und aufrichtig Du hinter und neben einem stehst. Deine Worte haben mir so oft schon geholfen und auch bei Dir weiß ich, wie bei Mischa, durch welche Höllen Du schon als Kind gegangen bist.

Ich wünschte, ich könnte Dir mehr helfen als Dir am Telefon "zuzuhören" und ein paar doch so trivial-albern-belanglose Worte "im Poesiealbum" dieses threads dazulassen. Ich wünschte, ich könnte einigen Herren in Deinem Umfeld mal etwas Klarsicht und Hirn in ihre Schädel pusten.

Aber ändere Dich DU nicht. Denn wenn ich und einige Andere mit Dir wunderbar klarkommen, dann sollte das zeigen daß es sicher nicht an Dir liegt - es braucht immer Sender UND Empfänger. Und eine gleiche Wellenlänge. Deine Wellenlänge paßt mir ausgezeichnet, und ich verstand und verstehe bisher noch jedes Deiner Worte und Signale. Du bist halt eine Wellenlänge, die sich nicht auf seichten Schlager und Rap-Müll eingespielt hat, sondern auf die leisen oder sehr "experimentell ungewohnt" wirkenden Töne, denen man erst mal konzentriert nachhören muß. Nicht das Schlechteste, wie mir mein eigenes Leben zeigte - und die Männer darin. Es wird bei Dir genauso sein, und Du wirst Deine "Hörer" finden. Die nicht erst ein Hörgerät brauchen, um Dich zu empfangen.

Liebe-n Gruß an Dich und komm gut wieder, da aus der Gegend "wo man die Bertas übern Zaun hängt" ;-)

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Gegen das Wegsehen


Geschrieben von Kildare am 27-05-2009 um 14:36:

Meine Amsel, Du bist ja vieles, aber bestimmt nicht trivial und belanglos. Schließlich verdanke ich Menschen wie Dir und solchen, die Dir nicht unähnlich sind, die Einsicht, dass am Ende nicht mein Bankkonto oder meine Erfolgsquote, nicht die Frage, wie viele Menschen ich besiegen konnte, zählen wird.
Sondern schlicht glücklich zu sein - und andere glücklich gemacht zu haben.
Und dafür bin ich Dir verdammt dankbar.

Das andere Land - Niedersachsen
(Alle Angaben des folgenden Textes sind rein sunbjektive Eindrücke und erheben keinerlei Anspruch auf Richtigkeit)

Die Luft riecht dort immer ein bisschen salzig und nach gemähtem Gras. Und natürlich nach Kuhdung, aber das gehört dazu. Die Häuser sind aus Backstein, kleine, rötliche, zweistöckige Bauten, die Generation um Generation kontrollierten Verfall betreiben. Es wird geflickt und repariert - aber man trennt sich nicht. Die Türen zeigen 50erJahre Design. Vor dem Stall steht eine alte Polstergarnitur mit Rosenmuster. Fachwerk ist nichts exotisches.
Die Gärten sind voll mit simplen Pflanzen, kleine bunte Blüten, die ungeordnet über die Holzzäune fließen. Das Wort Gartenanlage hat hier keinen Platz. Dinge wachsen eben. Wicken, Rittersporn, Lavendel.

Die Menschen reden wenig. Beim Frühstück sitzen wir still nebeneinander. Aber so richtig fremd ist man sich auch nicht. Wer so weit auf's Land geht, gehört zum selben Schlag.

Salderatzen - ein alter, winziger Gutshof mit großer Scheune, die eine Bühne beherbergt. Zwei Pferde stehen nebenan, die Schafe sind auf der Weide dahinter, prächtige Hühner laufen über den Hof. Die Türrahmen sind hellblau gestrichen, dieses Taubenblau, dass ich nur aus Niedersachsen kenne. An einigen Stellen blättert es etwas ab.
In dieser Umgebung, zwischen frei laufenden Hunden und glücklichen Hennen, recke so gar ich Nachtschattengewächs mich in die Sonne. Und es ist mir für einen Augenblick herzlich egal, ob ich dabei rot werde. Oder ungeschminkt bin. Für Sekunden kann ich mir vorstellen, Jeans zu tragen und Quitten anzupflanzen.
Für einen verräterischen Wimpernschlag denke ich daran, nichts weiter zu sein, dals die Frau, zu der Du nach Hause kommst.
Ich lehne mich gegen das Pferd, dass mir den Kopf entgegenstreckt und lasse mich vollschnoddern. Auch darauf kommt es hier nicht an.
Ich weiß, dass es so nicht funktionieren wird. ich bin nicht gemacht für ländliches Idyll und ich würde ohnehin meine Unabhängigkeit nicht aufgeben können - erst recht nicht Dir gegenüber.
Ich will selbst sehen, wie weit ich mich tragen kann. Ohne Stützpfeiler. Oder besser gesagt ohne Dich, denn Fräulein K. ist ein Gemeinschaftsprojekt, ein Patchwork aus zuspruch und Unterstützung.

Aber vielleicht, in einigen Jahren, wenn ich mir selbst bewiesen habe, was ich kann, kehre ich zurück. Flaches Land. Eine Bäuerin wird aus mir nie werden. Frühes Aufstehen und die Schattenseiten des Betriebsalltags (nein, wir können sie nicht alle behalten, der da wird Lammleberwurst) sprechen deutlich dagegen. Und außerdem würde mir die Stadt fehlen, die Möglichkeit "mal eben" einkaufen zu gehen, die Theater, die Lichter.

Auf dem Land gibt es Sterne. Heidekraut. Knorrige Kiefern. Apfelbäume.

Inzwischen sage ich "nach Hause" egal, wo ich hinfahre. Heimat ist in Niedersachsen und in Berlin, auf freiem Feld und in Häuserschluchten.
Puzzlespiele. Es ist ein Prozess, der sich wohl erst in vielen Jahren abschließen wird. Wenn ich sesshaft werde, keine Tourneen mehr mache, keine Gastspiele gebe, mich in der Welt umgesehen habe und dann endlich ruhig und stetig Heim und Garten versehe.
Aber der Norden bleibt meine Heimat, dort lebt ein großer Teil meiner Familie, dort bin ich aufgewachsen, dort sprechen die Leute "meine Sprache", zum Teil indem sie überhaupt nicht sprechen.
Nein, ich muss nicht dort leben. ich habe festgestellt, dass ich mich in vielen Landstrichen einfügen und heimisch fühlen kann. Aber zurück kehren werde ich - immer mal wieder. Und ich freue mich über jeden meiner Lieben, den ich mitnehmen kann, mit dem ich, vor Stolz strahlend, am Ackerrand stehe, auf die kleinen Häuser mit den spitzen Dächern zeigend und den Worten auf den Lippen:
"Siehst Du? Hier bin ich zu Hause."

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 28-05-2009 um 21:51:

Taube und Tiger
Sanftmut gegen Stolz

Es ist kaum eine Woche her, da habe ich vor Dir auf dem Boden gehockt und den Silberschild gesenkt. Friedensangebot. Jetzt rebelliert ein Teil von mir bereits lauter, möchte "diese Frau", meine brennende Hälfte, am liebsten einen Strich ziehen. Keine Frontlinie erneuern, sondern einen Schlusspunkt setzen.
Vielleicht heisst nein.
Ich habe es nicht nötig zu warten. Ich bin allein genau so gut wie mit jemandem gemeinsam.

"Das musst Du gesehen haben - nein, muss ich nicht...
Das musst Du doch einsehen - nein, muss ich nicht....
Du musst mit Dir harmonieren - nein muss ich nicht...

Ich muss gar nichts, außer schlafen, trinken, atmen und ficken
und nach meinen selbstgeschriebenen Regeln ticken
Ich muss gar nichts, außer schlafen trinken atmen und ficken
und gelegentlich um vier Uhr früh 'nen Burger verdrücken
ich muss ich gar nichts, außer schlafen, trinken, atmen und ficken
und so pünktlich wie es geht meine Steuer abschicken"

~ Großstadtgeflüster, Ich muss gar nix


Und genau nach diesem einfachen, berlinbunten Popsong, muss auch ich gar nichts. Ich muss kein Verständnis haben. Ich muss nicht warten. Ich muss mich nicht mit halbgaren Aussagen abspeisen lassen. Und ich muss ganz bestimmt nicht geduldig herumsitzen und darauf hoffen, dass Du Deinen weißen Zossen doch noch aus dem Stall holst.
So was machen vielleicht Hauskatzen. Wie hast Du mich damals so prophetisch genannt? Tiger? Ganz richtig. Tiger sind nicht zahm, mein Lieber. Aber genauso behandelst Du mich, als hätte ich weder Klauen noch Zähne. Als müsste und würde ich einfach so hinnehmen, das Du die Spielregeln machst. Wenn Du Zeit hast, wenn's Dir passt.
Und derzeit ist das auch so. Mein Affektionsinteresse diktiert dem übellaunigen Rest auf, sich brav zu verhalten. Wir fauchen ein bisschen, aber wir halten uns ruhig.
Keine Ansprüche. Keine Forderungen. Nur Akzeptanz und Annahme. Was immer Du zu geben bereit bist, ist willkommen. Was immer Dich glücklich macht, ist gut genug für mich. Und wenn Du Zeit brauchst, gebe ich sie Dir.
Jetzt funktioniert das - noch. Tiger mit Halsband, schnurrend. Aber nur, damit Du den Deal begreifst: Das ist ein Geschenk.
Ich muss mit Deinen Eskapaden nicht leben und an dem Tag, an dem mir das zu viel wird, werde ich es auch nicht mehr tun.
Du hast mal gesagt, wenn Du's nicht mehr haben kannst, wirst Du es wollen. Konkret, wenn Du mich nicht mehr haben kannst. Zu unser beider Pech handele ich gradlienig. Wenn ich nein sage, meine ich das. Und deswegen werde ich nicht wie eine Diva inszenieren, dass mir an Dir nichts mehr liegt, sondern noch ein wenig Geduld investieren. Mal schauen, was aus Dir wird.
Uns sage ich nicht. Jetzt gibt es kein uns. Und wenn Du nicht irgendwann merkst, dass Sheba nicht meine Marke ist, wird sich auch keines Entwickeln.

Es wird Sommer in der Stadt mit dem warmen Asphalt und den großen Parks. Der Straßenbelag und der Staub riechen anders. Der Horizont trägt eine rote Linie. Brandmarke. Aufbruchszeit. In vielen Dingen. Und vielleicht auch hier.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 01-06-2009 um 22:06:

Warum eigentlich gerade Du? Diese Frage muss ich mir immer wieder stellen (lassen). Trotz? Ich habe mich für Dich entschieden und jetzt bin ich zu sturr, um einzusehen, dass Du nicht für mich gemacht bist?
Oberflächlich betrachtet, könnte das zutreffen. Du bist zickig. Eine Diva, hundertmal mehr, als ich es je sein werde, unzuverlässig, chaotisch, verletzend, arrogant. Eigen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie Du reagieren würdest, würdest Du jemals herausfinden, dass "unsere" Geschichte hier öffentlich steht. Ich nehme mir trotzdem das Recht zu schreiben, denn es gibt kein uns und somit gehört alles, was hier geschrieben wird, mir. Du könntest auch fiktiv sein. Vielleicht eine Romanfigur von Amélie Nothomb - skuril, absurd, bezaubernd.
Also warum eigentlich Du? Du regst mich auf. Du tust mir weh. Und es ist verdammt anstregend, Hoffnung zu haben aber nicht zu viel zu hoffen. Da zu sein, ohne sich aufzudrängen. In Dich verliebt zu sein und zu fürchten, dass es einseitig ist. Obwohl...

"Niemand träumt, was ihn nicht angeht." ~H. Hesse

Es gibt da diese ein oder zwei Momente, die so gar ich in all meiner Angst für Zeichen von Zuneigung halte. Zuneigung, nicht mehr. Es reicht mir nicht - aber es ist ein Anfang.

Also warum eigentlich Du? Von allen Möglichkeiten, aus allen Varianten gerade Du?
Weil Du mich aufregst.
Es gibt eine Unzahl von Dingen an Dir, die mich wahnsinnig machen. Im negativen Sinne.
Du rufst nie an - aber Du freust Dich, wenn ich es tue.
Du hast nie Zeit - aber Du kommst trotzdem alle paar Wochen vorbei. Egal, ob's Dir oder mir passt.
Und Du bist ein Snob. Wirklich.

Also warum gerade Du? Hätte ich jemanden, der so wenig zu mir passt nicht auch in Berlin finden können?
Vieles werde ich hier nicht schreiben können, weil es wirklich privat ist. Und Dir gehört.

"...du hattest eine gute Stunde, du sagtest das Richtige im richtigen Ton, du tatest das Richtige auf die richtige Weise..." ~ C. Wolf, Medea

Weil Du mich so genommen hast, wie ich bin. Nein, Du sagst nie, dass ich Dir gefalle, aber nach dieser einen langen Nacht, in der ich Dir einen Teil meiner Lebensgeschichte erzählt habe, da hast Du Dich weder gefürchtet noch mich bemitleided.
Ich mag beides nicht, weder Bewunderung noch Mitleid. Ich will nicht bewundert werden für einen simplen Selbsterhaltungstrieb und ich will nicht bemitleided werden.

Und Du vertraust mir nicht. Es mag seltsam klingen, dass gerade dieses mangelnde Vertrauen, welches ich mir doch so sehr wünsche, mich auch zu Dir hinzieht. Nicht etwa, weil Du dadurch unantastbar wirst, sondern weil es mir zeigt, dass auch Du auf Dich selbst aufpasst. Natürlich wird dadurch nichts leichter, aber ich verstehe es.

Und weil Du mich aufregst. Ja. Genau deswegen. Weil Du mich wach machst, weil Du mir drei Tassen Kaffee ersetzen kannst, weil ich Dich an die Wand klatschen wollen würde.
Ich bin nur noch sehr, sehr selten zornig. Und genau diese Art von übersteigerter Wut zeigt mir, das Du mir etwas bedeutest. Ich ereifere mich über Menschen, die ich nicht lieb habe, nicht so.

Und letztlich - weil Du mich lächeln lässt. Dieses eine bestimmte Lächeln. Als hätte ich doch Flügel. Als stünde der Himmel offen.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 02-06-2009 um 13:33:

Man muss auch gönnen können.

Es verwundert mich immer wieder, wenn Menschen wirklich beneidet werden. Nicht dieser kurze Moment, in dem man denkt "Das hätte ich auch gern." sondern der echte, gehässige Neid, der dann danach trachtet, dem anderen das, was ihn glücklich macht, madig zu machen.
Ich habe solchen Neid nie erfahren. Und ich hoffe, ich habe ihn auch nicht empfunden - vielleicht bis auf eine Ausnahme, aber da ging er über in blanken, ehrlichen Hass und war somit nicht nur neidgrün sondern auch zornrot.

Ich selbst mag glückliche Menschen. Auch wenn sie mich an etwas erinnern, was ich nicht bin. So gar dann, wenn ihr Glück nicht aus Unglück gewachsen ist sondern sie eben "Sonntagskinder" sind.
Vielleicht bin ich arrogant, wenn ich annehme, dass sich das alles auf anderen Feldern wieder ausgleichen wird.

Davon, jemand anderem seine Freude zu missgönnen, habe ich keinen Vorteil. Ich gewinne nichts. In gewisser Weise sind solche glücklichen - eigentlich ehr zufriedenen - Menschen für mich Vorbilder. Eines Tages will ich das auch sein, in mir ruhend und dankbar für das, was ich habe.
Und bis dahin - wofür lohnt es sich denn, irgendetwas zu bewahren, wenn nicht für Menschen, die es schätzen und genießen?

Worte zum Mittwoch. Und nun muss ich mir das nur einprägen für das nächste Mal, wenn die schlanke, intelligente Kollegin mir von ihren Bestnoten, dem Ferienhaus in Polen und ihrem umsichtigen Freund erzählt.

Man muss auch gönnen können.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von ArrogantNick am 02-06-2009 um 13:59:

Hallo Zweitweib :-)

....ich kenne Neid. Kenne ihn in ätzend und giftgrün. Kenne ihn aber auch in zornesrot und glutorange. Ersterer vergiftet u. U. die eigene, mögliche Zufriedenheit, die zweite Variante feuert u. U. dazu an, neue Wege zu suchen, was so schlecht nicht ist. Denn, und das ist eines meiner großen Erkenntnisse, man ist im Grunde nicht neidisch auf das WAS der Andere hat, sondern nur auf das, was man MEINT das er damit für sich erreicht, nämlich Zufriedenheit/Glück. Und diese sind es, die man sich auch erhofft, wenn man denn hätte, was der Andere hat. Man ist also nicht neidisch auf das was der Andere hat, auf das Vehikel zum Glück sozusagen, sondern man neidet das Ergebnis, das Glück als solches.

Wenn man das erst einmal erkannt hat, kann man sich die wichtigste aller Fragen stellen, denn man erkennt automatisch, dass ein solches "Glücksvehikel", genauso individuell ist wie ein Fingerabdruck. Also wäre die Frage: Wie sieht meines aus?

Meistens geht der Neid dann von alleine weg und wenn nicht, so kann man ihn sich genauer anschauen, denn als solches ist er neutral. Es darf ihn in Dir geben, so wie es alles in Dir geben darf. All diese Dinge sind Hinweise. Kleine Laternen in der noch nächtlichen Dunkelheit Deiner großen Lebensallee, die Dich leiten, bis Dir irgendwann das Licht aufgeht, Dein höchstpersönlicher Sonnenaufgang. Diese Glücksvehikel sind große Modellbausätze und unter dem Licht der Laternen, liegen die Teile verstreut. Also versuche nicht das Licht zwanghaft auszuknipsen. Versuche zu finden, was es beleuchtet. Und wenn Du alles gefunden hast, dann gehe weiter, denn dann erlischt das Licht von ganz allein.

[Wie immer: Wenn es stört ~> PN und ich lösche.]

....


Geschrieben von Kildare am 03-06-2009 um 13:54:

Hallo Zweitweib - wie immer bist Du Willkommen. Und wie schon oft wundert es mich auch hier, wie ähnlich die Amsel, Du und auch ich uns manchmal sind.

Jetzt gerade hoffe ich allerdings, dass Ihr beiden Euch von mir unterscheidet. Drastisch.

Zusammenbruch im Grabenkampf

Irgendwann dünnt man sich zu sehr aus. Irgendwann hat man sich dann aufgerieben. Gestern war es so weit. Der Punkt, an dem sie mich alle mal [ gern haben ]konnten. Die professoren, die Mutter, die Freunde, der eine - einfach alle. Der Punkt, an dem
~A perfect circle "Counting bodies like sheep"~ laut lief - zu laut.
Gedankenstriche und viel zu viele Gedanken. Und das wiederkehrende:

Ich kann das nicht mehr.

K. kam natürlich, obwohl ich ihm gesagt hatte, er solle weg bleiben. Drei Stunden mit blutenden Füßen durch Berlin gestapft. Wir haben uns angeschrien wie zänkische Stare. Misanthropen und Masochisten.
Ich sehe keine Optionen mehr außer diesem Pfad nach vorn. Überall - nur nicht hier. Fraglich ist nur wohin danach? Und wie die nächsten Wochen und Monate überbrücken? Überbrücken. Notlösung. Flickwerk. Heftplaster. Druckverband. Immer mal wieder.

Rational weiß ich, dass es nur Zeit ist, dass alles gut wird, wenn ich nur hart genug daran arbeite und wenn nicht alles dann zumindest viel. ich muss nur den Rücken gerade nehmen und es durchstehen. Und die Bedingungen könnten viel schlechter sein.
Irrational möchte ich schreien, bis meine Lungen brennen und sehe andere Menschen gierig an. Ich will einmal, einmal, einmal, dass ich es auch mit einer Schleife drum kriege. Geschenkt. Einfach so. Das etwas funktioniert, wie es sollte. Wie gedacht.

Rational darf ich hoffen, das alles, was jetzt schief geht, sich dann auszahlen wird.

Irrational mag ich einfach nicht mehr. Kein Formular mehr, kein Anruf, kein Warten, kein Hoffen, kein Wollen, kein Wünschen, kein Vergeben, kein Beschützen mehr.
Zusammenbruch - einmal zusammen brechen und heulen, was das Zeug hält. Würde das helfen? Vielleicht. Für ein paar Stunden. Und danach würde es mir leid tun, wenn mich jemand gesehen hat.

"Sag', ich habe nicht geweint."~ Die gebundenen Füße, K. Harryson

Der Satz kommt mir wieder in den Sinn.
Ich kann die besorgten Blicke nicht ertragen. Nein, es geht mir nicht gut, aber auch das wird sich renken. Es hat sich immer gerenkt.
Und Dir, dem letzten Tropfen in einer übervollen Regentonne, kann ich sowieso nicht erklären, was passiert. Das würde bedeuten, dass ich den Silberschild nicht nur absenke, sondern weg lege.
Einerseits will ich auf Dich warten, Dir all diese Zeit geben, die Du zu brauchen scheinst, mein Leben leben (ohne Dich), nichts fordern....
Andererseits bin ich wütend. Auf Dich, auf mich, auf alles. Es hätte reibungslos funktionieren können. Hätte - Konjunktiv. Statt dessen lerne ich wieder, warum ich eigentlich auch allein ganz glücklich war. Ich hatte vergessen, wie weh es tun kann, wenn man versucht, ein Gefühl dazu zu bringen, untätig zu sein.

Stolz. Ich bin zu stolz und zu feige, ganz klar zu feige, um Dir vor die Füße zu werfen, was von mir noch übrig ist. Die Frage, um die es jetzt geht, ist, ob ich diese Tür einfach laut knallend zuschlage. Aktion vor Reaktion.

Ich werde es nicht tun. Ich werde den Rücken gerade nehmen, Kaffee trinken, lächeln und weiter machen. Vorwärts, nur vorwärts. Hätte Orpheus nicht zurück geschaut, er hätte Euridike nicht verloren.

Silberstreif. Meine Englischlehrerin pflegte immer zu sagen "Where there's life, there is hope." - kurz vor den Zeugnissen.
Das hier wird, irgendwie und im Zweifel nach McGyver Art mit Kaugummi und Tape, funktionieren. Mit Dir oder ohne Dich, das wird sich zeigen.

Egozentrik - jetzt brauche ich sie. Denn ich bin der einzige Mensch, an dem ich arbeiten kann. Also...auf geht's. Vorhang. Nächster Akt.

Ich verstecke Dich Vor Deinem schlimmsten Traum
Und wärme Dich
Wenn Du an Dir erfrierst
Ich küsse Dich
Wenn Dich keiner küssen mag
Und liebe Dich
Wenn Du Dich wieder verlierst

Ich hab genauso Angst wie Du
Meine Flügel sind aus Blei
Und bist Du verrückt
Bin ich`s um so mehr
Vom Fliegen sind wir noch ganz schwer

Ich denk mir für Dich Einen Himmel aus
Und glaub für Dich
Wenn Du selber nicht glaubst
Ich denk für Dich
Die Sonne neu
Und klau sie Dir
Wenn Du Feuer brauchst

Ich hab genauso Angst wie Du
Meine Flügel sind aus Blei Und bist Du verrückt
Bin ich`s um so mehr
Vom Fliegen sind wir noch ganz schwer

Ich hatte schon immer
Schwierigkeiten mit dem Leben
Und hatte schon immer
Schwierigkeiten, das auch zuzugeben
Ich wollte schon immer
Schneller laufen Höher fliegen
Und wollte schon immer
Höher hinaus Und bin doch drunter geblieben

Ich hab genauso Angst wie Du

~ Rosenstolz


Irgendwann...vielleicht. zeit, Federn zu sammeln. Zeit, Schwingen zu basteln.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 07-06-2009 um 05:56:

Bröckelnde Masken

"Und K. ist fett."

Ein einziger Satz, der einen Riss in den Abend brachte.

"Du warst die einzige Frau ohne Freund hier."

Der zweite Ausspruch.

Schnitt

13 Jahre - alles gleich.
Ich bin also nur meine körperlichen Parameter wert. Und meine männliche Begleitung. Es gab Tränen. Und Entschuldigungen. Und Vergeben. Wie immer.

Aber eines wird es auch diesmal nicht geben. Vergessen.

Ein weiterer Abend. Eine andere Nacht. Ein Schritt auf der Treppe.

Dinge wiederholen sich. Immer wieder. Immer wieder. Immer wieder.

"Das wusste ich nicht."

Aber ich weiß es.

Palas Athene und der Silberschild. Palas Athene und die Schädelknochen. Palas Athene und die Brandmale.

"Ich wollte dich nicht verletzen."

Ich wollte dich nicht verlieren.

"Je mehr Männer ich kennen lerne, desto größer wird meine Begeisterung für Hunde." ~ M. von Ebner- Eschenbach

Ich habe einen kreisrunden, roten Fleck auf meiner Hand. In der Größe eines Zigarettenstummels. Kaum sichtbar. Aber ich weiß es. Grenzlinientänze. Drahtseilakte. Die Luft wird dünn. Sehr dünn. Und in wenigen Tagen - ausgesprochen dünn.

Ich habe geweint. Nur - eigentlich - sind das alte Verletzungen.

"Wenn die Wunden längst verheilt sind, tun die Narben noch weh...." Romy Haag, Blaue Gitarre

Nein, auch diesmal nicht. Auch diesmal nicht, egal, wie nahe sich Brennpunkt, Zündstoff und Brandbeschleuniger kommen. Noch nicht.

Phoenix - vor dem Brennen.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von ArrogantNick am 07-06-2009 um 12:58:

- Sie wird brechen, die Mauer.
- Er wird nachgeben, der innere Damm.

Und am Ende, dann, wenn es vorbei sein wird, wirst DU, nur DU, befreit von all dem was Dir im Wege stand, inmitten dieses Feldes aus Trümmern sitzen und wissen, warum es nicht schon viel früher soweit gekommen ist. Denn das was Du bist, am Ende des Brechens und des Niedergangs, ist im Grunde das Gleiche wie vorher, nur ohne die Sicht versperrende Panzerung.

Vermutlich wird Dir aufgehen, dass es so lange dauerte, weil ein Teil Deines Selbst Todesangst hatte. Panik schob, sich aufzulösen und dass, wenn die Kriegerin das zerstörte Schlachtfeld räumt, nichts zurückbleiben würde als eine große, tote Leere. Und DU, endlich be[f]reit, wirst auf diesem Schlachtfeld sitzen und unter Tränen lachen.

Und wenn das dann alles ein bisschen hat sacken können, dann wirst Du höchstwahrscheinlich Dir die gleiche Frage stellen, die ich mir damals auch stellte: Warum nur, habe ich mich so lange gequält? Und Du wirst vielleicht ähnliche Antworten finden, wie ich sie fand. ....

Man könnte es Dir mit Schleife drumrum vor die Füße legen - einfach so. Du würdest es nicht (für) wahr-nehmen. Jetzt noch nicht.

.... Der Lohn.... hm.... ja, es lohnt sich, sehr sogar. Aber er ist ein wenig anders als gedacht. Man könnte sagen, dass man das totale (sich) Selbst-Bewusst-Sein bekommt. Man versteht viele Dinge besser, als Menschen, die die Schleifenpakete schon immer sehen konnten und gar nicht wirklich wissen was sie daran haben - wie wertvoll sie sind und welch wunderschöne Geschenke. Kein Licht wirkt wirklich, wenn es keine Dunkelheit gibt und je tiefer diese ist, um so wundervoller wird das Licht. Stell Dir die Freude vor, die ein Mensch empfindet, der in seiner Kindheit sein Augenlicht verlor und es nun, nach Jahrzehnten wieder erlangt, schärfer und klarer als jemals zuvor. Dieses Gefühl der inneren Freude, es wird Dein Begleiter werden und Dich nie wieder ganz verlassen. Es wird das Licht werden, mitten in Dir.

Der Lohn, er lohnt sich sehr. Du wirst das selbst erfahren, davon bin ich überzeugt. Kämpf Deinen Krieg mit der Dir eigenen Inbrunst, stolpere über Deinen Zorn, zerreiße Dich an Deinem Stolz, schlag Dich mit Deiner Selbstablehnung blutig und Dir Deine vermeintliche Feigheit um die Ohren, all dies führt Dich hin, an den Punkt an dem Du Deine Abwehrstellungen überwinden wirst. Dann wenn Du brennen wirst, endlich Licht in der Dunkelheit - und Wärme. Das hat Feuer ja nun einmal so an sich. Und wenn Du Dich so danach sehnst zu brennen, könnte man fast meinen dass Dir nicht nur das Licht abgeht sondern auch diese wundervollen, kuschelig warmen Ofenstunden. ;-)

....


Geschrieben von Kildare am 15-06-2009 um 14:38:

Wärme - ja, es könnte sein, dass die mir auch fehlt in diesem Sommer, der ein Herbst werden will.

Soloauftritt

Es ist eine seltsame Erkenntnis, sich klar zu machen, das man sein Leben für sich lebt. Aber am Ende, trotz himmlischen Heerscharen von Freunden, trotz der liebevollen Familie, trotz des Rudelgefühls, trotz der Sehnsucht, zu etwas Größerem zu gehören - steht man allein.
Es gibt außer mir niemandem, dem ich meine kleinen Erfolge vor die Füße legen könnte. Wer mich liebt, liebt mich zum Glück bedingungslos. So kleinlich sind die Meinen nicht, als das, was mir so essentiel erscheint, sie von mir trennen könnte. Sie kümmern sich nicht um mein Jahreseinkommen, meine Karriere, mein Gewicht, meinen Beziehungsstatus. Beziehungsweise sie kümmern sich schon - aber es ist für sie nur insoweit wichtig, wie es das für mich ist.
Was mich zerfrisst, ist nur für mich von Bedeutung.

Und es macht mich wahnsinnig. Ich fühle mich disfunktional, defekt, mangelhaft. Ich sollte so viel weiter sein, so viel erfolgreicher, so viel...

Ist Ihnen beruflicher Erfolg wichtig?
Die Antwort lautet ja. Allerdings weniger um mich selbst zu bestätigen, als um meine Unabhängigkeit zu gewährleisten. Ich bitte nicht gern.
Und Geld ist einer der einfachsten Wege, sich abzusichern.

Pragmatismus.

Und der Rest? Die hehren Ziele? Die Ideale? Die Liebe?
Muss jetzt warten. Ich habe meine Front definiert. Schritt für Schritt, Meter für Meter, Grabenkampf für Scharmützel.
Man hat mir gesagt, die Welt sei eben von Agression und Lust regiert.
Man hat mir gesagt, ich müsse zu recht kommen.
Man hat mir gesagt, wer agressiv ist, sei nicht therapiebedürftig, denn Agression erzeuge keinen Leidensdruck.
Ich hingegen, ja, ich gehöre behandelt.

Gut. Wenn's denn sein muss. Ich werde um das Recht, mich gegen diese Welt zu stemmen, kämpfen. Ich werde versuchen, klar zu kommen und wenn ich das endlich tue...wer weiß, vielleicht gefällt sie mir. Zumindest kann ich dann ohne den hämischen Beisatz der zu hohen Trauben kritisieren.

Incende quod adorasti. Adoro quod incendisti. Cinis omnis aequat.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 19-06-2009 um 20:48:

Bollywood - Bonbonfarben

"How did he do it? (A) He cheated, (B) He's lucky, (C) He's a genius, (D) It is written." ~ Slumdog Millionaire

Es fällt mir nicht leicht, morgens aufzustehen. Eigentlich fällt mir derzeit nichts leicht. Gar nichts.
Aber ich beginne diese überbunten Filme, diese hektischen lauten Lieder zu lieben. Weil sie spiegeln, was ich fühle. Zu viel. Immer zu viel. Immer aus den "Vollen".

Reagierst Du nicht über? Verliebst Du Dich nicht zu leicht? Ist das nicht unangemessen?

Ja. Ist es. Ich nehme das Leben zu ernst und ich verliere mein Herz an Menschen, die es nicht zurück bringen. Holschulden. Und ja, ich zweifle. An allem. Aber neben der Patina aus Sorgen, Existenzängsten, Verletzungen - brennt der Himmel in einem der schönsten Sonnenuntergänge. Bollywoodkitschig in pink, rot, orange, gelb, zartblau, dunkelblau.

So viel. Es gibt so viel mehr als meinen Job, meine Beziehung (oder Nicht-Beziehung), meine kleinlichen Sorgen. Es gibt den Himmel über Berlin, es gibt Menschen, die Lieder singen, das ich tanzen möchte, obwohl ich es nicht kann. Es gibt Farben wie Safran,Lavendel, Indigo . Es gibt Gerüche wie Flieder und Kurkuma. Es gibt Seide und Chiffon.

Ich möchte an dieser Stelle all jenen Menschen danken, die noch immer an mich glauben. Meiner Amsel, dem Zweitweib (in den Schranken unserer Beziehung über's Eck ), dem K. (insbesonders, weil er mich zur Uni tritt), meiner tapferen, kleinen Frau Mama und allen, die ich jetzt nicht namentlich oder synonim nenne, die aber trotzdem immer für mich da sind.
Ja, das Leben ist kein Ponyhof. Es ist, wie Forrest Gump festgestellt hat, eine Schachtel Pralinen. Mit buntem Papier. Manchmal bekommte ich Sorten, die ich nicht mag, aber am Ende bleibt Schokolade. Und die Schachtel. Eine sehr schöne Schachtel.

Dankbar. Manchmal vergesse ich, dankbar zu sein für all das, was ich habe, weil ich eben noch nicht alles habe. Weil ich glaube, es fehlten noch Teile. Weil ich mit mir selbst meinen Kleinkrieg ausfechte. Am Gartenzaun.

Hinter dem Gartenzaun wartet die Welt. Hässlich wie der Slum einer indischen Großstadt. Und schön wie das Taj Mahal.

In jedem Falle aber : Großartig. Extrem laut und unglaublich nah. ~ J. Foer

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von ArrogantNick am 20-06-2009 um 09:25:

Zitat:
Original geschrieben von Kildare
Weil sie spiegeln, was ich fühle. Zu viel. Immer zu viel. Immer aus den "Vollen".

Reagierst Du nicht über? Verliebst Du Dich nicht zu leicht? Ist das nicht unangemessen?

Ja. Ist es. Ich nehme das Leben zu ernst und ich verliere mein Herz an Menschen, die er nicht zurück bringen. Holschulden. Und ja, ich zweifle. An allem.


Mal wieder eine kleine Geschichte aus meinem Leben. Es gab Zeiten, da ging es mir, wie Du es dort oben beschreibst. Es schien nur zwei Zustände zu geben in mir: Gefühllosigkeit oder das genaue Gegenteil. Ganz oder gar nicht, schwarz oder weiß. Und während ich fühlte, sehnte ich mir, ob des Zuviels an Gefühl, dieses kaum zu ertragenden, sich aufbauenden Drucks, der mich mich alsbald fühlen ließ, wie einen Ballon kurz vor dem Platzen, bereits wieder das andere Extrem herbei, nämlich die Stille in mir. Diese wiederum, brachte mich bereits nach kurzer Zeit dazu, mich wieder nach Gefühl zu sehnen, da es zu still war, eine brüllende Stille, die den Sinn in meinem Leben zu verscheuchen schien.

....

Als Kind lebte ich eine lange Zeit bei meinen Großeltern, die ihren Altersruhesitz in Zell an der Mosel gewählt hatten. Eine Landschaft wie ein uriger, mittelalterlicher Traum, hineingeschmiegt in das Tal dieses wundersamen Flusses, der immer öfter, immer heftiger über die Ufer trat. Dafür wurden, neben der Flurbereinigung, auch die zahlreichen Schleusen verantwortlich gemacht, die den Fluss immer weiter stauten und wenn auf der französischen Seite diese Schleusen geöffnet wurden, um das Schmelzwasser aus den Vogesen abzulassen, bekamen die Winzer nasse Füsse und Keller.

....

Gefühle sind einem solchen Fluss sehr ähnlich. Sind quasi der Strom der Emotionen und mit jeder Phase des nicht Fühlens, mit jedem "es sich Abklemmen", weil man es für albern, übertrieben oder unangebracht hält, schließt man mal wieder ein Schleusenschott. Aber das Emotionenwasser verschwindet nicht, es staut sich nur, um dann, wenn man es wagt das Schott wieder zu öffnen, weil der Druck es womöglich sonst sprengen würde, dafür zu sorgen, dass man nasse Füße bekommt. Man wird sich so nicht nur, immer wieder neu, von der Gefährlichkeit dieser Emotionen überzeugen und von ihrem unkontrollierbaren "Zuviel", was einen dazu verführt sich selbst zu misstrauen und alles in Frage zu stellen, besonders das eigene Selbst und Sein. Nein, darüber hinaus wird man, in Ermangelung von sichtbaren Alternativen, auch die Schleusentore wieder schließen, womöglich noch die Mauern erhöhen und die Tore verstärken, bis zum nächsten Mal.

Ich habe das auch getan. Und irgendwann kam der Punkt, dass ich einen solchen Horror schob, diese Tore zu öffnen, dass ich es einfach nicht mehr tat. Ich kämpfte, versuchte verzweifelt die Tore zu halten, während der Druck mich fast umbrachte. Führte meinen höchstpersönlichen Krieg, zwischen unerträglichem, innerem Druck, Verzweiflung, Angst und einer Prise Wahnsinn. Und dann gewann der Fluss und sprengte alle Schleusen. Und während ich Todesängste ausstand zu ertrinken, lernte ich, dass ich naturgegeben schwimmen kann.

....heute fließt er, so wie die Natur das vorsieht. Die Überschwemmungen sind selten geworden, das "Zuviel" hat sich eingependelt auf eine ständige Gegenwart, ein immerwährendes, sanftes Fließen. Ein "Wohlfühlemotionenfließlevel", so wie jeder eines hat. Es ist "alles im Fluss" - "ich bin im Fluss".... und Du kannst das auch. Das ist einfach die Natur der Dinge, daran glaube ich. Und darum glaube ich auch an Dich, schließlich kämpfst Du mit dem Fluss und solange Du das tust, so lange kann er auch gewinnen. ;-)

....


Geschrieben von Odessa am 20-06-2009 um 10:49:

Meiner Amsel
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Meine Berta... bis heute weiß ich nicht wieso Du mich Deine Amsel nennst, kann ich doch zwar singen, aber keinesfalls in diesen schönen hohen Tönen;-). "Gerührter" Scherz beiseite - natürlich glaub ich an Dich. Wieso sollte ich nicht daran glauben, daß Du ein liebenswerter einmaliger wundervoller Mensch bist? Ich WEISS es, ich muß es gar nicht glauben. Seit Jahren sind wir Freunde, und ich erinnere mich noch heute an das Wochenende, das wir damals gemeinsam hier, mit Timberwolf, verbrachten. Du warst schon damals, so jung wie Du warst, unglaublich ernst und nachdenklich. So viel hinter der "rauen Schale", was weich und verletzlich und emotional ist. So viel, was Dich so liebenswert macht. Wer das nicht entdecken kann, darf oder will - it is his/her lost, nicht Deiner.

Farben und Gerüche. Die Samt- und Seide-Frau mit dem Erz im Herzen und dem Gold in der Seele. Zimt und Safran paßt gut zu Silber und Platin.

Alles ist möglich. Alles geht. Alles fließt, wie unser "Wachtelweib" schon geschrieben hat. Du bist. Nur das zählt :-).


Geschrieben von Kildare am 23-06-2009 um 02:35:

Amsel - kleiner, hübscher, brauner vogel mit sanften Augen. Mit Amseln bin ich aufgewachsen. Deshalb vielleicht.

Danke Ihr zwei.

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Alles fließt. Und derzeit fließt der Zorn. Rein, weiß, glühend. Lange zurück gehalten, gut angestaut. Manche Wunden brennt man wohl besser aus. Seit Wochen hatte dieser Schnitt geeitert und geschmerzt. Jetzt fühlt es sich taub und kautarisiert an.
Abschiedstage.
Wir alle mussten Menschen hinter uns zurück lassen, die nicht einmal die simpelsten Formen des Zusammenlebens beherrschen.
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"Goodbye my almost lover." ~ a fine frenzy

Nun gut, dann eben so. Ich habe es versucht, ich habe den Rücken gerade genommen, ich habe den Mund aufgemacht, ich habe die Arme geöffnet - vergebens.
Ich darf nichts wollen?
Funktioniert nicht. Eine zwischenmenschliche Beziehung ist immer ein Austausch und es gibt Dinge, Handlungen, die ich brauche. Ohne diese Basis ist das ganze Konstrukt nichts wert für mich. Ich brauche keine 24 Stunden Aufmerksamkeit am Tag, ich brauche keine teuren Geschenke, ich brauche keine Liebessonette (obwohl die mich wenigstens freuen würden), aber ich brauche Dich, wenn ich schreie. Wenn ich aus vollen Lungen um Hilfe brülle, wenn ich Dir beide Hände entgegenrecke, wenn ich mich Dir vor die Brust schmeiße - dann will ich einmal gefangen werden.

Natürlich frage ich mich, ob ich zu empfindlich bin. Aber nein, nein, eigentlich nicht. Nein, uneigentlich auch nicht. Ich fordere die Loyalität ein, die ich von jemandem erwarten zu können glaube, der mich wie einen besser zugelernten Hund herbei pfeift und wieder entsendet.

"Tempelherren die müssen nun einmal wie etwas besser zugelernte Hunde aus Feuer wie aus Wasser retten." ~Nathan der Weise, E. Lessing

Nein, ich habe kein Selbstwertgefühl, was hier brüllt, ist der Stolz. Ich bin bereit, weit zu gehen, ich bin weit für Dich gegangen, aber das hier ist die Linie. Ich kann von Dir erwarten, was ich von jedem meiner Bekannten erwarten kann. Was beinahe Fremde leisten können - ja, das müsstest auch Du berwekrstelligen können.
Du hast Stress?
Mageritkelach, wundere Dich - ich auch. So ein juristisches Staatsexamen schreibt sich nicht von allein.

Wer etwas will, sucht Wege. Wer etwas nicht will, sucht Gründe.

Das Leben ist kein Wunschkonzert. Man muss für das, was man wirklich will meisten Zähigkeit und Kompromissbereitschaft mitbringen, Geduld und Beharrlichkeit. Und eine ganze Menge Liebe. Im Herrmann Hessischen Sinne von verzeihen können. Das fällt mir auch nicht leicht.
Aber ich schrecke nicht vor dem Versuch zurück.

Invictus
* by William Ernest Henley; 1849-1903

Out of the night that covers me,
Black as the Pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.

In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
My head is bloody, but unbowed.

Beyond this place of wrath and tears
Looms but the horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds, and shall find me, unafraid.

It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll,
I am the master of my fate;
I am the captain of my soul.


Ja, ich habe versagt. An vielen Fronten. Immer wieder. Ich lerne - immer noch. Und ich habe Angst. Aber ich kenne mich. Taube und Tiger. Nicht jeden Winkel meiner Seele, aber doch viele, viele Türen. Mein ja ist ein ja. Und ich hoffe inständig, dass mein nein nun auch ein nein bleiben wird.
Es gibt diesen einen Punkt, an dem man sich fragen muss, was man zu ertragen bereit ist. Nicht, was man ertragen kann. Natürlich könnte ich mich Dir weiter unterordnen, weiter Dein Glück und Deine Wünsche über meine stellen - aber will ich das? Die Antwort ist "Nein.". Ich wollte keinen Rosengarten, aber ich wollte einen Freund. Einen Menschen, dem ich vertrauen darf, so wie Du mir hoffentlich vertrauen konntest. Zu viel verlangt? Wahrscheinlich.
Und somit werde ich von heute an nichts mehr verlangen - aber im Umkehrschluss - ich werde Dir auch nichts mehr geben. Außer vielleicht ein wenig Wut, wenn sich unsere Wege doch noch einmal kreuzen sollten.
Denn in diesem Falle - weder vergessen noch vergeben. Wir kannten die Risiken und die Bedingungen. Ich bezahle meinen Preis. Aber ich weiß nicht, was Deiner ist. Außer ich selbst.

Go. Went. Gone.
Godspeed.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 23-06-2009 um 16:23:

Warum schreibe ich das eigentlich hier, wo wildfremde Menschen es lesen können? ureigenste private Gedanken, Entwicklungen und Gefühle.
Vielleicht, weill dann, für einen Moment, das Geschriebene auch als gesagt gilt. Und damit ist es nicht mehr verschlossen. Es muss einigen so gehen, betrachte ich mir die Blog- und Netzkultur.
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Gehen (lassen).
Es ist mir nie leicht gefallen, jemanden aufzugeben. Seltsamerweise klammere ich nicht. Ich kann Menschen zurückkommen lassen, sie können für Wochen und Monate verschwinden, bei den meisten habe ich Vertrauen, dass sie wiederkommen.
Wie Wasser - alles fließt, nichts geht verloren.

Ich bin wesentlich weniger gelassen, wenn ich die Person als nicht "mir zugehörig" empfinde. Selten genug der Fall, dass mir jemand genug bedeutet, um mich um ihn zu scheren, wenn dies nicht so war. Aber hier verhielt es sich genau so.

Zum leben zu wenig, zum sterben (lassen) zu viel.

Natürlich bin ich traurig, die Taube gurrt verständislos und würde sich wünschen, dass alles nur ein dummes Missverständnis ist.
Ich - Tiger, Tiger - weiß es natürlich besser. Zeit, los zu lassen. Ist es seltsam, dass ich nach all dem, was ich mir habe bieten lassen, was ich Dir geboten habe, den Bruch an einem einizigen Telefonat verorte? Einem nicht geführten Telefonat? Manche würden das so sehen.
Ich erkenne nur eine logische Konsequenz, denn dieses eine ausbleibende Telefonat, dieses eine nicht erfolgte Klingeln, zeigt mir, was ich selbst unter dem Umstand, dass ich auf Dich zukomme, was mir nie leicht fällt, erwarten kann.
Und das ist mir nicht genug. Das ist nicht die Art von Umgang mit einander, die ich kenne, nicht die Art von bekanntschaften, die ich pflege.
Ein Minimum an Respekt und Fürsorge ist unungänglich. Denn sonst ist man nur Beiwerk.
Ich brauche kein Beiwerk. Und ich bin auch keines.

Diva.

Wenn ich die ganzen alten Beiträge lese, beschleicht mich ein leises Bedauern. Ein gewispertes Klagen. Ich hätte Dich so gern in meine Zuneigung eingehüllt. Ja, es hat beinahe genauso geschmerzt, meine Freude nicht mit Dir teilen zu dürfen, wie es weh getan hat, Dir mein Leiden nicht mitteilen zu können.
Ich hätte so gern...hätte...Ich kann die Sterne nicht vom Himmel holen. Nicht einmal für Dich. Nicht einmal für mich.

Gehen lassen. Nicht mehr fest halten, was nicht ist akzeptieren, aufhören, zu kämpfen, die Tür schließen, "lebe wohl" sagen und es so meinen...
Das Saphirduett, das nicht für mich bestimmt war.

Könnte ich noch etwas ändern? Vielleicht. Vielleicht...ich habe nicht geweint, ich habe Dir nicht all diese Worte gesagt, die hier so gut lesbar stehen...aber ich will das so nicht. Ich bin zu müde, um noch einmal in allen Farben zu brennen. Und ich habe Angst, dass auch das nutzlos wäre, so wie all die anderen Krümel, die ich ausgelegt habe, nutzlos waren. Du hast mich nicht gefunden - würdest Du denn ein Leuchtturmfeuer sehen, wenn ich eines entzünden würde?
Und ich habe Angst vor meiner maßlosen Enttäuschung und der Wut und der Trauer, wenn es dann doch umsonst wäre.
Ich würde wahrscheinlich am Rauch ersticken.

Gehen lassen...Einatmen. Ausatmen. Sich auf das Konzentrieren, was man tun kann. Und nicht an dem zerschellen, was man nicht ändern kann.
Es gibt Klippen, es gibt die See, es gibt den Wind - und wir gebieten nicht darüber.

Die Tür schließt sich hinter mir.

"Seltsam, wohin uns zuweilen ein krummer Pfad führen mag." ~ Rusissches Sprichtwort

Erste Schritte. Wieder einmal. Neue Richtug.

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Geschrieben von Kildare am 24-06-2009 um 14:58:

Murphy und ich.

Da hatte ich gedacht, ich hätte endlich das Material für diese eine Trennlinie aus weißen Flammen. Ich mag Zorn, er brennt den Blick frei. Und er lässt mich aufrecht stehen.

Und dann das. Dein Tag. Es war Dein verdammter Tag. Und Du hast es mir nicht gesagt.
Es tut mir leid? Ja was eigentlich. Ich habe nur ausgesprochen, was ich mir in drei Wochen mühevoller Arbeit zusammengepuzzled hatte. An diesen "Tatsachen" ändert sich nichts.
Also ändert sich gar nichts - denn ich konnte es ja nicht wissen. Du sagst nichts. Aber ich habe etwas gesagt. Etwas...
Die Wut ebbt ab und was an ihre Stelle tritt? Wer weiß?

Ich habe keine Zeit, kein Blut, kein Rückrad, keinen Mut, um für zwei zu kämpfen. Ich bin ja selbst kaum noch vorhanden, ringe um jeden Meter meines Lebens und fürchte mich vor Streichhölzern genauso wie vor Scherben. Wie ein Geist, ein Schatten meiner selbst, komme ich nur gerufen und drücke mich sonst in dunklen Ecken herum. Müde, leergelebt, furchtsam - ein Abglanz, nur manchmal von innen beleuchtet von Zorn und Zuneigung.
Vielleicht geht es Dir wirklich besser ohne mich? manchmal glaube ich ja so gar, mir ginge es besser ohne mich.
Glaube ich das? Nicht wirklich. Denn so beschädigt und abgetragen, so müde und ausgedünnt wie ich bin - es bleibt der Kern.

"Nur hässliche Menschen sagen, innere Werte zählen." ~irgendwann irgendwo gehört

"Das edle ich will hat keinen erbitterteren Feind als das feige "Ja, wenn ich wollte.""
~ M. von Ebner-Eschenbach

Selbstbetrug? Der Glaube, dass da irgendwo etwas ist, was auch micht wertvoll macht? Das auch ich "liebenswert" bin?
Nein. Denn ich werde geliebt. Und ich habe meine Schritte getan. Nicht "wenn ich wollte" - sondern "ich will". Ich habe den Sprung über meinen Schatten getätigt, stolpernd, taumelnd, aber trotz allem willens, jetzt, in diesem Moment, zu dem zu stehen, was ich fühle und woran ich glaube.
Unter anderem glaube ich an Dich.

Immer noch? Ja. Aber ich bleibe nicht, wenn Du das nicht möchtest. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse und ich darf Dir meine nicht aufzwingen. Ganz gleich, was ich denken mag.

Aber es tut mir leid. Ich hätte die Trennlinie gern sauberer gehabt.
Pass auf Dich auf - wenn ich es schon nicht darf.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 02-07-2009 um 00:51:

Staffage

Von oben herab - die Betrachtung einer Manie

Man sagt Juristinnen - auch werdenden - ja häufig einen gewissen Hang zur Überheblichkeit nach. Und in meinem Fall stimmt das zumindest in einem Punkt:
Ich trage hohe Schuhe.
Die Frage, die ich mir in diesem Zusammenhang mit blutigen Füßen stellen muss, ist:
Warum?
Nun ja, sie lassen die Beine länger wirken, man steht gerader, man sieht schlanker aus, eleganter - und? Nichts, was ein Korsett nicht auch bewerkstelligen würde.
Beinahe missmutig mustere ich meine schicken, schwarzen Folklorepumps, Absatz 7,5 Zentimeter, die ich bei schwülen 24 Grad wohl doch besser nicht angezogen hätte. jeder Schritt schmerzt. Meerjungfrauensyndrom.
An dieser Stelle muss eins klar sein, was mich von Andersens Märchenfigur deutlich unterscheidet. Ich habe diese Schuhe nicht für einen Mann angezogen. Heute war Lerntag und somti habe ich per se der Bibliothekt gehört. Da ist es mir egal, wie ich aussehe.
Der Folgen schwere Entschluss, diese Tritten anzuziehen, basiert darauf, dass Lerntag bedeutet, dass ich viel sitzen werde. Ideal, um Schuhe behutsam einzulaufen.

In einem Pumps wirkt der Fuß kleiner. In meinen ganz bestimmt, so wie mir die Zehen weh tun. Aber das Leder wird bestimmt bald weicher.
Was hat es überhaupt mit diesen kleinen Füßen auf sich? Diesem Aschenputtelideal, dass sich in östlicheren Gefilden bis zum Wahn gesteigert hatte?
Noch missmutiger denke ich daran, dass meine Füße zu breit sind. Flossenartig. Klein, ja, Größe 37, ein solides Damenmaß. Aber breit. Schon meine Mutter sagte von sich, sie habe kleine, breite Füße. Der Pumps fällt nicht weit von der Pantolette oder so ähnlich.

Als meine Freundin meine unaufgeräumte Wohnung betrat, ist ihr zuerst die im Flur liegende Pantolette aufgefallen. Klein, schwarz, fünf Zentimeter Absatz, etwas altmodisch - ich liebe sie.
Ich besitzte eine Menge Schuhe, viele davon flach und habe in den letzten Jahren meine Leidenschaft aus Bequemlichkeit vernachlässigt. Denn es ist mühsam, sich wieder an die Höhe und die Belastung der Ballen zu gewöhnen. Und weil es mühsam ist, sind die meisten meiner hohen Schuhe entweder noch nicht eingelaufen oder vollkommen zertragen.
Aber warum? Warum nehme ich das mühsame Einlaufen, die wehen Zehen, die Blasen in kauf? All das würde in einem Turnschuh nicht passieren.
Weil für mich diese zierlichen Trittchen mit dem Absatz dazu gehören. Diva. Wie Nylons mit Naht, wie Stickereien und Spitzenborte. Luxus. Ich muss nicht rennen.

Der harte Kern der feministischen Fraktion mag im Absatz eine Form von männlicher Unterdrückung sehen. Er schränkt die Bewegungsfreieheit ein. Manchmal hätte man gern jemanden zum Unterhaken. man neigt dazu, einem anderen das Autofahren zu überlassen - übrigens nicht zwangläufig. Ich habe erprobt, dass ein gebräuchlicher BMW auch mit 7,5 Zentimetern Absatz gefahren werden kann. geht alles.
Aber nun im Ernst und in aller Ehrlichkeit, Schwestern. Die Male, die ich die hohen Trittchen für einen Mann anhatte - nur für diesen Mann - die kann ich an einer Hand abzählen. Keiner außer mir hat je wert darauf gelegt.
Nein, dieser Tick, diese Liebe, dieses ästhetische ideal geht von mir aus.

Was wundere ich mich? ich habe "Cinderella" drei Mal im Kino gesehehn als Kind. Ich war verliebt, in diesen Glaspantoffel. Und selbst jetzt, mit wunden Zehen, denke ich an diese schwarzen, störrischen Mistbiester, auf denen ich den Tag verrbacht habe und denke zärtlich-spöttisch:
"Aber schön sind sie doch."

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Geschrieben von Kildare am 05-07-2009 um 14:35:



Willkommen in Absurdistan

An einem Tag schreibt man noch Oden über hohe Schuhe und ist so weltfern, dass an einem aber auch alles vorbei geht, am nächsten liest man "Offensive in Afghanistan". Gut, könnte man meinen, was geht's mich an? "Irgendwas" ist immer "da unten" und das sich mein Alltag jetzt ändern würde - nein, ehr nicht.
Betroffen? Betroffen wäre das falsche Wort - aber befremdet. Immer mal wieder. Bevor mein eigenes, kleines Leben mich zurückreisst und Welthungerhilfe, Flüchtlingscamps und Globalkonzerne vergessen sind.

Privater Wahnsinn. Nebenbei lernt man, tanzt man, geht man zu lange Spazieren, zerrt sich Muskeln und wundert sich. Ständig. Und am meisten über mich selbst.

Quickstep.

Die Dinge ändern sich in einem berauschenden - beängstigenden? - Tempo. Und es gefällt mir, zumindest im Privaten, fast so sehr, wie es mir Angst macht.

Prüfungen. Ja, ich fühle mich nicht bereit, ich weiß nicht genug, ich bin müde, ich mag keine Seite mehr lesen - und gleichzeitig ist es eine Herausforderung, die ich jetzt annehmen werde. Weil es in einem Jahr doch auch nicht anders aussehen wird. Jetzt - weil ich diese Veränderung haben will. Wenigstens versucht haben möchte, einen Schritt nach vorne zu machen.
Wenn's nciht klappt? Na gut, dann werde ich sie wohl wiederholen müssen. Auch davon geht die Welt nicht unter. Auch wenn es mein persönliches Ragnarök wäre. Aber 30 Prozent aller Prüflinge überleben es auch. Warum ich nicht?

Von einem Moment zum nächsten. Ich plane nicht mehr sehr weit. Warum auch?

"Leben ist das, was passiert, während Du dabei bist, andere Pläne zu machen." J. Lennon

Ich hatte andere Pläne. Jetzt ist es so. Es wird Sommer. Die Parks duften nach Rasen, Regen und Blätterdach. Ja, man kann ein Blätterdach riechen. Ich habe viel vor - zu viel? Mal sehen.

Luft - Krähe

Unter diesem Titel habe ich vor einiger Zeit angefangen, hier zu schreiben. Dabei war Luft eigentlich nie mein Element. Feuer, Wasser, Felsen, Stahl...ja. Aber Luft?
Jetzt fühle ich mich tatsächlich, als hätte ich keinen Fuß am Boden. Luftgängerin - mit Höhenangst. Wie lange war das nicht mehr so? Nach einsitmmiger Meinung: lange.

Nein, mein misanthropischen ich ist bestimmt nicht abhanden gekommen. Es könnte aber sein, dass es gerade Sommerpause macht.

Das Leben ist schön. Und auch wenn mir bewusst ist, dass es immer wieder schattiger werden kann : Jetzt ist es schön. Und irgendwie habe ich das Gefühl, es ist ganz in Ordnung, das auch zu genießen.

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Geschrieben von Kildare am 09-07-2009 um 00:01:

"What do you see in the dark when the demons come out?" ~ In the line of fire

Mich. In aller Schwäche und Erbärmlichkeit. Aber diesmal gewinne ich, bester Feind. ich gehe ins Bett. Und morgen Früh sieht die Welt wieder anders aus. Du bist nur ich. Und ich kann mir gar nichts.

"Das Böse ist nichts als das Gute gequält von seinem eigenen Hunger." ~ Khalil Gibran

Hungrig? Ja. Nach vielem. Aber nicht mehr heute Nacht.

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Geschrieben von Kildare am 19-07-2009 um 12:57:

Kummer teilt sich leicht. Aber Freude? Wie lange hatte ich nicht mehr genug davon, um sie in großen Brocken zu verteilen? Wie lange musste ich auf Blut, Substanz und alte Sommererinnerungen zurück greifen?

Jetzt - jetzt ist das nicht mehr so. Ich laufe lächelnd durch die Flure, ich habe Geduld, ich wache gern auf.

Und natürlich macht mir das Angst. Was wenn...?
Drei Punkte, die indizieren, dass ich noch nicht so recht weiß, was ich anfangen will mit "all dem". Worte wie "dämlich lächelnd" schleichen sich ein. Abwiegeln. Wie in abergläubischer Furcht, wenn ich allzu offensichtlich glücklich bin, würde mir wieder alles unter den Händen zerbrechen.

"Es gibt kein glückliches Ende, denn es endet nicht." ~ Das letzte Einhorn, L. Carrol

Aber es gibt einen glücklichen Anfang. Premiere. Wiederholung? Ja, neue Stücke sind selten im Repertoire im Jahre 2009. Alles wurde irgendwann, irgendwie schon mal aufgeführt. Aber nicht in dieser Besetzung. Und vielleicht, mit kleinen Veränderungen, hält sich das Stück länger als nur die Sommersaison. Derzeit kann ich mich zumindest nicht satt sehen. Und mir auch keinen Tag vorstellen, an dem das so sein könnte.

Albern - aber glücklich.

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Geschrieben von Kildare am 03-08-2009 um 11:02:

Eines deiner Lieder , vielleicht das letzte, dass ich dir geistig zugeordnet habe. Wenn ich die Sammlung dessen, was ich so in den Playlists, auf dem Rechner und im CD-Regal habe durchgehe, ist die Bilanz erschütternd. Tod und Teufel. Herzbruch und Hurrican. Dazwischen vielleicht noch einmal eine marlene Dietrich oder Zarah Leander mit hochgezogener Augenbraue, der spottende Singsang einer Claire Waldoff und eines Georg Kreisler. Melancholisch, traurig, zornig, trotzig.

Warum ich heute Morgen ausgerechnet an dich denke, wenn ich den Kopf doch voller anderer Dinge haben sollte? Wenn ich doch glücklich sein sollte?
Weil mir an Dir und an dieser Musiksammlung einiges klar geworden ist. Zum Beispiel, dass die Verletzungen ein elementarer Teil von "uns" waren. Nicht so sehr die körperlichen, dafür waren wir beide ja viel zu zivilisiert, als die anderen. Und so war es in meinem Leben häufiger, die Anziehung von Gift und Galle, von Zuneigung und Ablehnung, ein Spiel und wer sich verliebte, nein, wer das auch noch zugab, der hatte verloren. Außer in gestohlenen Momenten nahe Mitternacht, die magischen fünf Minuten für die man atmete und lebte und litt.
Krank? Ja.

Clarisse
~ H. Heine ~

Meinen schönsten Liebesantrag
Suchst du ängstlich zu verneinen;
Frag ich dann: ob das ein Korb sei?
Fängst du plötzlich an zu weinen.

Selten bet ich, drum erhör mich,
Lieber Gott! Hilf dieser Dirne,
Trockne ihre süßen Tränen
Und erleuchte ihr Gehirne.

Überall, wo du auch wandelst,
Schaust du mich zu allen Stunden,
Und je mehr du mich mißhandelst,
Treuer bleib ich dir verbunden.

Denn mich fesselt holde Bosheit,
Wie mich Güte stets vertrieben;
Willst du sicher meiner los sein,
Mußt du dich in mich verlieben.


Ich habe diesen Tanz nie wirklich gut beherrscht und deshalb oft verloren. Oder gewonnen, wie man es sehen will.

Ob ich dich immer noch haben will? Nein. Auch das verdanke ich in gewisser Weise Dir - die Erkenntnis, dass diese selbstauferlegte Genügsamkeit sehr ungesund ist. Das ich auch etwas wollen darf - und das es kein Verrat ist, zu gehen, wenn man das nicht bekommt. Das ich nicht alles bis zum bitteren Ende durchstehen muss, selbst, wenn ich dabei beginne, den Verstand zu verlieren. Loyalität ist eine feine Sache, sie ist wahrscheinlich das, was mir neben meinen drei, vier Prinzipien am wichtigsten ist in diesem Leben. Ich verzeihe mir nicht leicht, wenn ich das Gefühl habe, jemandem im Stich gelassen zu haben. Aber dich, nein dich habe ich bestimmt nicht im Stich gelassen. Du hast mich höchst persönlich vor die Tür befördert. Emotional und faktisch. Nun könnte man in analytischer Arroganz natürlich all die Dinge anführen, die Frauen seit Jahrhunderten anführen:
"Er kann es nicht zeigen." "Irgendwo unter all diesen Schichten Abweisung und ekelhafter Arroganz steckt ein guter Kern."
Und das glaube ich bezüglich deiner Person so gar immer noch. Aber wäre es nicht anmaßend von mir, zu behaupten, besser zu wissen, wer du bist und was du brauchst, als du selbst?
Als ich ging habe ich es dir angeboten - platonisch darfst du zu mir zurück kommen. Weil ich immer noch an diesen guten Kern glaube und wenn irgendwann deine potjomkinsche Fassade zusammenbricht und du jemanden brauchst- ja, gut, ich bin hier.
Aber zu mehr wird das nicht mehr reichen, da ich auf diesen Tag nicht warten werde. Vielleicht kommt er nie. Vielleicht in 30 Jahren.

Ich versuche derzeit Takt und Tonart zu ändern. In Richtung von etwas, das ich brauche.


by Stephanie Pui-Mun Law, kindly allowed for private use only

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 04-08-2009 um 23:07:

Etwas, das ich brauche.

Denkt man, manchmal. Und dann doch wieder nicht. Nicht so. Grabenkämpfe. Ich bin es so leid, so satt, so überfüttert. Könnte ich gewinnen? Warum nicht? Lippenrot, Wangenweiß. Lügen haben hohe Absätze. Ich habe derzeit die Einsätze ohnehin nach oben geschoben. In schwindelerregende Höhen. Da machen es ein paar Chips mehr auch nicht. Alles auf rot. Rot. Flammen, Feuer, Herzblut.

Agression, so hat man mir ja gesagt, sei ganz normal. Ich muss dringend den nächsten Termin machen? Das ist normal? Na ich weiß nicht...ich nehme mir die Arroganz zu sagen, dass es das eben nicht ist. Es ist die Scharlachblüte, die alte Wunden austreiben. Giftig und auf absonderliche Weise faszinierend schön.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 18-08-2009 um 19:06:

"Jeder kleine Spießer macht das Leben mir zur Qual,
denn er spricht nur immer von Moral,
Und was er auch denkt und tut,
man merkt ihm leider an,
daß er niemand glücklich sehen kann."
Zarah Leander ~Kann denn Liebe Sünde sein~


"Ich dachte, das solltest Du wissen..." So fangen solche Sätze immer an, in denen der Schwager des Schwippfreundes des Cousins vierten Grades zitiert wird. Und die ersten 12 Stunden habe ich mich wirklich geärgert. Man - man beachte dieses stattliche man , das immer da auftaucht, wo sich einer mit seiner Meinung hinter dem sozialgesellschaftlichen Nullus verschanzt - "fand, Du wärst zu weit gegangen. Es hat Sprüche darüber gegeben." So? Fand man das? Ich kann mir schon denken, wer man war. Seltsam nur, dass weder ich noch der beteiligte Herr dieses Geplänkel vor über zwei Monaten, bei dem wir uns nicht einmal geküsst haben, ernst genommen haben. Beide "Beteiligten" sprechen noch gern miteinander. Ich habe ihm alles Gute für seine Ehe gewünscht. Aber man fand ich hätte nicht so neben ihm sitzen dürfen. Hätte dieses und jenes nicht tun dürfen. Damals vor zwei Monaten. Man findet eine Menge.
Und ich dumme, dumme Gans kümmere mich manchmal noch darum. Und frage mich dann natürlich sofort, ob ich etwa eine unreine, nichtswerte Schlampe bin. Gut konditioniert. Hervorragend trainiert. Wenn man etwas an mir auszusetzen hat, wird's schon stimmen.

Ich bin, wie man so schön sagt, eine Frau mit Vergangenheit. Und mit Gegenwart. Und mit ein wenig Glück auch mit Zukunft. Ich habe mich in der abwartenden Rolle der Prinzessin im Rapunzelturm noch nie so wirklich gut abfinden können. Ich muss nicht erobert werden wie ein Stück Land, ich bin keine Feldzugsbeute. Und es macht mich nicht aus, mit wie vielen Männern ich mal ein Bett, eine Couch oder einen Fußboden geteilt habe. Ich sehe keinen Sinn darin, mich in vornehmer Zurückhaltung zu üben, wenn mir jemand gefällt. Ja, es gibt da so einige, die mir mehr oder minder nahe gekommen sind. Und?
Man wird jetzt natürlich sagen, dass ich auf meine Tugend nicht genug Acht gegeben habe. Ich kann da nur erwidern, dass ich es nicht bin, die ihren Freund betrogen, ihrer Freundin den Mann ausgespannt oder irgendeinem falsche Versprechungen gemacht hat. Meine so genannte Tugend fühlt sich in diesem Sinne noch sehr intakt an.
Was den Anstand angeht - ich fühle mich jedes Mal relativ anständig, wenn ich meine Restaurantrechnung selbst bezahle und nicht selbstverständlich davon ausgehe das XY mit seinem Leben nichts besseres anzufangen weiß, als mein Fahrrad zu reparieren und meinen Internetanschluss einzurichten.

Nach 12 Stunden nachdenken bin ich da, wo ich nach dem ersten Ärger immer wieder ankomme. Bei dem Punkt an dem ich mir sage: Was soll's? Ich bereue nichts. Ich bin manchmal ein bisschen wehmütig, dass die Zeit für erste Male vorbei ist. Fakt ist, ich bin jetzt 26 - ungebraucht gibt's in anderen Altersklassen. Natürlich habe ich dieses Prinzessinnenideal im Kopf, die reine, die weiße mit den Lilienhänden. Das bin ich aber numal nicht. Und wenn ich ehrlich bin, war ich das nie, auch als ich den offiziellen Standards für brave Mädchen noch genügt habe.
Ich habe einen Satz Prinzipien. Und an die habe ich mich gehalten. Natürlich habe ich mir bei meinen Eskapaden manchmal weh getan. Natürlich ist nicht immer alles reibungslos abgegangen. Aber vorzuwerfen habe ich mir, abends, allein mit mir in einem dunklen Raum, nicht so viel. Nicht, das ich es nicht trotzdem schaffen würde - aber das steht auf einem anderen Blatt.

Also - man möge es doch bitte mir und den betroffenen Herren überlassen, wer was wann wo mit wem getan hat.
Hier spielt natürlich auch die Wertetheorie mit hinein. Wenn etwas/ jemand leicht zu haben ist, ist es/sie nichts wert. Ah ja? Gut, für manche Personen mag ich an manchen Abenden leicht zu haben sein. Sehr leicht. Aber haben ist nicht halten. Und wirklich wertvoll - das sollte man doch wissen - sind nur die Investitionen, die auch nach Jahren noch fortwirken. Und auf diesem Feld, da kann man versichert sein, spiele ich nach anderen Regeln. Aber dann... auch das geht eigentlich man nichts an. Man suche sich doch bitte, bitte, ein eigenes Leben. Ja? Und wenn schon nicht das, dann wenigstens so viel Rückrat, sich hinter diesem man hervorzuwagen. Aber das geht wahrscheinlich nicht. Denn nur man hat keine Fehler - Menschen allerdings, die schon.
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Andere Baustelle - leises Bedauern. Ja, so ein bisschen Leid tut es mir schon, dass ich Dir nicht werde sagen können "Ich habe niemals jemanden so geliebt.", dass es vor Dir schon jemanden gab.

"Men always want to be a woman's first love, women always want to be a man's last romance." O. Wilde

Nun, die erste Liebe - nein, die wirst Du nicht mehr werden können. Und ob es für die letzte Romanze reicht - woher soll ich das jetzt wissen? Wünschen, wünschen kann ich viel, aber versprechen kann ich nichts. Ich kenne mich und meinen Kopf, der es schafft, aus allem ein Problem zu zaubern.
Andererseits, eines kann ich Dir versichern, wenn ich denn bleibe: Ich weiß, worauf ich verzichte - und ich bereue nichts.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Odessa am 18-08-2009 um 19:26:

Weißt Du, ich denke daß es ein Unterschied ist, ob jemand (vermeintlich) "leicht zu haben ist", dies aber selbstbestimmt entscheidet für wen er warum "leicht" zu haben ist und der damit dann auch klarkommt - oder ob Jemand sich ständig bei "jemand" auskotzt (wie bei mir), weil "man" zwar leicht zu haben ist, dann aber verwundert ist darüber daß "man" nicht am nächsten Tag geheiratet wird. Ich hatte in meinen Pfaden erst neulich darüber geschrieben und darüber auch mit D. diskutiert, wie sehr mich eine Bekannte ermüdet, die mir seit ca. 10 Jahren nahezu monatlich eine neue "große Liebe" vorstellt, die sie fast immer in halbtrunkenem Zustand "aufgabelt", damit dann nach 2 bis 3 Cocktails ins Bett geht und sich dann aber wundert bzw. aufregt über die "Schlechtigkeit" der Männer, wenn die "große Liebe" am nächsten Tag verschwunden ist. Solche Frauen, meine liebste Berta, mag ich mir nicht mehr anhören.

Ich hoffe sehr, daß Du weißt daß DU damit niemals gemeint bist. Daß Du Dein Leben imho sehr gut und richtig dahingehend lebst, wie Du mit Dir und Deinen Gefühlen umgehst bzw. wie Du zu Deinen (vermeintlichen) Fehlern und Schwächen stehst, habe ich Dir in den Jahren unserer Freundschaft schon oft gesagt. Ich verbanne einfach nur mittlerweile rigoros all die Menschen aus meinem Leben, die noch mit 36 die immer selben Fehler wiederholen, sie dann aber bei mir immer "den Anderen" (in dem Fall den Männern) zuschieben.

"Man" - erst heute regte ich mich darüber auch auf, in einem anderen thread. Du brauchst Dir wegen der "Mans" keinen Kopf machen. Sie sind feige, hinterfotzig und verschlagen. "Man" sagte mir, daß ich "krank" und widernatürlich sei, weil ich einen 20jährigen liebe. "Man" sagte mir auch, daß es "abartig" sei, zwei oder drei Menschen zugleich lieben zu können, jeden auf seine Art. "Man" sagte mir daß ich dies und jenes zu denken und dies und jenes zu tun habe.

Man kann mich, mit Verlaub, im Mondschein küssen. Und das soll "man" bei Dir auch tun. Mit ganz liebem Gedankengruß von der Frau, die sich selbst durchaus was wert ist aber trotzdem leicht zu haben ist für den, der es sich schwer macht damit ;-) (Du verstehst...)


spätes edit: wenn ich feststelle, daß Männer gerne ein Frau erobern, dann ist das einfach nur das, was Männer weltweit so von sich geben. Seit Jahrhunderten, in allen Generationen. Es heißt deswegen nicht daß es richtig ist oder daß Frau das mitmachen muß. Ich bin selbst eher auch Jägerin wie Du weißt . Es ist lediglich eine Feststellung, keine Wertung. Ich fühle mich auch immer noch sehr wohl mit meiner Moral, die nie eine war wie sie "gängig" ist. Ich habe auch noch nie jemand betrogen, noch nie jemand den Mann genommen oder was versprochen, was ich nicht gehalten habe. Ich würde aber trotzdem niemand für schlechter halten oder "unmoralisch" der so etwas tut. "Man" muß immer selbst in der Situation sein, um zu wissen wie es ist und wie es sich anfühlt. Selbstgerechtigkeit ist immer fehl am Platz. Ich identifiziere meinen Wert für mich selbst lediglich danach, daß ich den Mann mit dem ich schlafe auch lieben muß. Das ist eine rein persönliche Einstellung, die weder besser noch schlechter ist als jede Andere.


Geschrieben von Kildare am 18-08-2009 um 20:49:

"True friends stab You in the front." ~ O. Wilde

Meine liebste Amsel,

ja, ich weiß, dass Du mich nicht gemeint hast, denn Du bist so eine wahre Freundin, die es mir ins Gesicht sagen würde, wenn ihr etwas nicht passt. Du hast es nicht nötig, dich hinter dem man zu verstecken.

Die Männer, die Frauen ... beides Begriffe, die ich scherzhaft immer wieder gern verwende. Scherzhaft, denn Geschlechter sind nun einmal keine Hydra mit vielen Köpfen, die in einen Grund zusammen laufen. Ich erkenne mich durchaus in der Verbitterung wieder, in der Enttäuschung, die falsche Wahl getroffen zu haben, in den Verletzungen, deren giftige Ausflüsse wie eine Sepsis in den Verstand sickern. Aber ich verwahre mich gegen den Satz "Alle Männer sind schlecht.". Da würden dann nämlich auch meine Freunde drunter fallen, wundervolle, treue, hervorragende Männer, die es schlicht nicht verdient haben, wegen des Verhaltens anderer Leute in Sippenhaft genommen zu werden, während sie für die Frau, die sie lieben, durch Feuer und Wasser gehen würden. Wie könnte ich es wagen, so eine These zu vertreten, wenn ich weiß, dass sie unwahr ist? Wie könnte ich all diese Loyalität leugnen?
Genauso, verwahre ich mich dagegen, für die Fehler aller Weiber auf diesem Planeten einstehen zu müssen. Ich mache das nach besten Kräften für meine eigenen und habe damit genug zu tun.

Man - ja, es ist schon komisch, wie man sich so schlägt. Ich rege mich immer mal wieder darüber auf. Und gerade bei Frauen - nicht nur mir - kramt man eben gerne immer wieder die Alkovenmärchen hervor, geraunte Gerüchte, Halbwahrheiten...was weiß ich nicht alles. Plötzlich wird 2009 sehr schnell wieder zum Mittelalter.

"Niemals werde ich bereuen,
was ich tat,
und was aus Liebe geschah,
das müßt ihr mir schon verzeihen,
dazu ist sie ja da!

Was die Welt auch spricht von mir,
das ist mir einerlei.
Ich bleib' immer nur der Liebe treu!
Ach, die Frau'n, die so viel spotten,
tun mir höchstens leid;
meine Damen, bitte, nur kein Neid!
Keine Frau bleibt doch immun,
wenn ein Mann sie küßt;
jede würd' es gerne tun,
wenn's auch verboten ist!"

Zahrah Leander ~Kann denn Liebe Sünde sein~


Irgenwo habe ich einmal gelesen: "Ich stelle mir Gott nicht als alte Anstandsdame vor, die Abends durch die Zimmer schleicht, um zu sehen, wer mit wem in den Betten liegt." Es ist schon etwas merkwürdig, wie sehr sich die Leute für etwas interessieren, was sie nun wirklich nichts, aber auch gar nichts angeht, denn sie werden daran niemals Teil haben. So lange niemand zu schaden kommt, kann ich diese ganze moralinsaure Entrüstung einfach nicht begreifen. Die setzt bei mir da ein, wo jemand leidet. Aber ganz bestimmt nicht da, wo zwei Menschen einvernehmlich, was auch immer tun - oder ein Mensch in Übereinstimmung mit sich selbst. Sie müssen ja nicht daran Teil haben.
Ich werde nie verstehen, warum Menschen sich Metallringe durch alle möglichen und unmöglichen Körperteile jagen lassen. Aber es geht mich auch gar nichts an. Ich habe auch überhaupt kein Begreifen für Risikosportarten wie Skifahren oder Fallschirmspringen - aber ist es meine Angelegenheit, wenn jemand anderer gerne in St.Gallen seine Ferien verbringt? Nein, nein und nochmals nein.

In diesem Sinne:
Kopf hoch, Manege frei.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Odessa am 18-08-2009 um 22:08:

Ja, absolut richtig. Ich erinnerte mich auch eben wieder daran daß Du mir von diesem Vorfall schon erzählt hattest, im letzten Telefonat als Daniel hier war. All die Moralapostel, die selbst besser mal vor der eigenen Türe kehren sollten. Ich wollte nur sicher gehen daß Du Dich wirklich in keinster Weise angesprochen gefühlt hast, weil - durch Zufall wie wir ja feststellten - mein Beitrag einige der auch von Dir angesprochenen Verhaltensweisen, Wertungen und Prinzipien zum Thema hatte. Und Du hast Recht, ich fände es reichlich armselig, müßte ich Freunden durch öffentliche Pfadebeiträge etwas mitteilen - wer mich kennt (und Du tust es sehr gut) weiß, daß ich allein schon aus Temperamentsgründen jemand "sofort die Meinung geige". Dafür hat man Freunde, daß man offen reden kann. Nein, keine Sorge meine Berta - es ging nur um die 36jährige Bekannte, der ich meine Meinung dahingehend auch gegeigt habe und worüber ich mich dann, mit Daniel, noch eine Zeitlang unterhielt.

Du hast auch hierin Recht - es gibt keinerlei "man" und "die Leute", die uns irgend etwas zu sagen hätten. Meine beste Freundin arbeitete in einem Beruf, in dem sie mit täglich zig Männern geschlafen hat. Sie ist für mich einer der "moralischsten" Menschen überhaupt und das meine ich positiv. Denn es spielt absolut keine Rolle, ob ich mit 1.000 oder nur 1 Mann das Bett geteilt habe - es ist für mich nur von Wert, ob ich selbst dazu stehen kann, ob es meine eigene Entscheidung war. Ob ich es aus Spaß, aus Beruf oder, wie bei mir, "nur" dann tue wenn ich diesen Menschen seelisch liebe, ist nichts, was das Eine oder Andere schlechter machen würde oder gar den Menschen ab- oder aufwertet. Wir sehen das dahingehend ja auch gleich, wie wir immer wieder feststellen.

Als ich Dir eben erzählte von meiner "schwarzen Stunde" gestern und meinen Selbstvorwürfen und "Gewissensbissen" wegen meines jetzigen Zustandes... da tat es mir gut als Du sagtest, daß wir beide auch darin so gleich und leider auch beide gleich "konditioniert" sind: wir geben immer uns die Schuld, fühlen uns für alles allein verantwortlich und zerfleischen uns, weil wir perfektionistisch bis zum Erbrechen mit uns selbst sind. Hart mit uns ins Gericht gehen, wo Andere uns schon zig mal sagen: "Bei jedem Anderen würdest Du es doch nachsichtiger betrachten" oder "Würde es einem Anderen passieren, würdest Du sagen: ist doch nur menschlich, da hat niemand Schuld daran". Auch daran leiden wir gleich - daß die "mans" und "die Leute" uns noch nicht mal im positiven Sinne helfen können, weil wir als oberste Instanz für uns und unser Verhalten nur den eigenen Standard anerkennen - und wenn der uns sagt, daß wir "schuldig" sind oder "etwas nicht verdient haben" oder "etwas leben was wir eigentlich nie dachten daß es uns passiert" , dann helfen all die guten Worte von Freunden nichts, dann entwerten und verachten wir uns wieder mal bis aufs Blut.

Aber wir kriegen das in den Griff, und zunehmend besser. Egal was die "mans" und "die Leute" dazu sagen, daß Du dies oder jenes machst, mit dem oder dem schläfst oder auch nicht, und ich mit dem oder dem schlafe oder eben auch nicht, und ob sie spekulieren welche Art "Ehe" ich mit R. noch führe und wie die Art Liebe ist die mich mit ihm noch verbindet, und ob Du jemals heiratest oder mit 5 Hunden und Daniel und mir am Gardasee lebst ... es kann uns wirklich egal sein. Wir wissen was wir tun, wir wissen wie hart wir mit uns ins Gericht gehen, wie schwer uns manche Dinge fallen und wie sehr uns manche Entscheidungen nachhängen, über Jahre. In "Ilona" gibt es einen wunderbaren Absatz über ihre Tochter, als die vor dem Kleiderschrank ihrer Mutter steht, gefüllt mit altmodischen Roben und eleganten Kleidern. Ilonas Tochter sinniert darüber, wie sehr sie diese Kleidung ablehnt, noch dazu wo fast jedes Kleid von einem Verehrer ihrer Mutter stammt. Und kommt dann zu der Erkenntnis, daß sie selbst eigentlich nur neidisch ist, denn tief in ihrem Herzen wäre sie auch gerne eine "verehrte" und auf Händen getragene geliebte Frau gewesen, aber stand sich immer selbst im Weg dabei, dies anzunehmen, weil ihre Umwelt sie lehrte sie "dürfe" das nicht, es wäre "nicht konform und nicht die Norm". Dann kommt der Satz, sinngemäß: "Sie wußte, daß sie die Kleider ihrer Mutter niemals würde ausfüllen können."

Dieser Satz, Ina, ist es, den wir vielleicht all diesen "mans" und "die Leuts" einfach mit auf den Weg geben sollten. Denn "sie" können unsere Kleider nicht ausfüllen, niemals. Denn dazu braucht es mehr als selbstgerecht gepredigte Moralvorstellungen und selbstherrliche "ich bin besser weil ich..."-Urteile.

In diesem Sinne wünsche ich Dir eine wunderbare unmoralische moralische wertvolle wertfreie Prinzessin-Kämpferin zu Bett zu Turm zu Babel - Nacht, und vergiss nicht: Noble metal house, Hausnummer 215. "Bei Gelegenheit" und wenn "man" es nicht sieht ;-)


Geschrieben von ArrogantNick am 18-08-2009 um 22:43:

Zitat:
Original geschrieben von Odessa
Auch daran leiden wir gleich - daß die "mans" und "die Leute" uns noch nicht mal im positiven Sinne helfen können, weil wir als oberste Instanz für uns und unser Verhalten nur den eigenen Standard anerkennen - und wenn der uns sagt, daß wir "schuldig" sind oder "etwas nicht verdient haben" oder "etwas leben was wir eigentlich nie dachten daß es uns passiert" , dann helfen all die guten Worte von Freunden nichts, dann entwerten und verachten wir uns wieder mal bis aufs Blut.



Mir hat es geholfen, mich mal wirklich zu fragen, ob 'meine' Standards, denn auch wirklich 'von mir' sein können, wenn sie dazu führen, dass ich mich selbst verachte? Nun ja, am Ende stellte es sich, zumindest bei mir, so dar, dass es sich bei dem was ich als 'meins' definierte, viel zu oft um uralte Konditionierungen handelte; so alt, dass ihre Implantierung fast vergessen war und nur mit viel Grübeln wieder hervorgeholt werden konnte. Und meist wurde mir dann klar, dass die Personen, denen ich sie verdanke, alles andere als konform dieser Standards waren, rückblickend betrachtet. Sie fesselten und knebelten sich nur lieber (mit diversem Unsinn der auch nicht aus ihnen kam, sondern von dem sie meinten, dass dies so erwartet würde), als es zu wagen, 'schamlos' und damit ehrlich und frei zu sein.

Daraus kristallisierte sich eine meiner berühmten 'Grundsätzlichkeiten' heraus, die mir heute immer wieder hilft. Sie lautet: 'Wenn etwas dazu führt, dass ich mir Feind werde, so ist es aus Feindesland und nicht aus der (wahren) Heimat, ergo nicht aus mir selbst.'

Macht Euch nicht verrückt meine zwei Lieblingsweiber, Ihr passt und 'man' soll mal gut unter'n Bus kommen.

Gute Nacht Bussi verteilt
dat Mischa

edit: passender Song


Geschrieben von Kildare am 22-08-2009 um 10:37:

Gut unter den Bus kommen -irgendwie schaffe ich das besser als "man".

Zumindest fühle ich mich gerade wie frisch überfahren. Das Licht am Ende des Tunnels war der Zug.
Schockschaden. Ersatzfähiger Schaden nach § 823 BGB. Ich hatte gewusst, dass ich die Einsätze erhöhe. Ich hatte gewusst, welche Risiken ich eingehe. Aber wie jeder Spieler hatte ich gehofft, einmal zu gewinnen.

Ich habe ja auch gewonnen. Zwei Monate lang. Das ist eine Glückssträhne.

Jetzt...ist es Zeit, den Rücken gerade zu nehmen und meine Schildträger um mich zu versammeln. Den Rücken gerade nehmen...

Ich weiß einfach nicht mehr, aber das leere Gefühl im Schädel kann auch daher rühren, dass ich gestern den Rücken gerade genommen habe, um meiner Freundin zur Hochzeit zu gratulieren. "Nein, mach dir keine Sorgen, mir geht's bestens. Alles Gute, Liebes."

Bin ich dankbar für diese zwei Monate? Oder würde ich mir wünschen, es wäre nie so gewesen?
Ich weiß genau, das ich nicht will, dass es endet. Aber es endet nicht - es ist vorbei. Die Kugel ist in eine Mulde gerollt - schwarz, nicht rot. Und für mich wird es Zeit, den Tisch zu verlassen.

Den Rücken gerade...nur einfach den Rücken gerade.

A demon is a thing for life.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 26-08-2009 um 22:30:

Der nachfolgende Text ist ein Schlaglicht, sozusagen nur eine Momentaufnahme und hat es weder zum Ziel, irgendetwas genau oder gar gerecht darzustellen oder zu beurteilen, noch ein zutreffendes Bild wiederzugeben. Es ist nur die Spiegelung einer Diskussion zwischen mir, selbst und ich.

Vier-Parteien-Verhältnis: Taube, Tiger, Teufel & Tod

Eine Bühne mit mehreren Zugängen. Zwei Gestalten, eine in weiß, eine gelb und schwarz getreift, befinden sich bereits darauf.

Tiger: "Da siehst Du, wohin uns Deine Sanftmut mal wieder geführt hat. Dein ewiges Vertauen-Wollen. Deine erbärmliche Anlehnsucht."

Die weiße Gestalt steht still.

Taube: "Aber..."
Tiger: "Nichts aber...und selbst jetzt noch hegst Du diese Hoffnung, diese absurde Hoffnung und lässt uns wie auf Klingen gehen, nur damit er zurückkommen kann. Das wird er aber nicht. Sieh's ein. Gib' auf."
Taube: "Aber..."

Die gestreifte Person geht zu einer der Türen und reisst sie auf.

Taube: "Das darfst Du nicht!"
Tiger: "Ach nein? Und warum nicht? Weil wir uns dann vielleicht endlich mal wehren? Und so etwas wie Selbstwertgefühl entwickeln. Ich habe es satt, mich Deinem Weichspülerdiktat zu beugen. So satt - ja so satt, dass ich so gar sie ehr ertrage als Dich."

Auftritt einer Frau im eng anliegenden, schwarzen Samtkleid mit schmalem Lächeln. Sie tritt aus der Öffnung ins Scheinwerferlicht.

Teufel: "So. Da bin ich nun also wieder. Wie gerufen. So gekommen. Und wo liegt das Problem mein Kätzchen? Hat er uns weh getan?"
Tiger - fauchend: "Ja! Hat er."
Teufel: "Waren wir zahm, ja? Waren wir gut? Waren wir liebevoll?"
Taube - leise: "Ja."
Tiger: "Ja!"
Teufel: "Und es schmerzt?"
Taube und Tiger :"Ja."
Teufel: "Und es brennt?"
Beide: "Ja."
Teufel: "Und was soll ich da machen? Ihr wisst doch, Trost ist nicht meine Sache."
Tiger: "Aber Hass."
Teufel:" So ist das also. Du bist verletzt und jetzt soll ich Dich in Arroganz und Gleichmut einhüllen wie in einen Verband. Mullbinde um Mullbinde. Schnitt um Schnitt einschnüren, bis es nicht mehr blutet."
Tiger: "Ich kann das nicht mehr. Es ist mir egal, was Du machst, so lange Du nur den kopf nach oben bringst. So lange Du nur dafür sorgst, dass dieses abartige, verworrene, gurrende, weiß gefiederte Sehnen aufhört."
Teufel: "Nun ganz ruhig. Also, man will uns nicht haben? Was ist schon dabei, wenn man vor etwas zurückschreckt, was man nicht besitzen und beherrschen kann. Ist doch eigentlich ein kluges Köpfchen, der junge Mann. Schaut uns doch an? Wie soll er denn damit fertig werden?"
Taube:"Indem er uns zähmt."
Teufel - lachend : "Mit Euch zweien geht das vielleicht. Aber doch nicht mit ihr und mir."

Eine weitere Tür öffnet sich, um eine graue Person auftreten zu lassen.

Tiger: "So weit sind wir also gekommen."
Tod: "Ja. Ihr wisst es alle. Und ich weiß es auch."
Taube: "Du bist zurück."
Tod: "Ich war nie wirklich fort."
Teufel: "Also, Fakt ist, er will uns nicht haben."
Taube: "Ich bin mir nicht sicher."
Tiger: "Weil Du Dich und uns und alles belügst. Im Gegensatz zu Dir sind wir nicht blind und taub."
Teufel: "Und da willst Du ihn zu mir jagen?"
Tiger: "Ja!"
Taube: "Nein!"
Teufel: "Er war unsere Zuneigung nicht wert und deshalb...nun, wer etwas nicht will, der bekommt, was er sich wünscht. Aber das reicht Dir nicht, nicht wahr Tiger?"
Tiger: "Er hat mir weh getan."
Teufel: "Und Dich in Deinem Stolz getroffen. Da, wo man einen Tiger nie treffen soll. Du warst zahm und zutraulich und er hat Dir das Fell über die Ohren gezogen. Dummes Kätzchen."
Taube:" Das hat er doch nicht so gewollt."
Teufel - grinsend: "Aber das hat er getan. Im Übrigen anscheinend Tage lang, vielleicht Wochen lang wissentlich getan. Auch wissend, was uns noch bevorsteht. In unserem Studium gibt es Worte für so ein Verhalten. Soll ich sie sagen?"
Taube: "Nein. Er konnte doch nicht wissen...und...er wollte bestimmt nicht...und...er sah so glücklich aus. Und später so traurig."
Tiger: "So geht das schon seit Wochen. Seit ich angefangen habe, zu sträuben. Aber jetzt ist es schlimmer als je zuvor. Sie hat Wahnvorstellungen. Und ich traue ihr und mir und uns nicht mehr."
Teufel: "Aber ich bin verlässlich. Der Teufel den man kennt. Und wenn Ihr mich etwas früher hinaus gelassen hättet...wer weiß, vielleicht hätten wir dann Tod gar nicht mehr wiedersehen müssen."
Tod: "Ich war nie fort. Und außerdem liebst Du mich."
Teufel: "Ja, natürlich tue ich das. Nichts macht uns so unmenschlich wie Du, nicht einmal ich. Ich bin nur gierig, rachsüchtig und verschlagen. Du aber...noch nie habe ich etwas so grandios gleichgültiges gesehen. Du bist wirklich unanfechtbar. Du bist unser wahrer schwarzer Mantel, unser Schild, unsere Rüstung.
Und nun Kätzchen - ich merke schon, Du willst Blut sehen. Du fühlst Dich zu schwach, zu angreifbar. Aber mein Liebes, wir sind immer noch vier. Und Taube wird das nicht zulassen, fürchte ich."
Taube: "Nein. Nein, werde ich nicht."
Tiger:"Aber wir haben die Mehrheit. Und es dürfte gar nicht so schwer sein."
Teufel: "Natürlich dürfte es gar nicht so schwer sein. Verletzten ist leicht, vor allem jemanden, der einen mag und sich sowieso schon schuldig fühlt. Aber Tiger, wir müssen da auch an unsere Würde denken. Ist er das denn wert?"
Taube: "Ja."
Tiger: "Nein."
Teufel: "Siehst Du Kätzchen, jetzt kommen wir aud die sichere Seite. Die gute alte Arroganz. Wir haben etwas Besseres verdient als diese lauwarme Form von -ich mag dich - die auch nach acht Wochen noch nicht weiß, was sie will. Wir sind das Beste, auf das er in diesem Leben seine Hände legen wird. Und wir werden bestimmt keine Energie aufwenden, uns nicht mal den Nagel unseres kleinen Fingers abbrechen, um ihm weh zu tun. Er nimmt schon so viel zu viel Platz ein in unserem Leben. Sieh' es mal so - es gehört endlich wieder uns. Frei, zu gehen, wohin wir gehen wollen, zu tun, was immer uns beliebt, ohne Rücksicht auf irgendjemanden. Wir sind wieder frei. Und da willst Du uns weiter an diesen König der Maulwürfe, dieses segelohrige Zerrbild dessen, was in ein paar Jahren vielleicht mal ein Mann wird, binden? Ich bitte dich."
Taube: "So ist er nicht. Er ist...freundlich. Wir haben einfach nicht zusammen gepasst. ich habe nicht zu ihm gepasst. Wir waren nicht gut genug. Nicht zahm genug. Nicht...es ist nicht seine Schuld. Wir haben ihn einfach nicht verdient."
Tiger: "Blödsinn. So geht das nun seit Tagen. Nicht gut genug....und gleichzeitig hofft sie weiter, obwohl sie weiß, dass es vorbei ist. Selbst wenn - und das wird nicht geschehen - er doch wieder zu ihr zurück kommt, werde ich das bestimmt nicht noch einmal mitmachen. Dieses Schnurren und Buckeln. Dieses brav sein und die rechte Wange hinhalten. Wer uns nicht zu schätzen weiß..."
Teufel: "Soll uns auch nicht haben. Ich denke, wir haben eine Einigung."
Tiger:"Aber es tut immer noch weh."
Tod & Teufel: "Ja. Wie auf Messers Schneide. Merkt Euch das. Das geschieht, wenn man uns wegsperrt und verleugnet."
Teufel:"Das passiert, wenn man Taube gewähren lässt."
Tod: "Aber nun ist es gut. Und wenn es doch zu sehr weh tut...gibt es immer noch mich."
Teufel, Taube & Tiger: "Und Dir können wir vertrauen."

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 02-09-2009 um 23:20:

Auf Wiederholung.

Erkenntnisse über Trennungen habe ich nun wirklich genug gesammelt. Gehen lassen. Verzeihen. Weiter machen. Akzeptieren.

Ich will das nicht. Ich will das nicht? Aber was will ich denn dann?
Zu seinen Füßen einschlafen, sagt der eine Teil, gleichgültig, was es kostet.
Weiter gehen - da spricht der Stolz, die Vernunft. Und die letzteren werden wohl recht haben.
Aus dem Alter, in dem die Welt untergeht, bin ich heraus. Ich werde nicht daran sterben, auch wenn es sich jetzt wie ein innerliches Verbluten anfühlt.

Tropf

Ich will nicht loslassen müssen. Ich will dieses seltene Glück nicht aufgeben müssen, dieses Gefühl, zu jemandem zu gehören. Ich will mir nicht darüber klar werden, dass nach ihm andere kommen werden. Und ich weiß, dass es so sein wird. So war es - irgendwann- immer.

Tropf

"Er hatte keinen Dämon." "Nein." "Das konnte nichts werden." Einfache Worte in einem einfachen Gespräch. War das so? Vielleicht. Tauben und Tiger. Ich war so zahm, wie ich konnte, aber es zeichnete sich ab....sturr, wie ich es bin habe ich es mir nichts ausmachen lassen. Als echter, rosabebrillter Blödbüttel (auch Romantiker genannt) habe ich wieder einmal die Augen fest geschlossen und das Mantra gesagt:
"Wenn Du mich nur liebst."
Aber das hast Du dann nicht. Vielleicht war das klüger als ein Leben lang Brücken schlagen zu müssen zwischen Pumps und Chucks, Skateboards und BMWs, Städtereisen und Campingurlaub, Wortschwall und Schweigen. Und konntest Du Dich denn zu Hause fühlen bei jemandem, der Dich nicht versteht und der sich noch viel, viel weniger verstehen lässt?
~Eine Frau muss man nicht verstehen, sondern lieben.~
Schön gesagt. Aber auch viel verlangt. Leg' Dich mit einem Messer ins Bett und hoffe, dass es Dich nicht schneidet.

Tropf

Vielleicht will ich mir das auch nur einreden. Das es an irgendwas lag, aber bitte nicht an mir. Denn hätte ich nicht alles....? Alles? Nein. Wenn es darum gegangen wäre, Dich zu retten, melodramatisch - ja. Wie für jeden meiner Freunde. Wenn es nur darum ging, Dein Herz zu haben - nein. Nicht mal meine rechte Hand. Nicht mein Augenlicht. Und auch nicht meinen Stolz.
Und nicht an mir? Oder eben gerade an mir. Alles, aber keine Gleichgültigkeit. Einen Grund, einen Punkt, an dem ich es verorten kann, dieses grausame Scheitern.

Tropf

Ich bin wütend und ich verstehe nicht. Und ich mag nicht. Nicht noch einmal. Anderseits könnte ich dankbar sein. Ich weiß, wie ich zu jemandem stehe. Schnell. Sicher. Ich muss mich nicht fragen, meine Verliebtheit ist wie Malaria, die einem Fieberschub gleich alles einhüllt und keine Fragen offen lässt.

Tropf

Zeit, mir ein Hepftpflaster zu besorgen. Es muss weiter gehen. Es wird weiter gehen. Ich bin nun einmal nicht Julia, ich werde in keiner Gruft liegen mit einem Dolch und einem Giftfläschchen. Das ist nicht meine Rolle.

Und Medea? Hat sich nie auf der Bühne getötet.

Netz und doppelter Boden

Wie immer, wenn ein Bühnenkunststück schiefgegangen ist, fängt mich das Ensemble. Alle mit unterschiedlichen Mitteln, aber alle effektiv.

Davon geht die Welt nicht unter
Sieht man sie manchmal auch grau
Einmal wird sie wieder bunter
Einmal wird sie wieder himmelblau
Geht's mal drüber und mal drunter
Wenn uns der Schädel auch raucht
Davon geht die Welt nicht unter
Die wird ja noch gebraucht
Davon geht die Welt nicht unter
Die wird ja noch gebraucht
~Zarah Leander


Jetzt....jetzt ist der Himmel grau. Aber die nächste Revue wird kommen. Mit Pailletten. In Himmelblau.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 17-09-2009 um 20:52:

And it's raining it's pouring
the old man is snoring
Now I lay me down to sleep
I hear the sirens in the street
All my dreams are made of chrome
I have no way to get back home
I'd rather die before I wake
like Marilyn Monroe
and you could throw my dreams out in the street
and let the rain make 'em grow

~ A sweet little bullet from a pretty blue gun, Tom Waits


"Mach heute mal nichts mehr." Es ist die Besorgnis in ihrer Stimme, die mich dazu bringt, die Finger von den Büchern zu lassen. Ich sehe aus wie mein eigener Tod. Ich möchte ihr sagen, dass es nicht schlimm ist. Ich mache gar nicht so viel. Wirklich nicht. Aber ich habe unvorsichtigerweise in den Spiegel geschaut. Blass trifft es nicht mehr. Das ist weiß mit Grünspan. Ich könnte natürlich anführen, dass ich schon viel Schlimmeres durchgestanden habe. Das man sich um mich keine Sorgen zu machen braucht. Ich sage es nicht. So gut kennen wir uns nicht. Und ich will ihr Entsetzen nicht sehen, wenn ich es ihr erkläre, ihr vages Mitgefühl. So nicke ich einfach. Gut, heute nichts mehr.

In der Zeit, in der ich nicht lernen kann, lese ich weiter. Pratchett. In den letzten drei Wochen habe ich so nach vager Schätzung etwas über 1500 Seiten verschlungen. Ich lese, um nicht nachdenken zu müssen. Wenn ich den Blick dann hebe, merke ich, dass ich kurzsichtiger werde. Dinge in der Ferne, also 20 Metern, verschwimmen, Gesichter kann ich erst spät erkennen. Es wird Zeit für eine Brille.

Weiter - immer vorwärts - nur nicht zurück schauen.

Dieselben Sätze wiederholen sich: Es wird schon zu irgendetwas gut sein. Nur zu was bitte?

M. Ein Name, aber jetzt eben nur noch ein Name und ein bisschen Wut. Gut, versuchen wir es mit Ehrlichkeit, viel Wut. Und noch mehr nach Galle schmeckender Verbitterung. Es war also noch nicht genug? Es musste ein bisschen mehr werden? Oder mit gezogenem Flunsch: Immer ich.

Manchmal frage ich mich, ob es so was wie menschliche Blitzableiter gibt. Um mich herum sind sie glücklich, es blüht und gedeiht. Nein, das hat natürlich nichts mit mir zu tun...nicht viel zumindest.
Die nächste Frage ist dann: Würdest du es anders wollen? Die Antwort darauf lautet selbstverständlich nein.
Und sie sind auch nicht alle glücklich - das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist immer grüner. Ich bin einfach müde und ich merke es. Und ich vertrage es nicht. Müde? Wovon denn? Das bisschen lernen. Das bisschen... Ich ärgere mich über mich selbst, die mangelnde Disziplin, den mangelnden Elan, die mangelnde Fröhlichkeit, das mangelnde Wissen und die mangelnde Sanftmut. Ich verlange mehr von mir.
Aber irgendwie werde ich langsam auch mit dem Rest ungeduldig. Es könnte jetzt mal klappen, Schicksal. Ich hätte gern ein Stück von diesem Regenbogen.

Objektiv hat es das Schicksal schon ziemlich gut mit mir gemeint. Ich bin weder dumm noch hässlich (auch wenn man so was von sich selbst nicht sagt, aber nun gut...),habe eine Familie mit der man (gut) auskommen kann , eine Krankenversicherung und keine Existenz- sondern nur Lebensstandardhaltungsängste. Und Freunde. Es scheint mir so gar relativ leicht zu fallen, dem Kreis von Personen, die gerne was mit mir unternehmen, weitere hinzuzufügen. Von dem einsamen, kleinen Mädchen von vor 20 Jahren ist nicht mehr so viel übrig. Außer diesem Gefühl der Heimatlosigkeit. Das war schon damals so, als ich weinend auf dem Bett meiner Eltern in einem sonnengefluteten Schlafzimmer saß und "nach Hause" wollte - wo immer das sein sollte im Angesicht der Tatsache, dass es unsere Wohnung war.

Was willst du überhaupt? Und wie sehr? und wohin soll's gehen?

Manchmal habe ich keine Ahnung.

Würdest Du jemand anders sein wollen? Manchmal. Manchmal ja. Einfacher. Entschiedener. Sanfter. Weniger kaputt.
Aber dann wäre ich nicht ich, Fräulein Wunderlich, die Frau, die einem Mann ein ganzes Glas Cola und Whiskey über den kopf schüttet, weil er sie angespuckt hat - anstatt ihren zwei Meter großen, bärigen Kumpel darum zu bitten, das für sie zu regeln. Und die Frau, die von genau demselben Mann eine Entschuldigung annimmt und danach weitertanzt, als wäre nichts passiert. Ich bin gerne diese Frau.
Fräulein Wunderlich - hundert Teile, die nicht zusammen passen. "Wie viele Interessen hast du eigentlich?" verwirrte Frage eines Menschen, der mir mal nahe stand. Viele. Rollenspiele, Rechtsgeschichte, Theater, Computergames, Rockmusik, Standardtanz, Tschechow, Pratchett, Zeichnen, Kochen und Backen. Nichts ganzes, aber viele, viele Hälften.
Ja, ich bin manchmal wirklich gerne ich, weil manche Dinge von meinem Standpunkt aus viel kleiner aussehen. Gut - und einige überproportional groß. Aber es bleibt eine gewisse Form von Gelassenheit, ich möchte fast sagen Sturmfestigkeit und so gar Freude über den Wind in der Takelage, die es das alles vielleicht wert sein lassen könnte. Das alles, die Tränen, die Flüche, die Schmerzen, die Verluste, die Narben, den Haß, die Verbitterung...weil ohne sie das Lachen, das Lieben und die Fähigkeit, guten Apfelkuchen zu backen nicht so viel wert wären. zumindest für mich nicht.

Und ja, wenn ich es sonst selten sein mag, auf meinen Apfelkuchen bin ich stolz.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 07-10-2009 um 00:16:

"Ich gehe ins Gymnsaium in Abendschuhen, die mit kleinen Verzierungen aus Strass besetzt sind. Es gefällt mir so. Ich ertrage mich nur in diesen Schuhen, und noch jetzt will ich mich so, diese hohen Absätze sind die ersten meines Lebens, sie sind schön, sie stellen alle früheren Schuhe in den Schatten, die zum Laufen und Spielen, die flachen, aus weißem Leinen.
Aber nicht die Schuhe sind das Ungewöhnliche , das Unerhörte an der Aufmachung der Kleinen an diesem Tag. Das, was an diesem Tag zählt, ist, daß die Kleine einen Männerhut trägt, einen weichen, rosenholzfarbenen Hut mit schwarzem Band.
...Keine Frau, kein junges Mädchen trägt zu dieser Zeit in dieser Kolonie einen Männerhut.
...Mit den Schuhen muß es ähnlich gewesen sein, doch erst nach dem Hut. Sie widersprechen dem Hut, so wie der Hut dem schmächtigen körper widerspricht, also sind sie das Richtige für mich"
~ M. Duras, Der Liebhaber


Natürlich habe ich zuerst den Film gesehen. Und später das Buch gelesen. Den Film kennen sie alle, früher lief er schamhaft nach 22:30 auf den öffentlich rechtlichen wegen der zwei Szenen, in denen die Hauptdarstellerin nackt zu sehen ist. Und natürlich wegen der verkörperten Unmoral. Mir gefiel er wegen der Textpassagen, die eine volle Frauenstimme sprach und wegen dem Mädchen mit dem Männerhut.
Ich muss 12 oder 13 gewesen sein, in der Nähe des Alters dieser Kindfrau, deren Figur mich nie wieder so ganz losgelassen hat.
Leben - und was es kostet irgendwie heranschaffen. Lieben - und dabei grandios versagen.Nirgendwohin gehören - und deshalb überall passen.
Damals erschien mir das noch faszinierend und schön.
Heute? Ich weiß nicht mehr. Für ein paar Jahre vielleicht. Glückliche Menschen geben selten fesselnde Romanfiguren ab. Aber ich will mein Leben ja auch nicht lesen - ich muss es führen.

Es widerspricht sich - also ist es das Richtige für mich. Zu der Lektüre grieschischer Mythen dröhnt Punk aus der Stereoanlage. Neben dem rosa Nagellack liegen die Handschützer.

Es widerspricht sich. Oder es entspricht sich.

21. 12 / 21.6 - Sonnenwende. Spiegelbild. Schatten und Licht.Wasser und Feuer
Ich hatte nie geglaubt, dass ich von Dir noch einmal hören würde. Und es erschreckt mich. Noch Ostern hätte ich, hätte, hätte...echoet es in meinem Kopf. Ja, ich hätte mich sehr gefreut, mein Herz hätte wie eine Capoeira-Trommel geschlagen, ich hätte gelacht und geleuchtet.
Nun habe ich es nur müde zur Kenntnis genommen. ~Ich vermisse dich doch.~
Zu spät, einfach zu spät und zu wenig. Es ist wie Asche im Mund, es schmeckt staubig und bitter, wenn ich daran denke, wie sehr ich mir diesen Satz gewünscht habe, wie brennend. Nun hast Du ihn geschrieben - und es bedeutet mir nicht mehr viel.
Go, went, gone, baby, gone.
Aufgezehrt.
Ja, Du darfst herkommen, ich werde da sein. Aber ich rufe Dir nicht nach. Und ich sehne mich nicht mehr nach Dir.
Ausgebrannt.
Du kannst mir nicht geben, was ich begehre. Zu wenig, viel zu wenig, diese paar Worte in monatlichen Gezeiten, um mich wieder zu Dir zu spülen. Das Absurde ist, das es gereicht hätte- nur früher, schlicht früher. Zehn Worte mehr, fünf Minuten schneller investiert.
Ich sollte froh sein, dass es nicht so gekommen ist, dass ich jetzt hier sitzen kann und nur ein wenig melancholisch bin, statt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt zu pendeln, ganz nach Deiner Laune.
Hätte...manche sagen, es ist nie zu spät. Hätte...ich weiß es nicht. Es ist, als ob ich in einem dunklen Leuchtturm stehe, die Segel sich weiß gegen die schwarze See abzeichnen und ich Öl und Streichhölzer in Händen halte - aber es ist nicht meine Küste, nicht meine Wacht. Es sind mein Öl und meine Streichhölzer, die mich noch durch viele dunkle Nächte bringen müssen. Also starre ich hinaus auf's Wasser und hoffe, dass niemand Schiffbruch erleidet. Aber meine Finger verbrenne ich mir nicht.
Vielleicht, irgendwann, später.

Mir fehlt mein wahres Spigelbild jetzt, wo Du Dich für diese Position so anbietest, um so mehr. Mein Mond, mein geliebter Mond. Aber das wirst Du nie sein, mein Zwilling, meine bessere Hälfte. mein Seelengeschwister, egal, wie viel von mir Du in Dir reflektierst.
Und doch ist es seltsam - Feuer und Wasser...lässt sich nicht mischen... kann man nicht binden...sind nicht verwand... -
Sie hätte es vielleicht gekonnt. Weberin. Und damit lächle ich doch noch, ehrlich, in Gedanken.

for private use only kindly allowed by S. Pui-Mun Law
Text in Seegrün in Anlehnung an Rammstein "Feuer und Wasser"

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 16-10-2009 um 00:22:


Stay out super late tonight
picking apples, making pies
put a little something in our lemonade and take it with us
we’re half-awake in a fake empire
we’re half-awake in a fake empire

Tiptoe through our shiny city
with our diamond slippers on
do our gay ballet on ice
bluebirds on our shoulders
we’re half-awake in a fake empire
we’re half-awake in a fake empire

Turn the light out say goodnight
no thinking for a little while
lets not try to figure out everything at once
It’s hard to keep track of you falling through the sky
we’re half-awake in a fake empire
we’re half-awake in a fake empire

~ The National, fake empire


Unwirklich...so vieles ist derzeit einfach...unwirklich. Das könnte es jetzt gewesen sein. Ende eines Abschnitts.

Anfang eines anderen, eines seltsamen Auftritts zu dritt oder zweieinhalb, bei dem ich nicht weiß, welchen Part ich übernehmen soll und will.

Zwei Menschen, ein Foto. Es gibt mittlerweile erschreckend viele Fotos von uns - alle von einem Abend. Balkon und Boden. Das bedeutet nichts. Was etwas bedeutet ist dieses Gefühl, mit dir reden zu wollen. Einfach nur reden. Ich will wissen, wer du bist. So simpel? Ja. Mehr nicht? Mehr geht eben nicht. Mehr nicht. Und das reicht mir ja auch. Seltsam vertrautes Misstrauen. "Du willst mich nüchtern sehen?" Ja doch, ja. Ohne Schminke, ohne aufgesteckte Haare. Es ist eine Form von Masochismus. Ich will, dass du mich so siehst, wie ich bin. Ohne getuschte Wimpern und Bühnenkostüm. Schlauer bin ich jetzt immer noch nicht. Nicht wirklich. "Ich bin ein furchtbarer Freund." Wir sind keine Freunde. Du kennst mich doch gar nicht. Wenn hier jemand furchtbar ist, bin ich das. Wir sitzen beide da und ringen die Hände. Keine Zeit für verwirrung, kein Platz für Veränderung und doch...Romanze? Nein. Ehr ein Hals über Kopf vorgehen in einem Prozess, den ich eigentlich selten, nur schrittweise führe. Freunde. Rudel. Menschen, an denen ich hänge...und du könntest das vielleicht wirklich werden. Ich mag dich. Angefangen hat es betrunken auf einer Couch, die Frau neben uns war eingeschlafen. Ich nehme Dinge, die unter Alkohol gesagt werden, selten wirklich ernst. Aber dann haben wir es wiederholt, später, nüchtern: Ich möchte dich noch mal sehen. Gut, ja. Aber wie erkläre ich dir, dass ich...defekt bin? In 100 Dingen defekt. "Nun ja, wir haben alle unsere Zipperlein." Ja, denke ich, Zipperlein.
ich weiß, ich werde wie eine Katze in dein Leben schlurfen, auf dem Sofa mit angezogenen Beinen sitzen und grinsen, wie ein Artgenosse, der ein Mädchen namens Alice getroffen hatte.
Durch den Kaninchenbau.
Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt. Ich bin ein furchtbarer Mensch. Und schrecklich neugierig. Und derzeit furchtbar beschäftigt, aber das hält nur noch zwei Wochen. Dann habe ich Zeit. Und wahrscheinlich Interesse - denn wer es einmal geschafft in den Kreis der Personen, für die ich mir Zeit nehme, dem widme ich diese auch. Ausgiebig.
Stell mir einen Teller Sahne hin, kraul mich hinter den Ohren und erzähl mir von dir.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 17-10-2009 um 15:03:

Erwachsen werden.

Es ist schon ein bisschen komisch, weil mir immer wieder gesagt wurde, wie erwachsen ich doch bin und ich das einige Jahre so gar geglaubt habe.
Nonsens. Ich war gut darin, so zu tun als ob. Aber welche wirkliche Verantwortung habe ich denn übernommen? Mein Leben ist "sponsored by Mommy" in jeder Hinsicht, denn ich darf mich darauf verlassen - sollte was schief gehen, wird der ältere Drachen es gerade biegen, so gut es geht. Erwachsen? Sieht doch wohl anders aus.
Selbstdisziplin - noch so ein Punkt, wo mancher 13jährige mich schlägt. Aufstehen - eine Hürde.

Und dann doch wieder...haben Sie schon einmal einen Menschen sterben sehen? ja. Haben Sie Erfahrungen mit ernsthaften Erkrankungen? Aber ja. Sind Sie in der Lage einen Fußboden trocken zu legen? Sicher. Was tun Sie, wenn ihre Garderobe voller Katzenflöhe sitzt? Waschen? ich bin pragmatisch bis in die Knochen. Das hat nichts mit erwachsen sein zu tun sondern mit Logik. Es gibt Dinge, bei denen kann einem eine Person, die 350 Kilometer entfernt lebt, nun einmal nicht helfen.
Ich fühle mich nicht erwachsen oder vollwertig, aber ich ahne, warum manche Leute genau das in mir sehen.
Und nun wird es Zeit, tatsächlich "erwachsen" zu werden, die Verantwortung für mich zu übernehmen. Ich hatte verdammt viele Jahre, in denen ich mich nicht um viel kümmern musste. mich selbst. Anstrengend war es trotzdem. Langsam keimt der Wunsch nach Unabhängigkeit in mir auf. Draußen ist Freiheit. Nach Jahren und Jahren möchte ich etwas eigenes haben, etwas, das ich vorzeigen kann und sagen: "Das habe ich geschafft. Das ist meins." Es ist an der Zeit, meinen geliebten älteren Drachen zu entlasten. Auch zeit, die rolle auszufüllen, in die ich immer mal wieder schlüpfe. Und damit man anderen beistehen kann, muss man sich erstmal selbst helfen. Daran glaube ich zumindest. Also muss ich hier ein paar Schrauben wieder eindrehen und dann...ja mal sehen. Ich weiß es doch auch nicht. Feststellen, dass es kein erwachsen sein gibt? Zufriedener werden? Mir selbst verzeihen? Wird sich zeigen.
Jetzt muss es erstmal nach vorne gehen, ganz getreu dem Motto: ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird, aber es muss anders werden, damit es besser wird.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 18-10-2009 um 23:35:

Ablenkung.

Unter der Schicht Gleichmut wartet die Angst, die Aufregung, die zermürbende Müdigkeit...und daneben, gleich daneben nagt Enttäuschung. Meine Haut ist dünn dieser Tage. Zu dünn. Ich nehme alles persönlich. Und ich hasse es, vergessen zu werden. Ein schlichter Anruf, vereinbart und nicht erfolgt. Warum ich dann nicht selbst zum Hörer gegriffen habe? Vereinbart. Ich halte mich an Abmachungen. und ich weiß jetzt schon, dass man (man, schöne Leerformel für einen Namen) sagen wird, ich solle mich nicht aufregen, man könne doch einmal etwas vergessen. Das sei doch nicht böse gemeint.
Aber genau deswegen hatte ich um klare Ansagen gebeten. Wer wen wann anruft. Weil ich weiß, dass ich derzeit nicht besonders nachsichtig bin. Weil ich weiß, dass ich jede Unachtsamkeit als Beleidigung werte. Weil ich mieserabel gelaunt bin. Vielleicht sollte ich mir ein T-shirt mit "Biohazard"-Zeichen besorgen. Damit man gleich sieht, wie es steht.
Ablenkung - anstatt mir Sorgen zu machen, bin ich wütend. ich habe so gar noch ein paar Seiten durchgearbeitet - um mich abzulenken. Verlass' dich auf jemanden und du bist verlassen.
Ich warte noch bis Tagesablauf und falle dann ins Bett - schlafen wird sowieso ein Abenteuer. Das macht also nichts. Was etwas macht ist dieses degradierende Gefühl, gewartet zu haben, meine kostbare Lebenszeit und mein noch viel wertvolleres und knapp bemessenes Vertrauen verschleudert zu haben.
Dünnhäutig. Es trifft. Und ich reagiere über...aber der Fakt bleibt bestehen. Vergessen. Und ich weiß, es wird irgendeine flaue Entschuldigung folgen. Und ich werde entschuldigen. Aber das ändert nichts mehr. Heute, die verschwendete Hoffnung beim Telefonklingeln, dieses flaue Gefühl im Magen je später es wurde - vergeben, nicht vergessen. Und ich bin ein nachtragendes Biest.

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Geschrieben von Kildare am 29-10-2009 um 20:55:

Dornröschen - (k)ein Kindermärchen

Wachgeküsst. Oft sieht man solche Reaktionen. Menschen, die sich durch ihren Partner verändern. Aufblühen. Strahlen.
Und dann gibt es die andere Seite, die bei denen das nicht funktioniert und die unbesungen in einem Dornendickicht verdorren und ausbluten.

Dreh' dich, Spinnrad, dreh' dich.

100 Jahre Schlaf. Es klingt beinahe verführerisch. Nur das Aufwachen, das könnte man sich sparen.
Oder auch nicht..."You are kidding me?" Schon wieder. Sieht man es mir denn wirklich nicht an? Den müden Zug um den Mund vom Lächeln, den traurigen Blick? Nein, ich scherze gar nicht. Und was mich hier hält ist bestimmt nicht das Warten auf einen Prinzen auf einem weißen Pferd. Aber ich schlafe ja auch nicht.

Dreh' dich, Spinnrad, dreh' dich.

Schicksalsfäden, alte Muster im Gewebe....dieselbe Frage. Immer wieder. Wie sehr ist damals? Was ist jetzt?
Ein Schloss, das sich nach hundert Jahren erhebt. Vergangenheit in Gegenwart.
Warum kann ich nicht einfach vergessen? Vergeben? Versinken lassen? Manchmal weiß ich kaum noch, was alles passiert ist. Damals. Und dann erinnere ich mich und weiß wieder woher es kommt, das Zucken, das Misstrauen, die Selbstzweifel und der gar nicht so blanke, schwelende Hass.

Dreh' dich, dreh' dich, dreh' dich...schneller.

Ist es nicht so schlimm? Das sage ich immer, immer wieder. Es würde heilen. Es sei ja schon geheilt. Es habe mich stärker gemacht. Hat es das denn? Wohl schon...aber nichts ist umsonst. Und mein Preis sind die ungläubigen Blicke an diesen Abenden, wenn man jemanden besser kennenlernt und die schöne Oberfläche aus "ich studiere, habe interessante Freunde und kann über Stunden Konversation betreiben" anderen Dingen weicht. Und das so gehasste Mitgefühl, das Mit-Leid, das fast schlimmer ist als geheucheltes Mitleid, weil ich die Stimme des anderen brechen höre, wie meine brechen sollte...und es ist seltsam, jemanden trösten zu wollen, der um einen weint.

Aber vielleicht, am Ende... Dornen haben Rosen. Und die Sträucher werden alt und zäh.
Dornen haben Rosen.
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Weshalb also noch?
MAN: You young fellers, you haven't a bloody clue... I used to come down here with the wife, and the twins. Darren got himself killed in Vietnam. Sean and me both got a bit the worse for wear when we heard the news. He crashed the car, but only I crawled away. And, when I got out of hospital, me and the wife carried on walking down here. Then she got a lump in her breast. Anyway... now it's just me.

And I still come down here to watch the sun set. Y'know, most every night it's a bloody beat. And every night it's different. And I think, well, I've had a shit of a life, all things considered. It was fair. Everyone I've ever loved is dead, and my leg hurts all the bloody time...

But I think, any god that can do sunsets like that, a different one every night... 'strewth, well, you're got to respect the old bastard, haven't you?

LUCIFER: All right. I admit it. He's got a point. The sunsets are bloody marvelous, you old bastard. Satisfied?

~ Neil Gaiman, Season of mists


Deswegen. Genau deswegen.

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Geschrieben von Kildare am 03-11-2009 um 00:30:

"What if...

I'm glad to say that we've met
But I'm sad to say that the circumstances weren't
On our side

What if we could
Put our lives on
Hold and meet some
Where inside of the world
I would meet you
Would you meet me?

On a park bench
On a skyscrape
On a mountain
Oh yeah, whatever it takes
I would meet you
Would you meet me?

God I would
God I would
I would meet you
Would you meet me

~ Blue October, What if we could


Manchmal, nur manchmal wünsche ich mir ein größeres Herz. Normalerweise halte ich mich ja an Kreisler und den Grundsatz "Er war doch ein besserer Mensch, warum ist er jetzt tot?" und versuche kein besserer Mensch zu sein.
Aber dann werden die Nächte länger und die Tage kürzer und es bleibt Zeit zum Nachdenken. Zum Gedenken an all das, was man nicht getan hat, all die, denen man nicht zur Seite gestanden hat - oder zumindest doch nicht genug. Es ist diese Sehnsucht danach, Schwingen zu besitzen und jemanden darin einzuhüllen, sicher und warm in Daunen zu packen, damit ihn niemand und nichts mehr verletzt.
Was immer auch nötig ist...sagt sich leicht. Aber die Probe ist schwer. Es geht über die eigene Bequemlichkeit, den kleinlichen Geiz und natürlich Missgunst und Neid. Und es geht über Kraft. Über Kraft, von der ich zu Zeiten das Gefühl habe, ich hätte nicht genug, die irgendwo ausgegraben werden muss und die doch da ist. Die natürlich da ist.

"Du hast all die Kraft, die Du nur brauchst, wenn Du den Mut hast, sie zu finden."
~ L. Carol, das letzte Einhorn

Ich hätte gern wieder Schwingen, die mehr als eine Person tragen. Und ein Herz, das vergisst und nicht nur vergibt. Nach-tragend..kein Wunder, dass ich nicht vom Boden hoch komme bei all den Erinnerungen, die ich mit mir herum schleppe.

Es wird Herbst. Und ich beginne mir Sorgen zu machen. Oder zumindest Gedanken. Und die meisten enden in Daunen. Und Schwingen.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 09-11-2009 um 15:27:

Drahtseilakt. Ich hätte nie geglaubt, doch noch einmal die jüngere Geliebte zu mimen. Saisonauftritt. Länger als Winter wird dieses Stück wohl kaum aufgeführt werden.

Jüngere Geliebte. Die andere Frau. Es sind nicht die Worte, die normalerweise für mich gewählt werden. Ich komme mit der Rolle schlecht zurecht und bin verwirrt. Ich kenne meinen Text nicht. Und als Deine Frau, beinahe meine Freundin, mich mit "Und das ist seine Freundin." vorstellte, hätte ich am liebsten die Hackenschuhe in die Hand genommen und wäre gerannt. Mein Part wurde definiert. Aber ich weiß noch immer nicht, ob ich ihn spielen will.

Es gibt kein Geheimnis. "Ich schäme mich nicht für Dich." Ein schöner Satz. Sagt sich leicht, allein es übt sich schwer. Theoretisch ist es ganz einfach. Theoretisch geht es niemanden etwas an außer ihr, Dir und mir.
Fakt: Ihr seid seit 10 Jahren verheiratet.
Fakt: Ihr habt eine Vereinbarung, die "Fußnoten- und Seitenlieben" zulässt.
Fakt: Wir haben einen Narren aneinander gefressen.

Und ja, ich schäme mich nicht. Ich weiß, dass diese Konstellation ungewöhnlich ist, denn normalerweise wird so etwas hinter verschlossenen Türen geregelt und gelebt. So sind wir allerdings beide nicht. Du bist mein Freund mit Draufgabe. Ich tue Dir und mir diese demütigende Verleugnung nicht an. Mir ist bewusst, dass das ganze Gebilde nur temporär bestehen wird. Auch von meiner Seite des Handels aus, denn ich sehe meine Zukunft nicht als "Zweite".
Aber jetzt ist es so, wir sind zufrieden und grenzweise glücklich. Bizarr. Instabil. Wahrscheinlich nur eine Winterlaune, weil es kalt und regnerisch ist.

"Warum dazwischen eine Grenze ziehen?
Warum immer alles festschreiben und einsperren in ein Kästchen?
Hier die Rosenblättermarmelade.
Dort die Essigfrüchte.
Warum kann zwischen uns nicht etwas sein, wöfür es noch kein Wort gibt?
Mögen sich die Leute später darüber den kopf zerbrechen,
bis sie das richtige Wort dafür gefunden haben.
Uns muss das nicht kümmern.
Wir haben dem treu zu sein, was unsere Seele uns anzeigt."
~ C. Brentano

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 19-11-2009 um 23:53:

"Be nice!
Be nice to me--
Don't ever be,
Be nice!
Be nice to me,
Don't let me go (don't let me go)
I am too cool for the second..GRADE!
I'm amazed!
I'm afraid!"
~ never wanted to dance, MSI


Das Interview, das man mit Dir gemacht hat, hat es dann besiegelt. Mindless Self Indulgence. Wie viele Menschen kennen diese Band? Wie viele mögen sie?

""The Enlightening Hand is So because it is on Fire."
Anything worthwhile is eventually going to burn out, but the pain of the flame makes you shine all the brighter. Kind of deep and weird (and maybe even pretentious) to hear from a guy making a living out of painting cross-eyed monsters, but it's what I like to believe." ~ Du, irgendwann sage ich Dir, dass es hier steht.

“The beauty of flames lies in their strange play, beyond all proportion and harmony. Their diaphanous flare symbolizes at once grace and tragedy, innocence and despair, sadness and voluptuousness. The burning transcendence has something of the lightness of great purifications. I wish the fiery transcendence would carry me up and throw me into a sea of flames, where, consumed by their delicate and insidious tongues, I would die an ecstatic death. The beauty of flames creates the illusion of a pure, sublime death similar to the light of dawn. Immaterial, death in flames is like a burning of light, graceful wings. Do only butterflies die in flames? What about those devoured by the flames within them?”
Emile M. Cioran
Eines meiner Lieblingszitate. Und jetzt frag' mich noch mal, was mir an Dir Angst macht. Der Satz "Geh aus meinem Kopf!", den wir uns beständig entgegen schleudern, wenn wir - schon wieder - dasselbe denken und wollen. Meistens sind es seltsame Dinge, die bei Comicserien anfangen und bei Plastikfigurinen noch lange nicht aufhören. gut, ich bevorzuge Blei, wie ich auch sonst von uns beiden, das Gewicht mal außen vor, die schwerere bin. Konservativ. Mit ebenso konservativen Plänen. Haus, Hund, Heim etc...Du? Hast anderes im Kopf.

Aber jetzt, hier, in diesem Moment, sind wir uns unheimlich ähnlich. Nein, so hatten wir uns das nicht vorgestellt, wir hatten uns fast gar nichts gedacht. Ein bisschen Spaß, ein wenig Ablenkung, helles Gelächter - und das haben wir auch bekommen - und mehr. Ein ganzes Eck mehr. Es ist geborgtes Glück, das aufhören wird. Wir beide haben Angst vor diesem Tag, natürlich wir beide, wie könnte es anders sein.

Jetzt ist es Glück. Nicht grenzweise glücklich, sondern glücklich. oder wie Du es sagen würdest: "Way too happy."
Und weisst Du was? Ich erlaube es mir. Im Angesicht aller Unmöglichkeiten. Ich habe es satt, sachliche Romanzen zu führen, bei denen es immer die Aussicht auf Haus, Hund und Garten gibt. Am Ende erfüllt sie sich doch nicht. Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen. Auf keiner Seite, nur für die Fraktion, die denkt, es seien immer die Frauen, die an die Kinder und Küche denken.
Ich habe keine Ahnung, wo ich in fünf Jahren einmal sein werde. Aber das hier werde ich gehabt haben. Ich will nicht rechnen, was es kostet. Ich weiß, irgendwann wird dieser Abschied kommen, noch ein Abschied - auf Wiederholung, Vorhang die Zweite. Heute macht es mich glücklich, Dich glücklich zu sehen, Dich glücklich zu machen und mich von Dir glücklich machen zu lassen.
Wir benutzen dafür kein Wort, wir benennen das zwischen uns, mit uns nicht.
Was ich fühle, wenn ich an Deine Frau denke? Zwiespalt. Ja, natürlich wäre es irgendwie schön, Dich für mich zu haben. Nur für mich. Andererseits wärst Du ohne sie nicht der Mann, der Du bist. Sie gehört zu Dir. Und so seltsam, wie es ist, ich komme damit zurecht. Und so merkwürdig es bleibt - sie anscheinend auch.

Und das alles, privat und privater, steht nun also öffentlich hier. Warum eigentlich? Weil die Nebelpfade mein Leben wiederspiegeln und Du ein Teil davon bist. Und ich micht weiterhin weigere, mich zu schämen. Oder Dich zu verstecken. Weder virtuell noch sonstwo. (Außer vor Mami - zumindest noch ein bisschen. Ja, Feigheit siegt, Familie ist so eine Sache, bei der ich noch ein zwei Monate brauchen werde, um mir den entsetzten Gesichtsausdruck anzutun.) Die Konstellation ist gewöhnungsbedürftig. Aber warum nicht? Warum nicht?

Weil es weh tun kann.

Und da bin ich bei der alten Erkenntnis. Es tut oft ein bisschen weh, es ist nie so ganz einfach, aber manchmal lohnt es sich. Eigentlich immer. Denn selbst, wenn es irgendwann aufhört bleiben die Erinnerungen, die Gedichte und die Zeichnungen.

“Love doesn't make the world go 'round. Love is what makes the ride worthwhile.”
Franklin P. Jones

Even though we don't call it love. We'll find another word. Or not. Doesn't matter.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 24-11-2009 um 00:09:

Weil es beginnt, weh zu tun. Nur ein bisschen. Nur zwei, drei Tränen lang. Wird das heilen? Ja, nein, vielleicht - ich habe keine Ahnung. Aber es schmerzt nicht genug, um wirklich loszulassen.
Ich mag es nicht, wenn Du mich traurig siehst. No secrets. Und genau wie ich gehörst Du zu der Anna-von-Schlotterstein-Fraktion, die ihren Liebsten die Tränen vom Gesicht leckt. Schaurig schön. Irgendwie komme ich mir seltsam vor, über Kleinigkeiten zu weinen. Und es sind nur Kleinigkeiten. Ich habe wirklich viel, viel Schlimmeres hinter mir. Andererseits hast Du vollkommen recht. Wenn man es aufspart, wird es größer. Und außerdem weiß ich doch, wie ich bin, wenn ich nicht weine. Fräulein Winter. Schneekönigin. Unangreifbar in einem Panzer aus Eis und Arroganz - dass dieser scharfe Kanten hat, die auch nach innen schneiden, sieht man von außen ja nicht. Will ich so vor Dir sein?
Ja. Natürlich will ich funkeln wie Kristall und Stahl, stark und schön und hart wie ein Diamant erscheinen.
Und nein. Denn dann wirst Du mir nicht mehr nahe kommen. Solche Dinge bewundert man aus der Ferne. Fair wäre es auch nicht. Keine Geheimnisse.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 28-11-2009 um 15:48:

"Without our traditions our lifes would be as shaky as a fiddler on the roof."
~ aus dem namentlichen Musical

Die Tradition. Der weiße Schleier. Das Versprechen. Auf immer und ewig. Die Frauen in der Familie meiner Mutter halten es noch. Sturr. Stetig.
Meine Eltern haben es gelebt bis zum Tod. Loyalität, Liebe, Vertrauen, Respekt. So habe ich es gelernt. Du musst bereit sein, alles zu opfern, was du bist. Und du wirst es nicht bereuen. Hundetreue. Ergebenheit. Geduld. Zweisamkeit.
Die Vorbilder meiner Kindheit haben so gelebt.

Und ich tue es nicht. Noch nicht?

Als meine Eltern, die 19 Jahre verheiratet waren und blieben, heirateten, gab' es kein weißes Kleid. Die Gesellschaft bestand aus weniger als 20 Personen. Bis heute sind die zwei mir ein Beispiel, weil sie es geschafft haben, miteinander und nicht aneinander vorbei zu leben. Weil auch jetzt, fast 20 Jahre nach seinem Tod meine Mutter über ihren Mann kein böses Wort verliert, ohne ihn dabei übermäßig zu beschönigen. Schwierig, manchmal launisch, verschwenderisch - aber wer ist schon vollkommen? Mein sturer, ironischer Vater und meine freiheitsliebende, starke Mutter. Nicht jeder Mann kann akzeptieren, wenn seine Frau mehr beruflichen Erfolg hat. Noch weniger waren es vor 40 Jahren. Nicht jede Frau zieht nebenbei ein Kind groß, baut eine Kanzlei auf und pflegt ihren Mann bis zu dessen Tod. Nicht jedem gelingt es, sich durch seine Krankheit nicht verbittern zu lassen. Nicht jeder gelingt es, im Angesicht des Verfalls nicht zu fliehen.

Meine Erwartungen waren von dieser anscheinend Ausnahmeehe geprägt, von zwei Menschen, die einander gefunden hatten und an deren Unverbrüchlichkeit ich mich bis heute zurückerinnere. Vielleicht eine geschönte Retroperspektive. Vielleicht nicht.
Von mir erwarte ich nicht ein Jota weniger Loyalität, Opferbereitschaft und Liebe. Wobei Opferbereitschaft das falsche Wort ist. Noch heute wird mir gesagt, wie tapfer ich damals gewesen sei und wie furchtbar das alles für mich gewesen sein muss. Ich lache darüber. Natürlich war es teilweise schrecklich, aber was dieser Zeit ihre Dornen nimmt ist eben jene Liebe meiner Eltern zueinander und zu mir. Meine Kindheit war, zumindest in diesem Bereich, alles andere als furchtbar. Ich hatte ein Zuhause, dass vor Zuneigung und Lebendigkeit gesprüht hat.

Aber zurück zu den Erwartungen. Ein Versprechen. Ein Leben. Nicht weniger.
Ich lebe diese Vorstellung nicht. Macht mich das nun bigott? Heuchlerisch? Gegen diesen inneren (Selbst-)Vorwurf stemme ich mich. Denn mir ist sehr bewusst, dass mein Vorbild ehr die Ausnahme als die Regel darstellte. Und auch wenn das mein Ideal ist, bin ich nicht bereit, auf dem Altar dieses Wunsches alles andere zu opfern.

Jetzt - die Konstellation in der die Verwirklichung des Ideals, das ins Werk setzen der Tradition komplett ausgeschlossen ist. Warum also?
Weil es jetzt gut ist. Und weil ich zu niemandem gehören wollen würde, der mich nicht mit allem Glück, das mir vor ihm vergönnt war, akzeptieren kann, der meinen Wert nach Männern und Zahlen bemisst und meine Treue nach vorauseilendem Gehorsam in der Hoffnung auf einen ungewissen Tag.

Immer

Was vor mir war,
weckt keine Eifersucht.

Komm mit einem Mann
auf dem Rücken,
komm mit hundert Männern in deiner Mähne,
komm mit tausend Männern zwischen deiner Brust und
deinen Füßen,
komm wie ein Fluss
voller Ertrunkener,
der den rasenden Ozean findet,
die ewige Gischt, die Zeit!

Bring sie alle her,
wo ich dich erwarte:
immer werden wir einzig sein,
immer nur du und ich
allein auf der Erde,
um das Leben zu beginnen!

Pablo Neruda


Warum also? Weil...ich obwohl ich weiß, dass dies kein Märchen mit glücklichem Ende werden wird, obwohl mir klar ist, dass diese Episode endlich ist, ich jetzt keinen Atemzug missen wollen würde. Ein Geschenk. Ein Moment. Ein Lächeln.
Und ein Herz, das hoffentlich groß genug dafür ist.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von ArrogantNick am 28-11-2009 um 18:21:

Hm.... ein wirlich genialer, kleiner Text, das da in rot. So viel Kraft darin. So viel Traum. Und am Ende, so viel Hoffen. Ich kenne nur sehr Wenige, bei denen es bis zu Ende funktionierte. Nein, eigentlich stimmt das nicht. Ich kenne nur sehr wenige Glückliche, bei denen es bis zum Ende funktionierte. Zeiten ändern sich. Umstände tun das ebenso. Und nicht zuletzt, hoffentlich, man selbst auch.

Beim Schwimmen wird man nass. Versucht man das zu vermeiden, mit aller Macht, so wird dies zwei Effekte haben: Man wird so damit beschäftigt sein, nicht nass zu werden, dass man das Schwimmen niemals richtig genießen kann und am Ende ist man dennoch pudelnass - und hat auch noch das Gefühl, es für nichts zu sein.

Das würde man dann wohl 'dumm gelaufen' nennen.

Erwähnte ich, dass auch Tränen, Nässe sind? Auch darin kann man baden und es ist manchmal nicht das Verkehrteste. Eisfassaden bröckeln so schnell. Man ist ewig verschnupft und die Angst vor dem Tauwetter wird verhindern, dass es jemals Sommer werden darf, im inneren Spitzbergen. Dafür wird man selbst schon sorgen.

;-)

....


Geschrieben von Kildare am 30-11-2009 um 22:49:

Inneres Spitzbergen - das gefällt mir.
Aber nein, mein favorisiertes Reiselziel wird es nicht, denn dafür gibt es Tage wie heute.

Momentaufnahme.

"Was meinst Du damit, morgen ist der erste?!" Ich sehe die Unruhe, fast schon Entsetzen in Dein Gesicht einziehen. Abgabetermin. Ich hätte jetzt wütend werden können. Schließlich hattest Du doch gesagt heute Abend hättest Du einmal wirklich Zeit. Nun gut, ich bin nicht begeistert, dass Du direkt nach dem Essen wieder gehen wirst. Ich muss auch nicht begeistert sein. Fehlplanung - Deinerseits.
Aber da sind diese traurigen Augen und ich weiß, es ist nur ein Versehen nach einem langen, anstrengenden Wochenende, an dem Du wenig Zeit für Dich hattest. Was also hast Du erwartet? Das ich sofort in die Kerbe schlage und Dir noch eins verpasse, während ich sehen kann, dass Du das selbst bereits überreichlich tust?
Wohl kaum. So tief bin ich noch nicht gesunken. Ja, ich bröckele an vielen Fronten und ich bin müde und instabil - aber der Tag, an dem ich Dich dabei unterstütze, Dich selbst zu zerfleischen, ist nicht gekommen. Ganz bestimmt nicht.
Es ist was schief gegangen. Ich ärgere mich ein bisschen. Aber siehe da - die Welt geht nicht unter, die Woche hat mehr Tage, ich kann noch etwas vor mich hin tippen.
Und ich spüre immer noch, wie Du mich umarmt hast und weiß nicht, was denn so besonders sein soll an mir und meinen Reaktionen. Was hast Du erwartet? Das ich direkt ,wenn Du arbeiten musst, anfangen werde, eine Szene hinzulegen?
Ich habe Dir mal gesagt, ich sei ein praktisches Mädchen. Und das stimmt. Machen wir also das einfache Kosten/Nutzen Spielchen.

Kosten eines sofortigen Wutanfalls:
Ein verstörter Liebhaber, der wahrscheinlich nicht so arbeiten kann, wie er muss.
Daraus resultierende verspätete Abgabe.
Daraus resultierendes Drama auf dem Arbeitssektor.
Nutzen eines sofortigen Wutanfalls:
Filmreife Szene, ein paar Tränen und Schreie und....err ja, eigentlich nichts.

Kosten des Unterdrückens eines leichten Wutanfalls:
Gering. Denn bei Deinem Gesichtsausdruck musstest Du "Es tut mir leid." nicht mal mehr sagen.
Nutzen dieses Verzichts:
Kein überflüssiges, kleinliches Drama.
Ein glücklicherer Mann.
Daraus folgt eine glücklichere K.

Man könnte nun natürlich anführen, dass das Unterdrücken von Gefühlen nicht gut sein kann. Aber hier wurde eigentlich nichts unterdrückt sondern priorisiert. Und Dein seelisches Wohl geht mir deutlich über meine Launen. Und es erstaunt mich, dass das anscheinend nicht selbstverständlich ist.
Du wirst Dir solche Scherze nicht häufig leisten können. Und natürlich frisst es mich an - Aber! Ich bin doch selbst nicht perfekt.
Und ich werde Dir nie etwas tun können, wenn Du mich so ansiehst. Das machst Du selbst viel zu gut. Herrje, bleiben wir beide mal auf dem Bodensatz der Tatsachen, es geht hier um drei Stunden, die Du eben nicht mehr bleiben konntest. Ärgerlich. Aber kein Beinbruch. Kein Weltuntergang. Kein Drama. Kein Grund, so traurig zu gucken. Und kein Grund, Dir Vorwürfe in einer Größenordnung zu machen, die diesen Blick hervorrufen.
Manchmal wünschte ich mir, Du wärst mir weniger ähnlich. Verzeih' Dir. Es ist gut. Du bist liebenswert mit Deinen Macken. Zumindest jetzt - für mich.

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Geschrieben von ArrogantNick am 01-12-2009 um 14:04:

Hm....

...ich nehme mal das metaphorische Geknösel ein wenig raus, aber nur ein wenig. Es liest sich zwar hübscher, hat aber ein großes Potential für Missverständnisse, was, so glaube ich, nicht wirklich dienlich ist. Weißt Du, Zweitfrau, als ich in Deinem Alter war (und weit darüber hinaus), da war ich eine Schneekönigin. Ich war nach außen hart wie Stahl und wirklte kalt und berechnend wie Eis. Das war einerseits der Habitus, den ich meinte, aufrecht erhalten zu müssen, um mich zu schützen und in dem ich mir auch gefiel, denn Unbekanntes macht nun einmal Angst und ich kannte nun mal nichts anderes.

Doch andererseits, tief in mir, am inneren Südpol, an dem (m)ein inneres Kind langsam erfror und in seinem Kältekoma davon träumte, leben zu dürfen, strichen die Monster der Sehnsucht umher. Die, wenn sie auch nur eine minimale Chance sahen, endlich ihren ungeheuren Hunger zu stillen, nach Wärme, Sonne, Nähe, Sicherheit und Gehaltenwerden, sich sofort zu chaotischen Herrschern meines Lebens aufschwangen und ohne rechts oder links zu blicken, sich auf und in diese vermeintliche Chance stürzten.

Nun ja, wie soll ich es sagen. Wenn man kurz vor dem Verhungern ist, wird man unaufmerksam was man da gerade in sich hineinschlingt und verdirbt sich sehr leicht den Magen. Vielleicht mag es daran liegen, dass das bei Dir auch manchmal der Fall ist, liebes Zweitweib. Ich musste irgendwann feststellen, dass man, so lange man sich aushungert, immer wieder eine solche verzweifelte Gier entwickeln wird, dass man immer und immer wieder sich die Zähne ausbeißt, an ungeeigneten Brocken/Chancen.

Man muss sie sich dann schönreden, wenn man, in Ermangelung von Alternativen, nicht davon lassen mag. Und mit Alternativen sind nicht andere Chancen gemeint, sondern die Tatsache, dass man mit jeder neu ergriffenen Chance, schon weiß wo es enden wird, denn eigentlich geht es nicht um etwas das im Außen liegt - sondern ganz tief im Innen.

Wenn ich nicht weiß oder mir nicht ein-/zugestehen mag, was ich wirklich will und brauche - wie soll ich es dann finden?


Lieben Gruß
Deine Mischa ;-)

(Wie immer gilt: Falls es stört, einfach melden und es terminiert sich unverzüglich selbst.)

....


Geschrieben von Kildare am 01-12-2009 um 19:33:

Nein, es stört nicht, es gibt zu denken. Ist es das, was ich immer wieder suche? Jemanden, den ich nicht haben kann? Und wenn ja, warum?

Und wenn nein?

Was will ich wirklich? Eine durchaus schwierige Frage. Will ich dieses Studium? Will ich diesen Job - später? Will ich wirklich mein Leben mit einem Menschen teilen?
Will ich das oder denke ich, das ich es wollen muss?

Wie viel ist wirklich? Wie viel ist kreiert? Wie viel ist geprägt?

Rede ich mir etwas schön? Oder rede ich es mir schlecht, damit ich nur ja keine Konsequenzen ziehen muss? Oder gar Wünsche entwickle?
Werd' nicht zu anhänglich, sonst tut es weh. Keine Erwartungen, keine Enttäuschungen. So wirklich hat das noch nie funktioniert. Ich schmeiße den Baum schon auf den Komposthaufen, bevor er die Chance hatte, Früchte zu tragen. Sie könnten ja wurmstichig sein. Vertrauen? Ja, sicher, in Grenzen. In engen, engen Grenzen. Reservat. Bis hierhin, aber nicht weiter.
Hier, wo es privat bleibt und doch öffentlich, darf ich es zugeben, ohne die Verletzung zu fürchten. Hier darf ich hoffnungslos romantisch sein. Verliebt, als wäre ich 13. Aufopfernd. Liebe-voll.
Dort? Vielleicht auch, eines Tages, wenn ich es mir erlaube. Erlauben kann. Wenn nicht ein Teil meines Hirns daneben steht und "Lächerlich." zischt. Stückweise.

Hunger. Diese zerfressende Sehnsucht nach einem Menschen. Und die Unfähigkeit, diese zu artikulieren. Weil "man" das nicht macht. Weil "man" so nicht fühlt. Weil...die berühmte Angst vor der eigenen Courage?

Ich weiß es nicht. Testphase. Generalprobe. Anders als geplant.
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Schalentier, Einsiedlerkrebs, Auster.

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Geschrieben von Kildare am 03-12-2009 um 21:24:

"Die Werte sehen gut aus."

Gemeint sind Blutwerte. Meine Blutwerte um genau zu sein. Und sie sagen aus, dass mein Körper mit den ihm verabreichten Medikamenten gut zurecht kommt.

Für einen Moment, im Fahrstuhl, bin ich dankbar. Neben all der Unzufriedenheit über jene Dinge, die nicht oder nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe, funktionieren, habe ich durchaus Grund dafür. Keine Schmerzen. Keine Symptome. Ich vertrage etwas, was bei anderen Leuten in derselben Dosis zu dauerhafter Mittelohentzündung und ähnlichem geführt hat, ohne Komplikationen.

Zufrieden? Nein. Aber für einen Wimpernschlag wieder einmal bewusst, dass durchaus einiges "positiv" läuft. Nun könnte man natürlich anführen, positiv wäre, gar nicht erst krank zu sein. Stimmt. Man könnte das "Glück im Unglück" nennen. Es bleibt trotzdem Glück. In kleinen Dosen.

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Geschrieben von Kildare am 16-12-2009 um 23:24:

~Du bist schließlich kein Mädchen mehr.~

Ein Satz, der mir ein bisschen zu schaffen macht. All das "hätte sein sollen". Die Voraussetzungen waren da. Die Umsetzung erfolgte selten.

Ist das schlimm?

Jein. Einerseits wäre ich gern "perfekt", so jemand mit ganz gradem Lebenslauf, der nicht irgendeinen aberwitzigen Nebenjob zum Ende des Studiums annimmt, um eben dieses zu finanzieren.
Andererseits - ich hatte das alles mal. Den Goldlack. Die hübsche Fassade. Und ich habe mich bewusst dagegen entschieden. Weil es mich nicht glücklich gemacht hätte.

Aber...manchmal wäre ich gern "fertig", gesetzt, mit einem festen Platz im Leben und einer kleinen, geordneten Welt.
Manchmal...
Und dann bin ich doch wieder froh, dass es nicht so gekommen ist. Die Erfahrungen, ja, auch die Erfahrung, wie bitter Scheitern sein und wie viel Kraft einen der nächste Versuch kosten kann, würde ich nicht missen wollen. Den blauen Himmel bei Sonnenaufgang, den ich mir gegönnt habe und die Nächte auf den Dächern.

"Du bist weich geworden." sagte einer meiner engeren Freunde. Und er hat recht. Verglichen mit dem Mädchen, dass ich einmal war, bin ich sehr nachgiebig. Auch, weil ich jetzt eben nicht mehr so "perfekt" bin. Wer im Glashaus sitzt...Mich selbst stört diese Entwicklung nicht. Manchmal vermisse ich die jugendliche Arroganz, in die ich mich damals noch einhüllen konnte und die etwas beeindruckender war, als die Geduld, der sie gewichen ist.

Glücklich und zufrieden? Nein. Aber auch nicht unglücklich. Sondern ehr fließend. Stetig. Mit der Hoffnung auf Meer.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 24-03-2010 um 13:31:

Ende eines Aktes - Vorhang

Ich hatte es mir dramatischer vorgestellt, Welt bewegender, mit Fanfaren oder wenigstens mit Streichern im Hintergrund. Das Ende meines sich über Jahre, fast ein Jahrzehnt schleppenden Studiums.
Wenn ich 80 Euro ausgeben würde, könnte ich mich jetzt Diplomjuristin schimpfen. Auf etwas dickerem Papier steht die Note. Ende der Durchsage. Irgendwann muss ich das Papier von der Uni und das Papier vom Amt noch mal vereinigen lassen.
Aber das hat jetzt Zeit. Mein Name steht auf der Warteliste für das Referendariat. Sozusagen Akt zwei oder drei, je nach dem ob man das Abitur mitzählt, auf dem Weg zum "Volljuristen".

Das war's also? Das kommt nach Blut, Schweiß und Tränen heraus? Unspektakulär. Zur Überbrückung der Wartezeit muss ein anderer Nebenjob her, irgendwas muss ich in der Zeit machen.
Warum es keine Pläne für "danach" gibt? Weil ich nicht sicher war, ob jetzt schon "danach" sein würde. Auch so eine Entwicklung der Zeit. Ich habe gelernt, das Pläne manchmal nicht aufgehen. Manchmal schon. So wie meine Wahnsinnsidee des letzten Jahres, dass es JETZT vorbei gehen würde. Das ich im März 2010 mein Examen in der Tasche haben würde. Nicht wenige haben mich für verrückt erklärt. Von Zeit zu Zeit habe ich selbst an meinem Verstand gezweifelt. Aber es hat funktioniert. Nur eben sehr unspektakulär. Und genauso wird es weiter gehen. Stückchen für Stückchen, Sturheit für Torheit, Versuch für Scheitern - bis zum Etappenerfolg.
Nicht gerade das, was man sich unter einem berauschenden Finale vorgestellt hat.

"Is that all there is, is that all there is
If that's all there is my friends, then let's keep dancing

I know what you must be saying to yourselves,
if that's the way she feels about it why doesn't she just end it all?
Oh, no, not me. I'm in no hurry for that final disappointment,
for I know just as well as I'm standing here talking to you,
when that final moment comes and I'm breathing my lst breath, I'll be saying to myself

Is that all there is, is that all there is
If that's all there is my friends, then let's keep dancing
Let's break out the booze and have a ball
If that's all there is"

~ Peggy Lee, Is that all there is


Nächster Vorhang. Scheinwerfer an. Ich kann den Schlussakkord noch nicht hören.

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Geschrieben von Kildare am 04-04-2010 um 01:50:

"Wenn ich nicht tanzen kann, dann ist es nicht meine Revolution."
~ Anna Goldmann

Hätte man mir im Oktober gesagt, dass "wir" die Halbjahresgrenze überschreiten würden, ich hätte gelacht. Jetzt stehe ich jedes Mal ungläubig in der Tür, wenn Du ankommst, horche verwundert während Deiner Anrufe und begreife nicht ganz, dass "wir" wirklich immer noch existieren. Als zwei selige Singulare nach Mascha Kaléko.

Von außen tritt unserem Arrangement viel Verwunderung entgegen. Man ermahnt mich, mir doch endlich "etwas Vernünftiges" zu suchen. Ich werde ja auch nicht jünger. Ich soll zahm werden. Mein innerer Tiger soll sich ein Strasshalsband umlegen lassen, hübsch aber schmal. So funktioniert das nicht. Großkatzen bindet man mit schweren Ketten oder gar nicht. Lederhalsbändchen haben so ein Tier noch nie halten können.

So richtig ernst nimmt Dich kaum jemand. Du bist eine temporäre Erscheinung, eine meiner wunderlichen Launen, von denen ich ja immer überreichlich hatte. In gewisser Weise kann ich das nicht abstreiten. Es gibt keine Zukunft. Wir leben von Woche zu Woche so lange es denn passt. Aber mir will nicht in den Schädel, was daran so schlimm sein soll. Gut, wir werden niemals gemeinsam einen Gummibaum für's Wohnzimmer kaufen gehen. Wir werden keinen gemeinsamen Nachwuchs produzieren. Das ist von vorn herein ausgeschlossen. Klipp und klar. Und nun mal mit Ernst. Sollte er, der eine, der einzige, der Prinz auf dem milchweißen Zelter tatsächlich die Bühne des Geschehens betreten - was sollte mich bitte davon abhalten, mich hinten auf eben jenen, besagten Zelter zu schwingen?
Natürlich wird mich halten, dass ich an Dir hänge. Aber es sind schon Frauen aus festeren Beziehungen ausgebrochen, wenn "der Richtige" (Trademark) vor der Tür stand. Vielleicht werde ich irgendwann hoffen, Du seist "der Richtige", auch wenn Du das einfach nicht bist. Und was wäre an diesem Irrglauben dann so viel fataler als all die anderen Male in denen der Prinz sich in eine Kröte verwandelt hat, die es zu schlucken galt?
Und was stört mich jetzt so sehr, dass ich es in die Tastatur hämmere?
Ganz einfach diese Standardeinstellung, dass ich mir im Alter von 27 Jahren gefälligst einen Liebhaber zu suchen habe, der sich zur Familiengründung eignet.
Natürlich nervt es mich, Dich nie spontan sehen zu können, Dich nicht zu Hause vorzufinden, wenn ich Heim komme und Dich immer teilen zu müssen. Andererseits ist das auch verdammt bequem. Ich habe mit Deiner Steuererklärung nichts zu schaffen, Deine Krankenversicherung berührt mich nur peripher und wenn wir uns sehen ist immer innerer Sonntag.
Nein, es ist nicht ideal. Aber noch macht es mich glücklich. Und damit hat sich das, lieber Großtantenverein.

Mit Dir mag ich tanzen. Mit Dir ist es meine Revolution.

"Voulez-vous qu'on vous fasse des révolutions à l'eau rose?" ~ Chamfort

Revolutionen werden nicht aus Rosenwasser gemacht. Was zwischen uns ist, taugt genauso wenig für die Ewigkeit, wie der Ausnahmezustand von Revolutionstagen für ein ganzes Leben. Muss es auch nicht. Was zählt ist die Veränderung dabei. Jetzt.

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Geschrieben von Kildare am 26-06-2010 um 02:48:

Ich habe es satt, allein aufzustehen
als erster zu sehn,
dass ich noch lebe...

und wenn Du dann gehst,
hab' ich keine Angst,
weil ich doch weiß,
dass Du wirklich bist...

Wer braucht schon Schlaf,
wenn Du bei mir bist?
Ich scheiß auf den Ruhm,
hab' ich nie vermisst,
mit Dir bin ich echt....

~ Rosenstolz, ich will mich verlieben


Juni, bald Juli. Asphaltsommer. Nicht mehr lange und der Tag kommt wieder, an dem wir uns zum ersten Mal gesehen haben. Wahrscheinlich werden wir ihn beide an genau demselben Ort verbringen. Liebschaften gehen vorbei. Die Geburtstage von Freunden lassen sich nicht so leicht wegwischen.
Ich weiß noch nicht, ob ich mich wirklich nochmal auf diesen Balkon stellen möchte, mit klammen Händen, zittrigen Fingern und einer Zigarette oder zweien oder dreien, um die Nerven zu beruhigen und irgendetwas zu halten, damit ich mich nicht nach Dir ausstrecke.
Es wird für mich kein schöner Abend werden, das weiß ich jetzt schon. Dünnes Lächeln und trockener Hals. Immer noch? Oh ja.

Jeder Mensch, für den ich so viel empfunden habe, hat sein Gepräge in mir hinterlassen und es wird mir weh tun, Dir als Fremde gegenüber zu stehen und zu heucheln, dass das für mich auch ganz in Ordnung ist.
Habe ich Dich geliebt? Oder nur die Möglichkeit "Du". Den Menschen M habe ich gar nicht gut genug gekannt, um ihn zu lieben. Liebe, sowieso ein viel zu großes, viel zu oft missbrauchtes Wort.
Du hast mich ruhiger werden lassen und ich mochte diese innere Stetigkeit. Ich konnte mir vorstellen, mein Bücherregal in Deine Wohnung zu stellen. Obwohl Du in einem Viertel wohnst, in dem ich nicht begraben sein möchte. Obwohl ich meine Nachbarn hier gern habe und vor allem gut mit ihnen auskomme.
Obwohl...
Du warst gelassen und das hat mir imponiert. Aber. Es gibt immer ein aber. Es zeichnete sich ab, die Stille, die sich manchmal zwischen uns schlich, Deine misslaunige Kleinlichkeit, die Du zeitweise an Dir hattest, meist dann, wenn mir danach war, großzügig zu sein - das passte nicht.

Ich bin keine Perfektionistin. Mir reichte das enge Gefühl in der Brust, als müssten mir die Rippen vor Zärtlichkeit bersten, wenn ich Deine schmalen Füße auf dem Dielenfußboden sah. Ich war glücklich. Und Glück, das Empfinden von Glück, ist in meinem Leben ehr dünn gesät, teils auf Grund meiner Dumpfheit, teils aus der Angst heraus, wie tief es mich hinabreißen kann, wenn ich von meiner Seligkeit wieder ablassen muss. Dir habe ich vertraut. Ich hatte geglaubt, mir an Dir nicht die Flügel zu verbrennen. Du schienst so ruhig wie ein breiter, langsamer Fluss, ein beständiger Mensch, jemand, in dem nicht genug Bosheit und Gedankenlosigkeit war, um zu verletzen.
Es hat dann trotzdem weh getan.

Und heute? Was heute? Ich habe jemanden gefunden, mit dem ich tanzen kann. Einen Sommer, vielleicht zwei, vielleicht drei. Jemanden, der mich glücklich macht und manchmal so gar versteht. Aber - es gibt immer ein aber - auch jemanden, mit dem ich keine Zukunft habe.
Bedeutest Du mir noch etwas? Ja. Sicher. Es steht ja hier.
Ich vermisse Deine Silhouette in der Morgendämmerung, Dein schiefes Lächeln, Deinen leicht ungläubigen Blick "Du bist ja immer noch da.". Und ich habe Angst, eine unterschwellige böse Ahnung, dass wenn ich Dich wiedersehe, ich vielleicht enttäuscht sein könnte. Oder nicht.

Wann hört das auf? Wann wirst Du nicht mehr interessant sein? Ich weiß es nicht. Der Tag wir kommen. Früher, später, bald.

"Sag wie weit ist vorbei?" ~ Rosenstolz

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Geschrieben von Kildare am 14-08-2010 um 22:29:

"Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können." - George Eliot

Ach George, und was hätte ich sein können? Hübsch - wenn nur ein paar Kilo leichter? Erfolgreich - wenn nur ein wenig klüger und disziplinierter? Reich - wenn nur ein bisschen skrupelloser? Glücklich - wenn nur ein Jota unbeschwerter?
Hätte sein können...und viel wichtiger die Frage, was soll es denn werden. Ein paar Kilo leichter? Einiges unbeschwerter? Viel strenger zu sich selbst?

"Wir stellen alles in Frage, bis wir uns selbst verneinen." - M. Schweler

Ich hatte einmal gehofft, mich nach meinem Examen lieber zu mögen. Dann - so nahm ich an - hätte ich ja endlich etwas geleistet. Trugschluss. Ich sehe nicht das, was geschafft ist, sondern das, was ich noch nicht habe. Das andere Examen. Den Nebenjob. Die Sonderqualifikation.
Bester Feind.
Um mich herum feiern sie, beglückwünschen mich und ich fühle mich so gar nicht als Gewinnerin. Neuer Abschnitt, viel schneller als erwartet und doch unzufrieden.
Da hilft nur ein kleines Glas Whiskey und alberne Musik. Und zumindest die theoretische Erkenntnis ebenso albern zu sein wie moderne deutsche Chansontexte.

Irgendwas fehlt immer

Sie. Die andere. Der perfekte Zwilling.

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Geschrieben von Kildare am 15-12-2010 um 17:49:

Spot auf den Staatsanwalt

Über meinen beruflichen Werdegang stand hier immer wenig. Beruf und Privates - das wird streng getrennt.
Beruflich bin ich Frau M., zuverlässig, pedantisch, pünktlich und so ein bisschen langweilig. Nicht überragend, nicht auffällig unintelligent. Nur an guten Tagen kommunikativ und dann auch für eine Überraschung gut.
"Normalerweise weiß ich immer, wohin die Reise geht. Sie haben sich allerdings ganz anders entwickelt."
Ja, immer wieder, Kehrtwenden sind in meiner Dressur stets ein Element gewesen.

Und nun also Strafrecht in der Praxis, ich wusste vorher, dass ich es nicht mögen würde. Es nagt mir an den Nieren, schon jetzt, wo ich noch keine zwei Tage dabei bin. Kleinkriminalität, aber von den pfiffigen, bauernschlauen kleinen Fischen, die uns das Fernsehen gern präsentiert, haben diese Menschen, die Angeklagten, wenig. Und Diebstahl wird sehr selten von gewieften Gentlemangangstern mit Ocean's Eleven Crew begangen. Die Masse der Fälle ist genau das - Masse. Ähnliche Geschichten, ähnlich verfahren.

Kein Beruf, keine Ausbildung, kein Abschluss, kaum Geld, Drogenkarrieren.
Da steht das Mitleid auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite steht die Sühne. Nur weil es jemandem nicht gut geht, ist das keine Rechtfertigung einen anderen zu bestehlen oder ihn zu beschimpfen und zu schlagen.
Kleinkriminalität. Es geht um ein paar Flaschen Rum, eine Ohrfeige, ein Schimpfwort.
Und doch - auch ich möchte mich weder beschimpfen, noch bestehlen und erst recht nicht schlagen lassen. Auch ich verlange, dass der Staat mich davor schützt. Auch ich möchte, dass jemandem, der so etwas mit mir macht, deutlich, sehr deutlich aufgezeigt wird, dass dies nicht ungestraft bleibt.

Strafe. Schuld und Sühne. Wir räumen wie so oft hinter der Entwicklung her, kehren die Scherben auf - und wissen doch, wie verschwindend wenig das nützt.
Die meisten werden ihre Strafregister weiter füllen, oft mit denselben Vergehen, eines nach dem anderen, dazwischen die abgebrochenen Therapien, die Haftstrafen, die Rückfälle. Die meisten - und jene, die es schaffen, ihr Leben doch noch zu ändern, werden das wohl kaum uns und unseren Paragraphen verdanken.

Kein guter Tag. Ich habe immer gewusst, dass Jura eine Art Schadensbegrenzung ist, kein Heilmittel. Ich habe keine hoch trabenden Illusionen von der hehren Justizia. Und doch...

...manchmal hätte ich gern eine Welt voller Erin Brockovichs, ein Hollywoodmärchen in dem die Guten die Guten sind und die Bösen zu viel Pomade in den Haaren haben.

Und nur um eines bin ich wirklich froh. Es geht - selbst im Strafrecht - nicht um Gerechtigkeit.

"Merke Dir, mein Sohn - auf Erden herrscht der Glaube, im Himmel die Liebe und in der Hölle die Gerechtigkeit" - Papst Alexander III

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 06-12-2011 um 21:49:

Die letzte Zeichnung - Wochen her.
Das letzte Gedicht - Monate.
Der letzte Eintrag hier - fast ein Jahr.

Und was ist in dieser Zeit geschehen? Nicht viel. Es ist ein Ausdruck einer sehr umfassenden Müdigkeit selbst die Trennung meines Freundes von seiner Frau und seinen Auszug aus der gemeinsamen Wohnung als "nicht viel" zu bezeichnen.
Und das ich müde bin, steht außer Zweifel. In vier Monaten schreibe ich die zweite - Staatsprüfung. Ob ich sie bestehen werde? Ich weiß es nicht. Ob ich genug gelernt habe? Bestimmt nicht. Wann denn auch? Stationsausbildung, Freunde, Familie, AG. Nein, ich bin noch nicht bei der 12/7 Woche angekommen. Andere schaffen das. Ich nicht. Wobei 12 Stunden lernen eine Illusion ist. Eine, der ich mich manchmal hingeben möchte, einfach um das Gefühl los zu werden, mich nicht genug zu kümmern, mich nicht genug anzustrengen, nicht genug zu leisten - und damit im Endeffekt auch nicht genug zu sein.
Ich fühle mich wie ein Hohlkörper, leer und erschöpft. Wie der Esel auf dem Bergpfad - nur noch ein paar Meter, Graufell, nur noch ein paar Meter.

Und was kommt dann? Keine Ahnung. Ich habe keine Vorstellung von meiner Zukunft. Ich bete zu den Göttern des Stellenmarktes und hoffe, dass ich am ende irgendwo unterkomme. Büro am Ende des Ganges. Ficus Benjamini am Fenster.

Soll das alles sein? Irgendwo unterkommen? Irgendwas machen? Waren meine Träume nicht mal größer? Ich habe nicht einmal mehr die Energie zu träumen. Ich hake ab. Anträge für den Auslandsaufenthalt? Check. Anträge für den Aktenvortragslehrgang? Check. Antrag auf Urlaub im Februar zum Lernen Check. Lebensfreude? Ähm...Houston wir haben ein Problem.

Schwellenangst, sagt mein Kumpel. Das ginge vorbei. Und was dann? Wohin dann? Was, wenn mich auch dieses zweite Examen immer noch nicht glücklich macht?

Ich warte immer noch auf die Erkenntnis, was ich mal mit mir anfangen möchte. Auf Warteposition, unentschlossen, abgenutzt und doch ungebraucht.

Und vor allem - so taub. Meine Verzweiflung und Angst sind nur ein dumpfes, schales Gefühl in der Brust, mein Ärger über die Situation, das System meine Unbildung und so gar mich selbst ist vergleichbar mit dem, den ich früher über schalen Kaffee entwickeln konnte und was ich liebte, mag ich jetzt nur noch. Examen, wir sehen alle nicht glücklich aus, nicht einmal die, die den Stoff beherrschen, wie Mozart seinen Flügel.

es wird Zeit, dass diese Abschnitt vorüber geht, dass dieser Vorhang sich senkt und dann - endlich - ein neuer sich hebt.
Der dritte.

Ich möchte dir zeigen,
daß der Horizont durchaus aufgehen kann
wie ein riesiger Vorhang

Und es möglich ist
sich über den Rand der Welt zu beugen
Wo das Leuchten einer Sonnenblume
die Blüten des Tages erhellt

(Gioconda Belli)

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 01-01-2012 um 18:56:

Grüße aus Absurdistan - oder das Geheimnis der verborgenen Frucht.

Und es begab sich in einem Beförderungsmittel des öffentlichen Personennahverkehrs, welches entgegen aller Befürchtungen an diesem ersten Tag des Jahres planmäßig fuhr, dass ein sorgender Vater seinem Kinde ein Stück Banane hinhielt und fragte: "Willst Du das noch aufessen oder soll ich es tun?"
Unzweifelhaft musste einer der beiden oder ein geisterhafter Dritter der Frucht schon zu Leibe gerückt sein, zwei Drittel waren verschwunden.
Und daraufhin erscholl ein quäkender Laut und der Minityrann antwortete: "Aber Du hast noch Nektarine!" Woher er diese Gewissheit nahm, entzog sich meiner Beobachtung, unmöglich war es nicht, die Kinderkarre war geräumig und bot genügend Platz, um Obst bis zur Größe einer kleinen Melone für den Außenstehenden unauffindbar zu verstauen.
Der Vater blieb eisern und wiederholte die Frage. "Willst Du das noch aufessen?" Sein Spross antworte mit lauter, vernehmlicher und quengelnder Stimme. "Aber Du hast noch Nektarine." Wobei zwischen Aber und Du Laute gepresst wurden, die ich von einem ersterbenden Dudelsack erwartet hätte.
Die Tatsache, dass ich an dieser Stelle versucht war, zu zischen "Die Frage nach einer Nektarine verlässt das Sachfeld Banane und leistet keinen dienlichen Beitrag bezüglich der Klärung des Voluntativaspekts bezüglich des Bananenrestes." oder kürzer "Die Antwort ist sachfremd." zeigte mir wieder einmal deutlich, dass Kinder und ich nicht für einander gemacht sind.
Man darf mir auch entgegen halten, dass das ausdrückliche Verlangen nach Nektarine konkludent die Ablehnung von Banane beinhaltet.
Obwohl das Kind dann, bei der dritten Wiederholung der oben beschriebenen Szene, im venire-contra-factum-proprium nach lautstarkem Verlangen nach Nektarine doch den Bananenrest aß.

Was lernen wir daraus? Nichts. Oder aber, aus einer Banane wird keine Nektarine, egal, wie sehr man sich das wünscht. Oder, mit genug Geduld kann man auch dem gierigsten Nektarinenliebhaber eine Banane verfüttern. Oder...manche Leute sollten an Silvester mehr schlafen und weniger Bus fahren, dann schreiben sie auch nicht über Kinder, die sie nichts angehen und die nichts weiter wollten, als Obst, was an und für sich schon lobenswert ist und eine Eigenschaft, die sich die Verfasserin schon in Anbetracht des begrenzten Bürostuhlplatzes zu eigen machen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 25-03-2012 um 13:23:

„Eine Reise gleicht einem Spiel. Es ist immer etwas Gewinn und Verlust dabei - meist von der unerwarteten Seite.“
Johann Wolfgang von Goethe

Vier Tage vor Abflug. Wie lange braucht man, um alles für drei Monate einzupacken? Was braucht man für drei Monate? Ich war noch nie so lange außer Landes. Ich war noch nie so lange weg von meiner Wohnung, meinen Freunden - meinem Arzt

Habe ich Angst? Natürlich. Aber wie sagt es ein chinesisches Sprichwort:
Wer sich nie in die Höhle eines Tigers wagt, der wird kein Tigerjunges fangen.
Natürlich will ich kein bedrohtes Tier in meine Berliner Ein-Zimmer-Butze verschleppen. So ein Unmensch bin ich nicht. Der Sinn ist jedoch klar, wer zu feige ist, vor die Tür zu gehen, der wird auch nichts erleben.
Wie immer habe ich zur Radikallösung geneigt, als die Frage anstand, wohin ich gehe. Einmal um den halben Globus beworben. Angenommen in Haifa, Israel bis Ende Juni. Das ist nicht aus der Welt, das sind nur vier Stunden Flug, das ist ein Land mit westlichem Lebensstandard, anders als für die Kollegin, die in Nepal gewesen ist, wird fließendes Wasser kein Luxus sein, den ich bei der Wohnungssuche extra angeben musste.
meine Vermieterin ist geradezu gruselig herzlich. "Ich hole Dich vom Bahnhof ab.", mein Chef scheint auch sehr nett zu sein - kein Grund, sich zu fürchten.
Und trotzdem habe ich Angst. Was, wenn ich was wichtiges zu packen vergesse? Was, wenn in Deutschland ein Rohr bricht und mir die Wohnung unter Wasser setzt? Was, wenn...?

Es ist geradezu lächerlich. Ich bin doch sonst nicht so zimperlich.

Nun gut, ich werde also heute Abend beginnen, zu packen, mein Schlottern mit Ratio bekämpfen und schlicht nach Liste abarbeiten, was ich brauche. Waschmaschine ist vorhanden, somit muss ich nicht für drei Monate Unterwäsche mitnehmen. Ist doch auch was.

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Geschrieben von Kildare am 04-05-2012 um 21:02:

Untiefen

Es ist schon seltsam, wie viel Zeit mir für mich bleibt in diesem fremden Land. Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Angst haben, Zeit zum Grübeln, viel Zeit zum Weinen, Zeit zum Sonnenbrand bekommen.
(Zeit zum Karten-Schreiben kommt noch. )

Ich mag das Büro. Ich mag die beiden Anwälte, mit denen ich am meisten arbeite. Ich liebe die Konsulatsdame. Die darf mich auch Spartzerl nennen. Sie könnte meine Mutter sein.

Wenn da nur nicht diese Mittagspausengespräche wären. "Frauen sind komisch." - Männer auch, Cheffe.

Ich muss darüber nachdenken. Mal wieder. Was macht eine Beziehung aus? Was bedeutet Liebe? Was bedeutet Hunger? Was bedeutet Treue?
Wie immer, wenn man mich mit dem Konzept absoluter, körperlicher Treue konfrontiert, bin ich irritiert. Das ist so wichtig? Das mein Freund mit keiner anderen Sex hat? Wenn ich ehrlich bin, war mir das noch nie so wichtig, so lange er mich geliebt hat. Wenn ich so etwas öffentlich sage, hält man mich gern für amoralisch. Man weiß ja (ich verweise auf die vorige Erklärung des Wortes "man"), dass diese offene Beziehungen führenden Leute eigentlich total bindungsunwillig sind und nur blind durch die Gegend vögeln. Ja, klar. Sicher. Darum geht's.
Habe ich überhaupt eine offene Beziehung? Jein. Wir haben uns darauf geeinigt, darüber zu reden, wenn es mal ansteht. Und man überlegt sich schon fünfzehn Mal, ob man seinem Partner erklären möchte "Der ist sooo süß, darf ich?" mit allen Risiken, die das so mit sich bringt. So süß habe ich letztlich noch keinen gefunden, so unwiderstehlich.
Warum wir dann nicht kategorisch ausschließen, dass es jemals passieren könnte? Weil die Statistik schlicht etwas ganz anderes sagt. Und weil es uns beiden nicht so wichtig ist. Ist das ein Widerspruch zu den zuvor angeführten Risiken, die ich sehe? Ich denke nicht. Auch getrennte Wohnungen sind ein Risiko für eine Beziehung. Zusammenziehen auch. Man wägt halt ab und tut dann, was man für richtig hält.

Ich möchte hier ja gar keine Werbung für mein Lebensmodell machen. Eine Beziehung ist so ziemlich das privateste, was man zwischen zwei Personen regeln kann und da sollte jeder selbst wissen, was er will und braucht und kann. Aber dieser kategorische Anspruch, dass etwas nicht in Ordnung sein kann, wenn man keine 100% körperliche Treue fordert, der stört mich dann doch.

Noch schlimmer ist aber, dass in solchen Diskussionen immer wieder Handlungsweisen als typisch für Frauen beschrieben werden, die sich nur ein bestimmter Typus erlaubt. Überzuqualifizieren als begehrt und hübsch. (Nein, nicht alle, nur ein paar, die anscheinend mit 90% der männlichen Weltbevölkerung ausgegangen sind.)
Und das erinnert mich immer wieder daran, dass ich zu diesem Typus nie gehört habe. Und ja, das tut weh. Beides ärgert mich. Eigentlich sollte es mir egal sein, ich habe alles, was ich brauche und ich sollte bei weitem über dieser Werteskala stehen, die eine Frau danach bemisst, wie viele Männer sie zu wie vielen Dummheiten verleiten kann. Sollte...

Ich war da nicht die einzige, die es gewurmt hat.

Rat für Mädchen

Euer Wort - es sei nicht Ja noch Nein,
Auch nicht Ent oder Weder.
Und blickt nur hold und hilflos drein,
Dann hilft gewöhnlich jeder.
Vom Hauskram haltet euch entfernt:
Lasst andre nähen und stricken.
Wer es nun einmal nicht gelernt,
Der braucht auch nicht zu flicken.
Wer dies beherzt, bleibt Die ewige Marquise ...
Wer unbelehrbar ist, der schreibt Ratschläge nur, wie diese.

Mascha Kaléko


Ich war nie die Prinzessin, schon in der Grundschule nicht. Ich war immer die patentantliche Fee, der Drache, später dann auf der Bühne immer die Mutter oder Gouvernante, niemals das Mädchen, nicht einmal damals, als ich noch ein Mädchen war.
Männer eilen gewöhnlich nicht zu meiner Rettung, ich bin eben nicht besonders zerbrechlich und ich gestehe, zum mich einladen lassen, war ich immer zu blöd. Wenn mir jemand gefällt sage ich es entweder zu bald oder nie, aber bitten lasse ich mich nicht. Wenn mir jemand nicht gefällt, mache ich das zumindest deutlich.
Ich mache meinen Kram meist selbst. Jedes Mal, wenn man(n) mir hilft, fühle ich mich verpflichtet, mich erkenntlich zu zeigen. Meist in Form des berühmten Schokobrotes. Ich erwate nicht, dass irgendwer für mich aus reiner Anbetung tätig wird.

Und manchmal, in den verräterischen Momenten zwischen den langen Zeiträumen, in denen ich mich ganz in Ordnung finde, habe ich das Gefühl, unsichtbar zu sein. Praktisch. Hilfreich. Ein Alltagsgegenstand. Ein Allerweltsmensch. Nicht genug. Vor allem - verdammt sei die Eitelkeit - nicht schön genug.

"Vanity. My favorite sin." - The Devil's Advocate

Darum geht's doch. Ich möchte auch mal die Blicke auf mich ziehen, auch mal lächeln und jemanden stottern lassen. Aber ich kann's nicht. Schlicht unfähig auf dem gesamten Gebiet. Und nun erinnert man mich daran.

Sei's drum. Das Gesicht meines Gesprächpartners, als er mich fragte, was Männer eigentlich für Vorteile aus einer Beziehung ziehen können, werde ich zumindest so schnell nicht vergessen.
"Unterstützung und Rückhalt."
Irgendwie schien er die Antwort nicht erwartet zu haben. Da wurde mir wieder klar, dass die Dinge schon in Ordnung sind, wie sie sind. Auch wenn ich niemals Julia gespielt habe.

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Was leuchten will, muss sich verbrennen lassen. ~ V. Frankl


Geschrieben von Kildare am 19-05-2012 um 20:02:

"Got a sister named desire." ~ Tori Amos

Verlangen. Sehnsucht. Sucht. Je länger ich auf die Küstenlinie starre, desto mehr zieht es mich hinaus. Auf See. Auf den Weg. Nur weg. Vor was laufe ich eigentlich davon?
Je länger ich den Himmel in die Wellen tauchen sehe, desto mehr möchte ich auch meine Grenzen aufweichen, überschreiten, sehen, was ich noch alles kann, wann ich zusammenbrechen würde, wann ich die Endmarke erreichen würde, den letzen Punkt Horizont.

"Once You label me, You negate me." ~ Soren Kierkegaard

Und ich habe mir schon viel zu viele Stempel aufdrücken lassen, die ich wie ein falscher Reisepass, wie das Ausweispapier eines Trickbetrügers alle irgendwie verdient trage, ohne einen einzigen wirklich auszufüllen.
Jurist, Freundin, Tochter, Geschichtsbegeisterte, Freak, Schwarze, Zynikerin.
Ich beginne, erforschen zu wollen, wann sich alle diese Bezeichnungen abschälen und nur noch das rohe ich übrig bleibt. Wenn es so etwas denn gibt Und wenn nicht?

Will nicht jeder gerne einzigartig sein? Ich möchte es bestimmt und natürlich nur in dem Sinne eines einzigartigen Erfolges, einer Überwindung all der Dinge, die mich an mir stören, einer Bezwingung meines inneren Schweinehundes, meiner Feigheit, meiner Faulheit, meiner Kleinlichkeit, meines Neides. Welch besseres Terrain gäbe es, so einen Wettkampf auszutragen, als ein Grenzgebiet, dass von einem rücksichtslos verlangt, sich selbst zu übersteigen?

Warum glaube ich, dass das mit einer äußeren Stimulanz klappen könnte, wenn es jetzt immer noch nicht gelingt? Oder möchte ich mich einfach so von externen Eindrücken überschwemmen, überspülen und ersäufen lassen, bis ich mich selbst nicht mehr kennen muss? Oder mich der ständige Abrieb so reduziert hat, dass nur noch eine klar definierte, verschlankte, auf das Wesentliche reduzierte Persönlichkeit übrig bleibt?
Ich?

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