Ceryni
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erstellt am 16-02-2009 um 10:33
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Das ist schon ein komplexes Thema. Da ich selber in diese Richtung gearbeitet habe, habe ich einige Illusionen verloren.
In meiner Zeit beim Jugendstrafgericht und später beim Erwachsenenstrafgericht und auch bei der "Gegenseite" - also den Rechtsanwälten - ist so manche Luftblase geplatzt, vorallem beim Jugendgericht.
Ich stimme Herbstliebe zu, man muß stark sein, um in einer kriminellen Umgebung aufzuwachsen. D.h. aber nicht, dass man selbst zum Kriminellen werden muß. In meiner Jugend wuchs ich in einem sozialem Brennpunkt auf u habe den Absprung geschafft, nicht selbst in die Kriminalität - sei es nun Drogen, Gewalt o.ä. - abzurutschen. Gut meine Ausbildung und der Wunsch nach einem "besserem" Leben waren starke Anreize, aber es gibt auch Leute, die es mit anderen Argumenten geschafft haben.
Die Zeit beim Jugendgericht haben mir damals schon die Augen über unser Strafrechtssystem geöffnet. Die Bestrafung - was für ein witzloses Wort in diesem Zusammenhang - fiel oft so mäßig oder gar nutzlos aus, dass es klar war, dass der Angeklagte in wenigen Wochen/Monaten wieder vor dem Richtertisch steht. Einmal sprach ich mit einem der Jugendrichter darüber und er war selbst schon ziemlich desillusioniert, er meinte, ihm seien die Hände gebunden, härtere Strafen wären erst nach stärkeren Vergehen oder gar bei Verbrechen statthaft, das habe ich sogar eingesehen, da das Landgericht viele der "härteren" Strafen für Jugendliche und Heranwachsende aufhob und minimale Strafen verhängte. Selbst und vorallem bei Wiederholungstätern. Einige der Amtsgerichtsrichter waren allerdings der Meinung, dass diese geringen Strafen, also Sozialstunden und ab und an - bei Heranwachsenden - eine Geldstrafe, welche meist umgewandelt wurde, weil kein Geld vorhanden - ausreichend seien und man an das Gute im Angeklagten glauben muß. Es war oft so frustrierend, wenn ich die Bewährungsakten bearbeitete oder neue Fälle hereinbekam *kopfschüttel*
Einer der Richter in unserem Bereich griff da härter durch, doch wie schon geschrieben, diese Urteile wurden oft vom LG abgemildert oder gar aufgehoben.
Auch waren einige Angeklagte oder Beschuldigte, dermaßen frech und anmaßend, dass es mehr als beleidigend war, für Richter, Staatsanwälte und uns Protokollführer. Trotzdem wurde nicht wirklich dagegen vorgegangen.
Ich erinnere mich an einen Wiederholungstäter - langes Vorstrafenregister, zum damaligen Zeitpunkt 17 Jahre -, der diesmal wegen Raub, schwere Körperverletzung - das Opfer lag im Koma, hatte viele Knochenbrüche etc - angeklagt war, sich auf seinem Platz rumlümmelte und nur breit in den Gerichtssaal grinste. Er bekam 1 Jahr auf Bewährung. Dieses Urteil wurde von seinem Verteidiger angefochten und sie gingen in die Berufung. Der Kerl kam mit Sozialstunden drumrum, die er nicht mal ausführte. Da die Bewährungsauflagen vom AG überwacht werden, hatte ich die Sache einige Wochen später wieder auf dem Tisch. Doch er machte keine einzige dieser Stunden. Und das ging einfach so durch. Zusätzlich stand er einige Wochen später wieder vor Gericht, leichte KV, Fahren ohne Ticket in der Straßenbahn und kleinere Delikte dieser Art.
Was ist das für ein System? Kein Wunder, dass es soviel Straftaten - schon in der Jugend - gibt und sich dies bis ins Erwachsenenalter zieht. Es wird nicht eingegriffen und wenn doch, dann gibt es ja immer noch Berufung oder in manchen Fällen Revision. Und meistens wird die Strafe dann herabgesetzt. Ehrlich, ich hatte in den ganzen Jahren nur einen Fall, wo das LG härter bestrafte als das AG.
Dabei ist das alles so ein Riesenaufwand an Schriftverkehr, an Vorbereitung an all den Kleinigkeiten, die nach außen so gering erscheinen.
Ist jemand geständig, so wird ihm dies nachgesehen, die Strafe geringer, egal ob das Geständnis erst nach Aussage der Zeugen gemacht wurde oder davor - was ansich ja schon ne Frechheit ist - oder in krassen Fällen wie Mißbrauch von Schutzbefohlenen von Erwachsenen im JUGENDstrafrecht geahndet werden, angeblich zum Schutz der meist kindlichen Opfern, und dann so gering ausfallen. Es ist einfach zum kotzen, sorry...
Kann man etwas ändern, wenn ja was? Schwierige Frage. Man MUSS was ändern, denn sonst wird sich nichts ändern. Härtere Strafen? Längere Arreste? Herabsetzung des straffälligen Alters von 14 auf 12? Ich sage ja. Zu allen drei Dingen. Ob es was ändert, glaube ich weniger - zumindest bei dem jetzigem System -, denn die Beschuldigten sehen ja, dass es keine wirklichen Strafen für ihre Straftaten oder Vergehen gibt. Bzw. dass die Strafen in der nächsten Distanz herabgesetzt werden. Das ist doch schon ein Fast-Freifahrschein für jegliche Delikte *find*
Auch Ersttäter können einen Arrest absitzen und sei es nur um diesen zu zeigen, dass es so eben nicht ok ist, wenn sie einen Mitschüler verprügeln, weil er ihnen ihr Essensgeld nicht gegeben hat und dafür nen Armbruch erlitt, Sozialstunden bringen da überhaupt nichts. Die werden mehr oder weniger auf einer Ar***backe abgesessen und dann gehts schön weiter.
Das soziale Umfeld des Täters wird natürlich berücksichtigt, ist in einigen Fällen auch gut so, doch wieso sollte es unbedingt schützen, nur weil eine schwierige eigene Kindheit da ist/war? Meine Kindheit war auch kein Zuckerschlecken, ich mußte mich durchkämpfen und trotzdem landete ich nicht auf der schiefen Bahn... Besonders stark bin/war ich nicht, sogar eher labil, wenn man meiner Mutter glauben darf , und trotzdem habe ich keine Schläge ausgeteilt oder jemandem sein Essensgeld weggenommen etc, dabei hatte ich oft kein Essen für die Schule oder mußte zu Fuß zu derselben, da kein Geld für den Bus vorhanden war. Meine Perspektive war nicht besonders gut, gerade weil ich an einem sozialen Abgrund aufwuchs und nein, ich bin nicht einmal verurteilt oder gar angeklagt worden. Dabei war ich kein liebes Mädchen.
Wievielen meiner ehemaligen Freunde/Bekannte habe ich eine Anklageschrift oder einen Strafbefehl in meiner Eigenschaft bei Gericht geschickt, kann ich nicht mehr sagen, doch dies war immer ein solcher Schlag, das ich mir schwörte, nie so zu enden.
Mal so gesagt, wenn man in der Kindheit geschlagen wird, so ist dies kein Grund selber zuzuschlagen. Egal ob Jugendlicher oder Erwachsener.
Ich glaube auch nicht, dass sich die Jug. das von der kapitalistischen Gesellschaft "abschauen" und so handeln. Viele haben doch gar keine Ahnung, in was für einer Gesellschaft sie leben. Ja, sie schauen sich so einiges von den Erwachsenen ab, aber nicht von den sogenannten Bonzen sondern von ihren eigenen Eltern, Verwandten oder ihren erwachsenen "Vorbildern", die ihnen mehr Elternersatz sind, als sonstwer. Dies kann durchaus auch positive Auswirkungen haben.
Lange Rede kurzer Sinn:
Aufklärung, Schutz und positives Einwirken ist da eher eine Chance für die Jugs. Bei uns gab es die Mobile Jugendarbeit. Nach ca. 5 oder 6 Jahren drehte die Stadt den Geldhahn zu und es wurde wieder abgeschafft. Die Sozialarbeiter hatten viel zu viele Jugs und Heranwachsende zu betreuen, doch ihre Arbeit war nicht wirklich umsonst. Diese Jahre waren prägend, nicht nur für mich, auch für andere und ja einige gingen unter, verpaßten den Drehpunkt zu einem anderem Leben, doch einige - darunter auch ich - schafften es. Gerade und weil wir als labiler und unsteter galten als die sogenannten "Starken", die im Alkohol- und Drogensumpf landeten.
Die Stadt sah das wohl weniger, auch wenn die Zahlen der Statistik die Kriminalität in unserem Viertel betreffend sank, was durchaus mitunter durch den Einfluß der Sozialarbeiter kam. Dabei hattenn die keinen leichten Stand, da wurde versucht, verführt und was weiß ich noch alles, doch sie gaben nicht auf. Desweiteren bewundere ich den Mut und die Einsatzfähigkeit der damaligen Sozis. Vergleiche mit den heutigen Sozis fallen da eher schlecht aus. Es ist keine Durchsetzungsfähigkeit da, kein wahres Engagement, kein positives Licht. Manchmal scheint es mir, als sehen die Sozis ihre Aufgabe als Strafe an *seufz* Wieso entscheiden sie sich dann für so einen Job?
Nein, nicht alles war gut damals, es gab während dieser Zeit auch zwei brutale Morde von Heranwachsenden aus dem betreuten Gebiet, ich will hier keinesfalls irgendwas beschönigen, doch anderen hat diese Betreuung eine Chance gegeben, derjenige, der sie ergriff "entkam" diesem Viertel nach einigen Jahren auch, andere leben immer noch dort und schafften trotzdem den Absprung.
Andererseits habe ich mir geschworen, wenn ich jemals eigenen Kinder haben sollte, dass diese nicht so leben sollen, nicht um Aufmerksamkeit buhlen und diese mit Gewalt "heranbringen" müssen, diese sollen nicht in so einem Viertel aufwachsen und die gleichen Kämpfe durchstehen. Ob ich das schaffe steht auf einem anderem Scheffel, doch hoffe ich es sehr. Allerdings hoffe ich, dass ich die Hilfe der Sozis als Mutter auch annehmen werde und nicht abwertend beurteile, wie meine eigene Mutter damals. Für sie war der soziale Abstieg damals auch ein Grund wieder hochzukommen, trotzdem dauerte der "Kampf" über 8 Jahre, bis wir dort "rauskamen".
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In Gedenken an einen guten Freund :
Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.
(Dr.Dr. Gustav Heinemann)
Wenn ich es dir erklären muss, kannst und wirst du es nie verstehen,
wenn du es jedoch verstehst, muss ich es dir nicht erklären
Wer will nochmal, wer hat noch nicht?
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