Demon17
Die Hölle ist das Paradies des Teufels
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erstellt am 25-04-2003 um 18:11
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Nachtmensch Teil I
Allein steh ich in der Menge umgeben von schwarz gekleideten Menschen. Einige schreiten rhythmisch vor und zurück auf der vertieften Fläche aus weißem Marmor. Andere tanzen auf der Stelle und nehmen zu den dunklen Klängen sich ständig verändernde Posen ein, die in einen seltsamen Zusammenhang mit der dämonischen Klangwelt stehen.
Der Wechsel zwischen Dunkelheit und grellen weißen, roten und blauen Lichtblitzen lässt mich eine Sonnenbrille tragen, durch die ich nur Gestalten sehe, schemenhafte Reflexionen menschlicher Wesen, deren mystischer Aspekt auf diese Weise in den Vordergrund tritt. Die Atmosphäre des Raumes versetzt mich in eine tranceartige, düstere Stimmung, die meinen Geist weitgehend ausschaltet und die Musik direkt auf das Unterbewusstsein wirken lässt. Mein linkes Sprunggelenk, in dem sich seit einem Arbeitsunfall vor sieben Jahren kein Knorpel mehr befindet, so dass die Knochen aneinander reiben, schmerzt.
Ich beobachte eine kleine Frau mit schwarz gefärbten Haaren und bleichem Gesicht, in dem die schwarz geschminkten Lippen, Augenbrauen und Fingernägel dämonische Akzente setzen. Ihr schlanker Körper ist mit zwei Ketten, einem Geflecht und einer kurzen, knappen, eng anliegenden Hose bekleidet sowie einem schmalen Tuch, das die kleinen Brüste verbirgt. Bis auf die Ketten ist alles schwarz, eigentlich überflüssig, es zu erwähnen. Die Komposition aus Körpersprache, fettem, strähnigen, mittellangen Haar und den vollen Lippen mit dem harten Ausdruck fasziniert mich.
Ihr durchtrainierter Leib bewegt sich huschend zu dem schnellen, monotonen Stakkato der ineinander verflochtenen elektronischen Rhythmen vor und zurück. Genau im Takt ein Schritt zu jedem Beat. Sie nimmt eine leicht gekrümmte Haltung ein. Ihre nackten X-Beine mit den runden Stiefeln sind dabei in den Kniekehlen leicht gebeugt. Ich bewundere ihre Kondition. Es sieht so leicht aus und wirkt nicht gehetzt. Durch ihre schnellen Bewegungen bringt sie die Dynamik des Rhythmus zum Ausdruck, ohne die Tragik der düster-magischen Klänge mit den verzerrten Stimmen und den sarkastisch makabren Texten zu vernachlässigen, denn ihr Oberkörper bleibt dabei weitgehend unbeweglich.
Das Stück wechselt. Kurzfristig vermengen sich die Songs zu einer Soundkollage, aus der sich die bekannten Konturen eines EBM-Hits herausschälen. Malerische Gestalten, strömen aus allen Richtungen auf die marmorweiße Fläche. Der Light-J bläst Unmengen milchigen Rauches in die tanzende Menge, bis die einzelnen nur noch schemenhaft in den kurzen Momenten, in denen Lichtblitze die Dunkelheit zerreißen, zu erkennen sind. Langsam lichtet sich der Nebel.
Still steht ihre kleine Gestalt inmitten zahlloser Menschen, deren Individualität unter dem intensiven Eindruck, den sie auf mich macht, verblasst. Blaue tanzende Dreiecke aus Licht zeichnen sich auf dem Marmor zu ihren Füssen ab und vereinen sich immer wieder kurzfristig zu einem Pentagramm, in dessen Mittelpunkt sie steht. Sie posiert. Mit dramatischer Geste hält sie die angewinkelten Arme hoch, die Handflächen nach außen, die Finger gespreizt, so dass das Gesicht mit den vollen harten Lippen und den weit geöffneten schwarzumrandeten Augen, die ausdruckslos ins Leere starren, auf eigenartige Weise betont wird. Seltsamerweise hat sie jetzt O-Beine. Diese scheinen mit dem Boden verwachsen zu sein; lediglich ihr leicht nach vorn gebeugter Oberkörper gleitet in langsamen und zuckenden Bewegungen hin und her, vor und zurück, während sie den Kopf in den Nacken legt und die Brust herausstreckt. Ihr ganzer Körper scheint unter Spannung zu stehen als ob ihn die Musik zerrisse, denn alle ihre Bewegungen vollziehen sich in vollkommenem Einklang zu den akustischen Abgründen, die mit tausenden von Watt durch die Stille des Raumes peitschen.
Ich erwache durch den Schmerz in meinem Sprunggelenk und ziehe mich auf die Bühne hinter mir an der Kopfseite des sporthallengroßen Raumes zurück. Darauf steht ein bizarres quaderförmiges Eisengestell. Es erinnert an eine Maschine aus der Frühzeit der Industrialisierung und ist etwa einen Meter achtzig hoch und ungefähr genau so breit. In dem etwa zwei Meter hohen rechteckigen Metallrahmen an der Frontseite ist ein X geschweißt. Die Kreise der Enden der Diagonalen sind in ihrer Mitte durch eine knochenartige kurze Stange durchbrochen, auf die jeweils eine Kugel aufgesetzt wurde. Man könnte ohne weiteres jemanden daran anketten, der dann mit gespreizten Beinen und Armen ausgestreckt in dem Rahmen stehen würde. Das Gestell mit dem X und der daran gefesselten Person lässt sich mit einem Flaschenzug in die Waagerechte bringen. Die Bretter auf der Rückseite weisen Aussparungen für Kopf und Gelenke auf. Kleine Scheinwerfer beleuchten gespenstisch die vier Eckstangen des Quaders. Rechts an der Verstrebung hängen noch ein paar schmale Kunststoffhandschellen. Ich finde das Ding etwas unpraktisch, verfolge den Gedanken aber nicht weiter, sondern setze mich unter die Maschine, wo ich mein verletztes Bein auf eine der Haltevorrichtungen aufstützen kann, um mich dann entspannt mit dem Rücken an eine vergitterte Querstrebe zu lehnen.
Zufrieden betrachte ich meinen linken Stiefel mit der Spezialpolsterung und dem grobstolligen Profil der Sohle aus meiner Augenhöhe. Das matte Leder passt gut zu der uralten, grauen Jeans mit den zerfransten Säumen, die sich im Laufe der Jahre perfekt an meinen Körper angepasst hat. Genüsslich drehe ich mir eine Zigarette, nachdem ich das Päckchen Tabak mühsam aus der engen Tasche gezogen habe und inhaliere tief. Ich fühle mich wie ein alter lädierter Veteran, dessen abgetragene Ausrüstung wegen ihrer hohen Qualität noch intakt ist. Doch es wird Zeit für die letzte Schlacht. In meinem Lebensentwurf war das Alter, das ich inzwischen erreicht hatte, einfach nicht vorgesehen... Was bin ich eigentlich? Freak, Hard Core, Wave? Nichts passt mehr. Eine Urform der Kids, die sich auf der Tanzfläche vor mir bewegen, ein Fossil aus den Achtzigern.
„Hey, hey, my, my Rock´n Roll will never die… out of the blue and into the black…“ Ein alter Song von Neil Young kommt mir in den Sinn, als ich mich erinnere, wie sich die endlose Euphorie der Siebziger mit ihrer strahlend warmen Sonne, den hellblau verwaschenen Jeans und der verlogenen Naivität des Love, Peace and Happiness in das tiefe Schwarz der Achtziger verwandelte und ich lernte, meine Melancholie zu genießen.
Geändert von Demon17 am 12-04-2010 um 21:49
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