columbia
alias Fliwatüt alias nancy...
Registriert seit: Apr 2002
Wohnort: Blödes Kaff in den Spitzhornbergen
Beiträge: 148
|
erstellt am 28-06-2002 um 20:10
|
Am Fenster
Am Fenster stand er.
So wie immer um diese Tageszeit. Und wie immer roch es nach Vanilletabak und der Rauch kräuselte sich aus seiner Pfeife. Und auch wie immer, wie seit so vielen Jahren, ging sie um ihn herum und goß die Blumen. Es waren Vergißmeinnicht und Veilchen, zwei Orchideen und eine Lilie.
Als sie an der Wand entlang lief, an der die Familienfotos hingen, hielt sie kurz inne, um an einem Rahmen ein Stäubchen zu entfernen. Dazu benutzte sie ihre Kittelschürze, die mit dem Blumenmuster drauf.
Es läutete an der Tür. Er rührte sich nicht, und sie öffnete nicht. Sie wußte, es war die Nachbarin aus dem Parterre, die jeden zweiten Tag zu ihr heraufkam. Einmal hatte sie kein Mehl, dann wollte sie nur mal so.... entweder, hatte sie zu ihm gesagt, ist diese Frau sehr neugierig, oder sie ist einsam. Sehr einsam...
Er hatte nur mit den Schultern gezuckt und zum Fenster hinaus gesehen.
Sie fragte sich, was er wohl dachte. Aber sie fragte nie. Nie laut.
Bei ihrer Hochzeit damals, hatten sie für alle das perfekte Paar abgegeben. Er war groß, dunkel, liebenswürdig zu jedermann, smart...und sie war recht hübsch gewesen, ein wenig zu blaß in dem weißen Kleid für den Anlaß, aber hübsch. Klein, blond, langes Haar... mit ihr konnte man sich sehen lassen.
Zu ihr war er auch sehr liebenswürdig gewesen. Immer. Vielleicht sogar Liebe, das wußte sie nicht genau. Das war so lang her...Kinder hatten sie keine. Sie konnte keine bekommen, aber es störte sie auch nicht.
Es klingelte erneut.
Und nun entschied sie sich, doch zur Tür zu gehen. Diese arme Frau, so einsam, obwohl sie Kinder hatte...
"Ja?"
"Ach, guten Tag, Frau Doktor Müller, Sie sind doch zuhause? Ich hörte Geräusche, und dachte, es sei..."
"Nein, Frau Meyer, es ist kein Einbrecher hier. Mein Mann hätte ihn bestimmt auch vertrieben, Sie wissen doch, daß der Doktor früher leidenschaflicher Fechter war..."
"Ja, ja, ich weiß, ich wollte ja nur..."
"Vielen Dank, das weiß ich zu schätzen"
Als Frau Meyer die Treppe herunterging, lachte sie innerlich. Sie konnte sich im Geiste schon das Telefongespräch mit ihrer Tochter vorstellen, in dem Frau Doktor Müller wie immer die Hauptrolle spielen würde. Frau Doktor Müller.....ha..... dabei war ihr Mann seit mehr als dreißig Jahren tot.......
__________________
Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort
Und die Welt hebt an zu singen, kennst nur du das Zauberwort.
IP: Gespeichert
|