Seidenspinner
Avocado Diaboli Impertinenzquotient: 170
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erstellt am 09-08-2011 um 17:12
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Jeder Mensch hat so seine Ticks. Das braucht man jeweils nicht gleich zu pathologisieren.
Als ich in einem Studentenwohnheim in Konstanz lebte – ich erwähnte es hier schon einmal –, entwickelte ich beispielsweise die Angewohnheit, nur noch nachts um 3 oder 4 Uhr in die Gemeinschaftsküche, die ich mit den anderen 27 Leuten meines Stockwerks teilte, zu gehen, um Essen zuzubereiten. So ein Verhalten war neu für mich. Ich erklärte es mir anfangs damit, dass ich ein Nachtmensch und ohnehin gerne alleine bin. Mit der Zeit kaufte ich mir immer weniger Lebensmittel ein, die aufgewärmt oder sonst speziell zubereitet werden mussten. Irgendwann ernährte ich mich nur noch von belegten Brötchen, Früchten, die ich am Waschbecken in meinem Zimmer waschen konnte, und Snacks – obwohl ich eigentlich gerne ein bisschen koche und warme Mahlzeiten zu mir nehme. Die Küche war nur zwanzig Meter entfernt, direkt gegenüber dem Treppenhaus, doch ich nutzte sie nicht. Es gab keinen rationalen Grund dafür. Tatsächlich hatte ich Schiss vor der Gesellschaft meiner Mitbewohner, obwohl mir keiner davon jemals etwas tat.
Wenn ich mit dem Zug in mein Heimatdorf Güttingen fahre, um meine Eltern zu besuchen, stehen mir nach meiner Ankunft zwei kurze Wege, die vom Bahnhof zu meinem Elternhaus führen, zur Auswahl. Ein Weg führt durch Wohngebiet und dauert ungefähr zehn Minuten. Der andere Weg führt durch Wiesen und dauert ungefähr fünf Minuten länger. Keiner der Wege ist sonderlich schön: beide führen über asphaltierte Straßen. In der Regel würde ich mich einfach für den kürzeren Weg entscheiden. So handhabe ich es hier in Kreuzlingen mit den Strecken, die ich im Alltag regelmäßig zurücklege, jedenfalls. Aber in Güttingen meide das Dorf. Ich habe keine Lust, die Gesichter alter Bekannter wiederzuerkennen, sie aus Höflichkeit zu grüßen oder gar Ihrer Neugier nach meinem Befinden und Verbleib Rede und Antwort stehen zu müssen. Ich mag dieses Scheißkaff nicht. Es gibt ein einziges Haus, mein Elternhaus, das ich mitsamt seiner Bewohner liebe, aber der Ort drumherum kann mir gestohlen bleiben.
Warum? Als ich it meinen Eltern vor ein paar Jahren über meine Gefühle für mein sogenanntes Heimatdorf sprach, konnte ich meine Abneigung nicht begründen. Ich mag es halt nicht. Ich habe keine sonderlich guten Erinnerungen an meine Schulzeit, aber eben auch keine sonderlich schlechten. Als Kind empfand ich diverse Erfahrungen mit sogenannten Freunden als Enttäuschungen. Zählt das? Ich weiß es nicht und es ist mühsam, über längst vergangene Geschichten nachzudenken. In der psychologischen Gruppentherapie verbrachte ich meine Zeit auch lieber mit Zuhören und Antworten als damit, von mir selbst zu erzählen. In der Regel war es mir unangenehm, wenn Herr M mich da ansprach und versuchte, eine Brücke zu meinen eigenen Problemen zu schlagen. Es kann so sinnlos sein, in der Vergangenheit herumzustochern, auch wenn Kleinigkeiten große Auswirkungen haben können:
Zitat: Noch heute, nach 13 Jahren in diesem Land, fragt sie sich jedesmal, wenn sie vor die Tür tritt, was auf sie zukommen werde. Ob sie im Zug wieder einmal als einzige kontrolliert wird, im Laden (als 33-Jährige!) den Ausweis zeigen muss, um Alkohol zu kaufen, oder bei der Wohnungssuche abgelehnt wird mit der Begründung, man wisse nicht, wie man mit dunkelhäutigen Menschen umzugehen habe. Trotz allem gibt Ellen Glatzl die Hoffnung nicht auf, eines Tages unbeschwert nach draussen gehen zu können und in einen gewöhnlichen Small Talk verwickelt zu werden – anstatt als erstes gefragt zu werden, wie sie in die Schweiz gekommen sei. Sie lässt dann mittlerweile gerne Galgenhumor aufblitzen und antwortet: «Mit dem Flugzeug.»
Quelle: anzeiger (Link)
Das las ich heute und erinnerte mich an eine Begebenheit, von der mir meine Eltern damals berichteten: Als ich sechs Jahre alt war, besuchte ich die Geburtstagsfeier eines Nachbarkinds. Meine Mutter fuhr an dem Tag mit dem Fahrrad am Haus dieser Nachbarn vorbei und beobachtete, wie die Mutter des Geburtstagskinds Gruppenfotos geknipst hat. Eins der dort eingeladenen Kinder hat die Dame des Hauses jeweils aufgefordert, abseits der Gruppe zu stehen, damit es nicht mit auf das Foto kommt. Es war das einzige Kind ohne schweizerische Staatsbürgerschaft.
Ich kann mich daran glücklicherweise nicht erinnern. Als unbedarfter Sechsjähriger nimmt man solche Dinge anders wahr als ein Erwachsener. In dem Alter gibt es noch keine Nazis. Da wird das geradezu göttliche Gebot eines Erwachsenen einfach befolgt. Ich passte nicht ins Bild, aber diese Anekdote passt halt durchaus ins Bild.
Das sagte einst der René Descartes: „Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.“ Ein Idiot, wer beim Lesen dieses Zitats nicht auch an sich selbst denkt.
Herr M resignierte. Ich habe kaum Fortschritte gezeigt und er findet keine Rechtfertigung in einer Fortsetzung unserer Sitzungen. Der alte Mann zeigte damit seine Professionalität und seinen Berufsethos. Er ist ja auch ein richtiger Arzt, also Doktor der Medizin. Irgendeine Laberbacke mit Psycho-Diplom hätte mein Geld – wohlgemerkt: nicht das Geld der Krankenkasse – vermutlich weiterhin dankend angenommen. Teuer ist der gute Mann dafür auch. Immerhin ein kleiner Lichtblick angesichts seiner ansonsten doch ein bisschen niederschmetternden Rückmeldung. Seine Begründung ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.
Er fügte hinzu, dass er das Gefühl habe, dass die Gruppentherapie mehr Wirkung bei mir zeigte. Als ich mit der Einzeltherapie anfing, weil ich die Gruppe unfreiwillig – den Spätschichten meiner Arbeitsstelle zuliebe – verlassen musste, hatte ich ihm gegenüber schon gewisse Bedenken geäußert. Aber es war meine einzige Wahl. Vollständig abbrechen wollte ich die Behandlung nicht, also wich ich auf die Einzelgespräche aus. Wenn ich einer einzelnen Person gegenüber sitze und es gerade um eine Einflussnahme auf mein Verhalten geht, dann habe ich nur all zu schnell das Gefühl, speziell dieser einen Person gefallen zu müssen, was Widerstände gegen mein Bestreben nach Veränderung – so ausschließlich es in meinem eigenen Interesse liegen mag – weckt und mich oft zum Lügen treibt. Weniger harsch und wohl auch zutreffender könnte man das Lügen in meinem Fall als Beschönigung der Wahrheit bezeichnen. Herr M stellte darauf hin fest, dass die Widerstände, die ich in meinem Verhalten zeige, schon außergewöhnlich seien und charakterisierte mich als anarchistisch in dieser Hinsicht. Als Phänomen bezeichnete er mich gar. Verdutzt war ich schon. Anarchismus halte ich persönlich doch eher für Unsinn. Ich meine: Die ersatzlose Abschaffung einer Ordnung ist keine Alternative.
Ich bin kein Anarchist und sicher auch kein liebenswerter Antiheld. Ich habe den Eindruck, dass Herr M mich trotz aller Resignation aufmuntern wollte. Es ist nichts Heldenhaftes daran, Führung beanspruchen zu müssen. Ich jedoch bin ein gehorsamer Knecht, der sich auf Befehl für eine verlorene Sache ins Verderben stürzt, was vielleicht auch heldenhaft sein kann – abhängig vom erteilten Befehl –, im Normalfall aber dumm ist. Meine derzeitige Arbeitsstelle passt dazu.
Nichtsdestotrotz muss ich mir überlegen, wie es weiter geht. Mein Studium scheint nun ja nicht meine Berufung zu sein. Das Bild des Intellektuellen, das ich von mir im Kopf hatte, scheint ebenfalls nicht so recht zu den Tatsachen meines Alltags zu passen. In gewisser Weise sei ich schon ein Intellektueller, meinte Herr M, aber vielleicht eben kein Akademiker.
Potenzial ist so toll. Potenzial ist, wenn man das, was man kann, nicht will oder zumindest nicht macht – sehr vereinfacht ausgedrückt. Langsam zweifle ich an meinem Potenzial. Ich fühle mich momentan eher unfähig. Unfähigkeit ist, wenn man das, was man tun will, nicht tun kann. Verstand habe ich sicher genug – Descartes' Spott in allen Ehren.
Immerhin meine Beziehung funktioniert und mein Vater scheint mit wenigstens ein bisschen freudiger Überraschung ein gewisses Pflichtgefühl meinerseits für meine Eltern wahrgenommen zu haben. Ich bin ja schon fast gekränkt, dass er allem Anschein nach nicht erwartet hat, dass ich mich in seiner Abwesenheit um seine Frau und meine Mutter kümmere. Er war ja im Mai und Juni seines Herzinfarkts wegen in einer Reha-Klinik.
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Bis hierhin alles gelesen? Verärgert über die Egomanie in manchen Nebelpfaden? In Ordnung! Weiter machen!
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