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Seidenspinner
Avocado Diaboli Impertinenzquotient: 170


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Old Post erstellt am 20-07-2011 um 15:46 Füge Seidenspinner zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Seidenspinner anzeigen Mehr Beiträge von Seidenspinner finden Seidenspinner eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

@ Hybrid Andante: Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Die Spüle wurde durch unsere damalige Mitbewohnerin halt immer wieder besetzt. Das ist halt ziemlich unsozial, wenn man in einer Wohngemeinschaft lebt: sein schmutziges Geschirr erst mal in der Spüle liegen zu lassen. Es gibt ja schließlich noch Mitbewohner, die die Spüle auch dann und wann mal verwenden möchten, ohne sie erst ausräumen zu müssen – zumal wir vergleichsweise wenig Platz in unserer Küche haben. Vielleicht war ja der Hintergedanke, dass ein fleißiger Mitbewohner sich ihrer erbarmen und ihr Zeug für sie abwaschen könnte. Solche Verdächtigungen entstehen dann zumindest.

Themenwechsel:

Die Schweiz ist ja seit je her multikulturell. In der Schweiz gibt es vier Landessprachen, wobei die rätoromanischen Dialekte erst 2001 in einer Hoch- und Amtssprache zusammengefasst wurden: Schweizerdeutsch, Französisch, Italienisch und eben Rumantsch Grischun. Angesichts dessen erstaunt, dass gerade in der Schweiz eine ultrakonservative Partei alle anderen (zumindest quantitativ) überragt, wobei das Wort »ultrakonservativ« moderat gewählt ist. Wenn man sich einen möglichst objektiven Blick auf solche Dinge aneignen will, ist es gut, sich vielseitig zu informieren. In der ausländischen Presse redet man eher mal von einer rechtsextremen Partei. Unser lokales Käseblatt berichtete neulich auch über eine Gemeinderatsfraktion und deren Angst vor'm Schwarzen Mann. Der Untergang des Abendlandes durch Gutmenschen und Ausländer ist ja eine beliebte Gruselgeschichte, die nicht nur in der Schweiz und nicht erst seit 2001 erzählt wird. (Aber nein, man ist kein Nazi, nur weil man etwas gegen Juden, Ausländer, Schwule, Moslems, Schwarze, Zigeuner, Linke und emanzipierte Frauen hat.) Solche Untergänge werden allgemein gerne mit Einfallsreichtum und Vielfalt in Medien jeglicher Art zelebriert. Jeder fürchtet sich halt gern: Da will ich die Linken in diesem Zusammenhang auch gar nicht als Ausnahme darstellen. Angst vor gefletschten Zähnen lässt sich evolutionär einfach begründen. Ob man von da aus allerdings auch gleich eine Brücke zur Angst vor dem Weltuntergang oder vor bestimmten Leuten schlagen kann, halte ich zunächst für fraglich.

Wie dem auch sei: Viele Leute prophezeien gerne mal den Untergang der einen oder anderen Sache. Die Zeugen Jehovas sind ja beispielsweise sehr ambitionierte Schwarzseher: Sie nannten in der Vergangenheit sogar schon öfter konkrete Termine für den Weltuntergang. Als sich sämtliche im Laufe der Zeit getroffene Existenzfristen als falsch erwiesen haben, kamen die »Zeugen« von ihrer Wahrsagepraxis ab und konstatierten lediglich, dass die Welt »bald mal« untergehen wird. Man will sich ja nicht all zu lächerlich machen. Tatsächlich wird die Welt irgendwann untergehen. Die Sonne brennt nun ja nicht ewig und ob sie sich wie im Kinofilm Sunshine durch so ein Bömbchen reanimieren lässt, halte ich ebenfalls für fraglich. Falls der Mensch am Tag des Jüngsten Gerichts dann noch nicht ausgestorben ist, wird natürlich auch all das untergehen, was der Mensch geschaffen hat – es sei denn, es gelingt ihm, auf einen fremden Planeten zu emigrieren. Ich glaub's nicht. Voyager 1 und 2 dürften bis dahin auch nur noch Weltraumschrott sein. Also für ein – wie auch immer geartetes – ewiges Vermächtnis der Menschheit stehen die Chancen schlecht, behaupte ich.
Der Untergang des Euro und derjenige des Abendlandes sind ja auch sehr beliebte Untergänge, von denen bestimmte Mitmenschen sich sogar mit einem gewissen Enthusiasmus bedroht sehen.

Daraus könnte man ein nettes Spiel machen. Da dieser Name nahe liegt, nenne ich es: Untergangsbingo.

Spielregeln:

Zunächst muss man sich überlegen, was alles untergehen kann, das eines Medienbeitrags würdig ist: die Demokratie, der Rechtsstaat, der Sozialstaat, der Nationalstaat überhaupt, das Abendland, die Rasse, die Europäische Union, ein Schiff, der Euro, der US-Dollar, der Schweizer Franken, die soziale Ordnung, die Natur, die Moral, Sitte und Anstand, das Gute, Aktienkurse, Unternehmen, die Wissenschaft, die Hygiene, die globalen Erdölbestände, die ganze Welt und noch viel mehr.

Griechenland hat beispielsweise gute Chancen auf Chaos und Gewalt im Land. Mit anderen Worten wäre in so einem Fall dann die soziale Ordnung untergegangen.

Der zweite Schritt besteht darin, einen Schuldigen für den prophezeiten Untergang zu bestimmen. Der Spieler trifft also zwei miteinander kombinierte Vorhersagen. Das Spiel soll ja nicht all zu einfach ausfallen – ist ja auch kein normales Bingo. Da ergeben sich auch viele Möglichkeiten – zum Beispiel: die Politiker, die Manager, die Ausländer, die Nazis, die Juden, die Linken, die Rechten, Mutti, der Ex-Ehepartner, das ultimative Böse, Epidemien, die Wissenschaftler, die Reichen, die Armen, die Außerirdischen und so weiter.

Beispiel: Wenn die soziale Ordnung Griechenlands untergeht, dann sind die Politiker Griechenlands und der EU schuld daran.

Die Spielzeit des Untergangsbingo ist sehr lange. Man muss sich da auf Jahre oder – eher noch – Jahrzehnte gefasst machen. Wenn der gewünschte Untergang wider Erwarten ausbleibt, empfiehlt es sich ohnehin, die Spielzeit zu verlängern. Am besten legt man die Spielzeit gleich auf Lebenszeit fest. Wenn also einer der Teilnehmer auf dem Sterbebett liegt, dann spätestens ist die Runde beendet und sollen alle Spieler die Punktezählung durchführen. Ein eingetroffener Untergang ist 3 Punkte wert. Falls man die Schuldigen dazu auch korrekt prophezeit hat, kriegt man 1 Bonuspunkt. Jede falsch getroffene Vorhersage führt zu einem Abzug von jeweils 2 Punkten in der Gesamtwertung – ungeachtet der dazu genannten Schuldigen.
*edit* Ich habe die 3 mal auf 2 Minuspunkte reduziert. Ich will ja nicht all zu hart sein.

Geändert von Seidenspinner am 20-07-2011 um 16:12

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Seidenspinner
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Old Post erstellt am 29-07-2011 um 16:42 Füge Seidenspinner zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Seidenspinner anzeigen Mehr Beiträge von Seidenspinner finden Seidenspinner eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

Im Gasthaus zum Goldenen M, gegenüber dem Hauptbahnhof in Konstanz, kostet ein Pappbecher mit 2 Deziliter Capuccino 1 Euro. 3 Deziliter (ebenfalls im Pappbecher kredenzt) kosten 2,39 Euro. Wer den Dreisatz beherrscht, kann feststellen, dass 4 Deziliter Cappucino in unserem Gasthaus weniger kosten als 3 Deziliter. Da diese Preise und Mengen vor einem halben Jahr schon so waren, handelt es sich wohl kaum um einen Druckfehler. Sicher ist dem Filialleiter der Grundsatz des Mengenrabatts bekannt, aber anscheinend sind die Kunden dumm oder immerhin arglos genug, um sich das genaue Gegenteil davon zu leisten.

Aber zum Glück sind nicht alle Unternehmen so.

Der Massenmörder von Oslo kriegt ja voraussichtlich ziemlich viel Mengenrabatt: 76 Tote zum Schnäppchenpreis von 30 oder vielleicht sogar nur 20 Jahren. Zum Beispiel in Spanien ist man meines Wissens nicht so kulant: Da würde in so einem Fall einfach 76 mal 20 Jahre verrechnet, im Ergebnis also 1520 Jahre. Diese Südländer haben ja keine Ahnung von Kundenfreundlichkeit.

Nein, es ist schon ein starkes Stück, wenn man sich über die Geburtenraten in Europa beklagt und es dann doch nicht so ganz schlecht findet, dass jemand 70 Jugendliche ermordet. Weit rechts geht's halt doch ziemlich link zu. Von Blut und Ehre kann beim Töten unbewaffneter Teenager wohl auch kaum die Rede sein. Vielleicht könnten diese Leuchten es mal mit denselben Ausreden wie die norwegischen Walfänger versuchen: "nur zu wissenschaftlichen Zwecken getötet". Ansonsten finde ich es sehr respektabel, dass die konservativen Ölscheichs Europas (die Norweger) die Situation nicht zur Verbreitung von Panik missbrauchen.

Geändert von Seidenspinner am 29-07-2011 um 16:44

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Elementarsatz
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Old Post erstellt am 29-07-2011 um 17:51 Füge Elementarsatz zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Elementarsatz anzeigen Elementarsatz eine eMail schicken Mehr Beiträge von Elementarsatz finden Elementarsatz eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

Zitat:
Original geschrieben von Seidenspinner
Zum Beispiel in Spanien ist man meines Wissens nicht so kulant: Da würde in so einem Fall einfach 76 mal 20 Jahre verrechnet, im Ergebnis also 1520 Jahre.

Allerdings würde man ihm auch dort ca. 1450 Jahre erlassen müssen.

Für bestimmte Verbrechen gibt es in zivilisierten Staaten nun mal keine angemessene Strafe. Ist vermutlich auch besser so.

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Nix
fort


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Old Post erstellt am 29-07-2011 um 20:18 Füge Nix zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Nix anzeigen Nix eine eMail schicken Besuche Nix's Homepage! Mehr Beiträge von Nix finden Nix eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

Zitat:
Original geschrieben von Seidenspinner
Im Gasthaus zum Goldenen M, gegenüber dem Hauptbahnhof in Konstanz, kostet ein Pappbecher mit 2 Deziliter Capuccino 1 Euro. 3 Deziliter (ebenfalls im Pappbecher kredenzt) kosten 2,39 Euro. Wer den Dreisatz beherrscht, kann feststellen, dass 4 Deziliter Cappucino in unserem Gasthaus weniger kosten als 3 Deziliter.


Möglicherweise lässt sich das Beispiel anhand des Dreisatzes keiner sinnvollen Lösung zuführen, weil es sich um eine nichtproportionale Progression handelt.
Richtig ist, das man davon ausgehen kann, dass 4 Deziliter teuer wären.

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Das Chaos besiegt die Ordnung, weil es besser organisiert ist.
(Terry Pratchett)

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Seidenspinner
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Old Post erstellt am 29-07-2011 um 21:51 Füge Seidenspinner zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Seidenspinner anzeigen Mehr Beiträge von Seidenspinner finden Seidenspinner eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

Freiheitsstrafen im drei- oder vierstelligen Bereich sind selbstverständlich unsinnig. Manchmal mag ich einfach ungehindert übertreiben. Es wäre schön, wenn auch der Attentäter da beim Schreiben und Filmen geblieben wäre. Aber Hitler wurde von der Wiener Kunstakademie ja auch abgelehnt. Dabei wäre so eine Gestaltungstherapie für alle Beteiligten viel angenehmer als ein Amoklauf oder gar ein Weltkrieg.

In Wirklichkeit hoffe ich doch, dass die Norweger auch über eine "lebenslange Sicherheitsverwahrung" verfügen. Man sollte auch in Norwegen vor mehr als nur einer Woche schon bemerkt haben, dass ab und zu ein Geisteskranker seine Mitmenschen malträtiert.

Zitat:
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Ich schrieb eine vergleichsweise ziemlich lange PN - für Nix!

Nun ja, eine Leiche mehr auf der Festplatte. Schade!

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Seidenspinner
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Old Post erstellt am 09-08-2011 um 17:12 Füge Seidenspinner zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Seidenspinner anzeigen Mehr Beiträge von Seidenspinner finden Seidenspinner eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

Jeder Mensch hat so seine Ticks. Das braucht man jeweils nicht gleich zu pathologisieren.

Als ich in einem Studentenwohnheim in Konstanz lebte – ich erwähnte es hier schon einmal –, entwickelte ich beispielsweise die Angewohnheit, nur noch nachts um 3 oder 4 Uhr in die Gemeinschaftsküche, die ich mit den anderen 27 Leuten meines Stockwerks teilte, zu gehen, um Essen zuzubereiten. So ein Verhalten war neu für mich. Ich erklärte es mir anfangs damit, dass ich ein Nachtmensch und ohnehin gerne alleine bin. Mit der Zeit kaufte ich mir immer weniger Lebensmittel ein, die aufgewärmt oder sonst speziell zubereitet werden mussten. Irgendwann ernährte ich mich nur noch von belegten Brötchen, Früchten, die ich am Waschbecken in meinem Zimmer waschen konnte, und Snacks – obwohl ich eigentlich gerne ein bisschen koche und warme Mahlzeiten zu mir nehme. Die Küche war nur zwanzig Meter entfernt, direkt gegenüber dem Treppenhaus, doch ich nutzte sie nicht. Es gab keinen rationalen Grund dafür. Tatsächlich hatte ich Schiss vor der Gesellschaft meiner Mitbewohner, obwohl mir keiner davon jemals etwas tat.

Wenn ich mit dem Zug in mein Heimatdorf Güttingen fahre, um meine Eltern zu besuchen, stehen mir nach meiner Ankunft zwei kurze Wege, die vom Bahnhof zu meinem Elternhaus führen, zur Auswahl. Ein Weg führt durch Wohngebiet und dauert ungefähr zehn Minuten. Der andere Weg führt durch Wiesen und dauert ungefähr fünf Minuten länger. Keiner der Wege ist sonderlich schön: beide führen über asphaltierte Straßen. In der Regel würde ich mich einfach für den kürzeren Weg entscheiden. So handhabe ich es hier in Kreuzlingen mit den Strecken, die ich im Alltag regelmäßig zurücklege, jedenfalls. Aber in Güttingen meide das Dorf. Ich habe keine Lust, die Gesichter alter Bekannter wiederzuerkennen, sie aus Höflichkeit zu grüßen oder gar Ihrer Neugier nach meinem Befinden und Verbleib Rede und Antwort stehen zu müssen. Ich mag dieses Scheißkaff nicht. Es gibt ein einziges Haus, mein Elternhaus, das ich mitsamt seiner Bewohner liebe, aber der Ort drumherum kann mir gestohlen bleiben.

Warum? Als ich it meinen Eltern vor ein paar Jahren über meine Gefühle für mein sogenanntes Heimatdorf sprach, konnte ich meine Abneigung nicht begründen. Ich mag es halt nicht. Ich habe keine sonderlich guten Erinnerungen an meine Schulzeit, aber eben auch keine sonderlich schlechten. Als Kind empfand ich diverse Erfahrungen mit sogenannten Freunden als Enttäuschungen. Zählt das? Ich weiß es nicht und es ist mühsam, über längst vergangene Geschichten nachzudenken. In der psychologischen Gruppentherapie verbrachte ich meine Zeit auch lieber mit Zuhören und Antworten als damit, von mir selbst zu erzählen. In der Regel war es mir unangenehm, wenn Herr M mich da ansprach und versuchte, eine Brücke zu meinen eigenen Problemen zu schlagen. Es kann so sinnlos sein, in der Vergangenheit herumzustochern, auch wenn Kleinigkeiten große Auswirkungen haben können:

Zitat:
Noch heute, nach 13 Jahren in diesem Land, fragt sie sich jedesmal, wenn sie vor die Tür tritt, was auf sie zukommen werde. Ob sie im Zug wieder einmal als einzige kontrolliert wird, im Laden (als 33-Jährige!) den Ausweis zeigen muss, um Alkohol zu kaufen, oder bei der Wohnungssuche abgelehnt wird mit der Begründung, man wisse nicht, wie man mit dunkelhäutigen Menschen umzugehen habe. Trotz allem gibt Ellen Glatzl die Hoffnung nicht auf, eines Tages unbeschwert nach draussen gehen zu können und in einen gewöhnlichen Small Talk verwickelt zu werden – anstatt als erstes gefragt zu werden, wie sie in die Schweiz gekommen sei. Sie lässt dann mittlerweile gerne Galgenhumor aufblitzen und antwortet: «Mit dem Flugzeug.»
Quelle: anzeiger (Link)

Das las ich heute und erinnerte mich an eine Begebenheit, von der mir meine Eltern damals berichteten: Als ich sechs Jahre alt war, besuchte ich die Geburtstagsfeier eines Nachbarkinds. Meine Mutter fuhr an dem Tag mit dem Fahrrad am Haus dieser Nachbarn vorbei und beobachtete, wie die Mutter des Geburtstagskinds Gruppenfotos geknipst hat. Eins der dort eingeladenen Kinder hat die Dame des Hauses jeweils aufgefordert, abseits der Gruppe zu stehen, damit es nicht mit auf das Foto kommt. Es war das einzige Kind ohne schweizerische Staatsbürgerschaft.

Ich kann mich daran glücklicherweise nicht erinnern. Als unbedarfter Sechsjähriger nimmt man solche Dinge anders wahr als ein Erwachsener. In dem Alter gibt es noch keine Nazis. Da wird das geradezu göttliche Gebot eines Erwachsenen einfach befolgt. Ich passte nicht ins Bild, aber diese Anekdote passt halt durchaus ins Bild.

Das sagte einst der René Descartes: „Nichts auf der Welt ist so gerecht verteilt wie der Verstand. Denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.“ Ein Idiot, wer beim Lesen dieses Zitats nicht auch an sich selbst denkt.

Herr M resignierte. Ich habe kaum Fortschritte gezeigt und er findet keine Rechtfertigung in einer Fortsetzung unserer Sitzungen. Der alte Mann zeigte damit seine Professionalität und seinen Berufsethos. Er ist ja auch ein richtiger Arzt, also Doktor der Medizin. Irgendeine Laberbacke mit Psycho-Diplom hätte mein Geld – wohlgemerkt: nicht das Geld der Krankenkasse – vermutlich weiterhin dankend angenommen. Teuer ist der gute Mann dafür auch. Immerhin ein kleiner Lichtblick angesichts seiner ansonsten doch ein bisschen niederschmetternden Rückmeldung. Seine Begründung ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.

Er fügte hinzu, dass er das Gefühl habe, dass die Gruppentherapie mehr Wirkung bei mir zeigte. Als ich mit der Einzeltherapie anfing, weil ich die Gruppe unfreiwillig – den Spätschichten meiner Arbeitsstelle zuliebe – verlassen musste, hatte ich ihm gegenüber schon gewisse Bedenken geäußert. Aber es war meine einzige Wahl. Vollständig abbrechen wollte ich die Behandlung nicht, also wich ich auf die Einzelgespräche aus. Wenn ich einer einzelnen Person gegenüber sitze und es gerade um eine Einflussnahme auf mein Verhalten geht, dann habe ich nur all zu schnell das Gefühl, speziell dieser einen Person gefallen zu müssen, was Widerstände gegen mein Bestreben nach Veränderung – so ausschließlich es in meinem eigenen Interesse liegen mag – weckt und mich oft zum Lügen treibt. Weniger harsch und wohl auch zutreffender könnte man das Lügen in meinem Fall als Beschönigung der Wahrheit bezeichnen. Herr M stellte darauf hin fest, dass die Widerstände, die ich in meinem Verhalten zeige, schon außergewöhnlich seien und charakterisierte mich als anarchistisch in dieser Hinsicht. Als Phänomen bezeichnete er mich gar. Verdutzt war ich schon. Anarchismus halte ich persönlich doch eher für Unsinn. Ich meine: Die ersatzlose Abschaffung einer Ordnung ist keine Alternative.

Ich bin kein Anarchist und sicher auch kein liebenswerter Antiheld. Ich habe den Eindruck, dass Herr M mich trotz aller Resignation aufmuntern wollte. Es ist nichts Heldenhaftes daran, Führung beanspruchen zu müssen. Ich jedoch bin ein gehorsamer Knecht, der sich auf Befehl für eine verlorene Sache ins Verderben stürzt, was vielleicht auch heldenhaft sein kann – abhängig vom erteilten Befehl –, im Normalfall aber dumm ist. Meine derzeitige Arbeitsstelle passt dazu.

Nichtsdestotrotz muss ich mir überlegen, wie es weiter geht. Mein Studium scheint nun ja nicht meine Berufung zu sein. Das Bild des Intellektuellen, das ich von mir im Kopf hatte, scheint ebenfalls nicht so recht zu den Tatsachen meines Alltags zu passen. In gewisser Weise sei ich schon ein Intellektueller, meinte Herr M, aber vielleicht eben kein Akademiker.
Potenzial ist so toll. Potenzial ist, wenn man das, was man kann, nicht will oder zumindest nicht macht – sehr vereinfacht ausgedrückt. Langsam zweifle ich an meinem Potenzial. Ich fühle mich momentan eher unfähig. Unfähigkeit ist, wenn man das, was man tun will, nicht tun kann. Verstand habe ich sicher genug – Descartes' Spott in allen Ehren.

Immerhin meine Beziehung funktioniert und mein Vater scheint mit wenigstens ein bisschen freudiger Überraschung ein gewisses Pflichtgefühl meinerseits für meine Eltern wahrgenommen zu haben. Ich bin ja schon fast gekränkt, dass er allem Anschein nach nicht erwartet hat, dass ich mich in seiner Abwesenheit um seine Frau und meine Mutter kümmere. Er war ja im Mai und Juni seines Herzinfarkts wegen in einer Reha-Klinik.

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Bis hierhin alles gelesen? Verärgert über die Egomanie in manchen Nebelpfaden? In Ordnung! Weiter machen!

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Seidenspinner
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Old Post erstellt am 25-09-2011 um 06:23 Füge Seidenspinner zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Seidenspinner anzeigen Mehr Beiträge von Seidenspinner finden Seidenspinner eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

"Du hast sie also dazu überredet, in unserem Höllenloch mitzumachen", kommentierte ein Kollege amüsiert meine Mitteilung, dass meine Freundin ab Montag auch bei uns arbeiten würde, als ich ihn auf dem Heimweg im Auto nach Kreuzlingen mitnahm. Das wird in der Tat anstrengend für sie: Von morgens bis abends an der Uni für ihre Diplomarbeit arbeiten und abends dann in unserem Call Center. Der genannte Kollege hat im Gegensatz zu mir schon seinen Hochschulabschluss gemacht. Das ganze Call Center: Perlen vor die Säue.
Tagsüber die Birne für die Wissenschaft bemühen und abends die ganzen Penner am Telefon ertragen: Kunden, die zu doof für unsere Produkte sind und sie am besten nie gekauft hätten, Kunden, die ihre Anleitung oder ihren Vertrag nicht gelesen haben, Kunden, die alles umsonst haben wollen, Kunden, die menschliche Probleme haben und sich einfach nur bei irgendjemandem ausweinen wollen, und - last but not least - Kollegen, die ihre Arbeit nicht schnallen und dadurch zusätzliche Probleme schaffen. Iz da fun...

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Old Post erstellt am 11-06-2012 um 02:19 Füge Seidenspinner zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Seidenspinner anzeigen Mehr Beiträge von Seidenspinner finden Seidenspinner eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

Sie: Wolltest Du für mich nicht mal Blümchen pflücken?

Das Auto wird langsamer und nähert sich einem Selbstbedienungsgarten am Strassenrand.

Ich: Öhm... Ja, aber doch nicht Blümchen, die was kosten.

Sie schneidet eine Grimasse mit übertriebener und dementsprechend nicht so ganz ernst gemeinter Enttäuschung. Sie tritt wieder auf's Gas. Wir fahren weiter.

Ich: Wenn wir wieder wandern gehen, dann könnte ich... Obwohl... Da weiss man nicht, welche geschützt sind und welche nicht. ... Wir leben nicht in einer Welt, in der man einfach so Blümchen pflücken kann.

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Old Post erstellt am 12-06-2012 um 06:36 Füge Seidenspinner zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Seidenspinner anzeigen Mehr Beiträge von Seidenspinner finden Seidenspinner eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

Tjo, Papi, ein Jahr, ein Monat, ein Tag und ungefähr fünf Stunden sind jetzt vergangen seit Deinem Herzinfarkt, den Du trotz Deiner späten Entscheidung, den von Dir sonst eher gemiedenen Hausarzt aufzusuchen, überlebt hast. Ich würde lieber nicht daran denken, zu wie viel Prozent seiner ursprünglichen Leistung Dein Herz noch imstande ist. Man sieht es Dir nicht an, dank der Medikamente und Deinem gelungenen Lebenswandel. Du rauchst nicht mehr.

Ich wohne seit vier Jahren nicht mehr in meinem Elternhaus und ich bin froh darüber, denn unser Verhältnis zueinander war seit dem Ende meiner Schulzeit nicht mehr sonderlich einfach. Irgendwie verdiene ich sogar Geld, auch wenn ich meine Arbeit nicht sehr schätze. Aber ich werde das beklemmende Gefühl nicht los, dass ich schlichtweg zerschmettert sein werde, sobald Du stirbst.

Ich habe sogar angefangen, all Deine Anekdoten über Deine Vergangenheit aufzuschreiben. Ich mag Deine Geschichten über all die Dinge, die Du erlebt hast, auch wenn die Erlebnisse nicht immer schön waren.

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Hybrid Andante
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Old Post erstellt am 13-06-2012 um 15:07 Füge Hybrid Andante zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Hybrid Andante anzeigen Mehr Beiträge von Hybrid Andante finden Hybrid Andante eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

... und ich mag deine Geschichten, Seidenspinner, mal lustig und verspielt, mal traurig und ernst... Geschichten die das Leben schreibt... unvorhersehbar...

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15 Mann auf des toten Manns Kiste, yo ho ho, und 'ne Buddel voll Rum!

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Old Post erstellt am 11-08-2012 um 03:55 Füge Seidenspinner zu Deiner Buddy-Liste hinzu Profil von Seidenspinner anzeigen Mehr Beiträge von Seidenspinner finden Seidenspinner eine Private Nachricht schicken Beitrag bearbeiten/löschen Zitieren

Diese Nacht fand wieder unsere berüchtigte Betriebsfeier/Sommerparty statt. Tierchen und ich blieben nur zweieinhalb Stunden. Unser hipper CEO, der kaum älter als ich ist und ungefähr 7'000 Angestellte beschäftigt, hat für das Spätprogramm doch tatsächlich den DJ Antoine - welcher mir bis vor Kurzem noch unbekannt war - engagiert, der in der Nähe unseres Hauptstandortes, in dem auch Tierchen und ich arbeiten, für schätzungsweise 500 Leute, Mitarbeiter samt Begleitern, auflegte. Obwohl der Herr DJ nicht meine Musik spielt, fand ich den Abend ganz unterhaltsam.

DJ Antoine: "Put your fucking hands up!"
Ich (zu Tierchen gewandt): "Schatz, put your fucking hands up!"
Tierchen: "Nö!"
Nachdem DJ Antoine schon seit zwei oder drei Minuten auflegte, lachte Tierchen plötzlich laut auf und stellte fest: "Schon lustig, wie keiner hier mittanzt!"
In der Tat: Nur die vier Tänzerinnen, die - dem schwülen Diskothekenklima angepasst gekleidet - der DJ mitbrachte, bemühten sich um rhythmische Bewegungen. Auch ich lachte auf, bemerkte ich Schnellmerker das Offensichtliche doch erst nach Tierchens Hinweis.

Ein paar Minuten später lockerte sich die biedere Party-Gemeinde dann auf und tanzte mit - zwar ohne uns, da wir nicht gerade sonderliche Party-Löwen sind, um es gelinde auszudrücken, aber immerhin lohnte sich die Investition für unseren CEO, der sich erfreulicherweise selbst immer aktiv an unserer Sommerparty beteiligt, und die entsprechend gelaunten Kollegen dann ja doch noch. Auch wenn er ein Landsmann ist, dürfte DJ Antoine derzeit selten genug in solch einem thurgauischen Kuhdorf mit nur 4'000 Einwohnern auftreten.

__________________
Trotzdem danke!

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Tierchen hatte heute einen Nazi am Apparat, der hochinteressante Dinge zu sagen hatte: »Ihr Deutsche überrennt unser Land« und solch einen Scheiss. Leider versäumte sie es, ihn anständig zu grüssen. Sieg H... Ihr wisst schon. Der soll doch die Schweizer Demokraten wählen, wenn ihn der rechte Arm juckt, aber bitte unbescholtene Menschen in Ruhe lassen!
Leute, die ihren Internetdienstanbieter anrufen, um ihre »politische Meinung« – um es mal euphemistisch so zu nennen – zum Besten zu geben, können meines Erachtens ohnehin nicht ganz bei Verstand sein. Laut Tierchen hatte er wohl tatsächlich auch ein technisches Anliegen, aber das Bedürfnis, ausländerfeindlichen Mist von sich zu geben, war zu ihrem Bedauern wohl grösser. Die Nazisprüche haben sich aber immerhin gelohnt: Tierchen war den Rest des Abends schlecht gelaunt. Danke für Ihren Anruf, lieber Kunde!

Ich selbst hatte auch schon einen Kunden dran, der sich über die vielen deutschen Gastarbeiter bei uns beklagte. Diese Edelbürger sollten vielleicht mal dem Umstand, dass ihre Landsleute diese Arbeit einfach nicht verrichten möchten, berücksichtigen. Man muss dazu allerdings sagen, dass es bei mir nur ein einziger Kunde unter ein paar tausend war. Ich selbst wurde noch nie beleidigt, obwohl ich einen unverkennbar niederländischen Familiennamen trage. Das mag daran liegen, dass Schweizerdeutsch meine Muttersprache ist und die Niederländer zu den »guten« Einwanderern gehören, während die Deutschen derzeit die »bösen« Einwanderer sind. Vor fünfzig Jahren, als meine Eltern sich hier niederliessen, waren die Italiener noch die »bösen« Einwanderer. Diejenigen aus ex-jugoslavischen Ländern gehören immer noch dazu. Aber die einstigen Italiener haben sich gut integriert und sind – wie so viele brave Eidgenossen – oftmals der SVP treu, also genau der Partei, die ihrer Aufnahme in unsere Gesellschaft ehemals am meisten im Weg stand. Welch schlechter Witz!

Zum Glück sind nicht alle älteren Herrschaften hierzulande so drauf. Herr H zum Beispiel, der Nachbar, der unter uns wohnt, war Berufssoldat in der Schweizer Armee und ist wahnsinnig freundlich zu uns. Herr H ist 86 Jahre alt, wohnt alleine in seiner Wohnung und fühlt sich wohl ziemlich einsam. Seine Frau starb vor einigen Jahren. Er erzählte mir bereits (mehr als einmal), dass eine seiner Grossmütter aus den Niederlanden stammte, und sagte neulich sogar, dass ich ihm sympathisch sei – ausgerechnet meine Wenigkeit, die mit militärischer Disziplin wahrscheinlich nichts anfangen könnte. Das war mir zwar irgendwie unangenehm, da ich ihn kaum kenne, aber ich erwiderte die Sympathiebekundung dennoch. Ich mag ihn ja durchaus. Er schenkte uns auch schon ein paar mal Schokolade sowie Eier und bot uns vor einigen Wochen an, uns an seinem Apfelschorlevorrat zu bedienen. Ich glaube, von dem Angebot werde ich nachher endlich Gebrauch machen.

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Trotzdem danke!

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Geschätzter, langjähriger, bester Freund, erwarte nicht von mir, dass ich auch nur damit anfangen würde, mir - oder gar dir selber - deine regelmässig wiederkehrende Scheissattitüde schön zu reden!

Denn du bist kein Misanthrop, kein Pessimist, kein Zyniker, kein Narzisst und auch kein Schizoider - zumindest nicht immer. Nein!

Manchmal, so wie gestern, bist du einfach nur ein ganz gewöhnlicher Arsch.

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Seidenspinner
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Das war zu erwarten:

Das Hotel, in dem wir residieren, schiebt das Problem an uns zurück. Als wir gestern Abend von unserem Ausflug an einen niederländischen Strand in unser Hotelzimmer in Brüssel zurück kehrten, waren zwei von Tierchens Ohrringen verschwunden. Die beiden Ringe lagen, zusammen mit anderem Schmuck, auf dem Fernsehtischchen. Wir suchten das Tischchen ab und den Boden darunter: nichts zu finden.

Nun lag (und liegt nach wie vor) der Verdacht nahe, dass die nur sonntags tätige Putzfrau hier mit dem Verschwinden der Ohrringe zu tun haben könnte. Tierchen meldete den Verlust an der Rezeption. Man sagte ihr, dass sie sich heute nochmal melden solle, da die Putzfrauen hin und wieder Fundsachen an der Rezeption abliefern und die Ringe so wieder auftauchen könnten.

Heute wiederum bot man ihr an, dass die Putzfrau nochmal nach den Ringen suchen könnte. Tierchen ging danach einkaufen und ich blieb im Hotelzimmer. Soeben rief mich allerdings der freundliche junge Mann von der Rezeption an und teilte mir mit: "We invite you to search your room again" etcetera. Meine Nachfrage, ob ich das selbst machen soll, wurde bejaht. Die Aussage war also: Wir laden Sie ein, sich um Ihren Scheiss selbst zu kümmern. (Die üblichen Kundendienst-Phrasen, die ich von meiner eigenen Arbeit auch kenne. Bei uns nennt sich das dann allerdings "Selfcare Service".™ Ich nehme es ihm jedenfalls nicht übel.)

Ich erklärte ihm, dass wir bereits gesucht haben und dass es halt - gelinde gesagt - seltsam ist, dass nur diese beiden Ringe vom Tischchen verschwunden sind. Er meinte, dass wir sie vielleicht verlegt haben und gestand immerhin zu, dass das Zimmermädchen ihren Job nicht wegen zwei Ohrringen verlieren möchte. Das will ich ja auch nicht. Es ist nur Tand. Aber sowas will ich einfach nicht erleben. Da kommt man sich schon ein bisschen verarscht vor - nicht unbedingt vom Hotel, sondern von der Putzfrau. Sowas ist schon dreist. Tadel hat die Dame sich mindestens verdient und eine Entschädigung vom Hotel wäre auch nett, einfach nur aus Prinzip, weil man zeigen will, dass man auch durch das Personal begangene Bagatelldiebstähle nicht tolerieren möchte. "It's not a big deal. They only cost eight Euro. But it's strange anyway", erklärte ich ihm. Der Rezeptionist meinte, er suche selbst auch oft nach seiner Brille, obwohl sie ihm dann jeweils bereits auf der Nase sitzt. Ich lachte kurz und versicherte ihm nochmal, dass es keine grosse Sache sei. Wir beendeten das Gespräch auf freundliche Weise. Trotzdem danke!

Hoffentlich regt sich Tierchen nicht all zu sehr auf nach ihrer Rückkehr vom Einkaufen, aber Ohrringe für acht Euro sind mir die weitere Aufregung nicht wert.

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