WinterWolf
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erstellt am 12-08-2003 um 23:22
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Unglücklicherweise existiert der strikte Glaube, dass die meisten „Schwarzen“ chronisch depressiv sind und dementsprechend häufig Suizid begangen wird. Fakt ist, dass unter den Leuten im Schnitt weit mehr über bestimmte Probleme, persönliche wie gesellschaftliche, und die Thematik Tod und Leben gesprochen wird und nicht, wie im Alltag, diese totgeschwiegen werden. Oftmals wird Nachdenklichkeit als Depression interpretiert, wobei es durchaus viele Individuen gibt, welche in ihrer Nachdenklichkeit nicht mehr aus den Problemen herausfinden und demnach in Depressionen abgleiten. Es gibt aber empirische Beweise in Form von Statistiken, die belegen können, dass die Zahl der Fälle von chronischen Depressionen und die Selbsttötungsrate unter den „Schwarzen“ nicht vom Gesamtdurchschnitt abweicht. Was viele befremdet ist die Tatsache, dass unter den Leuten eine gewisse Offenheit herrscht, auch wenn es dann wiederum genug Menschen gibt, die nur Mitleid suchen und auf sich aufmerksam machen wollen.
Somit kommen wir zum nächsten Thema: Selbstverletzendes Verhalten, kurz SVV. Es ist eigentlich eine Abnorm in der Psyche eines Menschen, doch scheint es, insbesondere Selbstverletzung anhand scharfer Gegenstände, bedauerlicherweise zunehmend zu einem regelrechten Trend zu verkommen, seitdem „Gothic“ in diesen Tagen eine Art Modeerscheinung geworden ist. Für mich als jemand, der selber unter SVV zu leiden hat, ist es traurig mit ansehen zu müssen, wie eine solche Problematik von selbstsüchtigen Leuten instrumentalisiert wird um Mitleid zu erregen, dabei wissen die meisten eigentlich nicht, was tatsächlich dahinter steckt. Was wiederum unterschätzt wird ist, dass es sehr viele „normale“ Leute gibt, die ebenfalls unter SVV leiden; zwar wird diese Thematik durch den Aufwärtstrend von „Gothic“ bekannter, aber auch zumeist verfälscht dargestellt. Insgesamt kann man nicht sagen, dass „Gothic“ solche Leute hervorbringt, sondern diese Leute dazu kommen, wenngleich die Bewegungsgründe individuell verschieden sind. Es scheint jedoch viele zu geben, die dort Ihresgleichen suchen und durchaus auch finden. Was ich als großes Problem sehe ist, dass sich diese Leute oft nicht gegenseitig aufbauen und stützen, sondern sich noch mehr herunterziehen, doch sehe ich dieses Problem nicht nur unter den „Schwarzen“.
Fast schon amüsant ist die Verbindung von BDSM, also sexuellen Praktiken, bei denen unter anderem mit Fesselspielen und „Spielzeugen“ wie Peitschen experimentiert wird, mit „Gothic“. Ich denke, es gibt eine gewisse Verbindung vom äußeren Erscheinungsbild her, da in beiden „Szenen“ unter anderem gerne Lack und Leder getragen wird. Ferner gibt es einige Bands, die Live-Shows mit entsprechendem Equipment durchführen. Vermutlich bleiben die Niederlande dabei das einzige Land, in welchem solche Shows unzensiert aufgeführt werden dürfen, da es sich hier dann um weit mehr als nur Show handelt. Alles in allem also Geschmackssache, doch inwiefern es tatsächlich Leute mit solchen Vorlieben in diesem Bereich gibt wage ich nicht zu beurteilen. Ich selber kenne jedoch durchaus einige, die diesen Neigungen nachgehen, doch darf man nicht unterschätzen, wie viele „brave“ Bürger bestimmte Phantasien haben. Hier ist es wieder die extreme Toleranz, deren Einfluss deutlich wird.
Alle Vorurteile begründen sich also, wie man lesen kann, weitgehend auf ungenaue Recherchen und einige auffällige Strömungen in der Gothic-Szene, die allesamt Minderheiten darstellen beziehungsweise genauso in anderen Gruppierungen vorhanden sind, aber nicht so deutlich zum Vorschein kommen. Es sind kleine Bestandteile davon, was sich unter dem Begriff „Gothic“ verbirgt.
Der geneigte Leser wird sich hier doch allmählich fragen, was „Gothic“ nun eigentlich ist, da bisher nur davon geschrieben wurde, was es nicht ist. Im Vorfeld, bevor ich von meiner eigenen Sichtweise schreibe, möchte ich anmerken, dass das keine allgemeingültige Definition ist, da es sich schlussendlich bei dem Begriff „Gothic“ eben nur um ein Wort handelt, das in verschiedenstem Kontext angewandt wird. Viele wehren sich inzwischen, sich selber als „Gothic“ oder „Goth“ zu bezeichnen, da eben bestimmte Fehleinschätzungen ziemlich sicher passieren. Ein Großteil der Leute meidet die Szene, daher wird meist wird dann einfach die Bezeichnung „Schwarz“ bevorzugt.
Nun aber zu meiner eigenen Sichtweise, die auf rein persönliche Erfahrungswerte und eine lange Zeit des Nachdenkens aufbaut:
Ich persönlich verbinde damit eine eher ungewöhnliche Form des Miteinanders, das auf geistiger und wohl auch emotionaler Ebene basiert. Es ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie es jedoch nicht ganz einfach zu erklären ist. Dieses Gefühl hat man oder nicht. Ich selber stelle anhand eigener Erfahrungen fest, dass sich bestimmte Leute einfach zusammengehörig fühlen, doch ist es mehr beziehungsweise etwas anderes als Freundschaft oder gar Liebe, es ist vielleicht ganz gut als Seelenverwandtschaft zu bezeichnen, wobei ich hier nicht über den Begriff „Seele“ streiten möchte - ich denke, jeder weiß in etwa, was ich damit meine.
Es würde wohl die Frage fallen, inwiefern sich das dann äußert. Man versteht einander ungewöhnlich gut, hat gemeinsame Gedanken auf lange Strecken hin, doch ist das schon da, bevor man darüber überhaupt ausführlich gesprochen hat. Interessant ist die Feststellung, dass jene Leute bestimmte, in der Regel mehr oder weniger tragische Ereignisse erlebt haben und eben diese starken Einfluss auf die eigene Entwicklung der Gedankenwelt ausübten - es ist in gewisser Hinsicht also auch das, was man unter Empathie versteht, doch sind alle erwähnten Aspekte nur Bestandteile eines Ganzen, das man eigentlich kaum in Worte zu fassen vermag, weil es eben auf einer Art intuitiver Ebene abläuft. Es ist so gesehen etwas, wofür ein eigener Begriff fehlt.
Des weiteren sehe ich in dem, was man als „Gothic“ bezeichnet, mehrere Gruppen und Typen von Menschen, wobei ich anmerken muss, dass die Grenzen zwischen den Gruppen fließend sind. An sich bin ich gegen Schubladendenken, doch vereinfacht es dem Menschen einiges.
Für den kurzen Exkurs ein kleines Beispiel in der Anatomie: Der Mensch spricht von einzelnen Bereichen und Organen, doch ist der Körper an sich ein Ganzes und kein aus Einzelteilen gefertigter Apparat. Der Mensch hingegen begreift nur auf diese Weise, indem er künstlich Einteilungen schafft, da er das Objekt nicht auf einmal mit all seinen Funktionen und Eigenschaften begreifen kann. Nun aber kehren wir wieder zum eigentlichen Bezugspunkt zurück.
Meinen Erfahrungen nach kann ich von rund vier Gruppen sprechen:
Die erste Gruppe ist die der „Trendgrufties“, die sich mit „Gothic“ und „Schwarz“ im Prinzip nur über Musik und Kleidung identifizieren können und nicht selten dazu neigen, in ihrem Auftreten zu posieren. Eine meiner Erfahrung nach eher unangenehme Gruppe, in der Arroganz und Intoleranz herrscht, sowie hier auch eine Art Dresscode vorhanden ist, doch urteile ich dennoch nicht pauschal über alle, die diesem Trend folgen. Allgemein vergleichbar ist diese Situation im Grunde mit der Situation in der Black-Metal- („being true“) und Hip-Hop-/Rap-Szene („being real“).
Die zweite Gruppierung ist die derer, die sich strikt gegen die Bezeichnung „Gothic“ wehren und eher Worte wie „Schwarz“ bevorzugen. Diese Leute sehen dahinter eine Lebensphilosophie und eine Einstellung. Diese Ansicht teile ich durchaus, aber ich verbinde noch geringfügig mehr damit.
Die dritte Gruppe besteht aus verschiedensten Leuten, die wissen, was unter all dem meiner Ansicht nach zusätzlich zu verstehen ist, doch das Gefühl, von dem ich schrieb, nicht besitzen. Die Voraussetzung ist hier die Teildefinition, die ich vorgegeben habe – ich maße mir dabei nicht an, eine „Wahrheit“ zu kennen, die eigentlich keiner kennt, es ist eine subjektive Sichtweise, die ich jedoch mit ziemlich vielen Leuten teile und aus diesem Grund überhaupt an die Öffentlichkeit trage.
Die vierte Gruppe besteht aus den Leuten, die das besagte Gefühl besitzen. Es ist eine kleine Kerngruppe in all dem, was unter „Gothic“ läuft, da es wohl nicht allzu häufig vorkommt, dass man Leute findet, mit denen man sich so versteht und auf genau einer Ebene zu stehen scheint. Hier ist vielleicht anzumerken, dass es sich nicht unbedingt um ein szene-spezifisches Gefühl der Zusammengehörigkeit handelt, doch wird es eben dort stark thematisiert.
Schluss
Insgesamt bleibt noch zu erwähnen, dass nicht jeder, der schwarz angezogen ist auch „Schwarz“ ist. Ferner kann man theoretisch unter „Schwarz“ auch die Zusammenfassung von Rockern, Metalern, Punks, Goths und allen möglichen Freaks verstehen.
Ich sehe das Gefühl im Sinne von „Gothic“ als einen rein intuitiven Aspekt an, der weitgehend unabhängig von modischem, musikalischen, sexuellen oder sonstigen Vorlieben ist. Außerdem ist dieser Begriff weitgehend unabhängig von Politik, Lebenseinstellung und Religion. Es gibt vielleicht einige Aspekte, die unterbewusst mit diesem Begriff verbunden werden (ob es so ist, denke ich, ist Ansichtssache) - dazu zählen dunkle Romantik, Melancholie, Nachdenklichkeit und Toleranz. Ich assoziiere zusätzlich dieses ungewöhnliche Zusammengehörigkeitsgefühl damit. Wäre es so einfach zu begreifen, was ich exakt meine, so hätte ich mir die Mühe gespart, diesen Text zu verfassen.
Doch letzten Endes ist und bleibt es ein Begriff von vielen in der menschlichen Sprache, deren Definition nicht exakt festgelegt ist, doch hoffe ich etwas Licht in das Dunkel gebracht zu haben...
Stefan D. alias Winter Wolf, 18. August 2003
Geändert von WinterWolf am 18-08-2003 um 15:21
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