The Archer
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erstellt am 16-02-2006 um 12:04
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Noch keiner hier, der den Film gesehen hat? Dann will ich mal den Anfang machen. „München“ ist absolut sehenswert, aber keine seichte Kost.
Ob man Filme von Steven Spielberg mag, sei jedem selbst überlassen. „München“ ist ganz sicher kein typischer Spielberg-Film, weder leichte Familienkost noch Kinderfilm. Der im Vorfeld unterstellte Unterhaltungswert bleibt gehörig im Halse stecken und der Film ist teilweise so brutal, dass ich ein paar Mal versucht war, das Kino zu verlassen.
Obwohl die Geschichte auf reale wie tragische Fakten fußt, ist er keinesfalls eine Dokumentation oder ein Historienfilm – will es auch nicht sein, nur hätten die Unterschiede zwischen Realität und Fiktion besser deutlich gemacht werden können.
Gewalt erzeugt Gegengewalt ist die im Grunde recht platte Aussage von „München“. Dazwischen stellt der Film eine Reihe von Fragen, vor allem nach der moralischen Rechtmäßigkeit von Rache und Vergeltung. Ist ein Mensch deshalb ein Terrorist, weil der Geheimdienst behauptet, er sei einer? Rechtfertigt das die Tötung eines Menschen? Ist eine Liquidierung ohne jeden Prozess, ohne die Möglichkeit zur Verteidigung nichts anderes als ein Mord? In diesem Film werden Täter zu Opfern, Opfer zu Tätern. Es gibt keine für Spielberg sonst so klare Trennung zwischen Gut und Böse. Hinzu kommt eine für Spielberg-Verhältnisse extreme Darstellung der Gewalt. Keiner der Getöteten fällt einfach so um, weder die Opfer des Münchener Attentats, noch die Terroristen. Körper tanzen grotesk im Kugelhagel, abgerissene Körperteile baumeln nach einem Bombenanschlag im Deckenventilator, ein Mann mit zerschossenem Gesicht versucht zu sprechen, Blut gluckert aus einer Schusswunde über einen makellosen Körper.
Bei einigen Zielpersonen kann sich Hauptfigur Avner sicher sein, dass es sich um einen Terroristen handelt, bei anderen bleibt es offen. Ganz bewusst erfährt der Zuschauer nicht, warum genau diese Menschen sterben sollen. Es heißt nur, sie seien die Drahtzieher von München. Manche von ihnen wirken gefährlich, andere nicht. Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass es sich angeblich um einen Terroristen handelt, erlebt der Zuschauer jede der Zielpersonen auch als Mensch: als alten Schriftsteller, der in einem Straßencafé wehmütig, doch ohne Hass von seiner Heimat in Palästina erzählt, als Diplomat und Familienvater, als freundlichen Herren auf dem Balkon, als verblendeten Jugendlichen. Nur eine einzige Zielperson wirkt wirklich wie ein Terrorist, doch er bleibt hinter einer Sonnenbrille versteckt. Als die erste Zielperson stirbt, vermischt sich sein Blut mit dem Inhalt einer zerschossenen Milchflasche. Blut und Milch, Symbole für Schuld und Unschuld, fließen zu einer grotesken Lache zusammen.
Avner ist kein Mörder, doch regt sich in ihm der Konflikt. Das Betätigen des Lichtschalters ist Signal für eine Bombe, mit der eine weitere Zielperson getötet werden soll. Als er das Licht ausknipst besiegelt er damit ganz bewusst den Tod des Mannes, mit dem er kurz zuvor noch freundlich geplaudert hat.
Überhaupt besteht Avners „Spezialeinheit“ nicht aus Profikillern, sondern aus Menschen, die im Grunde ebenso unerfahren sind wie er selbst. Keiner von ihnen hat zuvor einen Menschen getötet. Beinahe dilettantisch erscheint die Auswahl: Der Dokumentenfälscher verkauft eigentlich Antiquitäten, der nächste ist erst seit 10 Minuten beim Mossad, der Spielzeugbauer weiß Bomben zu entschärfen, kann aber keine konstruieren. Alle fünf sind überzeugt, richtig zu handeln, doch es ist zu leicht, alle Verantwortung auf den Auftraggeber abzuwälzen, dem man zuvor schriftlich bestätigt hat, überhaupt nicht in dessen Auftrag zu handeln und von dem man im Zweifelsfall keinerlei Schutz erfahren wird. Während sich die kleine Einheit von Ziel zu Ziel bombt, ist auch die Gegenseite nicht untätig, wie beim abgeschlagenen Haupt der Medusa wachsen neue, noch gefährlichere Köpfe heran und bald werden die Jäger zu Gejagten. Manchmal kommt der Tod mit einem Knall, manchmal banal und manchmal voller Schönheit.
Im Laufe des Films entwickelt sich Avner vom Patrioten, der überzeugt ist, das richtige zu tun, zu einem von Entwurzelung, Zweifeln und Paranoia geprägten Wrack.
Entwurzelung und Heimat sind weitere zentrale Themen in „München“. Avners Mutter steht für ein Israel, das sein Land bis auf jeden Zentimeter verteidigt. Der junge Terrorist Ali kann indes nur von einer Heimat träumen und will darum kämpfen. Avner sagt „Heimat ist, wo meine Familie ist“, doch sein Auftrag zwingt seine Familie ins Exil und auch er selbst wird keinen Frieden finden.
Der Film endet auf einem verlassenen Spiellatz vor der anonymen Skyline von New York. Die letzte, unkommentierte Einstellung zeigt die damals just fertig gestellten Türme des World Trade Centers. Die Geschichte ist nicht zu Ende.

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