Christian220
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erstellt am 20-07-2011 um 07:23
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Ich wünsche mir, dass das, was ich im folgenden schreibe, als konstruktive Kritik angenommen wird, denn es soll konstruktive Kritik sein. Es soll ein Beitrag zur Kultivierung des Austausches sein.
Ich sprach ein Problem an, das verheerende Auswirkungen auf Kommunikation und Gemeinschaft hat. Nachdem ich es in meinen Beiträgen weiter oben schon grob umrissen habe, möchte ich es nun dem Verständnis noch näher bringen.
Arno Gruen nannte eines seiner Bücher "Der Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität". Dieser Buchtitel entspricht etwa dem, was ich hier zum Ausdruck bringen möchte.
Einem geistigen Szenario wurde so sehr die Dominanz gegeben, dass es nicht mehr lediglich als eines von vielen geistigen Szenarien gesehen wird, sondern als – die Realität. Ich schreibe annähernd in der Sprache dieses Szenarios, in der Hoffnung, gut verstanden zu werden.
Gehe ich von Realität aus als von etwas, das über jeden Zweifel erhaben ist, dann erscheinen alle anderen geistigen Szenarien als bloße Hirngespinste. Darum auch wird nicht eingesehen, weshalb man sich noch mit anderen geistigen Szenarien beschäftigen sollte, außer zum Zeitvertreib.
Wenn jemand ein geistiges Szenario absolutglaubt, wird er meinen, nicht zu glauben, sondern zu wissen. Er wird etwa sagen, die Realität existiert unabhängig davon, ob ein Lebewesen sie jemals wahrnimmt. Er ist so sehr in dieses Szenario hineinverbohrt, dass er die Fähigkeit verloren hat, es von außen als eines von vielen Szenarien zu sehen. Und darum wird er eben das leugnen. Das ist ungefähr so, als ob jemand sich so sehr in eine Simulation hineinversetzt, dass er vergisst, dass es nur eine Simulation ist. Er wird vehement ablehnen, nur in einer Simulation zu sein und versichern, dass er in der Realität ist und alle, die etwas anderes behaupten, spinnen.
Wenn jemand ein geistiges Szenario absolutglaubt, dann befindet er sich in einem geschlossenen System. Alles darin ist stimmig oder scheint es (evtl. lange Zeit) zu sein. Wer sich darin befindet, sieht keinen Grund, dieses System (die Realität) in Frage zu stellen. Er wird die allerbesten Argumente parat haben, dieses System als das absolute System zu rechtfertigen und zu verteidigen.
Da das System den Status "absolut" hat, gilt es als allein richtig und wahr. Daraus leitet sich ein Kommunikationsverhalten ab, das andere Ansichten nicht duldet, und das mit bestem Gewissen und bester Absicht, denn alle übrigen Ansichten müssen ja falsch sein und andere geistige Szenarien gibt es ja nicht! Für den Betreffenden!
Man kann sich leicht vorstellen, dass sich die Lage in einer Kommunikationslandschaft enorm zuspitzt, wenn sich die Mehrheit der Beteiligten in einem solchen abgeschlossenen System wähnt. Das bedeutet Verdrängung und Unterdrückung aller übrigen geistigen Szenarien! Und für die in dem System Gefangenen ist es nicht so. Um so deutlicher spüren es die, welche ein wenig oder stark von dem absolutgeglaubten System gelöst sind.
Kommunikationspartner, die fanatisch an dem absolutgeglaubten System festhalten, sind mit Argumenten, wie gesagt, nicht erreichbar. Wer die Kommunikation in dem Sinne kultivieren möchte, dass allen geistigen Szenarien die gleiche Daseinsberechtigung garantiert wird, steht vor dem Problem, dass u.U. die Mehrheit sich vehement dagegen wehrt. Was ich Kultivierung der Kommunikation nenne, entspricht der Garantie unveräußerlicher Menschenrechte für alle Menschen, unabhängig von ihren Eigenschaften.
Speziell geht es hier um das von vielen absolut geglaubte geistige Szenario Realismus. Solange es den Status "absolut" behält, wird es keine Toleranz in der Kommunikation geben. Es handelt sich hier um die Beschreibung der Wurzel des Übels. Solange das Übel nicht mitsamt dieser Wurzel ausgerissen wird, bleiben die immer wieder diskutierten Kommunikationsprobleme bestehen. Oder ist es Euch noch nicht aufgefallen, dass alle Gespräche, die bisher diesbezüglich stattgefunden haben, in der Praxis des Austauschs auf Dauer keine Besserung gebracht haben?!
Bitte beschäftigt Euch damit, was "geschlossenes System" bedeutet für Kommunikation und Argumentation! Ihr werdet mir sicherlich zustimmen, dass jemand, der in einem solchen System gefangen ist, immer im Kreis argumentiert. Darum ist er argumentativ nicht aus seinem System zu holen.
Freilich besteht kein Zwang, Kommunikation in dem beschriebenen Sinne zu kultivieren. Gedanken anderer geistiger Szenarien kann man lange verdrängen, für unsinnig, gefährlich und wertlos erklären. Aber wenn wir uns dazu entscheiden, Kommunikation im obigen Sinne zu kultivieren, kommen wir nicht drum herum, uns alle aus geschlossenen Systemen zu befreien. Erst dann können wir andere geistige Szenarien gleich schätzen.
Toleranz kann den Austausch wiederbeleben. Sie entspringt der geistigen Befreiung aus der Enge des realistischen Paradigmas.
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