Nnordy
Vakuum
Registriert seit: Oct 2003
Wohnort: in der 1. Schlachtreihe oder im Schneckenhaus
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erstellt am 16-10-2009 um 11:34
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Gestern war ihre Trauerfeier. Vorgestern Abend, nach der Fechtschule, aber noch vor Mitternacht, gingen der Gefährte und ich noch eine halbe Stunde im Wald sammeln – schöne Blätter, (leere) Buckeckern, Eicheln und Tannenzapfen, für die Tischdeko im Gemeindesaal, wo im Anschluss an die Trauerfeier noch Kaffee & Kuchen sein sollte. Ich habe die Blätter über Nacht getrocknet (mit dem Erfolg, dass sie sich am Morgen zum Teil eingerollt hatten…), die anderen Sachen gesäubert, und gestern früh alles eingepackt. Dann mit meinen Eltern zusammen kalte Platten mit halben belegten Brötchen vom Metzger geholt, zum Gemeindesaal gefahren, wo meine Cousine und ihr Freund schon am Vorbereiten waren. Ich half beim Dekorieren und aufbauen, um wenigstens ein bisschen was beitragen zu können. Um kurz vor halb elf rief der Gefährte an, der mittlerweile schon am Friedhof war – er war zu früh, daher war noch keiner da, und unsicher, ob er richtig sei. Mein Rückruf ergab, dass alles ok war, mittlerweile sei der Lebensgefährte meiner Tante eingetroffen (er grüßte und sagte dann nur „Ach, wenn’s doch nur schon vorbei wäre“), und ich schlug dann kurz danach – gemeinsam mit meiner anderen Tante und Onkel – ebenfalls dort auf, holte noch Blumen (orange-rot-farbene Rosen bzw. weiße Margariten) und ging dann in die Trauerhalle, wo ich zunächst mal meine Eltern wiedertraf und den Lebensgefährten begrüßte, der seine beiden Kinder (beide volljährig, der Sohn lebt bei ihm, die Tochter wohl allein, waren beide auch sehr traurig), seine Geschwister und seine Eltern dabei hatte. Es wurde immer voller, ich schätze, zum Schluss dürften so um die 70 Leute dagewesen sein, nicht nur Verwandte, sondern viele Freunde, Arbeitskollegen usw. usf. Ich glaube, sie hätte sich gefreut, denn sie war ein sehr geselliger Mensch und liebte Action.
Glücklicherweise wurde der Sarg nicht – wie damals bei meiner Ömi – durch die Wartehalle gekarrt, sondern befand sich schon in der Trauerhalle, darauf ein Bouquet von meiner Cousine, ihrem Vater und dem Lebensgefährten, zwei Bilder aus jungen Jahren meiner Tante waren aufgestellt, und da sie Oberinspektorin beim Tiefbauamt war, hatte natürlich auch der Magistrat der Stadt einen ziemlich großen Kranz geschickt, mit Schleife und allem Drum und Dran. Wir reihten uns ein, blieben dann kurz vor dem Sarg stehen (furchtbar, meine Oma zu sehen, wie sie im Rollstuhl saß und vor dem Sarg anfing zu weinen und zu wehklagen…), legten unsere Blumen ab und die Tränen liefen wieder… Mein Bruder, total erschüttert, hatte sich allein in die 2. Reihe, hinter meine Eltern, meine Cousine, die Tante und die Oma begeben, wir setzten uns daneben, ich verteilte Taschentücher und der Gefährte, trotz seiner Tränen, eine starke und warme Präsenz neben mir. Als die Pfarrerin dann anfing, zu sprechen, merkte ich, wie mein Bruder neben mir zitterte – ich hatte den starken Arm des Gefährten um mich, er niemanden. Also nahm ich kurzerhand seine linke Hand in meine rechte, und so saßen wir die ganze Zeit über, so nah wie selten in den vergangenen 30 Jahren. Es ist schon merkwürdig, wie ihr Tod die Familie zusammengeschweißt hat, zumindest jetzt. Trotz der etwas nervigen langsamen Aussprache der Pfarrerin (die aber wahrscheinlich für harthörige Menschen hervorragend geeignet ist) war es keine schlechte Andacht, sehr persönlich gerade an meine Cousine und ihren Lebensgefährten gerichtet, sie thematisierte darin sogar die Trennung meiner Tante von ihrem Mann, in sehr stilvoller Art und Weise. Meine Cousine verlas ein selbst geschriebenes Gedicht, ihr eigener Dank an ihre Mutter (sehr ergreifend die Passage „In meinem Haus ist kein Raum, in dem Du nicht bist“), das sie ohne Tränen und Zusammenbruch vorgelesen hat – Wahnsinn, wenn ich daran denke, wie schwer mir dies schon bei meiner Ömi fiel oder bei Opitz… Aber so ist sie – liegt vielleicht an ihrem Pflichtbewusstsein, erst die Aufgabe, dann darf man es sich gestatten, zusammenzubrechen… Danach wurde, also zum Schluss, noch „Der Weg“ gespielt, von Grönemeyer, das er für seine verstorbene Frau geschrieben hat, die 1998 an Krebs starb. Sie war ein Jahr jünger als meine Tante.
„…dein sicherer gang
deine wahren gedichte
deine heitere würde
dein unerschütterliches geschick
du hast der fügung
deine stirn geboten
hast ihn nie verraten
deinen plan vom glück
deinen plan vom glück
du hast jeden raum
mit sonne geflutet
hast jeden verdruß
ins gegenteil verkehrt
nordisch nobel
deine sanftmütige güte
dein unbändiger stolz
das leben ist nicht fair.
[…]
habe dich sicher
in meiner seele
ich trage dich bei mir
bis der vorhang fällt
ich trag dich bei mir
bis der vorhang fällt.“
Neben mir mein Bruder, stumme Tränen liefen über seine Wangen. Es war ein Impuls, ihn in den Arm zu nehmen – und dann standen wir beide, fest Arm in Arm, die Köpfe aneinander gelehnt, wie es selten vorkam in all den Jahren. Eine seltsame Verbindung, doch in diesem Moment suchten wir beide die Nähe des Anderen, selbst wenn wir dann nur gemeinsam weinten. Ich flüsterte Teile des Textes mit, den ich durch ein paar Mal lesen verinnerlicht hatte – auch deswegen, weil er so wahnsinnig gut zu ihr passte. Ihre Wärme und Lebensfreude reichte für jeden Raum. „Das Leben ist nicht fair.“
Dann hieß es "Abschied nehmen". Wir warteten, ließen natürlich erstmal die „erste Reihe“ vor. Zu dritt traten wir dann vor. Zu viele Tränen. Der Gefährte, der mich ebenfalls im Arm hatte, legte irgendwann seine Hand auf die Schulter meines Bruders, den ich selten so erschüttert gesehen habe. Genau betrachtet, war meine Tante eine Art 2. Mutter für ihn, da die Verbindung zwischen meiner Cousine und ihm schon als Kind sehr eng war, beide viel gemeinsam machten, auch als Teenager und selbst heute zum Teil noch. Draußen sammelte sich dann alles, man sah ihrem Lebensgefährten an, wie anstrengend das alles für ihn war, wie gern er geflohen wäre, an einen Ort ohne tausend „Ach, es ist ja so schlimm“ oder „Mein Gott, sie war doch noch so jung“ und ähnliches. Aber er blieb, tapfer – wir nutzten die Ausflucht, meiner Oma die Treppen zur Gemeinde hochhelfen zu müssen (was sogar stimmte, der Gefährte kam extra deswegen noch kurz mit, um das zu übernehmen). Meine Cousine hatte mehrere Collagen gebastelt, mit Bildern aus 6 Jahrzehnten, darauf viele Menschen, die schon längst nicht mehr da sind. Auch viele aus diesem Jahr, doch auf allen sieht sie noch einigermaßen gut aus.
Als alle da waren, kam ihr Lebensgefährte kurz zu mir, umarmte mich zu meiner großen Überraschung lang und sehr fest, schluchzte kurz an meiner Schulter, und ich flüsterte ihm nur zu „Irgendwann scheint auch wieder die Sonne“. Mir gehen die Worte aus – was kann man Tröstendes sagen, wenn einem selbst das Herz blutet? Ich kann nicht über sie reden, ohne einen großen Kloß im Hals zu bekommen, Wasser in den Augen zu spüren. Es waren auch danach noch viele da, doch ich setzte mich nirgendwo dazu, obwohl das kein Problem gewesen wäre. Stattdessen stand ich lange mit meinem Bruder an der Seite, unterhielt mich mit ihm, später mit dem Freund meiner Cousine. Obwohl ich einige Zeit das dringende Bedürfnis hatte, mich an den Tisch zu setzen, wo ihr Lebensgefährte mit seiner Familie saß, tat ich es nicht – ich traute mich nicht. Komisch, aber so war es. Im Kreise so vieler, die ihr so viel näher waren als ich (ja, da waren sie wieder, die Schuldgefühle – warum habe ich ihr nie eine Karte zum Geburtstag geschickt, warum habe ich sie nie angerufen?), kam ich mir schäbig vor. Auch, wenn meine Trauer echt ist.
Ich half noch beim Aufräumen und Putzen, danach setzte mich mein Bruder zuhause bei meinen Eltern ab, die noch meine Oma nach Hause brachten, die der ganzen Veranstaltung im Rollstuhl beiwohnen musste, da sie kaum noch laufen kann. Dort kam dann die nächste Hiobsbotschaft: Mein Onkel, der Bruder meiner Mutter, liegt im Krankenhaus – Angina Pectoris. Da er bereits vier Bypässe hat und ohnehin ein schwaches Herz, eine mittlere Katastrophe. Zumal ihm die Ärzte schon gesagt haben, dass sie ihn nicht noch einmal operieren können – das hält sein Herz nicht mehr durch.
Die Katastrophen nehmen kein Ende. Ich habe das ungute Gefühl, dass dieses Jahr noch mehr Leben fordern wird. Und ich frage mich, ob es nicht endlich mal aufhören kann. Wie wäre es – zur Abwechslung mal – mit etwas Schönem…
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In memoriam:
TomTom (15.5.2003 - 18.7.2008)
the mighty Chinchilla-Kacksack, the one and only Chinchilla-Diva, world's famous Destroyer of all things possible, Über-Mama von vier niedlichen Nachwuchs-Zerstörern (*2005, *2006, *2007, *2008), Gefährtin (und manchmal auch Hausdrache) von Foggy.
Foggy (12.2.2005 - 18.6.2012)
unglaublich lieber, verschmuster und hin und wieder treudoofer Fellball, Weltmeister in Sandbad-Demonstrationen und Hoch-Weit-Sprung.
Nico (26.4.2008 - 23.11.2012)
Wüster und seinem Papa in Sachen Schusseligkeit in nichts nachstehender kleiner Kacksack, Energiebündel und Kämpfer bis zur letzten Sekunde.
Rest in peace. Ihr fehlt mir.
Twenty years from now you will be more disappointed by the things that you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails.
Explore. Dream. Discover.
(M. Twain)
"To do is to be." - Platon
"To be is to do." - Kant
"Do be do be do." - Sinatra
... Phoenixbaby im Aschehaufen...
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