Nnordy
im Winterschlaftraumatod
Registriert seit: Oct 2003
Wohnort: in der 1. Schlachtreihe oder im Schneckenhaus
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erstellt am 31-05-2011 um 12:02
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Ich hasse es, zu warten. Ich bin die Ungeduld in Person, warten ist etwas, was ich nie konnte, nie wollte. Als tätiger Mensch ist "warten" für mich das Untätigsein in höchster Vollendung. Aber man kann es nunmal nicht zwingen. Es sind noch zwei Wochen und ich versuche, was ich kann, um dem Zellhaufen auf die Sprünge zu helfen - wusele durch die Wohnung, raffe mich auf, zum Sport zu gehen, lasse mich akupunktieren, obwohl ich Nadeln hasse, trinke Himbeerblättertee und schleiche mißtrauisch um die Globulis herum. Letzten Freitag, nach dem Stürme-Konzert, hat sie sich ins Becken gesenkt. Tat nicht gut und war nicht schön, aber jetzt hockt sie da, in Ausgangsposition, und spannt mich auf die Folter. Nun komm schon endlich. Dabei kann ich mich echt nicht beschweren: Der Bauch ist klein (zu klein, wenn man meiner Ärztin glauben soll), 8 Kilo mehr sind nicht so viel, das Wasser hab ich dank der Strümpfe gut im Griff und mit den Schmerzen vom Nierenstau habe ich gelernt, zu leben. Ebenso wie mit den anderen kleinen Widrigkeiten, die mich fast von Beginn an begleitet haben. Dennoch: Ich freue mich auf eine Zeit, wenn ich irgendwann mal wieder keine Schmerzen - wo auch immer - habe. In der mein Körper wieder mir gehört, ich an einer Party auch mal einen Sekt oder einen Tequila Sunrise trinken darf ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder wo ich mir einmal eine Zigarette gönnen kann ohne Schäden für den Zellhaufen befürchten zu müssen. Es sind kleine Freiheiten, aber es sind die, die ich mir wieder nehmen möchte. Denn - wie ich der einen oder anderen Freundin schon sagte - was ich am meisten fürchte, ist der Verlust meiner Freiheit. Nicht mehr tun zu können, was ich will, weil ich stattdessen Dinge tun muß, weil es eben so sein muß. Weil da ein kleines, völlig hilfloses und - nach den Maßstäben der Natur - eigentlich fast nicht lebensfähiges Wesen ist, was mich in Beschlag nimmt, meine Zeit, Aufmerksamkeit, Nahrung und Pflege fordert, mich rund um die Uhr in Atem hält. Funktionieren, in einer Rolle, die ich jetzt eigentlich noch nicht haben wollte. Ich werde das schaffen, denn ich bin nicht allein. Aber was ich will - das steht auf einem anderen Blatt. Jeden Tag schaue ich sehnsüchtig hinunter in den Hof, wo meine kleine Yamaha steht, und kann den Drang kaum bezähmen, aufzusteigen und loszudüsen - aber ich bin zu unbeweglich und der Bauch ist dann doch zu sehr im Weg, als daß das empfehlenswert wäre. Ich kann es kaum erwarten, endlich wieder aufzusteigen und durch den Taunus zu brausen, dieses wahnsinnige Glücksgefühl von Freiheit und Leichtigkeit zu genießen, wenn alle Sorgen hinter Dir bleiben und nichts weiter zählt als das Hier und Jetzt. Frei.
Ich fühle mich wie ein Raubtier im Käfig. Und mir fällt das Gedicht von Rilke wieder ein:
Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
Gibt es Wichtigeres als Freiheit? Viele würden sagen: Ja. Doch für mich ist es nicht so. Madame Amour und meine Freiheit - das sind die zwei Dinge, die mein Leben sind. Mein Sauerstoff. Mein Ich. Mein Sein. Hoffnungslos egozentrisch. Ich fühle mich, als würden mir zwei unsichtbare Hände die Luft abdrücken, als würde mir die Freiheit noch einmal traurig zuwinken, bevor sie sich für den Rest meines Lebens von mir verabschiedet. Egoistin. Doch ich weiß, was passiert, wenn man mir meine Freiheit nimmt. Ich kann einige Zeit in einem Käfig sein - doch nicht für immer. Und dann zerfetze ich die Stäbe, winde mich hinaus, und verschwinde, hinaus in die Nacht, den Nebel und die Stille. Und das nicht deshalb, weil ich etwa keine Verantwortung übernehmen könnte - oder wollte. Sondern schlicht deshalb, weil es bei mir kein Maß gibt. Freiheit in homöopathischen Dosen? Unvorstellbar. Lauwarmes Leben in Funktion und Rolle? Tödlich. Feuer, Sturm, Wasser, Gewitter. Leben in kleinen Extremen. Das bin ich. Und ich will nichts anderes sein. Viele Jahre habe ich versucht, anders zu sein, habe versucht, "Familienmanagerin" zu sein, und bin daran fast zugrunde gegangen. Freiheit. Ein großes Wort. Vielleicht gibt es einen Weg, und ich kann ihn einfach nur noch nicht sehen. Ich hoffe es. Denn ich will im Herzen nicht aufhören, ich zu sein.
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In memoriam:
TomTom (15.5.2003 - 18.7.2008)
the mighty Chinchilla-Kacksack, the one and only Chinchilla-Diva, world's famous Destroyer of all things possible, Über-Mama von vier niedlichen Nachwuchs-Zerstörern (*2005, *2006, *2007, *2008), Gefährtin (und manchmal auch Hausdrache) von Foggy.
Foggy (12.2.2005 - 18.6.2012)
unglaublich lieber, verschmuster und hin und wieder treudoofer Fellball, Weltmeister in Sandbad-Demonstrationen und Hoch-Weit-Sprung.
Nico (26.4.2008 - 23.11.2012)
Wüster und seinem Papa in Sachen Schusseligkeit in nichts nachstehender kleiner Kacksack, Energiebündel und Kämpfer bis zur letzten Sekunde.
Rest in peace. Ihr fehlt mir.
Twenty years from now you will be more disappointed by the things that you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails.
Explore. Dream. Discover.
(M. Twain)
"To do is to be." - Platon
"To be is to do." - Kant
"Do be do be do." - Sinatra
... Phoenixbaby im Aschehaufen...
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